Kapitel 4 Verlorene Söhne

In: Aus der Welt gefallen
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Abb. 10
Abb. 10

„Der verlorne Sohn im Fellantschi“, eine fellanische Sprachprobe, 1855

Jedes Heft der Mittheilungen präsentiert vier bis fünf größere Artikel, von Petermann selbst oder von Fachleuten, die manchmal überblicksartig ein Forschungsgebiet skizzieren, meist aber von speziellen Aspekten und aktuellen Entwicklungen berichten. Darauf folgt, in etwas kleinerer Drucktype, die Rubrik Geographische Notizen. Meist ohne Verfasser-Angabe werden hier, oft in nicht weiter kommentierten Übernahmen aus anderen Zeitschriften oder gerade erschienenen Büchern, neu erhobene Daten präsentiert, es wird von der Planung, dem Voranschreiten oder dem Abschluss größerer Forschungsunternehmen aller Art berichtet und nicht zuletzt werden der gegenwärtige Aufenthaltsort und die künftigen Pläne zahlreicher Forschungsreisender gemeldet. Die Zusammenstellung ist, wie auch bei den größeren Artikeln, in aller Regel sprunghaft, was den ausschnittartigen, fragmentarischen Charakter der einzelnen Notiz noch erhöht. In ihrer Gesamtheit zeugen die Notizen vor allem von der Heterogenität jenes Feldes, das „das Reich der heutigen Geographischen Wissenschaft“ bildet, die, wie Petermanns Vorwort formuliert, „wunderbar grosse Welt menschlichen Wissens“, deren Heterogenität sich weder der Ordnung einer Narration noch der einer Karte fügt.

Auf eine der rätselhaftesten Notizen konnten die Leserinnen und Leser der Mittheilungen stoßen, während Heinrich Barth sich auf dem Rückweg nach Europa befand:

11. ewódi nieddo, bíbe makkodído. / 12. tókotshe mábbe ibe aljo hebaba mákko. abókkam gédoam. […]

Es folgen noch zwanzig weitere Verse, ohne Übersetzung, nur mit einer Überschrift, Der verlorne Sohn im Fellantschi (Lucas Kap. 15.), und einer kurzen Erläuterung versehen, derzufolge es sich um die „interessante Probe einer für Central-Afrika so wichtigen Sprache“ handele, „wie sie von Dr. Barth in einem Schreiben, datirt Kaschna, 6. März 1853, mitgetheilt worden ist“.76

Barth war, seinem eigenen Reisebericht zufolge, im Frühjahr 1853 für etwa sechs Wochen in der Fulbe-Stadt Kaschna oder, wie er alternativ schreibt, Kátsena aufgehalten worden.77 In der Stadt kursierten widersprüchliche Nachrichten über die Bewegungen eines den Fulbe feindlichen Heeres, und so schien es den Reisenden, unter deren Schutz Barth nach Timbuktu zu kommen hoffte, vorerst zu riskant, den Weg fortzusetzen. Von Geldsorgen geplagt, und verunsichert von dem etwas undurchsichtigen Verhalten des Statthalters, der „mich bei meinem ersten Eintritt in dieses Land so sehr gequält hatte“,78 findet Barth hier immerhin die Gelegenheit zu ethnologischen, linguistischen und historischen Studien.

Während dieses langen Aufenthaltes die Zeit nützlich zuzubringen, war mir ein jüngerer Bruder des Ghaladima [des Leiters der Reisegruppe, der sich Barth angeschlossen hatte, K.K./W.S.], Namens Al-háttu, von grossem Nutzen bei meinem ernsten Bestreben, mit allen charakteristischen Zügen des Landes und seiner Bewohner bekannt zu werden, obgleich er keineswegs ganz der Art war, wie ich ihn gewünscht hätte; denn er hatte durch Beimischung von Sklavenblut den besseren Theil des Charakters eines freien Mannes eingebüsst und benahm sich zuweilen wie der unerträglichste Bettler.79

Die düstere Stimmung können die Studien nicht aufhellen. Am 5. März registriert Barth mit einer Enttäuschung, die noch seinem Reisebericht abzulesen ist, dass eine große Karawane, die gerade die Stadt erreicht hat, „mir nicht eine einzige Zeile brachte, weder von meinen Freunden in Europa, noch von denen in Afrika.“80 Einen Tag später schreibt er dann an seinen Mentor Ritter Bunsen: „Traurig ist es, unendlich traurig, dass alle die Kaflen, die in den letzten Monaten in Bornu oder in Sudan angekommen sind, nicht eine einzige Zeile aus der Heimath mir gebracht haben; der Sinn steht mir in der That nur halb so hoch und jeder lebendige Trieb zur Correspondenz fehlt.“ Barth fühlt sich nicht nur von der Heimat und seinem wissenschaftlichen Netzwerk abgeschieden, sondern durchaus auch im Stich gelassen. Er scheint nicht nur aus der Welt, sondern, unfähig über Bewegung und Stillstand selbst zu entscheiden, auch aus der Zeit zu fallen: „Nicht nach Tagen, kaum nach Monaten, ja selbst Jahren, lässt sich in diesen Ländern irgend ein Unternehmen berechnen. Darum ist auch nichts hier zu spät.“81 In dieser Stimmung übersetzt er das Gleichnis vom Verlorenen Sohn in die Sprache, die er sich gerade mit Hilfe des Halbsklaven Al-háttu aneignet, und sendet diese „Probe“, nun doch dem ‚lebendigen Trieb zur Correspondenz‘ folgend, an Ritter Bunsen. „24. biíko omay emódi, únkida omaji dadomíimo; befú binwelweltay“. Wer bibelfest ist, kann das selbst rückübersetzen: „Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden“.

Petermann zitiert den Brief aus Kaschna/Kátsena bereits relativ ausführlich in seinem ersten Artikel über Barth im Februar 1855. Die „Probe einer für Central-Afrika so wichtigen Sprache“ spart er jedoch auf bis zu dem Zeitpunkt, an dem der verlorene Sohn tatsächlich wieder aufgetaucht und auf dem Heimweg ist. Auf diese Weise markiert die Probe zugleich den dramaturgischen Gegenpol zu Barths spektakulärem Auftritt, dem Aufbruch in ein fremdes Land, mit dem er „seine Freunde und die wissenschaftliche Welt mit grosser Besorgnis erfüllt“.82 Weit mehr als die fremde Sprache dokumentiert die „Probe“ den Gemütszustand ihres Erforschers, seine Verunsicherung und Entfremdung, und schließlich die Hoffnung auf und die Freude über seine Errettung. Als sprachwissenschaftliche Studie wird formulierbar, was ansonsten im Kontext der Wissenschaft ungesagt bleibt – und aus dem Selbstverständnis als Wissenschaftler heraus ungesagt bleiben muss: all das, was ihn als Menschen betrifft.

Als geographische Notiz allerdings kann der kurze Text kaum den Anspruch einer sprachwissenschaftlichen Studie einlösen. Auch der Kontext, in dem er innerhalb von Barths Reise steht, wird darin nicht klar. Barths eigene Darstellung seines Aufenthalts in Kaschna, aus der sich dieser Kontext rekonstruieren ließe, ist noch nicht geschrieben, als die Notiz erscheint, Petermanns erster Artikel, der einige Hinweise dazu gibt, liegt immerhin schon ein halbes Jahr zurück. Wer nicht sehr gut im Kosmos der Mittheilungen zuhause ist, wird das kaum so einfach präsent haben. Die isolierte Notiz bleibt fragmentarisch und enigmatisch.

Was dagegen noch einmal vergegenwärtigt wird, ist einerseits eine durch die fremde Sprache vermittelte Heterogenität der Welt als Objekt des Wissens wie der Erfahrung, andererseits die Bewältigung dieser Heterogenität nicht durch Wissenschaft, sondern durch ein religiös verbürgtes – oder doch zumindest im kulturellen Wissen verankertes – Modell. Das biblische Gleichnis erweitert die anfängliche Konfiguration, die die Alternative von tollkühnem Abenteurer oder seriösem Wissenschaftler aufgestellt hatte. Es fügt Wissenschaft und eine (auch) religiös bestimmte kulturelle Identität zusammen. Der Mensch, den Petermanns Vorwort als Wissenschaftler redefinieren wollte, ist zugleich ein in seiner Identität verunsicherter europäischer Mann, ein verlorener Sohn des Abendlandes.

In der Dramaturgie der Auf- und Abtritte, die Petermanns Afrika- Berichterstattung bestimmt, nimmt der verlorene Sohn eine Gelenkstelle ein. Während Barth die afrikanische Bühne verlässt, tritt dort ein neuer Protagonist auf, der in den kommenden Jahren die Mittheilungen beschäftigen und dabei vom verlorenen Sohn zum Märtyrer der Wissenschaft werden wird. Wenn man weiß, wie die Geschichte weitergeht, wird das bereits in der auf die ‚Sprachprobe‘ folgenden Notiz deutlich. Während dem verlorenen Sohn Meldungen über „Russland’s Malachitlager“, „Statistisches von Griechenland“ und die „Regenmenge in Sierra Leone“ vorangehen, die weder untereinander noch mit Barths Übersetzungsprobe in irgendeinem Zusammenhang stehen, folgt dieser eine Notiz über „Brun-Rollet’s Expedition nach Waday“, die die Aufmerksamkeit auf die Region lenkt, die Barth nicht ‚erobern‘ konnte und die er mit seiner Wendung nach Timbuktu hinter sich gelassen hatte. Wo Barth gescheitert war, werden andere tätig, und damit wird das Einzelunternehmen zugleich in eine umfassende Geschichte der Entdeckung und Eroberung eingeholt, die wiederum den Geltungsbereich von ‚Wissenschaft‘ erheblich, nämlich bis zu Fernão Magalhães erster Weltumseglung, ausdehnt:

Als Pigafetta den Bericht der ersten Reise um die Welt schrieb, sprach er seine feste Überzeugung aus, dass wegen der damit verbundenen grossen Gefahren und vielfachen Mühseligkeiten eine solche Reise nie zum zweiten Male würde unternommen werden. Ähnlich ist es mit der Erforschung Inner-Afrika’s gegangen, indem man durch viele misslungene Versuche von fernern Unternehmungen lange Zeit hindurch so zurückgeschreckt wurde, dass man die Entdeckung, Colonisierung und Civilisierung dieses Continents beinahe aufgegeben hätte. Da traten ein paar Männer auf, die ihr Leben daran setzten, einen neuen Versuch zu machen, in das grosse unbekannte Innere Afrika’s vorzudringen, und unter diesen ragt über alle anderen Dr. Barth durch seine bewunderungswürdige Willenskraft, Energie, Ausdauer, Umsicht und Talente hervor.83

