Kapitel V Schlussteil

In: Semiotik der Verewigung
Author: Markus Gut
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1. Zusammenführung der Ergebnisse

1.1 Eine Typologie der Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen

Im Folgenden mögen die im Hauptteil gewonnenen Erkenntnisse zusammengeführt, weitergedacht und die dabei erarbeitete Typologie der Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen tabellarisch aufbereitet werden. Letzteres sei hier sogleich ein erstes Mal vorgenommen:

In der letzten der drei Tabellen wird deutlich, dass sich die Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen vielleicht über die drei Grundoperationen hinaus in zwei noch grundlegendere Gruppen einteilen ließen: Die Operationen der ersten Gruppe versuchen eine unbeendbare Lektüre von Schriftzeichen (zuweilen auch ein unbeendbares Weiterschreiben des betreffenden Textes) herbeizuführen; die der zweiten streben nach Autonomie sowohl von Veränderungen der intelligiblen Seite der Zeichen samt ihrer Konnotationen als auch von einem spezifischen Kommunikationszusammenhang resp. vom außertextuellen Kontext überhaupt. Während die Grundoperation Unendliche Aktualisation der ersten und die Grundoperation Autonome Performative Produktion der zweiten Gruppe zugeordnet werden kann, stößt eine übergeordnete Zweiteilung bei der Grundoperation Reflexivität an ihre Grenzen; und dies aus zwei Gründen: Erstens können sowohl die Unteroperation Autoreflexivität als auch die Unteroperation Poetologie jeweils auf Autonomie oder eine unbeendbare Lektüre abzielen, letztlich kommt sogar potenziell immer beides zusammen1 zustande (selbst wenn unterschiedliche Akzentuierungen zu beobachten sind). Zweitens wird Autonomie mittels der Grundoperation Autonome Performative Produktion auf eine andere Weise angestrebt als mit der Grundoperation Reflexivität.

Am angemessensten und zugleich heuristisch dienlichsten ist es somit, für das Wie nach wie vor von den drei Grundoperationen auszugehen, die aber hinsichtlich dessen, was sie zu erreichen suchen, grundsätzlich nur auf zweierlei abzielen: Autonomie und/oder unbeendbare Lektüre. Dies gilt es im Folgenden weiter zu ergänzen und zu präzisieren.

Bereits in der Einführung wurde betont, dass die (bewusste oder unbewusste) Verwendung der Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen immer nur ein Versuch ist, die von den betreffenden Schriftzeichen transportierten Signifikate dauerhaft festzuhalten und damit dasjenige, worauf diese Signifikate verweisen (Gedanken, Dinge, Personen etc. sowie, damit metonymisch verknüpft, oft auch der Verfasser resp. die Verfasserin der betreffenden Schriftzeichen), zu verewigen. Die Aktualisation eines Signifikats ist immer an einen sterblichen Leser, eine sterbliche Leserin gebunden, deren Lektüre damit zwangsläufig endlich sowie Veränderungen der Semantik und des Kommunikationszusammenhanges unterworfen ist. Zudem sind sowohl die Fragestellungen der Leserinnen und Leser an einen Text als auch – nun auf der Ebene der Signifikanten – die Materialität der Schrift und Schriftträger Veränderungen resp. dem Verfall unterworfen. Aufgrund all dieser Beschränkungen auf den Ebenen der Semiose resp. der Kommunikation, der biologischen Konstitution des Menschen sowie der physikalischen Gesetze ist eine unbeendbare Lektüre letztlich ebenso wenig zu erreichen wie eine absolute Autonomie des Verschriftlichten. Eine Verewigung mittels Schriftzeichen im eigentlichen, absoluten Sinne ist unmöglich. Sie muss immer Versuch bleiben. Damit gelangt man auch hier zur im Hauptteil immer wieder sich implizit aufdrängenden Frage, wozu denn die betreffenden Operationen im Zuge der Lektüre von Texten, die mit ihnen versehen sind, führen, wenn das Ziel der Verewigung letztlich nicht zu erreichen ist.

Zunächst ließe sich als Antwort anfügen, zumindest einige der behandelten Operationen, am deutlichsten die Unteroperation Unendliche Lektüre, würden zu einer potenziell unendlichen Iteration von Schriftzeichen führen. Dabei ergeben sich jedoch zwei Schwierigkeiten: Zum einen wird deutlich, dass sich bloße Iteration als ein zu wenig scharfer Begriff erweist, ist doch etwa eine zweite Lektüre der Lebens-Ansichten des Katers Murr nicht einfach nur die Wiederholung der ersten Lektüre, sondern wird, erstere miteinschließend, eine andere gewesen sein. Zum anderen besitzt ein jedes Schriftzeichen das Potenzial, unendlich oft wiederholt zu werden, dafür braucht es erst einmal keine Operationen zur Ewigkeitsattribuierung, wenngleich gewisse dieser Operationen ganz besonders auf dieses Potenzial abzielen. Diesen beiden Schwierigkeiten lässt sich jedoch begegnen. Für eine präzise Unterscheidung zwischen dem, was die Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen anstreben, und dem, wozu sie im Rahmen dieser Bestrebungen führen, erweist sich nämlich Derridas Begriff der Iterabilität als äußerst hilfreich:

Meine „schriftliche Kommunikation“ muß, trotz des völligen Verschwindens eines jeden bestimmten Empfängers überhaupt, lesbar bleiben, damit sie als Schrift funktioniert, das heißt lesbar ist. Sie muß in völliger Abwesenheit des Empfängers oder der empirisch feststellbaren Gesamtheit von Empfängern wiederholbar – „iterierbar“ – sein. Diese Iterierbarkeit [besser: Iterabilität, frz. itérabilité, MG2] – (iter, „von neuem“, kommt von itara, anders im Sanskrit, und alles Folgende kann als die Ausbeutung jener Logik gelesen werden, welche die Wiederholung mit der Andersheit verbindet) strukturiert das Zeichen der Schrift selbst, welcher Typ von Schrift es im übrigen auch immer sein mag (piktographisch, hieroglyphisch, ideographisch, phonetisch, alphabetisch, um sich dieser alten Kategorien zu bedienen). Eine Schrift, die nicht über den Tod des Empfängers hinaus aus [sic] strukturell lesbar – iterierbar – ist, wäre keine Schrift.3

Gemäß Derrida – es wurde bereits wiederholt darauf hingewiesen – ist also die Möglichkeitsbedingung eines jeden Zeichens, und damit auch eines jeden Schriftzeichens, dessen potenziell unendliche Wiederholbarkeit, genauer: dessen Iterabilität, im Zuge derselben ein Zeichen immer wieder (aber im Zuge jeder Lektüre nie ein zweites Mal exakt identisch) aktualisiert worden sein wird.

Gewisse Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen streben nun an, diese potenziell unendliche Wiederholbarkeit zu forcieren, indem sie die Leser zu zwingen versuchen, jenes Potenzial nicht nur für die jeweilige Lektüre zu nutzen, sondern es in seiner Unendlichkeit auszuschöpfen. Textstellen, welche die übrigen (oder keine) Operationen beinhalten, haben zwar als (Schrift-)Zeichengebilde ebenfalls Iterabilität zur Möglichkeitsbedingung, zielen aber nicht darauf ab, deren unendliches Potenzial auszuschöpfen. Dies lässt sich schließlich wiederum mit den zwei folgenden Befunden präzisieren:

1) Die Operationen, die zu einer forcierten Iterabilität führen, suchen Ewigkeit durch Unendlichkeit zu ersetzen – oder in anderen Worten: Zeitlosigkeit durch die radikalste mögliche Betonung von Zeitlichkeit.

Dies gilt nicht nur für die Operation Unendliche Lektüre, sondern eben auch für die Operation Unendliches Verstummen, die gewissermaßen durch das gegenteilige Extrem, durch den radikalen Einsatz der semiotischen Flüchtigkeit von Schriftzeichen, dasselbe Ziel verfolgt wie erstere. Und es gilt ebenfalls für die Grundoperation Reflexivität, nämlich immer dann, wenn sie nicht nur auf eine möglichst autonome Selbstthematisierung des Textes abzielt, sondern zugleich und vor allem auch eine unendliche Spiegelbewegung fördert.

2) Der erste Befund trifft nicht auf Operationen zu, die zu einer Iterabilität von potenziell autonomer performativer Produktion führen. Denn diese streben keine Ersetzung von Ewigkeit durch Unendlichkeit an, sondern – im Rahmen der oben angeführten semiotischen, biologischen und physikalischen Beschränkungen – eine Autonomie des Verschriftlichten von zeitlichen Veränderungen seiner intelligiblen Seite sowie von seinem Kontext.

Letzteres gilt auch für die Grundoperation Reflexivität, sofern diese nicht zugleich zu einer unendlichen Spiegelbewegung führt4 resp. genauer: diese nicht (in einem dominanteren Maße) forciert.

Die beiden Grundoperationen Autonome Performative Produktion und Reflexivität führen jedoch diese potenzielle Autonomie auf zwei unterschiedliche Weisen herbei: erstere durch eine performative Herstellung dessen, worauf die Zeichen verweisen; letztere durch den Verweis der jeweiligen Textstelle auf sich selbst und ihre Möglichkeitsbedingungen. Im Zuge dieses Selbstverweises kann dabei auch die Iterabilität der jeweiligen Textstellen resp. gar die Ewigkeitsattribuierung selbst verhandelt und damit erst recht in den Dienst der Ewigkeitsattribuierung gestellt werden, wie etwa die Kapitel zum Heinrich von Ofterdingen, zur Fabel Der Phönix sowie zum Gedicht Nänie gezeigt haben.

Uwe Wirth hat zu Derridas Konzept der Iterabilität geschrieben, diese gründe auf der Kraft zum Bruch mit dem Kontext.5 Wirths (und Derridas) Worte aufnehmend ließen sich denn auch die beiden soeben formulierten Befunde mit folgenden Worten zusammenfassen:

Die Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen suchen – freilich mit unterschiedlicher Gewichtung – die zwei zentralen Konstituenten der Iterabilität auszuschöpfen: zum einen die potenzielle Unendlichkeit, zum anderen die potenzielle Autonomie von zeitlichen Veränderungen.

