Kapitel 1 Eine fast verschollene Tat

In: Aus der Welt gefallen
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Abb. 5
Abb. 5

Afrika, Blatt 4 (Ausschnitt) in „Adolf Stieler’s Hand-Atlas über alle Theile der Erde und über das Weltgebäude“, 1899

1899 erscheint in der achten Auflage von Adolf Stieler’s Hand-Atlas über alle Theile der Erde und über das Weltgebäude eine komplett überarbeitete Karte von Afrika. Ihre sechs Blätter markieren den Abschluss einer turbulenten Geschichte der Entdeckung und Erforschung, in der Moritz v. Beurmanns Verschwinden eine kleine Episode bildet. Die großen Rätsel des dunklen Kontinents sind gelöst, die Quellen des Nil und des Niger gefunden, die Lage Timbuktus bestimmt, ein schneebedeckter Berg inmitten des tropischen Urwalds aus dem Reich der Legenden in das der Realität versetzt, ein geheimnisvolles Binnenmeer dagegen endgültig von den Karten verbannt. Die weißen Flecken sind verschwunden. Nur eine einzige Eintragung erinnert noch an eine nun schon fern erscheinende Vergangenheit: „E. Vogel ermordet 1856“, so steht es lakonisch auf Blatt 4 zu lesen, neben der Ruinenstadt Wara im Land Wadai.32 In dieser knappen Notiz ist eine der dramatischsten und verwirrendsten Geschichten der Entdeckungsgeschichte zur Ruhe gekommen, die drei Jahrzehnte zuvor die gebildete Welt in Atem gehalten hatte. Sie handelt von einem Ort, der sich erst spät, dafür aber um so nachdrücklicher in die Liste der afrikanischen Rätsel eingetragen hatte, und sie handelt von den immer wieder scheiternden Bemühungen, „den dunklen Schleier zu zerreissen“,33 der diesen Ort verhüllte.

Eine prägnante Zusammenfassung dieser Geschichte bietet Jules Vernes erster, 1863 erschienener Roman Cinq semaines en ballon, zugespitzt in den Worten seines Helden als „martyrologue africain“:

„Pourquoi ? [...] parce que jusqu’ici toutes les tentatives ont échoué ! Parce que depuis Mungo-Park assassiné sur le Niger jusqu’à Vogel disparu dans le Wadaï, depuis Oudney mort à Murmur, Clapperton mort à Sackatou, jusqu’au Français Maizan coupé en morceaux, depuis le major Laing tué par les Touaregs jusqu’à Roscher de Hambourg massacré au commencement de 1860, de nombreuses victimes ont été inscrites au martyrologue africain ! Parce que lutter contre les éléments, contre la faim, la soif, la fièvre, contre les animaux féroces et contre des peuplades plus féroces encore, est impossible !“

[In der ersten deutschen Übersetzung: „Warum? [...] weil bis jetzt alle Versuche scheiterten! weil von Mungo Park’s Ermordung am Niger bis zum Verschwinden Vogel’s in Wadai, von Oudney’s und Clapperton’s Tod in Murmur und Sackatu bis auf den Franzosen Maizan, der in Stücke gehauen wurde, von dem Major Laing, der durch die Hand der Tuaregs sein Ende fand, bis zur Ermordung Roscher’s aus Hamburg im Anfange des Jahres 1860, zahlreiche Opfer in die afrikanische Märtyrerliste eingetragen worden sind! Weil es ganz unmöglich ist, gegen die Elemente, gegen den Hunger, den Durst, das Fieber, gegen die wilden Thiere und die noch viel wilderen Völkerstämme anzukämpfen!“]34

