Kapitel 7 „My heart is in the highlands!“ – Ein Nachruf auf die Verschollenen

In: Aus der Welt gefallen
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Am Ende einer ganzen Reihe von Briefen zwischen August Petermann und Karl Christoph Vogel, dem Vater des verschollenen Eduard Vogel, welche sich nicht nur über den vermissten „theueren“ Sohn und „Freund“, sondern im weitesten Sinne über naturhistorische und geographische Interessen austauschen, steht ein kurzer Briefwechsel zwischen Petermann und Vogels Schwester, Julie Vogel, die als zurückbleibende Vertreterin der Familie – zumindest vorübergehend – nach England emigriert ist. Ihr letzter sauberer, von Hand einer jungen Frau verfasster Brief bleibt jedoch nicht frei von Läsionen. Rein materiell und formal handelt es sich um ein Fragment, da die obere Hälfte ausgerissen ist – auch diese Botschaft ereilt partiell dasselbe Schicksal wie Julies Bruder und von zahllosen von den afrikanischen Forschungsreisenden versendeten Schriftstücken und „Effekten“: Sie gehen verschollen, verbleiben also in einem Zustand, der das Weshalb und Wohin nicht mehr klären lässt. Vor allem aber ist vollkommen unsicher, ob überhaupt noch von ihrer Existenz auszugehen ist. Ebensowenig lassen sich Tod oder Zerstörung nachweisen, die Dinge und Personen befinden sich in einem eigentümlichen Schwebezustand zwischen Sein und Nicht-Sein.

Diesem letzten Brief Julie Vogels geht ein Briefwechsel voraus, der nicht allein als reine Höflichkeitsbezeugung zu begreifen ist, in welchem Julie über ihr „Geschick“ und ihren Verbleib Auskunft gibt und sich zum Wohle einiger englischer Freunde Petermanns Rat einholt.

Als (scheinbar) letzte Botschafterin ihrer Familie hat sie „nach all’ den entsetzlichen Schicksalsschlägen die das Haus Vogel getroffen, […] für den Augenblick wenigstens eine liebe Zufluchtstätte in dem herrlichen Edinburgh gefunden“, so schreibt Julie Vogel am 30 July 1863, sieben Jahre nach dem Verschollengehen ihres Bruders und vier Jahre nach dessen wahrscheinlichem Tod.257 Edinburgh ist der Ort, wo auch Petermann mit seiner britischen Gattin „[v]or beinahe 20 Jahren“ „zwei der glücklichsten Jahre meines Lebens“ – wie er in seiner Antwort vom 3. [?] August 1863 formuliert – verbracht hat, bevor er aufgrund seiner Stellung im thüringischen Gotha gezwungen war, nach Deutschland zurückzukehren.258

Die Auskunft über Julies „Geschick“ nimmt einen tragischen Ton an und folgt einer inneren Logik der Zuspitzung, die auch die Mittheilungen bei ihren Berichten über das Schicksal der Reisenden vorantreiben, bevor sie – an das Schicksal eines weiteren Märtyrers oder die Bemühungen der neuesten Expedition anknüpfend – zur Tagesordnung übergehen. Mit Blick auf das Rohmaterial der Mittheilungen generell, die sich neben Itinerarien und Skizzen zur Kartenherstellung aus Briefen zwischen Verlag, Herausgeber, Forschungsreisenden und deren Familienmitgliedern sowie Kollegen speisen, stellt sich die Frage nach der spezifischen Zubereitung der Briefe auf eine solch öffentliche Rezeptionssituation: Dies gilt nicht allein für Auswahl und Inszenierung dessen, was die aus der Ferne Schreibenden zu überliefern willig sind, sondern auch in Bezug auf den Aus-Schnitt (durchaus wörtlich zu nehmen) und die Kompilation durch den Herausgeber der Mittheilungen, August Petermann. Von der Gattungsgeschichte des Briefes her gedacht, fragt sich, inwiefern er als (fiktives) Medium der Empfindsamkeit und bekenntnishafter Introspektion auf eine literarische Öffentlichkeit hin angelegt ist. Als den Merkmalskatalog des Briefes ausbeutende und reflektierende Gattung löst etwa der Briefroman die Vertrautheit in Richtung einer breit interessierten Öffentlichkeit auf, die nie hat intim sein wollen; und auch die Briefe der Forschungsreisenden – welche vorenthaltenen Details sich in philologischer Retrospektion auch immer offenbaren mögen – kalkulieren ihre Veröffentlichung im Regelfall mit ein. Schreibt Julie Vogel – literarisch gebildet wie ihr Bruder – ihre Briefe an August Petermann im empfindsamen Ton, so knüpft sie an ein längst überholtes Protokoll an, das dennoch zum Muster dient; dass ihr dies keineswegs rein zufällig unterläuft, davon legen ihre Verweise auf diverse literarische Traditionslinien, aus denen sich ihre Passion zur Schriftstellerei speist, beredtes Zeugnis ab. Brief und Zeitschrift inszenieren sich gleichermaßen als Organ von Öffentlichkeit – und es stellt sich die Frage, inwieweit die Zeitschrift sich der Potentiale des Briefromans bedienen, bzw. ob der Brief sich als Medium kollektiver Mitteilung oder gar vielstimmige Kommunikationssituation in Szene setzen könnte: als mehrstimmiger Dialog innerhalb einer Zeitschrift. Kultur- und gattungsgeschichtlich ließe sich weitergehend nach den Wechselwirkungen zwischen Brief und Zeitschrift und deren gegenseitigen Anleihen fragen. So weist Hildegard Kernmayer nach, dass „[…] die Zeitung selbst aus einer epistolären publizistischen Praxis, nämlich der Verbreitung von Nachrichten über das Medium der ‚Geschriebenen Zeitung‘, hervor[geht].“ Insofern nimmt der Brief im 16. Jahrhundert seinen Ausgang als öffentliches Medium, um dann seit dem 18. Jahrhundert „mit der Ausweitung des Pressewesens und der Übernahme der öffentlichen Nachrichtenverbreitung durch die Zeitung“ zunehmend privatisiert zu werden.

