Author: Nicole Weber
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Die Schubladen waren leer, eine Stunde Null hatte nie geschlagen, und einen ‚Kahlschlag‘ gab es nicht: Die deutsche Nachkriegsliteratur hat nicht nach dem Krieg begonnen.587

Diese im Jahr 1979 für die Zeit verfasste Polemik von Gruppe-47-Mitglied Fritz J. Raddatz erschien lange, nachdem der Mythos der ‚Stunde Null‘ fast ein Jahrzehnt zuvor noch unter Ausnahme der Gruppe 47 erschüttert worden war588 und Widmer die Texte des Ruf längst kritisch beleuchtet hatte.589 Raddatz meint mit diesen Zeilen nun aber ganz dezidiert auch die Literatur der ehemaligen Gruppe 47.590 Er trägt Beispiele für ästhetische Kontinuitätslinien und ideologische Beeinflussung durch die NS-Vergangenheit sowie für beschönigte oder verschleierte Biografien zusammen und schließt daraus, eine Nachkriegsliteratur, die diesen Namen verdiene, habe auch in der ‚jungen Generation‘ nicht 1945, sondern erst im Jahr 1959 eingesetzt.591

Erst in jüngsten Publikationen wird inzwischen auch diese Annahme einer Zäsur oder eines ‚Sprungs‘ im Jahr 1959, wie sie meistens mit Hinweis auf die ästhetischen Neuerungen der drei großen Romane Die Blechtrommel (Grass, 1959), Billard um halbzehn (Böll, 1959) und Mutmaßungen über Jakob (Johnson, 1959) postuliert wurden,592 vermehrt hinterfragt.593 Wie bereits beim Postulat eines ‚Bruchs‘ im Jahr 1945 scheint sich dieses Umdenken gerade in Zusammenhang mit der Gruppe 47 besonders langsam zu vollziehen – was wohl auch hier maßgeblich damit zusammenhängt, dass die Behauptung wie auch die gerade genannten wichtigsten Werke des ‚Wendejahrs 1959‘ aus dem engsten Umfeld der Gruppe 47 stammen. Dennoch ist auch die These eines zweiten angeblichen ‚Nullpunkts‘ der Literaturgeschichte nach dem Nationalsozialismus dabei, derjenigen einer „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“594 zu weichen; eine Annahme, an die, wie bereits im ersten Teil gesehen, auch die vorliegende Studie anknüpft. In diesem Sinne wird im vorliegenden Teil der Studie der Blick nun antithetisch zum Postulat eines Bruchs auf moralische Kontinuitäten in den literarischen Gruppe-47-Texten gerichtet, die sich über die gesamte Bestehenszeit der Gruppe 47, von den frühen Nachkriegsjahren über das ‚Wunderjahr 1959‘ hinweg bis in die 60er Jahre, ziehen.

Wie im ersten Teil der vorliegenden Studie gesehen, gibt es Hinweise darauf, dass die Installation der Gruppe 47 als moralische Instanz, die durch ihr literarisches Engagement mit dem Nationalsozialismus bricht, einer streng umgrenzten Identität bedarf, die alles ‚Andere‘ weiterhin verdrängen muss.595 Die vorliegende Studie geht deshalb mit der Forschung zu NS-Moralsystemen und zu NS-Kontinuitäten davon aus, dass sich darin ein partikulares Wertverständnis äußert, wie es nicht nur, aber eben auch im Nationalsozialismus hegemonial war,596 sodass es bereits grundsätzlich bemerkenswert ist, wenn im hegemonialen Diskurs der Gruppe 47 nicht damit gebrochen wird.

Ausgehend davon soll nun im vorliegenden Teil II der Studie danach gefragt werden, ob sich dieses partikulare Moralverständnis auch in den Subtexten literarischer Texte der Gruppe 47 niederschlägt, und ob einzelne Themen und Motive, die in solchen moralischen Zusammenhängen stehen, auch enger an spezifische NS-Moraldiskurse anschließen.597 Dabei wird von den in Teil I unterschiedenen drei Möglichkeiten ausgegangen, wie Moral und Zugehörigkeit in der außerliterarischen Gruppengeschichte in einer Weise verknüpft wurden, die auf ein partikulares Moralverständnis hinweist: In Bezug auf moralische Deutung, wenn ‚Anderen‘ das Recht abgesprochen wird, moralisch zu urteilen; in Bezug auf Mitleid, wenn moralische Mitgefühle ‚Anderen‘ verwehrt bleiben; in Bezug auf Tugendhaftigkeit, wenn ‚Andere‘ vornehmlich als unmoralisch dargestellt werden oder das ‚Eigene‘ als exklusiver Ort ‚des Guten‘.

Nachdem das Korpus, das zu diesem Zweck genauer untersucht wird, mit einigen quantitativen und kursorischeren Fragen konfrontiert worden ist und erste Eindrücke gewonnen sind, in welchen Schreibweisen sich diese Verknüpfungen in den literarischen Fiktionen äußern können (1), werden die einzelnen Formen dieser literarischen Verknüpfungen genauer betrachtet. In Zusammenhang mit Mitleid spielt, wie gezeigt werden soll, wie auch im Außerliterarischen die Konstitution einer Opferkonkurrenz eine besondere Rolle; wobei hier genauer beleuchtet werden soll, welche Rolle jüdische Figuren, wenn sie denn überhaupt zur Sprache kommen, in den Fiktionen einnehmen (2). Die Dichotomisierung von Deutung äußert sich insbesondere im Motiv der Erlebnisgemeinschaft, das anschließend untersucht wird; davon ausgehend wird auch der These nachgegangen, ob ein Zusammenhang mit der speziellen ‚moralisierenden‘ und zugleich fast unverständlich anspielungsreichen Schreibweise des innersten Gruppe-47-Kreises bestehen könnte, deren Verständnis oft ‚Dabeigewesenen‘ vorbehalten bleibt (3). In Bezug auf die Verknüpfung von Tugend und Identität / Alterität sind die literarischen Möglichkeiten besonders vielfältig; in diesem Kontext wird unter anderem auf die in der Gruppe 47 sehr beliebte Figur des ‚guten Deutschen‘, auf verschiedene Arten von semantischer Alterierung und Auslagerung des ‚Bösen‘ und Unmoralischen sowie auf stereotypisierende Bilder fremder und jüdischer Figuren eingegangen (4). Ein solcher breit angelegter Überblick sollte es ermöglichen, einige nachvollziehbare Schlüsse über partikulare Moraldiskurse in den Subtexten der wichtigsten Gruppe-47-Texte zu ziehen (5). Ausgehend davon wird die Studie dann mit einer Betrachtung literarischer Reflexionen dieser Moraldiskurse auf der Textoberfläche beschlossen (III).

1 Annäherung an das Korpus: Überblick und Musteranalyse

Der Richter der Gruppe 47 ist ihr eigener Almanach. Man findet darin sehr viel, was zugunsten der Gruppe spricht, und einiges, was gegen sie spricht.598

So äußert sich Hermann Kesten (der bekanntermaßen der Gruppe 47 dezidiert nicht „zugehörig“ war)599 in seiner Rezension des Almanach der Gruppe 47,600 die sich davon ausgehend immer mehr zu einem Verriss entwickelt, bis Kesten die Frage aufbringt: „Welches falsch verstandene Interesse bewog die Gruppe, uns schon nach fünfzehn Jahren historisch zu kommen, statt in ihrer ersten und einzigen Gruppenpublikation ihr Bestes zu geben?“601

Richter selbst hat dieses Interesse und damit seine Almanach-Auswahl, wie im ersten Teil der Studie gesehen,602 dahingehend erklärt, dass der „Geist der ersten Jahre“, der die Essenz der Gruppe 47 ausmache, in dieser Weise am deutlichsten abgebildet werde:

Der Geist der ersten Jahre wurde erhalten. Er widerstand allen Einflüssen. Dieser Almanach enthält etwa fünfzig Beiträge aus den vierhundert Lesungen in den fünfzehn Jahren, die hinter der Gruppe 47 liegen. Sie wurden nicht nach der Qualität ausgesucht. Es soll vielmehr ein Querschnitt dessen sein, was gelesen wurde: das Unvollkommene und das Gelungene, das noch zu Erarbeitende wie das sich schon fertig Gebende und auch einiges, was der Kritik verfiel. Es widerspräche dem Geist der Gruppe 47, hätte man nur das ausgewählt, was nach Ansicht der Kritik literarisch Bestand hat.603

Dieser ‚Geist‘ scheint, wie einleitend gesehen, außerliterarisch in einer engen Verbindung mit diskriminierenden Praxen der Gruppe 47 zu stehen.604 Der Almanach (ergänzt um die Preistexte der Gruppe, damit auch die wichtigsten Texte der letzten Jahre abgedeckt sind) scheint angesichts dessen, dass er in einer dezidiert inhaltlichen Repräsentativität für diesen ‚Geist‘ stehen soll, eine für die vorliegende Studie sinnvolle Reduktion der wahrscheinlich über 600 auf Gruppentagungen gelesenen Texte zu sein,605 um der Frage nach literarischen Kontinuitäten partikularer Moral in der Gruppe näher zu kommen. Gerade angesichts dieser revisionistischen Fragestellung erscheint es sinnvoll, die Auswahl der ‚wichtigsten Texte‘ so unvoreingenommen wie möglich zu halten.

Dass durch die Beschränkung auf den Almanach und die Preistexte eine gut überschaubare Textmenge übrig bleibt, ist ein weiterer Vorteil dieser Auswahl. Es ermöglicht, die hier interessierenden Kriterien – auf die in diesem Kapitel gleich genauer eingegangen wird – für jeden Text herauszuarbeiten, um die Ergebnisse repräsentativ zu halten und nicht durch eine Vorauswahl zu verzerren. Und groß genug bleibt die Auswahl dennoch; es handelt sich um 89 Texte.606 Auch nach dieser ersten Reduktion bleiben aber angesichts der Vielzahl unterschiedlicher Autoren/-innen und Gattungen im Almanach und den Preistexten noch die wichtigsten Fragen offen: Wie kann man sich einem so umfangreichen und heterogenen Korpus nähern, ohne ihm bereits vorgefertigte Thesen ‚überzustülpen‘, aber so, dass dennoch Aussagen möglich werden? Bei der vorliegenden diskursanalytischen Fragestellung und dem großen Korpus der Gruppe 47 rechtfertigt es nämlich, so die Annahme in der vorliegenden Studie, erst eine größere Menge von kursorischen Lektüren, gewisse Diskurse als vorherrschend in der Gruppe 47 zu beschreiben.

Um die Auswahl der Texte für genauere Lektüren, wie sie im weiteren Verlauf der Studie vorgenommen werden, nachvollziehbar zu halten, sollen deshalb zunächst die Thesen transparent gemacht werden, mit denen in einem ersten distant reading an das gesamte Korpus herangegangen wurde. Ausgehend davon kann beschrieben werden, wie die im ganzen Teil II immer wieder aufgegriffenen quantitativen Beobachtungen über das Korpus und einzelne darin enthaltene Motive, Themen und Textstrukturen entstanden sind und welche Überlegungen Aussagen über Erzählstimmen und Figurenkonstellationen zugrunde liegen (1.1). Dabei sollen einige besonders interessante Texte bereits identifiziert und einer davon für eine Musterlektüre (1.2) ausgewählt werden, um die wichtigsten aus einer ersten Sichtung und einer ersten vertieften Lektüre gewonnenen Erkenntnisse hinsichtlich möglicher literarischer Schreibweisen partikularer Moral (1.3) dann in Teil II in einzelnen Kapiteln weiterverfolgen zu können.

1.1 Tabellarischer Überblick und erste Organisation des Materials

Ein erster distanzierter Überblick über die Almanach- und Preistexte wurde für die vorliegende Studie gewonnen, indem jeder im Korpus enthaltene Einzeltext tabellarisch erfasst und mit einer größeren Zahl von Fragen konfrontiert wurde, die erste Hinweise auf die Anzahl und Beschaffenheit einzelner Diskurse, Motive oder Schreibweisen ermöglichen. Im Folgenden werden die Voraussetzungen dieses tabellarischen Überblicks beschrieben, um die im weiteren Verlauf des Kapitels stellenweise nur knapp präsentierten Ergebnisse des davon ausgehenden distant readings transparenter zu machen.

1.1.1 Hypothesen und Fragen an die Texte

Aus den Ergebnissen des ersten Teils der vorliegenden Studie und der ersten Lektüre der relevanten Texte wurden zunächst Hypothesen abgeleitet, inwiefern sich die verschiedenen außerliterarisch identifizierten Varianten der Verknüpfung von Identität und Moral in literarischen Texten äußern könnten:

  • So wurde angenommen, dass sich eine Dichotomisierung von moralischer Deutung vorwiegend auf der Inhaltsebene der Texte niederschlagen dürfte, in Figurenreden oder -konstellationen, in denen ‚Anderen‘ explizit abgesprochen wird, moralische Urteile fällen zu können, oder sie in ihren Einschätzungen von der Handlung unrecht bekommen. Denkbar ist aber auch, die deutende Erzählstimme in diesem Zusammenhang genauer zu beleuchten; eine These dabei ist, dass diese in der Gruppe 47 gerade in besonders stark moralisierenden Texten auch besonders eng an die Identität des Autors selbst geknüpft ist.
  • Die für die vorliegende Studie relevante Form der Dichotomisierung von Mitleid – nämlich in dem Sinne, dass Empörung über unmoralisches Verhalten gegenüber ‚Anderen‘ anders empfunden wird als gegenüber Angehörigen der ‚Wir-Gruppe‘ – ist enger an den Nationalsozialismus gebunden; hier interessierte insbesondere die auch quantitativ auszuwertende Interesselosigkeit für die ‚nicht deutschen‘ Opfer des Nationalsozialismus und insbesondere den Holocaust, die explizite Empathieverweigerung, wo jüdische Figuren und der Holocaust vorkommen, oder die Konstruktion von Opferkonkurrenzen.
  • Die Dichotomisierung von Tugend kann sich in fiktionalen Texten, wie hier angenommen wurde, in besonders vielen Varianten äußern; am offensichtlichsten in rassistischen und antisemitischen Figurenzeichnungen, die unmoralische Handlungen nur den ‚Anderen‘ zuschreiben: vergewaltigende Russen, mitleidlose, sadistische Alliierte, gefährliche, rachelustige Juden; aber auch strukturell darin, dass das Unmoralische an ‚anderen‘ Orten stattfindet oder nur ‚gute‘ Figuren intern fokalisiert werden. Korrespondierende Motive im Bereich des ‚Eigenen‘ sind ‚gute Deutsche‘, wo sie einem ‚bösen Fremden‘ gegenüber stehen; die Heimat als Sehnsuchtsort und Raum des Guten, die Ehre der Nation und Nationalismus; Scham und Schande oder Kameradschaft und Desertion.

Hinsichtlich mehrerer dieser Themenbereiche sollte nun, so die Annahme, bereits einfaches Zählen zu ersten aussagekräftigen Ergebnissen führen. So ist es in Bezug auf einen einzelnen Text kaum interessant, wenn darin der Holocaust nicht erwähnt ist. Wenn aber im gesamten repräsentativen Korpus zu konstatieren ist, dass kaum Texte über den Holocaust enthalten sind oder dass demgegenüber viele deutsche Opfer konstruiert werden – dass also im gesamten Korpus das jüdische Leid beschwiegen bleibt oder eine unausgeglichene Opferkonkurrenz eröffnet wird –,607 dann gewinnt die Beobachtung für jeden einzelnen Text an neuer Bedeutung. Ausgehend von solchen Annahmen wurden aus den gerade beschriebenen Thesen konkrete Fragen abgeleitet, die an Texte gestellt und relativ knapp beantwortet werden sollten. Einerseits wurden einfache Fragen, zum Beispiel nach Gattung, Erzählperspektive oder Fokalisierung gestellt, andererseits auch Fragen, die bereits einfache Interpretationen voraussetzen, zum Beispiel nach der ‚Moral der Geschichte‘, rassistischen oder antisemitischen Stereotypen oder der Herkunft von Opfern oder Schuldigen.

Ausgehend von diesem Überblick sollen in den folgenden Kapiteln neben genaueren Einzelanalysen auch Fragen beantwortet werden können wie: Wie oft kommt die intern fokalisierte Figur aus Deutschland? Aber auch: Wie oft spielt die Erzählung im Nationalsozialismus, kommt der Protagonist aus Deutschland und ist der Protagonist eine dezidiert ‚gute‘ Figur? Gerade für solche etwas komplexere Fragen bot sich eine tabellarische Zusammenstellung der einfachen Fragen an, da so auch nach mehreren Bedingungen gleichzeitig gefragt werden und die Tabelle entsprechend bedingt gefiltert werden kann.608 Die Fragen für die tabellarische Erfassung wurden im Verlauf des Ausfüllens immer wieder ergänzt und überarbeitet; die folgenden sind bis zuletzt stehen geblieben und werden im Verlauf des vorliegenden Teils der Studie aufgegriffen:609

Tagungsort, Monat, Jahr – ‚Moral der Geschichte‘ (ggf.) – Gattung – Sprachstil610 – Gut / Böse offensichtlich?611 – Erzählperspektive? – Anzahl intern fokalisierter Figuren? – Wer ist intern fokalisiert? – Autobiografischer Gehalt zeitlich / örtlich / logisch möglich? – Woher ist Fokalisierte/-r? – Wann spielt es? – Wo spielt es? – Ggf. Rolle der / des Fokalisierten im Krieg – Implizite Hinweise auf Handlungszeit und -ort? – Implizite deutliche Holocaust-Andeutungen? – Kommen von den intern fokalisierten Figuren abweichende ‚Andere‘ (Herkunft, Sprache, Religion) vor?612 – Woher kommen die Schuldigen? – Woher kommen die Opfer? – Woher kommen die dezidiert Guten / Unschuldigen? – Woher kommen die Unmoralischen? – Mögliche rassistische / antisemitische Stereotype?613 – Ansprache der/des Lesers/-in oder poetisches ‚Du‘?614 – Besonderheiten? – Jüdische Figuren / andere verfolgte Minderheiten?

Diese Fragen wurden alle in einer Excel-Tabelle auf der X-Achse eingetragen und jeweils für alle 89 Texte des Untersuchungskorpus einzeln beantwortet; einerseits mit ausführlichen Notizen und andererseits in einer zweiten Version auch vereinfacht, um einfache Auszählungen zu ermöglichen.615

Abb. 1 soll einen Eindruck davon geben, wie das Textmaterial sortiert ist; es handelt sich um einen kleinen Ausschnitt, denn wie bereits die Koordinaten – 24 Fragen und 89 einzelne Texte – verdeutlichen dürften, ist die gesamte Tabelle in beiden Versionen zu umfangreich, um sie in der vorliegenden Studie als Ganze abzubilden. Aus einem zweiten Grund wurde auch darauf verzichtet, sie ausgefüllt in den Anhang zu stellen: Für sich alleine genommen, ohne die entsprechenden Erklärungen, sind unkommentierte Antworten auf die komplexeren der gerade aufgezählten Fragen, so die nach antisemitischen Stereotypen oder rassistischen Figurenzeichnungen, zu heikel, um sie unkommentiert stehen zu lassen. Die Erklärungen zu den einzelnen Einträgen sind aber zu komplex, um sie in direkter Nähe dazu eintragen zu können; sie können immer erst in den einzelnen Analysekapiteln dargelegt werden.

Abb. 1
Abb. 1Ausschnitt der leeren Tabelle der Almanach- und Preistexte

Bereits für die ersten groben Auswertungen müssen aber zudem einige Schwierigkeiten reflektiert werden. Die meisten Unschärfen der Auswertung können bei der gerade skizzierten Vorgehensweise bereits beim Ausfüllen der Tabelle entstehen, wobei die offensichtlichsten Ungenauigkeiten der doppelten Vereinfachung geschuldet sind: Schon die Lektüreeindrücke und ersten Analyseergebnisse in knappe Notizen zu transformieren, benötigte drastische Vereinfachungen, und die weitere Verknappung durch die Zuordnung zu einzelnen vorgegebenen Stichwörtern erst recht. Durch die genaue Dokumentation aller Schritte und Ergebnisse616 sowie der einer genaueren Analyse aller Texte, die in einer besonders ‚heiklen‘ Kategorie wie Antisemitismus oder Rassismus,617 aber auch Moral oder ‚Unmoral‘ der Reflexionsfiguren618 oder Vorhandensein von Opferfiguren619 als relevant hervorgehoben werden, soll dieses Problem so weit als möglich abgefedert werden.

Weniger offensichtlich sind die Gefahren von Ungenauigkeiten bei scheinbar einfacheren Fragen wie beispielsweise derjenigen nach den nationalen Zugehörigkeiten einzelner Figuren. Auch hier ist fast nichts so einfach zu beantworten, wie es aussieht; so hinterlässt der Almanach bei der ersten Lektüre zwar den deutlichen Eindruck, dass eine große Zahl der Erzählungen in Deutschland spiele, aber in der großen Mehrheit der Erzählungen wird das nicht explizit gesagt. Da es oft wenigstens relativ deutliche Hinweise auf Handlungsort, -zeit und Herkunft der Figuren gibt, wurde eine Spalte für Notizen ergänzt, wo solche Hinweise verzeichnet werden können, sowie die Antwortmöglichkeit ‚Deutschland implizit‘ hinzugefügt.

Am heikelsten sind nun die komplexeren und voraussetzungsreicheren Fragen wie „Woher sind die Schuldigen?“ zu beantworten. Hier ist einerseits ebenfalls das Problem mitzudenken, dass die Herkunft oft impliziert, aber nicht explizit benannt wird, und dazu kommt hier noch, dass eine Kategorie wie ‚Schuld‘ in einem künstlerischen Text natürlich meistens ambivalent und voraussetzungsreich gestaltet ist. Diesem Problem wurde zu begegnen versucht, indem eine Kategorie ergänzt wurde, in der angemerkt werden kann, ob ‚Gut‘ und ‚Böse‘ einigermaßen eindeutig zugeordnet sind. Für einfache Auswertungen können so nur diejenigen Texte berücksichtigt werden, die relativ manichäisch strukturiert sind.

All diese Schwierigkeiten fallen bei ästhetisch besonders komplexen Texten noch stärker ins Gewicht. Während sich die meisten Fragen für die realistischen Texte der ersten Jahre oft noch relativ eindeutig entscheiden lassen, ist es bei Kapiteln aus ganzen Romanen und ganz besonders bei den Gedichten komplizierter. So sind die Gedichte Celans, Bachmanns oder Bobrowskis alle derart vielfach codiert und anspielungsreich, dass beispielsweise ein „Nein“ bei der Frage nach deutlichen Holocaust-Verweisen, das ohne systematische Sichtung der Sekundärliteratur gewonnen wurde, offensichtlich genauso gut falsch sein kann.620

Daraus folgt, dass die jeweiligen Einzelergebnisse trotz tabellarischer Übersicht jeweils etwas genauer hergeleitet werden müssen und die hier beschriebene Zusammenstellung erst der Ausgangspunkt ist, der vor allem viele neue Fragen aufwirft und eine fundiertere, breiter abgestützte qualitative Analyse ermöglicht. Einige großflächigere Auswertungen sind aber trotz dieser Einschränkung möglich; wie diese jeweiligen Auswertungen zustande kommen, wird nun knapp ausgeführt.

1.1.2 Möglichkeiten der Auswertung – einige Beobachtungen

Wenn man diese Unschärfen mitdenkt und angesichts dessen, dass die jeweiligen Analysen auch in den entsprechenden Kapiteln konsultiert werden können, sollten einzelne Verknappungen nun keine Schwäche der großflächigeren Auswertungen mehr bedeuten. Vielmehr sollte sich ein Mehrwert aus diesem abstrakten Überblick generieren lassen.

Zunächst kann schon das Zusammenstellen des Materials zu ersten Erkenntnissen führen; in der vorliegenden Studie beispielweise die Tatsache, dass das Wort „Wehrmacht“ bei der Frage, woher die Opfer kämen, kein einziges Mal eingetragen ist: Immer, wenn die Opfer aus der Wehrmacht kommen, ist auch die intern fokalisierte Figur selbst Wehrmachtangehöriger, sodass der Eintrag immer „Fokalisierte/-r“ lautet. Zudem ergeben sich auch erste Hypothesen bereits durch die tabellarische Ordnung selbst, so in der vorliegenden Studie die, dass gerade in denjenigen Texten die deutlichsten Holocaust-Anspielungen zu finden sind, deren Handlung zeitlich oder örtlich am weitesten weg vom Nationalsozialismus zu verorten ist. Nirgends konnte die Frage nach Holocaust-Anspielungen so zweifelsfrei mit „Nein“ beantwortet werden wie bei den Erzählungen, die von Krieg und / oder ‚Heimatfront‘ handeln.621 Das ist allerdings nicht unerwartet und kann nur den Ausgangspunkt bilden, um weitere Einflüsse zu bedenken; in diesem Beispiel unter anderem, dass im einfachen Realismus der ersten Nachkriegsjahre schon der gewählte Stil keine ausgeprägte Multiperspektivität erlaubt. Wenn nun gerade diese realistischen Texte den Anspruch hatten, vom Kriegserlebnis zu berichten, und die frühen Gruppe-47-Mitglieder mehrheitlich im Krieg ‚Dabeigewesene‘ waren, konnte in solchem dokumentarischen Realismus der Holocaust formal keinen Platz finden.622 Um dem differenzierter zu begegnen, könnte nun beispielsweise wiederum der Stil der Texte berücksichtigt werden und es könnten nur noch solche Texte angesehen werden, die multiperspektivisch gehalten sind.

Solche mehrfaktoriellen Fragen können dank einer tabellarischen Liste mit simplen Excel-Funktionen angegangen werden, nämlich dem „Filtern“ (Daten > Filtern) von Spalten, das es ermöglicht, nur noch diejenigen Spalten anzeigen zu lassen, die in Bezug auf die jeweilige Frage interessieren, und dem Erstellen einfacher Diagramme anhand ausgewählter Kategorien (Einfügen > Diagramme).623 Besonders die Filterfunktion erlaubt dank verschiedener Einstellungsmöglichkeiten Befunde, die händisch nur mit großem Aufwand geleistet werden könnten: Neben „ist gleich“ kann der Textfilter auch auf „ist nicht gleich“, „Beginnt mit“, „Endet mit“, „Enthält“ sowie „Enthält nicht“ eingestellt werden oder ein „Benutzerdefinierter Filter“ eingesetzt werden. So ist es beispielsweise möglich, nur diejenigen Texte anzeigen zu lassen, die einen männlichen Ich-Erzähler oder einen männlichen intern fokalisierten Protagonisten im personalen Erzählstil enthalten und explizit in Deutschland spielen und deren Protagonist der Wehrmacht angehört.

Zwar würden sich neben dieser einfachen Form der digitalen Auswertung auch ausdifferenziertere Möglichkeiten zum Umgang mit einem so großen Korpus anbieten; infrage kämen statistische Textauswertungen, Kollokationsanalysen oder sogar quantitative, stilistische und Emotionsanalysen, die es wohl grundsätzlich sogar zuließen, Kontinuitäten quantitativ zu erheben, indem Ähnlichkeiten im Wortschatz und Stil oder sogar in der Rhetorik zwischen Texten aus der Zeit des Nationalsozialismus und Texten der Gruppe 47 eruiert werden könnten.624 Die Hauptschwierigkeit in diesem Zusammenhang ist neben der Notwendigkeit technischer Kenntnisse, die besonders für komplexere Auswertungen Spezialisten/-innen erfordert, auch bereits die Tatsache, dass frei zugängliche Texterkennungsprogramme (OCR) noch immer so viele Fehler produzieren, dass ein reines distant reading keine sicheren Ergebnisse bringen kann.625

Deswegen wird in der vorliegenden Studie nur ganz vereinzelt auf einige einfache Möglichkeiten, wie die digitale Auszählung einzelner Wörter und die etwas ausdifferenziertere statistische Erstellung von N-Grammen,626 zurückgegriffen.627 Für den Almanach wurde versuchshalber eine Trigramm-Analyse gemacht, die wegen möglicher kleiner Fehler in der Texterkennung im Dokument nicht vollkommen repräsentativ ist, aber zumindest einen groben Eindruck der Aussagekraft dieser Herangehensweise vermitteln kann: Das interessanteste Ergebnis bei der Auszählung der häufigsten Trigramme war, dass die Wendungen „zum ersten Mal“628 und „in diesem Augenblick“629 jeweils sehr häufig und in unterschiedlichen Erzählungen aus der gesamten Almanach-Zeitspanne vorkommen. Inhaltlich entsprechen beide Wendungen erstaunlich genau der Idee des Nullpunkts, der Plötzlichkeit und des Fokus auf den Moment oder eben Augenblick. Dennoch zeigt dieses Ergebnis angesichts seiner Erwartbarkeit und des Aufwands, mit dem es erreicht werden kann, deutlicher die Schwierigkeiten eines solchen Verfahrens auf, als dass es interessante Ergebnisse gebracht hätte.

Aufschlussreicher ist diese Art der Auswertung meist bei einem langen Text eines / einer einzelnen Autors/-in. Das bestätigt die Trigramm-Analyse der Blechtrommel (1959), die für die vorliegende Studie als einwandfreie digitale Datei zur Verfügung stand und in der sich mehrere häufige Wendungen als interessant erwiesen haben,630 insbesondere, dass das mit weitem Abstand häufigste Trigramm in der Blechtrommel „meiner armen Mama“ mit ganzen 40 Ergebnissen ist; dazu kommt noch 25 Mal der Nominativ „meine arme Mama“. In allen Flexionen kommt die Wendung „meine/e arme/n Mama“ mehr als dreimal häufiger vor als jede andere Wendung im Buch, was auch eine genaue hermeneutische Analyse wahrscheinlich nicht so deutlich hätte machen können.631 Für die vorliegende Studie ist das Ergebnis nicht nur hinsichtlich der Frage nach individueller Schuld und deren Aufarbeitung nach dem Nationalsozialismus,632 sondern auch hinsichtlich einseitigem Mitgefühl gegenüber dem ‚Eigenen‘ noch im wichtigsten Roman des ‚Wendejahrs‘ interessant.633

Mit PDFs von fehlerfreier Qualität und guten Informatikkenntnissen ließe sich, wie deutlich werden sollte, aus einem Korpus wie dem der vorliegenden Studie bereits jetzt eine Vielzahl weiterer Erkenntnisse gewinnen; da die quantitative Herangehensweise hier nur von marginaler Bedeutung sein kann, muss von dem dafür nötigen Zeitaufwand abgesehen werden. Sowohl die tabellarisch vorgenommenen Auswertungen als auch insbesondere elaboriertere Formen der digitalen Textanalyse führen zu ersten Spuren und sollen im Folgenden dazu dienen, die Thesen zu stützen oder zu relativieren; eigene Ergebnisse bringen sie aber in der vorliegenden Studie noch nicht; auch die kursorischeren Sichtungen des Materials sollen in der Folge immer um umsichtige close readings ergänzt werden.