„Disparu dans le Wadaï“: Das lässt, anders als die drastischeren Formulierungen, die das Schicksal der anderen Märtyrer beschreiben (assassiné, mort, coupé en morceaux, massacré), offen, ob der deutsche Forschungsreisende Eduard Vogel tatsächlich tot ist – „ermordet“, wie es drei Jahrzehnte später in Stieler’s Hand-Atlas heißen wird – oder ob er einfach verschwunden ist aus dem Wissen Europas. In dieser Unschärfe aber ist der frühere Roman genauer als der spätere Atlas. Denn tatsächlich ist das Geheimnis um Vogels Verschwinden nie gelöst worden. Weder sind Überreste seines Körpers oder seiner Ausrüstung gefunden worden, noch gibt es Zeugenaussagen, die kriminalistischen Ansprüchen genügen würden. So ist nicht einmal gesichert, dass er Wara, den angeblichen Ort seines Todes, je betreten hat, ebensowenig, ob er ermordet wurde – und schon gar nicht wann, von wem und warum. Auch Gustav Nachtigal, dem später das Verdienst zugeschrieben worden ist, das Schicksal Vogels aufgeklärt zu haben,35 berichtet tatsächlich nur von ausweichenden und widersprüchlichen Auskünften, die er zwei Jahrzehnte nach Vogels Verschwinden in Wadai erhalten habe. Daraus schließt er, man sei willentlich bemüht, „die fast verschollene That im Dunkel der Vergessenheit zu begraben“, was ihm dann als Indiz eines möglichen Verbrechens gilt.36 Im Licht der Karte erscheint also etwas, von dem nicht einmal klar ist, ob es überhaupt eine „That“ ist; dieses Etwas büßt aber, als Bedingung seines Erscheinens, seine Potentialität ein, das heißt seine Möglichkeit, auf ganz unterschiedliche Vergangenheiten zu deuten. Relativ schnell ist von den vielen Legenden, die sich um Vogels Verschwinden ranken, und von denen zumindest einige bei Nachtigal noch nachzulesen sind, eine kanonisiert worden, die zwar nicht besser belegt ist als andere, die aber eine markante, stereotype Szene beschwört: Vogel sei von fanatischen Muslimen erschlagen worden, als er darauf bestanden habe, einen heiligen Berg zu besteigen und zu vermessen – ein europäischer Wissenschaftler im Dienst seiner Disziplin ermordet von abergläubischen Wilden.37

Die Karte von 1891 allerdings erzählt diese Geschichte nicht. Sie tut etwas weit Signifikanteres: Sie erzeugt ein Ereignis, das in Raum und Zeit verortet werden kann. So kann sie die „fast verschollene That“38 zwar nicht erklären, aber sie kann sie, wenn auch im Widerstreit mit den Gesetzen der physikalischen Kartographie, die den Eintrag singulärer Ereignisse eigentlich nicht zulässt, verzeichnen. Aus der verschollenen Tat wird ein Mord, aus dem Verschollenen ein Märtyrer – zunächst, weil das eine im Rahmen eines vermeintlichen Wissens über die Begegnung von Aberglaube und Wissenschaft schlüssige Geschichte ergibt. Aus Sicht der Kartographie allerdings ist nicht die Frage ausschlaggebend, ob und warum Vogel ermordet worden ist, sondern die Möglichkeit, ein Ereignis in Raum und Zeit lokalisieren zu können. Soll die Karte überhaupt ein Ereignis verzeichnen, muss sie es mit Koordinaten versehen. Vogel ist ermordet worden, damit sein ort- und zeitloses Verschwinden mit einem Index versehen werden kann. Es kann auf der Karte erscheinen, indem es als unerklärliches Ereignis verschwindet.

