Bilder trotz allem
Aus dem Französischen von Peter Geimer
2007, 260 Seiten, 30 s/w Abb., Franz. Broschur, EUR 30.90 / CHF 42.90
ISBN: 978-3-7705-4020-4
erschienen in der Reihe:

Summary

Im August 1944 gelang zwei Häftlingen des Konzentrationslagers Auschwitz eine Serie fotografischer Aufnahmen der Exekutionen. Während einer der beiden Häftlinge die Wachmänner der SS im Auge hielt, machte ein Mitgefangener vier Aufnahmen, die das Gelände um das Krematorium V zeigen. Georges Didi-Huberman widmet sich in seinem neuen Buch der Paradoxie dieser Bilder: daß sie so gut wie nichts zu sehen geben, aber gleichwohl unersetzliche Überreste sind. Diese Fotografien sind, so der Titel des Bandes, "Bilder trotz allem", "images malgré tout". "Berufen wir uns nicht auf das Unvorstellbare" - mit dieser Aufforderung beginnt Didi-Huberman. Damit ist von Anfang an die Skepsis gegenüber der These formuliert, die in den Lagern begangenen Morde seien Fälle des Unvorstellbaren schlechthin. Neben vielen anderen hat der französische Psychoanalytiker Gérard Wajcman diese Auffassung wiederholt vertreten. Die Geschehnisse in den Lagern, so Wajcman, seien für immer bilderlos, ohne eine Spur des Vorstellbaren, eine "Zerstörung ohne Ruine". Didi-Huberman geht es keineswegs darum, diese These einfach umzukehren, in den fraglichen Aufnahmen also Zeugnisse zu sehen, die das Geschehen in den Lagern begreifbar machen würden. Zwei Weisen gebe es, diese Bilder nicht zu sehen: die eine mache aus ihnen Ikonen des Horrors, in denen man - auch um den Preis von Detailvergrößerung und Retusche - "alles" erkennen wolle. Die andere versuche, die Bilder auf den Status von Dokumenten zu reduzieren und dabei alles Nicht-Informative aus dem Bildraum auszuschließen. Es ist das Wagnis dieses Buchs, jenen schmalen Grat zu beschreiten, der sich zwischen diesen Positionen auftut. Diese Fotografien sind "Fetzen" - wenig im Vergleich zu dem, was man über Auschwitz weiß. Aber unabhängig davon, ob sie eine "Wahrheit" des Lagers abzubilden vermögen, muß man sie als einzigartige "Bild-Akte" verstehen: als den Versuch, unter äußerster Gefahr ein Signal nach außen zu richten. Dann geben sich die vier erhaltenen Fotografien als Überreste zu erkennen, was sie von den tausenden von Aufnahmen unterscheidet, welche die SS selbst von den Lagern anfertigen ließ und von denen man kurz vor der Befreiung in einer hastigen Aktion noch so viel wie möglich vernichtete. Die vier Fotografien sind Überreste von einem Ort, an dem man alles daran setzte, die Ereignisse durch eine gewaltige "Maschinerie der Des-Imagination" undarstellbar zu machen. Diese Fotografien wären demnach einer Welt entrissen, von der die Nationalsozialisten wollten, das sie - für die Opfer - ohne Worte und Bilder bleibe. In Frankreich sind diese Thesen bereits attackiert worden. In der Zeitschrift Les Temps modernes veröffentlichte Gérard Wajcman eine Polemik, deren Bemerkung, Didi-Huberman betreibe eine religiöse Fetischisierung der Bilder, noch zu den freundlicheren Formulierungen gehört. Daß die Bilder eine Wahrheit über Auschwitz "enthalten", wird allerdings niemals behauptet. Gemessen an den Ereignissen, so wird immer wieder betont, sind die vier Fotografien vom Sommer 1944 beinahe gar nichts. Zugleich aber sind sie viel - Bilder trotz allem, ein paar übriggebliebene "Fetzen".

Pressemeldungen

Tagesanzeiger, 15.08.2007

Didi-Hubermann demonstriert vor allem anhand von Godards Arbeit, wie ein Umgang mit Bildern aussehen kann, der ihre ideologische Sättigung weder ausbeutet (also voyeuristisch ausschlachtet) noch unterschlägt. Mit dem von Peter Geimer flüssig übersetzten Buch, das weit mehr ist als ein Pamphlet in einer kurzlebigen Debatte, liegt einer der wichtigsten Beiträge der letzten Jahre zur kultur- und medientheoretischen Auseinandersetzung mit Bildern nun endlich auch auf Deutsch vor.

Die Zeit, 25.10.2007

Das Buch, ein Dokument von seltener Eindringlichkeit, ist mitgeprägt durch die Übersetzung von Peter Geimer, selbst einer der herausragenden Fotohistoriker. Auch er sucht seit einiger Zeit nach einer Theorie, die zwischen Bildkritik und Bildvertrauen zu vermitteln versteht. Duch die so flüssige wie skrupulöse Übersetzung ist das Buch in seiner deutschen Fassung auch zu einer Gemeinschaftsarbeit geworden.

Neue Zürcher Zeitung, 22.11.2007

Über die Wirkung von Fotografien nachzudenken, die unerträgliche Vorgänge zeigen, führt zu grundsätzlichen, oft mit Vehemenz und Erbitterung ausgetragenen Debatten. Georges Didi-Hubermans Schrift «Bilder trotz allem», vier Jahre nach der Erstpublikation ins Deutsche übersetzt, gibt einen Einblick in die Auseinandersetzung, die vor einigen Jahren in Frankreich über die ethische Dimension der bildlichen und medialen Darstellung des Holocausts geführt wurde. Der Streit entzündete sich an einem Essay von Didi-Huberman, in welchem der Philosoph und Kunstwissenschafter vier Dokumentarfotos aus Auschwitz analysierte und Überlegungen zur Geschichte ihrer Veröffentlichung vortrug.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.02.2008

[...] Nach 256 Seiten ist eine sinnliche Fläche entstanden, auf der die Fotos ihre Qualität als Spur eines Ereignisses Texten verdanken und die Texte nicht in Bilderlosigkeit versinken. Einbildungskraft verbindet sie. Das ist ihre Magie. [...] Es geht in Didi-Hubermans Buch um vier Fotografien von Schauplätzen des Mordens in Auschwitz. Sie wurden 1944 von jüdischen Mitgliedern eines Sonderkommandos aufgenommen, in Warschau von polnischen Widerstandskämpfern entwickelt und weitergesandt. Im Jahr 1944 hatten sie keine Chance, als "Waren der Wirklichkeit" zu zirkulieren. Die Aufnahmen, auf denen Leichenverbrennungen und Frauen auf dem Weg in die Gaskammer zu sehen sind, haben weder damals noch heute den Blick mit der Welt synchronisieren können. Als "Ikonen" des Holocausts bleiben sie mit der Aura heiligen Entsetzens umhüllt.