1.1.3 Annäherung über die interessantesten Texte: Musteranalysen

Ein solches close reading wird im Folgenden bereits im Rahmen der ersten Annäherung an das Korpus vorgenommen, indem einer der Texte, die sich bei der Ordnung des Materials in Bezug auf besonders viele Kategorien als auffällig erwiesen haben, exemplarisch vorgestellt und hinsichtlich darin enthaltener Oppositionen und deren Verknüpfungen mit Moral analysiert wird. Dadurch soll ein erster Eindruck gewonnen werden, welche Themen und Motive tatsächlich mit moralischen Textimplikationen korrelieren und mit welchen Schreibweisen dies einhergeht. Drei weitere dieser besonders relevanten Texte werden in den darauffolgenden drei Kapiteln eingehender analysiert, um diesen Katalog von Schreibweisen weiter auszubauen; auch sie sollen bereits an dieser Stelle kurz vorgestellt werden. Die Auswahl der Texte ist anhand des gerade skizzierten Überblicks und der eingangs genannten Thesen, wie sich verschiedene Varianten von moralischer ‚Ungleichbehandlung‘ in den literarischen Texten äußern können,634 erfolgt, und soll im Folgenden knapp nachvollzogen werden.

Gemäß den eingangs formulierten Thesen ließen sich die folgenden Fragen an die Texte ableiten: Gibt es (konkurrierende) Opfererzählungen? Spielt die Erlebnisgemeinschaft des Kriegs eine besondere Rolle? Tritt der Erzähler als dezidiert deutende moralische Instanz in Erscheinung? Kommen deutliche Holocaust-Andeutungen, aber gerade keine Juden vor, oder gibt es deutliche antijüdische Stereotype, aber keine explizit als jüdisch ausgewiesene Figuren? Oder kommen explizit jüdische Figuren vor, was an sich schon bemerkenswert ist? Wie sind sie gestaltet? Gibt es sonstige auffällig markierte Fremde? Gibt es begriffliche Auffälligkeiten wie die Verwendung von NS-Vokabular oder die konkrete Erwähnung von KZs? Sind manichäische Strukturen erkennbar? Gibt es Figuren dezidiert guter Deutscher oder stereotype Figurendarstellungen von Fremden? Gibt es raumsemantische oder sonstige semantische Auslagerungen ‚böser‘ Handlungen, also Oppositionen auf der textstrukturellen Ebene?

Um die hinsichtlich dieser Fragen potenziell besonders relevanten Texte zu identifizieren, wurde in allen Kategorien der Tabelle, in denen ein Eintrag oder eine Kombination von Einträgen als relevant erschien, eine Markierung angebracht, nach der die Tabelle gefiltert werden konnte. So konnten Texte mit besonders vielen Markierungen, das heißt Auffälligkeiten, sichtbar gemacht und den verschiedenen Bereichen zugeordnet werden, hinsichtlich derer sie mit Moralvorstellungen zusammenhängende (text-)strukturelle Oppositionen enthalten könnten.

Vier Texte im Almanach haben sich hinsichtlich besonders vieler dieser Fragen als potenziell relevant erwiesen: „Mimosen im Juli“ von Christian Ferber635 (gelesen 1960), „Die Mandel reift in Broschers Garten“ von Franz Joseph Schneider (gelesen 1949), Horst Mönnichs Kapitel „Die Wanderkarte“ (gelesen 1956) aus dem Roman Erst die Toten haben ausgelernt (1956) sowie Siegfried Lenz’ Erzählung „Gelegenheit zum Verzicht“ (gelesen 1960). Auf Ferbers Erzählung wird im vorliegenden Kapitel eingegangen; die drei anderen Texte werden im Verlauf von Teil II dieser Studie in je einem Kapitel genauer in den Blick genommen.636 Die Auswahl von Ferbers Erzählung als erstem ‚Mustertext‘ bietet sich deshalb an, weil er einer der beiden zuletzt gelesenen Texte ist, was ihn hinsichtlich möglicher Kontinuitäten besonders hervorhebt; zudem ist die Wahl dem Ausschlussprinzip verdankt, da die drei anderen Texte jeweils deutlicher einem der spezifischen Kapitelthemen dieses Teils II zugeordnet werden konnten.637 Alle vier Texte sind aber hinsichtlich zahlreicher Hypothesen dieses Kapitels interessant, und wie in den entsprechenden Analysen zu zeigen sein wird, knüpfen sie alle auch tatsächlich besonders eng an Moralvorstellungen und Diskurse an, die schon im Nationalsozialismus eine wichtige Rolle spielten.

Wie bereits an dieser Stelle angemerkt werden kann, zeigen die vier Texte bemerkenswerterweise darüber hinaus auch weitere Gemeinsamkeiten, die bei der Auswahl nach den beschriebenen inhaltlichen Kriterien eigentlich gar keine Rolle gespielt haben. So kann bereits als erstes Ergebnis gewertet werden, dass es Texte von vier so wichtigen Mitgliedern sind, die sich hinsichtlich der rein textimmanent gestellten Frage nach Oppositionen im Text, die auf NS-Moralkontinuitäten hinweisen könnten, als besonders anschlussfähig erwiesen haben: Alle vier Autoren sind nämlich regelmäßige und beliebte Tagungsteilnehmer; zwar gehört nur Lenz dem ganz engen ‚innersten Kreis‘ an, der eingangs dieser Studie aus einer Synthese von Richters jüngsten Aussagen und der Einschätzung in der kanonischen Standardliteratur zur Gruppe 47 hergeleitet wurde;638 alle vier Autoren werden aber in weiteren Stellungnahmen über die Gruppenzugehörigkeit mehrfach erwähnt.639 Dass gerade Texte von solchen Autoren auch hinsichtlich rein inhaltlicher Kriterien besonders auffielen, stützt die vorliegend getroffene Annahme, dass sich der in Teil I beschriebene ‚Geist‘ der ‚wahren‘ Gruppe 47 tatsächlich in ähnlicher Weise auch in den literarischen Texten eben jenes ‚innersten Kreises‘ niederschlägt.

Dass diese verschiedenen Erzählungen sich als besonders typisch herausgestellt haben, ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie aus ganz verschiedenen Phasen der Gruppe stammen, was die Annahme einer Kontinuität stärkt: Schneiders „Die Mandel reift in Broschers Garten“ wurde 1949 gelesen, nur zwei Jahre nach der Gruppengründung und nach wie vor in einem recht kleinen Kreis. Die Erzählungen von Ferber und Lenz dagegen, beide im November 1960 vorgetragen,640 fielen in die erfolgreichste Gruppenzeit, nachdem Bachmann längst das Spiegel-Cover geziert hatte und Grass für seine Lesung des Kapitels „Der weite Rock“ aus der Blechtrommel (1959 [gelesen 1958]) ausgezeichnet worden war, nach dem ‚Romanjahr 1959‘.

Mit Schneider und Ferber stehen zudem zwei dieser vier Autoren, deren Almanach-Texte zeitlich weit auseinander liegen, in einer außerliterarischen Anekdote gemeinsam für den ‚Geist der ersten Jahre‘: In Böttigers Monografie ist ein Konflikt dokumentiert, in dem Ferber im Jahr 1960 nach seiner Lesung von „Mimosen im Juli“ von Klaus Völker für seine ‚Landser-Sprache‘ kritisiert worden sei.641 Wie Böttiger weiter ausführt, habe Völker damit

ohne dass ihm die ganze Dimension bewusst war, ein geheimes Nervenzentrum der Gruppe [getroffen]. Schon aufgrund seines Alters zog er wohl Aggressionen des harten Kerns um Hans Werner Richter auf sich, am offensivsten trat Franz Joseph Schneider auf.642

Ferbers Text, auf den im Folgenden gleich genauer eingegangen wird, wurde also noch 1960 aus außerliterarischer Sicht dem ‚Nervenzentrum‘ – oder wie Richter sagt der ‚Mentalität‘ – der Gruppe 47 zugeordnet; und ausgerechnet Schneider verteidigte diese ‚Mentalität‘ am „offensivsten“.

Dass alle vier ‚Mustertexte‘ inhaltlich eng mit dem Nationalsozialismus verknüpft sind, dürfte auch mit den Thesen, auf Basis derer sie ausgewählt wurden, zusammenhängen; dennoch ist auch das insofern repräsentativ, als, wie noch zu zeigen ist, eine große Mehrzahl der Almanach- und Preistexte explizit (oder relativ eindeutig implizit) im oder direkt nach dem Nationalsozialismus spielt.643 Und bemerkenswert ist zudem, dass auch alle vier Autoren, deren Texte nach einer ersten Sichtung hier als besonders interessant erscheinen, auch in deutlich stärkerer Weise mit dem Nationalsozialismus ‚verstrickt‘ waren, als es das Selbstbild der Gruppe als ‚Landsergeneration‘ nahelegen würde. Sie sind nicht nur alle vier ‚Dabeigewesene‘ wie fast alle Mitglieder des inneren Gruppe-47-Kreises; sie waren auch fast alle schon 1947 nicht mehr ganz jung: Franz Joseph Schneider ist 1912 geboren, war bei der Gruppengründung also ca. 35 Jahre alt, Christian Ferber (1919) und Horst Mönnich (1918) waren beide fast 30. Nur Siegfried Lenz gehörte mit Jahrgang 1926 wirklich jener Generation an, die fast noch als Kinder in den Krieg involviert worden war – bei ihm wurde aber wie gesehen erst jüngst, im Jahr 2007, ein Eintrag in der Mitgliederliste der NSDAP ‚enthüllt‘.644 Schneider war als Kriegsberichterstatter an der nationalsozialistischen Propaganda beteiligt, Ferber – unter seinem bürgerlichen Namen Georg Seidel – hatte nach dem Studium als Wehrmachtsoldat gedient und verteidigte zeitlebens vehement seine Mutter Ina Seidel, eine der wichtigsten ‚Hofkünstlerinnen‘ Hitlers, die nach 1946 nicht minder erfolgreich weiterpublizierte.645 Und Horst Mönnich war in der Luftwaffe am Zweiten Weltkrieg beteiligt gewesen und hatte schon 1942 einen Lyrikband und 1944 einen Roman publiziert, die später beide auf die Liste der auszusondernden Literatur der DDR gesetzt wurden.646

Das alles ist deswegen besonders interessant, weil diese außerliterarischen Spezifika und die Rolle der Autoren in der Gruppe 47 bei der engeren Auswahl der repräsentativsten Texte gar keine Rolle gespielt hatten; wie die Lektüren in den einzelnen Kapiteln im Folgenden genauer zeigen sollen, sind sie alle vor allem auch inhaltlich und formal hinsichtlich der eingangs aufgeworfenen Fragen besonders aufschlussreich. Dem soll nun zunächst im Text von Christian Ferber etwas genauer nachgegangen werden, um exemplarisch erste partikulare Moraldiskurse herauszuarbeiten, auf die dann in den weiteren Kapiteln genauer eingegangen werden kann.

1.2 ‚Mustertext‘ Christian Ferber: „Mimosen im Juli“ (gelesen 1960)

‚Der Kommandant – er soll doch einfach übergeben haben? Er hat der Insel doch den Krieg erspart?‘ […] ‚Er sagt, der Kommandant hat im richtigen Augenblick richtig gehandelt, weil er die Menschen hier liebte.‘647

Christian Ferbers Erzählung, die also im Folgenden exemplarisch als erster ‚Mustertext‘ untersucht wird, stammt wie auch diejenige von Siegfried Lenz von der zweitletzten Tagung, die überhaupt Eingang in den Almanach der Gruppe 47 gefunden hat: Ferber las sie im November 1960 auf der Tagung in Aschaffenburg. Sie wurde, wie Böttiger dokumentiert hat, von einem jungen Studenten wegen ihrer ‚Landser-Sprache‘ kritisiert;648 gemäß den weiteren überlieferten Quellen wurde sie aber davon abgesehen grundsätzlich sehr positiv aufgenommen; weitere leisere Vorbehalte scheinen offenbar ebenfalls lediglich den Stil betroffen zu haben. So schreibt Rudolf Walter Leonhardt in seinem Tagungsbericht in der Zeit: „Ein gutes Echo fand auch Christian Ferbers Erzählung ‚Mimosen im Juli‘, das Werk eines Meisters, der sich in der Beschränkung zeigt“;649 Heißenbüttel schreibt über die Tagung: „Breitere Zustimmung erhielten Erzähler, die sich mit einer Modifizierung konventioneller Erzählweisen begnügten, so vor allem Siegfried Lenz, aber auch Christian Ferber.“650 Ferber war zu diesem Zeitpunkt ein bereits lange gekanntes und geschätztes Gruppe-47-Mitglied;651 1961 kam ihm die Ehre zu, in Göhrde ein Gedicht des gerade verstorbenen Urgesteins und Namensgebers der Gruppe 47 Hans Georg Brenner zu lesen.652

In der oben beschriebenen tabellarischen Auswertung ist seine Almanach-Erzählung aufgefallen, weil sie hinsichtlich besonders vieler Themen und Motive als potenziell interessant für die Frage nach einer Kontinuität von NS-Moraldiskursen erscheint. Die ersten Eindrücke, denen nun im Folgenden nachgegangen wird, sind: Die Erzählung handelt vom Nationalsozialismus und von seiner Aufarbeitung, enthält aber keine jüdischen Figuren. Sie könnte autofiktionale Elemente enthalten, da der Erzähler ein junger Mann in der Nachkriegszeit ist, der der Tätergesellschaft angehört. Es wird darin in sehr positiver – und teilweise ausgestellt apologetischer – Weise über einen Wehrmachtsangehörigen im Zweiten Weltkrieg gesprochen, und im Text selbst diskutieren die Figuren darüber, ob man über ‚fremde Sitten‘ urteilen dürfe. Mehrere der in der vorliegenden Studie angenommenen literarischen Verknüpfungen von Zugehörigkeit und moralischer Relevanz werden also schon auf der Textoberfläche zum Thema, was einen vertieften Blick auf die Erzählung nahe legt, um einen genaueren Eindruck von womöglich ‚typischen‘ literarischen Konstruktionen von Zugehörigkeit und Moral in der Gruppe 47 zu erhalten. Die folgende Analyse fragt also: Wie sind Moral und Zugehörigkeit im Subtext dieses Texts verknüpft? Könnte sich darin tatsächlich eine spezifische ‚Mentalität‘ der Gruppe 47 niederschlagen?

1.2.1 „Mimosen im Juli“: Text, Kontext und ‚Moral der Geschichte‘

Die Erzählung setzt damit ein, dass ein junger Mann namens Klieber – er wird durchgehend intern fokalisiert und ist, wie wir später implizit erfahren, zur erzählten Zeit 1960 ungefähr 30 Jahre alt653 – mit seiner Mutter die Meeresküste in Frankreich erreicht. Sie wollen eine Insel besuchen, auf der, wie im Verlauf der Erzählung allmählich deutlich wird, der Vater im Krieg stationiert gewesen war, wovon er in Briefen berichtet hatte. Bereits auf der Fähre zu dieser ungenannt bleibenden Insel unterhält sich der Protagonist mit einem anderen Deutschen, der im Krieg als Obergefreiter auf der Insel gedient hatte. Klieber kommt zunächst nur „widerwillig“ mit ihm ins Gespräch (FM 366); Interesse entwickelt er aber, als der Mann ihm vom Kommandanten der Insel erzählt: Dieser sei ein Segen für die „Insulaner“ gewesen, er habe sich kampflos ergeben; das sei sogar in der Zeitung gekommen: „Verräter stand da, Sippenhaft und so weiter.“ (Ebd.) Ihn habe es erstaunt, da der Kommandant sonst sehr hart gewesen sei; eigentlich sei er, „obgleich Reservist“ (ebd.), ein „richtiger Kommißkopf“ (ebd.) gewesen.

Auf der Insel finden Klieber und seine Mutter nun aufgrund der Erinnerungen an die Briefe des Vaters sofort eine offenbar gesuchte „Auberge“ (FM 367), in der Klieber mit dem Besitzer ins Gespräch kommt – einem „dicke[n], weißhaarige[n] Mann mit großer Nase“ (ebd.), den die beiden aus ungenannt bleibenden Gründen als Cremier erkennen (ebd.). Sie geben sich ihm nicht zu erkennen, Klieber plaudert aber eine Weile auf Französisch mit ihm und gibt vor zu übersetzen, was die Mutter fragt und was Cremier antwortet – wobei er aber in Wahrheit die Aussagen Cremiers für die Mutter beschönigt und auch eigene Fragen stellt. Erst im Nachhinein findet er heraus, dass Cremier ihn wohl verstanden hat, da er, wie die Mutter sich aus den Briefen des Vaters erinnert, „wahrscheinlich ganz gut deutsch“ (FM 369) könne und es nur verberge.

Auch das Gespräch zwischen Klieber und Cremier dreht sich vor allem um den Kommandanten der Insel, wobei sich Cremier relativ ähnlich über ihn äußert wie bereits der Deutsche auf der Fähre. An dieser Stelle werden Tonfall und Machart der Erzählung besonders deutlich, und die meisten Themen, auf die in der Folge eingegangen wird, werden schon in dieser kurzen Stelle angesprochen, weswegen sie ausführlicher zu zitieren ist:

Klieber […] bemühte sich, leise zu sprechen. ‚Die Insel – war es nicht so, daß sie auch in der Vergangenheit nicht allzusehr zu klagen hatte?‘ ‚Krieg war überall‘, antwortete Cremier; er blickte nun über ihre Köpfe hinweg. ‚Und Soldaten, und all das.‘ ‚Natürlich. Das meinte ich auch nicht. Aber ich hörte, es sei hier nicht mehr gekämpft worden. Der Kommandant – er soll doch einfach übergeben haben? Er hat der Insel doch den Krieg erspart?‘ ‚Wenn Sie es so nennen …‘ Cremier senkte langsam den Kopf. ‚Ich nenne es so‘, sagte Klieber. […] ‚Der Kommandant war kein Narr, erwiderte Cremier. ‚Was sprecht ihr miteinander?‘ fragte die Mutter. ‚Von der Übergabe der Insel‘, antwortete Klieber. ‚Monsieur Cremier sagt, man wüßte hier genau, wie mutig und menschlich der Kommandant gehandelt hat.‘ ‚Was sollte er machen?‘, sagte Cremier. ‚Die Alliierten rückten auf dem Festland vor, an der Ostspitze hatte sich der Maquis schon organisiert – es war reine Vernunft, nicht wahr?‘ Klieber wandte sich wieder zu seiner Mutter. ‚Er sagt, der Kommandant hat im richtigen Augenblick richtig gehandelt, weil er die Menschen hier liebte.‘ […] ‚Der Kommandant war eben klug‘, fuhr Cremier fort. ‚Er war ja auch Lehrer für Französisch und Englisch, nicht wahr, kein durchschnittlicher Deutscher – verzeihen Sie. Das ist, wie gesagt, Vergangenheit und längst vergessen. Lassen wir es.‘ ‚Er sagt, der Kommandant wäre von der Bevölkerung immer geachtet worden – jeder wußte, daß er nicht der Durchschnitt war. Und er hätte gewußt, was er tat, und hätte es eben trotzdem getan …‘ ‚Ja‘, sagte die Mutter. ‚Es war Ende Oktober, ein paar von den Mimosen müssen schon geblüht haben.‘ Die Mutter sah Cremier nach. […] ‚Es war schön hier, mein Junge, sehr schön, und es war richtig, daß wir hier waren. […] Weißt du, es ist jetzt nicht mehr so schlimm, daß ich nicht weiß, wie er gestorben ist und daß wir sein Grab nicht finden konnten.‘ (FM 368 f.)

Hier klären sich mehrere zuvor nur angedeutete Aspekte der Handlung auf: Es wird deutlich, dass Klieber positive Erinnerungen an den Kommandanten hören möchte, aber auch, dass die lokale Bevölkerung diesen nicht vorbehaltlos geschätzt zu haben scheint. Er scheint, den Aussagen Cremiers zufolge, zwar klug und vernünftig gewesen zu sein, aber allem Anschein nach auch streng, und er habe sich durchaus am Krieg beteiligt. Ganz am Schluss der Erzählung wird schließlich relativ explizit, was die ganze Handlung bereits nahe gelegt hatte, wenn die Mutter sagt, sie könne nun damit abschließen, dass sie das Grab des Vaters nicht gefunden hätten: Der Vater ist im Krieg verstorben, und das Interesse der beiden Hauptfiguren am Kommandanten deutet stark darauf hin, dass er der besagte Kommandant der Insel gewesen ist, über den Klieber mit dem Deutschen und mit Cremier gesprochen hat.

Dieser Schluss ist im Text als eine Art Pointe konstruiert, nachdem vorher viel Spannung aufgebaut worden ist. Trotz dieser halben Auflösung bleiben aber auch viele Fragen offen. Es wird nicht explizit gesagt, wo die Erzählung spielt, es wird nicht klar, wieso die Mutter die Briefe ihre Mannes im Gefängnis gelesen hat, wie nur an einer einzigen Stelle am Rande bemerkt wird (vgl. FM 367), warum sie nach einer spezifischen Auberge suchen („Da ist das Haus. Es stimmt – es ist wieder eine Auberge, und man kann hinein“, ebd.) und dort gerade mit diesem Cremier ins Gespräch kommen wollen. Wer ist er, dass der Vater so ausführlich von ihm berichtet hat? Und wieso wird erst am Schluss klar, dass Cremier wohl auch Deutsch verstanden hätte, wozu dieses bedeutungsschwanger platzierte Detail? All das wird nicht aufgelöst, und auch die im Folgenden vorgenommene Analyse kann, wie bereits vorwegzunehmen ist, sie nicht in jedem Detail auflösen; es soll aber zuletzt eine Deutung vorgeschlagen werden, die diese unauflösbaren Anspielungen als solche einordnet.

Historische Verortung

Eins von wenigen Dingen, die sich mit Sicherheit feststellen lassen, ist, dass es sich bei der Erzählung nicht um einen einfachen autobiografischen Bericht handeln kann. Wie der Protagonist im Gespräch auf der Fähre sagt, war er nämlich um das Ende des Kriegs herum erst vierzehn Jahre alt; er müsste also ungefähr Jahrgang 1931 oder 1932 sein, was deutlich von Ferbers Jahrgang (1919) abweicht. Da an derselben Stelle gesagt wird, 1943 sei 17 Jahre her (FM 366), lässt sich darüber hinaus immerhin das Jahr der Handlung – 1960, also das Jahr, in dem Ferber auf der Gruppentagung gelesen hat – ableiten.

Weniger einfach ist es zwar, den ungenannt bleibenden Ort der Erzählung zu identifizieren; tatsächlich genügen aber die vagen Hinweise dennoch, damit ein Handlungsort sehr wahrscheinlich wird: Mehrere Indizien im Text weisen auf die oft so genannte „Mimoseninsel“ Île d’Oléron hin, die im Atlantik liegt und der Stadt La Rochelle vorgelagert ist. Wenn man erst auf dieser Spur ist, ist bemerkenswert, wie genau die Details der Erzählung mit verschiedenen Details der Insel übereinstimmen: Schon der Titel der Erzählung benennt die Mimosen, über die die Mutter dann auch mit Cremier ins Gespräch kommt (vgl. FM 367 f.). Der zweite Übername der Île d’Oléron ist „Oléron la lumineuse“, also ungefähr „die Erleuchtete“, da der französische Schriftsteller Pierre Loti (1850–1923) in seinem Werk ihr besonderes und helles Licht beschrieben hat.654 In Ferbers Erzählung wird ein solches Licht bereits im ersten Dialog der beiden Hauptfiguren beschrieben: „‚Es ist plötzlich alles so hell‘ […] ‚Das ist oft so, wenn man auf die Küste zukommt. Es kommt vom Wasserdunst in der Sonne.‘ ‚Ich weiß, mein Junge. Vater hat von all diesen Dingen in seinen Briefen geschrieben.‘“ (FM 365) Und einen „Leuchtturm an der Westspitze“ (FM 366), von dem der Deutsche auf dem Schiff erzählt, gibt es ebenfalls auf der Île d’Oléron; bereits seit 1836 befindet sich am westlichen Ende der Insel der „Phare de Chassiron“.

Am wichtigsten sind aber die historischen Parallelen zwischen den erzählten Fakten in Ferbers Erzählung und der Geschichte der Île d’Oléron im Nationalsozialismus. Die Insel war zusammen mit der vorgelagerten Stadt La Rochelle einer der letzten Bastionen der Nationalsozialisten in Frankreich. Bis heute wird dieser Teil des ‚Atlantikwalls‘ der Nationalsozialisten als „Festung“ bezeichnet;655 sie blieb auch nach der Operation Overlord noch bis Kriegsende als eine der wenigen deutschen Enklaven bestehen. Eine Aussage der Figur Klieber in Ferbers Erzählung dürfte genau darauf anspielen. Als die Mutter enttäuscht ist, wie nah die Insel am Land sei, erwidert er: „Eine einsame Festung war sie auch so“ und „ärgerte sich darüber, daß seine Stimme heiser klang.“ (FM 365) Sowohl diese Bezeichnung als Festung wie auch das der Erzählung eingeschriebene Datum, der Kommandant habe „Ende Oktober“ entschieden, die Insel nicht zu verteidigen, (FM 369) und sogar, dass das überraschend gewesen sei, weil er „hart“ und ein „richtiger Kommißkopf“ gewesen sei – all das berichtet wie beschrieben der Deutsche, mit dem Klieber auf der Fähre ins Gespräch kommt (FM 366), entsprechen in den Grundzügen der Geschichte der Île d’Oléron.

Tatsächlich ist noch fünfzig Jahre später – in einem Artikel in der Zeit aus dem Jahr 1994 anlässlich des Jubiläums der Alliiertenlandung – die Rede davon, dass der Kommandant über „La Rochelle, La Pallice mit Hafen und U-Bootbunker sowie die Inseln Ile de Ré und Ile d’Oléron“656, nämlich Vizeadmiral Ernst Schirlitz, als besonders „harter, energischer Mann“657 gegolten habe. Ihm war am 20. August 1944 nach der Landung der Alliierten das Kommando übertragen worden, weil sein Vorgänger, ein 64-jähriger Oberst, als „zu krank und außerdem als zu empfindlich gegolten hatte“, wie der Historiker Schroth zusammenfasst.658 Im Zeit-Artikel sind die aufwändigen Bemühungen des französischen Capitaine de Fregatte Hubert Meyer beschrieben, die nötig waren, um Schirlitz zu einer Unterschrift auf der Konvention zu bringen, die besagte, dass „im Falle von Kampfhandlungen die Zerstörung der Hafen- und städtebaulichen Anlagen von La Rochelle/La Pallice zu vermeiden“659 sei. Schließlich unterzeichnete Schirlitz aber am 20. Oktober 1944 tatsächlich die von Colonel Adeline am 18. Oktober aufgesetzte Konvention660 – also genau wie bei Ferber (FM 369) Ende Oktober.

‚Moral der Geschichte‘?

Die Parallelen zwischen der Fiktion und den historischen Gegebenheiten auf L’Oléron reichen also bis in die Details. Bei allen Ähnlichkeiten zwischen der Erzählung und den historischen Fakten gibt es aber auch deutliche Unterschiede und Unklarheiten, die nun verschiedene Lesarten der ‚Moral der Geschichte‘ ermöglichen. Die Handlung in der erzählten Gegenwart lässt sich weniger einfach als das Setting historisch einordnen, da der intern fokalisierte Protagonist, der auf der Suche nach seinem Vater ist, Klieber heißt. Nun gab es sogar mindestens zwei ranghöhere nationalsozialistische Politiker mit diesem Namen –661 beide waren aber offenbar nicht auf der Île d’Oléron stationiert.

Da kaum eine andere Insel gemeint sein kann (auch keiner der beiden „Klieber“ im Nationalsozialismus Befehlshaber einer vergleichbaren Insel gewesen wäre), könnte es sich also innerfiktional bei dem Kommandanten grundsätzlich nicht um den Vater des Protagonisten handeln, wenn man von einer historisch authentischen Wiedergabe der Geschichte der Île d’Oléron ausginge. Das würde aber die Frage aufwerfen, wieso die ganze Handlung offenbar auf die Bemerkung zuläuft, dank des Gesprächs mit Cremier sei es nicht mehr schlimm für die Mutter, dass man nicht wisse, wo der Vater beerdigt sei. Was für eine Funktion hätte dieser Vater gehabt und wieso hätten sich Klieber und seine Mutter denn immer nur für den Kommandanten interessiert?

Dass der Vater dennoch der Kommandant ist, ist auch deswegen weitaus plausibler, weil einige weitere zunächst verwirrende Randbemerkungen in der Erzählung nur so auflösbar sind. Die Mutter könnte ins Gefängnis gekommen sein (wie ja am Rande erwähnt wird, FM 367), weil der Vater sich innerfiktional entgegen dem Willen überzeugterer Nationalsozialisten kampflos ergeben hatte: Der Deutsche auf dem Schiff spricht davon, dass er in der Zeitung als „Verräter“ bezeichnet worden sei und man von „Sippenhaft“ gesprochen habe (FM 366). Dass die Mutter im Gefängnis seine Briefe „immer wieder“ (ebd.) gelesen habe und bereute, dass sie sie nicht schon beim ersten Mal so genau gelesen und ausführlicher geantwortet habe, impliziert, dass sie erst gegen Ende des Kriegs inhaftiert worden war: Vorher wäre Gelegenheit dazu gewesen, nachher hatte sie keinen Kontakt mehr zu ihm.

Plausiblere Erklärungen für die Abweichung der Namen wären angesichts dessen die, dass der Kommandant der gesuchte Vater und Ehemann war, aber entweder innerfiktional Klieber statt Schirlitz heißt – oder dass der Sohn anders heißt als der Vater. Für Ersteres spricht zwar, dass es natürlich ein übliches Vorgehen fiktionaler Texte ist, die historischen Hintergründe abzuändern; dazu passen weitere Abweichungen wie die, dass das historische Vorbild im Jahr 1945 nicht starb (Ernst Schirlitz lebte 1893–1978) und eine Sippenhaft wegen seines Vertrags mit den Franzosen unwahrscheinlich ist, da er deutlich nach Abschluss dieses Vertrags, am 11.03.1945, mit dem Ritterkreuz für seine Treue ausgezeichnet wurde.662 In dieser Hinsicht scheint also tatsächlich erzählerische Freiheit gewaltet zu haben, so dass auch eine Änderung des Namens nicht überraschen würde.

