Prolog

„und bringst mir Kunde“

In: Aus der Welt gefallen
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„Addam hoc loco Historiam, quae tempore Friderici Regis in Sicilia contigit, qua, quae hucusque de fundi maris inaequalitate dicta sunt, comprobantur.“

Im 15. Kapitel des zweiten, der wunderbaren Arbeit des Erdballs, De admirando Globi Terreni opificio, gewidmeten Buches seines Mundus subterraneus fügt der barocke Universalgelehrte Athanasius Kircher eine Geschichte ein, um, an diesem Ort, zu untermauern, was bis hierhin über die Rauheit des Meeresbodens gesagt worden ist, oder, wie es wenig später nochmals heißt, „ut Marium vorticosi tractus luculentius paterent“, um vor Augen zu stellen, was bereits über die wirbelreichen Tiefen des Meeres ausgeführt worden ist. Was hier in den wissenschaftlichen Kontext einer umfassenden Erdkunde, um die es Kircher in seinem Mundus subterraneus geht, eingefügt wird, ist die „historia memorabilis“, die erinnerungswürdige Geschichte eines Verschollenen.1 Sie geht zurück auf die bereits vor Kirchers Mundus subterraneus in zahlreichen Varianten aufgeschriebene sizilianische Legende um den Taucher Nicola, der aufgrund seiner wunderbaren Gewandtheit im Wasser – er konnte tagelang schwimmen und dabei für Stunden unter der Oberfläche des Meeres bleiben – der Fisch (piscem oder pesce, volkstümlich auch Pesecola, im Deutschen Fischnikel) genannt wurde.2 König Friedrich – Kircher lässt offen, um welchen Friedrich es sich handelt, in der Geschichte Siziliens wie in den verschiedenen Überlieferungen der Legende gibt es mehrere Kandidaten, so dass auch Kirchers Hinweis, die historia sei im königlichen Archiv verzeichnet und ihm von dessen Sekretär überliefert worden, nicht allzu viel Beglaubigungskraft beanspruchen kann: Von wessen Sekretär, von wessen Archiv ist die Rede? – König Friedrich also habe, von curiositas getrieben, diesen Nicola dazu genötigt, zweimal in den gefährlichen Strudel der Charybdis an der Straße von Messina hinabzutauchen.

Einmal sei das geglückt, nach dem zweiten Versuch aber sei der Taucher niemals wieder zum Vorschein gekommen: „sed nunquam amplius comparuit, forsan Euriporum impetu intra montium labyrinthos abductus, aut piscibus, quos timuerat, praeda factus“, vielleicht hat ihn die Gewalt der Strömung in der Meerenge in das felsige Labyrinth entführt oder er wurde eine Beute der Fische, die er so gefürchtet hatte. Sowohl von der Strömung, die den Taucher mitgerissen, als auch von dem unterseeischen Labyrinth, in dem er sich verirrt haben mag, von der Unebenheit oder Rauheit des Meeresbodens („de fundi maris inaequalitate“) handelt Kircher in anderen Kapiteln in Form einer theoretisch-spekulativen Argumentation, die aus sichtbaren Zeichen an der Oberfläche des Wassers verborgene Ursachen deduziert. So erklärt er, im Einklang mit der antiken Strömungslehre, derzufolge es beim Austritt einer Flüssigkeit aus einer engen Röhre in ein größeres Gefäß zu Wirbelbildung kommt,3 die Strömungsverhältnisse in der Straße von Messina durch die Annahme eines unterirdischen Grabens, in dem Wasser aus dem westlichen Mittelmeer unter Sizilien hindurch fließt und bei seinem Austritt jenen Wirbel erzeugt, der den Seefahrern seit ältester Zeit als Charybdis bekannt ist.