Barths Beispiel habe dann andere angeregt, „mit vereinten Kräften den Schleier zu heben, der auf das Innere dieses Continents seit vielen Jahrhunderten ein undurchdringliches Dunkel warf.“ Zwischen dem östlichsten und dem westlichsten Punkt, den europäische Karten in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit einer gewissen Sicherheit verzeichnen konnten, liegen „mindestens 200 deutsche Meilen“, und dort liegt „Waday, jenes grosse, eigenthümliche Land, […] das noch nie ein Europäer hat erreichen können.“84 Auch Brun-Rollet wird es mit seiner Expedition aus sechzig „wohlbewaffneten“ Männern nicht erreichen. Aber eigentlich dient die Notiz auch eher dazu, den Auftritt eines anderen Protagonisten vorzubereiten:

Welch eine wunderbare Fügung! Dr. Vogel und die beiden Sappers reisten am Abend des 19. Februar 1853 von London ab, um am nächsten Tage mit dem Postschiff von Southampton nach Malta abzugehen, und gerade am Morgen dieses selbigen Tages gelangte die Nachricht von Dr. Overweg’s Tod nach London,

gleichzeitig mit dem Brief, in dem Barth „seinen heroischen Entschluss, allein die Reise nach Timbuktu zu unternehmen, kund gethan“ hatte.85

Als Petermann das achte Heft des Jahres 1855 so beginnt, liegt die „wunderbare Fügung“ schon zwei Jahre zurück, Eduard Vogel bewegt sich seit eineinhalb Jahren auf der afrikanischen Bühne, und er ist auch bereits auf dem Frontispiz von Petermanns Account als vierter Protagonist neben Richardson, Overweg und Barth zu finden. In den Mittheilungen hat er bis dahin allerdings nur einen Kurzauftritt gehabt, im ersten Artikel über Barth, und dort nur in der abschließenden Diskussion der Koordinaten, in der sich Petermann von der individuellen, Barths Briefen folgenden Narration löst. Einen eigenen Artikel widmet Petermann Vogel erst, nachdem eine Notiz die Ankunft Barths in Marseille am 8. September 1855 vermeldet hat. Erst nachdem der Vorgänger von der Bühne abgetreten ist, findet das Drama um die Entschleierung Afrikas mit neuer Besetzung seine Fortsetzung. Erst jetzt wird zudem wirklich klar, dass Barths spektakulärer Marsch nach Timbuktu das Resultat eines Scheiterns war.

Als Vogel sein vorläufiges Ziel, Kuka, erreicht, findet er dort statt seiner „beiden Landsleute nur Overweg’s Grab, und Barth abwesend in Timbuktu und sogar das Gerücht von dessen angeblichem Tode“. Solchermaßen auf sich selbst verwiesen,

trat derselbe nunmehr als Glied in eine Kette von Forschern, die bestimmt zu sein scheint, nicht eher zu rasten, als bis alle Geheimnisse des grossen Continentes entschleiert sind. Barth, der Glückliche und Gefeierte, ist jetzt daheim, aber Vogel, angefeuert durch sein Zusammentreffen mit ihm (wenn auch erst zwei Jahre nach seiner Abreise von Europa!) blieb zurück, entschlossen wie sein Vorgänger, der Wissenschaft mit aufopfernder Ausdauer zu dienen.86

Mit Vogel betritt ein anderer Typus des Reisenden die Bühne, der sich weit konsequenter als Barth dem von Petermann vorgegebenen Telos der Karte verpflichtet sieht. Während Barth bereits vor seiner Ernennung zum stellvertretenden Leiter der Expedition durch das britische Außenministerium über mehrere Jahre in Nordafrika gereist war, sich für arabische Kultur interessierte und über gute Sprachkenntnisse verfügte, qualifizierte sich Vogel in erster Linie durch naturwissenschaftliche Expertise. Insbesondere hatte er als Assistent an einer Londoner Sternwarte gelernt, astronomische Positionsbestimmungen durchzuführen, was Barth, zu Petermanns wiederholter Klage, nicht konnte: „Dr. Vogel being the first professional astronomer of acknowledged talent, who has undertaken a journey to the interior of Africa, his observations are of the greatest importance, and their value will be increased the farther he may be able to penetrate into the Central regions.“87 Darüberhinaus war Vogel getrieben von einem „Drang in die weite Welt“, der ihm jede Forschungsreise erstrebenswert machte, „sei es nach dem Nordpol oder Südpol, nach Afrika oder Neu-Guinea, – an irgendeinen Ort, wo es noch etwas Interessantes zu thun gäbe“88 – ein Enthusiasmus, der, so könnte man sagen, mehr der Forschung an sich galt als dem zu erforschenden Land.

1855-1857 berichten drei große Artikel retrospektiv von Vogels stetigem Voranschreiten in den ersten eineinhalb Jahren seiner Reise, während kleinere Nachrichten seine aktuellen Positionen abstecken. Die kohärente Narration ist, auch diesmal, nur aus zeitlicher Distanz möglich, da der Informationsfluss wiederum alles andere als stetig ist. Im dritten Artikel, vom Mai 1857, sind Vergangenheit und Gegenwart so sehr auseinander gedriftet, dass es zu einem Bruch kommt. Während die letzten von Vogel selbst stammenden Berichte, die hier narrativ aufbereitet werden, nunmehr bereits drei Jahre zurückliegende Ereignisse betreffen, unterbrechen aktuelle, wenn auch unsichere „Nachrichten über dessen angeblichen Tod in Wadai“ die Chronologie des Reiseberichts.89 Zwar versucht Petermann, das „Gerücht“ von Vogels Tod zu entkräften und der Situation ihre Dramatik zu nehmen mit dem Hinweis auf einen „uns vorliegenden Original-Briefe“, in dem der Sultan von Wadai in „allerfreundlichsten Ausdrücken“ erklärt, „dass der Reisende ihm höchst willkommen sein würde und in seinem Lande so ruhig wie in Mursuk würde leben können“. Auch wenn dieser Brief schon einige Jahre alt sei, „sind die Persönlichkeiten dieselben geblieben, und es ist kaum anzunehmen, dass der Sultan von Wadai, wegen ärgerlicher Vorkommnisse in seinen Handels-Beziehungen mit Bengasi, einen unschuldigen Europäischen Reisenden tödten lassen würde, dem er vorher die freundlichste Aufnahme versprochen hatte“.90 Sehr bald jedoch wird genau dieser Sultan in die Rolle des Schurken im afrikanischen Drama eintreten. Im August 1857 finden sich in den Notizen „Traurige Nachrichten von Dr. Vogel’s Expedition“, die aber nach wie vor nur aus einem „Gerücht von Dr. Vogel’s Tod“ bestehen, „freilich wieder nur nach Mittheilungen aus Bornu; von Wadai selbst sind immer noch keine Nachrichten angelangt“.91 Im November berichtet ein deutscher Professor der Anatomie in Kairo von einem Gespräch mit einem „Gesandten von Dar Fur“, der erzählt habe, der englische Reisende Abd el Wahed (Vogels Pseudonym) sei in der Nähe von Wara, der Hauptstadt Wadais, getötet worden, weil er einen heiligen Berg untersucht habe. Ein alternatives Gerücht, Vogel sei getötet worden, weil der englische Konsul in Bengasi Waren von Wadai-Kaufleuten habe beschlagnahmen lassen, bestreitet der Gesandte. Besondere Aufmerksamkeit widmet der Anatomie-Professor der Frage der Glaubwürdigkeit seines Informanten, die er aus dessen Physiognomie und Auftreten ableitet: „Er ist aus dem Senegal-Lande gebürtig, ein schöner, grosser Mann von Kaukasischer Gesichtsbildung, heller Farbe, angenehmen Maniren, gewandt in der elegantesten Arabischen Ausdrucksweise, höchst intelligent, entzückt von den Wundern Europäischer Civilisation, welche er in Ägypten zu Gesichte bekam.“92

Ohne diese eigentümliche Definition von Intelligenz zu diskutieren, mag sich Petermann dieser Argumentation nicht ganz anschließen. Aber trotz berechtigter Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit seien die Nachrichten „dennoch interessant genug […], um hier mitgeteilt zu werden“.93 Wenn damit implizit der Kuriositätenwert über die Seriosität gestellt wird, dann auch, um eine Position innerhalb eines sich formierenden breiteren öffentlichen Interesses am Schicksal Vogels zu markieren. Im Januar 1858 berichten die Mittheilungen über die große Resonanz seines ‚Falls‘ in der deutschen Öffentlichkeit und fassen noch einmal den Stand der Informationen zusammen, die allein auf zwei Quellen zurückzuführen seien: den Bericht des Gesandten aus Dar Fur, über den sich Anfang Dezember „zahllose Deutsche Blätter aus London berichten liessen, während dieselbe Nachricht viel specieller und ausführlicher mehr als drei Wochen früher in den ‚Geographischen Mittheilungen‘ […] zu finden war“, sowie einen Brief des „den Lesern dieser Zeitschrift wohlbekannten Bayerischen Reisenden Freiherrn Dr. von Neimans“.94 Auch hier reklamieren die Mittheilungen einen Informationsvorsprung für sich, wenn sie diesen Brief zwar nicht als Erste, dafür aber im Wortlaut und „in extenso“, nämlich über drei Druckseiten, zitieren können. Was sich in dieser Ausführlichkeit entfaltet, sind nicht nur die Informationen, sondern auch die verschlungenen Wege, auf denen sie überhaupt zu Informationen werden konnten. Verkleidet „als ein Tunesischer Pilgrim, und in unbeargwohntem Verkehre mit den übrigen Pilgern“, sei es ihm, so Neimans eigene Darstellung, gelungen, „eine Menge von nützlichen Notizen und Anhaltspunkten zu sammeln“. Vogel habe demzufolge zwar Misstrauen erregt, indem er „das ganze Land ‚aufgeschrieben‘“ habe, sei aber nicht getötet worden, sondern „überfallen, gefangen und seitdem in Ketten geworfen“. Auch für Neimans spielt die Frage der Seriosität seiner Zeugen (seine eigene Seriosität scheint mit dem redaktionellen Hinweis auf seine Bekanntheit bei den Lesern der Mittheilungen hinreichend belegt) eine zentrale Rolle, und auch er entwirft dazu rigorose Klassifikationssysteme. Von den Bewohnern Wadais, „Neger [mit] geringem Grade von Kenntnissen und geistigen Anlagen“, seien keine brauchbaren Auskünfte zu erwarten. Auch einem „mit einer für Mahomedaner seltenen Lebhaftigkeit und Intelligenz“ ausgestatteten arabischen Pilger misstraut Neimans, denn dieser „so gewandte Mann“ habe am Ende seiner Erzählung, derzufolge Vogel in Folge eines von ihm begangenen Sakrilegs getötet worden sei, „eine gewisse Befangenheit“ gezeigt, weit weniger detailfreudig erzählt und sich bei wiederholtem Nachfragen gar in Widersprüche verwickelt. Neimans schließt daraus, der Erzähler habe diesen Schluss aus Hass gegenüber dem Sultan von Wadai erfunden. Aber auch Neimans eigener ‚Schluss‘ erscheint recht spekulativ: „bei dem stets berechnenden Charakter des Orientalen“ sei es nicht wahrscheinlich, dass der Sultan die Chance vertan habe, eine Geisel zu nehmen, um Lösegeld zu erpressen. Nur müsse er Vogel „aus Furcht vor dem Fanatismus des Volkes“ zunächst versteckt halten. Schließlich zieht Neimans noch eine Parallele zu Barth, den man auch zu Unrecht für tot erklärt habe, also sei auch „eine ähnliche Lösung für das Schicksal seines Gefährten zu hoffen“.95 Auffällig ist die Parallele jedoch auf eine andere Weise als von Neimans intendiert: Wie bereits im Fall des verfrühten Nachrufs auf Barth kompensiert ein stereotypes Wissen über den „Charakter des Orientalen“, und speziell über einen Herrscher, den keiner der europäischen Berichterstatter je zu Gesicht bekommen hatte, die Unsicherheit der Nachrichten – mit dem Ergebnis, dass Lebende für tot und Tote für lebendig erklärt werden. Nur allzu oft verfangen sich die selbsternannten Detektive im Netz ihrer Vorurteile.