Mit dieser Operation verweist die Karte jedoch zugleich auf eine paradoxe Bedingung ihres Entstehens. Denn, auch darauf weist Vernes Roman hin, das Verschollengehen, das mit seinem Eintrag in die Karte gleichsam rückgängig gemacht wird, bleibt dennoch ein konstitutives Ereignis im epistemologischen Feld der Geographie des 19. Jahrhunderts. Mit dem Katalog der Märtyrer antwortet Vernes Held, der Entdeckungsreisende Dr. Samuel Fergusson, auf eine Frage seines Freundes Dick Kennedy: „si tu veux absolument traverser l’Afrique, si cela est nécessaire à ton bonheur, pourquoi ne pas prendre les routes ordinaires?“39 Wenn man, so Fergussons Antwort, die gewohnten Wege nicht gehen kann, weil diese ins Martyrium führen, so muss man andere Wege finden. Gerade das war allerdings auch die Überzeugung all derer, deren Schicksal der martyrologue repetiert. Sie alle haben unvertraute Wege gesucht in der Überzeugung, dass nur auf diese Weise neue Erkenntnisse zu gewinnen, unbekannte Felder zu erschließen sind. Wer sich ins Unbekannte begibt, riskiert es, nicht mehr ins Bekannte zurückzufinden. Das muss auch Fergusson anerkennen, aber er versucht, dem Dilemma zu entgehen, indem er sich selbst von jenem Feld distanziert, in dem das Unerwartete, das Neue sich ereignen soll. Oder, anders gesagt, er verlagert das Neue in die Wissenschaft selbst, die durch eine „geniale“ Konstruktion, einen Ballon, der unter Ausnutzung unterschiedlicher Luftströmungen ein Navigieren ermöglicht, auf eine völlig neue Grundlage gestellt werden soll.

„Avec lui, tout est possible ; sans lui, je retombe dans les dangers et les obstacles naturels d’une pareille expédition ; avec lui, ni la cha- leur, ni les torrents, ni les tempêtes, ni le simoun, ni les climats insalubres, ni les animaux sauvages, ni les hommes ne sont à craindre ! Si j’ai trop chaud, je monte, si j’ai froid, je descends ; une montagne, je la dépasse ; un précipice, je le franchis ; un fleuve, je le traverse ; un orage, je le domine ; un torrent, je le rase comme un oiseau ! Je marche sans fatigue, je m’arrête sans avoir besoin de repos ! Je plane sur les cités nouvelles ! Je vole avec la rapidité de l’ouragan, tantôt au plus haut des airs, tantôt à cent pieds du sol, et la carte africaine se déroule sous mes yeux dans le grand atlas du monde !“

[„Mit diesem Ballon ist Alles möglich; ohne ihn aber fiele ich wieder den Gefahren und natürlichen Hindernissen solcher Expeditionen zum Opfer. Mit ihm gedenke ich ebenso der Hitze, den Strömen und Stürmen, wie dem Samum und dem ungesunden Klima zu trotzen; weder wilde Thiere noch Menschen können mir etwas anhaben. Ist mir zu heiß, so steige ich; wird es zu kalt, so lasse ich mich herab. Ueber einen Berg fliege ich hinweg, über jeden Abgrund schwebe ich hin; ich schieße über Flüsse und Ströme wie ein Vogel, und entladet sich ein Gewitter, so erhebe ich mich über dasselbe und beherrsche es von oben herab. Ich komme vorwärts, ohne zu ermüden, und halte an, ohne der Ruhe zu bedürfen! Ich schwebe über den Städten, und fliege mit der Schnelligkeit des Orkanes bald hoch oben in den Lüften, bald nur hundert Fuß vom Erdboden entfernt; und unter meinen Augen entrollt sich die Karte von Afrika im großen Atlas der Welt!“]40

Nicht so sehr als technische Utopie ist dieser Apparat interessant, sondern als epistemologische Reflexion. Während die realen wissenschaftlichen Ballonfahrten im 19. Jahrhundert in erster Linie die Atmosphäre erschließen sollten, also, ähnlich wie die Reisen auf afrikanischem Boden, auf den Raum hin orientiert waren, in dem sie selbst stattfanden,41 dient Fergussons Ballon dazu, die Forscher außerhalb und oberhalb des beobachteten Objekts zu positionieren. Mit dieser Bewegung, die, zugespitzt formuliert, die Geographie von der Feld- in eine Laborforschung verschiebt, will Fergusson die Erforschung fremder Kontinente vom Abenteuer zur Wissenschaft transformieren – für den Helden eines Abenteuerromans eine ein wenig paradoxe Operation. Indem er diese Paradoxie zum Motor seiner Handlung werden lässt, führt der Roman jedoch sehr hellsichtig in das epistemische Feld einer sich konstituierenden Wissenschaft. In der überhitzten Hoch- und Endphase des Zeitalters der Entdeckungen und eines damit verbundenen kolonialistisch-imperialistischen Begehrens, das sich nicht zuletzt durch das Auftreten Deutschlands als neuer Global Player noch einmal neu konfigurierte, konnte die Geographie mit einer weit über ihre disziplinären Grenzen hinausreichenden Aufmerksamkeit rechnen. Damit aber war sie in einem gleichermaßen von wissenschaftlichen, politischen und populärkulturellen Ansprüchen geprägten Feld erheblichen Spannungen und Verwerfungen ausgesetzt. In Vernes Roman kommt das unter anderem darin zum Ausdruck, dass er immer dort, wo er seine Reisenden dann doch afrikanischen Boden betreten und auf dessen Bewohner treffen lässt, auf eine schwer erträgliche Weise rassistische Stereotype ausbuchstabiert – durchaus im Einklang mit einer sich auf die physikalische Geographie und deren bevorzugtes Medium, die Karte, konzentrierenden Wissenschaft.