Dieser abstrakt-spekulativen Argumentation wird nun die historia memorabilis als Ergänzung, als Supplement, hinzugefügt („addam hoc loco Historiam“), um ihr Evidenz zu verleihen. Wenn dabei aber ausgerechnet ein selbst der Sichtbarkeit für immer entzogener Verschollener („nunquam amplius comparuit“) zum Zeugen aufgerufen wird, wenn also eine Unsichtbarkeit der anderen, nämlich der Abstraktheit unsichtbarer Ursachen, zur Sichtbarkeit verhelfen soll, dann treibt die Argumentation auf ein Paradox zu. Kircher versucht dieses Paradox abzumildern, indem er – weitgehend ungedeckt durch die Überlieferung – seinem Taucher einen ausführlichen Bericht von seinem ersten, durch einen glücklichen Zufall erfolgreichen Tauchgang in den Mund legt – kurz bevor er dann endgültig verschwindet. Aber dieser Bericht kann das Paradox nicht auflösen: Zum einen kann der Taucher hier nur berichten, weil er noch nicht bis zum Grund vorgedrungen war, zum anderen kann Kircher ihn nur berichten lassen, was er selbst – aufgrund eben seiner theoretischen Spekulation – zu wissen glaubt, während durch keine Theorie mehr zu erschließen ist, was dem Taucher in der tiefsten Tiefe wirklich zugestoßen sein könnte. Hat er sich im Labyrinth des Meeresbodens verirrt, ist er von Fischen gefressen worden oder hat er sich der Zumutung des Königs entzogen und ist nicht in der Tiefe umgekommen, sondern in die Weite des Meeres entkommen? Auch das theoretische Wissen selbst büßt in Kirchers rhetorischer Operation an Autorität ein, wenn er es einem ungebildeten, illiteraten Fischerssohn in den Mund legt. Die gesuchte Evidenz entsteht nicht in dessen – wundersam wohlgesetzter, rhetorisch durchgearbeiteter – descriptio, in der Kirchers ordnender Verstand nur zu deutlich mitzulesen ist, sondern nur durch sein endgültiges Verschwinden, und damit durch die Rückkehr in die Vieldeutigkeit der historia memorabilis. Evidenz für das, was noch keines Menschen Auge geschaut hat, ist nur zu haben um den Preis einer Lockerung der Seriosität des Berichts, um den Preis einer Digression in eine andere Form des Wissens, der sich Kircher dort öffnet, wo er theoretische Spekulation durch Empirie zu beglaubigen sucht: Es ist ein Wissen, das von anderswo, aus der volkstümlichen Legende, an diesen Ort, in die wissenschaftliche Abhandlung, versetzt wird. Es ist das Wissen der Anekdote.4

In dieser Form lebt die historia memorabilis um Nicola Pesce weiter, bis sie eineinhalb Jahrhunderte später, 1797, in Friedrich Schillers Ballade Der Taucher zur paradigmatischen Geschichte eines Verschollenen wird. Zwar verwischt Schiller noch weiter die Spuren einer möglichen Referentialisierbarkeit, die Kircher nur dem Schein nach, mit dem Verweis auf das nicht-auffindbare Archiv, aufrecht erhält. Bis auf Charybde sind nun alle Personennamen und geographischen Bezeichnungen getilgt. Aber zugleich lokalisiert Schiller die historia hellsichtig an einer epistemologischen Grenze.

Ein mittelalterlicher Hofstaat hat sich ans „wilde Meer“ begeben, um ein Naturwunder zu betrachten. König, Rittersmann und Knapp’, auch Damen und Fräulein blicken mit Schaudern von „einer Klippe, die schroff und steil / Hinaushängt in die unendliche See“, hinab in einen „strudelnden Trichter“, der geradewegs in den „Höllenraum“ selbst zu führen scheint. Hier treibt der König ein, wie es scheint, frivoles Spiel. Er wirft einen goldenen Becher in die „brandenden Wogen“, ein junger „Edelknecht“ wagt, was allen unmöglich erscheint, taucht in die Tiefe und bringt den Becher tatsächlich zurück. Daraufhin drängt der König auf Wiederholung des tollkühnen Unternehmens, bietet dem Wagemutigen nun gar die Hand seiner Tochter sowie sein halbes Königreich. Der Jüngling springt und taucht ein zweites Mal, diesmal aber bleibt er im „finstern Schooße“ verschollen. „Mit liebendem Blick [...] bückt“ sich die Königstochter, die sich ‚auf den ersten Blick’ in den ebenso mutigen wie anmutigen Jüngling verliebt hatte, über den Klippenrand, doch dieser Blick durchdringt die Wasser nicht, die die Hoffnung ein ums andere Mal enttäuschen.

Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,
Den Jüngling bringt keines wieder.5

Was bleibt, ist allein der sich immer weiter vom einzelnen Subjekt lösende Blick in die tosende See, ein Zustand verewigten Wartens auf eine nicht mehr zu erwartende Wiederkehr. Und die Frage, ob es einen anderen als den „liebenden“ Blick geben könnte, der im Stande wäre, „die Wasser“ zu durchdringen.

An der Schwelle zum 19. Jahrhundert erzählt Schillers Ballade eine Geschichte des Aus-der-Welt-Fallens. „Mit bangem, schrecklichem Weilen“ spannt bereits der erste Tauchgang die Zurückgebliebenen auf die Folter: „Was die heulende Tiefe da unten verhehle, / Das erzählt keine lebende, glückliche Seele.“ Erst als alle Hoffnung nahezu aufgezehrt ist, kehrt der Taucher zurück – um nun doch zu erzählen, was nur er wissen kann. Sieben von 27 Strophen umfasst sein Bericht aus jener Welt, von der „keine lebende, glückliche Seele“ bis dahin hatte erzählen können. Aber in und mit dieser Erzählung verändert sich der Taucher selbst, und mit ihm die Welt. Zum Ausdruck kommt das in der Reaktion des Königs, der sich nicht an der Seele des Tauchers interessiert zeigt, sondern an dem Wissen, das dieser aus der Tiefe mitgebracht hat. Zum Kundschafter geworden, trifft ihn das Schicksal, das Schiller in seinen Ästhetischen Briefen als conditio des Menschen in der von Ausdifferenzierung der Geschäfte wie der Wissenschaften geprägten Moderne beschreiben hat:

Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruckstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruckstück aus, ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zum Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft.6

Damit ist der Schlüsselbegriff gefallen für eine Lektüre, die den Taucher weniger im Hinblick auf die dort entfalteten sozialen als auf die epistemischen Welten betrachtet. Die mittelalterliche Welt, von der Schillers Gedicht ausgeht, erscheint dann immer noch als feudale Sozialordnung (mit König, Ritter und Knapp’), aber auch als christlich-religiös fundierter Wissens-Raum. In dessen Grenzen bewegt sich der Jüngling, wenn er vor dem Sprung in die Tiefe – in den „Höllenraum“ – sich „Gott befiehlt“. Gott ist es auch, den er, seinem eigenen Bericht zufolge, anruft „in der höchsten schrecklichen Noth“, und der ihm ein rettendes „Felsenriff“ (an-)weist: „Das erfaßt’ ich behend und entrann dem Tod“. Der Fels in der Brandung bewahrt ihn nicht nur vor dem Versinken im bodenlosen Höllenschlund, hier findet sich auch der Becher. Vor allem aber bietet er eine relativ sichere Beobachterposition, von der aus ein Blick in das Grauen der Tiefe (und somit – zum letzten Mal – so etwas wie eine Gesamtschau der sich in ihre fratzenhaften Einzelphänomene auflösenden Erscheinungswelt) möglich wird.

Da zeigte mir Gott, zu dem ich rief,
In der höchsten schrecklichen Noth,
Aus der Tiefe ragend ein Felsenriff,
Das erfaßt’ ich behend und entrann dem Tod
Denn unter mir lag’s noch, Bergetief,
In purpurner Finsterniß da,
Und ob’s hier dem Ohre gleich ewig schlief,
Das Auge mit Schaudern hinunter sah,
Wie’s von Salamandern und Molchen und Drachen
Sich regt‘ in dem furchtbaren Höllenrachen.
Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,
Zu scheußlichen Klumpen geballt,
Der stachlichte Roche, der Klippenfisch,
Des Hammers greuliche Ungestalt,
Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne
Der entsetzliche Hay, des Meeres Hyäne.