Für Petermann ist diese Spekulation dennoch ungleich attraktiver als gesicherte Informationen über den Tod Vogels es wären. In einem undatierten Entwurf hatte er sich gleichsam an die Todesnachricht herangetastet:

Eduard der kühne und strebsame Afrikanische Reisende hat den Deutschen ein Ländergebiet heimisch und vertraut gemacht, das ihnen sonst – von [ ] Wüsten und [von] […] Steinen umgeben – unendlich fern liegt. Allerdings ist scheint es jetzt über allen Zweifel gestellt, daß er unser trefflicher Landsmann […] gefalln u vom grausamen Häuptling von Wadai enthauptet ist, ziemlich bestimmte Nachricht[en] die auf den verschiedensten Wegen von dort [aus]gegangen sind sagen Solches aus bestätigen die erste [bestimmte] Nachricht.96

Wenn Petermann „ist“ durchstreicht und durch „scheint“ ersetzt, dann ist das Folgende eben doch nicht „über allen Zweifel gestellt“. Der teilweise auf diesen Entwurf zurückgehende Text, der dann im August 1860 als Geographische Notiz erscheint, spricht sehr viel vorsichtiger vom „verschollenen jugendlichen Reisenden“ und von seinem „muthmasslichen Tode“, betont aber vor allem noch einmal, dass über das Schicksal Vogels seit seinem vermuteten Aufbruch nach Wadai nichts bekannt ist.97 Als ‚offener Fall‘ bietet dessen Schicksal nicht nur das Potential einer spannenden Geschichte mit laufenden Aktualisierungen. Der etwas eifersüchtige Ton, in dem Petermann der deutschen Presse ihre England-Fixierung vorhält und ihr die ‚besseren‘ eigenen Quellen entgegenstellt, deutet bereits an, dass es nun vor allem darum geht, den ‚Fall‘ nach Deutschland und nach Gotha zu ziehen. Das ungeklärte Schicksal Vogels bietet dafür die Gelegenheit.

Auf Petermanns Initiative wird am 15. Juli 1860 in Gotha ein Hülfs-Comité gegründet, dessen Vorsitz Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg übernimmt und das bis Ende 1860 bereits 10.000 Taler eingeworben hat. Damit werden gleich drei miteinander verbundene Suchexpeditionen organisiert, unter der Leitung von Theodor von Heuglin, Werner Munzinger und Moriz von Beurmann. Auch wenn Heinrich Barth sich über deren vergleichsweise kümmerliche finanzielle Ausstattung mokiert, die der „Englische Consul […] rundwegs für eine bloße Parodie auf Franklin’s Aufsuchungs-expeditionen“ erklärt habe,98 ist das doch ein beeindruckendes Zeugnis des Interesses.

Abb. 11
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Deutsche Wege ins Wadai: „Beilage No. 1 zur ‚Instruction‘“, August Petermann, 1864

Das von Petermann verfasste Exposé des Hülfs-Comités stellt nicht nur das Schicksal Vogels, sondern zugleich den Ort seines Verschwindens, Wadai, vor ein „Forum der Öffentlichkeit“:

Mit warmer Theilnahme haben die Deutschen das Schicksal Dr. Eduard Vogel’s beklagt, des jugendlichen Reisenden, welcher im Dienste der Wissenschaft fern im unbekannten Innern Afrika’s verscholl. Immer wieder hat die Presse an den Mann erinnert, der von allen Europäischen Reisenden allein bis in die Mitte des grossen Kontinents nach Wadai vordrang. Mehrfach ergingen Aufforderungen zur Ausrüstung und Absendung einer Deutschen Expedition nach jenen Ländern, um durch sie den dunklen Schleier zu lichten, der über dem Geschicke dieses verdienten und unglücklichen Forschers hängt; man brachte diesen Plan wiederholt vor das Forum der Öffentlichkeit.99

Damit ist der entscheidende Begriff gefallen: Das Verschollen-Gehen bleibt nicht unbeobachtet, es vollzieht sich vor den Augen und vor dem Forum der Öffentlichkeit – auch Wara, die vermeintliche Hauptstadt des Wadai,100 erscheint nun erstmals auf einer Karte. Für die nächsten Jahre wird es Timbuktu als ebenso zentralen wie uneinsehbaren Schauplatz des afrikanischen Dramas ablösen. Das Schicksal Vogels wird noch für einige Jahre eines der Hauptthemen der Mittheilungen bleiben. Und es kommen weitere Verschollene hinzu. Im Zusammenspiel meist privater Institutionen und dem sich emotional und finanziell engagierenden Publikum bildet sich der Apparat, der sich der Verschollenen bemächtigt, der sie heimholt, und sei es auch als Märtyrer. Ausführlich erinnert das Exposé noch einmal an jene, die „mehrere Jahre verschollen waren und dennoch wieder auftauchten: Dr. Barth wurde zwei Jahre für todt gehalten; Browne war drei Jahre lang ein Gefangener in der Hauptstadt des Nachbarlandes von Wadai, Darfur; Bonpland, Al. v. Humboldt’s Begleiter, musste eine Gefangenschaft von mehr als acht Jahren erleiden und Herr von Heuglin hat wiederholt von einem Engländer gehört, der seit acht Jahren vom Sultan von Darfur gefangen gehalten sein soll.“ Selbst die fast schon vergessenen „Papiere Mungo Park’s“ seien wieder aufgetaucht, und Aufklärung über die „Franklin’sche Expedition“ habe erst eine allerletzte, im Vergleich zu den vorherigen Anstrengungen bescheidene Suchexpedition gebracht. Mit den letzten beiden Beispielen hat sich aber die Motivation (oder auch: das Begehren) verschoben: Nicht mehr der „Schimmer der Hoffnung“, den Verschollenen zu retten, treibt die Suche voran, sondern ein unbedingter Wille zum Wissen, der Drang (oder: die Obsession), „den dunkeln Schleier zu zerreissen, der seine letzten Tage umhüllt“.101

Diese Formulierung, die am Anfang und am Ende des Exposés steht, ist nicht allein auf das Dickicht der Gerüchte und des Halbwissens bezogen. Es geht auch darum, die terra incognita physisch zu durchdringen – und so die Homogenität der Erdoberfläche zu sichern. So werden zwar die englischen Bemühungen, auf diplomatischem Weg, das heißt unter Ausnutzung politischer und ökonomischer Kontakte, Auskünfte zu erhalten, gewürdigt, aber es wird zugleich ein direkterer, an die Präsenz europäischer Reisender gebundener Weg eingefordert: „Allein man erkannte schon lange, dass nur Europäer vor Ort und Stelle bestimmten Aufschluss erlangen und die letzten Zweifel lösen würden.“102 Es ist keineswegs so ganz klar, warum das so sein sollte, denn auch ‚vor Ort‘ bleiben diese Europäer angewiesen auf die Auskünfte Einheimischer. Es ist kaum zu erwarten, dass sie von selbst auf physische Spuren, womöglich gar den Leichnam Vogels, stoßen, und selbst wenn, dann wäre damit keineswegs aufgeklärt, was sich sieben Jahre zuvor ereignet haben könnte. Eher scheint es so zu sein, dass das ‚vor Ort-Sein‘ selbst Aufklärung bedeutet, indem es Erreichbarkeit demonstriert. So liegt letztlich auch die entscheidende Aufgabe der Expedition darin, Vogels Werk zu vollenden und ihn ebenso wie das Wadai auf diese Weise in die – geographische – Welt heimzuholen.

Allerdings war das Risiko des Scheiterns eine zentrale Dimension der so konzipierten geographischen Aufklärung. Petermann zitiert an dieser Stelle noch einmal die Analogie, mit der er 1855 bereits den ersten Aufbruch ins Wadai, durch Brun-Rollet und indirekt auch durch Vogel, kommentiert hatte:

Ohne bedeutende Opfer, Schwierigkeiten und Gefahren muß ein solches Unternehmen nicht gedacht werden. Als Pigafetta die Beschreibung der ersten Reise um die Welt schrieb, sprach er seine feste Überzeugung dahin aus, dass wegen der damit verbundenen grossen Gefahren und Drangsale eine solche Reise nie zum zweiten Male würde unternommen werden. Ähnlich ist es mit der Erforschung Inner-Afrikas gegangen, die unausgesetzt so viele Opfer kostet, und doch haben dieselben nur um so mächtiger zu immer neuen Reisen angeregt.103

In der Wiederholung der Wiederholung bildet sich auch der dunkle Schleier von Neuem, der nur vermeintlich zerrissen werden soll. Das gilt gleichermaßen ‚vor Ort‘ wie in dem Datenraum, in den die Reisen eingespeist werden. Während die Reisenden nach wie vor aus der Welt fallen können, entgeht die Fixierung auf eine Expedition, die ‚vor Ort‘ sicheres Wissen erzeugen soll, nicht dem Paradox, dass dazu zunächst einmal das unsichere Wissen der Gerüchte ernst genommen, das heißt als potentiell wahr geprüft werden muss.