Seit dem 16. und noch bis ins 18. Jahrhundert nachweisbar, stellen ‚Geschriebene Zeitungen‘ nichts anderes als handschriftliche Sammlungen von Neuigkeiten dar, die in Briefform übermittelt, abgeschrieben und weitergegeben werden. Befördert wird die Entwicklung dieser Form der brieflichen Nachrichtenübermittlung zuerst durch die weitreichenden Geschäftsbeziehungen einzelner Handelshäuser. Daneben haben Politik und Diplomatie, aber auch überregional vernetzte Gelehrtenkreise Interesse an der überindividuellen Verbreitung von Nachrichten. In den ‚Geschriebenen Zeitungen‘ offenbart sich auch die Rolle des Briefs als ursprüngliches publizistisches Genus.259

Dass die Geschichten und Schicksale der Forschungsreisenden in den Mittheilungen als eine Art Fortsetzungsroman in (und aus) Briefen lanciert werden, verhält sich beinahe spiegelverkehrt zur Tradition einer – seit dem 18. „und speziell im 19. Jahrhundert“ zunehmend beliebten Reiseliteratur in Briefen.260 Auch das intrikate Verhältnis von Fiktionalität und Faktualität schärft sich vor diesem Kontrast: können doch die Briefe der Reisenden keineswegs mehr als Rohmaterial der Zeitschrift begriffen werden, wohingegen die in Briefen verfasste Reiseliteratur als reines Formenspiel betrieben würde, die das Reisen womöglich nur als Ereignis auf dem Papier statthaben ließe. Herausgeber und Autor verschmelzen in beiden Fällen untrennbar miteinander, wenngleich sie in der Zeitschrift bisweilen noch als zwei oder gar mehrere Stimmen ‚enttarnt‘ werden können. Der im 19. Jahrhundert überkommene Briefroman findet in Petermanns Mittheilungen als Melange von Reiseliteratur, Zeitung und wissenschaftlichen Abhandlungen seine Fortsetzung – oder gar seinen Fortsetzungsroman. Diese wird in ein breit gestreutes konvoluthaftes Wissen, das die Narration unterbricht und von ihr ablenkt, eingelassen: als Versammlung von in unterschiedlichen Disziplinen und Lebenswelten beheimateten Diskursen für Spezialisten und Laien sowie von weltweit verortbaren geographischen Daten und Fakten, die als Fremdkörper Einzug in das bestehende Weltwissen halten. Petermanns Mittheilungen sind Organ der Verwissenschaftlichung, öffnen sich jedoch durch die Literarisierung der Schicksale der Reisenden261 für Laien und entfalten durch die in ihnen angelegte Breite und Öffnung enzyklopädischen Charakter.

Weitergeleitete Briefe fungieren demnach nicht allein als Basis wissenschaftlicher Untersuchungen und aktuellster Karten, sondern eben auch als Fundgrube abenteuerlicher, mitunter abwegige Züge annehmender Geschichten. Zuletzt aber stiften sie – neben den Machtverhältnissen, die sie durch die Hierarchien der Weiterleitung begründen – ein emotionales Band zwischen (aus sehr unterschiedlichen Gründen) an den Reisen interessierten Personen. Dies klingt im elegischen Ton Julie Vogels dann folgendermaßen:

Sie waren der Freund meines lieben, lieben Bruders Eduard und deshalb auch, vielleicht ohne ihr Wissen, unser Aller Freund. – Väterchen und die liebe, liebe Mutter haben Sie so innig geschätzt, und jeder Brief von Ihnen wurde mit solcher Freude begrüßt. – Brachte er doch auch so oft einen leisen Hoffnungsschimmer über den lang Beweinten. – Nun freilich ist Alles, Alles dahin, und Gottes Gnade hat die armen Aeltern dafür bewahrt das Letzte, Schreckliche zu erfahren. Sie haben noch gehofft bis zum letzten Hauch. – Oft kann ich es nicht fassen daß ich es überleben konnte dies furchtbare Geschick, in einem Jahr Vater, Mutter, Großmutter leiden und sterben zu sehen, und nun auch den geliebten Bruder zu verlieren den doch im tiefsten Herzen wir Alle noch lebend glaubten und hofften.

Sponnen die Briefe Petermanns einen Faden der Hoffnung im Gewirr der Nachrichten über den verlorenen Sohn oder hielten sie bei ausbleibender Kunde eine lose Verbindung aufrecht, so sucht auch Julie Anknüpfungspunkte in der Zukunft, um als alleinstehende Frau ein selbstbestimmtes Leben führen, einen Neubeginn wagen zu können: „Hier, bei den treusten, beßten Freunden, hoffe ich wieder Lebensmuth zu gewinnen den ich so sehr für alle meine Zukunftspläne brauche. –“ Hintergründig verweist die Selbstfindung der jungen Frau innerhalb der epistolären Kommunikation auf den Brief als Medium der Subjektkonstitution in der Epoche der Empfindsamkeit. Julies Selbstverortung geschieht hier – gewissermaßen doppelt von Traditionen geläutert – unabhängig von Rollenklischees, welche ihr die Familie noch auferlegen könnte. Sie bewegt sich über geographische und gesellschaftliche Grenzen hinweg ganz in den Beziehungsnetzen der Freundschaft, die keine in Briefen beschworene mehr ist, sondern ihr den realen Ortswechsel erlaubt und als Akteurin geschlechtsübergreifender Konsultation Rat einholen lässt.262 Geschickt übergeht Julie hier gar die Autorität des Mannes über das Argument der Expertise, welche in bestimmten Fällen eben gerade der Frau zukommen kann.

Zunächst geht es indes nicht um Julies „Zukunftspläne“, sondern um die einer befreundeten schottischen Familie, die – so lässt sich aus Julies Angaben schließen – sich mit dem Gedanken trägt, aus finanziellen Gründen zumindest vorübergehend nach Deutschland, „am Liebsten“ nach Gotha überzusiedeln. Julie befragt Petermann, um ihren eigenen Aussagen zum Thema Auswanderung mehr „Gewicht verleihen“ zu können – im Grunde aber erkundigt sie sich nach der Meinung von Petermanns werther Gattin, der als Engländerin das letztgültige Urteil über die Migrationsfrage obliegt.