Auch dies sei wiederum tabellarisch dargestellt:

Im Hauptteil hat sich gezeigt, dass die einzelnen Operationen oft auch in Kombination miteinander auftreten, wobei jedoch nahezu immer eine Operation dominant ist. Die letzte der drei oben angeführten Tabellen trägt dem Rechnung, indem sie auch darlegt, wozu eine Kombination der Grundoperation Unendliche Aktualisation mit den beiden anderen Grundoperationen führt. Ein Beispiel dafür ist etwa Hölderlins Ode Ermunterung, in der sich gerade in den Eingangsversen eine exemplarische Kombination der Unteroperationen Unendliches Verstummen und Poetische Performativität findet. Ein anderes Beispiel wären die Lebens-Ansichten des Katers Murr, wo – bezeichnend für die Romantik (vgl. das nächste Kapitel) – über den gesamten Doppelroman hinweg eine starke Kombination der Grundoperation Unendliche Aktualisation mit der Grundoperation Reflexivität zu beobachten ist.

Natürlich sind auch die Grundoperationen Autonome Performative Produktion und Reflexivität miteinander kombinierbar; in solchen Fällen sind die Begriffe aber schlecht direkt ineinander zu integrieren, weshalb in diesen Fällen jeweils eine schlichte Aufzählung genügen muss: Die untersuchten Textstellen aus Schillers Wallenstein-Trilogie sind ein besonders gutes Beispiel für eine Kombination dieser beiden Grundoperationen, was – bei einer Dominanz der Grundoperation Autonome Performative Produktion – zur Iterabilität der Aktualisation sowohl potenziell autonomer performativer Produktion als auch potenziell autonomer Reflexivität führt. Durch eine derart abstrahierende Beschreibung der betreffenden Textstellen des Wallenstein wird zudem auch besonders deutlich, wie stark in Schillers Trilogie die Bemühungen sind – trotz der inhaltlichen Grundanlage eines auf außerhalb des Textes liegende, historische Begebenheiten referierenden Dramas –, die (semiotische) Autonomie und damit eine möglichst große Zeitenthobenheit des Stückes herbeizuführen.

Eine weitere bemerkenswerte Kombination scheint schließlich – dieses Mal auf der Ebene zweier Unteroperationen – das Fragmentarische zu konstituieren: Denn dieses ist, so ließe sich sagen, eine radikale Ausprägung der Unteroperation Unendliches Verstummen, die gerade aufgrund ihrer Radikalität zugleich eine die fragmentarischen Texte weiterführende, potenziell unendliche Bewegung lostritt, die sich letztlich mit der Unteroperation Unendliche Lektüre überschneidet. Dasselbe gilt in umgekehrter Richtung für die Unteroperation Unendliche Lektüre, die in ihrer extremsten Ausprägung zum Fragmentarischen tendiert. Oder vereinfacht ausgedrückt: Das Fragmentarische ermöglicht gewissermaßen eine Kombination der zueinander komplementären Unteroperationen Unendliches Verstummen und Unendliche Lektüre und ist dadurch das wohl wirksamste mögliche Auftreten der Grundoperation Unendliche Aktualisation.

Zusammenfassend sei zum Schluss noch einmal eine tabellarische Darstellung der Grund- und Unteroperationen angefügt, die zugleich anhand der Hintergrundfarben deutlich macht, worauf die jeweiligen Operationen abzielen. Dunkelgrau steht für die Operationen, welche die potenzielle Unendlichkeit von Iterabilität, Weiß für die, welche die potenzielle Autonomie von Iterabilität auszuschöpfen suchen; Hellgrau hingegen bezeichnet diejenigen Operationen, bei denen beides – jeweils unterschiedlich akzentuiert – der Fall sein kann:

1.2 Eine Verortung der Operationen im historischen Kontext des 18. und frühen 19. Jahrhunderts

Die wichtigsten geistes- und literaturgeschichtlichen Beobachtungen des Hauptteils seien in diesem Kapitel nicht nur zusammengetragen, sondern, zugleich einen Schritt weiter gehend, jeweils direkt in Bezug zu den zwei oben angeführten zentralen Befunden zur Typologie gestellt:

Befund 1) hat auf rein semiotischer Ebene – und damit grundsätzlich unabhängig von Sprache, Schrift und Jahrhundert, wie etwa die Verweise auf das alte Ägypten oder das antike Griechenland in der Einführung oder Ovids Orpheus und Eurydike im Hauptteil gezeigt haben – im Falle der betreffenden Operationen eine Kompensation von nicht zu erreichender Ewigkeit durch Unendlichkeit festgehalten. Dieser Befund lässt sich nun mit den wichtigsten Ergebnissen der historisch-kontextualisierenden Kapitel des Hauptteils zu folgender These vereinen:

Die semiotische Kompensation von Ewigkeit durch Unendlichkeit findet ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in verstärktem Maße eine Entsprechung auf geistes- und literaturgeschichtlicher Ebene, was zu einem akzentuierten Auftreten der betreffenden Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen führt. Dies sind insbesondere die Operationen Unendliche Lektüre und Unendliches Verstummen sowie die Grundoperation Reflexivität (letztere jedoch nur in den Fällen, in denen sie hauptsächlich auf eine unbeendbare Lektüre abzielt).

Geistesgeschichtlicher Hintergrund für diese Entsprechung sind im Zuge der Aufklärung verstärkt und miteinander verschränkt sich vollziehende Entwicklungen, wie etwa die Konstitution des modernen, bürgerlichen6 Individuums, die Aufweichung des Mimesisgebotes durch eine Dynamisierung der Natur, die Aufwertung der schöpferischen Einbildungskraft und deren Ästhetisierung sowie die zunehmende historische Relativierung von Autoritäten und deren Werken, sei es im Bereich der Religion, Wissenschaft oder Literatur. Dies alles führt zu resp. geht einher mit einem Prozess der Säkularisierung, im Zuge desselben wiederum eine Kompensation des Verlustes der Heiligen Schrift und des religiös verbürgten ewigen Lebens nach dem Tode durch eine Heiligung der Schrift als solcher zu beobachten ist. Die Ewigkeit der schriftlichen Werke einzelner Individuen wird dabei nicht bloß in der Weiterführung jahrtausendealter Vorstellungen explizit oder implizit behauptet, sondern vielmehr durch verstärkte Bemühungen der Ewigkeitsattribuierung mit aller intellektuellen Anstrengung angestrebt.7 Ewigkeitsbehauptung gegenüber und Attribuierung von Schriftzeichen (und der Kunst im Allgemeinen) aber treiben die Säkularisierung ihrerseits weiter voran, was wiederum zu einer verstärkten Heiligung der Schrift als solcher führt usw. Dabei wird deutlich, dass dieser Wechselwirkung selbst eine unendliche Bewegung eingeschrieben8 ist, die letztlich bis heute anhält und in der gegenwärtigen digitalen Revolution neuen Schub erhalten hat.9

Entscheidenden Anteil an dieser Wechselwirkung hat insbesondere die in den frühen 1770er-Jahren entstehende (und in Wissenschaft, Kunst, Urheberrecht usw. bis heute nachwirkende) Genieästhetik: In ihr vollzieht sich am explizitesten und radikalsten nicht nur die Übertragung des göttlichen Attributs des Schöpferischen auf den Menschen, sondern auch die Übertragung des göttlichen Attributs der Ewigkeit auf das Individuum und von diesem wiederum weiter auf dessen Werk. Während jene Übertragung des Schöpferischen schon länger Forschungskonsens ist, konnte die vorliegende Arbeit die enge Verschränkung jener Übertragung mit der Übertragung des Attributs der Ewigkeit aufzeigen. Ein Individuum, das sich dauerhaft des Status eines Genies versichern will, ist nämlich einem potenziell unendlichen Schöpfungszwang unterworfen. Oder anders formuliert: Ein Genie muss, um ein solches wortwörtlich zu bleiben, entweder Ewiges erschaffen oder aber ewig erschaffen.

In literaturgeschichtlicher Hinsicht trägt die soeben genannte Wechselwirkung zwischen jener historischen Relativierung sowie dem Verlust der religiös versicherten Ewigkeit einerseits und der schriftlichen Kompensation derselben andererseits wesentlich zu bekannten ästhetischen Konfigurationen, Experimenten und Auseinandersetzungen bei und gewinnt durch diese – der Verweis auf die Genieästhetik hat es bereits angetönt – zugleich weiter an Dynamik. Eine prägende Rolle kommt dabei ab Mitte der 1750er-Jahre Gotthold Ephraim Lessing zu, dessen Paradigmenwechsel innerhalb der zeitgenössischen Gattung des Trauerspiels nicht nur mit einer Priorisierung der Dauer des Mitleidens gegenüber dem schrecklichen Augenblick einherging, sondern auch zu einer Auflösung der von Aristoteles geforderten Dreieinigkeit von Anfang, Mitte und Ende führte. Eine Auflösung, die sich insofern vollzieht, als dass in Lessings bürgerlichem Trauerspiel das Ende in ein Enden überführt und damit zur Mitte wird.

Dieses Überführen des Endes hin zu einer Mitte ist in seiner Wirkmächtigkeit kaum zu überschätzen, denn es versuchte sich nicht bloß an einer Transformation der Paradegattung der Tragödie, sondern ist damit auch entscheidend an der Auflösung der (vermeintlichen) Einheit der Werke einer jeden Gattung beteiligt. Zusammen mit dem kaum später10 einsetzenden Aufgreifen der fragmentarischen Form – durch Hamann, Herder und dann vor allem wieder durch Lessing selbst in den Reimarus-Fragmenten – führt es nämlich in den kommenden Jahrzehnten u. a. über Goethe, Jean Paul und die Frühromantiker zu einer Ästhetik des Fragments, die 65 Jahre nach Miss Sara Sampson in E. T. A. Hoffmanns Lebens-Ansichten des Katers Murr sodann einen weiteren Höhepunkt erreicht. In Hoffmanns Doppelroman wird nicht nur auf komplexeste Weise das Ende zur Mitte, sondern auch der Anfang.

Hinsichtlich des Fragmentarischen lassen sich die Beobachtungen des Hauptteils wie folgt zusammenfassen:

Während im Zuge des 18. Jahrhunderts die von Aristoteles geforderte und verbürgte Einheit eines schriftlichen Werkes immer radikaler infrage gestellt und parallel dazu der einst ewige, einheitliche Text der Bibel zusehends als fragmentarische Sammlung von Fragmenten betrachtet wird, entstehen immer mehr und radikalere, künstlich erschaffene Fragmente im Versuch, unendliche Texte zu erschaffen. Die auf diese Weise entstehende Wechselwirkung zwischen Religion, Poetik und schriftstellerischem Schaffen vollzieht sich dabei selbst als potenziell unendlicher Prozess.

