Vorwort

in „Nachtgesänge"
Freier Zugang

Fremd und wehmütig berührt uns heute das verschollene Wort, das Schiller dem toten griechischen Sänger nachruft: Verloren hat ihn jedes Herz. Kleine Kreise sammeln sich um einzelne Gestalten, und die Menge kehrt sich ohne Verständnis und Glauben von fremdklingenden Worten und Tönen und fremdem Anblick ab. Die Kunst ist eine Kunst für Eingeweihte geworden, eine Geheimsprache, eine esoterische Predigt.

(Margarete Susman)

Ein berühmter Zeitgenosse Friedrich Hölderlins bemerkte einmal: „Sonst war die Poesie Gegenstand des Volks, so wie das Volk Gegenstand der Poesie; jetzo singt man aus einer Studierstube in eine andere hinüber, das Interessanteste in beiden betreffend.“1 Jean Paul beschreibt hier als Zeittendenz eine sozial exklusive literarische Kommunikation, eine Dichtung, die sich vom Volk entfremdet hat und im Verständnis nur noch wenigen Gebildeten zugänglich ist: Literatur von Intellektuellen für Intellektuelle. Eben das war und ist bis heute das Spätwerk von Hölderlin. Die Entwicklung seines lyrischen Schaffens beschreibt einen Weg in die Dunkelheit, in den Idiolekt, in die intellektuelle Esoterik. Angetreten, die Völker vom Schlaf zu erwecken, geschichtliches Selbstbewusstsein und Gemeingeist zu stiften, hatte der Dichter – wenn auch ungewollt – selbst Teil an einer Tendenz, die das literarische Leben um 1800 in Deutschland bestimmte: die sublimierende Verwandlung der anfänglich politischen in eine ästhetische Revolution, die zugleich mit der Aufgabe der publikumsorientierten Literaturkonzeption der Aufklärung einherging. Entgegen dem eigenen Anspruch, mit seiner Lyrik das „Vorspiel“ zu einem künftigen „Chor des Volks“ (Der Mutter Erde) zu geben, blieben die Verse seiner zumeist schwer zugänglichen Gedichte, besonders der späten, in der eigenen Zeit praktisch ohne Wirkung. Publiziert in Zeitschriften, Almanachen und Taschenbüchern zwischen hunderten eingängiger sentimentaler Lieder und unterhaltsamer Prosastücke, fielen seine Texte, gerade dort, wo sie besonders auffällig von den herrschenden ästhetischen Konventionen abwichen, nicht selten der zeitgenössischen Literaturkritik zum Opfer, welche die stark von gewöhnlicher Almanachlyrik abweichende dunkle geschichtsphilosophische Lyrik Hölderlins als abnorm und prätentiös empfand.

Der Wirkungsanspruch, den Hölderlin Poesie idealiter zumaß, stand in einem krassen Gegensatz zur eigenen Wirkungslosigkeit. Dieser Grundkonflikt ist Gegenstand der vorliegenden Untersuchungen, in denen die Rezeptionsproblematik von Hölderlins Spätlyrik im Kontext der konkreten Literaturverhältnisse erörtert wird. Es wird gezeigt, dass Hölderlin keineswegs nur Opfer der erstarrten Verhältnisse einer noch ‚unreifen Zeit‘ war, sondern mit seiner voraussetzungsreichen und unkonventionellen späten Lyrik im Rahmen einer von ihm realistisch eingeschätzten Rezeptionssituation auch selbst die Bedingungen für die erfahrene Resonanzlosigkeit schuf, indem er sich mit seiner am Autonomiepostulat der Genieästhetik orientierten dichterischen Produktion weit von den Erwartungen, Wissensvoraussetzungen und Rezeptionspraktiken des breiteren, nicht gelehrten Lesepublikums entfernte.

Diese Arbeit hätte ohne die Unterstützung und Ermutigung, aber auch die Geduld und Nachsicht einer Reihe von Menschen nicht entstehen können.