Eine liebenswürdige mir befreundete englische Familie ungefähr 8 Personen wünscht so sehr auf ein Jahr ihren Aufenthalt in Deutschland, und am Liebsten in Gotha zu nehmen, und möchte nun so gern etwas Näheres über das Leben dort erfahren. – Da komme ich dann mit dieser Bitte zu Ihnen, verehrter Herr Doctor, und Sie, der Sie das englische Leben so kennen, Ihre liebenswürdige Frau, als Engländerin, die Vortheile und Nachtheile eines solchen Umzugs aber am Besten beurtheilen kann, werden meinen Freunden den einzigen Aufschluß geben können.

Zweifelhaft bleibt, ob Gotha nun tatsächlich der geeignete Ort ist, um „die Erziehung der älteren Töchter zu vollenden“ oder vielmehr die Frage im Zentrum steht, „[o]b Leben und Lebensmittel dort billiger wie in England, weit billiger sind“ und „[o]b wirklich Gotha in dieser Hinsicht andern Städten vorzuziehen ist.“ Auf Julies Nachfragen im Dienste der Freunde antwortet Petermann in einem Brief vom 3. [?] August ausführlich, man könnte beinahe sagen, engagiert. Dabei gerät nicht nur die Frage nach den Lebenshaltungskosten, sondern besonders der kulturellen Akklimatisation in den Blick:

Leben & Lebensmittel sind allerdings billiger hier als in England, allein nur für die, die sich einzuschränken wissen. Ich bezweifle, daß eine Familie aus [Schottland] oder England hieher versetzt wesentlich billiger leben könnte als dort. Ich glaube, daß nur Reiche und Wohlhabende billiger hier leben können als dort, weil sie mit weniger show und Aufwand wegkommen, daß dagegen eingeschränkt Lebende eben so billig dort leben können als hier. [ ] In Gotha mag Manches billiger sein als in größeren Städten Deutschlands, ohne deßhalb einen passenden Aufenthaltsort für englische oder schottische Familien abzugeben. Gotha ist sehr klein und kleinstädtisch and the range of comfort required by any English or Scotch [exceedingly] limited. Vor einigen Monaten erst kam eine Englische Familie von 9 Personen hieher, um angenehm und billig zu leben und den Kindern eine gute Erziehung zu geben. Sie konnten es schon nach 6 Wochen nicht mehr aushalten und siedelten nach Dresden über, in der Voraussicht, dort [weit] angenehmer und mindestens eben so billig zu leben als hier. Dazu kommt ein [abnorm] rauhes Klima, [worin] sich Gotha vor fast allen Städten Deutschlands auszeichnet, und welches viele Auswärtige [absolut] nicht vertragen können.

Insbesondere im Kontext der afrikanischen Forschungsreisen, die Petermann im Dienste der Wissenschaft nachdrücklich vorantrieb, nimmt sich sein Rekurs auf das gothaische Klima geradezu zynisch aus, wenn man bedenkt, dass gerade Julies Bruder Eduard Vogel eine schwache angegriffene Gesundheit nachgesagt wurde, die dem extremen afrikanischen Klima kaum lange Zeit Stand halten könne. Skrupel, Vogel nach Afrika zu entsenden, scheinen Petermann jedenfalls nicht befallen zu haben, obgleich er zugibt, „daß ich die erste Veranlassung zu seiner Reise war“ und daraus offenbar eine Art Verantwortung gegenüber Julie Vogel und ihren Freunden ableitet. Speziell Petermanns Fallbeispiel wirkt, da es so passgenau auf „eine Englische Familie von 9 Personen“263 gemünzt ist, hochgradig inszeniert – und auch die Wertschätzung des Bruders nimmt den Ton der Mittheilungen an, wenn Eduard als Märtyrer deutscher Wissenschaft angerufen wird.

Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß ich um den verschollenen Eduard mit Ihnen wie um einen Bruder traure, darf ich es doch auch nie vergessen, daß ich die erste Veranlassung zu seiner Reise war. Doch müssen wir uns auch an [ ] dem ehrbaren Beispiel seines Märtyrerthumes erheben und trösten; ein Unternehmen wie das seinige war, ist stets ein Kampf auf Leben und Tod, und mit welcher Opferbereitwilligkeit ging er weg! [Lebenslustig] wie er war, war ihm doch das Leben nichts in der Verfolgung seines hehren Zieles. Er fiel auf dem Felde seiner Ehre, ein Opfer auf dem Altar der Wissenschaft; aber nicht umsonst: der Name Vogel ist ein [household] word geworden im ganzen weiten deutschen Vaterlande und weit darüber hinaus, überall wo Deutsche leben, oder wo Bildung überhaupt zu [Hause] ist. Wohl manch’ ein König, manch’ ein Kaiser möchte unsern Eduard beneiden um sein Land! Darum liebe Freundin, dürfen wir aber auch stolz sein auf ihn und unsere Augen aus der Trauer erheben! Sein Werk lebt fort, und aus der kleinen Schar, die seinen Spuren unmittelbar folgen sollte, ist Einer schon gefalln, - Dr. Steudner, einer der [ ] und tüchtigsten; von Beurmann, einem gleichfalls ausgezeichneten Menschen, habe ich seit einem vollen Jahr gar keine Nachricht.