Die „routes ordinaires“ eines (prä-)kolonialen Othering verlässt der Roman dagegen dort, wo er, immer wieder die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit überschreitend, eine Art Ethnographie des zeitgenössischen Wissenschaftsbetriebs schreibt. Deren Anfang bildet ein spektakulärer Auftritt des Helden, dem Verne eine Biographie mit auf den Weg gibt, die ihn, als Randfigur oder Zaungast, an nahezu allen aufsehenerregenden Forschungsreisen seiner Zeit teilnehmen lässt. Die „Presentation du docteur Samuel Fergusson“ vor der Royal Geographical Society in London, verbunden mit der Ankündigung, er wolle Nordafrika mit einem Heißluftballon überqueren und dabei, wortwörtlich im Fluge, die Rätsel lösen, die Barth, Livingstone und Burton noch hinterlassen hatten, versetzt die wissenschaftliche Welt ebenso wie die geographisch interessierte Öffentlichkeit in helle Aufregung. In einem „guerre de journaux savants“ dominieren zunächst Unglaube und Spott, bis eine Intervention aus der deutschen Provinz die Skeptiker verstummen lässt: „Mais M. Petermann, dans ses ‚Mittheilungen’, publiés à Gotha, [...] connaissait personnellement le docteur Fergusson, et se rendait garant de l’intrépidité de son audacieux ami.“ [„Aber Herr Petermann brachte die Genfer Zeitschrift in seinen zu Gotha veröffentlichten ‚Mittheilungen’ gründlich zum Schweigen, denn er kannte Doctor Fergusson persönlich und leistete für die Unerschrockenheit seines kühnen Freundes Gewähr.“]42 Noch vor Fergussons fiktiven Mitreisenden (Dick Kennedy, der Freund, und Joe, der Diener) betritt damit einer der Protagonisten der realen Geographie die Bühne. Als freiberuflicher Geo- und Kartograph in London hatte August Petermann im Auftrag eben jener Royal Geographical Society, vor der Fergusson seinen spektakulären Auftritt hat, den Account of the Progress of the Expeditions under Messrs Richardson, Barth, Overweg & Vogel in the Years 1850–1853 herausgegeben, dem Verne wesentliche Anregungen verdankt, nicht zuletzt auch diejenige, sich selbst als französischen Beobachter in einem englisch-deutschen Feld zu situieren.43 Ab 1855 boten dann, dank Petermanns Gespür für effektvolle Auf- und Abtritte, die Mittheilungen aus Justus Perthes’ Geographischer Anstalt über wichtige neue Erforschungen auf dem Gesammtgebiete der Geographie eine Bühne, auf der sich die geo- und kartographische Erschließung der Welt als ein Schauspiel entfalten konnte, das kaum weniger mitreißend ablief als in Vernes literarischer Phantasie.