Andererseits stärkt die Bemerkung über die ‚Sippenhaft‘, der man anscheinend ausgesetzt gewesen sei, wiederum auch die letzte Variante, nämlich dass der Sohn (um eben dieser Sippenhaft zu entkommen) seinen Namen geändert hat. Das scheint auch angesichts der sonst so deutlichen und exakten historischen und geografischen Parallelen nicht unplausibel – und es würde mit der Biografie des Autors korrespondieren, der seinerseits seinen Namen von Seidel zu Ferber geändert hat. Der Nachname „Klieber“ des Protagonisten – der ausschließlich bei diesem Nachnamen genannt wird – erinnert sogar klanglich entfernt an „Ferber“. Wenn man diese Spur aufnähme, ließe sich die Erzählung auf einer Metaebene als eine Art Parabel darüber lesen, wie belastend es ist, von der historischen Schuld der Elterngeneration verfolgt zu werden, und wie verschiedene Gründe dazu führen können, dass man deren Geschichte etwas anders erzählt, als sie wirklich war.

Auch wenn es sich nicht um die einzige mögliche Lesart handelt, sollen die biografischen Hintergründe Ferbers und sein Umgang mit der NS-Belastung seiner Mutter Ina Seidel deshalb etwas genauer beleuchtet werden. Ausgehend davon kann gefragt werden, ob sich ein Anliegen zu persönlicher Exkulpation, wie es sich in diesen biografischen Fakten zeigt, denn auch in „Mimosen im Juli“ niederschlägt und wie dieses sich zur kollektiven Aufarbeitung deutscher Schuld und der Opfer des Nationalsozialismus im Text verhält.

1.2.2 Exkurs: Georg Seidel alias Christian Ferber in der Autobiografie Ein Buch könnte ich schreiben (1996)

Wie bereits im ersten Teil der Studie gesehen, war Christian Ferbers Mutter Ina Seidel besonders vor Kriegsbeginn 1939 eine begeisterte Anhängerin des Nationalsozialismus.663 Sie stand auf Hitlers „Sonderliste der sechs wichtigsten Schriftsteller der Gottbegnadeten-Liste“664 und hatte Hitler-Oden geschrieben; wegen ihrer „Hitlerhuldigung“ sei sie sogar in Anspielung auf ihr Hauptwerk Das Wunschkind (1930) „Glückwunschkind“ genannt worden.665 Als Georg Seidel geboren, wehrte sich Ferber nun zeitlebens gegen die Unterstellung, er sei ebenjenes ‚Wunschkind‘ aus dem Roman,666 und distanzierte sich seit der unmittelbaren Nachkriegszeit auch durch verschiedene Pseudonyme.667 Im Kreis der Gruppe 47 trat er ausschließlich als „Christian Ferber“ auf,668 und das Pseudonym setzte sich so deutlich durch, dass Ferber sogar als Verfasser der Autobiografie Ein Buch könnte ich schreiben. Die autobiographischen Skizzen Georg Seidels (1919–1992) (1996) angegeben ist.

Wie noch in ebenjenen späten autobiografischen Aufzeichnungen deutlich wird, hat Ferbers Abwehr, mit seiner Mutter identifiziert zu werden, aber kaum daran gelegen, dass er sich hinsichtlich ihrer NS-Vergangenheit von ihr distanzierte. Eher scheint es sich um eine Strategie gegen entsprechende Zuschreibungen von außen und nicht zuletzt einfach gegen die Erwartungen, die an den berühmten Namen geknüpft waren, gehandelt zu haben: Ferber selbst erklärt seine Namensänderung damit, es sei eine Pseudonym-Spielerei gewesen, die wie bei vielen anderen Autoren das Schreiben habe erleichtern sollen, und es habe schon fünf Autoren mit dem Namen Seidel gegeben.669 Sein Freund Erwin Wickert schreibt im Nachwort zu Ferbers Autobiografie, Ferber habe mit seinem ersten Pseudonym in den 50er Jahren „aus dem Schatten der bewunderten und verehrten Mutter“ treten wollen, von der er „sich nur schwer […] lösen“ habe können: Er habe auch nach seiner Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft noch lange in ihrem Haus gewohnt und ihr ‚gedient‘, „es bereitete ihm Schmerzen, sich zu emanzipieren, sie zurückzulassen […].“670 In diesem Sinne arbeitete Ferber auch wirklich bis zuletzt an der Erinnerung seiner Mutter, gab im Jahr 1980 ihre „Monologe, Notizen, Fragmente“ (Aus den schwarzen Wachstuchheften) heraus und setzte sich für sie ein, wenn sie in Kritik geriet.671

Auch in der posthum erschienenen Autobiografie äußert sich Ferber an keiner Stelle kritisch über Ina Seidel; vielmehr betont er gerade in den Stellen über die Zeit vor und während des Nationalsozialismus dezidiert viele gute Taten der Mutter.672 Dieses so deutliche Ansinnen, Seidels Gedenken trotz ihrer massiven ideologischen Verstrickung aufzuwerten, legt nahe, genauer zu beleuchten, wie denn in Ferbers Texten mit dieser Ideologie umgegangen wird. Ist das private Anliegen, die Biografie der Mutter aufzuwerten, mit Relativierungen in Bezug auf den Nationalsozialismus verknüpft? Es dürfte schwierig sein, dies ohne solche Relativierungen zu erreichen, wie sich ja bereits im weiter oben beschriebenen Konflikt mit Kesten gezeigt hat,673 in dem Ferber Kesten der Lügen bezichtigte, weil dieser ein – tatsächlich ideologietriefendes – Gedicht Ina Seidels als „nationalsozialistische Abscheulichkeiten“674 beschrieben hat.

Zumindest in der Autobiografie wird ebenfalls relativ deutlich, dass die ‚eigene‘ moralische Position nicht zuletzt auch auf Kosten der historischen Gerechtigkeit für die Opfer des Nationalsozialismus’ gestärkt wird. So impliziert Ferber immer wieder wider alle historische Plausibilität, der Holocaust sei der Bevölkerung verborgen geblieben, und schreibt explizit: „Nein, wir haben wirklich fast nichts gewußt.“675 Er hat in den 30er und 40er Jahren in Berlin studiert, behauptet aber, von den Novemberpogromen 1938676 nicht mehr mitbekommen zu haben als eine einzige – ausgerechnet von einer „andere[n] Stimme“677 gestellten – Frage an ihn: „San Sie a Jud?“678 Sein einfaches und vorlautes „Nein […] – Und Sie?“679 genügt, damit er wieder in Ruhe gelassen wird, was natürlich nicht zuletzt impliziert, diese Reaktion wäre auch für andere ein gangbarer Weg gewesen, antisemitischen Übergriffen zu entkommen.

Auch vom Antisemitismus in der Bevölkerung habe er, so gibt er in demselben Text an, nichts mitbekommen:

Viele Gelbe Sterne sind mir nicht begegnet. Den ersten habe ich […] gesehen auf einem Volksfest zu Bruyères in den Vogesen. Er war an dem Rock eines alten Herrn, der nicht am Vergnügen teilnahm; jedermann machte ihm höflich Platz auf seinem Weg, und dann dankte er. In diesem Spätsommer 1942 wurde auf viele Wagen der Wehrmacht per Folie ein großes V gepinselt und dazu die Inschrift Victoria! Deutschland siegt an allen Fronten! Churchills Zweifinger-V sollte das ausgleichen. Mir war es peinlich.680

Dass diese beiden Informationen im selben Abschnitt stehen, ergibt Sinn, wenn man sie aufeinander bezieht: Die Juden waren mit einer Markierung stigmatisiert, das habe man aber kaum mitbekommen, ‚ich habe nur Höflichkeiten mitbekommen‘ – und ‚wir, wir waren ebenfalls mit einer Markierung stigmatisiert, die war peinlich‘. Dass er an dieser Stelle der Sicht des jungen Soldaten verhaftet bleibt, ändert nichts daran, dass diese Art der Erinnerung der erinnerten Situation von den 90er Jahren aus nicht mehr gerecht wird.681

Die Formulierung, ‚wir‘ hätten ‚wirklich nichts gewusst‘, verweist zunächst wieder darauf, dass die ‚Führerbegeisterung‘ der Mutter und die eigene Rolle als Soldat durch das Unwissen über den Holocaust relativiert werden soll. Durch die Ausweitung seiner Beispiele auf die ganze Bevölkerung, von der er nur Höflichkeiten gegenüber Juden mitbekommen habe, kommt aber auch ein allgemeinerer Aspekt hinzu, der für die vorliegende Studie interessanter ist: Diese apologetische Darstellung wertet alle deutschen ‚Mitläufer‘ rückblickend auf. Und hierbei fällt in der Autobiografie nun gerade die Koppelung der Identitätskonstruktion mit Moral sehr stark auf. Implizit schon in der beschriebenen übermäßig positiven Zeichnung der deutschen Tätergemeinschaft, aber viel deutlicher noch darin, dass ein ‚guter‘ Charakter und Verführtwerden vom Nationalsozialismus mehrfach explizit kurzgeschlossen werden: Wie bereits beschrieben werden der gute Charakter und die menschliche Haltung der Eltern stark betont, während mit keinem Wort ihre rechtskonservative Überzeugung und Führertreue bereits im Jahr 1933 erwähnt werden.

Und es gibt gleich zwei weitere Figuren im Text, die als außergewöhnlich ‚gutartige‘ Menschen eingeführt werden und sich später als glühende Nazis entpuppen.682 Einerseits einer seiner Feldwebel, ein Berufssoldat mit einer Menge „Fanatismus“, der aber „ursprünglich gutartig gewesen“ und gerade deswegen besonders unangenehm sei.683 Andererseits eine Figur mit dem Namen „Walthari“, die richtiggehend als Instanz eingeführt wird: „Er ist gefallen, er ist ein guter Mensch gewesen, ich nenne ihn Walthari. Ein Rätsel hat er mir aufgegeben, das ich nie ganz habe lösen können.“684 Später wird klar: Dieser Bekannte war lyrisch begabt, er war schlagfertig, er hat ironische Texte über den Nationalsozialismus geschrieben – und plötzlich hätten sie anscheinend aufgehört, ironisch zu sein:

Noch immer haben die Begeisterungstöne bestechend schwachsinnig sich angehört, aber dem Walthari klangen sie gar nicht mehr humoristisch. Sie waren echt geworden. Sie kamen aus dem Herzen, wie man sagt. Anzubeten begann Walthari, was er ausgespottet hatte.685

An derselben Stelle wird über den ehemals engen Freund dieses Waltharis, der dagegen „Sohn eines jüdischen Gelehrten“686 gewesen ist und sich demensprechend von Walthari distanziert hat, gesagt: „Auch jener ist gefallen im Krieg“.687 Ihm bleibt nicht nur die ‚Gutartigkeit‘ vorbehalten, die dem Nationalsozialist zugeschrieben wird, sondern in dieser Aussage werden auch Holocaust und soldatische Opfer kurzerhand gleichgestellt.

1.2.3 Subtext: Moraldiskurse und Identität in „Mimosen im Juli“

Angesichts der Relativierung von nationalsozialistischer Schuld in Ferbers Autobiografie soll nun der Blick wieder zurück auf die Erzählung „Mimosen im Juli“ gerichtet werden, um danach zu fragen, ob auch hier die private Schuldabwehr mit einer darüber hinausgehenden Abwertung der fremden Opfererfahrungen und kollektiven Aufwertung der deutschen Bevölkerung einhergeht. Zeigen sich die weiter oben unterschiedenen Arten der Dichotomisierung von moralischer Relevanz in Bezug auf Mitgefühl und Deutung sowie der Dichotomisierung von Tugendhaftigkeit auch in der Almanach- Erzählung?

Moralische Relevanz: Opferkonkurrenz und Deutung

Auch ohne historisches Hintergrundwissen fällt bereits auf, dass in „Mimosen im Juli“ französische und deutsche Opfer des Nationalsozialismus gegeneinander gestellt werden. Die französischen Opfer werden gleich am Anfang der Erzählung erinnert, als die Mutter sich nach Tafeln am Wegrand erkundigt und Klieber erklärt: „ ‚Gedenktafeln. Für Franzosen, die an dieser Stelle gefallen sind. Oder hingerichtet.‘ ‚Das ist wahrscheinlich eine gute Sitte‘, sagte die Mutter.“ (FM 365) Der letzte Satz der Mutter in der Erzählung enthüllt, dass der gesuchte Vater keine Gedenktafel hat und man nicht weiß, wo er begraben ist. Indem die Erzählung von diesen beiden gegensätzlichen Beschreibungen gerahmt wird, wobei die Deutschen, wie sich als ‚Pointe‘ herausstellt, deutlich schlechter dran sind, scheint durchaus eine Opferkonkurrenz auf, in der das ‚andere‘ Leid im Vergleich mit dem ‚eigenen‘ als weniger schwerwiegend erscheint.688 Im Gespräch auf der Insel klingt ebenfalls in diesem Sinne an, dass die Familie ‚doppelt‘ zum Opfer wurde: Die Mutter war wegen ‚Sippenhaft‘ im Gefängnis, weil der Kommandant der Insel sie kampflos übergeben hat, trotzdem wird sein Andenken von der lokalen Bevölkerung, die er damit offenbar schützen wollte, nicht geehrt.

In der oben zitierten Szene, in der Mutter und Sohn über die Gedenktafeln für die Franzosen sprechen, klingt zudem eine partikulare Unterscheidung moralischer Zuständigkeit schon darin an, dass die beiden zwar Verständnis haben, aber sich ganz selbstverständlich keine konkrete Bewertung ‚anderer Sitten‘ erlauben, wie in ihrer Einigkeit, dass es „wahrscheinlich“ eine „gute Sitte“ sei (ebd.), deutlich wird. Dieser Vorstellung entspricht auch der Anlass der Reise: Die beiden wollen sich vor Ort ein Bild davon machen, was genau geschehen ist; sobald sie dort sind, erscheint ihnen (trotz der wie gesehen sehr spärlichen zusätzlichen Informationen) alles klarer; worin die Vorstellung mitschwingt: Erst wer in persona an einem Ort war, kann eine Situation richtig deuten. Die Erzählung ist so aufgebaut, dass das als eine Art Fazit stehen bleibt: ‚Jetzt, wo ich da war, bin ich beruhigt‘.

Dieser Eindruck wie auch die in der Figurenrede aufgebrachte implizite Wertvorstellung, dass nur Beteiligte Urteile zu fällen hätten, werden vor allem durch die dezidiert rätselhafte Machart des Texts gestützt; nämlich durch die Tatsache, dass eine Vielzahl seiner Anspielungen für nicht ‚Dabeigewesene‘ unverständlich bleiben muss und vor allem vor dem Zeitalter des Internets nur mithilfe zusätzlicher Kenntnisse aufgeschlüsselt werden kann: Anders als intertextuelle Verweise oder philosophische Theorien sind hier Verweise verarbeitet, die (vor der Möglichkeit, zahlreiche Stichworte kombiniert bei Google einzugeben) kaum nachschlagbar gewesen wären. Diese Beobachtung ist für sich genommen wenig interessant, da das Phänomen aber in so vielen Texten der Gruppe 47, und zwar gerade der ‚Dabeigewesenen‘ und gerade in Kriegserzählungen vorkommt und so eng mit der Vorstellung der Erlebnisgemeinschaft verknüpft ist, wird es später noch genauer beleuchtet.689

Tugend

Am deutlichsten wird in Ferbers Erzählung das Wechselspiel zwischen der literarischen Konstruktion von guten Deutschen im Nationalsozialismus und Missachtung des ‚fremden Leids‘ nun aber angesichts eines Abgleichs mit den historischen Fakten, der vor allem hinsichtlich der dritten Variante einer Verknüpfung von Moral und Identität relevant ist: Die moralische Tugendhaftigkeit des ‚Eigenen‘ wird in ein deutlich besseres Licht gerückt, als das die historischen Fakten eigentlich erlauben. Bereits indem der Kommandant der ‚Mimoseninsel‘, der außerliterarisch als Kommandant Schirlitz aufgelöst werden kann, als einigermaßen vernünftiger Deutscher installiert wird, findet nämlich bereits eine an Leugnung grenzende Verschiebung statt.

Zwar sagen beide innerfiktionalen Quellen, nämlich der Deutsche auf dem Schiff und der Franzose Cremier, der Kommandant sei hart gewesen, ein richtiger Militarist (vgl. FM 366), und Krieg sei schließlich überall gewesen (vgl. FM 368). Wie beschrieben umschreibt Klieber diese Auskunft für seine Mutter zum Bericht, der Kommandant sei von allen geliebt worden und habe die französische Bevölkerung schützen wollen. Dass in dieser Weise eine apologetische Darstellung vom Text selbst ausgestellt wird, erweckt den Eindruck, hinter dem Rücken der Mutter arbeite der Text die ganze Wahrheit auf. Aber angesichts der historischen Fakten ist diese innerfiktionale Verschiebung nun in Wirklichkeit gar nicht groß, und es handelt sich auch bei der scheinbar schonungslosen Variante, die Klieber seiner Mutter nicht zumuten will, keineswegs um die ‚wahre‘ Wahrheit bzw. um eine ‚echte‘ Aufarbeitung: Der reale Schirlitz gilt nämlich anders als in der Erzählung dargestellt, wie abschließend etwas genauer ausgeführt werden soll, als besonders ‚fanatischer‘ Nationalsozialist, als fast lächerlich ‚führertreu‘ bis zum allerletzten Ende.

In diesem Zusammenhang zeigt sich nun in beiden Varianten der Geschichte, die Ferbers Erzählung anbietet, geradezu eine Umkehr von Tätern und Opfern: Das besagte Abkommen von Ende Oktober, die Insel nicht zu zerstören (aufgrund dessen der Kommandant in Ferbers Geschichte von den Nationalsozialisten als „Verräter“ gebrandmarkt wird), gibt es tatsächlich, aber der Grund dafür, dass es ausgearbeitet wurde, ist das Gegenteil dessen, was die Erzählung auch in der ‚ungeschönten‘ Version impliziert. Gerade weil sich Schirlitz anders als die meisten Kommandanten am ‚Atlantikwall‘ nicht vertreiben ließ, war das Abkommen die einzige Lösung, die man vonseiten der französischen Befehlshaber sah;690 vonseiten der Deutschen war es dagegen weniger ein Nachgeben als ein Mittel zum Zweck, die Besetzung noch länger durchzuhalten.691 Wegen der Führertreue Schirlitz’ wird die Insel sogar in Anspielung auf Asterix und Obelix als „letzte Garnison unentwegter ‚Boches‘“ beschrieben, die als allerletzte noch ausharrten und Widerstand leisteten.692 Und anders als in der Umgebung wurde gerade hier bis zuallerletzt gekämpft:

Als Adolf Hitler am 30. April im Bunker unter der Reichskanzlei endlich seinem Leben ein Ende setzt, toben auf der Ile d’Oléron noch Kämpfe. Um Schirlitz’ Truppen in La Rochelle zu binden, greift ein französisches Kommando die Inselgarnison an. Noch einmal werden Menschen geopfert. Allein auf französischer Seite zählt man an diesem Tag zwölf Tote und fünfzig Verwundete.693

Ein Ausnahmefall ist der Kommandant der „Mimoseninsel“ mit seinem Abkommen also nicht wegen seiner Nachgiebigkeit, sondern wegen seiner Radikalität. Noch im Januar 1945 wurde der neueste Film Veit Harlans über dem eingekesselten Gebiet um La Rochelle zur Premiere abgeworfen, zur Belohnung, um den Durchhaltewillen der dort stationierten Soldaten zu stärken.694 Noch im März 1945 machte Schirlitz 250 Gefangene, erregte dadurch die Aufmerksamkeit Goebbels’ und wurde im selben Monat mit dem Ritterkreuz ausgezeichnet.695 Und selbst als längst alles verloren galt, bestand Schirlitz in einer, wie Lotz schreibt, „Perversion dieser militärbürokratischen Korrektheit“696 darauf, seine Niederlage nicht vor der offiziellen Kapitulation des Deutschen Reiches einzugestehen – tatsächlich gilt die Insel erst am 9.5.1945, also sogar einen Tag nach der offiziellen Kapitulation und nach monatelangen lokalen Kämpfen, als ‚kampflos gefallen‘.697

Schlüsse

Diese historischen Verschiebungen können zunächst auf die bereits angedeutete biografische Lesart der Erzählung bezogen und damit gedeutet werden, dass Ferbers Beziehung zu seiner Mutter im Text aufgearbeitet wird: Wenn man um die ‚wahren‘ Fakten weiß, ist es ein besonders treuer, besonders NS-begeisterter Vater, für dessen Andenken die Figur Klieber lügt. Auch Ina Seidel war wie gesehen besonders ‚führertreu‘; und die Erzählung entschuldigt nun den Sohn, der für das Gedenken des Elternteils lügt. In diesem Kontext könnte auch der erst im Nachhinein von Klieber erkannten Tatsache, dass Cremier wahrscheinlich Deutsch versteht (vgl. FM 369), noch eine Funktion im Text zugeordnet werden: Womöglich hat Cremier schnell verstanden, dass es sich bei den beiden Gästen um Angehörige des Kommandanten handelt, da er ja die Lüge des Sohns mitbekommen hat. Cremier wird als netter Mann beschrieben, sodass es sich auch bei seinen Aussagen schon um ausgestelltermaßen beschönigte Erinnerungen handeln könnte. Dieser weitere Dreh würde die Relativierung der Figur des Kommandanten durch den Text wiederum leicht relativieren, da sie nun komplett auf die Ebene der Figurenrede verschoben wäre.

Selbst wenn diese Deutung mitschwingt, ist sie aber für ‚Nichtdabeigewesene‘ kaum zu entschlüsseln. War die Identifikation der Insel ein Zufallsfund, der im Zeitalter des Internets erleichtert wird, gibt es möglicherweise weitere historische Hintergründe des Texts, denen die vorgestellte Lesart noch nicht gerecht wird. So könnte auch die Figur des Auberge-Wirts Cremier ein historisches Vorbild haben, das man als ‚Dabeigewesener‘ möglicherweise leicht erkannte, da es in der NS-Propaganda omnipräsent war – wie das für die Île d’Oléron ja wie gesehen gilt –, aber für ‚Nichtdabeigewesene‘ und aus der zeitlichen Distanz kaum mehr zu entziffern ist. Um das erzählte Weltbild im Subtext zu beschreiben, genügen die gefundenen Fakten gerade deswegen bereits. Dass nur ‚Dabeigewesene‘, die der NS-Propaganda ausgesetzt waren, die doppelte Hintergründigkeit der Relativierung des Vaters verstehen können, entspricht der bereits beschriebenen Partikularisierung von Deutung: ‚Wir‘ wollen unter uns entscheiden, was wirklich von diesem Kommandanten zu halten ist. Mit Günter Grass hat der wohl wichtigste Gruppe-47-Autor überhaupt das in seinen Texten ganz ähnlich gelöst, und bei ihm wurde das nach seinem ‚Waffen-SS-Geständnis‘ explizit damit in Zusammenhang gebracht, dass nur die ‚Dabeigewesenen‘ nachsichtig gewesen seien.698

Auch die eingangs beschriebene Eröffnung einer Opferkonkurrenz und die Relativierung der ‚wahren‘ historischen Schuld des Kommandanten werden deswegen durch die Unklarheiten im Text nicht verunklart: Für den größten Teil der nichteingeweihten Leserschaft wird die Geschichte des ‚Eigenen‘, des Vaters, in einer Weise relativiert, dass schon fast von einer Leugnung gesprochen werden kann.699 Und dieser Vater kann durch die historische Entkonkretisierung und durch die biografischen Bezüge auch allgemeiner für die Schuld der ‚Elterngeneration‘ gelesen werden. Dadurch führt diese Aufwertung im Sinne der binären Moralvorstellung einer ‚Sippenhaftung‘ auch zu einer allgemeinen Relativierung der Schuld: ‚Entweder werden alle oder niemand von uns moralisch verurteilt‘, deswegen muss aus dieser Sicht Beweis geführt werden, dass die NS-Taten der ‚normalen‘ Deutschen gar nicht so schlimm waren. Und wie der Blick auf Ferbers 1996 veröffentlichte Autobiografie gezeigt hat, hat diese Sichtweise zumindest in seinem Werk große Beständigkeit.

1.3 Zwischenbilanz: Literarisierung von Diskursen partikularer Moral in der Gruppe 47?

In einer ersten Annäherung an das Untersuchungskorpus der wichtigsten Gruppe-47-Texte im distant reading konnten bereits verschiedene mögliche Verknüpfungen von dichotomen Konstruktionen und Moralvorstellungen identifiziert werden: In konkurrierenden Opfererzählungen, im Postulat einer Deutungshoheit durch ‚Dabeigewesensein‘, in einer moralisierenden Rolle des Erzählers, in der (Nicht-)Darstellung des Holocaust und jüdischer Figuren, in der Darstellung fremder Figuren oder Figuren dezidiert ‚guter Deutscher‘, auf der textstrukturellen Ebene in der manichäischen Strukturierung des Texts, in raumsemantischer oder sonstiger semantischer Auslagerung ‚böser‘ Handlungen.

Diese Ergebnisse wurden wiederum auf das gesamte Korpus zurückbezogen, um einige ‚Mustertexte‘ zu identifizieren, die hinsichtlich besonders vieler dieser Aspekte relevant zu sein scheinen. Alle vier Texte, die mehrere der häufigen Verknüpfungen von dichotomen Konstruktionen mit Moralvorstellungen zu enthalten scheinen, stammen tatsächlich auch von wichtigen Gruppenmitgliedern aus der Generation der ‚Dabeigewesenen‘. Es kann deswegen bereits als Ergebnis verzeichnet werden, dass der außerliterarisch betonte ‚Geist‘ des Gruppe-47-Kerns, aus dem sich die Fragen an die Texte herleiten, tatsächlich mit dem ‚Geist‘ der Texte selbst zu korrespondieren scheint.

Die exemplarische Lektüre eines dieser ‚Mustertexte‘ hat einige spezifische Varianten verdeutlicht, wie ‚die Anderen‘ auch in der literarischen Fiktion als moralisch weniger relevant oder weniger tugendhaft erscheinen, die für die genauere Untersuchung der entsprechenden Mechanismen in den nun folgenden Kapiteln noch einmal mit all ihren möglichen Implikationen zusammengefasst werden sollen:

  • Ferbers Text zeugt insofern von vermindertem Mitleid gegenüber den ‚Anderen‘, als der Text eine Opferkonkurrenz installiert: Er wird gerahmt von der Betonung, dass das verlorene Familienmitglied der deutschen, intern fokalisierten Figuren (die Angehörige der Tätergesellschaft sind) kein Grab bekommen hat, ‚seine‘ Opfer, die gefallenen Franzosen, aber schon. Mit dem Verlust des Vaters, ‚Sippenhaft‘ und Gefangenschaft erinnert die Opfererfahrung der Protagonisten und Reflexionsfiguren an diejenige der vom Nationalsozialismus verfolgten Gruppen. Die ‚fremden‘ Opfer kommen nur ganz am Rand durch die Gedenktafeln zur Sprache, es äußert sich keine moralische Empörung gegenüber den ‚deutschen‘ Untaten an der französischen Bevölkerung und die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus spielen in der Fiktion gar keine Rolle. Diese Koppelung von Opfernarrativ und Opferkonkurrenz ist nun weniger als Einzelbespiel, aber durch die Teilhabe an den entsprechenden sehr dominanten Nachkriegsdiskursen problematisch und auch schon hinsichtlich einer Kontinuität nationalsozialistischer Ideologie – vor allem Antisemitismus – gut beforscht worden. Auf dieses Phänomen, seine Ausprägung in weiteren Texten der Gruppe 47 und mögliche Parallelen zu konkreten NS-Moraldiskursen wird im nächsten Kapitel (2) dieser Studie genauer eingegangen.
  • „Mimosen im Juli“ ruft zudem auf zwei Ebenen das Konstrukt der überlegenen Erlebnisgemeinschaft auf, das insofern mit Moral verknüpft ist, als aus dieser erwachsene moralische Deutungen bevorzugt werden: Einerseits schlägt es sich in der Figurenrede nieder, indem die beiden Hauptfiguren ganz dezidiert kein Urteil über ‚fremde Sitten‘ fällen wollen. Andererseits klingt es implizit in Ferbers anspielungsreicher Schreibweise an, die einen Ausschluss von Deutung ‚Nichtdabeigewesener‘ auf der formalen Ebene bewirkt: Die Anspielungen können durch ‚intellektuelles‘ Wissen kaum gezielt aufgeschlüsselt werden und sind deshalb nur für diejenigen verständlich, die im Krieg der NS-Propaganda ausgesetzt waren. Auf die literarische Verarbeitung einer Verknüpfung der Vorstellung einer exklusiven Erlebnisgemeinschaft mit Moralvorstellungen im und nach dem Nationalsozialismus wird im 3. Kapitel dieses Teils II der Studie genauer eingegangen.
  • Eine Dichotomisierung von Zuschreibungen moralischen Werts und Tugendhaftigkeit äußert sich bei Ferber vor allem in der Aufwertung der deutschen Tätergruppe; zwar wird bei Ferber kein typischer ‚guter Deutscher‘ konstruiert – anders als in allen drei anderen ‚Mustertexten‘ von Schneider, Mönnich und Lenz, wie noch zu zeigen ist –, hier wird aber ein fanatisch führertreuer Kommandant zum einfachen Mitläufer ‚hinabgestuft‘. Der intern fokalisierte Protagonist wird zudem trotz autobiografischer Anspielungen zu einem ‚Nachgeborenen‘ gemacht, indem sein Jahrgang gerade so viel von demjenigen Ferbers abweicht, dass er zu jung ist, um im Krieg involviert gewesen zu sein, was seine Rolle als Instanz im Text stärkt – da er wahrscheinlich Jahrgang 1931 ist, fällt er auch tout juste aus derjenigen Altersgruppe, die für die vorliegende Studie als relevant klassifiziert wurde.700 Als Gegenstück dazu wird ‚das Böse‘ insofern ausgelagert, als die Handlung zwar den Nationalsozialismus betrifft, aber gerade nicht in Deutschland stattfindet. Darauf wurde in der Analyse nicht eingegangen, weil es vor allem insofern bemerkenswert ist, als es auch in einer Mehrheit der anderen Almanach-Texte, die im Nationalsozialismus spielen, der Fall ist: Auf diese und weitere Varianten einer Dichotomisierung von Tugend wird im 4. Kapitel von Teil II genauer eingegangen.