Mein besonderer Dank gilt meinem Doktorvater Jost Schneider (Bochum) für die gute und zuverlässige Betreuung. Seine hilfreichen Ratschläge und ermutigenden Worte haben mich beim Wandern durch das Literaturgebirge auch in den schattigen Tälern unterhalb der Höhenkämme nie den Weg verlieren lassen. Ebenso großer Dank gebührt meinem Zweitbetreuer Anacleto Ferrer (Valencia), der mein Projekt im Rahmen einer Cotutelle stets engagiert unterstützt hat. Ferner danke ich Martin Vöhler (Thessaloniki) und Anke Bennholdt-Thomsen (Berlin) für die gründliche Durchsicht des Manuskripts sowie Andreas Knop und Theresa Kölczer vom Wilhelm Fink-Verlag für die gute und angenehme Zusammenarbeit bei der Vorbereitung der Publikation.

Für ihre hilfreichen und interessanten Hinweise zu Einzelfragen, die während der Studien zu dieser Arbeit auftauchten, danke ich Michael Franz (Schiffweiler), Ulrich Gaier (Konstanz), Howard Gaskill (Edinburgh), Nina Hahne (Düsseldorf), York-Gothart Mix (Marburg), Hans Gerhard Steimer (Oldendorf/Luhe) und Reinhard Wittmann (München).

Für ihre freundliche Unterstützung bei der bibliographischen Recherche und Spezialfragen sei Jörg Ennen und Angelika Votteler vom Hölderlin-Archiv in Stuttgart gedankt.

Ferner danke ich sehr herzlich Camilla Miglio für die Einladung zu einem Forschungsaufenthalt in Rom sowie Hardy Neumann (Valparaíso, Chile), Berta Raposo (Valencia) und Martín Zubiria (Mendoza, Argentinien) für die Möglichkeit, als Gast an ihren Instituten Seminare zu Hölderlin durchführen zu dürfen.

Für ihre Korrekturdurchsichten bedanke ich mich ganz besonders bei meiner Mutter Dorothea Christ, außerdem bei Julia Ratz, Hannah Neumann, Ursula Barta und Jeanette Adamczik. Für ihre Hilfe bei der Übersetzung der Zusammenfassung ins Spanische sei Inés García (Barcelona) und für ihre Unterstützung bei der Literaturbeschaffung Eleni Kolitsi (Bochum) und Nina Janz (Bochum) gedankt.

Danken möchte ich des Weiteren Sarah Gemicioglu von der RUB Research School für ihre freundliche Hilfsbereitschaft bei Abwicklung von Reiseangelegenheiten sowie Steffen Groscurth, Marita Schmeink und Jutta Wittershagen vom Dekanat für Philologie und Faustino Oncina vom Institut für Philosophie in Valencia für ihre Unterstützung auf dem Weg durch die unzähligen Formulare des Cotutelle-Verfahrens.

Für die finanzielle Ermöglichung von Forschungsreisen und Tagungsbesuchen danke ich der RUB Research School, die mich mit einem International Realisation Budget unterstützt hat. Für ein viermonatiges Abschlussstipendium sei der Wilhelm und Günter Esser-Stiftung gedankt.

Daneben haben mir zahlreiche Menschen die dem Doktoranden nötige Freiheit des Studierens und Schreibens ermöglicht:

Für die unendliche Geduld und Nachsicht mit dem Mann und Vater, der tags und nachts immer wieder im Studierzimmer verschwand oder zwischenzeitlich zu Tagungen und Seminaren verreiste, bin ich meiner Frau Alba und unserem kleinen Sohn Leo überaus dankbar. Ich hoffe, ihnen klingt der Name Hölderlin heute nicht weniger poetisch als zu Beginn.

Großer Dank gilt außerdem meiner Mutter Dorothea und meinem Bruder Alexander, die mich in einer finanziell schwierigen Zeit unterstützten. Auch dem Rest der Familie, meinem Vater Klaus und meinem Bruder Markus sowie meinen Schwiegereltern, Loli Hernández und Juan Pérez, wie auch einer Reihe von Freundinnen und Freunden, darunter besonders Francesca Bayre, Thais Bonilla, Feride Durna, Raphaela Homoet und Alex Tortajada, die immer wieder für Entlastung bei der Kinderbetreuung sorgten, bin ich sehr dankbar.

Besonderer Dank gilt nicht zuletzt Patrick Tschirner für seine freundschaftliche Beratung, Anteilnahme und moralische Unterstützung in allen Höhen und Tiefen der Promotionszeit.

1

Jean Paul (1990), 85.