In den Cinq semaines en ballon wird Petermann, als Fergussons gelehrter Freund, in vielerlei Hinsicht zum wichtigsten Reisenden – auch wenn er selbst Gotha nicht verlässt. Nicht nur bringt sein beherztes Eingreifen in die öffentliche Debatte die zahlreichen Kritiker der Ballonfahrt zum Schweigen. Vor allem gibt er Fergusson den Atlas mit auf den Weg, der zum wertvollsten Ausrüstungsgegenstand des Ballons wird: “l’atlas der Neuester Entedekungen in Afrika [sic], publié à Gotha par son savant ami Petermann“ [„Atlas der ‚Neuesten Entdeckungen in Afrika’ von Fergusson’s gelehrtem Freunde Petermann in Gotha veröffentlicht“] entspricht, so wie er beschrieben wird, in etwa den ersten drei Lieferungen von Petermanns Kartenwerk Inner-Afrika nach dem Stande der Geographischen Kenntniss im Jahre 1861 und 1862.44 Jenes Supplement der wiederum die Perthes-Atlanten supplementierenden Zeitschrift, das bei Verne selbst zum Atlas avanciert ist, erscheint hier als Repräsentation einer Totalität, der sich der Roman supplementierend hinzufügt, indem er nach den Bedingungen der Entstehung dieser Repräsentation fragt.

Nur mittels dieser Afrika-Karte, „l’excellente carte qui lui servait de guide“,45 ist es möglich, dass sich der Kontinent buchstäblich, wie von Fergusson prophezeit, „comme sur un vaste planisphère“,46 wie eine Welt-Karte also, unter den Reisenden entfaltet, sobald der Ballon den Boden verlassen hat. Denn natürlich weiß Verne, dass das, was aus der Gondel eines Ballons zu sehen ist, keineswegs einer Karte ähnelt. Die Karte ist nicht das Ergebnis eines Hinsehens auf das Territorium, sondern sie übersetzt eine Vielzahl von Messwerten in eine mathematisch-geometrische Projektion, aus der der individuelle visuelle Eindruck, dem sich das Territorium zu den ,Rändern‘ hin zu verkleinern und zu verzerren scheint, gerade herausgerechnet ist.47 Was im kartographischen Koordinaten-Netz erscheint, steht nicht in einem Verhältnis ikonischer Ähnlichkeit zum Territorium, sondern stellt eine indexikalische Relation zu vermessenen Punkten her. Um das Land wie eine Karte zu erfahren, müssen die Reisenden es daher immer schon in die kartographische Repräsentationslogik projiziert haben. Es ist ihnen zum Objekt geworden, über dem sie sich beliebig bewegen können, und nur auf diese Weise interagieren sie mit ihm. Wo es dann, nach diversen Notlandungen, doch zu anderen, unfreiwilligen Begegnungen kommt, führen diese sehr schnell auf die „routes ordinaires“ stereotyper Abenteuerliteratur zurück.

In den Operationen des Messens und Berechnens distanziert sich der Kartograph vom Territorium, und Fergussons so wundersam lenkbarer Ballon ist weniger ein utopischer Flugapparat als eine Metapher dieser Operationen, die das epistemische Objekt einer Geographie erzeugen, deren „Endzweck“ und „Basis“, Petermanns bereits zitierter Definition zufolge, die Karte ist.48 Oder, anders gesagt, das Territorium des Geographen ist die Karte – und nicht eine Landschaft, die abenteuerliche Geschichten und verschollene Forschungsreisende produziert. Vernes Helden gelingt die epistemologische Distanzierung vom Territorium nur etwas zu gut. Die Utopie vollständiger Berechenbarkeit des Luftraums und damit der Ballonfahrt lässt ihnen keine Chance, wirklich etwas Neues zu entdecken. Das ist konsequent im Rahmen des kartographischen Realismus, dem der Roman letztlich verpflichtet ist. Dieser erlaubt zwar die Erfindung selbstmörderischer Flugapparate und kannibalischer Wilder, nicht aber neuer Erkenntnisse oder gar Wunder im Raum der physikalischen Geographie und ihres bevorzugten Mediums, der Karte.