Dies zeigt sich auch in der Fortsetzung der Geschichte, in der der Schleier zunächst noch dunkler wird. Die nächsten Nachrichten über Vogel, die die Mittheilungen präsentieren können, stammen von einem Hanseatischen Konsul in Konstantinopel, dem ein englischer Arzt berichtet hat, er habe Vogel bereits bei seiner Ankunft in Tripolis „so schwächlich befunden“, dass er es für höchstwahrscheinlich halte, dieser sei auf der strapaziösen Reise eines natürlichen Todes gestorben. Zudem sei dem ehemaligen türkischen Gouverneur von Tripolis vom Emir von Wadai ausdrücklich bestätigt worden, dass Vogel niemals dort angekommen sei. Eben dieser Emir (oder meist auch Sultan) ist aber mittlerweile so sehr in die Rolle des Schurken geraten, dass die Redaktion der Mittheilungen diese Zeugnisse lediglich als erneute Bestätigung wertet, „wie wenig man hoffen darf, durch Eingeborne sichere Kunde zu erhalten, und dass bloss Europäer an Ort und Stelle bestimmten Aufschluss erlangen werden“.104 Einige Monate später heißt es dann in einer neuen Nachricht über Vogel, es „mehren sich die Gerüchte, dass er noch am Leben sei, in auffallender Weise“.105 So schreibt ein „Dr. Robert Hartmann, der vor Kurtzem aus den Nil-Ländern zurückgekehrt ist“, von einer Begegnung „mit dem Elephantenjäger Teodoro Evangelisti aus Lucca“, der erzählt habe, „ein nach Mekka pilgernder Fellatah (aus Bornu oder Bagirmi)“ habe ihm 11 Monate zuvor erzählt, er habe im Süden Wadais selbst gehört, Vogel „werde in Wara (Dar-Borgu oder Wadai) gefangen gehalten, vom zeitigen Sultan des Landes als Rathgeber benutzt, aber so streng bewacht, dass sein Entkommen unmöglich sei.“ Zwar scheint die verwickelte Übermittlungskette auch Hartmann selbst etwas abenteuerlich, aber er verweist zugleich auf den Fall eines jungen Franzosen, der gerüchteweise in Darfur gefangen gehalten werde, um dann zu dem allgemeinen Schluss zu kommen, „dass derartige Internirungen von Franken in den wilden Central- Afrikanischen Staaten gar nicht selten sind“, somit auch für Vogel ein „wenn auch sehr matter, Hoffnungsschimmer“ bleibe.106

In den folgenden beiden Jahren verdichten sich dann aber die Hinweise auf Vogels Tod – im Einklang mit den subtiler werdenden Methoden der ‚Aufklärer‘. Werner Munzinger kann einen Zeugen präsentieren, dessen Aussagen „trotz wiederholten Kreuzverhörs immer genau gleich blieben“ und zudem mit anderen „uns bekannten Daten übereinstimmen“. Um ein mögliches „Interesse“ des Verhörten, ihn zu täuschen, auszuschließen, täuscht Munzinger diesen seinerseits über sein Interesse, so dass „die Hauptfakten in einem scheinbar absichtslos geführten Gespräch von ihm gewonnen wurden und weder er noch überhaupt Jemand hier unser Interesse an Vogel kennt“. Nicht vom Sultan und auch nicht aufgrund eines Sakrilegs sei Vogel demnach getötet worden, sondern von einem Kaufmann im Streit um ein Pferd. Munzinger ist nicht nur ein geschickter Kriminalist, er ist auch derjenige unter den Reisenden, der sich am reflektiertesten um ein Verständnis kultureller Regeln sowie daraus resultierender diplomatischer Verwicklungen bemüht (was vielleicht seiner Herkunft als Sohn eines Schweizer Bundesrats zu verdanken ist). So erklärt er etwa die Zurückhaltung vieler Zeugen, die immer wieder den Verdacht anderer Reisender erregt hatte, indem er auf die Notwendigkeit von „diplomatischen Rücksichten“ hinweist.107

Im nächsten Jahr präsentieren die Mittheilungen dann das „Protokoll“ eines „Verhörs“, das der britische General-Konsul in Tripolis, Oberst Herman, mit einem Mohammed ben Sliman geführt hat, der angibt, Vogels Diener gewesen und zum Augenzeugen von dessen Tod geworden zu sein. Seiner Aussage zufolge ist nun doch der Sultan selbst für die Tötung verantwortlich, da man in Vogel einen Spion vermutet habe (angesichts seiner Verbindungen zum britischen Foreign Office keineswegs ungerechtfertigt). Ausführlich werden dann die Übereinstimmungen und Differenzen mit dem von Munzinger übermittelten Bericht diskutiert, und letztlich wird der Erzählung des Mohammed ben Sliman die größere Wahrscheinlichkeit zuerkannt. Wenn dann allerdings doch Munzinger, und damit der deutschen vor der englischen Quelle, das „Verdienst“ zugeschrieben wird, „zur Aufklärung von Vogel’s Schicksal namhaft beigetragen zu haben“, dann kann das letztlich nicht wirklich darüber hinwegtäuschen, dass die englische Diplomatie das bessere Material geliefert hat, selbst verglichen mit dem diplomatischsten unter Petermanns Afrika-Forschern. So spielt der Artikel am Ende noch einen letzten deutschen Trumpf aus:

Wir geben uns ausserdem der Hoffnung hin, dass M. v. Beurmann, wie schon angedeutet, einzelne noch dunkle Punkte in Bezug auf Vogel’s Reise nach Wadai wird aufklären können, dann aber wird er, nach Erledigung dieser ersten Aufgabe seiner Expedition, seine ganze Kraft auf die zweite, die fernere wissenschaftliche Erforschung Inner-Afrika’s, um so mehr zu verwenden im Stande sein, als er nicht mehr ausschliesslich den Spuren Vogel’s zu folgen braucht, sondern freiere Wahl in der Richtung seiner Reisen und Arbeiten hat.108

Wieder einmal soll der Abtritt des einen Protagonisten die Voraussetzung für den Auftritt seines Nachfolgers bieten. Im Juni 1863, als die Mittheilungen diesen Wechsel inszenieren, ist jedoch auch Beurmann aller Wahrscheinlichkeit nach bereits nicht mehr am Leben – er ist den Spuren Vogels buchstäblich bis in den Tod gefolgt. Im September überbringt ein Bote nicht nur Beurmanns letzte Briefe, sondern auch die Nachricht, dass er „in der ersten Provinz oder an der Grenze von Wadai getödtet worden sei, und zwar sei er auf Befehl des Sultans von Wadai selbst getödtet worden“.109

Mit Beurmann verlieren die Mittheilungen einen Hoffnungsträger. Er hatte sich aufgemacht, um einer von Petermann konzipierten, von Heuglin aber verworfenen Route zu folgen – einer Route, die erschlossen wurde durch das erste Blatt der Zehnblattkarte von Inner-Afrika, das Beurmann bereits mit nach Afrika nehmen konnte.110 Zudem bescheinigte ihm der Direktor der Sternwarte zu Leipzig, der die astronomischen Messungen von Beurmann auswertete, „dass der Reisende ganz das Geschick zum Beobachten besitzt und sicher nach und nach genauere Beobachtungen liefern wird“.111

Zugleich besaß der junge Pionier-Offizier ein nicht unbeträchtliches Erzähltalent. Bevor er selbst zum Reisenden geworden war, hatte er sich „aus dem langweiligen Leben in einer kleinen Garnisonsstadt“ – als ausgebildeter Ingenieur war er unter anderem bei der 4. preußischen Pionier-Abteilung in Erfurt stationiert – in die Lektüre von Reiseberichten geflüchtet.112 Auch in Afrika bricht er gelegentlich aus dem Petermannschen Plan aus in eine Abenteuerwelt, die man eher bei Karl May vermuten würde:

So rückte ich denn mit der Sonne aus und die gedrückte Stimmung, in die mich alle in Gatron erfahrenen Widerwärtigkeiten versetzt hatten, wurde bald durch das Gefühl der Freiheit verscheucht, das mich beim Anblick eines herrlichen Frühlingsmorgens durchdrang. Ein frischer Ostwind milderte die Hitze der Sonne, die den goldgelben Sand unter den Füßen meines Kamels beschien, und die schlanken Palmen rauschten mir ihren Morgengruß entgegen.113

Aus den „Widerwärtigkeiten“ des politisch-gesellschaftlichen Lebens geflohen, erlebt der Reiter die Freiheit einer exotisch-heroischen Landschaft: Das so geschilderte Erlebnis übersetzt das Erkenntnisinteresse einer naturwissenschaftlich-physikalischen Geographie, das in erster Linie auf Positionsbestimmungen und nicht auf ethnographische, politische oder ökonomische Verhältnisse gerichtet ist, in die ästhetische Erfahrung einer menschenleeren, erhabenen Landschaft, die sich dem europäischen Reisenden – mit einem Morgengruß – öffnet. Fast wörtlich wiederholt sich dieser Gruß in der hymnischen Assoziationskette, die Karl May seiner ersten Orient-Erzählung, Die Gum, voranstellt.

Afrika! -

Sei mir gegrüßt, du Land der Geheimnisse! Ich soll auf edlem Rosse deine kahlen, leeren Steppen, auf flüchtigem Dromedare deine gluterfüllte Hammada durchreiten, soll unter deinen Palmen wandeln, deine Spiegelung schauen und auf grünender Oase an deine Vergangenheit denken, deine Gegenwart betrauern und von deiner Zukunft träumen.