Was dem Jüngling auf halbem Weg in die Tiefe entgegenkommt, ist nicht ohne weiteres (mehr) in dessen mittelalterlichem Weltbild zu verorten. Einerseits ist es ein älteres Wissen, das hier hereinspielt. Präsent ist es bereits in der Benennung des Naturphänomens in der Erzählerrede als Charybde sowie in seiner die Odyssee zitierenden Beschreibung.7 Auf eine mythische Welt verweist auch die Beschwörung, mit der der Jüngling seinen Bericht einleitet: „Der Mensch versuche die Götter nicht“. Was hier droht, und wovor die Anrufung des einen Gottes dann gerade noch einmal bewahrt, ist der Sturz in eine andere Ordnung des Wissens, in den Mythos. In der Tiefe, auf dem Grund, sind, gleichsam als Spuren eines apokryphen, historisch-epistemischen Gedächtnisses, die alten Götter noch mächtig.

Aber nicht nur in die Vergangenheit führt der Blick, sondern auch, vom mittelalterlichen setting aus gesehen, in die Zukunft. Denn das, was dem Taucher auf halbem Weg in die Tiefe entgegenkommt, ist weder eine mythische Gottheit noch der mittelalterliche ordo, sondern es erinnert sehr viel mehr an ein barockes Bestiarium, an den Blick in eine Wunderkammer, wie sie Schiller etwa dem von Adam Olearius 1666 herausgegebenen Katalog der Kunst- und Wunderkammer in Schloss Gottorf hätte entnehmen können.8

Abb. 1
Abb. 1

„Meerwunder“ in Adam Olearius’ „Gottorffische Kunst-Kammer“, 1674

Bei Olearius findet sich nicht nur eine ausführliche Nacherzählung der historia memorabilis um Nicola Pesce (unter Hinweis auf Kirchers Mundus), sondern es finden sich auch all jene Bestien, die sich dem Taucher entgegenstellen, einschließlich der Salamander und Molche („Drachen“), die sich, gegen den nachdrücklichen Einspruch Wilhelm von Humboldts,9 in Schillers Meerestiefe tummeln.

Die Tafel, die sie vereint, ist dazu bestimmt, Übersicht zu schaffen, und sie folgt dabei einem Prinzip, das der Organisation des Wissens in Olearius’ Kunstkammer (noch) zugrundeliegt, das aber zugleich an der Vielfalt der Erscheinungen immer wieder zu scheitern droht: dem Prinzip der größtmöglichen Ausdifferenzierung bei gleichzeitiger größtmöglicher Ähnlichkeit. Die

Abb. 2
Abb. 2

„Die vier Thierlein in dieser Tabula sollen die vier Elemente bedeuten“ in Adam Olearius’ „Gottorffische Kunst-Kammer“, 1674

Tiere repräsentieren die vier Elemente: die Salamander das Feuer, die Meernadel das Wasser, eine in der Wüste beheimatete Echse die Erde, und das Chamäleon, das angeblich fast nur aus Lunge besteht, die Luft. Eigentlich hätte man hier analog zum Fisch einen Vogel erwarten können, aber einen Vogel, der den anderen dargestellten Tieren ähnlich sehen würde, enthält zumindest die Gottorfer Kunstkammer nicht. So wird also in den vier Elementen die Totalität der Welt repräsentiert, ein letzter Versuch, die göttliche Schöpfung als Ganzes vor Augen zu stellen: ein Versuch, der aber nur in diesem einen Tableau (einigermaßen) gelingt, während die Tafeln, die der Tiefe des Meeres allein vorbehalten sind, eine noch nicht taxonomisch disziplinierte Un-Ordnung vor Augen stellen, so wie sie auch dem Taucher entgegentritt. Schiller folgt dem Versuch einer Gesamtschau, nicht nur mit den Salamandern, sondern auch in paradoxen Fügungen wie „Bergetief“ und „des Meeres Hyäne“, die verschiedene Topologien und Lebensräume metaphorisch zusammenzwingen.

Der König darob sich verwundert schier,
Und spricht: Der Becher ist dein,
Und diesen Ring noch bestimm’ ich dir
Geschmückt mit dem köstlichsten Edelgestein,
Versuchst du’s noch einmal und bringst mir Kunde,
Was du sahst auf des Meer’s tief unterstem Grunde.