Verne hat die kartographische Operation in einem Rechenexempel zugespitzt: „Voilà ce que fut ce hardi voyage de Barth“, so schließt der Erzähler einen längeren Exkurs zu Fergussons realen Vorläufern. „Le docteur Fergusson nota soigneusement qu’il s’était arrêté à 4° de latitude nord et à 17° de longitude ouest.“ [„Dies war die kühne Reise Barth’s, in Bezug auf welche Doctor Fergusson sich sorgfältigst notirte, daß er über den 4.° nördl. Breite und den 17.° westl. Länge nicht hinausgekommen sei.“]49 Auf ähnliche Weise reduziert er auch die Reisen von Burton und Speke auf ihre Eckdaten: „Le docteur Fergusson remarqua avec soin qu’ils n’avaient franchi ni le 2e degré de latitude australe, ni le 29e degré de longitude est.“ [„Doctor Fergusson merkte sorgfältig an, daß sie weder den 2. Grad südlicher Breite, noch den 29. Grad östlicher Länge überschritten hatten.“]50 Und nun kann er die terra incognita errechnen, die sich zwischen den beiden sorgfältig notierten Endpunkten erstreckt: „Il s’agissait donc de réunir les explorations de Burton et Speke à celles du docteur Barth; c’était s’engager à franchir une étendue de pays de plus de douze degrés.“ [„Es kam also darauf an, die Entdeckungsreisen Burton’s und Speke’s mit denen des Dr. Barth zu vereinigen, und dazu war es nothwendig, eine Länderstrecke von über zwölf Graden zu überschreiten.“]51 Das Martyrium wie das Abenteuer lassen sich in Zahlen vermessen. Es ist eine genuin kartographische Phantasie, die abenteuerliche Reisen auf die Koordinaten ihrer Endpunkte reduziert, zwischen denen sich dann eine imaginäre Linie ziehen lässt. Ihr Vorbild liefern, einmal mehr, Petermanns Mittheilungen, die im Juli 1855 das gleiche Rechenexempel anstellen: „Westlich von dem See No ist noch nie ein Europäer gekommen, während von der entgegengesetzten Seite, vom Tsad-See aus, die von Barth erreichte Hauptstadt von Bagirmi, Masena, der östlichste Punkt ist, den je ein Europäer erreicht hat. Zwischen Bagirmi aber und dem See No ist eine Entfernung von mindestens 200 deutschen Meilen“. Mit dieser Rechnung wird „Waday, jenes grosse, eigenthümliche Land, östlich vom Tsad-See, das einen so interessanten Nationalitäten-Complex bildet, und das noch nie ein Europäer hat erreichen können“,52 in die Mittheilungen eingeführt, jenes Territorium, das noch auf lange Zeit abenteuerliche Reisen, jedoch kaum verlässliche Koordinaten hervorbringen wird.

Es ist übrigens höchst wahrscheinlich, dass auch Dr. Samuel Fergusson, stünde er nicht unter dem Schutz einer Fiktion, von dort nicht zurückgekehrt wäre. Denn seine Rechnung stimmt natürlich nicht: Zwischen 29° Ost und 17° West liegen nicht 12, sondern 46 Längengrade. Um auf 12 zu kommen, müsste sich Fergusson für den östlichen Punkt von Barths Reise 17° östlicher Länge notieren (was auch ungefähr dem entspricht, wohin Barth wirklich gekommen ist), aber die tatsächlich zurückzulegende Entfernung ist dann immer noch von den Breitengraden abhängig, auf denen er sich bewegt. Vielleicht erklärt sich der Fehler ja daraus, dass Petermanns Rechnung auf die Angabe der Koordinaten verzichtet und gleich eine Entfernungsangabe macht – die für Reisende ungleich nützlicher ist, die allerdings, in deutschen Meilen gerechnet, für den englischen Helden eines französischen Romans eine weitere Fehlerquelle schafft. So liegt, ob Verne das nun bewusst war oder nicht, die eigentliche Ironie der Cinq semaines en ballon darin, dass die Handlung nicht nur auf einer kaum zu realisierenden technischen Utopie basiert, sondern schlicht auf einem Rechenfehler. Auch im Reich der Zahlen kann man sich verirren. Aus dem Rechenfehler, und nicht aus der literarischen Phantasie, entsteht schließlich doch ein unkartiertes Territorium, in dem Verne, ob gewollt oder nicht, teilhat an der Phantasie des Verschollenen, die einer der Entdeckung des Neuen gewidmeten Wissenschaft konstitutiv eingeschrieben ist. Der Fehler kann deshalb ein Forschungsfeld eröffnen, weil er darauf verweist, dass hier etwas noch nicht beobachtet worden ist, dass etwas nicht gewusst wird.53