Die versuchte Kompensation von Ewigkeit durch Unendlichkeit vollzieht sich sowohl auf der Mikroebene – vgl. etwa die Beobachtungen zu Gedankenstrichen, Absatz und Abschnitt u. a. bei Lessing, Jean Paul oder E. T. A. Hoffmann – als auch auf der Makroebene, etwa durch Kreisstrukturen, Rahmenerzählungen, die am Ende nicht mehr geschlossen werden, oder durch die entortende Eigendynamik vermeintlich rahmender Vorworte, Nachworte und/oder Autor- und Herausgeberfiktionen. Im Falle der Funktion Herausgeber und insbesondere der Herausgeberfiktion wurde zudem deutlich, wie sehr diese als Garanten der Ewigkeit des von ihnen herausgegebenen Werkes und dessen Autors fungieren. Die Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen ist denn auch eine wesentliche, wenn nicht gar die entscheidende Konstituente sowohl des fiktiven Herausgebers als auch der Entstehung moderner Autorschaft, die umgekehrt wiederum zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen beitragen.11

Befund 2) hat auf semiologischer Ebene die übrigen Operationen zur Ewigkeitsattribuierung einer zweiten Gruppe zugeteilt, da diese nicht zu einer forcierten Iterabilität führen resp. nicht auf Unendlichkeit abzielen, sondern auf eine potenzielle Autonomie des Verschriftlichten von zeitlicher Veränderung der Semantik, des Kommunikationszusammenhangs und des außersprachlichen Kontexts.

Ebenso für diese auf Autonomie abzielende Gruppe von Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen findet sich im untersuchten Zeitraum eine starke Entsprechung auf kultur- und literaturgeschichtlicher Ebene, was auch in diesem Fall zu einem akzentuierten Auftreten der betreffenden Operationen führt. Dies sind nun insbesondere die Grundoperationen Autonome Performative Produktion und Reflexivität (letztere jedoch nur in den Fällen, in denen sie hauptsächlich auf Autonomie abzielt).

Wichtigster geistes- resp. philosophiegeschichtlicher Hintergrund für diese Entsprechung ist, dass – so die These des entsprechenden Kapitels des Hauptteils – die von Descartes ausgehende Reflexionsphilosophie den durch sie selbst maßgeblich herbeigeführten Verlust einer Ewigkeit des Absoluten wiederzugewinnen sucht.

Sie bedient sich bei diesem Versuch – da mittels des Mediums Sprache angestrebt – Verfahren, die im Bereich der Literatur insbesondere den Operationen zur Ewigkeitsattribuierung Autoreflexivität und Poetologie resp. der Grundoperation Reflexivität entsprechen und damit viel älter sind als die betreffenden geistesgeschichtlichen Entwicklungen.

Im Anschluss an die semiologischen Befunde zur oben präsentierten Typologie lässt sich nun präzisieren: Wie die Grundoperationen Autonome Performative Produktion sowie Reflexivität (letztere hingegen nicht immer) auf eine Autonomie des Verschriftlichten zielen, baut die Reflexionsphilosophie auf einem Verfahren auf, das ein autonomes denkendes Ich setzt resp. konstituiert. Die in Kapitel IV.3.1 festgestellte Eigendynamik einer potenziell unendlichen Spiegelung, die der Reflexionsphilosophie inhärent ist und diese zu unterlaufen droht, kann hingegen im Falle der Grundoperation Reflexivität geradezu betont werden, und zwar in den Fällen, in denen sie nicht auf Autonomie, sondern auf Unendlichkeit abzielt. Oder in anderen Worten:

Die eine Ausprägung der Grundoperation Reflexivität entspricht also gewissermaßen der Grundoperation, die der Reflexionsphilosophie innewohnt; die andere Ausprägung hingegen entspricht der der Reflexionsphilosophie inhärenten und diese in ihrer grundlegenden Prämisse bedrohenden Eigendynamik. Die Grundoperation Autonome Performative Produktion wiederum entspricht in ihrem Ziel demjenigen der Grundoperation der Reflexionsphilosophie, sucht es aber auf einem anderen Weg zu erreichen.

Vielleicht könnte man bezüglich Letzterem so weit gehen und sagen: Fichte aber bedient sich eher eines Verfahrens, das der Grundoperation Autonome Performative Produktion sehr nahe kommt, indem er mit dem Ich, das sich selber setzt, das Performativ-Schöpferische – oder plakativer ausgedrückt: das Genie! – und damit letztlich ein ästhetisches Prinzip zur Grundprämisse seines philosophischen Systems erhebt. Ebenso scheint der Ablösung des Mimesisgebotes ein performatives Prinzip inhärent: Wenn die Natur dynamisch schöpferisch ist, so verweist das künstlerische dynamische (Er-)Schaffen nicht nur abbildend auf die Natur, sondern es vollzieht zugleich Natur.

Die soeben unternommene Zusammenführung der wichtigsten semiologischen wie historischen Ergebnisse des Hauptteils macht deutlich, dass verschiedene geistesgeschichtliche Entwicklungen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einerseits Versuche zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen verstärkt begünstigen resp. geradezu nach sich ziehen und dass andererseits diese geistesgeschichtlichen Entwicklungen selbst eine strukturelle Ähnlichkeit mit den Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen aufweisen. Gerade diese strukturelle Ähnlichkeit führt dazu, dass für den untersuchten Zeitraum zentrale geistesgeschichtliche Entwicklungen und Versuche zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen (und letztlich von Kunst im Allgemeinen) in eine immer stärkere Wechselwirkung treten, der zum einen selbst eine potenziell unendliche Dynamik innewohnt und die damit zum anderen zugleich ihren eigenen Anfang verwischt. Diese Wechselwirkung – und nicht bloß jene geistesgeschichtlichen Entwicklungen allein – ist sodann wesentliche Ursache für literaturgeschichtliche Experimente und Konfigurationen wie die sogenannten Ästhetiken des Fragments, des Genies oder der Autonomie. Mit der letzteren geht einher, dass die „Semiotik der Sinnlichkeit“, die sich im Diskurs der entstehenden Disziplin der Ästhetik „dem ausgehenden [18.] Jahrhundert als übergreifende Problemstellung“12 darbietet, sich der jahrtausendealten Suche nach dem Zeichen, das sich selber zeigt,13 und derselben Hoffnung auf Verewigung und Ewigkeit anschließt, wie sie bereits mit der Semiotik der intelligiblen Zeichen verbunden wurde.

Die vermeintlich klare Trennung zwischen Ursache und Wirkung ist in all diesen Fällen freilich eine heuristische, sind die betreffenden literaturgeschichtlichen Entwicklungen doch immer auch schon Teil jener Wechselwirkung. Damit eröffnet sich hier auch eine neue und die bestehende Forschung ergänzende literaturgeschichtliche Perspektive auf die Zeit um 1800: Ästhetische Auseinandersetzungen zwischen und innerhalb vermeintlich klar abgrenzbarer literarischer Strömungen wie der Klassik oder der Romantik sowie die isoliertere Stellung einzelner Autoren wie Hölderlin und Jean Paul14 lassen sich nun auch auf unterschiedliche Präferenzen der betreffenden literaturgeschichtlichen Konfigurationen sowie der einzelnen Autorinnen und Autoren zurückführen; Präferenzen dazu, welche Operationen primär und in welcher Radikalität zur Ewigkeitsattribuierung eingesetzt werden sollen.15 Dies unterstützt auch die Forschung der letzten Jahrzehnte, die zunehmend die Kontinuitäten und Verflechtungen zwischen den literaturgeschichtlichen Konfigurationen jener Zeit von der Aufklärung bis zur Romantik aufzeigt.16

Mit all dem geht einher, dass gerade auch hinsichtlich der Analyse sowie einer literatur- und geistesgeschichtlichen (eben nicht starren) Verortung der einzelnen Beispieltexte sich die neue Perspektive auf Operationen zur Ewigkeitsattribuierung als außerordentlich gewinnbringend erwiesen hat. Es ergaben sich zahlreiche Ergänzungen bestehender Forschung und neue Interpretationsansätze, die hier alle noch einmal aufzuzählen zu weit führen würde – man halte sich dafür direkt an die betreffenden Kapitel. Zu betonen bleibt aber, dass auch deutlich wurde, welch großes Potenzial diese ergänzende Perspektive für die Auseinandersetzung mit vielen weiteren Texten sowohl aus demselben Zeitraum als auch aus anderen Jahrhunderten besitzt.

2. Ausblick unter weiterer Anknüpfung an bestehende Forschungsdiskurse

In der Einführung wurde die Hoffnung geäußert, dass ein Fokus auf Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen auch neue Anknüpfungsmöglichkeiten an und für bestehende Diskurse schaffen möge, die über das Erarbeiten einer entsprechenden Typologie und deren historische Kontextualisierung hinausreichen. Diese Offenheit war denn auch eine wesentliche Grundhaltung beim Verfassen der vorliegenden Arbeit, der es letztlich nicht um eine isolierte Typologie, sondern um das Potenzial derselben für bereits bestehende Forschungsdiskurse geht. Wegen dieser Grundhaltung und des Umstandes, dass sich daraus im Hauptteil eine die Erwartungen übertreffende Fülle an weiterführenden Anknüpfungsmöglichkeiten aufgetan hat, sei zum Schluss ein etwas ausführlicherer Ausblick erlaubt,17 der einige davon noch einmal aufgreift und bündelt. Dabei liegt der Fokus ganz auf Anknüpfungsmöglichkeiten, die über einzelne Texte und Autoren hinausgehen und direkt an einige in der Einführung erwähnte Forschungsdiskurse anschließen.18

2.1 Zur Literatur- und Geistesgeschichte sowie zur Typologie

Die beobachtete, selbst potenziell unendliche Wechselwirkung zwischen Versuchen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen und den oben beschriebenen geistesgeschichtlichen Entwicklungen müsste über den Zeitraum von 1755 bis 1821 hinaus weiterverfolgt werden. Dabei wären u. a. folgende Fragen und Hypothesen bedenkenswert:

Inwiefern können die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit mit den weiteren noch zu erwartenden Ergebnissen des DFG-Schwerpunktprogramms „Ästhetische Eigenzeiten. Zeit und Darstellung in der polychronen Moderne“ kombiniert und zu weiteren Erkenntnissen geführt werden?19 Besonders großes Potenzial hätten hierbei wohl Ansätze, welche die Operationen zur Ewigkeitsattribuierung und die Ergebnisse zu deren akzentuiertem Auftreten in der Zeit um 1800 für die Leitthese des Schwerpunktprogramms, die eine „polychrone Moderne“ postuliert,20 fruchtbar zu machen suchen. Etwa dahingehend, dass man sich fragen müsste, ob unterschiedlichen „nachhaltige[n] Kulturen der Eigenzeitlichkeit“21 jeweils eine Grund- oder Unteroperation zur Ewigkeitsattribuierung besonders inhärent ist, was sowohl für die vorliegende Arbeit als auch für das Schwerpunktprogramm den Blick für längere historische Linien, Brüche und Konstellationen schärfen dürfte. Ein erster in diese Richtung gehender Versuch wäre die wichtige Ergänzung der von Michael Gamper und Helmut Hühn für das Schwerpunktprogramm getätigten Grundannahme zu Form und Autonomie:

Sie [die Form, MG] verdankt sich ihrerseits aber wiederum selbst in ihren Produktionsprozessen komplexen Zeitlichkeitsstrukturen, und diese ihr als kontinuierliche Transformation mitgegebene Zeitlichkeit prägt auch die Rezeptionsvorgänge. Form kann deshalb nicht, wie in klassizistischen Ästhetiken oft intendiert, als eine Präsenz verstanden werden, die den Stoff der Zeitlichkeit entwindet, sondern als ein Resultat und Ausdruck von Temporalität.22

Denn die vorliegende Arbeit hat gezeigt, dass etwa die Autonomieästhetik stark von derjenigen Gruppe der Operationen zur Ewigkeitsattribuierung geprägt ist, die auf Autonomie des Verschriftlichten abzielt, dass aber zugleich insbesondere der zu dieser Gruppe gehörigen Grundoperation der Reflexivität23 auch eine potenziell unendliche und damit radikal zeitliche Bewegung inhärent ist. Am Beispiel von Goethes Zauberlehrling ist besonders deutlich geworden, dass sich zumindest die Weimarer Klassik dieser die eigene Ästhetik unterlaufenden, verzeitlichenden Operationen bewusst ist, gar damit experimentiert,24 sie aber letztlich einzudämmen versucht, während – so eine These des Hauptteils – die Romantik gerade diesen verzeitlichenden Aspekt der Grundoperation Reflexivität begeistert aufgreift, radikal bejaht und bis an die Grenzen des intelligibel Nachvollziehbaren weitertreibt.25 Es deutet also alles darauf hin, dass auch die vom DFG-Schwerpunktprogramm untersuchten ‚ästhetischen Eigenzeiten‘ nicht einseitig und zu dichotomisch als Formen der Verzeitlichung „klassizistischen Ästhetiken“, die auf zeitenthobene Autonomie abzielen, gegenübergestellt werden sollten – erste Resultate des Programms selbst scheinen inzwischen ebenfalls in diese Richtung zu weisen.

Mit derselben Differenzierung wären letztlich etwa auch Uwe Wirths Beobachtung zur Verzeitlichung durch die Frühromantiker26 oder Dirk Göttsches Untersuchung zum Zeitroman sowie zur literarischen Zeitreflexion zu ergänzen.27 In diesem Zusammenhang wäre zudem der in Kapitel II.1.1.3 gestreiften und an die Forschung Claudia Liebrands anknüpfenden28 Frage nachzugehen, ob und inwiefern E. T. A. Hoffmann in den Lebens-Ansichten des Katers Murr eine Kombination der bevorzugten Operationen zur Ewigkeitsattribuierung der Weimarer Klassik mit den bevorzugten der Romantik anstrebt. Schließlich würde sich in einem noch umfassenderen Bezug auf Zeit und Zeitlichkeit auch die Frage stellen, ob und inwiefern die Ergebnisse des DFG-Schwerpunktprogramms „Ästhetische Eigenzeiten“ und der vorliegenden Untersuchung mit neueren grundlegenden philosophischen und/oder theologischen Entwürfen zu verknüpfen wären. Man denke dabei u. a. an Michael Theunissens Negative Theologie der Zeit, in der etwa die chiastische Verschränkung des Selbstvollzuges von Individuum und Zeit29 an die Grundoperation Autonome Performative Produktion erinnert. Bei dieser negativen Theologie der Zeit wäre zudem kritisch zu überprüfen, ob deren vom „Kunstschönen“ inspirierter, zentraler, Dauer implizierender Begriff Verweilen30 nicht seinerseits entscheidend auf der Tradition der Ewigkeitsbehauptung gegenüber Kunstwerken beruht.

Hinsichtlich bereits zu Gemeinplätzen gewordener Phrasen wie der ‚Zerrissenheit des Menschen‘ und der ‚Fragmentierung des Lebens‘ in der Moderne ließe sich zudem folgende Hypothese in den Diskurs zu den Merkmalen und Konstituenten der Moderne einbringen:31

Gegenüber vergangenen Jahrhunderten häufigere, umfassendere und damit im ästhetischen Diskurs dominanter auftretende Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen – und wohl auch von anderen Medien als der Schrift – sind eine grundsätzlichere Konstituente der Moderne als die des Fragmentarischen, denn das Fragmentarische ist zugleich Teil und Folge jener akzentuierten Ewigkeitsattribuierung. Oder mit anderen Worten: Das Fragment als vermeintliche Leitmetapher der Moderne ist im Grunde bloß eine Metonymie, die auf die in der Moderne verstärkt auftretenden Versuche zur Ewigkeitsattribuierung verweist, die u. a. das Fragmentarische als Kombination der Operationen Unendliche Lektüre und Unendliches Verstummen32 in ihren Dienst zu nehmen suchen.

Wenn es aber um die Frage geht, ob sich für einzelne Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen größere historische oder gar kulturelle Linien oder Muster beobachten lassen, ist ein Blick vor und hinter den untersuchten Zeitbereich unabdingbar und wohl ausgesprochen ergiebig, wie bereits die Verweise im Hauptteil und in der Einführung – etwa auf die neuere Forschung zu Annette von Droste-Hülshoff, Franz Kafka, Thomas Mann oder Gustave Flaubert und James Joyce33 – angedeutet haben. Als ein Beispiel für einen möglichen, generalisierbaren Zusammenhang zwischen einzelnen Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen und größeren geistesgeschichtlichen Veränderungen sei hier noch einmal kurz an die bis ins 12. Jahrhundert zurückreichende Tageliedlinie angeknüpft, die in den Kapiteln zu Der Spinnerin Nachtlied und der historischen Kontextualisierung insbesondere der Unteroperation Unendliches Verstummen skizziert wurde. Ausgehend von dieser Tageliedlinie ließe sich nämlich folgende gewagte Hypothese ableiten:

In Texten (von einzelnen Autoren bis zu ganzen Epochen), für deren kulturhistorischen (oder zuweilen auch bloß autorspezifischen) Kontext eine (religiöse) Ausrichtung auf das Leben nach dem Tod verstärkt feststellbar ist, ist eine ästhetisch besonders produktive, einzelne Werke bis hin zu Gattungen prägende Verwendung der Unteroperation Unendliches Verstummen zu beobachten.

Diese Hypothese wiederum ließe sich ergänzen durch eine zweite, gewissermaßen komplementäre:

Umgekehrt ist in Texten, für deren kulturhistorischen oder autorspezifischen Kontext eine zunehmende Abkehr von einem (religiös begründeten) Leben nach dem Tod feststellbar ist, eher eine verstärkte Verwendung der Unteroperation Unendliche Lektüre festzustellen.

Dies sind freilich Hypothesen, deren Bestätigung oder Verwerfung eine eigene, größere Untersuchung gewidmet werden müsste (zu denken wäre dabei z. B. an den vergleichenden Einbezug einer vertieften Auseinandersetzung mit Texten des Barock). Erste Bestätigungen finden sie einerseits in den ausgehend von Brentanos Der Spinnerin Nachtlied beobachteten Variationen und Adaptionen, die die Tageliedszene vom 12. bis ins 19. Jahrhundert erfahren hat,34 und andererseits in den oben genannten literaturgeschichtlichen Entwicklungen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: Es scheint nämlich kein Zufall zu sein, dass ausgerechnet die Romantiker mit ihrer Tendenz zu einer neuen Hinwendung zur Religion – die aber in gewissem Sinne und ganz nach der frühromantischen Dialektik die Abkehr von der Religion miteinschließt – sowohl die der Unteroperation Unendliches Verstummen als auch der Grundoperation Reflexivität inhärente potenziell unendliche Bewegung prominent einsetzten, während etwa der Goethe der Weimarer Klassik diesen Operationen resp. Ausprägungen derselben kritischer gegenübersteht.35

Ob diese Hypothesen umgekehrt durch den von Michael Neumann beobachteten „radikalisierten Unendlichkeitsbegriff“ vor allem von der Romantik bis zur Avantgarde einen ersten prominenten Widerspruch erfahren oder letztlich doch eher weiter bestätigt werden, ist auf die Schnelle ebenfalls nicht zu beantworten;36 möglich wäre jedoch auch, dass die akzentuierte Verwendung der Unteroperation Unendliches Verstummen durch die Romantik zu einer Eigendynamik führt, die deren Vorkommen auch in zunehmend säkularisierten Kontexten förderte.