Sei mir gegrüßt, du Land des Sonnenbrandes, des tropischen Pulses und des physischen Gigantentumes! Ich habe im eisigen Norden deine Wärme gefühlt, dem wunderbaren Klange deiner Märchen gelauscht und das ferne Rauschen der Psalmen vernommen, die deine überwältigende Natur zum Himmel braust. Da brandete das Meer der Springböcke über die Ebene; das Flußpferd weidete tief unter dem Wasser; der Wald brach unter den Tritten des Elefanten und des Rhinoceros; im Schlamme wälzte sich das Krokodil, und unter stacheligen Mimosen röchelte der schlafende Löwe. Mein Fuß war gefesselt, aber meine Seele eilte zu dir. Da donnerte die Büchse des Boeren; da erklangen die Speere der Hottentotten und Kaffern; schwarze Gestalten wanden sich im athletischen Ringen; Ketten rasselten; Sklaven heulten, und schwer beladen zog die Karawane nach Osten, das Schiff aber dem Westen zu. Im einsamen Duar erscholl der schmetternde Chor der Hariri; vom hohen Minaret rief der Mueddin zum Gebete; am Thore der Wüste knirschte der Sand zum Teyemmüm, und am fernen Bir beugten die Kamele ihre Kniee; die Söhne der Wüste wandten ihre Augen gen Aufgang, und der Dschellab sang sein frommes ‚Lubbekka Allah hümeh, hier bin ich, o mein Gott!‘

Sei mir gegrüßt, du Land meiner Sehnsucht! Jetzt endlich sehe ich deine Küste winken, atme die Flut deiner reinen Atmosphäre und trinke den süßen Hauch deiner Düfte. Deine Zungen sind mir nicht fremd, doch will kein Angesicht mir entgegenlächeln und keine Hand die meinige erfassen, aber vom grünen Strande herüber neigen sich die Palmenwedel, und die Höhen strahlen im freundlichen Glanze mir zu ihr ‚Habakek, sei uns willkommen, o Fremdling!‘ ---114

Afrika ist hier ein Mosaik aus Impressionen, zusammengelesen aus der mit Reiseliteratur und Atlanten gut bestückten Bibliothek Mays; eine Collage, aus der sich kein einzelnes, menschliches „Angesicht“ herauszulösen vermag, so dass allein der Landschaft die Aufgabe zukommt, den „Fremdling“ willkommen zu heißen. Es ist detailgenau die Landschaft, die auf dem Titelkupfer von Petermanns Account die Karte rahmt, die erstmals jenes Afrika, in das Mays Held aufbricht, als Ganzes zeigt und den Weg von der arabischen Küste zu Flusspferden und Elefanten weist, das heißt in das Territorium zwischen Tschad-See und Wadai. Mays Held wird in diese Landschaft aufbrechen, um einen Verschollenen zu suchen, einen jungen Geschäftsmann und Vertreter des einzigen Handelshauses in Algier, „welches direkte Beziehung nach Timbuktu, Pullo, Haussa, Bornu und Wadaï unterhält“,115 also genau in die terra incognita Petermanns. Er lernt dabei gute und schlechte Menschen kennen, aber er tritt mit niemandem in engeren Kontakt, auch wenn ihm, im Unterschied zu Beurmann und Vogel, die „Zungen“ der Fremden „nicht fremd“ sind. Sein einziger Verbündeter ist ein englischer Reisender, aber auch wenn dieser ihm die ganze Geschichte hindurch zur Seite steht, ist es doch der deutsche Held, der allein die Reiseroute bestimmt. Unbeirrt trägt er Indizien zusammen und folgt den Spuren, die zu lesen ihm vorbehalten bleibt, und die ihn schließlich zu dem Verschollenen führen werden.

Es ist nicht die Geschichte Beurmanns, die May nacherzählt, weder die des Entsandten eines Hülfs-Comités noch die des Verschollenen. Aber es ist ein auffallend ähnliches Afrika, in dem er seine Geschichte ansiedelt, ein Afrika, das sich in ethnographisch grundierte Episoden und Impressionen aufzulösen droht, um dann als physikalische Einheit wieder zusammengefasst zu werden, die erfahren und erforscht werden kann, ohne auf die „Widerwärtigkeiten“116 des kulturellen und politischen Lebens Rücksicht zu nehmen. Dieses Spannungsverhältnis von Natur und Kultur, das bereits das Titelkupfer von Petermanns Account illustriert, um es auf das Gegensatzpaar von Illustration und Karte zuzuspitzen, wird auch in Beurmanns Briefen entfaltet. Auch der reale Afrika-Forscher Beurmann durchwandert ein Abenteuer-Territorium, in dem er etwa auf eine entlegene Oase stößt, die den „Gasi“, berüchtigten Räubern, „als Stütz- und Ausgangspunkt ihrer Raubzüge“ dient, er hört von vergessenen Wegen, deren einziger Führer vor Jahren „in hohem Alter gestorben ist“, und von verschollenen Orten. Eine auf dem Weg von Wadai nach Bengasi – der Route, die ihm selbst verschlossen geblieben war – verirrte Karawane, oder, einer anderen Erzählung zufolge, ein den Spuren seines entlaufenden Kamels folgender Araber wären, kurz vor dem Verdursten, an eine Oase („Insel“) gelangt, die sie aber später trotz intensiven Suchens nicht wiederfinden konnten. „In der Beschreibung der Örtlichkeit kommen beide Erzählungen gut überein. Es ist ein durch Bäche bewässertes Thal, reich an Palmen und anderer Vegetation, so wie an Wildpret, das so zahm ist, dass man es mit der Lanze tödten kann.“ Dass die Übereinstimmung möglicherweise auch dem (u-)topischen Charakter dieses locus amoenus geschuldet sein könnte, schließt Beurmann aus, wenn er abschließend betont, es könne „kein Zweifel“ bestehen, dass den Einheimischen der Ort „sehr wohl bekannt ist, nur hat es Schwierigkeiten, Etwas aus ihnen heraus zu bekommen.“ Eine Anweisung für einen „etwaigen Nachfolger“, der die Spur aufnehmen möchte, kann er aber doch geben: Es muss „Sella als Ausgangspunkt gewählt“ und dort nach „Mohammed Säbi“ gefragt werden. Als müsse er sich selbst zur wissenschaftlichen Räson rufen, vermerkt Beurmann dann im folgenden Tagebucheintrag, dass er in der Nacht nach dem Ausflug in den Orient Karl Mays oder auch Scheherazades noch eine astronomische Positionsbestimmung vorgenommen habe – und so bekommt das verlorene Paradies zumindest einen Breitengrad: „25° 16’ 1“.117 Die Georeferenzierbarkeit eines orientalistischen Traums!

Es bleibt Beurmanns letzte Positionsbestimmung. Seine Tagebücher, die im Ergänzungsheft X der Mittheilungen publiziert werden, enden mit diesem Eintrag vom 30. Mai 1862. Es folgt noch ein kurzer Brief vom 13./21. Juni an Heinrich Barth, der die baldige Reise nach Wadai ankündigt. Und genau zu diesem Zeitpunkt hat auch Petermanns hoffnungsvollster Aufklärer die Grenze in die Welt der Gerüchte überschritten: „Das Letzte sind die Nachrichten über v. Beurmann’s Beraubung, wenn nicht Ermordung.“118 Auch wenn Petermann diese Gerüchte „konfus und wenig glaubwürdig“ erscheinen, präsentiert er die Quelle in voller Länge. Ein Telegraphenbeamter aus Malta berichtet, was ihm einen Tag zuvor der ehemalige englische Vize-Konsul in Bengasi „in die Feder diktiert“ habe. Diesem wiederum habe ein „Mann Namens Francesco Salemi, aus Scalati in Sicilien gebürtig“, erzählt, er habe zwei Jahre zuvor in Baghermi einen gefangenen Christen gesehen, „einen Mann von etwa 30 bis 32 Jahren mit kleinem gelben Bart und sehr langem, über den Rücken herabhängenden Haar von derselben Farbe“, ein „Deutscher, […] unter dem angenommenen Namen Abd el Wahid bekannt“. Dies ist das arabische Pseudonym, unter dem Vogel gereist war, und Salemi will auch dessen „Reise-Effekten in der Wüste gesehen“ haben und auch „Dr. Barth, alias Abd el Kerim“ begegnet sein. Schließlich will er Beurmann getroffen und einige Tage auf dem Weg nach Wadai begleitet, das Angebot, den ganzen Weg gegen Bezahlung mitzureisen, aber abgelehnt haben. Es habe angeblich auch einen Brief Beurmanns an den Vize-Konsul gegeben, aber Salemis Reisebegleiter, der ihn überbringen sollte, behauptet, ihn verloren zu haben. Nach einem eindringlichen Kreuzverhör Salemis und seines Begleiters kommt der Vize-Konsul zu dem Schluss, „dass Salemi es sich besonders angelegen sein liess, mir vollkommen begreiflich zu machen, dass Beurmann getödtet sein müsste, da er den Weg von Bornu nach Wadai eingeschlagen habe und die Bewohner dieser Länder im Krieg miteinander lebten. Dies sagte er aller Wahrscheinlichkeit nach in der Absicht, jeden etwa auf ihn fallenden Verdacht abzulenken.“ Die letzte Schlussfolgerung ist etwas gewagt, denn ohne die Aussage Salemis, die dieser völlig unaufgefordert gemacht hatte, hätte es gar keinen Grund gegeben, den Tod Beurmanns anzunehmen. Dem Vize-Konsul aber reicht der Verdacht, gestützt durch das Gerücht, dass Salemi wegen eines Totschlagsdelikts aus Konstantinopel verbannt worden sei, darüberhinaus angeblich eine ungewöhnlich große Geldsumme bei sich haben soll, die allerdings bei seiner Durchsuchung nicht gefunden werden konnte, um die Verhaftung des Zeugen zu veranlassen. Soweit, in verkürzter Form, der Bericht, der tatsächlich noch um einiges wirrer ist als in unserer Zusammenfassung. Darauf verweist auch Petermann, um aber zu bedenken zu geben, dass Salemi wohl identisch sei mit dem von Beurmann unter dem Namen Soliman „auf seinem Ausfluge nach Wau“ engagierten Diener, vor dem er „als einem schlechten Charakter gewarnt worden war“.119 Tatsächlich erwähnt Beurmann einen Soliman in einem Brief vom 28. April als Gegenstand eines Streits mit den Behörden in Mursuk, die den aus Konstantinopel Verbannten trotz eines von Beurmann erwirkten Freibriefs nicht gehen lassen wollen. Von einem schlechten Charakter ist hier aber nicht die Rede, nur von den guten Sprachkenntnissen Salemis, aufgrund derer Beurmann ihn mit auf die Reise nehmen möchte.120 Genügend Hinweise auf eine „Ermordung v. Beurmann’s Seitens dieses Menschen“ sieht Petermann denn auch nicht gegeben. Und er sieht sich darin bestätigt durch ein Schreiben des britischen Generalkonsuls in Tripolis, das aber erst im Verlag eingegangen sei, nachdem der Bogen mit dem ersten Teil der Salemi-Geschichte bereits gedruckt war. So kann noch im gleichen Heft, auf dem folgenden Bogen, der zunächst noch die Geschichte zum Abschluss bringt, zugleich der Widerruf hinzugefügt werden: Nachdem Salemi erneut „scharf ins Verhör“ genommen worden sei, habe sich gezeigt, dass seine Geschichte auf einer „nichtswürdigen Erdichtung“ beruhe. Auch wenn Salemi damit weder als Zeuge noch als Mordverdächtiger in Frage kommt, schließt Petermann mit der Klage, „dass zu den vielfachen Gefahren, die der Lösung der Aufgabe entgegenstehen, auch noch der Dolch des Meuchelmörders zu rechnen ist, der möglicher Weise dem Reisenden selbst beim Durchzuge durch die Grosse Wüste mit all’ ihren Schrecken von der Hand desjenigen droht, welcher ihm ein Diener und Beschützer sein sollte.“121

Mit diesem Hinweis aber ist Beurmann dann doch noch nicht ganz aus dem Zwischenreich zwischen Leben und Tod entlassen, in das ihn für knapp zwei Druckseiten – im Abgrund, der sich zwischen dem 12. und dem 13. Bogen oder zwischen den Seiten 94 und 95 des Ergänzungsbandes auftut – das Gerücht verbannt hatte. Zwar hat sich diese Todesnachricht nicht bestätigt, aber die Ausführlichkeit und die Konfusion, mit der sie diskutiert wird, zeugen auch davon, dass es kein sicheres Wissen über den Reisenden selbst gibt. Das gilt dann auch für den zweiten Deutschen, dessen Weg Salemi gekreuzt haben will: Zur „nichtswürdigen Erdichtung“ ist nun auch der gefangene Christ in Baghermi geworden, und damit hat auch Eduard Vogel nach wie vor keine Adresse – nicht im Land der Lebenden und nicht im Reich der Toten.