Vernes Roman gibt sehr genau die Atmosphäre wieder, in der sich, am Ende des Zeitalters der Entdeckungen und am Beginn des Scramble for Africa, die Geographie als wissenschaftliche Disziplin entfaltet. Mit seinem Ballon hat er eine epistemologische Metapher dieser Disziplin geschaffen, um die herum er die fiktionalen wie nicht-fiktionalen, menschlichen wie nicht-menschlichen, vor allem aber mehr oder weniger disziplinierten Akteure arrangiert hat. Im Zentrum, eng mit dem Ballon verbunden, den er nicht nur konstruiert hat, sondern dessen metaphorisches Potential auch ihm selbst zukommt, steht Fergusson. Flankiert wird er einerseits von Petermann, dem „savant ami“, der die wissenschaftliche Kartographie vertritt, aber doch nicht darauf verzichten kann, seinen Atlas nach Afrika und damit in die Unberechenbarkeit des Abenteuers (zurück-)zuschicken. Andererseits stehen ihm Joe und Dick Kennedy zur Seite, der Diener, der für eine lange Episode den Ballon verlassen muss, um in der terra incognita um den Tschad-See verschollen zu gehen, und der impulsive Freund, der eine imperiale Allmachtsphantasie ausagiert, wenn er aus der Gondel heraus einen Mann erschießt, den er als verabscheuungswürdigen Kannibalen identifiziert hat. Fergusson dagegen schwebt nicht nur über den Dingen, sondern immer schon über einem Kartenraum, „le grand atlas du monde“, in dem solche proto-kolonialen Operationen zwar phantasierbar und planbar, aber nicht auszuführen sind. Seine Handlungen verbinden sich mit jenen nicht-menschlichen Akteuren, den Medien, die Verne seinen Figuren ebenfalls an die Seite gestellt hat. Vom Vortrag vor einer Geographischen Gesellschaft über die Zeitschrift, die Karte, den Atlas bis zum (eigenen) Roman hat Verne die Geographie als mediales Feld beschrieben, das von dem Begehren geprägt ist, sich vom mediatisierten Territorium zu distanzieren, auf das es doch, als Motor seiner Dynamik, angewiesen ist. Erst am Beginn des 20. Jahrhunderts wird die Kartographie die Trennung vom mediatisierten Feld tatsächlich vollzogen haben. In der zehnten, 1920 bis 1925 erscheinenden Auflage von Stieler’s Hand-Atlas wird dann auch die letzte Spur eines Verschollenen, das Martyrium Eduard Vogels, verschwunden sein.

32

Adolf Stieler’s Hand-Atlas über alle Theile der Erde und über das Weltgebäude, 8. Aufl., hg. v. Hermann Berghaus, Gotha 1888-1891, Tafel 69.

33

August Petermann, Th. v. Heuglin’s Expedition nach Inner-Afrika, zur Aufhellung der Schicksale Dr. Eduard Vogel’s und zur Vollendung seines Forschungswerkes, in: Mittheilungen 1860, S. 358-362, S. 360.

34

Jules Vernes, Cinq semaines en ballon. Voyage de découvertes en Afrique par trois Anglais. Paris 1863, S. 20. Fünf Wochen im Ballon. Bekannte und unbekannte Welten. Abenteuerliche Reisen von Julius Verne, Bd. IX, Wien/Pest/Leipzig 1876, S. 22.

35

So etwa Dietmar Henze, Enzyklopädie der Entdecker und Erforscher der Erde, Bd. 3, Graz 1978-2004, S. 566-567.