„Der König darob sich verwundert schier“, und so mag er es nicht bei dem Blick in die Tiefe belassen: Der Prozess der theoretischen Neugierde erfordert genauere Erforschung, die von Gott gebotene Klippe muss verlassen werden. Ausdrücklich soll der zweite Tauchgang keine Wiederholung des ersten bringen, sondern er visiert ein anderes Ziel an: Die zwischen oben und unten angesiedelte Beobachterposition soll verlassen und der (bis dahin immer noch in „Nacht und Grauen“ verschwimmende) „tiefste Grund“ tatsächlich erreicht werden. Ist der Prozess der theoretischen Neugierde einmal in Gang gesetzt, kann, wie in Dantes Weitererzählung der Geschichte Odysseus’, der göttliche Felsen keine Grenze mehr markieren.10

„Den Jüngling bringt keines wieder.“ In der Lakonie dieses Schlussverses ist nicht nur die erzählte Geschichte an ihr Ende gekommen, sondern in der durch einen fehlenden Takt erzeugten formalen Dissonanz auch die Dichtung selbst. Vorbereitet wird dieses Ende durch die Versachlichung der Natur oder des Sprechens über Natur, in der Entzauberung des Wassers. Steht am Anfang „der Charybde Geheul“, so bleiben am Ende „die Brandung“, „der donnernde Schall“ und „Wasser“, die „rauschen“. Zwischen der Mythisierung des Anfangs und der (entzauberten) Naturschilderung des Schlusses steht aber nun eine Schilderung, die weder mythische Gottheit noch Naturkunde impliziert – und für die der Text berühmt ist:

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel sprützet der dampfende Gischt,
Und Flut auf Flut sich ohn‘ Ende drängt,
Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,
Als wollte das Meer noch ein Meer gebähren.

Variierend wiederholt begleiten diese Verse den ersten Tauchgang in veränderter Perspektive. Und auch poetisch sind sie als Alternative zu dem dort aufgerufenen Wissenssystem zu betrachten. Auch hier liegt der Versuch einer Zusammenschau des Heterogenen vor: Wasser und Feuer, Meer und Himmel, aber für deren Möglichkeit wird nicht mehr, wie im Barock, ein Gott aufgeboten, der sich längst in die Transzendenz zurückgezogen hat. Was bleibt, ist allein die Form der Balladenstrophe selbst, in die sich mythische Charybde und profaner Strudel ebenso fügen wie die erzählte Geschichte von Nicola Pesce – oder besser: in der sie überwunden werden. Poesie und Wissen, die in Form von Anekdote und Spekulation, Evidenz und Theorie bereits bei Kircher einander entgegengesetzt sind, das wäre der um 1800 erreichte Stand, sind nicht mehr zusammenzufügen. Was dem Taucher jenseits der barocken Kunstkammer noch begegnen könnte, ist Schillers Poesie nicht mehr darstellbar. Für sie ist der Taucher auf jeden Fall verloren, verschollen.

Der Taucher erzählt eine Geschichte des Aus-der-Welt-Fallens, die zugleich eine epistemologische Grenzregion erkundet. Sehr präzise situiert die Ballade den Verschollenen an einer Grenzlinie – oder in einer Grenzregion – zwischen unterschiedlichen Räumen des Wissens. Auf „des Meer’s tief unterstem Grunde“ finden sich Sedimente vergangener Wissensordnungen, des antiken Mythos und des christlichen ordo, aber ebenso das Feld theoretischer Neugierde. Schiller erkundet den Prozess, in dem das Meer vom mythischen zum physikalischen Raum wird, ohne aber seine Qualitäten als anthropologisch-psychologischer Raum oder als Gedächtnisraum einzubüßen. Zum Kundschafter geworden, der die Verbindung zu einer fremden, aber nicht grundsätzlich anderen Welt herstellt, hat der Taucher doch nicht aufgehört, ein Begehren zu produzieren, das ihm gilt und nicht dem Strom der Daten, die er produziert. So steht am Ende der Ballade nicht die Kunde – sie wird in Zukunft Sache der Hydrographie sein –, sondern der liebende Blick, der zwar die Wasser nicht (mehr) durchdringen kann, der aber den Verschollenen nicht völlig aus der Welt fallen lässt.