Zumindest aber deutet sehr vieles darauf hin, dass in der aktuellen, abendländischen Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts der Prozess der Säkularisierung einerseits einen neuen Höhepunkt erreicht, während andererseits gleichzeitig die Unteroperation Unendliche Lektüre medienübergreifend eine immer dominantere Rolle einzunehmen scheint.37 Im Falle von Letzterem wäre etwa zu denken an miteinander verlinkte Texte des World Wide Webs oder, auf der Seite der Schreibenden, an Wikis, während auf dem Buch-, Kino-, TV- und Streamingmarkt die Form der potenziell unendlichen Serie38 eine sich immer weiter steigernde (Eigen-)Dynamik erreicht hat.39 Viele dieser vermeintlich neuen Ausprägungen sind letztlich digitale Umsetzungen und/oder Erweiterungen von Verfahren, die im Hauptteil bereits für die Zeit um 1800 beobachtet wurden.40 Oder plakativ gefragt: Sind Big Data und die Vision vom Internet der Dinge letztlich nichts anderes als die radikalstmögliche Unterfütterung aller Lebensbereiche mit der Unteroperation Unendliche Lektüre, nichts anderes als ein weiterer, zeichenhafter Verewigungsversuch?41 All dies führt schließlich zu einer Makroperspektive auf die Geschichte kultureller Semiose und die ihr zugrunde liegenden „Zeichenlogiken“,42 die etwa Aleida Assmann in ihrer Forschung einnimmt: Inwiefern schlagen sich allenfalls Veränderungen im semiotischen Paradigma einer Gesellschaft im Auftreten der Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen nieder – und umgekehrt? Und könnten sich diese Operationen auch auf einer über schriftliche Texte hinausreichenden Makroebene als „Strategien der Dauer“43 erweisen?

Was die Typologie selbst anbelangt, so drängt sich natürlich die Frage auf, ob sich weitere Unter- oder sogar Grundoperationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen beobachten ließen. Zudem müsste man vertiefter verfolgen, ob bei den Unteroperationen weitere Binnendifferenzierungen sinnvoll wären. Auf Letztere hat die vorliegende Arbeit absichtlich verzichtet, um für eine erste grundlegende Untersuchung eine zu starke begriffliche Kleinteiligkeit zu vermeiden. Für weiterführende Auseinandersetzungen wäre aber zumindest für die Unteroperation Unendliche Lektüre eine solche Binnendifferenzierung denkbar, dies ließen insbesondere das Kapitel zu den Lebens-Ansichten des Katers Murr und die zum betreffenden Roman bereits bestehende Forschung vermuten. Noch mehr wäre aber eine Erweiterung der Grundoperation Autonome Performative Produktion zu bedenken: Als weitere eigene Unteroperation könnten etwa Verfahren gelten, welche die Materialität der Schrift mit dem Inhalt des Verschriftlichten in Einklang zu bringen suchen. Ein simples Beispiel dafür wäre etwa, das Wort ‚rot‘ anstatt mit blauer mit roter Tinte zu schreiben. Unter eine Variante der Unteroperation Poetische Performativität hingegen könnten Versuche fallen, die über eine ikonische Anordnung der Schriftzeichen – um Charles Sanders Peirces Begrifflichkeit zu benutzen44 – die Symbole zugleich zu einem Ikon für den Inhalt ebendieser Symbole werden lassen wollen. Ein Beispiel hierfür wären die Texte der Konkreten Poesie im 20. Jahrhundert, aber auch viel weiter zurückreichende, demselben Prinzip folgende Werke wie etwa der frühmittelalterliche Figurengedichtzyklus De laudibus sanctae crucis (9. Jahrhundert) von Hrabanus Maurus. Beide Ergänzungen zur Autonomen Performativen Produktion führen freilich an die definitorischen Grenzen der in der Typologie versammelten Operationen, die als innersprachliche definiert wurden.45 Wiederum tabellarisch dargestellt nähmen sich die möglichen Ergänzungen der Typologie wie folgt aus:

Des Weiteren fällt auf, dass die vorliegende Arbeit auch auf semiotisch-typologischer Ebene Anknüpfungspunkte zur Forschung Aleida Assmanns aufweist. So besitzen die Operationen Unendliches Verstummen und Poetische Performativität Ähnlichkeiten mit der von ihr mit den Begriffen „Zeichenkraft“ resp. „Zeichenlogiken“ gefassten „Entleerung (asemantisches Zeichen)“ resp. „Vergegenwärtigung (magische Zeichen)“.46 Aleida Assmann „folgt dabei zunächst der dreiteiligen Klassifikation von Charles S. Peirce, der die Vielfalt der Zeichen bekanntlich in die Kategorien Index, Ikon und Symbol eingeordnet hat, und möchte sie um drei weitere ergänzen: die performativen, asemantischen und magischen Zeichen“.47 Ihre Terminologie48 bärge – von Aleida Assmann bereits angetönt – auch für die Literaturwissenschaft großen analytischen und heuristischen Wert. Dabei wäre zu klären, ob und inwiefern die hier dargelegte, spezifisch auf die Ewigkeitsattribuierung bezogene Typologie, in Kombination etwa mit Assmanns Klassifikationen, nicht auch in einer allgemeinen zeichentheoretischen Typologie aufgehen könnte.

In dieselbe Richtung zielend ist festzuhalten, dass weitere Studien vielversprechend wären, die den Fragen nachgehen, ob, inwiefern und mit welchen allfälligen Ergänzungen die hier erarbeitete Typologie inklusive der historischen Erkenntnisse auch auf andere Medien und Künste49 oder gar ein anderes Zeichensystem wie das der Mathematik50 übertragbar ist. Diese Fragen der Übertragbarkeit stellen sich natürlich auch dahingehend, ob sich an Texten anderer Schrifttypen, wie etwa der chinesischen Schriftzeichen, zusätzliche Operationen beobachten ließen und ob in anderen Schriftkulturen als der abendländischen ähnliche kulturgeschichtliche Konstellationen zu einem akzentuierten Auftreten derselben Operationen führen oder nicht. Anzunehmen wäre etwa, dass in allen Schriften mit stärkeren ikonischen Aspekten die Unteroperation Unendliches Verstummen weniger stark resp. weniger ästhetisch produktiv vertreten ist, während dafür das Ikonische eine stärkere Gewichtung oder zumindest erweiterte Möglichkeiten der Grundoperation Autonome Performative Produktion nach sich zieht. Und schließlich blieben – gerade auch mit Blick auf eine Integration der Typologie in eine allgemeine hermeneutische Theorie (siehe das folgende Kapitel) – die Möglichkeiten und Grenzen einer Übertragbarkeit auf die mündliche Kommunikation zu klären.

2.2 Zur Hermeneutik

Dass die Frage, welche Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen eingesetzt werden, letztlich auch die grundlegend hermeneutische Frage berührt, was denn überhaupt in einem Kommunikationszusammenhang verstanden werden kann, darauf hat die Einführung bereits hingewiesen. Dabei wurde festgestellt, dass (etwas vereinfacht ausgedrückt) die hermeneutische Tradition bis und mit mindestens Hans-Georg Gadamer die Ewigkeitsbehauptung gegenüber Schriftzeichen eher verstärkt hat, als sie kritisch zu hinterfragen. Gleichzeitig bestünde nun aber die Möglichkeit – gewissermaßen in der Nachfolge von u. a. Karlheinz Stierle und Jürgen Bolten51 –, die hier erarbeitete Typologie von Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen in ein hermeneutisches Modell zu integrieren. Dabei würden sich mindestens zwei grundlegende Herausforderungen stellen:

  1. Welche Stellung nehmen innerhalb einer (text-)hermeneutischen Theorie Textstellen ein, denen eine Operation zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen inhärent ist? Es sei hier zumindest einmal die Hypothese gewagt: Solche Textstellen wären wohl die bestmöglichen Ausgangs- und/oder Referenzpunkte eines jeden hermeneutischen Prozesses, da sie in semiotischer Hinsicht gegenüber den übrigen Textstellen am wenigsten zeit- und kontextabhängig sind.52
  2. Inwiefern ist der Verstehensprozess selbst ein potenziell unendliches Verfahren, und inwiefern ähnelt und/oder unterscheidet er sich dabei von der Funktionsweise der Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen? Ähnelt er beispielsweise bloß derjenigen Gruppe der Operationen, die Ewigkeit durch Unendlichkeit zu ersetzen suchen? Und wie steht er im Verhältnis zur anderen Gruppe, die auf Autonomie abzielt?

Die Auseinandersetzung mit diesen beiden Punkten könnte wiederum bereits bei Schleiermacher ansetzen, bei dem es in der postum erschienenen Hermeneutik und Kritik (1838) heißt:

[18,4] Die Aufgabe ist, so gestellt, eine unendliche, weil es ein Unendliches der Vergangenheit und Zukunft ist, was wir in dem Moment der Rede sehen wollen. Daher ist auch diese Kunst [= die Kunst des Verstehens, MG] ebenfalls einer Begeisterung fähig wie jede andere. In dem Maße, als eine Schrift diese Begeisterung nicht erregt, ist sie unbedeutend. – Wie weit man aber und auf welche Seite vorzüglich man mit der Annäherung gehen will, das muß jedenfalls praktisch entschieden werden und gehört höchstens in eine Spezialhermeneutik, nicht in die allgemeine.53

Man könnte nämlich sagen, dass die Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen „diese Begeisterung“ zu erregen suchen. Und zur Formulierung „wie weit man gehen will“ ließe sich ergänzen: Mindestens diejenigen Operationen, die zu einer forcierten Iterabilität führen, suchen die Rezipienten dazu zu zwingen, so weit wie möglich zu gehen – und zwar wohl auf beiden Seiten. Zudem ist darauf hinzuweisen, dass hier auch bei Schleiermacher eine Verschiebung festzustellen ist, die den literatur- und geistesgeschichtlichen Ergebnissen der vorliegenden Arbeit entspricht: Ein absoluter, ewiger (von Gott und den ‚Autoritäten‘ garantierter) Sinn ist unsicher geworden und soll nun durch das Verfahren einer Hermeneutik wenigstens annähernd wieder eingeholt werden – durch ein Verfahren, das in der soeben zitierten Stelle bei Schleiermacher selber als ein unendliches beschrieben wird. Auch dem Beginn der modernen Hermeneutik liegt also ein Verfahren zugrunde, das letztlich selbst einer Operation zur Ewigkeitsattribuierung entspricht, indem es ewig gültigen Sinn durch unendliche Sinnstiftung zu ersetzen sucht. Oder in anderen Worten: Die moderne Hermeneutik sucht die ihr inhärente Ewigkeitsbehauptung, es gäbe über die Zeiten hinweg etwas zu verstehen, nach der Struktur einer selbsterfüllenden Prophezeiung wahr werden zu lassen.