Das verworrene Geflecht aus Gerüchten, Widersprüchen und Widerrufen, unzuverlässigen Zeugen und vergeblichen Versuchen, durch detektivische Befragungen Klarheit in das Gewirr der Stimmen zu bringen, ist noch lange nicht aufgelöst. Fünf Jahre später, 1867, gibt es „Noch einige Nachrichten über Eduard Vogel und Moritz v. Beurmann“,122 nach einem weiteren Jahr meldet sich ein Mannheimer mit dem Bericht über „Meine Gefangenschaft in Abessinien“123 zu Wort und trägt so nochmals zum Topos des ‚Gefangenen der Wüste‘ bei. Und ebenfalls 1867 scheint sich die Geschichte abermals zu wiederholen mit dem „Gerücht von Gerhard Rohlfs’ Ermordung in Wadai“. Wiederum ist es der Ort von Vogels Verschwinden, wo ein „Deutscher Doktor“ ermordet worden sein soll, wiederum wird diese vage Nachricht über mehrere Instanzen vermittelt, wiederum wird ausgiebig die Glaubwürdigkeit der Zeugen diskutiert: „Seine Angaben waren, soviel ich beurtheilen konnte, ganz logisch, und zeichnete er mir das Innere des Sudan mit einem Stocke sehr korrekt in den Sand“124 – genau so überprüft auch der Held von Karl Mays Die Gum die Glaubwürdigkeit eines fragwürdigen Fremden. Die Herrschaft des Gerüchts währt diesmal recht kurz: Redaktionsschluss des Juli-Hefts der Mittheilungen war am 15. Juni, am 6. Juli erhält Petermann einen Brief, der die Ankunft Rohlfs in Liverpool meldet. Und so kann bereits das nächste Heft die Richtigstellung bringen, allerdings auf eine Weise, die die Spannung so lange wie möglich aufrechterhält, mit einem nicht enden wollenden Einleitungssatz, der zunächst nochmals die vielen „Opfer“ insbesondere unter deutschen Forschern ins Gedächtnis ruft, und die Gefahren „gerade auf dem nämlichen Wege, den Gerhard Rohlfs verfolgte“, wiederholt:

Nachdem in den letzten Jahren so viele Entdeckungs-Reisende ihrer Aufgabe zum Opfer gefallen waren, nachdem besonders auch Deutsche Forscher und gerade auf dem nämlichen Wege, den Gerhard Rohlfs verfolgte, ihren Wissensdrang mit dem Leben gebüsst haben - Adolf Overweg, Eduard Vogel, Moritz v. Beurmann -, nachdem endlich auch sogar Gerüchte von Rohlfs’ Tode nach Europa gedrungen waren, ist es eine ganz besondere Freude, diesen kühnen und ausgezeichneten Reisenden am Leben, ja im Augenblick wo wir dieses schreiben, ihn bereits auf Deutschem Boden zu wissen, zurückgekehrt von einer interessanten, wichtigen und erfolgreichen Reise.125

Länger kann man die Auflösung eines Satzes, eines Schicksals kaum hinauszögern.

Wo die Reisenden verstummen, setzt eine andere Rede ein, die des Gerüchts, die einer medienbewussten Spannungsdramaturgie und die einer kriminalistischen Spurensuche. Das bereits erwähnte Verhör, das der britische General-Konsul in Tripolis, Oberst Herman, mit Mohammed ben Sliman geführt hat, präsentieren die Mittheilungen in Form eines Protokolls über mehrere Seiten.

Ihr Name? – Mohammed ben Suleiman.

Ihr Geburtsort? – Kuka in Bornu.

[…]

Begegneten Sie auf Ihrer Reise nach Morzuk einem Christen (v. Beurmann)? – Ja, zu Aghadem.

Wo ging er hin? – Seine ursprüngliche Absicht war, nach Wara zu reisen, als er aber von mir die Einzelnheiten von Dr. Vogel’s Tod erfuhr, beschloss er, in Kaskaua an der Grenze zu halten und von jenem Punkt aus dem Sultan zu schreiben und die Herausgabe von Dr. Vogel’s Effekten zu fordern. Er wünschte, dass ich ihn begleitete, aber ich schlug es ab, weil ich einem gewissen Tode entgegen gegangen wäre.

Glauben Sie, dass sein Leben in Gefahr sein würde, wenn er nach Wara gehen sollte? – Ich glaube es und dieses sagte ich ihm.126

Mohammed ben Suleiman wäre demnach nicht nur Augenzeuge des Todes von Vogel gewesen, sondern auch der letzte Zeuge, der Beurmann gesehen hat. Wenn das stimmt, und wenn es weiterhin stimmt, dass Beurmann im Wadai ermordet worden ist, dann hätte er einmal mehr eine Warnung ignoriert und eine verbotene Grenze überschritten. Das muss nicht so gewesen sein, aber die Aussage Mohammeds – die keineswegs ‚wörtlich‘ überliefert ist, sondern als deutsche Übersetzung eines nachträglich erstellten englischsprachigen Protokolls des auf Arabisch geführten ‚Verhörs‘ – fügt der Geschichte, über die zuvor nur Beurmann selbst Auskunft gegeben hat, etwas hinzu. Mit dem fremden Blick auf Beurmann (wie verzerrt auch immer er protokolliert sein mag), taucht der Verdacht auf, dass dessen von ihm selbst als Tugend beschriebene Ungeduld ihn in den Tod getrieben haben könnte. In den Versuchen, das Dickicht der Gerüchte zu lichten, zersetzt sich die eine, autoritative Wahrheit, und es tauchen Varianten und Alternativen auf, die nicht mehr, wie die Koordinaten der Karte, rechnerisch zu bezwingen sind.

Wenn sich mit dem Verschwinden Vogels und Beurmanns die Darstellung von den Hauptartikeln (und damit von der ‚großen Geschichte‘ des geographischen Fortschritts) in die Geographischen Notizen verlagert, ändert sich der Stil der Darstellung grundlegend. Die Reiseroute ist nun nicht mehr durch Messungen definiert, sondern durch Begegnungen mit Menschen, die über das Schicksal der Verschollenen Auskunft geben, und der Blick ist nicht mehr in eine Zukunft gerichtet, die ständig neue, ‚verlässlichere‘ Daten produziert, sondern es geht um die Rekonstruktion eines vergangenen Geschehens. Die Texte, in denen das geschieht, nun meist in den Notizen, gleichen zunehmend einer Kriminalakte. Immer wieder ist ausdrücklich von Verhören die Rede, und mindestens ebensoviel Akribie wie das Zusammenfügen von Aussagen erfordert die Feststellung der Glaubwürdigkeit der Zeugen. Nicht mehr die Reduktion auf einfache Naturgesetze ist hier gefragt, sondern ein individueller Fall ist zu rekonstruieren, und dabei tritt neben das Wissen um Orte ein Wissen von Menschen.

Dies hat zwei Konsequenzen: Zum einen tummelt sich unversehens eine ganzen Reihe ‚fragwürdiger‘ Existenzen auf der afrikanischen Bühne, Abenteurer wie der Elephantenjäger Teodoro Evangelisti, wie Francesco Salemi alias Soliman oder Mohammed ben Suleiman. Ob die drei nun eine Person sind, und ob Salemi wirklich wegen eines Verbrechens an die Peripherie des Osmanischen Reichs verbannt gewesen ist oder nicht: Der Sizilianer spricht offensichtlich mehrere Sprachen und ist mit den politischen Verhältnissen vertrauter als die Reisenden. Dennoch gehört er zu jenen fragwürdigen Figuren, die, würden sie nicht irgendeine Auskunft über die Verschollenen versprechen, außerhalb der wissenschaftlichen Netzwerke geblieben wären, so wie bereits der erste Europäer in Timbuktu, René Caillié. Die wiederkehrende Behauptung, dass nur Europäer – und das heißt: seriöse Europäer im Dienst der Wissenschaft – „bestimmten Aufschluss erlangen werden“,127 kann man als – vergeblichen – Versuch verstehen, das Eindringen dieser Abenteurer einzudämmen.

Zum anderen tauchen nun zunehmend Zweifel am Selbstbild und der Selbstdarstellung der Forscher auf. Während die Nebenfiguren eine Stimme bekommen, verlieren die Helden an Souveränität. Wenn der Dolmetscher, den Beurmann mit viel Mühe engagiert hatte, ihn bereits nach wenigen Tagen im Streit wieder verlassen hat, wie hat er sich dann verständigt? Oder wenn Vogels Gesundheitszustand tatsächlich so bedenklich gewesen sein sollte, dass ein englischer Arzt in Tripolis „sich wundern müsse, wie man dazu gekommen sei einen solchen Mann nach einem so ungesunden und verderblichen Klima zu schicken; sein Magen habe nicht einmal Obst ertragen können, es sei also wohl sicher, dass die ungewohnten Nahrungsmittel ihn sehr bald aufs Krankenlager geworfen hätten, von welchem er aus Mangel an zweckmässiger Pflege nicht wieder aufgestanden sei“,128 wie verhält sich ein solcher Eindruck zum Bild des unaufhaltsam voranschreitenden Helden? Und wenn ein von Munzinger befragter Zeuge berichtet, Vogel solle „sich im Arabischen nur unvollständig haben ausdrücken können“,129 was soll man dann von seinen eigenen Darstellungen halten, denen zufolge er immer wieder mit hochgebildeten Würdenträgern der von ihm besuchten Städte über Politik, Religion und Kultur diskutiert oder sich in schwierigen Verhandlungen souverän behauptet haben will?