Siebzig Jahre später präsentieren die Mittheilungen aus Justus Perthes’ Geographischer Anstalt über wichtige neue Erforschungen auf dem Gesammtgebiete der Geographie einen Apparat, der verspricht, Kunde von des Meer’s tiefstem Grunde zu liefern, ohne dass dazu die legendenhaften Fähigkeiten eines Fischmenschen oder der heroische Mut eines Edelknechts in Anspruch genommen werden müssen. Der von Ingenieuren der britischen Admiralität entwickelte Englische Sondirungs-Apparat kann zugleich Tiefenmessungen vornehmen und Bodenproben aus der Tiefsee an die Oberfläche transportieren.11 Zwar kann auch die Meereskunde des 19. Jahrhunderts noch auf ihre Helden und Märtyrer zurückblicken: Cook „von den Eingeborenen erschlagen“, Beaufort von „fanatischen Türken“ schwer verwundet, schließlich der „Untergang der Franklin-Expedition“.12 Doch gerade der Weg des bei Vermessungsarbeiten an der kleinasiatischen Küste von einem nationalistischen Attentäter attackierten Sir Francis Beaufort führt vor Augen, dass die heroischen Einzelgänger der Vergangenheit angehören. Nach seiner Verwundung vertauscht er die Kommandobrücke mit einem Schreibtisch in den Büros der Admiralität, auf dem nun all die Datenströme zusammenfließen, die eine Vielzahl anonymer Forscher und zunehmend ausgeklügelte Apparate produzieren. Was auf diesem und anderen Schreibtischen als das Ergebnis dichtmaschiger Messungen und sorgfältiger Berechnungen entsteht, sind Karten, die dem Aus-der-Welt- Fallen keinen Raum mehr lassen.

Abb. 3
Abb. 3

„Englischer Sondirungs-Apparat“ in den „Mittheilungen aus Justus Perthes’ Geographischer Anstalt“, 1858

Ganz widerstandslos gibt das Meer seine Geheimnisse allerdings nicht preis. „Ohne die theoretischen Voraussetzungen von der Existenz tiefer Strömungen zu diskutieren“, so zitiert der Herausgeber der Mittheilungen, August Petermann, einen englischen Vermessungsingenieur, „will ich einen merkwürdigen Vorfall erzählen“: Es geht um eine Messleine, die auf unerklärliche Weise mit Schlamm bedeckt „in einem verwirrten Knäuel an die Oberfläche“ zurückgekommen war.13 Nach wie vor also sind es ‚merkwürdige Vorfälle’, die die Routinen des Forschens in Frage stellen. Um so wichtiger ist es, seriöse Berichte (Petermann stellt deutlich heraus, dass es sich bei seinem Gewährsmann um einen zuverlässigen Hydrographen handelt) zu unterscheiden von jenem „verwirrten“ Seemannsgarn, dessen kaum erschöpfliche Quelle die Meere seit jeher gewesen sind.

Letzten Endes ist es, so hat Petermann bereits 1855 konstatiert, das Schicksal der Geographie selbst, das sich in der Hydrographie entscheidet. Ihre erste Aufgabe bestehe darin, „die Grenzen zwischen dem Festen und Flüssigen auf der Erde“ zu bestimmen und so „eine sichere Grundlinie für das geographische Wissen“ zu schaffen. Nichts Geringeres, als die Genesis noch einmal zu vollziehen, wird hier zur Forderung, wenn mit der Küstenlinie „der Peripherie des Landes“ eine „feste Basis“ gezeichnet wird, von der aus Land wie See erschlossen werden können.