Neben anderen haben Emil Angehrn und Daniel Müller Nielaba rund 200 Jahre nach Schleiermacher die potenzielle Unendlichkeit des Verstehensprozesses ebenfalls zu beschreiben versucht. Angehrn nennt dabei vier „Varianten“: „Die Unendlichkeit kann an der Unausschöpfbarkeit des Sinns, der uneinholbaren Vermitteltheit der Kommunikation, der nie zu vollendenden Reflexion des Subjekts, der Offenheit des Textes festgemacht werden.“54 Nach einer kurzen Besprechung derselben55 folgert er:

Schon der schematische Überblick macht deutlich, daß diese verschiedenen ‚Unendlichkeiten‘ nicht losgelöst voneinander bestehen, sondern Facetten eines Phänomens, der Offenheit eines Sinngeschehens sind, an welchem Autor, Leser, Text und Verstehensvollzug gleichermaßen teilhaben. Sie bedingen sich gegenseitig, wie [sic] wirken zusammen und gegeneinander, sie verstärken sich, indem sie sich zugleich absorbieren. […]

Unendlichkeit oszilliert zwischen positiver Transzendenz und unendlichem Regress. Sie kann Überfülle meinen oder Entformung und Leere. Sie kann positiv oder negativ über die bestimmte, begrenzte Form hinausgehen. […] Hegel nennt dieses Hinausgehen, welches das Endliche mit Mitteln des Endlichen überwinden will und es dadurch nur reproduziert,56 die schlechte Unendlichkeit.57 Ein affirmatives Jenseits des Endlichen, wie es in theologischen Kontexten anvisiert ist, klingt in der Unausschöpfbarkeit des Sinns in großen Symbolen, eminenten Texten an. Doch bleibt die Frage, wie die Überfülle gegen die Leere, die Überbestimmtheit von der Unterbestimmtheit abzuheben ist. Der Richtungsstreit der Hermeneutik ist nicht zuletzt einer im Umgang mit dem Unendlichen.58

Daniel Müller Nielaba wiederum nimmt eine dezidiert rhetorische Perspektive ein, wenn er schreibt:

Das Verstandene ist hinsichtlich eines zu Verstehenden immer ein Anderes, immer ein diesem Heteronomes: Die Relation von Verstandenem und zu Verstehendem ist mithin nichts anderes als ein rhetorisch bestimmtes Verhältnis, indem sie sich als metonymische Verschiebung erweist. […] die Aussage also: ‚Verstehen ist unmöglich‘ –, implizierte ebenso zwingend, daß es ein Verstehen vor diesem Verstehen gäbe, daß also Verstehen, nach der unhintergehbaren Maßgabe seiner Selbstapplikabilität, stets ein Vor-Verstehen wäre […]. Verstehen und zu Verstehendes sind in ihrem Zusammenwirken damit weder zu verstehen noch nicht zu verstehen, vielmehr: Ein mögliches und tatsächliches Verstehen des Verstehens erweist sich in aller Konsequenz als das Verschieben oder das Verstellen des Verstehens, als ein unsistierbares Übertragen des Verstehens also.59

Verbindet man nun die Beobachtungen zur zitierten Stelle bei Schleiermacher sowie die Überlegungen Angehrns und Müller Nielabas mit den Ergebnissen der vorliegenden Arbeit, so ergeben sich daraus folgende komplementäre Thesen, denen es weiter nachzugehen gälte:

  1. Ewigkeit dient als figuraler Bezugspunkt des modernen Verstehens, das sich dadurch zwar nicht der Ewigkeit, aber zumindest einer potenziellen Unendlichkeit zu versichern sucht und sich so selbst als ein unendliches Verfahren in Gang hält. Dies wiederum führt zu einer noch größeren Unerreichbarkeit jenes figuralen Bezugspunktes und immer so fort. Würde dieser Bezugspunkt jedoch erreicht, könnte ewig gültiger Sinn durch dieses Verfahren ein für alle Mal verstanden werden, so wäre das zugleich das Ende dieses Verfahrens und damit das Ende des modernen Verstehens.
  2. Dabei wird auf semiotisch-rhetorischer Ebene auch sichtbar, dass umgekehrt Ewigkeitsattribuierung wohl eine entscheidende Konstituente, wenn vielleicht nicht für Figuration im Allgemeinen, so doch für rhetorische Figuren (und wohl auch die Tropen)60 ist. Dies gälte komplementär zur ersten These hinsichtlich der potenziell unendlichen Bewegung, die einer jeden Figuration inhärent ist, aber vielleicht sogar auch hinsichtlich (gewisser) Verfahren, die auf Autonomie abzielen. Letzteres nämlich wohl immer dann, wenn das Erzielen poetischer Performativität als ein wesentlicher Aspekt der betreffenden rhetorischen Figur61 beobachtet werden kann.

2.3 Zur Literarizität sowie kritische Reflexion auf die vorliegende Arbeit und ihr Fachgebiet

Auch hinsichtlich der Auseinandersetzung damit, was Literatur von Nichtliteratur unterscheide, bietet die vorliegende Arbeit neue, ergänzende Ansätze an. Vorschnell mag vielleicht jemand einwenden, einige der von ihr angeführten Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen seien lediglich bereits bekannte Konstituenten von Literarizität. Als Erstes träfe ein solcher Einwand wohl die Grundoperation Reflexivität resp. deren Unteroperationen Autoreflexivität und Poetologie. Für diese – wie für alle anderen Operationen der Typologie – gilt jedoch:

1) Bereits in der Einführung wurde klar festgehalten, dass die vorliegende Arbeit sich mit Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen befasst. Das schließt nicht aus, dass dieselben Prinzipien, nach denen diese Operationen funktionieren, auch für Verfahren grundlegend sein können, die andere Zwecke verfolgen. So mag z. B. der Verweis einer Textstelle auf sich selbst und ihre Möglichkeitsbedingungen auch primär der Verfremdung der üblichen Verweisstruktur und damit einer Unterbrechung des Leseflusses resp. einer genaueren Lektüre oder einem neuen Blick auf vermeintlich Altbekanntes dienen. Das Wort ‚primär‘ wird hier bewusst verwendet, weil selbst in einem solchen Fall nicht bestritten werden kann, dass die betreffende Textstelle zugleich – und unabhängig von der Intention des Verfassers oder der Verfasserin – weniger zeitlichen Veränderungen ihrer intelligiblen Seite sowie ihres Kontextes unterworfen ist und/oder das Potenzial für eine unendliche Lektüre einer unendlichen Spiegelungsbewegung besitzt.

2) Die Wahl einer anderen Begrifflichkeit für die Operationen Autoreflexivität und Poetologie – und letztlich ebenso aller anderen in der Typologie aufgeführten Operationen – hätte eine solche Überschneidung nur vordergründig vertuscht und damit das Verständnis der hier vorgelegten Typologie letztlich nicht erleichtert. Im Gegenteil vermag gerade die Verwendung bestehender Begriffe darauf aufmerksam zu machen, dass die Ergebnisse der vorliegenden Arbeit das Potenzial besitzen, den Blick von einer bloßen Beschreibung von Konstituenten von Literarizität hin auf eine mögliche Begründung von Literarizität zu richten. In diesem Sinne wäre jener vorschnelle Einwand genau umzudrehen, woraus sich folgende Hypothese ergibt:

Die Versuche zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen sind eine wesentliche Ursache für die Verwendung von innersprachlichen Operationen, die als Konstituenten von Literarizität gelten. Oder einfacher ausgedrückt: Die Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen ist eine wesentliche Ursache von Literarizität.62

In dieselbe Richtung würde ein allfälliger zweiter vorschneller Einwand zielen, nämlich dass die Textbeispiele, mit denen der Hauptteil arbeitet, bereits kanonisierte Klassiker seien und damit hier letztlich eine bloße Weiterführung der Ewigkeitsbehauptung gegenüber denselben fortgeführt werde. Dem wäre aber entgegenzuhalten:

1) Allein schon was die Textauswahl selbst betrifft, so umfasst diese auch Texte, die weniger bekannt sind, wie Der Phönix oder Ermunterung; und in anderen Fällen, etwa des Zauberlehrlings, aber in geringerem Ausmaß auch Der Spinnerin Nachtlied, die zwar zu den kanonischen Texten gehören, ist (nach bestem Wissen des Verfassers) das Ausmaß bisheriger Forschungen entweder ebenfalls äußerst gering oder liegt mehrheitlich Jahrzehnte zurück.

2) In der Einführung wurde deutlich gemacht, dass für die vorliegende Arbeit nicht bloß Texte und Textstellen ausgewählt wurden, für die sich mindestens eine Operation zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen beobachten lässt, sondern auch solche, die einerseits für eine dieser Operationen besondere Exemplarität beanspruchen können und die andererseits im Rahmen des zeitgenössischen kulturellen und theoretischen Kontextes explizit oder implizit das Paradigma von Dauer, Vergänglichkeit, Ewigkeit und/oder Verewigung aufweisen. Bei diesen Auswahlkriterien verwundert es nicht, wenn einige dieser Texte auch in anderer Hinsicht besonders beispielhaft und wirkmächtig waren und so eine gewisse Kanonisierung erfuhren. Zudem ist hier analog zur Frage der Literarizität festzuhalten: Die vorliegende Arbeit schreibt nicht eine unreflektierte Ewigkeitsbehauptung gegenüber gewissen Klassikern fort, sondern sie liefert eine von den ausgewählten Texten selbst her entwickelte, mögliche innersprachliche Begründung dafür, weshalb diese sich auch für die Kanonisierung als ein institutionelles, außersprachliches Verfahren der Verewigung besonders anerboten haben.

Dieser zweite mögliche Einwand würde aber – und dem sei nun zum Schluss begegnet – ein Körnchen Wahrheit beinhalten, das zu einem ganz grundlegenden Problem führt: Jeder Text, der sich mit älteren Texten auseinandersetzt, diese zitiert usw., beteiligt sich an der Überlieferung resp. am Weiterschreiben derselben und bedient sich dabei Verfahren, die oft auch Operationen der Ewigkeitsattribuierung entsprechen. Ein Paradebeispiel dafür wäre in der Tat die vorliegende Arbeit selbst: So schreibt der Verfasser einerseits etwa im Exkurs zu Jean Paul dessen ‚erschriebenes Leben‘ weiter, indem er – die Kernthese von Helmut Pfotenhauers Werkbiographie zitierend – über Jean Pauls Schriften schreibt und diesem damit ‚einen weiteren Abschnitt in [s]einem Leben‘, wie der Kater Murr sagen würde, hinzufügt. Andererseits betreiben gerade dieses letzte Kapitel des Ausblicks, aber auch einige Stellen der Einführung sowie des Hauptteils, eine Reflexion auf die vorliegende Arbeit und werden dabei Teil einer potenziell unendlich sich weiter potenzierenden Reflexionsbewegung.63 Und gerade dadurch, dass der Verfasser die Ewigkeitsbehauptungen und Attribuierungen der eigenen Arbeit und Disziplin zum Schluss noch einmal reflektiert, macht er sich sowohl die Grundoperation Reflexivität als letztlich auch die Operation Poetische Performativität zunutze und vollzieht so eine Ewigkeitsattribuierung der eigenen Arbeit. Der Kreis schließt sich, wie man so schön sagt – womit man jedoch nicht nur bei einer potenziell unendlichen Kreisstruktur, sondern auch schon wieder bei der nächsten Reflexion angelangt wäre usw. ad infinitum.