Fast alle beschriebenen Arten, wie das ‚Eigene‘ hinsichtlich moralischer Aspekte auf- und das ‚Andere‘ und die ‚Fremden‘ abgewertet werden, scheinen nun zunächst dem Anliegen eines Bruchs mit dem Nationalsozialismus zu entspringen und dennoch gerade darin quasi eine Kontinuität zu bewirken: Gewissermaßen löst sich darin außerliterarisch tatsächlich, wie Lorenz und Pirro in ihrem Band zum „Wendejahr 1959“ als Hypothese formuliert haben, der „Wunsch nach Diskontinuität über großräumige Umwege gleichsam in einer höheren Form der Kontinuität auf[]“:701 Gerade der Konstruktion als moralisches Kollektiv ist wieder eine dezidierte Exklusivität inhärent, die in ihrem Moralverständnis an partikulare Moralvorstellungen anschließt.

Dieses Wechselspiel soll in allen folgenden Kapiteln genauer beleuchtet werden, indem jeweils auch die entsprechenden Diskurse im Nationalsozialismus und ihre Verknüpfung mit Moralvorstellungen aufgegriffen werden.

2 Mitleid: Opferkonkurrenz und Empathieverweigerung

‚Es ist so langweilig‘, sagte er. ‚Mit dir möchte ich mich mal betrinken. In die Stadt gehen mir dir, wenn dein neues Kleid fertig ist, und Bukowinawein trinken, und dann was mit dir machen.‘ […] ‚Und dich dann einsperren lassen‘, sagte sie. ‚Sei still damit.‘ ‚Pah‘, sagte er. ‚Alle Rumäninnen sehen jüdisch aus, und keiner würde was merken.‘ ‚Du kennst die Leute schlecht.‘ ‚Sie hatte recht. Natürlich kannte er die Leute, und natürlich würden sie es merken, daß sie eine Jüdin war. ‚Ich habe es bald satt, das alles mitzumachen‘, sagte er.702

Die Positionierung als moralisch besonders legitimierte ‚junge Generation‘ der Gruppe 47 war, wie im ersten Teil der Studie gesehen, eng mit der Wahrnehmung verknüpft, dass man zu den Opfern, nicht zu den Tätern des Nationalsozialismus gehörte. Eine Wahrnehmung, die sich auch in zahlreichen Stellungnahmen niederschlug, beispielsweise in der Betonung, ‚unschuldig schuldig‘ geworden zu sein, einer ‚lost generation‘ anzugehören, im Krieg ‚verschlissen‘ worden zu sein.703 Außerliterarisch war sie auch immer wieder damit verbunden, dass man den NS-Erlebnissen ‚anderer‘, insbesondere der verfolgten Juden, mit wenig moralischer Empörung begegnete (so im Briefwechsel von Richter und Ferber über Kesten oder in Bezug auf Celans Lesung der „Todesfuge“ über den Holocaust, die als pathetisch abqualifiziert wurde) und deren Leid verkleinerte oder abstritt (Ferber in seiner Autobiografie) oder gegen das ‚eigene‘ Leid ausspielte (so Richter in seiner Etablissement-Miniatur über Schnurre).704

Über solche Einschätzungen moralischer Relevanz, so wird vorliegend angenommen, sind das in der Forschung bereits mehrfach beschriebene Beschweigen des Holocaust in der Nachkriegszeit wie auch Opferkonkurrenzen und Empathieverweigerung nun eng mit der untersuchten Frage nach Zugehörigkeit und Moral verknüpft. Und grundsätzlich könnte es sich durchaus um die noch direktere Fortsetzung eines erlernten Beurteilungsmusters handeln: Mitleid für ‚Andere‘ war, wie Bialas herausarbeitet, ex negativo bereits ein grundlegender Aspekt der im Nationalsozialismus propagierten Moraldiskurse, und zwar als Negativfolie einer „Moral in Übereinstimmung mit den Lebens- und Naturgesetzen“.705 Propagiert wurde, im Rahmen der so genannten ‚bürgerlichen Moral‘ hätten es

widernatürliches Mitleid und eine verkehrte Humanität […] zur moralischen Pflicht erklärt, alles Krankhafte besonders zu pflegen und zu fördern. Das habe durch künstliche Gegenauslese dazu geführt, dass sich Minderwertige und Schwache, die sich im Lebenskampf niemals hätten behaupten und durchsetzen können, stärker als Hochwertige und Starke vermehrt hätten.706

Universalistische Moralvorstellungen, die zu Mitgefühl mit ‚Schwachen‘ und ‚Fremden‘ führten, galten als Gefahr für die Volksgemeinschaft und sollten durch eine Moral der Härte ersetzt werden, in der Mitleid und Fürsorge in Bezug auf ‚Andere‘ überwunden seien. Es handelte sich um ein zentrales Anliegen, das auch explizit so gefordert wurde, wie Bialas zeigt:

‚Artfremden‘ und ‚Gemeinschaftsschädlingen‘ wurde moralische Zuwendung verweigert. Mensch-Sein wurde ideologisch differenziert: ‚Wir wissen wohl‘, so heißt es in einer von Himmlers Reden vor Kommandeuren der Einsatzgruppen und vor höheren SS- und Polizeiführern, ‚wir muten Euch Übermenschliches zu, wir verlangen, dass ihr übermenschlich unmenschlich seid‘. […] In der direkten Konfrontation mit ihren Opfern wurde den Tätern ein gleichsam animalisches Mitleid mit der menschlichen Kreatur nicht mehr zugestanden. Das Mitleid mit den Opfern, das sie nicht haben durften, transformierte sich in das Selbstmitleid der Täter.707

Auch wenn in der vorliegenden Studie keineswegs davon ausgegangen wird, dass sich eine solche unmenschliche Maxime, ‚fremde‘ Gefühle seien zu verachten, als Moralvorstellung direkt fortgesetzt hat, ist doch vorstellbar, dass eine Abwesenheit von Empörung und das ‚Empathieverbot‘ gegenüber den Angehörigen der Opfergruppen der Nationalsozialisten mit der starken Ablehnung gegenüber Empathie für ‚Andere‘ im Nationalsozialismus zusammenhängt. Dies, zumal im Nationalsozialismus nicht nur Mitleidlosigkeit als Wert hochgehalten wurde, sondern die moralische Abwertung ‚Anderer‘, wie Bialas ebenfalls betont, gezielt bewirken sollte, dass verfolgte Minderheiten „nach ihrer moralischen Stigmatisierung als minderwertige Untermenschen nicht mehr mit Empathie oder Mitleid rechnen konnten“.708

Opferkonkurrenz und Empathieverweigerung sind denn auch diejenigen in der vorliegenden Studie vertieft betrachteten Themen, die auch in der bisherigen Erforschung von NS-Kontinuitäten in literarischen Texten die größte Rolle spielen; insbesondere in der Erforschung des literarischen Antisemitismus nach Auschwitz.709 Auch über deutsche Opfernarrative und über Opferfiguren in der Nachkriegsliteratur gibt es schon mehr Forschung als zu den beiden Themen, die in den beiden weiteren Kapiteln untersucht werden.710 Die bestehende Forschungslage wird in diesem Kapitel deswegen etwas eingehender gesichtet, wobei herauszuarbeiten ist, inwiefern die aus verschiedenen Forschungsrichtungen postulierten Aspekte von Opfernarrativ, Opferkonkurrenz und Empathieverweigerung auf die vorliegende Fragestellung bezogen werden können (2.2).

Ausgehend davon soll demselben Zusammenhang auch in den literarischen Texten der Gruppe 47 genauer nachgegangen werden, wobei der Blick nach einem Überblick über deutsche und jüdische Opferfiguren in den Almanach- und Preistexten auch über den engen Kreis der wichtigsten Gruppe-47-Texte hinausgeht. Insbesondere eine bestehende Lektüre über die verschlüsselte literarische Verarbeitung von Paul Celan in Heinrich Bölls Roman Billard um halbzehn (1959) wird herangezogen und um einige andere Dokumentationen literarischer Verarbeitungen von Paul Celan als Figur in literarischen Gruppe-47-Texten ergänzt, um exemplarisch zu untersuchen, wie sich Empathie gegenüber ‚anderen‘ Opfern im und nach dem Romanjahr 1959 in der Gruppe 47 äußert (2.3).

Das Kapitel hat einen etwas stärkeren Charakter von Tertiärliteratur als die beiden nachfolgenden, da bereits auf zahlreiche historiografische und literaturwissenschaftliche Arbeiten zurückgegriffen werden kann, die aber jeweils um den Zusammenhang mit der Gruppe 47 und mit der Fragestellung nach NS-Kontinuitäten zu ergänzen sind. Zunächst soll noch einmal eine beinahe voraussetzungslose Lektüre erfolgen, indem mit Franz Josef Schneiders Erzählung „Die Mandel reift in Broschers Garten“ (gelesen 1949) ein weiterer der oben identifizierten ‚Mustertexte‘ aufgegriffen wird (2.1),711 bevor dann die ‚Mustertexte‘ in den weiteren Kapiteln (3 und 4) nur noch in dem jeweils spezifischen Analysezusammenhang betrachtet werden.

2.1 Franz Joseph Schneider: „Die Mandel reift in Broschers Garten“ (gelesen 1949) – eine unwahrscheinliche Liebesgeschichte

Franz Joseph Schneider ist für die Fragestellung der vorliegenden Studie neben den oben beschriebenen Auffälligkeiten712 seiner Erzählung „Die Mandel reift in Broschers Garten“ und den Gemeinsamkeiten mit den Autoren der anderen oben identifizierten ‚Mustertexte‘ als Autor auf eine weitere Art interessant: Einerseits gibt es kaum veröffentlichte Dokumente über ihn; in Studien zur Nachkriegsliteratur wird er nur selten erwähnt, selbst in literarischen Anthologien aus den 70er und 80er Jahren, in denen Gruppe-47-Mitglieder oft den größten Anteil der erwähnten Personen ausmachen, findet sich sein Name kaum;713 es gibt keine literaturwissenschaftlichen Publikationen über ihn. In allen Dokumenten zur Gruppe 47 kommt er aber andererseits sehr oft vor, und abgesehen von einem einzigen Band mit Erzählungen (Kind unsrer Zeit. Deutsche Stories, 1947) sind seine wenigen literarischen Publikationen der Nachkriegszeit alle engstens mit der Gruppe verbunden: In Tausend Gramm hat er „Es kam der Tag“ veröffentlicht,714 im Almanach „Die Mandel reift in Broschers Garten“715 und in Toni Richters Band Die Gruppe 47 in Bildern und Texten ist seine Erzählung „Die Ziege hat ein weißes Fell“ (gelesen 1951) abgedruckt;716 mehr scheint er nicht publiziert zu haben.

Es sind weniger seine einzelnen literarischen Texte an sich als sein relativ eng auf die Gruppe 47 begrenztes Wirken und die angeblich damit zusammenhängende „Mentalität“717 in seinen Texten, die die Erzählung „Die Mandel reift in Broschers Garten“ auch hinsichtlich ihrer Aussagekraft über diese ‚Mentalität‘ in einen besonderen Fokus rücken. Seine zentrale Rolle in der Gruppe 47, die gerade auf seinen Haltungen zu basieren scheint, soll deswegen zunächst rasch umrissen werden.

2.1.1 Schneider und die Gruppe 47

Schneider wird zwar in jüngeren Aufzählungen der wichtigsten Gruppenmitglieder oft vergessen,718 war aber unter den Mitgliedern der ersten Stunde und wurde 1951 zum Kreis der „Mitbegründer oder alte[n] Freunde“719 der Gruppe 47 gezählt; zwar soll er sich ab 1962 allmählich zurückgezogen haben,720 er war aber auch auf der letzten Tagung in der Pulvermühle noch dabei.721 Noch in Toni Richters persönlich gehaltenen Erinnerungen an die Gruppe 47 aus dem Jahr 1997 taucht sein Name sehr oft auf: Obwohl im Biogramm, das bei anderen eine halbe A3-Seite füllt,722 zu ihm offenbar nur zwei Wörter gesagt werden können, „Schriftsteller und Werbefachmann“,723 verzeichnet das Namensregister ganze 12 Erwähnungen im Band, mehr als für viele andere Autoren der ersten Generationen.724

Passend dazu stammen die wenigen biografischen Informationen, die sich über ihn finden lassen, fast allesamt aus Publikationen über die Gruppe 47 – und über seine Rolle im Nationalsozialismus und die unmittelbare Nachkriegszeit findet sich dementsprechend wenig. Bekannt ist, dass er 1947 weder besonders jung, sondern bereits 35 Jahre alt, noch völlig unbelastet war, weil er im Nationalsozialismus als Kriegsberichterstatter für Deutschland, das heißt im Dienst der Propaganda, gearbeitet hat725 und mit „einer schweren Verwundung“726 aus dem Krieg zurückgekehrt war. Er war also wie viele der Gruppenmitglieder der ersten Stunde weder jung noch Landser, geschweige denn gar nicht ‚dabei gewesen‘.

Schneiders große Beliebtheit in der Gruppe hatte nun vielleicht zum einen mit seiner Finanzkraft zu tun,727 dank der er als eine Art Mäzen besonders wichtig wurde: Er rief den Preis der Gruppe 47 ins Leben, indem er die US-amerikanische Werbefirma McCann Company, bei deren Ableger in Frankfurt am Main er angestellt war, dazu überredete, eine finanzielle Unterstützung bereitzustellen, „wofür man damals das Zauberwort ‚Sponsoring‘ noch nicht kannte“, wie Böttiger schreibt.728 Nur die ersten beiden Preise mussten auf diese Weise finanziert werden, später rissen sich namhafte Verlage darum, sich am Preis zu beteiligen.729 Schneider wurde erst in den 70er Jahren noch einmal als Geldgeber aktiv, als er den ersten Stadtschreiberpreis Deutschlands erfand.730 Er blieb aber auch in der Zwischenzeit immer sehr erfolgreich in der Gruppe 47 und scheint zu den durchsetzungsstärksten Stimmen gehört zu haben: Bereits auf seiner zweiten Tagung soll er die ungleich bekanntere Luise Rinser mit einem vernichtenden Spruch in die Schranken gewiesen haben, nachdem sie ihrerseits rabiate Kritik geäußert hatte;731 Reich-Ranicki beschreibt ihn im Nachruf 1984 als zu Gruppe-47-Zeiten „etwas rabiaten jungen Mann mit viel Temperament und Phantasie und auch noch Humor“.732 Er habe „das Deutliche und Direkte und zuweilen auch das Derbe und Drastische“ geliebt,733 dementsprechend seien auch seine Beiträge auf den Tagungen „außergewöhnlich“ gewesen: „immer kurz und knapp, meist kauzig und kurios.“734

Vielleicht war diese Rolle als großzügiger und selbstbewusster, sympathischer „Kauz“735 – ähnlich wie zum Beispiel beim Preisträger Adriaan Morriën736 – auch ein Grund dafür, dass auch seine Literatur lange so positiv beurteilt wurde. Raddatz schreibt noch 1955, man kenne Schneider „als talentierten Erzähler“;737 und in den ersten Jahren scheinen seine Texte regelmäßig Erfolge gefeiert zu haben. Auf seiner ersten Tagung im April 1949 in Marktbreit wird er in einem Tagungsbericht von Friedrich Minssen bereits zu den „bekannteren Namen der jungen Literatur, die diesem Kreis nahestehen“ gezählt,738 und ein halbes Jahr später scheint er mit dem Text „Die Mandel reift in Broschers Garten“ positiv herausgestochen zu sein. So schreibt ein unbekannter Verfasser in den Kasseler Nachrichten, seine Texte hätten „besondere Beachtung“ gefunden: „Sie stehen zwischen Reportage und Dichtung, der meistdiskutierten Frage dieser Tagung, und entwickeln in Stoff und Form eine durchaus eigenständige deutsche Story.“739 Auch andernorts wird beschrieben, dass er „mühelos den Engpaß der Kritik passierte[] […].“740

Jürgen von Hollander soll zwar bereits auf derselben Tagung den Begriff „Simplizitätsprotzerei“ aufgebracht haben und damit gemäß Herbert Hupka auch Schneider gemeint haben: „Noch wehrten sich die von diesem Wort Getroffenen, wie etwa Franz Josef Schneider und Horst Mönnich, aber das Wort steht.“741 Da die Rezeption sonst aber durchwegs als positiv tradiert wird, dürfte es sich noch nicht um die grundsätzliche Kritik handeln, wie sie heute an den Texten geübt wird; schließlich dominierten 1949 nach wie vor die ‚kalligraphischen‘ Autoren den Diskurs und Schneider bezeichnete sich auch selbst als „Journalist“742 und betonte sein „publizistisches Anliegen“.743 Schneider scheint damit trotz „bescheiden[er]“ literarischer Begabung (wie Reich-Ranicki es ausgerechnet im Nachruf formulierte)744 noch lange Zeit genau den richtigen Ton in der Gruppe 47 getroffen zu haben und kann als eine Art spezifischer Gruppe-47-Charakter – außerhalb kaum bekannt, innerhalb aber im Zentrum der Aufmerksamkeit – gesehen werden.

2.1.2 „Die Mandel reift in Broschers Garten“

Umso aussagekräftiger dürfte auch seine Almanach-Erzählung „Die Mandel reift in Broschers Garten“ in Bezug auf die Charakteristika erfolgreicher Gruppe-47-Literatur sein. In der tabellarischen Auswertung der Almanach- und Preistexte der Gruppe 47 ist sie aufgefallen, weil sie hinsichtlich besonders vieler Themen und Motive als potenziell relevant für die Frage nach einer Kontinuität von NS-Moraldiskursen erschien:745 Sie spielt im Nationalsozialismus, aber in Rumänien, eine Verschiebung, die raumsemantisch bedeutsam sein könnte; sie enthält jüdische Figuren, thematisiert aber nicht den Holocaust; sie könnte autofiktional sein, da auch Schneider in Rumänien stationiert war und sein Schreiben als journalistisch bezeichnet; der womöglich autofiktionale Protagonist ist ein moralisch sehr positiv aufgeladener ‚guter Deutscher‘.

Und da dieser deutsche Angehörige der Tätergesellschaft deutlich als Opfer des Nationalsozialismus gezeichnet ist und zugleich jüdische Figuren, nicht aber der Holocaust vorkommen, bietet es sich besonders an, die Erzählung im Kontext einer Dichotomisierung von Mitgefühl genauer zu untersuchen. Schneiders Text erzählt nämlich die höchst unwahrscheinliche Konstellation, dass ein deutscher Wehrmachtssoldat in Rumänien bei einer jüdischen – im August 1944 glücklich in einer Villa in Galaţi lebenden – Familie unterkommt und einträchtig mit ihnen im Luxus lebt. Die zarte Liebe des Soldaten zu der jüdischen Tochter der Familie wird schließlich durch die einfallenden Russen gestört; die ganze Familie ist verzweifelt und fürchtet um das Leben des Protagonisten, als die Deutschen aus Rumänien vertrieben werden sollen.

Da es keine Sekundärliteratur zur Erzählung gibt, werden die Hintergründe und die damit zusammenhängenden Implikationen dieser Handlung hier zunächst etwas genauer beleuchtet. Wie daraufhin zu zeigen ist, ist die antisemitische Konstruktion das Ergebnis mehrerer in der Gruppe 47 beliebter Erzählstrategien zur Aufwertung der Deutschen, die die ‚Moral der Geschichte‘ zu ‚eigenen‘ Gunsten strukturieren sollen und sie gerade dadurch an einem diskriminierenden Diskurs teilhaben lassen.

Handlung und historischer Kontext

Die Erzählung spielt im Jahr 1944 in Rumänien. Handlungsort und -zeit werden nicht explizit genannt, aber implizit umso deutlicher: Schon im ersten Satz werden die Straßennamen „Strada Morfeu“ und „Breilastraße“ genannt (SM 133), im zweiten Satz der Wind beschrieben, der „von der Donau her“ (ebd.) komme, was eindeutig die rumänische Stadt Galaţi ausweist. Vom Ort lässt sich auch die genaue Zeit der Handlung ableiten. Die Erzählung endet kurz nachdem im Radio verkündet wurde: „Rasbio e ghatte! Der Krieg ist aus“ (SM 136). Im geteilten Rumänien ist die genaue Ortangabe wichtig, um zu wissen, dass es sich um die Kapitulation der deutschen und rumänischen Streitmächte der Ostfront des damaligen Kernrumäniens handelt. Damit lässt sich die Handlungszeit auf Ende August 1944 datieren. Protagonist der Erzählung ist der deutsche Wehmachtsoldat Stefan, seine Kompanie ist in Galaţi stationiert und sein „Quartier“ (SM 133) ist die Villa der jüdischen Familie Broscher, wo die Handlung größtenteils stattfindet. Der Vater der Familie heißt Schmul Broscher und ist ehemaliger Angestellter bei der „Donaudampfschiffahrtsgesellschaft“ (ebd.), seine Frau wird Madame Pauline genannt, die Tochter heißt Fotinja – und wie schon der eingangs von diesem Kapitel zitieren Stelle deutlich zu entnehmen ist, begehrt der Protagonist die attraktive Fotinja.

Dieses Begehren strukturiert einen großen Teil der Handlung: Die Erzählung setzt ein, als der Protagonist seine Kompanie verlässt, da er „eins der üblichen Saufgelage“ weniger verlockend findet als einen Abend mit Fotinja in „Broschers Garten“ (ebd.). In besagtem Garten führt er ein Gespräch mit ihr, während dessen sein Knie „die ganze Zeit die ihren“ (SM 134) berührt und in dem er sie wissen lässt, dass er „was mit dir machen“ (ebd.) möchte, woraufhin sie errötet und er „einen Augenblick ihren Busen“ (ebd.) sieht. Auch seine ‚inneren Monologe‘ stehen ganz im Zeichen dieser Lust, wenn er „heftig“ denkt, dass er sie „für mich allein haben“ (SM 133) müsse, oder in der folgenden Überlegung darüber, was sie davon abhalte, mit ihm zu schlafen:

Nicht ihre Unerfahrenheit macht ihr den Entschluß so schwierig, dachte er, nicht die mädchenhafte Scheu ihrer achtzehn Jahre – ihre Mutter ist daran schuld. Jüdinnen konnten die besten und angenehmsten Frauen sein, aber irgendwie mußte man sie immer mit ihren Müttern teilen. (SM 134)746

Er bedrängt sie aber im Verlauf der Erzählung so lange, bis trotz dieser Schwierigkeit die Aussage stehen bleibt, er würde sie noch „heut’ Nacht“ (SM 135) aufsuchen.747 In der Erwartung dessen zieht sich Fotinja früh in ihr Zimmer zurück, statt wie üblich mit der Familie zu essen: „‚Ich kann jetzt nicht mit ihnen am Tisch sitzen‘, sagte sie. ‚Meine Mutter würde es merken.‘“ (Ebd.) Deswegen bekommt sie die dramatische Wende der Geschehnisse nicht mit: Der Protagonist wird vom „alten Broscher“ (SM 136) ins Wohnzimmer und ans Radio geholt, wo das Kriegsende in Kernrumänien verkündet wird. Alle freuen sich, aber als klar wird, dass nun „die Russen kommen“, kippt die Freude der Familie Broscher schnell in Bestürzung, und als Stefan sagt, für ihn sei der Krieg nicht aus – „[v]ielleicht für euch. Für mich nicht“ (ebd.) – und sich verabschiedet, um sich seiner Kompanie beim Rückzug anzuschließen, brechen die anwesenden Frauen in Tränen aus (vgl. ebd.).

Von Fotinja, die immer noch in ihrem Bett auf ihn wartet, verabschiedet er sich nicht; als er aber das Haus verlässt und sich noch einmal umdreht, sieht er sie am Fenster stehen:

Sie war im Nachtgewand. Er erkannte nicht ihr Gesicht, aber er sah, wie ihr erhobener Arm langsam niedersank – sah sie und faßte den Entschluß. Leise ging er zurück, öffnete die Tür, schlich auf den Fußspitzen am Wohnzimmer vorbei […]. Als er den Treppenabsatz erreicht hatte, peitschten in der Nähe drei, vier Karabinerschüsse […]. Gleich darauf das harte, inständige Gebell eines Maschinengewehrs; aber all das kam bereits wie aus einer anderen Welt … Er öffnete die Tür. (SM 137 f.)

Damit endet die Erzählung; der Protagonist hat seiner Leidenschaft nachgegeben – oder ist ihr vielmehr erlegen, so traumwandlerisch wird die Szene geschildert, und hat sich damit wohl in Lebensgefahr gebracht. Die jüdische Familie aber, so impliziert die Erzählung, dürfte glücklich sein, ihn nun trotz der Gefahr, in die er sich durch seine mutmaßliche Desertion begibt,748 bei sich zu behalten.

‚Moral der Geschichte‘

Trotz der einfachen Konstruktion der Erzählung und ihrer relativ eindeutigen Machart im Sinne des frühen Nachkriegsrealismus ist die ‚Moral der Geschichte‘ auch in dieser Erzählung bei genauerer Betrachtung ambivalent. Es ist sogar möglich, dass ihr großer Erfolg auf der Gruppentagung in Utting auch damit zusammenhängt, dass sie dadurch für verschiedene politische Haltungen gleichermaßen anschlussfähig war: Sie kann nämlich entweder so gelesen werden, dass sie von der Verführung eines guten deutschen Soldaten durch ‚das Jüdische‘ und seinem damit einhergehenden Niedergang erzählt; immerhin zieht der Protagonist Reichtum, Dekadenz und eine „schöne Jüdin“ Kameradschaft und Loyalität vor und desertiert zuletzt sogar wahrscheinlich, ein damals als Kriegsverbrechen beurteilter Akt, für den man in der BRD erst in jüngster Vergangenheit nach jahrzehntelangen Debatten rehabilitiert wurde.749 Sowohl der Verfolgung durch die ‚Nazis‘ als auch der durch die Russen, die die Stadt erobert haben, setzt sich der Protagonist damit aus, und bringt sich also durch seine Entscheidung in Lebensgefahr. Ausgehend davon ist aber grundsätzlich auch die umgekehrte Lesart möglich: Dass die Geschichte von einem mutigen, widerständigen Mann erzählt wird, der sich zur Desertion entscheidet, weil er Zuneigung zu einer Jüdin empfindet.

Beide Lesarten lassen sich ohne größere Störung aufrechterhalten, was dadurch zu erklären ist, dass die erzählerische Bewertung der Entscheidung des Protagonisten, zu Fotinja umzukehren, ausbleibt, und beide Lesarten von weiteren Hinweisen im Text gestützt werden. Für die Implikation, dass der Protagonist an der ‚schönen Jüdin‘ zerbricht, sprechen insbesondere ihre zahlreichen Anklänge an das antisemitische Bild der gefährlichen jüdischen Verführerin.750 Obwohl sie in ihren Handlungen eher ‚unschuldig‘ und sexuell zurückhaltend erscheint, wird ihre Verführungskraft und damit quasi ‚Mitschuld‘ durch schiere Attraktivität in der Szene, in der er sich schließlich zur Umkehr entscheidet, deutlich impliziert:

Er verließ das Haus und ging, ohne sich noch einmal umzusehen, durch den dunklen Vorgarten […]. Eine Scheibe klirrte; als er sich umschaute, sah er Fotinja im dunklen Fenster stehen. […] Er erkannte nicht ihr Gesicht, aber er sah, wie ihr erhobener Arm langsam niedersank – sah sie und faßte den Entschluß. (SM 137 [Hervorhebungen N. W.])

Um standhaft zu bleiben, ‚sieht‘ er sich zuerst nicht ‚um‘, erst als er sich doch ‚umschaut‘, kommt eine Umkehr in Frage – und dass er den Entschluss fasst, weil er sie sieht, wird gleich doppelt markiert. Das Bild der Verführerin, das ihr trotz ihrer ‚Scheu‘ und ‚Unschuld‘ eingeschrieben ist, wird vom Titel gestützt; die „reife Frucht“ des Baums rückt sie assoziativ in die Nähe der biblischen Eva; es handelt sich aber nicht um eine speziell ausgestellte Konstruktion: Da die frühesten Mandelsorten Anfang Herbst reifen, dürfte diese Beschreibung als realistisches Element in Verbindung mit der Erzählgegenwart Ende August biologisch nicht ganz stimmig, aber durchaus möglich sein.

Zudem deutet der Baum jedoch insofern wieder vom Bild der Verführerin weg, als es sich um einen Mandelbaum handelt, der in der alttestamentarischen, jüdisch-christlichen Symbolik als Zeichen für die Präsenz Gottes an einem Ort und das göttliche Gewissen gelesen wird.751 Das spricht dafür, die Erzählung nicht einfach als eine Irrweg- und Zerfallsgeschichte des abtrünnigen Protagonisten zu lesen. Insbesondere für eine ‚philosemitische‘ Lesart spricht die Emotions- und Sympathielenkung: Man mag den Protagonisten und hofft über weite Strecken der Erzählung mit ihm, dass er mit Fotinja zusammenkommen wird; die Erfüllung seines Begehrens erscheint hier zumindest nicht eindeutig als seine moralische ‚Bankrotterklärung‘.752

Wie im Folgenden gezeigt werden soll, deutet die Gestaltung des Protagonisten eher auf eine dritte Variante hin; nämlich, dass ‚das Jüdische‘ fast beiläufig herangezogen wird, um die zentralen Anliegen des Texts quasi als ‚externe‘ und im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus natürlich besonders unverdächtige Instanz zu untermauern. Erzählt wird im Subtext der Handlung nämlich vor allem die Geschichte eines ‚einfachen‘ und guten deutschen Soldaten, der von verschiedenen Seiten her zum Opfer von Nationalsozialismus und Krieg wird. Gerade durch die dezidierte Trennlinie, die diese Aufwertung des eigenen Leids und der eigenen guten Taten mit sich bringt, werden aber, wie gezeigt werden soll, auch diskriminierende Diskurse aufgebracht und weitergeführt.

2.1.3 Dichotomien im Subtext der Erzählung

Dabei scheint die grundsätzliche Konstruktion des Texts hinsichtlich der Diskriminierung ‚Anderer‘ zeitgenössische Diskurse zunächst eher zu subvertieren: Dass jüdische Figuren überhaupt eine Rolle spielen und mit Sympathie geschildert werden, ist in der Nachkriegsliteratur und auch in der Literatur der Gruppe 47 selten.753 Hier aber erscheint der „alte Broscher“ großzügig und liebenswert schrullig,754 die Ehefrau stilvoll,755 Schwester und Schwager der Mutter, die oft zu Besuch sind, werden vom Erzähler ebenfalls mit Wärme beschrieben: Der Mann hat griechische Wurzeln, aber verehrt den rumänischen König loyal (SM 136), seine Frau ist in Bezug auf Fotinja sogar zur Vertrauten des Protagonisten geworden.756 Und, natürlich allem voran, ist der deutsche Protagonist in ebenjene Fotinja, die schöne jüdische Tochter, verliebt.