Als müsse Petermann das „deutsche[ ] Vaterland[ ]“ gegen sich selbst verteidigen, schiebt er seinem absagenden Urteil über das Leben in Deutschland den Abgesang auf den patriotischen Märtyrer nach, der sogar den Vaterlandsneid als Motiv aufnimmt, das sich um den wissenschaftlichen Wettstreit rankt. Auch Vogels Vorgänger Heinrich Barth betont in seinen Briefen wiederholt und zunehmend polemisch jene Konkurrenz zwischen deutscher und englischer Nation – und auch hier lassen sich über die Jahre deutsch-englischer Zusammenarbeit sowie Eifersüchteleien Sympathieverschiebungen nachzeichnen. Während Petermann selbst, ferner Figuren wie Heinrich Barth, Eduard und Julie Vogel oder Freiherr von Tauchnitz sich als Grenzgänger zwischen den europäischen Nachbarn noch recht unbefangen bewegen, scheinen Petermann und Barth von ihrer seit jeher alltäglichen Kooperation mit britischen Kollegen und Institutionen gelegentlich rhetorisch Abstand zu nehmen. Im Falle Petermanns bleibt trotz aller Märtyrerbeschwörungen einzuräumen, dass er sich etwa zwischen 1864 und seinem Suizid 1878 (und auch nachfolgend hielt die Korrespondenz zwischen Bates und dem Perthes Verlag bis 1890 an) regelmäßig mit Henry Walter Bates als Assistant Secretary der „Royal Geographical Society“ in London, besonders in Form von Kartenmaterial, höflich austauschte. Demgegenüber inszeniert sich Barth laut seinem Brief vom 14. Oct. 1855 in einem Vortrag vor der Berliner Geographischen Gesellschaft als Verteidiger „[…] deutscher Wissenschaft vor der angesehensten Nation der Welt [ ] gegen jämmerliche Angriffe einiger gemein gesinnter Mitglieder der Royal Geographical Society“, wenngleich er nicht nur an dieser Stelle die mangelnde finanzielle Unterstützung der Forschungsreisen von deutscher Seite beklagt; er „bis diesen Tag, nicht einen Silbergroschen von der Berlinischen Geographischen Gesellschaft erhalten habe, also durch kein andres Land gegen sie verpflichtet bin als ein rein geistiges.“264 Die ideologischen und ökonomischen Abweichungen (Liberalismus, Reformträgheit, Militarismus, Freihandel) beider Nationen lassen sich demnach nicht passgenau auf die wissenschaftliche Konkurrenzsituation abbilden.

Das im obigen Zitat konservierte fortlebende „Werk“ Vogels, an dem sowohl die deutsche als auch die englische Nation Interesse hegen und von dem keinesfalls gesichert ist, was es denn eigentlich enthalten solle, da alle „Effekten“ Eduards verlorengingen, wird durch die seinen „Spuren“ folgende „Schar“ gerade nicht sichergestellt oder kontinuiert, da die Suchenden auf der Suche nach dem Verschollenen selbst verschollengehen oder ihr Leben lassen. In Petermanns Rhetorik scheint dieses Verschollengehen sich indes geradezu zum Ziel der Suche zu verkehren, und die ausbleibende Nachricht die Authentizität ernsthaft betriebener Forschungsbemühungen abzusichern. Sie ist etwas, auf das man im Gefecht um den wissenschaftlichen Fortschritt stolz sein kann.

Petermanns persönliches sowie professionelles Interesse fokussiert sich primär auf die Erstellung neuen, aktualisierten Kartenmaterials, das immer weiter in unbekanntes Gebiet vordringt, und auf die Vermarktung der Märtyrergeschichten, die – so könnte man fast sagen – als Abfall(s)-Produkt dieser Karten entstehen. Naturhistorisches Wissen ist für ihn etwa nur insofern erheblich, als es zur Korrektur oder Spezifizierung jener Karten beiträgt: So weiß er an Vogels Befähigung als Naturforscher einzig dessen astronomische Kenntnisse zu schätzen, von denen er sich präzisere Messdaten zum Zwecke der Kartierung erhofft. Teilt Eduard Vogels Vater einerseits Petermanns kartographische Passion und tauscht Materialien mit ihm aus265, so sieht er sich andererseits mit dem Problem konfrontiert, die naturhistorischen Forschungen seines Sohnes zu verwalten. Deren vorgebliche Bedeutsamkeit in Fachkreisen klingt wie ein oft wiederholtes Mantra zur Manifestierung eines greifbaren Nachlasses seines Sohnes.266

Dr. Karl (Christoph) Vogels kartographischer Leidenschaft und pädagogischem Eifer entspringt eine „beifolgende Probe“ zu einem „neuen [K]artographischen Versuche den ich im Interesse des Unterrichts gemacht […] habe“, welche dessen Brief vom 21. Januar 1856 enthält.267 Vorteil dieses Werkes sei, dass es „auf ein Stück gedruckt wird, [u] daher nicht erst zusammengesetzt zu werden braucht“. Es handelt sich um eine auslöschbare, aus diesem Grund multifunktionale Karte.

Den Schwerpunkt ihres Werthes sehe ich darin, daß sie ganz nach Bedürfniß beschrieben, mit Linien aller Art bezogen werden u doch mit Hülfe eines nassen Schwammes wieder zu ihrer ursprünglichen einfachen Grundbeschaffenheit zurückgeführt werden kann, so daß sie heute zu Demonstrationen für die physikal. Geographie, morgen für die politische u ein andrer mal wieder für die historische gebraucht werden kann.

In der abwaschbaren einzuebnenden Karte äußert sich ein Phantasma gelungener Geographie: nivelliert sie doch die Furchen und Unwägbarkeiten des realen Geländes ebenso wie die Prozesse fortgesetzter Revision und Korrektur. Man kann jedesmal von vorn beginnen, um eine weitere Perspektive zu entfalten – auf der Basis einer gesicherten, stabilen, allen Auslöschungen gegenüber resistenten Topographie. Mögliche Vorarbeiten oder überholte Einträge fallen dem Vergessen anheim und gehören dennoch dem materialen Gedächtnis der Karte an. Dass Kartenherstellung Transformationsprozessen unterliegt und die Sichtbarmachung oder das Verbergen jener Prozesse an den wunden Punkt der Epistemologie der Karte selbst rührt – daran erinnert der Schulgebrauch der Karte.