Solche Zweifel finden, anders als etwa fehlerhafte Positionsbestimmungen, die Petermann ausführlich diskutiert, kaum Eingang in die ‚offizielle‘ Version der Geschichte, aber sie zirkulieren in den Geographischen Notizen, mit denen die Mittheilungen auch eine Geschichtsschreibung des Marginalen und der Marginalien etabliert haben, die aufgrund ihrer Rastlosigkeit einen relativ unkontrollierbaren Raum öffnen. Hier entfaltet sich ein anderes Wissen, das an die Stelle energischen Voranschreitens und Reducirens die geduldige Relektüre alten Materials setzt, das Gewichten und Umgewichten des nur vermeintlich längst Bekannten, ein philologisches und ein kriminologisches Wissen, letztlich aber ein Wissen vom Menschen. Auch hier wird an Herrschaftstechniken gearbeitet, die mindestens so effizient sind wie die Karte, die in die von Foucault beschriebene „Episteme des Menschen“ gehören. Insofern gehört auch dieses Wissen in einen präkolonialen Kontext. Aber zugleich kommen Zweifel auf an der Verlässlichkeit solcher Techniken, Zweifel, die nicht nur die ‚fremden‘, sondern auch die vermeintlich ‚vertrauten‘ Subjekte betreffen.

Während die ‚großen‘ Geschichten, die in den Hauptartikeln erzählt werden, dem ‚realistischen‘ Modell der Karte verpflichtet sind, das richtige oder falsche Messungen, aber keine Grauzonen kennt, zersetzt sich in der Spurensuche und den Zeugenbefragungen, die durch das Verschwinden der Reisenden in Gang gesetzt werden, die autoritative Gewalt der einen Erzählung. Was die Spurensuche ‚entlarvt‘, sind nicht zuletzt die Suchenden selbst, die sich immer wieder in ihren rassistischen Stereotypen verfangen – und nebenbei auch die Verschollenen in einer Mischung aus Selbstüberschätzung und Naivität erscheinen lassen. Vielleicht ist auch dieser aufkeimende Selbstzweifel ein Grund, warum die Mittheilungen die Akte Beurmann recht schnell geschlossen haben, jedenfalls im Vergleich zu derjenigen Vogels – obwohl die ersten Nachrichten und Gerüchte sich in beiden Fällen kaum unterschieden.

Zum Kriminalfall gerät die Heimkehr eines verlorenen Sohnes in Theodor Storms Novelle Hans und Heinz Kirch, erstmals erschienen 1882 in Westermanns Illustrierten Deutschen Monatsheften. Die Verschollenheit des Protagonisten Heinz Kirch fällt, der inneren Chronologie der Erzählung zufolge, in den gleichen Zeitraum, in dem sich das Drama um Vogel und Beurmann entfaltet. Aber bei Storm ist es kein Märtyrer der Wissenschaft, sondern ein Seemann, der nach einem (in entscheidenden Passagen brieflich ausgetragenen) Konflikt mit seinem Vater den Kontakt mit der Heimat abgebrochen und seine Spuren verwischt hatte. In der kleinen Hafenstadt an der holsteinischen Ostseeküste, in der die Geschichte spielt, ist das kein besonders spektakuläres Ereignis:

Heinz war nicht wieder heimgekommen, er war verschollen; es fehlte nur, daß er auch noch gerichtlich für tot erklärt worden wäre; von den jüngeren Leuten wußte Mancher kaum, daß es hier jemals einen Sohn des alten Kirch gegeben habe.130

Den offenbar routinierten, durch die gerichtliche Todeserklärung abzuschließenden Amtsgang unterbricht der Verschollene jedoch, als er nach zwei Jahrzehnten zurückkehrt und nun doch für ein gewisses Spektakel in der kleinstädtischen Öffentlichkeit und in der Familie sorgt. Verantwortlich dafür ist ein „Gerücht“,131 das in dem Heimkehrer einen Betrüger sehen will, einen gleichzeitig mit Heinz Kirch verschwundenen Armenhaus-Zögling, der sich nun in die wohlhabende Kaufmannsfamilie einschleichen will. Selbst Vater und Schwester tun sich schwer, in den „rauen Zügen“ des „so wüst und fremd“ auftretenden Mannes den „feine[n] junge[n] Mensch[en]“ von einst wiederzuerkennen.132 Und so richtet sich nun ein wahrhaft kriminalistischer Spürsinn auf die Indizien, die eine Identität bezeugen könnten. Eines dieser Indizien ist eine Tätowierung, die der Jugendliche sich einst selbst beigebracht hatte, die aber auf dem von Narben überzogenen Arm des Mannes nicht mehr erkennbar ist. Der um Auskunft gebetene alte Arzt, der die Wunde des Jungen einst behandelt hatte, hält ein völliges Verlöschen für unmöglich – offenbar eine Fehleinschätzung, wie sich später herausstellen soll, denn der vermeintliche Betrüger hatte die gleiche Tätowierung, sie hätte also auch bei ihm verlöschen müssen. Der Text löst diese Rätsel nicht auf, sondern er nutzt sie, um auf die Ambivalenz eines immer nur vermeintlich sicheren Wissens hinzuweisen. Nicht nur Körperzeichen liefern nur scheinbar sichere Markierungen der Identität. Von einer anderen Verwirrung zeugt, indirekt, der Arzt selbst, der nämlich in der Kleinstadt als „Justizrat“ firmiert: „Der Justizrat war der alte Physikus; bei dem früheren Mangel passender Alterstitel hier zu Lande waren alle älteren Physici Justizräte.“133 Diese Verschiebung ist nur scheinbar nebensächlich für den Gang der Geschichte, in der sich Identität in verschiedene, physische, psychische, soziale und normative Dimensionen auffächert, die keineswegs immer kongruent erscheinen. So adressiert die Frage, die sich insbesondere dem Vater Hans Kirch stellt, eher eine normative als eine naturwissenschaftliche Autorität, also den Justizrat anstelle des Physikus. Sie betrifft weniger die biologische Vaterschaft als einen sozialen Zusammenhang: Ist derjenige, der sich so nachdrücklich der vom Vater vorgesehenen Rolle entzogen hat, noch ein Sohn? Es findet ein Gespräch zwischen Vater und Sohn statt, das sich dieser Frage annähert, das aber gerade im entscheidenden Moment abgebrochen wird durch den Auftritt der Schwester des Vaters, des bösen Geists der Erzählung. Sie bringt den Arzt mit ins Haus und setzt damit einem höchst fragilen Prozess der Erkenntnis und eines möglichen Anerkennens die vermeinte naturwissenschaftliche Autorität entgegen.

Zum einzigen Mal kommt in diesem Gespräch jenes Draußen zur Sprache, in dem der Sohn mehr als sein halbes Leben verbracht hat, „nur wilde See oder wildes Volk oder beides miteinander“. Ausgangspunkt ist ein Brief, in dem der Sohn nach zweijähriger Abwesenheit um Versöhnung gebeten hatte, dessen Annahme der Vater aber verweigert hatte. Dass der Brief unfrankiert war, galt dem Vater als hinreichendes Indiz für das ökonomische Versagen eines Sohnes, in dem er nicht mehr seinesgleichen erkennen und von dem er auch keine Nachricht lesen wollte. Und so gelangte der in Rio de Janeiro aufgegebene Brief nach sechs Monaten ungeöffnet zum Absender zurück. Eine bemerkenswerte postalische Leistung, „der Teufel hatte wohl sein Spiel dabei“, denn Heinz Kirch ist inzwischen weitergereist, auf fragwürdigen Schiffen und Routen, als ihn der Brief „in San Jago, in dem Fiebernest“ findet.134 Das teuflische ist jedoch auch ein weltliches Spiel. Wenn, wie Karl Ernst Laage im Kommentar der Sämtlichen Werke mit einiger Plausibilität vermutet, mit „San Jago“ die Kapverdische Insel Sao Tiago gemeint ist,135 dann ist der Brief, wie auch sein Verfasser, auf der ‚klassischen‘ Dreiecksroute des transatlantischen Sklavenhandels gereist, in dem die Insel vor der afrikanischen Westküste eine Schlüsselstellung einnahm.136 Und Brasilien gehörte um 1860, als der Brief von Rio de Janeiro nach Norddeutschland und dann nach Westafrika reist, zu den letzten amerikanischen Staaten, in denen der Sklavenhandel noch legal war. Das überschreibt den Welt(post)verkehr mit einem anderen, schwarzen Weltverkehr, von dem der Sohn dem Vater zu berichten versucht:

Wen Vaters Hand verstoßen, der fragt bei der nächsten Heuer nicht, was unterm Deck geladen ist, ob Kaffeesäcke oder schwarze Vögel, die eigentlich schwarze Menschen sind; wenn’s nur Dublonen gibt; und fragt auch nicht, wo die der Teufel holt, und wo dann wieder neue zu bekommen sind.137

Der Vater jedoch ist unaufmerksam. So, wie er einst den Brief nicht gelesen, sondern nur nach dem fehlenden Porto beurteilt hatte, hört er jetzt nicht die Worte, sondern nur den Klang der „Stimme, womit diese Worte gesprochen“, der ihm, „so wüst und fremd“, erneut zum Indiz für das zerrissene Band zwischen Vergangenheit und Gegenwart wird. Die Geschichte des Sklavenhandels fallenlassend, lenkt er die Aufmerksamkeit auf ein weiteres Indiz der körperlichen Zerrissenheit, nicht aber der seelischen oder sozialen Versehrtheit des Heimkehrers, auf eine Narbe, die dessen Gesicht entstellt:

‚Bist du mit Piraten im Gefecht gewesen?‘ – Ein desperates Lachen fuhr aus des Jüngeren Munde. ‚Piraten?‘ rief er. ‚Glaubt nur, Hans Kirch, es sind auch dabei brave Kerle! Aber laßt das; das Gespinst ist gar zu lang, mit wem ich all zusammen war!‘ – Der Alte sah ihn mit erschrockenen Augen an. ‚Was sagst du?‘ frug er so leise, als ob es niemand hören dürfe.138

Die leise Frage findet keine Antwort, denn nun unterbricht der lärmende Auftritt der Tante das Gespräch, das Vater und Sohn, der bis zu seinem erneuten Verschwinden nur noch der „Andere“ sein wird, nicht wieder aufzunehmen vermögen. Wie ein Kundschafter aus einer fremden Welt taucht der Verschollene in der Heimat auf, aber die Heimat will die Kunde nicht hören. Und so bricht er nach vierzehn Tagen zum zweiten Mal auf, und nun bleibt er endgültig verschollen. Nur der Vater wird ihn noch einmal sehen, in einer „wilde[n] Nacht“ zur „Zeit der Äquinoktialstürme“, als spukhafte Erscheinung, ein Schiffbrüchiger in der Stunde seines Todes. Aberglaube alter Seefahrer, so meint der Arzt, aber diesmal beharrt Hans Kirch auf seiner Intuition, dem Wissen des alten Seemanns: „Heinz hatte sich gemeldet, Heinz war tot, und der Tote hatte alle Rechte, die er noch eben dem Lebenden nicht mehr hatte zugestehen wollen.“139 Rechte, die sich aus keinem naturwissenschaftlichen und keinem juristischen Gesetz herleiten, sondern aus einem Blick in ein nicht zu kartierendes Anderswo, dem Ort des Verschollenen.