36

Gustav Nachtigal, Sahara und Sudan. Ergebnisse sechsjähriger Reisen in Afrika, 3. Teil, hg. v. E. Groddeck, Leipzig 1889, S. 171. Friedrich Ratzel geht in seinem Eintrag zu Vogel in der Allgemeinen Deutschen Biographie noch einmal genauer auf Nachtigal ein, allerdings nur, weil dieser seiner Meinung nach die Leistung Vogels ungerechtfertigterweise schmälern würde: „Wer Nachtigal’s späte Erzählung mit Beurmann’s und Munzinger’s Berichten vergleicht, die in den Geogr. Mittheilungen 1862 erschienen, den muß ihre für V. ungünstige Haltung erstaunen. Es spricht daraus das Gefühl der Ueberlegenheit des orientalischen Diplomaten, für den sich Nachtigal gerne hielt.“ (ADB, Bd. 40, Leipzig 1896, S. 100-108, hier S. 106). Erstaunlicher ist aber eigentlich, dass Ratzel bei solch philologischer Kleinarbeit übersieht, dass keiner der Genannten für jene Sicherheit des Wissens einstehen kann, mit der er den Tod Vogels noch einmal ausführlich nacherzählt.

37

Diese Variante legt bereits eine der frühsten zusammenhängenden Schilderungen der Reisen Vogels nahe: Hermann Wagner, Dr. Eduard Vogel. Reisen und Entdeckungen in Central-Afrika, Leipzig 1860, S. 315.

38

Nachtigal, Sahara und Sudan, S. 171.

39

Verne, Cinq semaines, S. 19-20.

40

Verne, Cinq semaines, S. 20f. ; Fünf Wochen, S. 22.

41

Zur wissenschaftlichen Ballonfahrt vgl. z.B. August Petermann, Die englischen wissenschaftlichen Luft-Schifffahrten im Jahre 1852, in: Mittheilungen 1856, S. 333-341 und ders., Glasher’s Luftballon-Fahrten, 1862 und 1863, in: Mittheilungen 1864, S. 161-163. Vgl. die noch unpublizierte Dissertation von Hannah Zindel, Schwebende Labore. Ballonfahrt 1858 bis 1898, Erfurt 2017.

42

Verne, Cinq semaines, S. 11; Fünf Wochen, S. 13.

43

August Petermann, Account of the Progress of the Expeditions under Mess’rs Richardson, Barth, Overweg & Vogel in the Years 1850-1853, London 1854.

44

Verne, Cinq semaines, S. 83; Fünf Wochen, S. 78; August Petermann, Inner-Afrika nach dem Stande der Geographischen Kenntniss im Jahre 1861 und 1862, in: Ergänzungsheft 7, 8 und 10 zu Petermanns „Mittheilungen“, Gotha 1861-1863.

45

Verne, Cinq semaines, S. 83.

46

Verne, Cinq semaines, S. 75 [„Wie auf einem großen Planiglobus“, Fünf Wochen, S. 70].

47

Vgl. Stockhammer, Kartierung der Erde, S. 80f.

48

August Petermann, Notiz über den kartographischen Standpunkt, S. 581. Vgl. oben, S. 19.

49

Verne, Sinq semaines, S. 25; Fünf Wochen, S. 26.

50

Verne, Sinq semaines, S. 28; Fünf Wochen, S. 28.

51

Verne, Sinq semaines, S. 28; Fünf Wochen, S. 28.

52

Mittheilungen 1855, S. 146f.

53

Der Roman konstruiert etwas, das mit Hans-Jörg Rheinberger als epistemisches Ding zu beschreiben wäre, als ein Medium für „das, was man noch nicht weiß“, wenn er sowohl den Ballon als auch das durch ihn ‚entdeckte’ Territorium in einer „charakteristischen, irreduziblen Verschwommenheit und Vagheit“ erscheinen läßt. Hans-Jörg Rheinberger, Experimentalsysteme und epistemische Dinge. Eine Geschichte der Proteinsynthese im Reagenzglas, Göttingen 2001, S. 24-25.