Im Brief an Julie, der Eduards Märtyrertum entfaltet, proliferiert Petermann wider besseren Wissens die Rede vom „verschollenen Eduard“, er fügt sich Julies Herzenswunsch nach Eduards Fortleben, dem auch der Vater durch Aufzeichnung (s)eines Werkes Unsterblichkeit zu verleihen sucht. Ähnlich wie es bisweilen in den Mittheilungen der Fall ist, nimmt Petermann auf die Bedürfnisse möglicher Rezipienten Rücksicht, indem er Informationen verschweigt, ihre Offenbarung aufschiebt, deren Geltung in Frage stellt oder gar nachträglich widerruft, was der Komposition der Briefausschnitte – gerade in ihrer die Sprecher bzw. Korrespondenzpartner wechselnden Verknüpfung – deren eigentümliche Chronologie verleiht. Discours und Histoire der Mittheilungen verlaufen – gerade weil sie sich auf ‚authentisches‘ Material beziehen – nicht parallel oder deckungsgleich.

Petermann und Julie teilen indes noch eine weitere Redeweise oder – sollte man besser sagen – Sprache: die Englische. Sie ist es, die „Eduard“ im Verlauf der Briefe zu „Edward“ werden, Petermann den Hinweis „and the range of comfort required by any English or Scotch exceedingly limited“ einstreuen, das „household word“ Vogel in den deutschen Sprachschatz eingehen und Julie ihren letzten Brief „[e]ver your[s] truly Julia Vogel“ unterzeichnen lässt. Beide teilen zudem die Liebe zu Edinburgh, das zum Dreh- und Angelpunkt des verhohlen ausgedrückten Konkurrenzverhältnisses zwischen dem spießbürgerlichen Deutschland und dem libertinären England avanciert: ein Ort, an dem eine verwaiste junge Frau ihr Glück als Schriftstellerin suchen kann, der aber einem alternden Kartographen nach über 20 Jahren ‚Exil‘ im Vaterland keine Rückkehr mehr gewährt.

Julies Zukunftspläne speisen sich aus ihrer Erziehung, die – ähnlich wie die ihrer Brüder – auf Naturbeobachtung fußt, die in ihrem Fall jedoch (gendergetreu) stärker romantisierende Züge annimmt. Sie speisen sich aber auch, und darüber legen ihre Briefe – ebenso wie die ihres Bruders Eduard – beredtes Zeugnis ab, aus einer literarischen Passion: in ihrem Fall aus einer literarischen Passion für England.

Das Erbe der Familie fortführend, sammelt auch Julie geologische Beobachtungen sowie Naturalien, nicht ohne Petermann – beinahe selbstbewusster als ihr Bruder – ein mögliches Forschungsfeld aufzuschlüsseln. Während Julies erster Brief vom 30. July 1863 von ihrem derzeitigen Aufenthaltsort, ihrer „Zufluchtsstätte“ „Edinburgh“ und den „Schicksalsschlägen“ ihrer Familie berichtet,268 verweilt sie im zweiten Brief nicht mehr an einer Stelle, sondern begibt sich (im zweiten und letzten Brief) auf die Reise, offeriert eine kleine Reisebeschreibung, die sie von der Küste (Elie) ins schottische Hochland (Perthshire bei Crieff), schließlich bis nach London führt. Und auch ihr Aufenthalt in London steht im Zeichen der Bewegung, einer Sentimental Journey, in deren Verlauf sie die Stationen ihres Bruders aufsucht269:

Waren Sie in Elie? Ich denke es muß dort solch’ reiches Feld für Entdeckungen aller Art sein. Diese seltsamen Formationen der Felsen, diese Höhlen worunter die Macduffscave die bedeutendste, dürften selbst für Weitgereiste unendlich interessant sein. – Sie sehen ich bin noch ganz voll von [Seeerinnerungen] und Sie würden lachen wenn Sie sehen könnten wie [nun] mich freue, Muscheln aller Art, getrocknet[es] ‚see weeds‘, Steine, auch sogar Granaten, alle selbst gesucht, oft mit großer Mühe, liegen, und mich lebendig an die frohen Wochen in Elie [mahnen].

Julie holt die Forschungsinteressen der Reisenden nach Hause, nach Europa, spezifischer nach Schottland, welches mit seinen Highlands ein faszinierendes Panorama entfaltet, das – im Gegensatz zum Hochland von Wadai, wo ihr Bruder verschollen geht – benennbare Orientierung verheißt, zudem ein In-die-Tiefe-Gehen erlaubt.270 Diese Tiefen, „selbst für Weitgereiste unendlich interessant“, gälte es näher zu erforschen – und auch hier böte es sich an, materiale Zeugnisse zu sammeln, die eine ähnliche Funktion wie das Strandgut, die „Seeerinnerungen“ Julies, übernehmen könnten. Überhaupt tritt Julie als Verwalterin von (familiärer) Erinnerung auf, die sie – dem literarischen Talent der Familie entsprechend – gleichsam als Suchexpedition der Memoria abzuwandern weiß. Das Abwandern wird auch hier in mehr oder minder heimatlichen Gefilden nachvollzogen, stellt eine Sentimental Journey dar, die sich mit Julies literarischer Passion trifft. Als vielseitig talentierte und interessierte Forschungsreisende knüpft sie nicht allein an geologisch-geographische Passionen von Vater und Bruder an, sondern verfolgt auch kulturhistorische Pfade, die gleichsam die Marksteine ihrer eigenen Begabung passieren lassen.

Ach dies Schottland ist gar zu schön. Die Krone aber ist und bleibt doch: Edinburgh. Nie, nie werde ich den Eindruck vergessen den diese schönste Stadt auf mich gemacht. – Ich habe Ihnen ein Bildchen beigefügt der Aussicht die ich so unendlich liebe. – Wir wohnen so nahe dem Calton Hill und sehen diesen Blick so oft. – Dazu kommen noch die historischen Interessen, und die Jugendschwärmerei für Walter Scott, und Sie können denken wie ich wie in einem Feenmärchen zu leben glaube.