Man kann, wie wiederum der Arzt, dieses Anderswo als Reich der „Träume“140 beschreiben, als jenes „ungeheure Reich des Unbewußten, dieses wahre innere Afrika“ (Jean Paul),141 das in ein stabiles, kartierbares Raummodell zu übersetzen nicht nur die Medizin, sondern auch die Literatur des späten 19. Jahrhunderts zu ihrem Projekt gemacht hat.142 Bei Storm jedoch bleibt es ein Raum eigenen Rechts, dessen Existenz die Erzählung nicht in Frage stellt. Die wilde See, das wässrige, aquatische Milieu wird ihm dabei keineswegs zur Metapher eines wissenschaftlich noch nicht ganz zu fassenden Innern. Die eigentliche Provokation des geographisch-kartographischen Modells geht vielmehr von jenem Draußen aus, in dem sich Heinz Kirch bewegt. Storm hat eine stabile, präzise geschilderte Topographie entworfen, in der die kleine Hafenstadt mühelos als das holsteinische Heiligenhafen identifiziert werden kann, auf dessen Stadtplan die vielfältigen Wege der Protagonisten leicht zu verfolgen sind. Und auch der Verschollene bewegt sich, zwischen China, Amerika und Afrika, auf den gut kartierten Bahnen des Weltverkehrs. Gerade diese Lokalisierbarkeit im Realen aber macht das, was er dort erlebt hat, so bedrohlich, dass man es nur so leise aussprechen kann, „als ob es niemand hören dürfe.“ Die Kunde des Verschollenen stammt nicht aus dem ‚wahren inneren Afrika‘ der (europäischen) Psyche, sondern von einem Weltmeer, das Kolonialhistoriker als „Black Atlantic“143 beschrieben haben: Das „Gespinst“, das Heinz Kirch nur benennen, nicht aber aufzulösen vermag, verknüpft den regionalen Handelsverkehr auf Ost- und Nordsee, dem die kleinstädtischen Reeder wie Hans Kirch ihren Wohlstand verdanken, mit einem Weltverkehr, auf dem rechtschaffener Handel, Menschenhandel und Piraterie niemals klar zu trennen sind. Als Grenzgänger weniger zwischen Leben und Tod als zwischen Gut und Böse wird der Verschollene selbst zum Indiz, zum Symptom eines Traumas, das in keiner individuellen Psyche, sondern im Weltmeer residiert: Das Trauma einer Globalisierung, in dem das Andere der ‚christlichen Seefahrt‘ lauert, das Spiel des Teufels, das globale Spiel eines Kapitals, das niemals fragt, „was unterm Deck geladen ist“.

76

Mittheilungen 1855, S. 146f.

77

Vgl. Barth, Reisen und Entdeckungen, Bd. 4, S. 85-106; zu den abweichenden Schreibweisen vgl. Mittheilungen 1855, S. 8, Fn. 1.

78

Barth, Reisen und Entdeckungen, Bd. 4, S. 96.

79

Ebd., S. 102.

80

Ebd., S. 100.

81

Mittheilungen 1855, S. 9, S. 8.

82

S. o., S. 55.

83

Mittheilungen 1855, S. 146. Mit der von ihm häufiger aufgerufenen Analogie zum Reisebericht Antonio Pigafettas, des Chronisten von Magellans Weltumseglung, legt Petermann zugleich eine Spur zum Archiv und zur Geschichte des Perthes-Verlags. 1801 erschien hier Anton Pigafetta’s Beschreibung der von Magellan unternommenen ersten Reise um die Welt, hg. von den Gothaer Gelehrten Christian Wilhelm Jacobs und Friedrich Christian Kries. Die Kartenbeilagen dieses Buches waren zugleich die ersten bei Perthes erschienenen Karten.

84

Mittheilungen 1855, S. 147.

85

Dr. Eduard Vogel’s Reise nach Central-Afrika. 1. Abschnitt: Reise von Tripolis (durch Tripolitanien, Fessan, das Land der Teba) bis zum Tsad-See, März 1853-Januar 1854, in: Mittheilungen 1855, S. 237-259; S. 238. Zu Vogel vgl. auch: Florian Krobb, ‚An dem glühenden Ofen Afrika’s, da ist mein Plätzchen‘. Eduard Vogel und die Wege ins Innere, in: Herbert Uerlings/Iulia-Karin Patrut (Hg.), Postkolonialismus und Kanon, Bielefeld 2012, S. 181-206.

86

Mittheilungen 1855, S. 238.

87

Petermann, Account, S. 13.

88

Mittheilungen 1855, S. 237.

89

Mittheilungen 1857, S. 130.

90

Ebd.

91

Ebd., S. 323.

92

Ebd., S. 427f.

93

Ebd., S. 427.

94

Mittheilungen 1858, S. 40.

95

Ebd., S. 40f.

96

SPA ARCH PGM 039/05, Folio 886 verso.

97

Mittheilungen 1860, S. 318.

98

SPA ARCH PGM 189, Folio 13. Vgl. u., S. 174, Fn. 264.

99

August Petermann, Th. v. Heuglin’s Expedition nach Inner-Afrika, zur Aufhellung der Schicksale Dr. Eduard Vogel’s und zur Vollendung seines Forschungswerkes [darin das Exposé des Hülfs-Comité unter Vorsitz Seiner Hoheit des regierenden Herzogs von Sachsen-Koburg-Gotha vom 15. Juli 1860], in: Mittheilungen 1860, S. 358-362, S. 358. Petermann war nicht der einzige, der an dem Fall interessiert war. So richtet auch Otto Ale in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Die Natur“ einen „Aufruf an die deutsche Nation“, dafür zu sorgen, dass „der dunkle Schleier, der über der Geschichte des unglücklichen Vogel schwebt, endlich gelichtet“ werde (Die Natur, Februar 1860, S. 48).

100

Tatsächlich war das am Rand der Sahel-Zone gelegene Wara (Quara) zu diesem Zeitpunkt bereits nach einer mehrjährigen Dürreperiode als Regierungssitz aufgegeben und von den meisten seiner Einwohner verlassen worden.

101

Mittheilungen 1860, S. 360.

102

Ebd., S. 359.

103

Ebd., S. 361.

104

Ebd., S. 440f.

105

Mittheilungen 1861, S. 74f.

106

Ebd., S. 74.

107

Mittheilungen 1862, S. 346ff.

108

Mittheilungen 1863, S. 225ff. Vgl. auch den Briefwechsel zur „Instruction“ (Fn. 68) sowie zu Beurmanns Aufgaben (SPA ARCH 189, Folio 53). Vom 27.3.1863 datiert ist Petermanns letzter Brief an Beurmann, dem Petermann auch eine Karte beilegt (SPA ARCH 189, Folio 58); der dazugehörige Artikel erscheint dann im Juni 1863 in den Mittheilungen.

109

Mittheilungen 1864, S. 26.

110

Ergänzungsband 2/Ergänzungsheft 10, S. 94. Über Heuglin, der die erste Expedition zur Auffindung Vogels leitete, heißt es im Exposé, er sei „bekannt mit Sprache, Sitte und Natur Inner-Afrika’s“ sowie, als ehemaliger österreichischer Konsul in den Nil-Ländern, „in manche Verhältnisse eingeweiht, mit mächtigen Persönlichkeiten Inner-Afrika’s bekannt“ (Mittheilungen 1860, S. 359). Das ist, als das genaue Gegenteil der an Vogel und Beurmann gerühmten naturwissenschaftlichen Qualifikation, nicht nur lobend gemeint und vielleicht eine Vorausdeutung darauf, dass es zu einem heftigen Streit zwischen Heuglin und Petermann über Ziele und Verlauf der Expedition kommen wird (vgl. z. B. Mittheilungen 1862, S. 98 und SPA ARCH PGM 039/04, Folio 786).

111

Ergänzungsband 2/Ergänzungsheft 10, S. 91.

112

[M. v. Beurmann,] v. Beurmann’s Reise in Nubien und im Ägyptischen Sudan, in: Mittheilungen 1861, S. 369-371; S. 369.

113

Ergänzungsband 2/Ergänzungsheft 10, S. 87.

114

Karl May, Die Gum, in: Orangen und Datteln. Reiseerzählungen von Karl May, in: Karl Mays Werke, Historisch-Kritische Ausgabe für die Karl-May-Stiftung, Abteil. IV, Bd. 24, hg. v. Josef Jaser u. Joachim Biermann, Bamberg/Radebeul 2017, S. 11-137; S. 13f. (diese Fassung ist zuerst 1894 erschienen, eine frühere Fassung erschien im September 1877 in „Frohe Stunden“).

115

May, Die Gum, S. 19.

116

Beurmann, von Beurmann’s Reise, vgl. oben, S. 88.

117

[August Petermann/Bruno Hassenstein,] Moritz von Beurmann’s Aufenthalt in Mursuk und Reise von Mursuk nach Wau, in: Mittheilungen, Ergänzungsband 2/Ergänzungsheft 10, 1862, S. 84-96, S. 90.

118

Ebd., S. 94.

119

Ebd., S. 94f.

120

Ebd., S. 85.

121

Ebd., S. 95f.

122

Mittheilungen 1867, S. 1.

123

Mittheilungen 1868, S. 294.

124

Mittheilungen 1867, S. 275f.

125

Ebd., S. 311f.

126

Mittheilungen 1863, S. 225-227.

127

Mittheilungen 1860, S. 440-441.

128

Ebd., S. 441.

129

Mittheilungen 1862, S. 347.

130

Theodor Storm, Hans und Heinz Kirch, in: Sämtliche Werke, Bd. 3, hg. v. Karl Ernst Laage u. Dieter Lohmeier, Frankfurt a. M. 1998, S. 58-130; S. 83.

131

Ebd., S. 98.

132

Ebd., S. 99, S. 104, S. 99.

133

Ebd., S. 107.

134

Ebd., S. 98, S. 103.

135

Ebd., S. 822f.

136

Vgl. Philip Curtin, The Atlantic Slave Trade, Madison 1969.

137

Storm, Hans und Heinz Kirch, S. 104.

138

Ebd., S. 104f.

139

Ebd., S. 125.

140

Ebd., S. 126.

141

Jean Paul, Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele, in ders: Werke, hg. v. Norbert Miller, Bd. 6, München 1963, S. 1182.

142

Vgl. dazu Daniela Gretz, Das ‚innere Afrika‘ des Realismus. Wilhelm Raabes Abu Telfan (1867) und der zeitgenössische Afrika-Diskurs, in: Neumann/Stüssel (Hg.), Magie der Geschichten, S. 197-216.

143

Paul Gilroy, The Black Atlantic. Modernity and Double Consciousness, Cambridge/MA 1993.