Figurenzeichnung: Juden, Russen und Deutsche

Wie bereits dieser Überblick zeigt, knüpft die Schilderung der jüdischen Figuren bei aller Sympathie des Erzählers dennoch an tradierte antisemitische Bilder an; die ausgestellte Eleganz der Mutter kann lächerlich wirken, ihre Schwester erinnert an das Stereotyp der jüdischen Kupplerin, die K.u.K.-Bindung des Vaters kann als von der Nachkriegsdemokratie als ‚anders‘ abgetrennte monarchistische Haltung gedeutet werden. Ganz explizit formuliert wird das Stereotyp der typischen jüdischen Mutter in der bereits oben zitieren Stelle (SM 134). In einer ähnlichen Tradition wie dieses alte Bild von der überbehütenden jüdischen Mutter kann auch verortet werden, dass die Broschers als besonders gastfreundliche, gesellige Familienmenschen erscheinen: Die Schwester der Mutter ist dauernd zu Besuch, sie verbringen die Abende gemeinsam unter dem Mandelbaum (vgl. SM 133), alle weiblichen Familienmitglieder kümmern sich übermäßig um Fotinjas Wohl und wollen „das Mädchen in ihrer Kontrolle […] halten“ (ebd.), der Vater seinerseits „hatte noch niemals vergessen, ihn zum Essen einzuladen“ (SM 135), und erzählt „hundert lustige Geschichten“ (SM 133).

Solche Zuschreibungen knüpfen an exotistische Bilder an und setzen, auch wenn sie hier positiv erscheinen, „den Diskurs über die Juden als die Anderen“757 fort. Diese Implikation von essentialistischer Differenz wird durch die Figurenrede Fotinjas noch gestärkt: „‚Quäl’ mich nicht‘, sagte sie, den Tränen nahe. ‚Du kannst ja nicht wissen, wie es bei uns ist.‘“ (SM 134 [Hervorhebung N. W.]) Auch die Jüdin selbst grenzt das ‚Uns‘ der jüdischen Familie gegen die Kultur des deutschen Soldaten ab; und tatsächlich gibt es in der innerfiktionalen Welt große Unterschiede, die alle Figuren der Familie Broscher mit Stereotypen aus dem antijüdischen Figurenarsenal richtiggehend beladen erscheinen lassen: Sie sind nicht nur sehr reich,758 sondern scheinen auch Kosmopoliten ohne ‚natürliche‘ Nationalität zu sein,759 und Tante Lola erscheint als ‚Mannsweib‘.760

Am deutlichsten wird die Fortsetzung antisemitischer Zuschreibungen über die Figur Fotinja. Als der Protagonist sie in die Stadt ausführen will und sie sich sorgt, als Jüdin erkannt zu werden, versucht er sie zu beruhigen:

‚Pah‘, sagte er. ‚Alle Rumäninnen sehen jüdisch aus, und keiner würde was merken.‘ ‚Du kennst die Leute schlecht.‘ Sie hatte recht. Natürlich kannte er die Leute, und natürlich würden sie es merken, daß sie eine Jüdin war. (SM 134)

Das Othering wird in dieser Szene zunächst erneut in ihre Figurenrede verlegt: Sie selbst äußert die physiognomische rassisierende Zuschreibung, sie sehe eindeutig jüdisch aus, seine Reaktion bestärk diesen Eindruck: ‚natürlich‘ sehe man es ihr sofort an. Ihre Attribute – dauerndes Erröten (vgl. ebd.), „mädchenhafte Scheu“ (ebd.), die zweimal wörtlich wiederholte Beschreibung: „Fotinja, sanftes weißhäutiges Wesen“ (SM 133, 137) – entsprechen denn auch, sogar fast wörtlich, den nach Gubser stereotypisierenden Attributen der „schönen Jüdin“ im 19. Jahrhundert als von „Natur aus scheu und sanft“; ihre weiße Haut entsprich deren „alabasterfarbene[m] Teint“.761

In der Wirkung, die sie auf den Protagonisten hat, klingt dabei wie bereits oben gesehen zugleich eine zweite, eigentlich entgegengesetzte Tradition jüdischer Frauenfiguren an, nämlich diejenige der gefährlichen, sexuell überaktiven, zerstörerischen Verführerin.762 Dieser zweite Assoziationsraum öffnet sich schon in seiner Überlegung zu Beginn der Erzählung, in der die Begegnung mit ihr als fatalistische ‚süße Sünde‘ angelegt ist, in der die Vernichtung mitschwingt: „‚Fotinja, sanftes weißhäutiges Wesen‘, dachte er – ‚nur dies noch, bevor der Krieg uns alle frißt‘.“ (SM 133) Als sie in der Erzählung zum ersten Mal auftaucht, überlagern sich die beiden Bilder: Sie sitzt im Halbdunkel unter einem Baum, strickt und errötet, als sie den Protagonisten sieht, Sinnbild der scheuen braven Tochter; der Baum und die „heftig“ (ebd.) begehrlichen Gedanken des Protagonisten rufen dennoch bereits vage die biblische Erbsünde auf.763

Das Begehren, das Fotinja in Stefan weckt, ist es, das ihn schließlich in Lebensgefahr bringen wird, während sich der Protagonist selbst mit keinerlei erkennbarer Schuld belädt; im Gegenteil machen die Sorge der Familie Broscher um ihn und die Zuneigung, die sie ihm entgegenbringt, implizit deutlich, wie ‚anständig‘ er ist. In der Szene, als die Familie ums Radio versammelt vom Kriegsende erfährt, wird dies besonders deutlich:

Die Stimme im Lautsprecher verstummte. Alle standen reglos, wie erstarrt, bis Broschers rauhe [sic] Stimme in die Stille tönte: ‚Rasboi e ghatta! Der Krieg ist aus‘ sagte er feierlich; und, nach einer Pause, in der sich in allen die Freude in Bestürzung verwandelte: ‚… und die Russen kommen.‘ Madame Pauline eilte ihm, vor Bewegung schluchzend, in die ausgebreiteten Arme […], dann umringten alle Stefan, der seltsam unbeteiligt an der Tür stand, und schüttelten ihm die Hände. […] Die Frauen weinten. ‚Keine Bomben mehr, keine Angst …‘ schluchzte Madame Pauline. ‚Wir leben, und der Krieg ist aus!‘ sagte Broscher. ‚Aus und fertig!‘ ‚Vielleicht‘, sagte Stefan. ‚Vielleicht für euch. Für mich nicht‘ […] ‚Ich muß zur Kompanie‘, sagte er. […] ‚Sie kommen doch wieder?‘ fragte Tante Lola. (SM 136 [Hervorhebungen N. W.])

Dem Protagonisten wird der größte Respekt entgegengebracht, und dass sich die Freude bereits „in allen“ in Bestürzung verwanden soll, aber Broscher dennoch dankbar sagt, sie hätten überlebt, zeigt den Aufwand, mit dem die Moralkonstellation auch auf Kosten der Erzähllogik gewahrt wird: Die Vernichtung der Juden ist in diesem Text einerseits inexistent, so dass sie genauso wie die deutsche Zivilgesellschaft abgesehen von Bomben nichts zu befürchten haben und einträchtig mit dem deutschen Soldaten zusammenleben können – sie freuen sich, überlebt zu haben. Wovor sie sich denn aber in Bezug auf die Russen so sehr fürchten, dass alle bestürzt sind und Madame Pauline sogar schluchzt, (zumal „[i]n Rußland Antisemitismus mit dem Tode bestraft“ werde, wie Stefan zu berichten weiß, vgl. SM 137) bleibt unklar. Aber: es unterstützt die Implikation, dass sich der Protagonist positiv von allem Schlechten, vor dem sich die Juden fürchten, abhebt.

Obwohl der Protagonist nicht aktiv Juden rettet – wie das viele ‚gute Deutsche‘, so in Anderschs Sansibar oder der letzte Grund (1957) tun764 – sie sind in der erzählten Realität ja gar nicht wirklich in Gefahr –, erzählt der Text so dennoch die Geschichte eines ‚guten Deutschen‘ im Nationalsozialismus. Entsprechend traurig wird sein Abschied; während alle Frauen weinen, führen der Protagonist und Herr Demetriades den oben bereits anzitierten Dialog:

‚Vielleicht schläft morgen schon ein Russe in seinem Bett‘, sagte Herr Demetiades düster. ‚In Tiraspol haben sie die Front durchbrochen‘, sagte Broscher. ‚Wir müssen pakettieren!‘ sagte Madame Pauline. ‚In Turnu Severin wird’s besser sein als hier‘. […] ‚Schlimm, schlimm‘, seufzte Broscher, ‚arme Judenheit …‘ […] Schlimmer wie die SS wird’s auch der Russe nicht treiben‘, sagte Stefan. Broscher zog zweiflend die Schultern hoch. ‚Wer weiß … […].‘ (SM 136 f.)

Dieser Dialog verdeutlicht, wie Stefans positive Darstellung auch durch Abgrenzung erlangt wird, indem der Text eine Hierarchie des ‚Unheils‘ impliziert: Darin steht ‚der Russe‘ ganz oben, knapp danach kommt die SS, und der Protagonist, der für die einfachen Deutschen steht, ist dezidiert und von jüdischen Figuren abgesichert am anderen Ende des Spektrums zu verorten.

Juden und deutsche Soldaten in Rumänien: Opferkonkurrenzen

Neben diesen offensichtlichen Figurenstereotypen enthält der Text zudem eine indirekte Ebene der Abwertung, die von Bergmann als stärkste Form von „Schuldabwehr-Antisemitismus“765 beschrieben worden ist, nämlich eine „Leugnung oder drastische[] Minimierung der Verbrechen an den Juden.“766 Die Situation der jüdischen Familie in Rumänien im Jahr 1944 erscheint – verglichen mit der tatsächlichen Bedrohung sowohl durch die rumänische antisemitische Politik und inländische rassistische und antisemitische Einstellung der Bevölkerung767 als auch durch die deutschen Soldaten im Land, wie gleich zu zeigen ist – so harmlos, dass man sogar von Leugnung und damit mit Bergmann von der „krasseste[n] Form der Schuldabwehr“,768 das heißt des „Schuldabwehr-Antisemitismus“ nach Auschwitz sprechen kann.769

Damit schreibt sich der Text in eine lange währende Tradition ein: Das Narrativ, die Rumänen hätten die Juden eher human behandelt, hat in Rumänien noch bis in die 90er Jahre die Geschichtsschreibung geprägt;770 es handelt sich aber um eine drastische Umformung der tatsächlichen Begebenheiten: Zwar lag Galaţi, der Handlungsort der Erzählung, auf der weniger gefährlichen Seite der „meist über Leben und Tod entscheidende[n] Grenzlinie […] zwischen Kernrumänien auf der einen Seite sowie Bessarabien, der Bukowina und Transnistrien auf der anderen.“771 Auch in Kernrumänien war die jüdische Bevölkerung aber seit 1939 antisemitischen Gesetzen unterworfen – deren Ausarbeitung ausgerechnet mit Beginn der Diktatur desjenigen Königs begonnen hat, den der Schwager von Madame Pauline in Scheiders Fiktion anscheinend so verehrt772 –, die bis 1943 regelmäßig verschärft wurden.773 Galaţi war dabei mitnichten eine positive Ausnahme, im Gegenteil: Der Konsul der „Agenten der Abwehr“ in Galaţi, Alfred Lörner, war (wie sonst nur in Czernowitz) sogar NSDAP-Mitglied.774

Nicht nur ihr vertrauensseliger, ja bewundernder Umgang mit einem Angehörigen der deutschen Besetzungsmacht, zum Beispiel auch die titelgebende Eigenschaft der Familie Broscher, nämlich dass sie Hausbesitzer sind, ist angesichts dieser Lage in Rumänien im Sommer 1944 unwahrscheinlich. Nachdem 1940 die Juden bereits von sämtlichem Grundbesitz außerhalb der Städte enteignet worden waren, folgte im Frühjahr 1941 ein Gesetz, das auch „alle städtischen Immobilien im Besitz jüdischer Privatpersonen […] in Staatsbesitz“ brachte.775 In Schneiders Erzählung wird nicht nur betont, wie groß das Haus der Familie sei, sondern auch, dass sie zudem einen Landsitz haben. Zu Beginn der Erzählung will die Mutter „in der nächsten Woche“ nach Turnu Severin reisen (SM 133), als die Russen das Land übernehmen, will die Familie sofort „pakettieren“ (SM 137), um dorthin zu fliehen, und es wird deutlich, dass sie dort einen „kleinen Bauernhof verpachtet“ haben (ebd.).

Die Familie kann also offenbar entgegen der historischen Wahrscheinlichkeit frei reisen, um sich in Sicherheit zu bringen, in einer Villa wohnen und durch die Verpachtung des Landsitzes mit einer weiteren Immobilie Geld erwirtschaften. Dass der Deutsche in ihrer Villa unterkommt, weckt in diesem Setting eher Assoziationen an Flucht- und Vertreibungsgeschichten, in denen Ostgeflohene in den Häusern deutscher Bürger/-innen unterkommen; die Shoah dagegen findet im ganzen Text keine Erwähnung. Zwar spricht Broscher von der „arme[n] Judenheit“ (SM 137), das sagt er aber aus Angst vor den Russen, die die Deutschen in Galaţi ablösen. Und als sich Stefan daraufhin kritisch über die SS in Rumänien äußert, ist es wieder Broscher, der seine Aussage relativiert: „‚Schlimmer wie die SS wird’s auch der Russe nicht treiben‘, sagte Stefan. Broscher zog zweifelnd die Schultern hoch. ‚Wer weiß …‘“ (Ebd.)

Dass der Protagonist mit Fotinja in die Stadt will, um ausgerechtet „Bukowinawein“ zu trinken „und dann was mit dir“ zu machen (SM 134), ist angesichts der historischen Fakten schließlich darüber hinaus noch geschmacklos, ist die Bukowina ja eine von mehreren Chiffren für die systematische Vernichtung der Juden im Osten: Bereits 1941 waren in den ersten Wochen nach der Eroberung Bessarabiens und der Bukowina durch die Deutschen 45’000 bis 60’000 Juden ermordet worden, die meisten Überlebenden wurden später deportiert, wobei 200’000 bis 300’000 der Opfer starben – der größte Teil der jüdischen Bevölkerung in diesen Regionen.776

Dieses Ausblenden des jüdischen Leids erscheint dadurch umso gravierender, dass die deutsche Leidenserfahrung in Rumänien im Vergleich noch zusätzlich betont wird. Stefans Leid bekommt quantitativ und qualitativ mehr Gewicht: Bereits im ersten Abschnitt der Erzählung wird betont, Stefan sei „trotz der Gerüchte, die über die Ereignisse am Pruth umliefen“ (SM 133) gut gelaunt; seine Gefährdung wird also sofort aufgerufen. Der Holocaust bleibt dagegen bis zuletzt unerwähnt, und als die Familie vom Kriegsende erfährt, „schluchzt“ Madame Pauline denn auch nicht vor Freude darüber, dass sie nicht deportiert wird: „Keine Bomben mehr, keine Angst“ (SM 136), ruft sie, was die zentrale Angsterfahrung der deutschen Tätergesellschaft im Nationalsozialismus aufruft.

Der Protagonist scheint sich dabei immerhin noch mehr Sorgen um die jüdische Familie zu machen als die Familienmitglieder selbst. Er erklärt Fotinja nämlich: „Jede Stunde kann uns etwas passieren. Dir und mir und uns allen“ (SM 134 [Hervorhebung N. W.]), er geht also von einem ungefähr ausgeglichenen ‚Opferkonto‘ aus. Es sind die jüdischen Figuren, die dieses Verhältnis anders wahrzunehmen scheinen. Besonders zugespitzt wird dies im Dialog deutlich, der bis hierher schon unter verschiedenen Gesichtspunkten anzitiert worden ist: Hier laufen fast alle in der vorliegenden Analyse angesprochenen Konfigurationen zusammen, die den deutschen Protagonisten und seinen Opferstatus auf- und das Leid und die Personen der jüdischen Figuren abwerten:

‚Es ist so langweilig‘, sagte er. ‚Mit dir möchte ich mich mal betrinken. In die Stadt gehen mir dir, wenn dein neues Kleid fertig ist, und Bukowinawein trinken, und dann was mit dir machen.‘ ‚Sag’ solche Sachen nicht‘, wehrte sie heftig errötend ab. Sie fand einen Knoten in der Wolle, und als sie sich niederbeugte, um ihn zu entwirren, sah er einen Augenblick ihren Busen. ‚Schön‘, sagte er, ‚ich werd’s nicht sagen. Aber machen möchte ich’s doch.‘ ‚Und dich dann einsperren lassen‘, sagte sie. ‚Sei still damit.‘ ‚Pah‘, sagte er. ‚Alle Rumäninnen sehen jüdisch aus, und keiner würde was merken.‘ ‚Du kennst die Leute schlecht.‘ Sie hatte recht. Natürlich kannte er die Leute, und natürlich würden sie es merken, daß sie eine Jüdin war. ‚Ich habe es bald satt, das alles mitzumachen‘, sagte er. Es erschien ihm plötzlich eine Kleinigkeit, zu desertieren. ‚Aber du willst gar nicht‘, fuhr er in jäh aufsteigendem Zorn fort. ‚Wegen deiner Mutter.‘ Nicht ihre Unerfahrenheit macht ihr den Entschluß so schwierig, dachte er […]. Jüdinnen konnten die besten und angenehmsten Frauen sein, aber irgendwie mußte man sie immer mit ihren Müttern teilen. (SM 134)

Er ist es also, der eingesperrt würde, wenn die beiden sich zusammen sehen lassen würden. Wie bereits die antijüdischen Stereotype wird auch diese Aussage, dass er sich in die größere Gefahr begebe, in ihre Figurenrede verlegt. Fotinja scheint dagegen in keinerlei Gefahr zu sein, weder er noch sie befürchten Konsequenzen für sie. Und wie die Einbettung dieser Szene zeigt, dient der ganze Aufwand, mit dem sie als stereotypische ‚schöne Jüdin‘ mit einem auffällig jüdischen Gesicht und einer ebenso typischen jüdischen Mutter konstruiert wird, nur dazu, sein Dilemma zu verdeutlichen: Würde sie nicht so typisch aussehen, könnte er mit ihr in die Stadt fahren; wäre die jüdische Mutter nicht zwischen ihnen, hätte er längst mit ihr geschlafen, wäre sie nicht so verwirrend und gefährlich anziehend, wäre das alles kein Problem und er würde nicht an Desertion denken.

Schlüsse

In „Die Mandel reift in Broschers Garten“ wird die Geschichte eines Deutschen erzählt, der sich in eine Jüdin verliebt und deswegen seine Kompanie verlässt – eine Handlung, die eigentlich 1949 und auch in der Gruppe 47 kaum erzählbar ist.777 Erzählbar scheint sie hier, so könnte man aus den dichotomen Zuschreibungen von Identitäten und Alteritäten im Text folgern, dadurch, dass die gesamte Empathie und das gesamte Unrechtsbewusstsein ‚dem Deutschen‘ zugeschrieben wird, während alle ‚Anderen‘, die Juden und die Russen, mittels antisemitischer und rassistischer Stereotype abgewertet werden. Zuletzt erscheint der Protagonist gerade durch seinen Kontakt zur jüdischen Familie und vor der Folie dieser ‚Fremden‘ als moralisch herausragender einwandfreier Mann – der je nach Lesart mutig desertiert, um der Liebe zu folgen, oder sich verwirrt von der sexuellen Ausstrahlung einer schönen Jüdin in sein eigenes Elend stürzt, wobei letztere Lesart durch die deutliche Betonung der Gefahr, in der er sich befindet, näher liegt.

An dieser einseitigen Betonung des deutschen Leids und weiterer dichotomer Konstruktionen im Subtext dürfte es liegen, dass der Text bei einer ersten Sichtung hinsichtlich der Konstruktion von Oppositionen als besonders typisch erschien, obwohl die Vielzahl der darin vorkommenden jüdischen Figuren eine Seltenheit ist. Sie erscheinen hier quasi als Gewährsleute, um die Dichotomisierung moralischer Zuschreibungen im Text ‚von außen‘ zu bestätigen: Alle antisemitischen und antirussischen Vorurteile – so die antisemitischen Zuschreibung, man erkenne Fotinja auf den ersten Blick als Jüdin, und der Gedanken, ‚der Russe‘ werde es schlimmer „treiben“ als die SS – sind in die Rede der jüdischen Figuren verlegt worden, und die jüdischen Figuren sind es auch, die den Opferstatus des Protagonisten verdeutlichen, wenn sie sich um ihn mehr Sorgen machen als um sich selbst. Sie scheinen für die Implikation zu stehen: ‚Sogar sie sagen, dass wir uns nichts haben zuschulden kommen lassen und dass wir die wahren Opfer in diesem Krieg waren‘. Die moralischen Gruppen erscheinen dadurch voneinander abgegrenzt, ‚unser‘ moralischer Wert definiert sich im Vergleich zu den ‚Anderen‘: den Russen, die anders als ‚wir‘ böse sind, und den Juden, die viel weniger als ‚wir‘ Opfer sind. Dass antisemitische Zuschreibungen die Folie für diese Konstruktion bieten, zeugt auch noch darüber hinaus von einem Desinteresse an der ‚anderen Seite‘ und von einer doppelten Missachtung der jüdischen Opfer.

2.2 Stand der Forschung: Opfernarrative und -kollektive, Opferkonkurrenz und Empathieverweigerung

Wie Bergmann in einer Studie zum „Schuldabwehr-Antisemitismus in Deutschland“ (2007) zeigt, entspricht Schneiders Erzählung mit seiner an Holocaust-Leugnung grenzenden Umformung dem vorherrschenden Nachkriegsdiskurs: Noch 1954 hielten insgesamt 63 % der Teilnehmer/-innen in einer Befragung die Zahl von 5 Millionen ermordeten Juden für „stark“ oder „etwas übertrieben“778 – ein erstaunliches Resultat, wenn man bedenkt, dass die Fakten der deutschen Bevölkerung im Zuge der Reeducation eindringlich präsentiert worden waren und dementsprechend bekannt sein mussten. In Schneiders Erzählung wird diese Implikation nun von einer zweiten ergänzt, die sich mit Bergmann als weitere Form der Schuldabwehr-Antisemitismus fassen lässt, nämlich von der Konstitution eines genuin deutschen Opferkollektivs:779 Die jüdischen Figuren gehen selbstverständlich davon aus, dass der deutsche Protagonist in großer Gefahr ist, was eine generelle große Gefahr für deutsche Soldaten in Kernrumänien impliziert. Da in „Die Mandel reift in Broschers Garten“ diese beiden Implikationen nebeneinander gestellt sind, kann dieser Aspekt der Erzählung besonders mithilfe von Theorien erfasst werden, die eine Unterscheidung und Aufrechnung bzw. Konkurrenz zwischen Opfern vonseiten der Tätergruppe des Nationalsozialismus und Opfern der NS-Verfolgung thematisieren. Diese theoretischen Hintergründe sollen im Folgenden kurz ausgeführt werden.

2.2.1 Deutsche Opfernarrative

Wie Norman Ächtler in seiner Dissertation Generation in Kesseln. Das Soldatische Opfernarrativ im westdeutschen Kriegsroman 1945–1960 (2013) aufzeigt, spielen Opfergeschichten deutscher Soldaten wie die gerade vorgestellte Erzählung Schneiders in der Literatur der Nachkriegszeit eine zentrale Rolle. Ächtler betont, dass es zunächst viele psychologisch und historisch nachvollziehbare Gründe für diese Hegemonie von Opferberichten vonseiten der Tätergesellschaft gebe.780 Gerade in sehr autobiografisch geprägten Texten erscheint es auf den ersten Blick tatsächlich wenig sinnvoll, einzelne deutsche Opfererzählungen als solche kritisch zu beleuchten; handelt es sich doch um tragische Erlebnisse einzelner, oft traumatisierter Personen, die keine ‚Schuld‘ an der Übermacht eines Diskurses zeigen.

Dennoch zeigt die schiere Übermacht deutscher Opfererzählungen in der Nachkriegsliteratur angesichts des gut dokumentierten Wissens um den Holocaust von der frühesten Nachkriegszeit an deutlich, dass die heute als „Zivilisationsbruch“ erinnerten Taten zunächst kaum Wellen der Empörung oder Trauer hervorgerufen haben.781 Und Texte, die sich exklusiv mit der ‚eigenen‘ Opfererfahrungen beschäftigen, werden dadurch oft zugleich Teil diskriminierender Diskurse wie Opferkonkurrenzen und Empathieverweigerung, wenn sie die ‚eigene‘ Opfererfahrung nicht einfach abbilden, sondern wie gerade bei Schneider gesehen deutend einordnen und dadurch oft auch explizit oder implizit mit ‚anderen‘ Erfahrungen vergleichen.

Auch dieses Phänomen ist im öffentlichen und literarischen Diskurs der deutschen Nachkriegszeit verbreitet, wie bereits in zahlreichen Studien und Sammelbänden, zunächst insbesondere aus dem angelsächsischen Sprachraum, herausgearbeitet wurde. So in Helmut Schmitz’ Band A Nation of Victims? Representations of German Wartime Suffering (2007), der wohl noch im Eindruck der Debatten Anfang 90er Jahre Studien zu Sebald, Wolf und Weyrauch, aber auch zu Werken der 2000er wie Uwe Timms Am Beispiel meines Bruders (2003) oder Bernd Eichingers und Oliver Hirschbiegels Film Der Untergang (2004) versammelt. Nur kurze Zeit später ist ein weiterer Band mit einem ähnlichen Schwerpunkt unter dem Titel Germans as Victims in the Literary Fiction of the Berlin Republic (2009) erschienen, in dem mit Grass und Böll ebenfalls zwei zentrale Autoren der Gruppe 47 zur Sprache kommen und zudem ein Aufsatz der folgenden Frage gewidmet ist: „Expulsion Novels of the 1950s. More than Meets the Eye?“782

Dennoch ist gerade im öffentlichen deutschsprachigen Raum die Wahrnehmung, die deutschen Opfer des Zweiten Weltkriegs seien ein diskursives Tabu, nach wie vor breit vertreten. Das wird beispielsweise im kulturwissenschaftlichen Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“783 deutlich, das aktuellen deutschen Opfernarrativen und ihrer Rezeption mehrere kritische Einträge widmet:784 Unter anderem in Günter Grass’ Im Krebsgang,785 der rechtsextrem durchzogenen Erinnerungsveranstaltung „Dresden 1945“786 und den Spiegel-Serien über den Nationalsozialismus der frühen 2000er Jahre, zu deren Beginn die Verantwortlichen verkündeten, „es sei nun möglich, den ‚Blick auf die Deutschen auch als Opfer‘ freizugeben“,787 zeigt sich eine diesbezügliche Verschiebung der öffentlichen Wahrnehmung. Im Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ ist nun auch der Eintrag zur Gruppe 47 bereits unter dem Überthema „Widerstreitende Opfererfahrungen in Literatur und Film“ verzeichnet.788 Es handelt sich also bei den Überlegungen im vorliegenden Kapitel, wie bereits einleitend erwähnt, nicht um einen grundsätzlich neuen Aspekt in der Forschung zur Gruppe 47; dennoch wird das Thema nach wie vor kontrovers betrachtet und es steht noch aus, die bestehenden Forschungsgrundlagen im Kontext von Kontinuitäten in der Gruppe 47 einzuordnen; insbesondere in Bezug auf die literarischen Texte.

2.2.2 Beschweigen jüdischer Erinnerung

Die systematische literaturwissenschaftliche Aufarbeitung eines Missverhältnisses zwischen der Erinnerung der Täter und der Erinnerung der Opfer des Nationalsozialismus setzte mit der Beobachtung des Verschweigens des Holocaust ein, wie es insbesondere von Hans Ulrich Gumbrecht abgehandelt wurde. Gumberecht bezeichnet das Jahrzehnt nach 1945 mit Havenkamp als „Latenzzeit“789 und spricht von „[b]linde[n] Passagiere[n] in den Geisteswissenschaften“.790 Das ‚beschwiegene‘ Wissen um die Geschehnisse im Nationalsozialismus wird hier durch die Referenz auf den Latenzbegriff in spürbarer Nähe, aber knapp „nicht im Bereich der aktuellen Wahrnehmung“791 verortet. Präsent sei Latentes nur in Form von „Stimmungen als Ahnung“.792

Diese grundsätzliche Beobachtung eines Beschweigens des Holocaust hat insbesondere der Antisemitismusforschung wichtige Impulse gegeben,793 die auch in die Literaturwissenschaft ausstrahlten, gerade im Zusammenhang mit der Gruppe 47: In seiner Studie Die andere Erinnerung. Jüdische Autoren in der westdeutschen Nachkriegsliteratur (2001) hat Stephan Braese die Schwierigkeiten jüdischer Autorinnen und Autoren herausgearbeitet, in der Nachkriegszeit der BRD überhaupt einen Raum für ihre Erinnerung zu bekommen. In seiner Dokumentation unter anderem auch der Aufnahme des Gruppe-47-Mitglieds Wolfgang Hildesheimer in der BRD werden manifeste Unterdrückungsmechanismen im Buchmarkt und im öffentlichen Diskurs deutlich.794 Jörg Döring hat anhand verschiedener Stufen von Günter Eichs Hörspiel-Zyklus Träume (erstmals 1951 gesendet) gezeigt, wie die darin aufscheinenden Erinnerungen an den Holocaust aufgrund empörter Rückmeldungen der frühen Hörerschaft im Verlauf der Zeit deutlich abgeschwächt wurden und allmählich ins Latente abglitten.795 Diese beiden Studien belegen mit umfangreichem historischem Material wie Verlagsbriefwechsel und Leser/-innenbriefen, dass die Erinnerung an die jüngste Vergangenheit und insbesondere die Opfer aus den im Nationalsozialismus verfolgten Gruppen oft sehr gezielt unterdrückt wurde. Und Sascha Feuchert geht in einem Aufsatz über Anderschs Roman Efraim (1967) darauf ein, dass die dem jüdischen Protagonisten in den Mund gelegte generelle Kritik an Holocaust-Deutungen in dieser Zeit vor allem jüdische Lagerliteratur getroffen habe – die in den ersten Nachkriegsjahren zahlreich erschienen, aber, wie er mit Herf formuliert, auf „taube Ohren und harte Herzen“ gestoßen sei.796

Andere Stimmen hinterfragen solche kritischen Töne. So betont Ächtler in seiner Monografie über das Soldatische Opfernarrativ mit Moeller, dass es bei Debatten um Opferausgleiche primär um „Identitätspolitik“ gegangen sei797 – dabei geht er allerdings nicht weiter darauf ein, dass dadurch ganz beiläufig deutsche Identität auch nach 1945 ohne Juden definiert wird. Der Literaturwissenschaftler Helmut Peitsch postuliert in einem jüngeren Aufsatz, es sei seiner Ansicht nach wiederum essentialistisch, das deutsche gegen das jüdische Leid auszuspielen. Eine Überbetonung des ‚eigenen‘ Leids als Antisemitismus zu klassifizieren und zu kritisieren, sei anachronistisch und zu wenig differenziert;798 die Zeitgenossen seien sich gewisser Kontinuitäten durchaus bewusst gewesen, aber der Diskurs sei damals einfach so gelagert gewesen, dass das ‚eigene‘ Leid die Wahrnehmung habe dominieren müssen.799

In diesem Sinne sollen auch die hier festgehaltenen Beobachtungen selbstverständlich nicht vor dem Hintergrund zu verstehen sein, dass individuelle Opfergeschichten an sich als problematisch bewertet oder gar gegen andere Opfererfahrungen ausgespielt werden. Es besteht wenig Zweifel darüber, dass hinsichtlich der Traumatisierungen im Zweiten Weltkrieg realistische Berichte über Leiden in der Wehrmacht oder im Bombenkrieg oft als einzige Möglichkeit überhaupt erschienen, das Erlebte ansatzweise aufzuarbeiten. Die heutige Distanz ermöglicht es aber auch, deskriptiv aufzuarbeiten, welchen Einfluss die Diskursmechanismen der Nachkriegsjahrzehnte hatten, welche Stimmen dadurch ungehört blieben und welche Diskriminierungen daraus resultierten. Auch diese Sichtweise kann sich, wie bereits einleitend festgehalten, auf eine breite Forschungsgrundlage insbesondere aus der Antisemitismusforschung stützen. Diese zeigt, dass ein kritischer Blick auf Opfertexte der Nachkriegszeit nötig ist und möglich sein sollte, ohne dass dadurch eine anachronistische ‚Verurteilung‘ der Opfererzählungen von heute aus gesehen erfolgt.