Ihre „Jugendschwärmerei für Walter Scott“ lässt Julie die Landschaft märchenhaft wahrnehmen, und deren Abschreiten weckt weitere Anklänge an die schottische poetische Tradition: Landschaft und Poesie gehen eine enge Verbindung ein, welche beides unisono (er)tönen lässt. Das Landschaftsbild, das Bestreben, „ein Bild davon“ zu geben, das der empfindsamen Erfahrung, den „reizendsten Touren“ mit den „treuen Freunde[n]“, korrespondiert, mündet in den emotiven Ausdruck par excellence und lässt sich nurmehr besingen: ein Vorgang, dessen Eingängigkeit Julie aufruft, wenn sie in der Nachfolge von Walter Scott auf Robert Burns verweist: „ich weiß nun warum Burns singt: My heart is in the highlands! –“ Im Medium der Empfindsamkeit festgehalten, aufgeschrieben, nicht ausgerufen, nimmt Julies Brief freilich weiterhin die Funktion der Verwaltung des literarischen Erbes und der Erinnerung wahr – und so nimmt es nicht wunder, dass sie, gewissermaßen entgegen ihren eigenen Bedürfnissen und aus einer Art Verpflichtung gegenüber ihrem verschollenen Bruder und verstorbenen Vater, dessen „letzte[n] Wunsch“ erfüllend, die Stationen der Memoria aufsucht.

Doch wie alles Schöne enden muß so denke ich auch gegen Ende October dies liebe schöne Edinburgh zu verlassen um einer Einladung nach London zu folgen wohin mich, Sie wissen es, tausend liebe und doch so trübe Erinnerungen ziehen. Ich will alle Plätze aufsuchen wo unser Edward gewesen ist. Ich will die Sternwarte sehen, und wo möglich hineingehen wo unser lieber, lieber Verschollener, so oft nach seinen Lieblingen den leuchtenden Sternen gesehen. – Sie haben ihn doch himmelan gelockt und gezogen. – Gern hätte ich Berthold Seemanns Adresse, ich möchte ihn aufsuchen, er war solch’ lieber Freund uns Allen. – Ich werde in London bei Dr. Smith 76 Avenue Road – St Johns Wood wohnen. – Ich fürchte mich und freue mich London zu sehen. Ach es war des geliebten Vaters letzter Wunsch mit mir dort das Andenken unsres Edwards zu feiern. –

Die Furcht vor den Orten der Erinnerung lässt Julie erschaudern, und doch kann sie nicht anders, als sich dieser Erfahrung auszusetzen. Gleichsam von den Toten verfolgt – „[n]un die theuren Aeltern begleiten mich ja beständig, sie sollen auch bei dieser meiner traurigen Wanderung nicht fehlen.“ – feiert sie ein doppeltes Totengedenken, „liebe“ und „trübe Erinnerungen“ besetzen die „traurige[ ] Wanderung“ mit Furcht und Freude zugleich, machen sie zu etwas, das, wie ein Schauerroman, gleichermaßen anzieht wie abstößt.

Als Schauplatz der Erinnerung gemahnt London zudem an den ersten Grund, welcher Vogel Petermann als geeigneten Kandidaten für die Erfüllung seiner kartographischen Passion erscheinen ließ. Dessen astronomische Begabung, der Griff nach den Sternen, verheißen sein Schicksal: „himmelan gelockt und gezogen“ besiegeln die „leuchtenden Sterne[ ]“ seinen frühen Tod.

Landschaftsbegehung und literarische Traditionslinien verlassend, nunmehr in die Gefilde der Wissenschaft vordringend, bedarf Julie eines Fürsprechers, der „Zutritt zu der Sternwarte“ verschafft und ihre Sentimental Journey von männlicher Seite legitimiert. Die Zukunft der jungen Frau, der sich, von der Familie abgeschnitten, neue Betätigungsfelder eröffnen, liegt noch offen vor ihr, scheint jedoch weiterhin typisch weiblich codiert und auf männliche Unterstützung angewiesen. Das familiäre Erbe literarischer Begabung lässt sich möglicherweise für eine relativ selbstbestimmte unabhängige Existenz in London nutzen.

Was nun meine Pläne für die nächste Zeit sein werden, entscheidet mein Besuch in London. Vielleicht bleibe ich länger dort und versuche mich in kleinen literarischen Arbeiten und Uebersetzungen wozu mir Herr v. Tauchnitz freundlich behülflich sein will.

Julie Vogel, verwitwete Dohmke, betätigte sich in den Folgejahren tatsächlich als Schriftstellerin, Übersetzerin und vor allem Herausgeberin (u. a. der Werke Achim von Arnims innerhalb der Reihe „Meyers Klassiker-Ausgaben“). Die literarisch weitaus produktivere und bekanntere Schwester Eduard Vogels, Elise Polko, verfasste im Anschluss an ihre Gesangskarriere (bei der sie unter anderem Felix Mendelssohn-Bartholdy unterstützte) als sich häuslich einrichtende Schriftstellerin beispielsweise Komponistenbiographien, zudem biographische Portraits berühmter Geschlechtsgenossinnen. Bezeichnenderweise erwähnt Julie Vogel die mögliche Unterstützung von Seiten ihrer Geschwister, von denen sie neben Elise, Eduard und ihrem Bruder Hermann (Professor für Astrophysik in Potsdam) noch zwei weitere hatte, jedoch nicht. Sie stilisiert sich als unabhängige selbstbewusste Einzelgängerin, die sich im Kreise ihrer Freunde etabliert. Spätestens als Ehefrau von Prof. Dohmke kehrte sie nach Deutschland, genauer nach Leipzig, zurück. Von Petermanns Warte (welcher der Julie befreundeten Familie im Übrigen von der Immigration nach Deutschland abrät), der Warte des Fragments aus, geht Julie schließlich als Ausgewanderte in England verschollen. Ihr letzter, fragmentarisch erhaltener Brief ermöglicht keine weitere Anknüpfung – ob Julie nach jenem leidvollen „Winter“ gestärkt wieder nach Deutschland zurückkehrt, bleibt für Petermann völlig offen und so verbleibt Julie „Ever your[s] truly Julia“.