Was für die vorliegende Arbeit im Besonderen gilt (und was diese deshalb auch besonders transparent zu machen sucht), gilt aber letztlich auch für die Philologien im Allgemeinen.64 Die Literaturwissenschaft und in Teilen auch die Linguistik stellen nicht nur fortwährend implizite – und zuweilen auch explizite – Ewigkeitsbehauptungen gegenüber Schriftzeichen und Texten auf, sie tun dies auf eine Weise, die diese Behauptungen bis zu einem gewissen Grad wahr werden lässt. Verstärkt wird dieses grundlegende Problem einer selbsterfüllenden Prophezeiung – so haben es die historischen Kapitel des Hauptteils aufgezeigt – durch den Umstand, dass die modernen (in Ansätzen letztlich bis in die sogenannte Renaissance65 zurückreichenden)66 Philologien im 18. Jahrhundert ausgerechnet in einem Kontext entstanden sind, in dem eine Akzentuierung von Ewigkeitsbehauptungen gegenüber und von Ewigkeitsattribuierungen von Schriftzeichen zu beobachten ist. Mehr noch:

Es deutet vieles darauf hin, dass die modernen Philologien aus ebendieser Akzentuierung heraus entstanden sind, zu der sie zugleich wesentlich beigetragen haben.

Bestes Beispiel dafür ist, so hat sich gezeigt, Herders Shakespeare-Aufsatz, der (im deutschsprachigen Raum) ausgerechnet als der Beginn der modernen historischen Literaturwissenschaft gilt; Ähnliches trifft vielleicht sogar auch auf den von Schillers Wallenstein inspirierten Wilhelm von Humboldt und seinen Einfluss auf die entstehende Sprachwissenschaft zu.67

Schließlich erklären diese Beobachtungen vielleicht auch, weshalb es bis zur vorliegenden Arbeit noch zu keiner systematischen Untersuchung der Operationen zur Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen gekommen ist, sind diese Operationen doch gewissermaßen der blinde Fleck derjenigen Disziplinen, in deren Bereich eine solche Untersuchung fällt. Alle mit Texten arbeitenden Disziplinen, insbesondere aber die philologischen und historischen, haben zwangsläufig Anteil an der (noch ungeschriebenen) Geschichte der Ewigkeitsbehauptung gegenüber und an der Ewigkeitsattribuierung von Schriftzeichen. Ebenso ist anzunehmen, dass es gerade diese Disziplinen wären, die eine solche Geschichte schreiben würden. Verzichteten sie aber umgekehrt auf Verfahren, die sich mit Operationen zur Ewigkeitsattribuierung überschneiden, so würden sie sich selbst auflösen. Es bleibt ihnen also nur, immer wieder aus verschiedenen Perspektiven auf jenen blinden Fleck hinzuweisen. In diesem Sinne sieht sich die vorliegende Arbeit auch als ein Beitrag dazu, seitens der Philologien die eigenen Ewigkeitsbehauptungen und -attribuierungen transparenter zu machen – im Bewusstsein darum, dass einem solchen Unterfangen unausweichlich erneut eine potenziell unendliche Bewegung inhärent ist.

1

Aus diesem Grund wurde auch bereits im Hauptteil darauf verzichtet, die Grundoperation Reflexivität sowie ihre Unteroperationen mit den Adjektiven ‚autonome‘ oder ‚unendliche‘ zu versehen. Freilich wäre eine Begrifflichkeit wie etwa ‚autonome und/oder unendliche Autoreflexivität‘ präziser, was jedoch einer zu umständlichen Formulierung entspräche.

2

Der Übersetzer übersetzt für den gesamten Aufsatz Derridas itérabilité mit Iterierbarkeit, obwohl Derrida ja genau nicht bloße Wiederholbarkeit meint; in der deutschsprachigen Forschung ist zudem die Übersetzung von itérabilité mit Iterabilität durchaus etabliert; vgl. Wirth 2008, S. 61 f.

3

Derrida 1999, S. 333.

4

Da eine solche jedoch immer beiden Unteroperationen Autoreflexivität und Poetologie potenziell inhärent ist, sind hier die Grenzen fließend und nicht völlig trennscharf zu bestimmen.

5

Vgl. Wirth 2008, S. 61 f.; Derrida 1999, u. a. S. 339.

6

„Bürgerlich“ im Sinne von ‚zum (damals entstehenden) Bürgertum gehörig‘.

7

Hierbei ist es höchst bemerkenswert, dass Jan Assmann für eine ähnliche religiöse Krisenzeit in der Spätphase des alten Ägypten eine „Explosion“ der Bemühungen zur Verewigung feststellt. Dies führte zu einer ausgeklügelten Kombination von Schriftzeichen mit Verfahren der Architektur, des Rituals, bildlicher Darstellung und sympathetischer Analogie, um – mit der Begrifflichkeit der vorliegenden Arbeit gesprochen – die effizienteste mögliche Ewigkeitsattribuierung der vermittelten Inhalte zu erreichen (vgl. J. Assmann 1991, S. 73 f.).

8

„Eingeschrieben“ auch und gerade im wortwörtlichen Sinne.

9

Vgl. dazu auch den Ausblick 2.3.

10

Zum Nachweis hierfür vgl. Kapitel II.3.4.

11

In diesem Zusammenhang wäre es äußerst spannend, sich umfassender auch mit älteren Formen der Herausgeber- und Autorfiktion auseinanderzusetzen; z. B. unter Einbezug von Texten aus dem alten Ägypten, wo etwa im Papyrus Chester Beatty (13. Jahrhundert v. Chr.) fiktive ‚Assertoren‘ inklusive Rahmenerzählung vorkommen, und zwar in Texten, in denen es auch explizit um Verewigung geht (vgl. J. Assmann 1991, S. 176, Anm. 6).

12

Schneider 1998, S. 12.

13

Vgl. ebd.

14

Oder über den Rahmen der vorliegenden Arbeit hinaus: wohl auch Annette von Droste-Hülshoff; vgl. dazu das Unterkapitel 3.4 der Einführung.

15

Um Redundanzen zu vermeiden, sei dies hier nicht noch einmal detailliert ausgeführt; vgl. dazu u. a. die historisch-kontextualisierenden Kapitel II.3.2 und II.3.4; sowie gerade betreffend die Relation zwischen Klassik und Romantik das Ende des Kapitels zum Zauberlehrling; den skizzierten Vergleich von Novalis’ Heinrich von Ofterdingen mit Goethes Wilhelm Meister in Kapitel IV.1.1.4; und das Kapitel 2.1 des Ausblicks.

16

Vgl. als ein Beispiel dafür Herbert Uerlings, der ausgehend von Novalis’ Auseinandersetzung mit Goethe schreibt: „Es geht bei dem Nachweis solcher poetologischer Entsprechungen, Anverwandlungen und Entgegensetzungen also nicht darum, die Unterschiede zur Weimarer Klassik zu leugnen, sondern – im Gegenzug zu Persen – zu betonen, daß die Gemeinsamkeiten zwischen der Frühromantik einerseits und der Weimarer Klassik, Spätaufklärung und Transzendentalphilosophie andererseits größer sind als die zwischen dieser zweiten Gruppe und der ‚älteren‘ aufklärerischen Ästhetik und Poetik (wie sie freilich auch in der Berliner Aufklärung noch gepflegt wurden)“, Uerlings 2004, S. 48.

17

Ebenso wie eingangs zur Widmung würde sich hier auch eine eigene Auseinandersetzung zum „Ausblick“ von wissenschaftlichen Arbeiten anbieten, scheint diesem doch entscheidend die Grundoperation Unendliche Aktualisation inhärent zu sein im Versuch, die Unendlichkeit des wissenschaftlichen Fortschritts und der eigenen Arbeit zu garantieren. Dass für die vorliegende Arbeit ein ausführlicher Ausblick notwendig scheint, wäre somit, selbstkritisch betrachtet, ein weiterer Hinweis auf die Eigendynamik jener Operationen und die Verschiebung göttlicher Attribute auf menschliche, nicht nur literarische, sondern auch wissenschaftliche Werke.

18

Betreffend spezifischere weitere Ansätze zu den einzelnen Beispieltexten halte man sich hingegen direkt an die entsprechenden Kapitel des Hauptteils.

19

Zu einem ersten Überblick über den Abschluss der ersten Phase des Programms vgl. Bies und Gamper 2019.

20

Vgl. Gamper und Hühn 2014, S. 21.

21

Ebd.

22

Ebd., S. 16.

23

Und in gewissen Fällen auch der Operation Poetische Performativität, wie das Kapitel zum Zauberlehrling gezeigt hat.

24

Vgl. dazu auch den dem Programm selbst entstammenden Sammelband Hühn, Oschmann, Schnyder 2018.

25

Vgl. dazu neben den betreffenden Kapiteln des Hauptteils auch Wirth 2008, insbesondere S. 291–295. Ebenfalls, freilich kritisch, zu integrieren wären in einer weiterführenden Untersuchung Paul de Mans Überlegungen zu Allegorie und Symbol (vgl. de Man 1993); vgl. dazu ausführlich Geisenhanslüke 2003, S. 15–17 und 81–94.

26

Vgl. Wirth 2008, S. 292.

27

Vgl. Göttsche 2001, u. a. S. 118 f.

28

Vgl. Liebrand 1996, insbesondere S. 194 und in Bezug zur Genie- und Autonomieästhetik zusammenfassend S. 13 f.