Was dem Architekten der Grundriss seines Bauwerkes, dem Maler die Contour seines Gemäldes, das sind dem Geographen der neuern Zeit die Aufnahmen der Gestade des Weltmeeres, – der Rahmen seines Bildes von der Erde, die Basis seiner Forschungen, Untersuchungen und Deductionen. Denn von vielen und grossen Theilen der festen Erdoberfläche sind es nur die Küsten, die genau vermessen und bestimmt worden sind, während das, was wir von ihrem Innern kennen, nur unvollkommen und unsicher ist.14

Dass der unbestimmte Raum hier, entgegen der vertrauten Vorstellung, nicht von einem Zentrum, sondern von der Peripherie her organisiert wird, deutet ebenso wie die nahezu biblische Sprache auf die fundamentale Bedeutung der Linie als das zentrale semiotische Element von Petermanns Kartographie. Die Küstenlinien geben das Muster vor für Isohypsen, Isobaren, Isothermen und die Vielzahl anderer Linien, die Gleiches mit Gleichem verbinden und Ungleiches trennen. Von hier aus entwickelt sich dann auch die Hydrographie im engeren Sinn, die es, wie bereits bei Athanasius Kircher, mit dem Grund des Meeres sowie mit den Strömungen zu tun hat. Insbesondere der zweite Bereich wird in den folgenden Jahrzehnten zum Testfall für die Fähigkeit der Geographie, ihre Objekte auf „ihre einfachen Naturgesetze zu reduciren“.15 Im Artikel über Die englischen Tiefen-Messungen hat Petermann selbst darauf hingewiesen, dass das von ihm erstellte Bodenprofil des Atlantik, das auf der Interpolation distinkter Messwerte beruht, nur eine Näherung darstellen kann:

Wenn auch die bisherigen Sondirungen auf dieser Linie noch nicht zahlreich genug sind, um die Neigungswinkel mit einiger Sicherheit bestimmen zu können, und es daher nicht unmöglich ist, dass auf ihr Erhebungen vorkommen, die ähnlich wie das Harzgebirge oder der Thüringer Wald plötzlich aus den ebeneren Theilen hervorspringen, so macht dieser Theil des Meeresbodens doch mehr den Eindruck einer sanften, wellenförmigen Einsenkung.16

Wann aber sind die Messungen zahlreich genug, um aus dem „Eindruck“ einer stetigen Linie die Stetigkeit selbst ableiten zu können, oder, anders gesagt, um von einer vorläufigen Näherung zu sicherem Wissen überzugehen, das keine ‚merkwürdigen Vorfälle’ mehr zu fürchten hat?

Und was ist, wenn selbst die unbestechliche Messleine, Inbegriff der stetigen Linie, dem zentralen Signifikanten der Kartographie, unversehens zum „verwirrten Knäuel“, zum „merkwürdigen Vorfall“, zur historia memorabilis zu werden vermag, die sich nicht den „theoretischen Voraussetzungen“ fügt? Die Zeit der Anekdoten ist noch lange nicht vorbei, und das Zeitalter der Verschollenen bricht gerade erst an, als Friedrich Schiller seinen Taucher im Zwielicht zwischen Leben und Tod, zwischen Wissen und Nicht-Wissen, zwischen der einen und der anderen Welt bannt. Ein Kundschafter, der selbst „der kunde der menschen entzogen ist“, kann von ihm nur am Rande berichtet werden, in Digressionen, Historien, Supplementen: „Addam hoc loco Historiam“ …

1

Athanasius Kircher, Mundus subterraneus, Amsterdam 1665, S. 98-99. Jocelyn Godwin weist darauf hin, dass der Titel nicht nur auf das Unterirdische zu beziehen ist, sondern allgemein auf verborgene Bedeutungen, das heißt, auf die sich der Sichtbarkeit entziehenden Eigenschaften der Objekte. Jocelyn Godwin, Ein Mann der Renaissance und die Suche nach verlorenem Wissen, Berlin 1994, S. 84.

2

Vgl. Klaus J. Heinisch, Der Wassermensch. Entwicklungsgeschichte eines Sagenmotivs, Stuttgart 1981.

3

Michel Serres, Ströme und Turbulenzen. Die Geburt der Physik im Text von Lukrez, in: ilinx 1 (2009), S. 289-305.