257

SPA ARCH PGM 191, Folio 126-129; die Briefe des Vaters finden sich unter derselben Signatur.

258

SPA ARCH PGM 191, Folio 132.

259

Hildegard Kernmayer, Wie der Brief ins Feuilleton kam. Gattungspoetologische Überlegungen zu Ludwig Börnes Briefen aus Paris, in: Gideon Stiening/Robert Vellusig, Poetik des Briefromans. Wissens- und mediengeschichtliche Studien, Berlin/Boston 2012, S. 295-315, S. 298f. Die im Zitat genannten Gruppen sind auch an der Zirkulation der Briefe der Forschungsreisenden beteiligt, insofern sie einerseits die Infrastruktur für deren Übermittlung (etwa durch Handelskarawanen, europäische Botschaften in Afrika) zur Verfügung stellen, andererseits das Interesse am neu erworbenen oder neu zu erwerbenden Wissen steuern. So versenden die Reisenden nicht allein ihre geographisch verwertbaren Ergebnisse und Geschichten an August Petermann, sondern betreiben nebenbei mehr oder minder eigens motivierte Forschungen zu ihren jeweiligen Fachgebieten, die entweder privat an Fachkollegen, weit häufiger jedoch über entsprechende Gesellschaften verbreitet werden. Zum Teil herrscht hier eine Verwertungshierarchie, insofern die Rechte an den in den Briefen übermittelten Kenntnissen zunächst durch die Forschungsgemeinschaft wahrgenommen werden, bevor man Petermann – nicht selten über die Zwischenstation der Familie, welche die persönlichen Forscherambitionen des Einzelnen verwahrt – die Reste überlässt. Die Frage der Besitzrechte und des Depositums nimmt in Bezug auf die Hinterlassenschaften der Forschungsreisenden eine nicht unerhebliche Rolle ein, vgl. Fn. 68, Fn. 108.

260

Kernmayer, Ludwig Börnes Briefe[ ] aus Paris, S. 301.

261

Mit Wolfgang Preisendanz nimmt Kernmayer für das 19. Jahrhundert eine „Literarisierung der Publizistik“ an, die einen neuen „Stilwillen“ prägt, der letztlich Züge der Flanerie anzunehmen strebt. Vgl. ebd., S. 309f., S. 313f.

262

Durch das Aufrufen jener Freundschaftsbande bemüht sie einen Topos der Empfindsamkeit, dessen imaginäre Festlegung sie hingegen durch ihre Reise und den direkten Kontakt vor Ort zu überwinden vermag. Dennoch verbleibt diese Emanzipation weiterhin eine in Briefen geschilderte und behält den empfindsamen Ton im Schreiben an ihren „Freund“ August Petermann bei. Vgl. Tanja Reinlein, Der Brief als Medium der Empfindsamkeit. Erschriebene Identitäten und Inszenierungspotentiale, Würzburg 2003, S. 52 [Epistemata 455].

263

Neben die konkret benannten materiellen Motive der britischen Familie, Schottland zu verlassen, rückt als durchgängige Randnotiz die implizite Konkurrenz zwischen Deutschland und England als Orte, wo es sich, den Umständen entsprechend – als achtköpfige bürgerliche Familie, junge ungebundene Dame (Julie Vogel), Kartograph (bzw. frischverheiratetes Ehepaar Petermann), Student der Astronomie (Eduard Vogel) oder etablierter Freiherr (Herr von Tauchnitz, vgl. den Schluss des Kapitels) – gut leben lässt. Christian Bernhard Tauchnitz sticht in diesem Kontext besonders hervor, da er, insofern er sich als Verleger um die kulturelle Vermittlung zwischen England und Deutschland verdient gemacht hat, als Musterfall interkulturellen Austauschs, Integration und Akklimatisation gelten kann. Ab 1841 gab er die „Tauchnitz Collections“, preiswerte Ausgaben einer „Collection of British and American Authors“, ab 1868 zusätzlich eine „Collection of German Authors“ heraus: ein Unternehmen, das ihm nicht allein finanziellen Erfolg bescherte, sondern eine Erhebung in den Freiherrenstand mit sich brachte, und ihn – aufgrund seiner Verdienste um die englische Literatur – in das Amt des britischen Generalkonsuls für das Königreich Sachsen beförderte.

Demgegenüber scheinen die von Julie in ihrem Brief erwähnten Auswanderungspläne ihrer englischen Freunde keine Erfolgsgeschichte zu bergen. Es ist wahrscheinlich, dass sie als klein- bzw. mittelständische bürgerliche Familie ihren Lebensunterhalt aus Kapitalanlagen bestritt, da die Chancen der Berufsausübung in Deutschland in dem Petermann vorgelegten Fragenkatalog keine Rolle spielen. Vielmehr scheint das Bedürfnis, die Lebenshaltungskosten möglichst gering zu halten, aus der sukzessiven Erschöpfung der finanziellen Mittel zu rühren. Sozialgeschichtlich ist dieser Punkt insofern interessant, als Julie sich als unabhängige junge Frau zu stilisieren sucht, die trotz aller tragischen Umstände eine kleine Reise zur Weiterprägung, Vertiefung ihrer Persönlichkeit unternimmt, die zur Selbst- und Berufsfindung beitragen soll. Dass sie jene Selbstsuche vermutlich vor allem auf der Basis familiärer Rücklagen betreiben kann, es gar nicht nötig hat, zu arbeiten, bestätigt und verkehrt sich schließlich in ihrer Heirat mit Prof. Dohmke. Ähnlich wie ihre Schwester, Elise Polko, welche nach erfolgreicher Gesangskarriere im Zuge ihrer Eheschließung in den familiären Schoß zurückkehrt, wählt auch Julie die materielle Absicherung der bürgerlichen Ehe. Bezeichnender Weise war jedoch die Literatin Elise Polko nach dem Tod ihres Gatten aufgrund mangelnder finanzieller Absicherung gezwungen berufstätig zu sein, wenngleich ihre Tätigkeit ihrem Talent entsprach. Beinahe zynisch nimmt sich in diesem Kontext der zeitgenössische Eintrag der Allgemeinen Deutschen Biographie von Franz Brümmer, s. Bd. 53 (1907), S. 95-98, aus, wenn es in Bezug auf die schriftstellerische Tätigkeit Elise Polkos heißt: „‚Sie besaß eines jener zartbesaiteten, empfindungsreichen, poesieempfänglichen und phantasieerfüllten Gemüther, wie sie nur weiblichen Charakteren von ausgezeichneter geistiger Begabung eigen zu sein pflegen, […]. Dabei hat sie sich jedoch die volle, naiv edle Weiblichkeit und Grazie, sowie den reinsten Sinn für die naturgemäße Bestimmung ihres Geschlechts zu bewahren gewußt, weit entfernt, der modeartig herrschenden Emancipationssucht ihrer gegenwärtig in der Litteratur zahlreich vertretenen Genossinnen irgend einen Tribut zu zollen.‘“ Gerade die Literatur als Ort weiblicher Emanzipation im 19. Jahrhundert wird hier pervertiert, insofern die von Julie inszenierte Selbständigkeit sich im Falle ihrer Schwester auf verschlungenen Pfaden, aus Sachzwängen heraus, durchsetzt.