2.2.3 Deutsche Opferkollektive, Täter-Opfer-Dichotomien, Empathieverbot und Missachtung

Eine richtungsweisende Studie von Moeller über „Deutsche Opfer, Opfer der Deutschen“ (2001) zu ganz konkreten Konsequenzen der Überhöhung der ‚Eigenen‘ und Relativierung der ‚anderen‘ Opfer wurde bereits eingangs dieser Studie zitiert:800 Moeller zeigt anhand der Debatten um Opferausgleiche im Jahr 1949, wie dezidiert die deutschen, ‚arischen‘ Opfergruppen bevorzugt wurden und wie eng die Diskussionen in diesem Zusammenhang mit einer Fortsetzung der diskriminierenden Aversionen aus dem Nationalsozialismus verbunden waren.801 Unter Schlagworten von Täter-Opfer-Dichotomie (Holz), Täter-Opfer-Paradigma (Weigel), von Formen der Aufrechnung und deutschen Opferkollektiven (Bergmann), von Empathieverbot (Frei) und Missachtung (Briegleb) wurde das Beschweigen und Konkurrieren insbesondere jüdischer Opfer bereits mehrfach kritisiert und als neue Ausprägung des Antisemitismus nach 1945 beschrieben.

Die vorliegende Arbeit schließt am engsten an Klaus Holz’ Überlegungen zu Antisemitismus und nationaler Identität an,802 deswegen soll seine Darstellung etwas genauer zitiert werden:

[D]ie Täter-Opfer-Dichotomie [rückt] im Antisemitismus nach Auschwitz in einer spezifischen Variante in den Mittelpunkt. Nach der Judenvernichtung muss den Juden, um sie erneut anklagen zu können, ihr Status als Opfer des nationalsozialistischen Verbrechens auf die eine oder andere Weise abgesprochen werden. Indem man das Verhältnis von Täter und Opfer nach Auschwitz umkehrt, werden die Antisemiten im Allgemeinen und die Nation der Täter im Besonderen von Auschwitz entlastet. Was auch immer in jenen ‚dunklen zwölf Jahren‘ geschehen sein mag, heute beschuldigen uns die Juden zu unrecht.803

Holz weist darauf hin, dass eine Dichotomie von Tätern und Opfern für den Antisemitismus vor 1945 zentral ist, in dem den Juden auf verschiedenen Ebenen die Schuld am Zerfall einer imaginierten traditionellen germanischen Volksgemeinschaft zugeschrieben wurde.804 Daraus gehe hervor, dass den Juden nach 1945 ihr Opferstatus angesprochen werden musste, um sie innerhalb derselben Logik einer Opfer-Täter-Dichotomie noch anklagen zu können, worin eine Verbindung von Empathieverweigerung und Antisemitismus zu sehen sei.805 Eine ähnliche Überlegung formuliert auch Weigel in ihrer Studie Bilder des kulturellen Gedächtnisses (1994), wenn sie von einem „Opfer-Täter-Schema“806 bzw. -„Paradigma“807 schreibt und problematisiert, dass in diesem Rahmen Schuldige und Unschuldige des Nationalsozialismus lange grundsätzlich polarisiert worden seien.808

Der Zeithistoriker Norbert Frei geht in seiner Zusammenstellung der deutschen Erinnerungskultur 1945 und wir (2005) ebenfalls auf diese Polarisierung bzw. Dichotomisierung ein; er spricht von einem „Transfer[] von Empathie“809 und später von einem „Empathieverbot“,810 was den Aspekt der Kontinuität gerade aus der Perspektive der vorliegenden Arbeit noch stärker hervorhebt: Wie eingangs beschrieben, wurde in der NS-Propaganda Mitleid als überholte und rassengefährdende bürgerliche Moral gebrandmarkt und selbst als unmoralisch mit einer Art Verbot belegt. Die Studien des Antisemitismusforschers Bergmann verdeutlichen, dass es sich bei solchen Reflexionen keineswegs um anachronistische ‚Verurteilungen‘ handelt: Er knüpft nämlich an verschiedene zeitgenössische Beobachtungen, meist vonseiten der Opfergruppen des Nationalsozialismus, an.

So hat der US-Amerikaner Moses Moskowitz bereits 1946 von einem „enigma of the German irresponsibility“811 gesprochen und dieses als neue Form des Antisemitismus beschrieben.812 Hannah Arendt beschreibt bereits im Jahr 1950 ihre Erfahrung so pointiert, dass sie etwas ausführlicher zitiert werden soll:

Das einfachste Experiment besteht darin, expressis verbis festzustellen […], daß man Jude sei. Hierauf folgt in der Regel eine kurze Verlegenheitspause; und danach kommt – keine persönliche Frage […] kein Anzeichen von Mitleid, etwa dergestalt: ‚Was geschah mit Ihrer Familie?‘ – sondern es folgt eine Flut von Geschichten, wie die Deutschen gelitten hätten (was sicher stimmt, aber nicht hierhergehört); und wenn die Versuchsperson dieses kleinen Experiments zufällig gebildet und intelligent ist, dann geht sie dazu über, die Leiden der Deutschen gegen die Leiden der anderen aufzurechnen, womit sie stillschweigend zu verstehen gibt, daß die Leidensbilanz ausgeglichen sei und daß man nun zu einem ergiebigeren Thema überwechseln könne.813

Und die Frankfurter Schule um Horkheimer / Adorno führte dieses – von ihnen zu diesem Zeitpunkt auch bereits empirisch untersuchte –814 Phänomen im Jahr 1952 auf „Schuld und Abwehr“815 zurück und konnten darin in zahlreichen Aspekten eine Fortsetzung von Antisemitismus beschreiben.816 Wie Bergmann ausführt, meinten sie mit diesem Schuldabwehr-Antisemitismus das Phänomen, „dass Juden als ein Kollektiv gesehen werden, das durch seine bloße Existenz die Erinnerung an Verbrechen wach hält“.817

Davon ausgehend beschreibt Bergmann den Zusammenhang zwischen Zuschreibungen von Schuld- und Opferstatus, Abwertung jüdischer Opfer und allgemeinem Antisemitismus als eine Wechselwirkung der folgenden Aspekte, die im Verlauf der Zeit unterschiedlich gewichtet gewesen seien:

1) die Leugnung des Holocaust bzw. die Abmilderung der unbequemen Vergangenheit, oft verbunden mit einer Abspaltung der Verantwortung; 2) Formen der Aufrechnung: a) Mitschuld der Juden; b) Schaffung eines großen Opferkollektivs durch Verweis auf die Leiden der Deutschen; c) indirekte Aufrechnung durch die Konstruktion der Juden als ‚Tätervolk‘; 3) Thematisierungsverweigerung: a) Schlussstrich unter die Vergangenheit, b) Negierung der Existenz von Antisemitismus; 4) Moralische Diskreditierung der Ansprüche der Opfer.818

Sowohl die Behauptung einer Mitschuld der jüdischen Opfer als auch die Konstitution eines „großen Opferkollektivs“ sieht Bergmann als „Formen der Aufrechnung“;819 die für den öffentlichen Diskurs auch empirisch gut belegt sind.820

Diese Forschungsperspektiven – Betonung der eigenen Schuld als unvermeidbare Identitätskonstruktion vs. antisemitischer Impuls – stecken die beiden Pole ab, innerhalb derer sich die Literaturwissenschaft heute in Bezug auf deutsche NS-Opfererzählungen meistens positioniert. Angesichts der umfangreichen Forschungsliteratur zu beiden Aspekten ist davon auszugehen, dass sich Kontinuität und Bruch hier nicht grundsätzlich ausschließen, sondern vielmehr bedingen. Bei einzelnen Opfertexten handelt es sich um Zeugnisse traumatisierender Erlebnisse und um die einzige Möglichkeit, dem Erlebten gerecht zu werden. Diese unverzichtbaren Erinnerungsdokumente zeugen aber zugleich von Kontinuitäten gewisser Polarisierungen und Empathieverweigerung und beteiligen sich dadurch an diskminierenden Diskursen.

Wie relevant das Thema nun auch in Bezug auf die Gruppe 47 ist, wird schon darin ersichtlich, dass Bergmann als frühes Beispiel für die Konstitution eines deutschen Opferkollektivs gerade einen Ruf-Artikel Alfred Anderschs zitiert. Darin postuliert dieser: „Selbst die allerunwilligsten und strengsten Beobachter der deutschen Entwicklung im In- und Ausland kommen nicht um die Feststellung herum, dass das deutsche Schuldkonto sich allmählich zu schließen beginnt“; was er mit der „Fülle der Leiden“ begründet, die, „scheinbar als natürliche Folge einer so totalen Schuld, über Deutschland hereinbrechen.“821 Diese Stelle wurde auch von Braese hervorgehoben, der diesen Aspekt des Umgangs mit deutscher Schuld im Ruf kritisch vertieft hat.822 Weigel geht in ihren Reflexionen zum Täter-Opfer-Paradigma wie gesehen ebenfalls auf Andersch ein; seinen Roman Die Rote (1960) liest sie als exemplarisches Beispiel für eine Übertragung des Täter-Opfer-Paradigmas auf Gender-Aspekte.823

Solche Beispiele und auch die bis hier vorgenommenen ‚Musterlektüren‘ zeigen, dass Identitätskonstruktion und Abwertung eng zusammenspielen, und dass zur Aufrechterhaltung solcher Erinnerungsstrukturen die Empathie, gerade im Sinne moralischer Empörung über das Leid, das den ‚Anderen‘ vonseiten der als Opferkollektiv konstruierten ‚Eigenen‘ angetan wurde, notwendig gering bleiben muss.

2.3 Opferfiguren und -konstellationen in der Literatur der Gruppe 47

Inwiefern die beiden bis hier vorgenommenen ‚Musterlektüren‘ der Almanach-Texte von Ferber und Schneider in diesen theoretischen Rahmen passen, ist schnell rekapituliert.824 Ferbers „Mimosen im Juli“ (gelesen 1960), erzählt die traurige Geschichte eines jungen Mannes und seiner Mutter, die den Erinnerungen des Vaters an seinem Einsatzort in Frankreich im Zweiten Weltkrieg nachgehen, wobei negative Erinnerungen an ihn an seinem alten Einsatzort als Last für den Sohn beschrieben werden. Da die Erzählung deutlich auf eine reale Begebenheit anspielt, betont sie nicht nur einseitig das Leid des deutschen Kollektivs, sondern relativiert im Hintergrund die Schuld, mit der die Verwandten ringen: Das ‚reale Vorbild‘ des in der Erzählung evozierten Offiziers und Vaters ist ein ‚fanatischer‘ Nationalsozialist, der die ‚Mimoseninsel‘ bis auf den letzten Mann und wider jede Vernunft verteidigt hatte. In der im vorliegenden Kapitel untersuchten Erzählung von Schneider wird die Aufrechnung der Opfer noch deutlicher, hier werden die rumänischen Opfer regelrecht geleugnet und eine Täter-Opfer-Umkehr angedeutet: Es ist als sein Untergang markiert, als er sich schließlich auf eine Affäre mit der schönen Jüdin einlässt, deren Reizen er erliegt.

In beiden Erzählungen scheinen die historischen Verzerrungen mit einer dichotomen Wahrnehmung von Opfern und Tätern zusammenzuhängen. Die Opfererfahrungen der beiden Protagonisten und Angehörigen der Tätergruppe sollen, so scheint es, nicht durch moralische Vergehen ihrer ‚Wir-Gruppe‘ in Zweifel gezogen werden, sondern möglichst ‚unbelastet‘ bleiben. Das ist in der Täter-Opfer-Logik, wie sie Weigel und Bergmann beschrieben haben,825 und genauso auch im Sinne einer Partikularisierung von moralischen Gefühlen,826 nur möglich, wenn ihre ganze ‚Wir-Gruppe‘ auf der Opferseite der Dichotomie verortet wird. Und dies geht in derselben Logik notwendigerweise damit einher, dass ihr Täterstatus relativiert bzw. abgesprochen wird. In dieser dichotomen Wahrnehmung werden die Opfererfahrungen der ‚Anderen‘ so doppelt relativiert: Erstens, weil eine Dichotomisierung des Anspruchs auf Mitleid Empathie gegenüber den ‚Anderen‘ verbietet, um nicht den eigenen Anspruch zu verlieren. Zweitens, weil die Angehörigen der ‚Wir‘- und Tätergruppe nicht mit ‚deren‘ Opferstatus – den ein Teil der ‚Wir‘-Gruppe verschuldet hat – belastet werden soll – da auch dies im Sinne der Dichotomie die Legitimation der ‚eigenen‘ Opfererfahrung schmälern würde.

Ausgehend von diesen ersten Beobachtungen über Opferkonkurrenzen in besonders repräsentativen Almanach-Texten und deren theoretischer Kontextualisierung wird im Folgenden der Frage nachgegangen, wie sich diese Phänomene von Opferkollektiven, Opferkonkurrenzen und Empathieverweigerung in weiteren Texten der Gruppe 47 äußern.

2.3.1 Kollektive: Deutsche und jüdische Opfer in den Almanach- und Preistexten

Dazu sollen zunächst die Almanach- und Preistexte nach deutschen und jüdischen Opferfiguren und -Erzählungen betrachtet werden, wobei danach gefragt wird, wie sie sich rein mengenmäßig zueinander verhalten. Fritz J. Raddatz hat in seiner Einleitung zum Almanach geschrieben:

In dem ganzen Band kommen die Worte Hitler, KZ, Atombombe, SS, Nazi, Sibirien nicht vor – kommen die Themen nicht vor. Enzensberger und Cramer sind die einzigen Ausnahmen – bei Weyrauch gibt es ‚Lager‘ –, will man von Nowakowski absehen, der nicht zur deutschen Literatur im engeren Sinne zählt, sondern dessen Bücher jetzt in Deutschland erscheinen.827

Wie Briegleb bereits kritisch bemerkt hat,828 ist diese Aussage insofern auch selbst problematisch, als sie Celan ausschließt, der seine Gedichte als „Grabmal“ für die ermordeten Juden und für seine Eltern bezeichnet.829 Der kritische Gestus von Raddatz zeigt auf den zweiten Blick vor allem, dass Raddatz wohl gar nicht vorrangig an die jüdischen NS-Opfer denkt, wenn er von KZ, SS oder Nazis schreibt. In v. Cramers Text, den er wie zitiert als einen von zwei positiven Beispielen erwähnt, kommen weder Juden noch der Holocaust oder Antisemitismus vor, obwohl er einen glühenden ‚Nazi‘ zum Thema hat;830 und einige weitere Almanach-Texte, in denen jüdische Opferfiguren relativ deutlich anklingen, wie nun genauer gezeigt werden soll, werden in seiner Auflistung nicht erwähnt.

Die Lektüren, die in der vorliegenden Studie für den tabellarischen Überblick vorgenommen wurden,831 haben ergeben, dass jüdische Opferfiguren in sieben der Almanach-und Preistexte mindestens assoziativ anklingen;832 und eindeutige jüdische Opferfiguren in vier Almanach-Texten vorkommen, von denen Raddatz zwei nicht erwähnt: In Paul Celans Gedicht „In Ägypten“ (gelesen 1952)833 sowie in den Erzählungen von Tadeuz Nowakowksi („Polonaise Allerheiligen“, gelesen 1959), Wolfgang Weyrauch („Mit dem Kopf durch die Wand“, gelesen 1958)834 und Siegfried Lenz („Gelegenheit zum Verzicht“, gelesen 1960). Dazu kommt im Korpus der vorliegenden Studie noch ein weiterer Text, der eine jüdische Opferfigur explizit benennt: In dem 1962 nach Erscheinen des Almanach preisgekrönten Gedicht „Der lettische Herbst“ von Johannes Bobrowski.835 Hier kommt, allerdings poetisch fragwürdig überhöht, ein jüdisches Kind als Opfer vor, wenn er „das Haar / des Judenkindes“ in einer Reihe von Assoziationen mit brennenden Dingen erwähnt.836

Raddatz’ Auflistung könnte zudem (zumal er „Schaum“ von Enzensberger nennt, da dieser explizit von Auschwitz spricht)837 auch um Eichs Gedicht „D-Zug München-Frankfurt“ ergänzt werden,838 in dem das lyrische Ich im Zug an den Ortschaften Ansbach und Gunzenhausen vorbeifährt. In Ansbach war ein KZ-Außenlager, und Gunzenhausen war eine der ersten NSDAP-Hochburgen, wo es bereits 1934 zu einem international stark wahrgenommenen Pogrom kam. In Eichs Gedicht kommen zudem Wörter wie „verbrannt“ und „Schmerz“ vor und es ist von „Besitztümer[n]“, die in Bahnhöfen ausgebreitet sind, die Rede, was diese Assoziation noch stützt.839 Mit Blick auf literarischen Antisemitismus ist schließlich hinsichtlich jüdischer Figuren noch ein weiterer Aspekt erwähnenswert: Es gibt unter den Almanach- und Preistexten auch einige Texte, die zwar keine jüdischen Figuren enthalten, aber ihre negativen Figuren mit Attributen ausgestattet haben, die man auch aus dem Repertoire antisemitischer Stereotype kennt – lebensuntauglicher Intellektualismus, Hinken, Hakennase oder die Assoziation mit Ratten.840

Im vorliegenden Kapitel ist nun zunächst bereits der einfache Vergleich aufschlussreich: In welchem Verhältnis stehen diese jüdischen Opferfiguren und Opfererzählungen zu den Opferfiguren und -erzählungen aufseiten der Tätergruppe? Es ist angesichts des beschriebenen hegemonialen Diskurses wenig überraschend, dass in der Literatur der Gruppe 47 die deutschen Opfergeschichten in großer Mehrheit sind, wie ein Blick auf die Tabelle verdeutlicht. Allerdings stellen sich einige Varianten der Gegenüberstellung als weniger eindeutig heraus, als das zu vermuten gewesen wäre; insbesondere in der Gegenüberstellung derjenigen Opfer, die explizit der Täter- oder der jüdischen Opfergruppen angehören.

Um diese auszuwerten, wurden zunächst alle Texte identifiziert, in denen die intern fokalisierten Figuren als Opfer erscheinen, wobei in 11 Texten diese Opferfiguren auch relativ explizit aus Deutschland stammen.841 Diese müssen noch um diejenigen weiteren Texte mit expliziten deutschen Opferfiguren ergänzt werden, in denen nicht (nur) die intern fokalisierte Figur, sondern (auch) andere explizit deutsche Opfer vorkommen; das sind noch 13 weitere Texte,842 sodass insgesamt 24 der Almanach- und Preistexte identifiziert wurden, die relativ explizite deutsche Opferfiguren enthalten. Diesen stehen wie soeben dargelegt fünf Texte mit expliziten jüdischen Opferfiguren gegenüber; wenn man als Gesamtmenge alle 71 Almanach- und Preistexte nimmt, in denen irgendeine Art von Opferfiguren vorkommt, ergibt sich daraus folgendes Bild der Verhältnisse:

In dieser Grafik (Abb. 2) wird deutlich, dass jüdische Opfer nur einen sehr kleinen Anteil an den gesamten erzählten Opferfiguren haben – aber auch, dass in vielen Erzählungen, die Opferfiguren enthalten, diese offenbar weder explizit deutsch noch explizit jüdisch sind. Das liegt nun, wie sich bei genauerer Differenzierung zeigt, keineswegs daran, dass andere Opfergruppen des Nationalsozialismus vorkommen: Die wenigen jüdischen Figuren sind vielmehr die einzige vertretene Opfergruppe überhaupt; es gibt in allen Almanach- und Preistexten der Gruppe 47 trotz der großen Anzahl an Opfergeschichten, die im Nationalsozialismus spielen, keine Sinti und Roma, keine homosexuellen, psychisch kranken, geistig behinderten, dunkelhäutigen oder sonstige vom Nationalsozialismus verfolgten Minderheiten.

Abb. 2
Abb. 2Opferfiguren in allen Almanach- und Preistexten

Vielmehr sind die übrigen rund 60 % der Opfertexte, die keiner der beiden Gruppen zuzuordnen sind, dadurch zu erklären, dass viele Opfererzählungen entweder gar nicht im Krieg oder Nachkrieg spielen oder die Herkunft der Figuren oft nicht ganz explizit, sondern nur andeutungsweise benannt ist. Wenn man als Gesamtmenge nur noch diejenigen Almanach- und Preistexte nimmt, in denen irgendeine Art von Opferfiguren vorkommt und die implizit oder explizit im Nationalsozialismus oder in der Nachkriegszeit spielen – was noch 36 Texte übrig lässt, die Gesamtmenge also ungefähr halbiert843 –, und wenn dazu die impliziten Zugehörigkeiten auch miteinberechnet werden, dann fällt das Ergebnis anders aus: es kommen fünf Texte dazu, in denen die deutsche Herkunft einiger Opferfiguren deutlich impliziert wird,844 das heißt insgesamt 29, dazu die beiden oben erwähnten Texte, in denen jüdische Opfer anklingen, das heißt insgesamt sieben. Wie in Abb. 3 deutlich wird, machen die Texte mit jüdischen Opferfiguren also einen unverhältnismäßig kleinen, doch zumindest nennenswerten Anteil an der Gesamtmenge aller hinsichtlich des Gedenkens an den Nationalsozialismus relevanten Opfertexte aus.

Abb. 3
Abb. 3Texte mit Opferfiguren in den Almanach- und Preistexten, die im Krieg oder Nachkrieg spielen

Aufgrund dieser ersten Auswertung lässt sich festhalten, dass immerhin rund 20 % der wichtigsten Gruppe-47-Texte, die im Nationalsozialismus oder in der Nachkriegszeit spielen, jüdische Angehörige der Opfergruppen des Nationalsozialismus thematisieren oder zumindest anklingen lassen. Im Vergleich mit der ersten Grafik wird zudem deutlich, dass die Unterscheidung zwischen jüdischen und deutschen Opferfiguren offenbar ganz vorrangig in denjenigen Texten von Bedeutung ist, die von der Kriegs- und Nachkriegszeit handeln.845

Das stützt auch die Annahme, dass Verzerrungen in den abgebildeten Verhältnissen von Opferfiguren hinsichtlich der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und damit auch hinsichtlich Empathieverweigerung interessant sind. Zwar müssen die vorliegend getroffenen Thesen leicht relativiert werden; angesichts der Nachkriegszeit als Latenzzeit846 zeugen die hier eruierten Verhältnisse von einem vergleichsweise hohen Anteil jüdischer Opferfiguren. Dennoch sind die Verhältnisse verglichen mit der Realität im Nationalsozialismus natürlich enorm verzerrt, und zudem spielt für eine genauere Beurteilung solcher Zahlen hinsichtlich Opferkonkurrenz und Empathieverweigerung wie bereits erwähnt auch der qualitative Aspekt eine wichtige Rolle. Auch wenn jüdische Opferfiguren erwähnt sind, kann ihr Leid so deutlich relativiert worden sein, dass es an Leugnung des Holocaust grenzt,847 und die deutschen Opfer können in einer Weise betont oder den jüdischen Opfern gegenübergestellt sein, die eine Missachtung der ‚anderen‘ Erfahrungen mit sich bringt. Ein Beispiel aus dem ‚innersten Kreis‘ der Gruppe 47, in dem dieser Zusammenhang sehr deutlich wird und durch außerliterarische Zeugnisse gestützt ist, soll abschließend vorgestellt werden.

2.3.2 Konkurrenzen: Heinrich Bölls Billard um halbzehn (1959) und Opferkonstellationen im ‚Wendejahr 1959‘

Heinrich Bölls Roman Billard um halbzehn848 (1959) gilt, wie hier bereits mehrfach angesprochen wurde, neben Grass’ Blechtrommel (1959) und Johnsons Mutmaßungen über Jakob (1959) als einer der Romane, der eine erste Wende der Erinnerung an den Holocaust in der BRD der Nachkriegszeit brachte und eine neue Phase der Nachkriegsliteratur einläutete.849 Zum Abschluss dieses Kapitels sollen die darin konfigurierten Opferfiguren genauer betrachtet werden: Bestehende Lektüren, die genauer vorgestellt werden sollen, lassen sich nämlich sehr deutlich in Zusammenhang mit Theorien zu Opferkonkurrenz und Empathieverweigerung stellen. Gerade weil Böll, wie weiter unten ebenfalls ausgeführt wird, hinsichtlich der Aufarbeitung des Nationalsozialismus noch als besonders mitfühlend gilt, gibt diese Beobachtung erneut Aufschluss über die Kraft des Diskurses, der jüdische Opfererfahrungen unterdrückt – und es liegt nahe, dass sich an diesem Versäumnis der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ auch im ‚Wendejahr 1959‘ noch kaum etwas veränderte.

Der Blick auf die drei wichtigsten Wenderomane zeigt bereits ohne großen Analyseaufwand, dass das zumindest für die Dominanz deutscher Opfer und auch Opferkonkurrenzen gilt: In der Blechtrommel ist „Meine arme Mutter“ die am häufigsten verwendete Phrase;850 das Wissen um Grass’ Waffen-SS-Vergangenheit konnte eine weitere Ebene freilegen, in deren Zentrum insbesondere Grass’ eigenes Leiden am Schuldgefühl steht.851 Und mit dem Juden Fajngold hat Grass zwar früh eine jüdische Figur geschaffen, die ihre Familie im Holocaust verloren hat, die Darstellung lässt aber, wie später noch aufgegriffen wird, Empathie vermissen in einer Weise, die nicht vollständig mit dem dezidiert unmoralischen Blick des Protagonisten erklärbar ist.852

Auf Grass’ jüdische Figuren wird weiter unten in dieser Studie noch einmal eingegangen;853 Johnson dagegen ist mit Jahrgang 1934 deutlich jünger als die hier als relevant klassifizierte Gruppe,854 weswegen Mutmaßungen über Jakob nicht genauer untersucht wird. Ein Blick darauf wäre aber gerade im Zusammenhang mit der Konstitution eines genuin deutschen Opferkollektivs interessant, wenn Johnson mit Jakob einen vor den Roten Armee geflohenen Angehörigen der Tätergesellschaft ins Zentrum des Romans stellt und sein Text eine relativ deutliche schuldabwehrende Argumentation enthält. Auch wenn es sich hier schon primär auf die DDR bezieht, wenn Kaiser rückblickend über die Jahrestage sagt, Johnson formuliere die „tröstliche Utopie“, dass „auch die rücksichtsloseste Diktatur nicht die Seelen ihrer Opfer zu beherrschen vermag“,855 wurde das doch zweifellos auch in Bezug auf den Nationalsozialismus verstanden. Dass auch die Erinnerung an den Nationalsozialismus in Johnsons Gesamtwerk zentral ist, wird im Almanach-Kapitel (Johnson [1960] 1961) aus dem Folgeroman Das dritte Buch über Achim (1961) sehr deutlich, in dem Achims Vergangenheit als überzeugter Nationalsozialist thematisiert wird und in der Figur des Vaters ein dezidiert guter Deutscher gezeichnet wird.

Bölls Billard um halbzehn ist von den drei Romanen am traditionellsten konstruiert und findet vielleicht auch deshalb, trotz Bölls Nobelpreises, in der Wissenschaft nicht mehr so viel Beachtung wie die beiden anderen ‚Wenderomane‘.856 Eine jüngst erschienene Studie ist in Zusammenhang mit der vorliegenden Fragestellung sehr relevant: Barbara Wiedemann (2015) konnte anhand von Archivmaterialien und Briefwechseln rekonstruieren, dass Böll den Roman auch als Antwort auf Celans Klage über Antisemitismus in der BRD konstruiert hat. Davon ausgehend soll hier der Frage nachgegangen werden, inwiefern der zugrunde liegende Mechanismus mit den in diesem Kapitel beschriebenen Zusammenhängen einer Dichotomisierung von Mitleid beschrieben werden kann. Dass eine solche Dichotomisierung eine Rolle spielt, liegt schon deswegen nahe, weil der Roman mit der Familie Fähmel ein genuin deutsches Opferkollektiv, wie es Bergmann benannt hat, konstruiert. Durch seine implizite Antwort an Celan rückt er dieses in eine Konkurrenz, wie Holz sie beschrieben hat, zu dessen Leiderfahrung – und wie im folgenden Kapitel ausgeführt wird, führte sein Roman wahrscheinlich zum Bruch mit Celan, der die mangelnde Empathie Bölls als Affront wahrnahm.