4

Als „unbearbeitete und flaschenpostartige Passage“ bleibt, so Clifford Geertz, die Anekdote Zeugnis eines anderen Wissens, das sich vorschnellen Synthesen im Text von Ethnologen wie Historikern widersetzt. Vgl. Clifford Geertz, Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur, in: ders., Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme, Frankfurt a. M. 1987, S. 7-43; hier S. 14. Vgl. auch Joel Fineman, The History of the Anecdote: Fiction and Fiction, in: H. Aram Veeser (Hg.), The New Historicism, New York/London 1989, S. 49-76.

5

Friedrich Schiller, Werke. Nationalausgabe, Bd. 2, I, hg. v. Norbert Oellers, Weimar 1983, S. 266-271. Die folgenden Zitate ohne Nachweis nach dieser Ausgabe.

6

Friedrich Schiller, Werke. Nationalausgabe, Bd. 20, hg. v. Benno von Wiese, Weimar 1962, S. 323.

7

„Doch zerschmettert nur rangen sich Kiel und Mast / Hervor aus dem alles verschlingenden Grab“: vgl. Odyssee XII, V. 437ff., in der Übersetzung von Johann Heinrich Voß: „Also hielt ich mich fest an den Zweig, bis der Kiel und der Mastbaum / Wieder dem Strudel entflögen; und endlich nach langem Harren / Kamen sie“.

8

Adam Olearius, Gottorffische Kunst-Kammer Worinnen Allerhand ungemeine Sachen So theils die Natur theils künstliche Hände hervorgebracht und bereitet, Schleswig 1674. Schiller könnte den Band von Goethe ausgeliehen haben; vgl. Dierk Puls, Die Quelle von Schillers ‚Taucher’, in: Muttersprache, 69, 1959, S. 353-356.

9

Wilhelm v. Humboldt an Friedrich Schiller, 9. 7. 1797, in: Friedrich Schiller, Werke. Nationalausgabe, Bd. 37, I, hg. v. Norbert Oellers und Friethjof Stock, Weimar 1981, S. 62.

10

Dante hat, im 26. Gesang des Inferno, Odysseus zu einem Getriebenen gemacht, der es nicht in der wiedergefundenen Heimat aushält, sondern noch einmal aufbricht, zu einer letzten Reise, zu einer letzten, von Gott gesetzten Grenze: nec plus ultra, die er überschreiten und hinter der er verschwinden wird, um erst in der Hölle wieder aufgefunden zu werden; Hans Blumenberg hat diese Geschichte einer Transgression als master narrative der modernen Wissenschaft gelesen. Vgl. Hans Blumenberg, Der Prozeß der theoretischen Neugierde, erweiterte und überarbeitete Neuausgabe von ‚Die Legitimität der Neuzeit’, 3. Teil, Frankfurt a. M., 4. Aufl. 1988, S. 138ff.

11

August Petermann, Die englischen Tiefen-Messungen auf dem sogenannten ‚Telegraphen- Plateau‘ im J. 1857, in: Mittheilungen aus Justus Perthes’ Geographischer Anstalt über wichtige neue Erforschungen auf dem Gesammtgebiete der Geographie, 1858, S. 151-156.

12

August Petermann, Die hydrographischen Arbeiten der Britischen Admiralität, in: Mittheilungen 1855, S. 71-85.

13

Ebd., S. 151f.

14

Mittheilungen 1855, S. 71.

15

August Petermann, Vorwort, in: Mittheilungen 1855, S. 1. Der Hydrographie stellen sich ebenso zentrale wie schwer lösbare Aufgaben, denn das Meer ist nicht nur für die Seefahrer ein katastrophischer Raum, sondern es ist selbst geprägt durch wiederkehrende Katastrophen: Dem beständigen Angriff „durch Wind und Wetter, Strömungen, Orkane, Wellenschlag und Eis“ ausgesetzt, befinden sich Küstenlinien wie „unterseeische Reliefs“, die unsichtbaren „Klippen, Sandbänke und Gefahren“ in (un-)stetiger Veränderung (Mittheilungen 1855, S. 71f.). Der Meeresgrund befindet sich buchstäblich im Flusse.

16

Petermann, Die englischen Tiefen-Messungen, S. 154.