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SPA ARCH PGM 039/02, Folio 354 (an Petermann). Ähnlich polemische Kritik ernten die Deutschen in Bezug auf die finanzielle Unterstützung von Beurmanns. „Die den Herrn Beurmann eingehändigten 1500 Thaler für die Reise sind allerdings so gut wie nichts, […]. Es ist natürlich gewissermaßen schimpflich und schimpflich in hohem Grade für die Deutschen, daß nun derjenige, der die meisten Aussichten hat, die in so lauter Weise erregten Ansprüche des Binnen- und Auslandes wegen bündiger Aufhellung von Vogel’s Schicksal[s], daß dieser nun mit so völlig ungenügenden und wahrhaft bettelhaften Mitteln auftreten soll. Der Englische Consul erklärt es rundwegs für eine bloße Parodie auf Franklin’s Aufsuchungs-expeditionen.“ SPA ARCH PGM 189, Folio 13, Barth an Perthes (als Schatzmeister der Expedition nach Inner-Afrika) am 24. Mai 1862.

265

Vogel sen. war im Schuldienst tätig, ein durchaus erfolgreicher Pädagoge (vgl. seinen Brief, erh. am 16. August 1855, SPA ARCH PGM 191, Folio 68, dessen erste Zeile mit „Verzeihung einem vielgeplagten Schulmanne“ einsetzt), und hat sich u. a. Physiognomie und Völkerkunde gewidmet. Außer in der Kartographie erstellte er in weiteren Fächern eigenes Unterrichtsmaterial, wie das Postskriptum seines Briefes vom 23. Juli 1860 (ebd., Folio 97f.) belegt: „N.S. Hat Ihnen denn Hr. Veit in Carlsruhe die erste Lief. meiner großen ‚Physiognomischen Tafeln z. Laender u. Voelkerkunde[‘] (3 Bl. in gr. fol.) geschickt? V.“

266

Vgl. dazu Vogel Seniors Brief [ebd., Folio 94, ohne Datum, nach Paginierung (vor) 1857 eingeordnet], der mit „Kurze Bemerkungen über einige von Edw. Vogel aus N. Afrika eingesandte Naturalien“ überschrieben ist. Obwohl „nach der ihm gewordenen Instruction die rein geographischen Zwecke in der ersten Reihe [stehen]“, hat Eduard Vogel – selbstredend nach Erfüllung seiner Pflichten – „auch in Afrika der Natur ein offenes Auge zugewendet, wie er es in Europa zu thun sich früh gewöhnt hatte“. Einige „Sand“-„Proben“ finden dann auch ihren Weg bis zur „Akademie der Wissenschaften in Berlin“, „welche [Ehrenberg] eines ganz besonderen Dankes werth gehalten hat“, wie Vogels Vater betont. Als Naturkundler macht Vogels Vater es sich nun zur „Pflicht“, hauptsächlich einige von seinem Sohn eingesandte „Insekten“ zu beschreiben, obgleich „nichts geradezu Neues“ vorliegt. Umso seltsamer klingt Vogels Begründung jener Verpflichtung, wenn es heißt: „so macht es uns doch der Fundort zur Pflicht, dieselben wenigstens hier zu verzeichnen.“ Die äußerst magere Ausbeute an Naturalien verpflichtet allein aufgrund ihres Herkunftsortes „wenigstens hier“ – irgendwo in der europäischen Welt – zur Verzeichnung, obgleich sie „nichts geradezu Neues“ bringt, also weit davon entfernt ist, ein wissenschaftliches Novum oder eine Sensation darzubieten, die etwa eine Nomenklatur nach Eduard Vogel rechtfertigen könnte. So spärlich, ja beinahe peinlich die Funde sein mögen, sie begründen ein Versprechen, ein in Aussicht gestelltes Vermächtnis des Verschollenen, der, bevor er endgültig verschwindet, noch einige Sendungen vornehmen möchte, denn: „Mehr steht sicherlich zu erwarten, wenn Gott unserm jungen für Alles, was Wissenschaft heißt, begeisterten jungen Freund auf seinem weiteren Wege in das unbekannte Innere des räthselreichen Erdtheiles schützen wird wie bisher.“

267

SPA ARCH PGM 191, Folio 85f.

268

SPA ARCH PGM 191, Folio 126-129.

269

Vgl. den Brief Folio 130-131, vmtl. nach dem 3./4. August 1863.

270

Wo wir – Julies Spuren folgend – freilich noch nicht angekommen sind. Wenige Zeilen ihres Briefes später berichtet sie jedoch von einem Ausflug nach Perthshire, der „Touren“ in das Hochland ein-, panoramatische Beschreibungen indes ausschließt, und sich stattdessen emphatisch auf musikalisches Erleben und die poetische schottische Tradition beruft (auf das, was sich nur noch besingen lässt).