29

Vgl. Theunissen 1991, S. 303–305, wo es u. a. heißt: „Der Vollzug der Zeit durch menschliche Subjekte ist zugleich deren Selbstvollzug. Hierin erblicke ich eines der tiefsten Geheimnisse humaner Existenz. Das Geheimnisvolle liegt des näheren in der Umkehrbarkeit des Satzes: Der Selbstvollzug endlicher Subjektivität ist ein Vollzug der Zeit. […] Immerhin lässt sich jetzt erklären, was mit ‚Vollzug‘ gemeint ist. Wir Menschen können uns selbst nicht realisieren, ohne Zeit mitzurealisieren“ (ebd., S. 303 f.).

30

Ebd., insbesondere S. 286–289.

31

Vgl. dazu A. Assmann 2015, insbesondere S. 52 f. inklusive ihres Verweises auf: Funk, Gerald et al. (Hg.): Ästhetik des Ähnlichen. Zur Poetik und Kunstphilosophie der Moderne. Frankfurt am Main 2001.

32

Zu dieser Kombination vgl. die Zusammenführung unter V.1.1.

33

Zu Flaubert und Joyce vgl. Mahler 2011.

34

Vgl. dazu auch Wolf 2011.

35

Vgl. dazu insbesondere das Kapitel III.1.1 zum Zauberlehrling.

36

Vgl. Neumann 2018.

37

Vgl. dazu auch Brukamp 2011, S. 77–92.

38

Vgl. Fröhlich 2015.

39

Erste Symptome einer solchen Eigendynamik sind etwa die Potenzierung der Serie, z. B. im Falle der Harry Potter- oder The Hunger Games-Verfilmungen, bei denen der letzte Teil der Serie wiederum in eine Serie von zwei Teilen aufgespalten wurde. Ein grundlegenderes Beispiel wäre die zu beobachtende Tendenz, dass TV- resp. gestreamte Serien klassischen Kinoproduktionen den führenden Rang im Bereich des Mediums Film ablaufen. Natürlich kommt dabei auch ökonomischen Faktoren zentrale Bedeutung zu – gerade dem Kapitalismus inhärente, potenziell unendliche Prozesse und Dogmen wie das Zinswesen und Wachstum. Dass aber so etwas wie eine ‚Trilogie in vier Filmen‘ überhaupt erst produziert und vom Publikum akzeptiert wird, lässt sich wohl nicht allein mit wirtschaftlichen Überlegungen seitens der Produzenten begründen.

40

Das Paradebeispiel dafür gibt E. T. A. Hoffmanns Lebens-Ansichten des Katers Murr ab; vgl. dazu die Kapitel II.1.2, II.3 und IV.3.3; sowie Wirth 2002, S. 432. Des Weiteren vgl. Krüger 2004, insbesondere S. 401–413.

41

Zum noch weiter reichenden Glauben an die Möglichkeit des Erlangens von Unsterblichkeit durch die „autonome[] und aktive[] Simulation des Menschen in der Virtualität“ vgl. Krüger 2004, S. 401. Zu beachten wäre bei einer weiterführenden Auseinandersetzung mit diesem Glauben auch Krügers Standpunkt, dass besonders im „anglo-amerikanischen Kontext […] wir eine Fortschrittsideologie vor[finden], die sich weitgehend innerhalb der Religion versteht“ und deren Auswirkungen deshalb mit einer dichotomischen Betrachtungsweise (christliche Heilsgeschichte vs. säkulare Fortschrittsideologie) nicht zufriedenstellend zu erklären seien (ebd., S. 313 f.). Vgl. hierzu des Weiteren Theisohn 2012, u. a. S. 18 f. und 473.

42

A. Assmann 2015, S. 17.

43

Vgl. A. Assmann 1999.

44

Vgl. Peirce 1955.

45

Eine weitere Unterteilung wäre auch für die Grundoperation Reflexivität resp. ihre Unteroperationen zu prüfen. Einen möglichen Ansatz dafür böte eventuell Michael Scheffels Typologie der „Formen selbstreflexiven Erzählens“ (vgl. ders. 1997), wobei aber bei einer allfälligen Übertragung aufgrund der unterschiedlichen Perspektiven (Ewigkeitsattribuierung vs. Erzähltheorie) Vorsicht geboten ist.

46

Vgl. A. Assmann 2015, S. 53–60.

47

Ebd., S. 53. Aleida Assmann verwendet hier einen weiten Begriff von ‚performativ‘ – orientiert am späten Austin im Sinne von „Handlungsanweisungen“, was erklärt, weshalb die in der vorliegenden Arbeit vertretene enge Verwendung des Begriffs ‚performativ‘ sich stärker mit ihren ‚magischen Zeichen‘ berührt.

48

Assmanns Terminologie mag auf den ersten Blick vielleicht etwas verwirren. Dies aus dem Grund, dass sie Peirces ‚Zeichenarten‘ mit ‚Zeichenmodi‘ zu vermischen scheint. Bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass sie – wiederum durchaus kompatibel mit Peirces Zeichentheorie (vgl. Peirce 1955) – wohl Folgendes meint: Die Zeichenart ‚Symbol‘ konstituiert sich zwar grundsätzlich nach der Zeichenlogik „Stellvertretung (Symbolisches Zeichen)“, kann sich aber im Extremfall je auch im Modus von allen anderen fünf Zeichenlogiken konstituieren, also z. B. auch in dem der ikonischen. Dies wiederum sei abhängig von der „Wahrnehmungsperspektive“ (A. Assmann 2015, S. 53), womit sie nach dem Verständnis des Verfassers dem Umstand Rechnung trägt, dass etwa ein indexikalisch gelesenes Symbol in einer ‚indexikalischen Lektüre‘ sich als Index konstituiert und nicht (mehr) als Symbol.

49

Ein Paradebeispiel für das Auftreten der Operationen Unendliche Lektüre und Unendliches Verstummen in einem noch jungen Medium wären etwa die Videospiele resp. Videospielreihen Dark Souls und Bloodborne; vgl. Inderwildi 2017.

50

Man denke etwa an die Mengenlehre, an fraktale Geometrie oder das Halteproblem in der theoretischen Informatik; vgl. dazu auch Neidhart 2008; zu Novalis’ „Beschäftigung mit zeitgenössischen Konzepten des Infinitesimalkalküls“ und deren Auswirkungen auf sein literarisches und theoretisches Schaffen vgl. Daiber 2001, S. 132–139.

51

Vgl. Bolten 1985; und Stierle 1985. Letzterer fasst etwa seine Kritik an Gadamer wie folgt zusammen: „Das Programm einer Hermeneutik von der ‚Mitte der Sprache‘ aus verwirklicht sich bei Gadamer konsequent unter Verzicht auf jegliche Erkenntnis, die die moderne Sprachwissenschaft, Zeichentheorie und Sprachpsychologie als methodische Disziplinen erbracht hatten“ (Stierle 1985, S. 340).

52

Das gilt insbesondere für die Operationen, welche die potenzielle Autonomie der Iterabilität auszuschöpfen suchen. Nicht zufällig war etwa die autoreferenziell-autoreflexive Stelle am Ende der Texte des Steins von Rosette entscheidender Ausgangspunkt für die Entzifferung der Hieroglyphen (vgl. Doblhofer 2000, S. 56).

53

Schleiermacher, Hermeneutik und Kritik, S. 94.

54

Angehrn 2004, S. 121 f.

55

Vgl. ebd., S. 122–124.

56

Dazu gehörten dann, in der Terminologie der vorliegenden Arbeit, letztlich auch all diejenigen Operationen, die zu einer forcierten Iterabilität führen.

57

Zur ‚schlechten Unendlichkeit‘ in der Philosophie des Deutschen Idealismus vgl. ausführlich Unger 2015.

58

Angehrn 2004, S. 124.

59

Müller Nielaba 2005, S. 40.

60

Zum figurativen Aspekt der Tropen vgl. Quintilian, Institutio Oratoria, Teil 2, S. 251; resp. den Beginn von Kapitel IV.3.1.1.

61

Dieser Aspekt der These ist auch inspiriert von einer, noch in gemeinsamen Studienzeiten stattgefunden habenden Diskussion mit Kathiana Meyer, die während dieser, Gedanken des Verfassers weiterführend, die Hypothese aufgestellt hatte, rhetorische Figuren seien vielleicht immer performativ. Eine Hypothese, die nun – gestützt auf die in Kapitel III.1 vorgenommene Definiton poetischer Performativität – wiederum weitergedacht und in ihrer etwas zu großen Verallgemeinerung abgeschwächt wurde.

62

Besonders bemerkenswert ist hierbei, dass zumindest die altägyptische Literatur direkt aus der Tradition der Grabinschriften entstanden zu sein scheint; vgl. J. Assmann 1991, S. 169–199. Dies geht so weit, dass dabei sogar Parallelen zu Uwe Wirths These der „Geburt des Autors aus dem Geist der Herausgeberfiktion“ zu beobachten sind (vgl. J. Assmann 1991, insbesondere S. 176, Anm. 6). J. Assmann formuliert zudem in einem weiteren Schritt die These, seine Feststellung zur altägpytischen Literatur könnte letztlich für die Entstehung von Literatur im Allgemeinen gelten, indem er u. a. beobachtet, dass ganz grundsätzlich „die Analogie zwischen Grab und schriftlichem Kunstwerk enger ist als die zwischen mündlicher und schriftlicher Literatur“ (ebd., S. 173).

63

Vgl. zu dieser Problematik auch Angehrn 2004, insbesondere S. 123–125; und Martyn 1992, insbesondere S. 666 f.

64

Vgl. dazu auch Markus Rothhaars Ausblick am Ende seines Aufsatzes zur Antinomie der Unendlichkeit bei Kant und Hegel; Rothhaar 2018, S. 167 f.

65

Dabei wäre letztlich auch der (aus dem 19. Jahrhundert stammende) Begriff Renaissance als Ewigkeitsbehauptung zu bezeichnen.

66

Vgl. dazu und zu einem „auratischen Verhältnis zu den Quellen“ A. Assmann 1999, insbesondere S. 120 f.; sowie Nate 2018; zur von der Neuzeit ausgehenden und diese mitkonstituierenden Symbiose zwischen der „ars mantica“ und der „ars poetica“ vgl. Theisohn 2012.

67

Vgl. das Ende von Kapitel III.1.2.1.

Semiotik der Verewigung

Versuch einer Typologie anhand literarischer Texte um 1800