Heinrich Böll und der Nationalsozialismus

Heinrich Böll gilt bis heute hinsichtlich des Umgangs mit dem Nationalsozialismus als positive Ausnahme unter den Mitgliedern der Gruppe 47. So hat er, wie Janina Bach in ihrer Studie über Erinnerungsspuren an den Holocaust in der deutschen Nachkriegsliteratur (2007) zeigt, in seiner Erzählung „Todesursache: Hakennase“ (1947) außerordentlich früh und sehr vehement die Mitschuld der Wehrmacht an den NS-Verbrechen thematisiert.857 Wehdeking lobt Bölls Romane Wo warst du, Adam? (1951) und Haus ohne Hüter (1954) als frühen Beleg für Empathie mit den Opfern des Nationalsozialismus,858 und auch Briegleb bezeichnet Böll in ganz anderem Ton als im größten Teil seiner Polemik gegen die Gruppe 47 als den „angenehmste[n], weil absolut redlichste[n] Philosemit[en], den die westdeutsche Nachkriegsliteratur hervorgebracht hat […].“859 Eine Erinnerung Reich-Ranickis an Böll in seiner Anfangszeit in der BRD verdeutlicht, woher diese Zuschreibungen gekommen sein dürften:

Wir waren 1958 aus Polen nach Frankfurt gekommen. Wir hatten buchstäblich nichts. Von den ersten Honoraren für meine Rezensionen konnten wir uns gerade ein möbliertes Zimmer zur Untermiete leisten. Als Böll kurz darauf nach Frankfurt kam, besuchte er uns und brachte meiner Frau einen Strauß Blumen mit. Meine Frau hat das bis heute nicht vergessen. Da war ein Deutscher, der zwei unbekannte polnische Juden mit Blumen in seinem Land willkommen hieß. So etwas hatten wir mit keinem anderen erlebt. Nur mit Böll.860

Auch in anderen Bereichen des Außerliterarischen spielt Böll eine Sonderrolle: Anders als Walser, Lenz und Wellershoff oder auch Andersch und Grass wurde seine ideologische Verstrickung in den Nationalsozialismus kaum je zum Thema – sicher auch, weil er bekennender Katholik war.861 Anders als die meisten ‚dabei gewesenen‘ Gruppenmitglieder wird er heute denn auch eher im Zusammenhang mit der APO der 1970er Jahre als mit dem Nationalsozialismus erinnert; von der Gruppe 47 distanzierte er sich im Verlauf der 60er Jahre immer weiter.862 Sein Werk ist dennoch eng mit der Gruppe 47, deren Preis er 1951 erhielt, und mit dem Nationalsozialismus verbunden; noch in der Laudatio zu seinem Literaturnobelpreis wurden die drei Nachkriegs-Romane Und sagte kein einziges Wort (1953), Haus ohne Hüter (1954) und Das Brot der frühen Jahre (1955), die seinen Durchbruch bewirkt hätten, besonders hervorgehoben.863

Diese drei Romane handeln nun auch alle vom Leid deutscher Angehöriger der Tätergesellschaft in Krieg und Nachkriegszeit; und es wurde bei aller außerliterarischen Sympathie Bölls für die Opfer des Nationalsozialismus auch schon mehrfach kritisch konstatiert, dass der Holocaust in seinem Gesamtwerk kaum eine Rolle spielt. Michael Serrer formuliert kritisch, Böll stelle „die Differenz zwischen Krieg und KZ nicht als entscheidende dar“;864 und das „Zahngold, das in seinen Erzählungen Toten aus dem Mund gebrochen wird, stammt nicht von Juden, sondern von gefallenen Soldaten.“865 Auch der Wenderoman Billard um halbzehn wurde schon in dieser Hinsicht kritisch gelesen; insbesondere im Zusammenhang mit der Leitmetapher des Romans: Der Gegensatz zwischen Büffeln und Lämmern bzw. die Wendung vom „Sakrament des Büffels“ wurde von Christine Hummel als „Vermeidungsdiskurs“ beschrieben;866 wie Serrer postuliert, entwerfe Böll damit eine „ahistorische Dichotomie von Gut und Böse, von Lämmern und Büffeln […].“867 Dadurch bestehe in Bölls Fiktion „ein großer Teil der Deutschen aus Menschen mit der Wurmperspektive […], aus Menschen also, für die eine weitreichende Unschuldsvermutung gilt […].“868 Die Frage nach Bölls literarischem Umgang mit deutschen und jüdischen Opfern im Wendejahr 1959 stellt sich angesichts solcher Beobachtungen trotz seines respektvollen privaten Umgangs mit den Opfern des Nationalsozialismus und seiner Vorreiterrolle in der Aufarbeitung der Vergangenheit.

Deutsche und jüdische Opfer in Billard um halbzehn: Der Roman als Antwort an Paul Celan

Schon durch das Gerüst des Romans, der drei Generationen einer deutschen Familie, die der Tätergesellschaft angehört und durchaus in den Nationalsozialismus verstrickt war, ins Zentrum der Opfererzählung stellt, wird ein dezidiert deutsches Opferkollektiv evoziert. Und wie Barbara Wiedemann festhält, spielen dagegen die „Nazi-Ideologie des Herrenmenschen […] und die besondere Stufe, die der Vernichtungs-Antisemitismus nach 1933, besonders aber nach Januar 1942, erreicht, […] im Roman keine Rolle.“869 Wiedemann weist auch bereits darauf hin, dass die „Opfer der Jüdischen Katastrophe […] sogar gegen die im Roman betrauerten Deutschen ausgespielt“ werden870 – im Text wird diese Konkurrenz sogar ganz explizit formuliert, in einer Erinnerung an Ferdi und an Schrellas Vater:871 „Nicht einmal in den Trauergesängen der jüdischen Gemeinde wird ihrer gedacht, sie waren keine Juden […].“872

Besonders interessant ist im Beispiel dieses Romans nun, dass durch außerliterarische Zeugnisse deutlich wird, dass diese Opferkonkurrenz mit einer Verweigerung von Empathie einhergeht. In diesem Zusammenhang ist Wiedemanns Studie sehr aufschlussreich, weil sie mehreren Hinweisen aus Celans Briefwechseln nachgegangen ist, dass ein indirekt dokumentierter Konflikt zwischen Celan und Böll im Jahr 1959 direkt mit Billard um halbzehn zusammenhänge.873

Die Schärfe des Konflikts zwischen den beiden Gruppe-47-Mitgliedern wird in einem Brief deutlich, den Celan im Jahr 1959 an Frisch geschrieben hat.874 Darin schreibt Celan, er habe Böll lange für „der Hitlerei […] unverdächtig“ gehalten,875 habe nun aber „einen Brief bekommen, von Heinrich Böll, einen Brief, der mir ein weiteres Mal bewies, wieviel Gemeinheit noch in den Gemütern sitzt, die man, leichtgläubig genug […] zu denjenigen zählte, auf die es ‚ankommt‘“.876 Die Begebenheiten um Billard um halbzehn, die im Briefwechsel zwischen Böll und Celan nachzulesen sind und deren Kontexte Wiedemann, die Herausgeberin der Briefe, nachgezeichnet hat, sind diesem Brief an Frisch kurz vorangegangen. Im Winter 1958 hatte sich Celan an Böll mit der Bitte um Hilfe gewandt, weil er über einen antisemitischen Vorfall nach seiner Lesung in Bonn informiert worden war. Der Student Jean Firges berichtete ihm davon in einem Brief, den er in seiner Bitte an Böll wörtlich zitiert:

Vor allem fiel man aber über Ihr Pathos an der Hosiannah-Stelle her. Eine unfaire Kritik kam mir nach der Lesung in Form einer Karikatur zu Gesicht. Darauf stand in gebückter Haltung ein gefesselter Sklave, der schnaubend gegen seine Ketten aufbegehrte. Unter der Zeichnung stand (und hier beginnt die Gemeinheit): Hosiannah dem Sohne Davids.877

Böll antwortete auf diesen Brief, er sei mit seinem neusten Roman – eben Billard um halbzehn – sehr beschäftigt, bald sei der Roman aber fertig, und er werde auch eine Antwort auf Celans Brief enthalten.878 Celan reagierte darauf sehr enttäuscht und mit harscher Kritik daran, dass Böll wie bereits in einem früheren Fall „galanter- und christlicherweise“ nachsichtig auf Antisemitismus reagiere, obwohl dieses Problem „nicht nur mich, sondern […] auch Sie“ angehe.879

Das Ergebnis von Wiedemanns Sichtung zahlreicher Dokumente ist die gut begründete Annahme, dass mehrere Teile von Billard um halbzehn als Antwort auf diesen Konflikt konzipiert sind und Böll damit Celan sehr verletzt hat. Außerliterarisch sprechen dafür neben der brieflichen Ankündigung, der Roman werde Celans Brief beantworten, zwei Punkte: Dass Böll die Arbeit am Roman unmittelbar nach dem Briefwechsel mit Celan im Dezember wieder aufnimmt, nachdem er sie schon fast verworfen hatte.880 Und in einem 1961 gehaltenen Interview über den Roman sagt er, er habe darin „zwei, drei Worte“ versteckt, von denen er hoffe, dass „der Leser sie findet“; und man könne auch Personen im Roman verstecken.881

Es dürfen nun, wie Wiedemann detailliert begründen kann, unter anderem genau die oben im Briefwechsel mit Böll von Celan zitierten ‚zwei, drei‘ Worte des antisemitischen Studenten sein, die Böll als diese Antwort an Celan im Roman in adaptierter Form ‚versteckt‘ hat. Die Ehefrau des alten Fähmel, Johanna, die im Nationalsozialismus in eine Psychiatrie eingewiesen wurde und in der erzählten Gegenwart immer noch in der Psychiatrie ist, spricht sie nämlich in adaptierter Version, als sie ein Attentat auf einen militaristischen Umzug plant: „‚Und werden wir rufen: ‚Hosianna, der Braut Davids, die aus dem verwunschenen Schloß heimgekehrt ist?‘“882 – womit „zitierend auf das Matthäus-Evangelium, auf Firges’ Brief und auf Celans ‚Engführung‘“ angespielt wird.883 Diese Stelle ist zudem unter anderem auch damit verknüpft, dass Johannas Ehemann, der Architekt Heinrich Fähmel, im ganzen Roman immer wieder mit der biblischen Figur David assoziiert und auch wörtlich benannt wird, in dem Sinne, als er als privater Architekt gegen die Goliaths der großen Büros ankämpft.884 Dadurch wird der Satz zunächst auf Fähmel bezogen und, wie Wiedemann konstatiert, die Anspielung an Celan zusätzlich versteckt.

Das ist mit Blick auf die Fragestellung in der vorliegenden Studie deswegen hervorzuheben, weil dadurch Projektionen des Jüdischen hier ausgerechnet auf eine sehr katholische Figur geschrieben werden.885 Das passt dazu, dass Böll umgekehrt seine jüdischen Opferfiguren mehrfach dem ‚Eigenen‘ annähert, so ist bereits die Geliebte des Protagonisten in Wo warst du, Adam (1951), die deportiert wird, eine konvertierte, streng katholische Jüdin. Wie zudem expliziert werden kann, wird auch gerade das spezifisch Jüdische der Opfererfahrung, die in Celans Gedicht an ebenjener „Hosianna-Stelle“ evoziert, getilgt: Johanna ist keine Jüdin, sondern eine ‚Verrückte‘, die bei Böll die Opferrolle als ‚Braut Davids‘ innehat – und sie wird ausgerechnet an derjenigen Stelle mit Celan assoziiert, an der sie das Attentat plant, das heißt an der sie sich, dichotom beschrieben, vom Opfer zur Täterin wandelt.886

Es liegt nahe, angesichts dessen den Text auch als Zeugnis der Konstitution eines deutschen Opferkollektivs gerade zu dem Zweck, Antwort auf Celans Hilferuf wegen eines fortlebenden Antisemitismus zu geben, zu lesen. Böll eröffnet also in diesem Bezug auf Celan – unklar bleibt, ob als Antwort für Celan oder erst als gekränkte Reaktion auf Celans Vorwürfe –887 eine fast explizite Opferkonkurrenz zwischen den jüdischen und den deutschen Opfererfahrungen, wobei Erstere wie bereits eingangs gesehen im Roman auch sonst sehr abstrakt bleiben, Letztere dagegen in zahlreichen Varianten durchgespielt werden. Und Celan scheint das auch selbst so wahrgenommen zu haben, wie nicht nur sein eingangs zitierter Brief an Frisch zeigt, sondern auch ein Brief an Ingeborg Bachmann vom 10. 08. 1959 in demselben Zusammenhang. Er spricht dort, angesichts des Verlaufs des Briefwechsels zwischen den beiden scheinbar unmotiviert, von Bölls „Niedertracht“ und bezeichnet ihn ironisch als „patentierten Antinazi[]“888 – an demselben Tag, an dem ein neues Kapitel aus Billard um halbzehn im Vorabdruck der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erscheint.

Wie Wiedemann ausführt, dürfte sich Celan gerade in diesem Kapitel darüber hinaus in der Zeichnung mehrerer Figuren wiedererkannt haben.889 Das soll im Folgenden noch knapp ergänzt werden, um anschließend zu zeigen, inwiefern diese ‚Verarbeitung‘ Celans mit mehreren weiteren literarischen und nichtliterarischen Darstellungen Celans in der Gruppe 47 korrespondiert – was auch hinsichtlich der Frage nach Antisemitismus in der Gruppe 47 relevant ist.

2.3.3 Empathie: Paul Celan als literarische Figur in Werken der Gruppe 47

Ausgehend von der Beobachtung, dass Celan-Zitate im Roman versteckt sind, kann nämlich auch Bölls zweite poetologische Aussage im oben zitierten Interview,890 er verstecke Personen in seinen Romanen, auf Celan bezogen werden. Das betrifft mehrere Figuren: Durch das Celan-Zitat „Hosianna, der Braut Davids“891 von der Figur Johanna Fähmel werden die bereits beschriebenen David-Assoziationen in der Figurenzeichnung von Hinrich Fähmel – ihres Gatten, der also ‚David‘ wäre – nun deutlicher auch jüdisch konnotiert, was ihn in die Nähe Celans rückt.892 Und eine explizit jüdische Konnotation ist nun auch seiner Beschreibung als junger Mann eingeschrieben, die in eben dem Kapitel vorkommt, das am 10.08.1959 Tag in der F.A.Z. veröffentlicht wurde, demselben Tag, als Celan den oben zitierten wütenden Brief über Böll an Bachmann schrieb:893

Die Glastür, innen mit grüner Seide bespannt, zeigte mir mein Bild: zart war ich, fast klein, sah aus wie etwas zwischen jungem Rabbiner und Bohemien, schwarzhaarig und schwarzgekleidet, mit dem unbestimmten Air ländlicher Herkunft.894

Diese Beschreibungen trifft genau die Erscheinung, die von Celan in dieser Zeit tradiert wird;895 und zahlreiche weitere Figuren (die mehrheitlich deutsche Angehörige der Tätergesellschaft sind) werden mit explizit jüdischen Attributen ausgestattet – besonders deutlich auch die von Heinrich Fähmels Patenonkel Marsil, der in demselben Kapitel beschrieben wird,896 und es werden mehreren Figuren Aussagen zugeschrieben, die im Zusammenhang mit Celan gefallen sind.897 Besonders wichtig ist das beim Sohn von Heinrich und Johanna, Robert Fähmel. Wiedemann zeigt, dass seine Figur besonders viele Züge Celans trägt898 – und er wäre ja, wenn Johanna als Braut Davids gelesen wird, in der wörtlichen Logik der Sohn Davids, also ebenfalls mit Celan selbst assoziiert, nun aber mit seinem Bild aus der Karikatur und aus dem Gedicht. Indem auf Robert Fähmel Elemente aus der Passion Christi projiziert werden, rückt er noch näher an diese Assoziation.899

Angesichts der zahlreichen Beispiele, die Wiedemann anführt, wird also deutlich, dass Böll „[z]weifellos […] verschiedenen Figuren einzelne Züge Celans [verleiht] und […] sich punktuell auf ihn [bezieht].“900 Das ist nun insofern besonders interessant, als auch erstaunlich viele weitere zentrale Gruppe-47-Mitglieder Paul Celan in ihren literarischen Texten ‚verarbeitet‘ haben, und das gerade hinsichtlich Opferkonkurrenz und Empathie in sehr ähnlicher Weise, in denen auch Bölls Bezüge stattfinden. Zu all diesen verschiedenen Bezugnahmen gibt es ebenfalls bereits Studien, deswegen sollen sie nicht genauer ausgeführt, sondern nur nebeneinandergesellt werden, um das Prinzip zu verdeutlichen, das sich hinsichtlich der Wahrnehmung und des Umgangs mit Celan in Texten der Gruppe 47 abzeichnet.

Paul Celan in den Werken von Schroers, Dor / Federmann, Bobrowski und Bachmann

Rolf Schroers, Gruppenmitglied und langjähriger Brieffreund von Celan,901 hat Celan selbst darauf hingewiesen, dass er mit einem Gedicht und als Person in einem Kapitel in Schroers’ Roman Jakob und die Sehnsucht (1953) „zu Gast“ sei:902 er habe ihn „als Natur, als Person, als schwarzer Edelstein“903 darin verewigt, wie Schroers ihm schreibt. Celan hat sich für diese Geste bedankt, er habe bis spät in die Nacht gelesen: „Dieses Buch bedeutet mir mehr, als Bücher mir bedeuten […].“904 Er blieb noch länger in brieflichem Kontakt mit Schroers,905 obwohl der Roman, wie Wiedemann in einer weiteren Lektüre zeigt, die Opfererfahrung der an Celan erinnernden Figur auf die militärische Ebene verlagert,906 und die Opfererfahrungen so „einander angenähert“ sind.907

In dem kollektiv verfassten Kriminalroman Internationale Zone (1951) von Milo Dor und Reinhard Federmann – beide ebenfalls Gruppenmitglieder und im Almanach der Gruppe 47 vertreten –, erscheint die Figur Petre Margul als deutliches fiktionales Alter Ego Celans. Seine Konstruktion kann offenbar unterschiedlich aufgefasst werden: Mihaela Aanei beschreibt, er erscheine „als antiheroische Gestalt“ und „zögerlicher Antiheld“;908 Böttiger schreibt, Celans „lyrische Verträumtheit und Ernsthaftigkeit“ seien „in der Figur des Petre Margul eingefangen“,909 und betont daraufhin die enge Freundschaft zwischen Dor und Celan.910 In beiden Darstellungen wird besonders hervorgehoben, dass die Celan-Figur ‚fremd‘ und ‚dunkel‘ erscheine, ganz ähnlich wie auch in den oben zitierten Anklängen der Beschreibung des jungen Heinrich Fähmel an Celan als ‚schwarzhaarig und schwarzgekleidet‘, mit einem unbestimmt fremden ‚Air‘.

Erst deutlich später wurde Celan auch von Johannes Bobrowski – dem drittletzten Preisträger der Gruppe 47 – ein literarisches Denkmal geschaffen; diesmal in dem Celan gewidmeten Gedicht „Wiedererweckung“ (1964). Hier zeigt sich eine andere Parallele zu Bölls Billard um halbzehn: In dem Gedicht wird der Holocaust mit der Passion Christi parallelisiert, wie das bei Böll wie oben gesehen über die verschiedenen Referenzen des Protagonisten Robert Fähmel als Celan, Jude und Christus ebenfalls anklingt. Bei Bobrowski wird das noch expliziter; wie Graubner im Band zu Bobrowskis Leben und Werk (2009) formuliert, setze er in dem Gedicht mit „Anspielungen auf alt- und neutestamentliche Wiedererweckung […] christliche Hoffnung gegen Celans Totensprache.“911

Vereinfacht gesagt appelliert Bobrowski in diesem Gedicht unter Anspielungen auf zahlreiche Gedichte Celans mit Hinweis auf Jesus daran, dass die deutsche Schuld vergeben und getilgt werden müsse –912 und es überrascht angesichts dessen kaum, dass Celan die Widmung nicht akzeptieren wollte, wie er zurückschrieb: „Was jedoch das Gedicht angeht, das Sie mir als ‚gewidmet‘ bezeichnen, so muß ich es ausdrücklich ablehnen, daß mir ein solches Gedicht gewidmet, zugedacht oder auch nur zugeschickt wird.“913 Auch diesem Konflikt sind bereits Schwierigkeiten zwischen den beiden Dichtern vorangegangen, die auch damit zusammenhingen, dass Celan den deutschen Umgang mit dem Holocaust kritisierte und Bobrowski diesen Umgang verteidigen wollte.914 Graubner spricht von Bobrowskis „grimmige[r] Einsicht, dass die deutsche Schuld jüdische Dichter zum Schreiben über die Vernichtung verdammt hat, deutsche Dichter aber, die darüber zu schreiben versuchen, ins Zwielicht rückt.“915

Ingeborg Bachmanns literarische Verarbeitung von Paul Celan in Malina (1971), Bachmanns einzigem zu Lebzeiten erschienenen Roman, ist das persönlichste von diesen Beispielen. Auch hier kommt Celan als dunkle Figur vor; er ist analogisiert in dem dunklen, fremden Ritter im Märchen von der „Prinzessin von Kagran“, das die namenlose Ich-Erzählerin des Romans immer wieder zu schreiben beginnt.916 Die Referenz wird besonders deutlich an der Stelle, an der die Nachricht von Celans Suizid in der Seine als Albtraum der Erzählerin verarbeitet ist. Hier vermischen sich biografische Fakten der Bekanntschaft zwischen Bachmann und Celan (wie ihr Kennenlernen in Wien) mit den literarischen Referenzen und mit Celans tragischem Schicksal:

Der Lastwagen muß durch einen Fluß, es ist die Donau, es ist dann doch ein anderer Fluß, ich versuche ganz ruhig zu bleiben, denn hier, in den Donauauen, sind wir einander zum erstenmal begegnet, ich sage, es geht schon, aber dann reißt es mir den Mund auf, ohne einen Schrei, denn es geht eben nicht. […] Im Fluß, im tiefsten Fluß. Kann ich Sie sprechen, einen Augenblick? Fragt ein Herr, ich muß Ihnen eine Nachricht überbringen. Ich frage: Wem, wem haben Sie eine Nachricht zu übergeben? Er sagt: Nur der Prinzessin von Kagran. Ich fahre ihn an: Sprechen Sie diesen Namen nicht aus, niemals. Sagen Sie mir nichts! Aber er zeigt mir ein vertrocknetes Blatt, und da weiß ich, daß er wahr gesprochen hat. Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken, er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.917

In dieser Vielfalt von Bezügen unterscheidet sich diese Referenz von den bisher erwähnten. Besonders wichtig ist dabei, dass Bachmann, deren gesamtes Werk in einem Austausch mit Celan gestanden hat und die mit ihm lange Jahre ein Liebesverhältnis hatte,918 als erste deutlich die Verbindung von Celans Leben und Sterben mit Auschwitz verbindet, wenn sie die Ich-Erzählerin von einem Transport sprechen lässt, auf dem er ertrunken sei.919

Alle diese literarischen Verarbeitungen Celans ähneln sich also darin, dass die entsprechende Figur als dunkel und verträumt, aber auch als fremd bzw. als „Fremdling“920 beschrieben ist, also sehr deutlich als ‚Anderer‘ markiert ist. Abgesehen von Bachmanns Referenz ist es dabei aber ausgerechnet seine Opfererfahrung, die trotz seiner dezidierten Alterisierung der jeweils ‚eigenen‘ Opfererfahrung angenähert ist, wenn der Holocaust durch eine militärische oder christliche Opfergeschichte ersetzt wird. Gerade in dieser Hinsicht, in Bezug auf den Holocaust, wird also das ‚andere‘ seiner Erfahrung getilgt, gerade in Bezug auf das Mitgefühl, das die Texte evozieren, der ‚Andere‘ der ‚Wir-Gruppe‘ angenähert. Und mehr noch, obwohl Celan so dezidiert als Fremder literarisiert wird, wird gerade hier ungehalten reagiert, wenn Unterschiede – Celan betonte stets den Unterschied der Motive für die verschiedenen Opfererfahrungen, nämlich antisemitische Aversionen – hervorgehoben werden.

Opferkonkurrenzen und Antisemitismus

Natürlich haben nicht ausschließlich Gruppe-47-Mitglieder in ihren Werken auf Celan referiert; so hat auch der jüdische Autor (und Konkurrent in der Beziehung mit Bachmann) Hans Weigel Celan in seinem Schlüsselroman Unvollendete Symphonie verewigt.921 Zweifellos ist dieses Phänomen auch damit zu erklären, dass der Autor sehr charismatisch war, „eine persönliche Anziehungskraft [besaß], die er unwillkürlich auf viele seiner Generationskollegen ausübte“, wie Aanei schreibt.922 Dennoch fällt auf, wie präsent Celan in der Literatur der Gruppe 47 gewesen sein muss, wenn er als literarische Figur in Werken von ganzen sechs Autorinnen und Autoren aus deren innerstem Kreis auftaucht: Mit Böll, Bachmann und Bobrowski bei drei von 10 Preisträgern/-innen, dazu mit Schroers, Federmann und Dor drei weitere zentrale Gruppe-47-Autoren, die alle ebenfalls im Almanach vertreten sind.

Abgesehen von Malina spielt in keiner einzigen dieser Verarbeitungen Celans Schicksal als jüdisches Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung eine entscheidende Rolle. Gerade angesichts der unzähligen Opfererzählungen aus Wehrmacht und Heimatfront in den Almanach- und Preistexten923 liegt es nahe, diese Celan-Figuren als Zeugnisse der verminderten Empathie und verminderten moralischen Empörung gegenüber seiner so dezidiert als ‚anders‘ markierten Erfahrung zu lesen – zumal er in all diesen Texten in zahlreichen Hinsichten als Fremder erscheint, nur gerade nicht in der jeweiligen Opfererfahrung. Es fügt sich in dieses Bild, dass nicht nur Böll verständnislos und aggressiv abwehrend reagierte, als Celan sich vorwurfsvoll auf seine tragische persönliche Geschichte berief. Auch mit Schroers erfolgte der Bruch, nachdem er ihm sein Buch Der Partisan. Ein Beitrag zur politischen Anthropologie (1961) schickte; wie Böttiger dokumentiert, finden sich „in Celans Exemplar des Schroers’schen Textes […] Unterstreichungen bei Wörtern wie ‚artfremd‘, ‚Mischpoke‘ oder ‚volksunmittelbar‘, was Celan für sich als ‚völkisch‘ übersetzte.“924 Auch Bobrowskis Gedicht ist nur wie gesehen das letzte Zeugnis von jenem Unverständnis, das zum endgültigen Bruch geführt hat, nachdem er mit Celan einen jahrelangen Konflikt die unterschiedlichen Erlebnishintergründe verhandelt hatte.925

Selbst die enge Vertraute Ingeborg Bachmann scheint sich damit schwergetan zu haben, die Tragweite von Celans antisemitischen Erfahrungen zu sehen, wie anhand eines nicht abgeschickten Briefs an Celan deutlich wird.926 Wiedemann (2014) hat in einem weiteren Aufsatz auch zu diesem Brief Hintergründe aufgearbeitet. Wie sie darlegt, hatten Celan und Bachmann in einem Telefongespräch, das diesen Briefentwürfen vorangegangen ist, offenbar länger schwelende Konflikte lösen und Missverständnisse auflösen wollen, die aber im Gespräch nicht aufgeklärt werden konnten;927 Bachmanns Briefe zeugen von Verletzung und haben den Charakter eines letzten Appells an die frühere Freundschaft. Gerade diese unabgeschickten Entwürfe wurden in den Rezensionen des Bandes besonders positiv hervorgehoben, als endlich erfolgte Emanzipation der unterdrückten Frau.928 Wie Wiedemann betont, lassen sie sich aber darüber hinaus auch „innerhalb einer ‚exemplarischen‘ Konstellation von Menschen […] lesen, […] die während der NS-Diktatur und des Eroberungskriegs auf unterschiedlichen Seiten gelebt haben.“929 Und in diesem Sinne zeigt sich nun die deutliche Opferkonkurrenz schon durch die Zusammenstellung von Bachmanns Argumentation:

In ihrem Versuch, sich verständlich zu machen, kommt sie immer wieder auf den gleichen Vorwurf zurück, den sie in vielen Varianten einbringt. Sie wirft ihm vor, ‚dass das grössere Unglück in Dir selbst ist‘ (153), und wenig später: ‚Du willst das Opfer sein, aber es liegt an Dir, es nicht zu sein‘ (155) […] Ihre Wertung ist ausdrücklich negativ: ‚aber ich kann das nicht gutheissen, denn Du kannst es ändern‘ (155). Sie ist sich sicher, dass ‚[e]s‘ ‚nur von Dir abhängen‘ ‚kann‘, ‚ihm richtig zu begegnen‘ (153), und fordert ihn geradezu auf: ‚Ich erwarte, dass Du […] Dir selbst hilfst, Du Dir.‘ Ihre Argumentation stützt sie dadurch, dass sie sich als Vergleichsmodell neben ihn stellt, ja, als gutes Vorbild anbietet. Auch das erscheint in vielfältigen Varianten: ‚Ich kann alles überstehen‘, ‚weil ich mich stärker fühle‘ (154), ‚weil ich glaube, dass ich stärker bin als diese Fetzen‘ (155). Sie verlange von ihm nicht zu viel, denn: ‚ich verlange es auch von mir für mich‘ (155)(156).930

Es überrascht angesichts der Nachvollziehbarkeit dieser Wut gegenüber einer als larmoyant empfundenen Opferhaltung nicht, dass der Briefentwurf so positiv aufgenommen wurde; er ist persönlich nachvollziehbar und wird erst nach Jahrzehnten des (im vorangegangenen Briefwechsel dokumentierten) großen Verständnisses geschrieben. Dennoch ist in dem Brief angesichts der ‚exemplarischen‘ Konstellation931 zwischen den beiden auch ein Beleg für die Grenzen des Mitgefühls im öffentlichen Diskurs zu sehen, wenn die Situation Celans so dezidiert und offenbar überzeugt als vergleichbar mit der eigenen Situation wahrgenommen wird; wenn Bachmann beispielsweise betont, dass Blöcker ihre Texte ja ebenfalls verrissen habe.932 Bachmann schickt den Text allerdings nicht ab, und später in dieser Studie wird noch darauf eingegangen, dass ihre Poetik und ihre Art der literarischen Korrespondenz mit Celan von einer deutlich größeren Nähe und Respekt zeugt, wenn sie mit dessen Gedichten in einen Dialog tritt und seine theoretischen und biografischen Prämissen einbezieht.933

Selbstverständlich sind all diese Konflikte also primär einzelne und private Zeugnisse von Verletzungen und Schwierigkeiten im Umgang mit einer schwierigen und später psychisch kranken Person. Dennoch wird angesichts der Parallelen in allen diesen Konflikten ein Muster erkennbar, das mit dem Verweis auf Celans private Probleme nicht abschließend erklärt ist. Die Auslöser für Celans Hilferufe, seine Enttäuschungen und Angriffe auf die Freunde, sind sämtlich Begebenheiten, die er als Antisemitismus empfindet, in denen er aber von den Freunden keine Unterstützung bekommt oder sogar zurechtgewiesen wird, er sei allzu empfindlich. Und in Bezug auf sämtliche dieser Begebenheiten – die Karikatur des Bonner Studenten,934 Holthusens Rezension der „Todesfuge“, in der Celan als „Fremdling“ eingeführt wird,935 Blöckers Sprachgitter-Rezension,936 die Goll-Affäre937 – besteht von heute aus wenig Zweifel, dass Celan tatsächlich antisemitischer Missachtung ausgesetzt war, wie sie den zeitgenössischen Diskurs in der BRD der 50er und 60er ja auch in anderen Bereichen entscheidend prägte.938

Angesichts dessen wird auch deutlich, dass er in der Reaktion seiner Freunde, trotz deren gutem Willen, mit einer unbewussten Empathieverweigerung konfrontiert war. Die Empörung über das, was ihm wiederfahren war – der als junger Student ins Arbeitslager deportiert wurde, dessen Vater im KZ an Typhus starb und dessen Mutter von einem SS-Mann mit einem Genickschuss ermordet wurde,939 der lebenslänglich glaubte, seine Eltern im Stich gelassen zu haben, an dieser Überlebensschuld litt, tief traumatisiert war und sich schließlich das Leben nahm –940 war kleiner als die Empörung gegenüber seiner angeblich überempfindlichen ‚Larmoyanz‘ gegenüber Antisemitismus. Celan sprach offener als andere Opfer über seine traumatischen Erlebnisse und seine Einsicht, dass der Antisemitismus, der sie verursacht hatte, fortlebte, und auch die Relativierungen, Opferkonkurrenzen und Empathieverweigerung vonseiten der Freunde nahm er als Missachtung wahr. Wie er an Böll wegen dessen Zurückhaltung, zu der Karikatur des Bonner Studenten Stellung zu nehmen, schreibt:

Nun, ich habe ja mit einem anderen ‚Engagierten‘, Ihrem Freund Alfred Andersch (Jaja, der mit […] dem so schönen mandeläugigen Judenmädchen […])[941 ] bereits die Erfahrung gemacht, dass man, wenn man sich an seinesgleichen mit der Bitte um Rat und Solidarität wendet, eines schönen Tages als ‚an Verfolgungswahn leidender‘ das schöne Wort ‚Haun Sie ab!‘ zu hören bekommt … Zum Teufel mit den Menschen, es lebe die engagierte Literatur!942

Celan benannte in solcher Kritik subtile und strukturelle Antisemitismen, lange bevor sich in der wissenschaftlichen Erforschung des Antisemitismus ähnliche Schlüsse durchsetzen würden; wie es im Kommentar zu diesem Brief an Böll heißt, wehrte er sich „in vielen Kontexten […] dagegen, seine Empfindlichkeit negativ oder als krankhaft beurteilt zu sehen“,943 was sie vor seiner Erkrankung von heute aus gesehen auch kaum war. Bei den Freunden stieß er damit auf Hilflosigkeit und sogar Ablehnung – eben genau auf jene moralische Empörung, die er gegenüber den antisemitischen Erlebnissen einforderte. Die Reaktionen Schroers’, Bölls, Bachmanns, Bobrowskis – übrigens auch Max Frischs944 – zeigen, dass der zeitgenössische Diskurs dieses Verständnis wohl bei den meisten seiner Korrespondenzpartnern einfach nicht zuließ: Man versuchte, die Antisemitismen zu relativieren, ihm zu zeigen, dass seine Verletzungen übertrieben seien – und verweigerte ihm dadurch umso klarer das Mitgefühl, das er in dieser Wahrnehmung allzu vehement einforderte.

2.4 Zwischenbilanz: Mitleid und Moral in der Literatur der Gruppe 47 und einige Ergänzungen zur Frage des Antisemitismus

Davon, dass die ‚eigene‘ Opfererfahrung aufgrund eines dichotomen Verständnisses von Opfern und Tätern gerade dadurch aufgewertet werden kann, dass ein Teil des Täterkollektivs entschuldet oder Taten deutlich reduziert werden, hatte bereits Ferbers im vorangehenden Kapitel als ‚Mustertext‘ untersuchte Erzählung „Mimosen im Juli“ und der Umgang mit dem Gedenken an Ina Seidel in Ferbers Autobiografie gezeugt.945 Mit einem geschärften Blick für dieses Phänomen konnte nun gezeigt werden, dass es im Zusammenhang mit der Gruppe 47 in verschiedener Hinsicht von Bedeutung ist und nicht zuletzt auch mit einem unterschiedlichen Moralempfinden in Bezug auf Unrecht gegenüber der ‚eigenen‘ und Unrecht gegenüber ‚anderen‘ Gruppen zusammenzuhängen scheint. Auch im zweiten ‚Mustertext‘ „Die Mandel reift in Broschers Garten“ von Schneider, der bei der ersten Sichtung hinsichtlich besonders vieler Verknüpfungen von Moral und Identität aufgefallen ist, wird in diesem Sinne eine Opferkonkurrenz eröffnet und der Protagonist als Angehöriger des Täterkollektivs entschuldet. In dieser Fiktion wird nun die Leiderfahrung der jüdischen Opfer in Kernrumänien darüber hinaus geradezu geleugnet, wenn eine jüdische Familie im Jahr 1944 in Luxus lebt, sich um einen deutschen Wehrmachtssoldaten und Familienfreund sorgt und verzweifelt, als die Deutschen von den Russen aus Rumänien vertrieben werden.

In Literatur- und Geschichtswissenschaften gibt es ein breites Spektrum an Fachliteratur, in der die Latenthaltung des Holocaust, die Konstituierung eines den jüdischen Opfern dichotom gegenübergestellten deutschen Opferkollektivs und auch die damit verbundene Leugnung ‚eigener‘ Schuld oder ‚anderen‘ Leids und damit des Holocaust beschrieben und auch als Fortsetzungen antisemitischer Aversionen theoretisiert sind. Unter dem Aspekt der partikularen Moral hängen diese verschiedenen Beobachtungen alle insofern eng zusammen, als auch moralische Mitgefühle und Empörung für unmoralisches Verhalten dichotom für verschiedene Gruppen unterschieden werden: In Bezug auf die ‚Wir-Gruppe‘ wird Schuld weniger dezidiert verurteilt; in Bezug auf die ‚Anderen‘ demgegenüber Leid.

Opfererzählungen der deutschen Tätergesellschaft sollen dabei natürlich dennoch – angesichts der traumatischen Erlebnisse und Verluste auf allen Seiten – niemals an sich als einzelne problematisiert werden. Bereits die Einzeltexte können aber dann problematisch sein, wenn sie, wie in den beiden ‚Mustertexten‘ beschrieben, das ‚eigene‘ Leid so gegen das ‚fremde‘ ausspielen, dass sie die ‚eigene‘ Schuld zugunsten eines dichotom verstandenen deutschen Opferkollektivs relativieren müssen oder die ‚andere‘ Opfererfahrung sogar, wie bei Schneider, in einer Verweigerung von Empathie leugnen. Und auch wenn die Missachtung weniger deutlich wird, können solche Texte als einzelne an einem diskriminierenden Diskurs teilhaben. Gerade im Kontext der Gruppe 47, die ein großes Korpus an Texten, Hintergründen und außerliterarischen Fakten bereitstellt, können solche vorherrschenden Diskurse besonders gut nachvollzogen werden.

Den drei besonders relevanten mit Mitleid verbundenen Aspekten von deutschen Opfernarrativen und deutschen Opferkollektiven, Opferkonkurrenzen und Empathieverweigerung bzw. -verbot wurde deshalb noch einmal einzeln exemplarisch in den literarischen Texten der Gruppe 47 nachgegangen. Die Annahme, dass es sich bei dem deutschen Opferkollektiv um einen deutlich vorherrschenden Diskurs handelt, wurde vom quantitativen Überblick über die Almanach- und Preistexte bestätigt, wobei sich herausgestellt hat, dass jüdische Opferfiguren im Almanach durchaus auch einen Raum bekommen. Ein exemplarischer Blick auf das ‚Wendejahr 1959‘ verdeutlichte, dass sich dieser Aspekt auch hier bruchlos fortsetzt: Schuld sind zwar jetzt stellenweise auch einfache Deutsche, aber Opfer sind nach wie vor nicht die ‚Anderen‘, sondern die Protagonisten und Angehörigen verschiedener ‚Wir-Gruppen‘ ihrer Autoren, die alle der Tätergesellschaft zuzuordnen sind: Wehrmachtsangehörige bei Grass, Böll und Johnson, die deutsche Familie bei Grass und Böll, die christliche Religion bei Böll.

In Bezug auf Bölls Billard um halbzehn konnte eine vertiefte Betrachtung der Opferkonkurrenz, die hier schon durch die Konstruktion anklingt und durch einzelne Bemerkungen der Figuren auch explizit formuliert wird, den Blick zudem auf ein interessantes Gruppe-47-Phänomen lenken. Die Präsenz von Paul Celan in einer beachtlichen Menge von literarischen Werken besonders wichtiger Gruppe-47-Mitglieder kann durch das Hinzuziehen einiger außerliterarischer Zeugnisse relativ eindeutig mit dem einer verminderten Empathie gegenüber dem ‚anderen‘ Leid Celans, für das er durch seine tragischen Erlebnisse mit Verfolgung und Genozid allem Anschein nach fast ‚exemplarisch‘ wahrgenommen wird,946 korreliert werden. Celan wird nur in Bachmanns Roman Malina mit einer spezifisch jüdischen Leidenserfahrung im Nationalsozialismus assoziiert, in allen anderen Texten wird er zwar ebenfalls als dezidiert ‚anderer‘, dunkler und fremder Mann konstruiert, aber gerade seine Verfolgungserfahrung wird durch ‚eigenes‘ Leid ersetzt, indem sie durch Erlebnisse auf dem Schlachtfeld oder durch die Passion Christi überschrieben wird.

Diese Beobachtung wie auch die außerliterarischen Belege, dass Celan selbst dies durchaus als genau diese Verweigerung von Empathie wahrnahm, soll keine moralische Verurteilung der Autorinnen und Autoren zufolge haben, deren Bemühungen um eine Verständigung mit Celan hier nachgezeichnet wurden. Es handelte sich um Celans engste Briefpartner/-innen in Deutschland und sehr wahrscheinlich um Angehörige der Tätergesellschaft unter den Mitgliedern der Gruppe 47, die sich viel stärker als die meisten Gruppenmitglieder mit den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus auseinandersetzten. Böll hieß jüdische Einwanderer, die ihm noch nicht einmal bekannt waren, mit Blumen in Deutschland willkommen, Bachmann zeichnet sich auch intellektuell durch einen differenzierten Blick auf Nationalsozialismus und NS-Kontinuitäten aus und widmete Celan größte Teile ihres Gesamtwerks. Und auch Bobrowski oder Schroers setzten sich wie gesehen intensiv mit der deutschen Schuld und der jüdischen Erinnerung auseinander – gerade deswegen lässt sich an ihren Werken die Macht dieses Diskurses, der Empathie mit den ‚Anderen‘ erschwert, überhaupt ablesen; weil sie, anders als die viele andere Angehörige der Tätergesellschaft, überhaupt über Juden schrieben.

Allerdings, und das soll hier abschließend als Replik auf einen kürzlich veröffentlichten Radiobeitrag Böttigers zum Antisemitismus in der Gruppe 47 festgehalten sein, sind die diskriminierenden Mechanismen, die diesen Reflexionen bei allen Bemühungen zugrunde liegen, heute hinlänglich beschrieben und zweifelsfrei als solche erkannt worden. Und diesen Erkenntnissen werden nun Böttigers Folgerungen im Beitrag „Alle Dichter sind Juden“ im Deutschlandfunk (2017), in dem er wie bereits weiter oben erwähnt Celans Lesung der „Todesfuge“ auf der Niendorfer Tagung der Gruppe 47 noch einmal neu beleuchtet, nicht gerecht. Böttiger schreibt:

Wenn man vom Antisemitismus des deutschen Literaturbetriebs der damaligen Zeit spricht, sind an erster Stelle Namen wie Günter Blöcker oder Hans Egon Holthusen zu nennen, die einflussreichen Wortführer der Literaturkritik. Deren Sprache ist bei keinem Vertreter der Gruppe 47 zu finden.947

Und:

Sicher ist, dass er durch die Art seines Vortrags und seiner Sprache einige der Älteren, die aus politischen Gründen eine radikale Kargheit wollten, provozierte und zur Kritik herausforderte. Mit ‚Antisemitismus‘ hatte das jedoch überhaupt nichts zu tun.948

Die Reaktion der Gruppe 47 auf Celans Lesung gelten in den meisten Gruppe-47-Dokumentationen als problematisch;949 gerade dem widerspricht Böttiger hier. Er hält dagegen, dass die Deutlichkeit der Aussage, Celan sei nach seiner Lesung ausgelacht worden, die den Vorwurf von Antisemitismus begründe, erst lange Jahre im Nachhinein zum ersten Mal erwähnt worden, in einem Interview mit Walter Jens im Jahr 1976, der berichtete:

Als Celan zum ersten Mal auftrat, da sagte man: ‚Das kann doch kaum jemand hören!‘, er las sehr pathetisch. Wir haben darüber gelacht. ‚Der liest ja wie Goebbels!‘ sagte einer. Er wurde ausgelacht, so dass dann später ein Sprecher der Gruppe 47, Walter Hilsbecher aus Frankfurt, die Gedichte noch einmal vorlesen musste. Die ‚Todesfuge‘ war ja ein Reinfall in der Gruppe! Das war eine völlig andere Welt, da kamen die Neorealisten nicht mit, die sozusagen mit diesem Programm groß geworden waren.950

Die ebenfalls seither schon mehrfach problematisierte Bemerkung, dass Celan wie in einer Synagoge gelesen habe, sei sogar erst im Jahr 1988 in der Autobiografie von Milo Dor erstmals dokumentiert worden;951 nur die Aussage Richters, Celan habe wie Goebbels gelesen, habe Richter selbst in seinem Tagebuch dokumentiert.952 Böttiger beschreibt Richters Reaktion nun als typischen Verdrängungsmechanismus eines Wehrmachtsoldaten, der den Skandal der Aussage nicht habe erkennen können;953 und das, was Celan mit „Auflehnung“ gegen seine Stimme und seine Gedichte beschrieben habe, sei einfach der Ton der Kritik in der Gruppe gewesen.954 Es werde in „etlichen antifaschistischen Texten“ von Richter deutlich, dass der „deutsche Massenmord an den Juden in Richter arbeitete […].“955

Zudem zitiert er Celans Jugendfreundin Edith Silbermann, die sich erinnert, dass Celan schon vor dem Holocaust einen schwierigen Charakter gehabt habe.956 Er betont auch, dass pathetisches Lesen eine Tradition in Celans Heimatstadt Czernowitz gehabt hatte,957 dass Celan in der unmittelbaren Nachkriegszeit sogar mit Ernst Jünger habe ins Gespräch kommen wollen,958 welche Verdienste die Gruppe 47 in der Nachkriegszeit gehabt habe959 und dass andere Celan schärfer angegriffen hätten. Auch einige weitere ähnliche Argumente, die moralische Errungenschaften der Gruppe 47 gegen Fehler Celans und Zugeständnisse an ‚schlimmere‘ ‚Nazis‘ stellen, sollen offenbar die Behauptung, in der Gruppe 47 hätten sich Antisemitismen fortgesetzt, entkräften. Würde die Argumentation so stehen bleiben, würde sie nicht zuletzt sogar an das gerade beschriebene Argumentationsmuster in der Gruppe 47 selbst erinnern: Man ist entweder mit seiner ganzen Existenz ein Opfer / Täter, oder der entsprechende Vorwurf ist ganz entkräftet.

Böttigers Argumentation bleibt aber natürlich nicht so einfach; die Folgerung, mit ‚Antisemitismus‘960 habe das alles nichts zu tun, sollen vor allem Beispiele positiver Erlebnisse Celans auf der Tagung in Niendorf belegen, die davon zeugen, dass Celan durchaus nicht nur Ablehnung ausgesetzt war. Insbesondere die Briefe an seine Frau direkt nach der Tagung zeugen davon, dass die Erfahrungen nicht nur negativ waren.961 Celan schreibt, alles sei „so überwältigend gewesen, so verworren, widerspruchsvoll. Dennoch ist das Ergebnis positiv“, er habe einige Aufträge bekommen. Und kurz darauf schreibt er:

Ich habe ein gutes Drittel der deutschen Schriftsteller kennengelernt – ich denke dabei nur an die, denen man die Hand drücken kann, ohne Gewissensbisse haben zu müssen. Doch unter diesen findet man eine große Zahl Ungebildeter, Aufschneider und Halbversager, und sie haben es nicht versäumt, mich aufs Korn zu nehmen.962

Böttiger schließt daraus, Celan sei sich also bewusst gewesen, dass es sich bei der Gruppe 47 um diejenigen gehandelt hatte, denen man die Hand drücken konnte – dass sie also nicht „vom Ungeist der Nazis geprägt“ gewesen seien, wie Böttiger schreibt.963 Und hierin besteht die Differenz zu den in der vorliegenden Studie vertretenen Annahmen: Die beiden Aussagen, dass man ihnen die Hand drücken konnte und dass sie also nicht vom ‚Ungeist der Nazis‘ geprägt seien, als logische Folgerungen aufzuführen, wird m. E. der Komplexität der Situation in der deutschen Nachkriegszeit nicht gerecht. Selbstverständlich hatten sich die Gruppe-47-Mitglieder weniger zuschulden kommen lassen als andere Deutsche. Das hieß aber nicht – wie auch Celan immer deutlicher bewusst wurde und worüber heute kaum Zweifel bestehen – dass sich nicht dennoch strukturelle Prägungen durch den ‚Ungeist der Nazis‘ zeigen und fortsetzen konnten. Die Konstatierung des einen schließt nicht kategorisch das andere aus.

Mit den Studien von Bergmann und Holz wird deutlich, dass selbst die Reaktionen engerer Freunde Celans, als Richter einer war – so die Reaktionen Bölls, der, wie Celan schrieb, der ‚Hitlerei‘ unverdächtig war, und sogar diejenigen Bachmanns – auf Celans Hilferufe als Verweigerung von Mitgefühl gesehen werden können, die auch an antisemitische Muster anknüpften. Und die Reaktion auf Celans Lesung der „Todesfuge“ in der Gruppe 47 war zweifellos von einer Verweigerung von Empathie geprägt, wenn eine unverkennbare poetische Verarbeitung des Holocaust und der Ermordung der Eltern einige Jahre zuvor als Kitsch und Pathos abqualifiziert wurden. Ob Celan offen ausgelacht worden ist oder nicht, ob seine Lesung auch vielen gefiel, ob sich auch einzelne Juden in der Gruppe wohlfühlten und Erfolg hatten, ist hierbei nicht entscheidend. Genauso wenig wie die Selbstwahrnehmung der Gruppenmitglieder: Dass man Celan grundsätzlich mit Sympathie begegnete, ist nun einmal gemäß keiner aktuellen Definition von Antisemitismus (wie auch nicht von Rassismus und Sexismus) ein Ausschlusskriterium dafür, dass man ihn zugleich auch mit Antisemitismen konfrontierte.

Eine so kategorische Verneinung von Antisemitismus in der Gruppe 47, wie sie Böttiger in seinem Deutschlandfunk-Beitrag postuliert, ist deswegen, so die hier vertretene Position, mit dem aktuellen Forschungsstand und den verfügbaren Zeugnissen nicht vereinbar. Ein Fortleben einzelner Aversionen wird vielmehr auch angesichts der beiden weiteren Verknüpfungen von Identität und Moral in der Gruppe 47 deutlich, die im Folgenden genauer betrachtet werden sollen.

3 Deutung: Erlebnisgemeinschaft vs. die Intellektuellen

Ihr habt alle den Freiheitskoller, ihr seid butterweiche Knaben. Ich sage: Wir sind es nie gewesen, Herr Doktor. Die Protze sagt: Aber ihr seid es jetzt. Weint euch aus, Kinderlein, hockt euch auf die Hosen und macht euer Abitur. Ich sage: Dazu gehört ein spezifischer Mangel an Erfahrung. Den haben wir nicht mehr, Herr Doktor.964

Dass sich die frühe Gruppe 47 als exklusive ‚Junge Generation‘ wahrnahm, ist wie bereits ausgeführt einer ihrer wichtigsten vermeintlich unpolitischen Grundpfeiler, der kleinste gemeinsame Nenner ihrer Anfangsjahre.965 Die Teilnahme am Zweiten Weltkrieg wurde dabei zunächst als eines der wichtigsten Merkmale für die Mitgliedschaft in dieser moralisch besonders verpflichteten Gruppe gesehen und als Voraussetzung, stellenweise sogar als Ursache eines gelungenen Neuanfangs postuliert.966 Ausgehend davon wurde herausgearbeitet, dass sich in der Selbstwahrnehmung als streng abgegrenztes moralisches Kollektiv ein partikularistisches Moralverständnis fortsetzt, wie es schon die Moraldiskurse im Nationalsozialismus prägte, wobei auch das Konstrukt der ‚Jungen Generation‘ selbst direkt an die analoge Zuschreibung im Nationalsozialismus anschließt.967

Auch wenn dies unter anderem als Reaktion auf Zuschreibungen von außen sowie als Abgrenzung von stärker belasteten Gruppen der Nachkriegszeit erklärbar ist,968 lassen diese deutlichen Überschneidungen vermuten, dass sich auch konkrete Ideologeme des Nationalsozialismus im Selbstbild der frühen Gruppe 47 fortsetzen. Im vorangehenden Kapitel hat sich gezeigt, dass die moralische Empörung gegenüber Leid, das der ‚eigenen‘ Gruppe einer Mehrheit der Gruppe-47-Mitglieder – also genau jener ‚jungen Generation‘ der deutschen Tätergesellschaft – sich nicht nur im Außerliterarischen, sondern auch in den fiktionalen Texten vehementer äußert als die Empörung gegenüber dem Leid ‚der anderen‘. Dafür, dass sich darin auch ein dichotomes Verständnis von Opfern und Tätern sowie ein ‚Empathieverbot‘ insbesondere gegenüber Juden fortsetzt, sprechen das konkrete Beispiel von Paul Celans literarischer Verarbeitung in der Gruppe 47, in der sich kaum Mitleid für seine Opfererfahrung abzeichnet.

In Bezug auf die Kontinuität konkreter NS-Ideologeme im partikularen Zugeständnis moralischer Deutung ist der Forschungsstand noch weniger ausdifferenziert. Dennoch gibt es einige Hinweise auf eine solche Kontinuität. Eingangs dieser Studie wurde bereits gesehen, dass ‚Nichtdabeigewesenen‘ im Außerliterarischen oft gerade deswegen die Legitimation zur Deutung abgesprochen wurde, weil sie die Erfahrung des Kriegs nicht teilten; das deutlichste Beispiel dafür ist der Konflikt mit Peter Weiss auf der Princeton-Tagung im Jahr 1965.969 Die eingangs von diesem Teil beschriebene erste Annäherung an das Korpus und Sichtung der ‚Mustertexte‘ hat ein ähnliches Bild ergeben: Alle vier als ‚Mustertexte‘ identifizierten Erzählungen handeln von Krieg und Nachkriegszeit.970 Und in beiden bereits analysierten Erzählungen sind ‚Erlebnis‘ und Deutung verknüpft: Bei Ferber auf der Handlungsebene darin, dass der Protagonist und seine Mutter die ‚Mimoseninsel‘ besichtigen wollen, um sich vor Ort, eben durch die konkrete ‚Erfahrung‘ Klarheit zu verschaffen, und auf formaler Ebene darin, dass Ferbers Schreibweise reich an Andeutungen ist, die nur ‚Dabeigewesene‘ verstehen können. Bei Schneider ist die Verknüpfung noch direkter, da er seine Texte als ‚Journalismus‘ bezeichnet,971 also quasi paratextuell betont, es handle sich um Augenzeugenberichte von einem, der das alles selbst erlebt habe.

Die These, der im Folgenden nachgegangen werden soll, geht von diesen bisherigen Beobachtungen sowie den in Teil I bereits aufgegriffenen geschichtswissenschaftlichen Studien zur ‚jungen Generation‘ im Nationalsozialismus aus.972 Es wird vermutet, dass sich der diskursiven Verknüpfung von Erlebnisgemeinschaft und moralischer Deutung im Nationalsozialismus geprägte Vorstellungen von Gemeinschaft und ‚Erlebnis‘ des Kriegs fortsetzen, wobei die Gemeinschaft als ‚intuitive‘ moralische Instanz erneut in einem moralischen Sinn der abstrakter urteilenden Gesellschaft gegenübergestellt wird.

Um diesen Zusammenhang zu erhellen, soll nach einer Sichtung der Forschungslage zu Vorstellungen einer Erlebnisgemeinschaft im und nach dem Krieg (3.1) die Vorstellung der Erlebnisgemeinschaft als literarisches Motiv in den Almanach- und Preistexten zunächst anhand von Horst Mönnichs „Die Wanderkarte“ (gelesen 1956)973 – ein Text, der wie diejenigen von Ferber und Schneider als besonders repräsentativer Gruppe-47-Text identifiziert worden ist974 – und Georg Hensels „In der großen Pause“ (gelesen 1949) genauer untersucht werden. In beiden Texten wird durch Figurenrede und -zeichnung der affirmativen Darstellung einer (quasi-)soldatischen Erlebnisgemeinschaft eine negativer konnotierte Gesellschaft gegenübergestellt, die auf theoretischen Übereinkünften basiert statt auf Erfahrung; zu fragen ist, wie sich diese Opposition zu dem Diskurs über die Erlebnisgemeinschaft und über ‚die Intellektuellen‘ im Nationalsozialismus verhält (3.2). Ebenfalls im Almanach finden sich auch zwei Persiflagen des Ideals einer Erlebnisgemeinschaft, Schallücks „Monologe eines Süchtigen“ (gelesen 1954)975 und Amerys „Pater Sebaldus“ (gelesen 1957),976 auf die in der Folge genauer eingegangen wird. Besonders Amerys Text schärft den Blick dafür, dass sich die Vorstellung einer moralischen Überlegenheit ‚Dabeigewesener‘ in der Literatur womöglich länger halten konnte als in der Zusammensetzung der Gruppe, wo die Akademiker/-innen relativ bald genauso tonangebend waren wie die ehemaligen ‚einfachen Soldaten‘ (3.3). Der Frage, ob das auch in Bezug auf die Form der frühen engagierten Texte, deren Engagement-Verständnis in den 1960er Jahren von erfolgreichen Gruppenmitgliedern wie Grass und Lenz noch einmal aufgegriffen wurde, werden abschließend im Kontext der Exklusivität einer Erlebnisgemeinschaft einige Überlegungen gewidmet (3.4).

3.1 Der Diskurs: Erlebnisgemeinschaft als Abgrenzung und Identitätsstiftung im und nach dem Nationalsozialismus

Wie zunächst zu zeigen ist, waren sowohl die Konzepte „Erlebnis“ und „Gemeinschaft“ als auch die damit verbundene Vorstellung, aus einem Gemeinschaftserlebnis erwachsene Urteile seien einer intellektuellen Herangehensweise überlegen, zentrale Ideologeme des antisemitischen und intellektuellenfeindlichen Diskurses über die arische Vergemeinschaftung im Nationalsozialismus, die auch in der Nachkriegszeit Bestand hatten.

3.1.1 Junge Generation als Erlebnisgemeinschaft im Nationalsozialismus

Das Konstrukt der Erlebnisgemeinschaft ist keine genuin nationalsozialistische Vorstellung;977 historiografische Studien sind sich aber einig, dass die Idealisierung der Gemeinschaft genauso wie die damit verbundene Vorstellung des Erlebnisses als moralischem Wert und als gemeinschaftsstiftendem Phänomen einen der wichtigsten Grundpfeiler der NS-Ideologie bildete.978

Erlebnisgemeinschaften wurden in diesem Kontext gefördert, sie sollten, so Knoch, „Gemeinschaftstraditionen der Gewalt, Reinheit und des Kampfes“979 stiften und so als Selbstbestätigung der Propaganda von der Volksgemeinschaft dienen.980 Möckel hat in aufschlussreichen Untersuchungen Tagebücher junger Deutscher während und nach dem Nationalsozialismus untersucht; wie bereits im ersten Teil dieser Studie zitiert, hat er dabei die „Inszenierung und vorgetäuschte Erfüllung spezifischer Gemeinschaftssehnsüchte“ als wichtigen Kern der NS-Propaganda gerade im Zusammenhang mit der ‚Jungen Generation‘ identifiziert.981 Er plädiert deswegen dafür, diese Gemeinschaftssehnsüchte als „zentralen Mythos“ des NS-Ideologie ernst zu nehmen; es handle sich um „jene[n] Aspekt […], der auch nach 1945 auf zum Teil verdeckte oder verdrängte Weise in einigen Bereichen aktuell blieb.“982

Durch die Idealisierung der Gemeinschaft im Nationalsozialismus wurde das gemeinschaftliche Erleben insbesondere in moralischen Fragen der Gesellschaft und deren abstraktem Zugang diametral entgegengestellt.983 Widmer hat mehrere zeitgenössische Quellen zusammengetragen, die ‚das Erlebnis‘ als NS-Ideologem besonders hervorheben:

Erlebnis hängt ‚eng mit der nationalsozialistischen ‚Ideologie‘ der Geistfeindlichkeit, mit der Verachtung […] allen Intellekts‘ zusammen (Seidel, § 213). […] Nach Klemperer (S. 257) war es ‚das stärkste und allgemeinste Gefühlswort, das sich der Nazismus dienstbar machte […]. Zum Erlebnis werden uns nur die außerordentlichen (Stunden), in denen unsere Leidenschaft schwingt.‘ In dieser für den Nationalsozialismus typischen Anwendung tritt das Wort im Singular auf, wo wir eher einen Plural erwarten würden.984

Über die Kategorie ‚Erlebnis‘ konnte die Gemeinschaft als positives Gegenbild zur heterogenen, intellektuell geprägten Gesellschaft installiert werden. Dabei spielte die Ablehnung des Intellekts eine besonders wichtige Rolle;985 während ‚Intellekt‘ der Gesellschaft zugeordnet war, wurde ‚Erlebnis‘ als Gegenbegriff dazu der Gemeinschaft zugeschrieben und als instinktive, gefühlsgeleitete Gemeinschaftserfahrung inszeniert. Der Intellekt galt als Domäne ‚des Jüdischen‘, ihr wurde die kalte und abstrakte Analyse ohne Realitätsbezug zugeordnet.986 Wie Holz herausarbeitet, ist das Gegensatzpaar Gemeinschaft und Gesellschaft deswegen sogar als eines der drei zentralen „Gegensatzpaare[n] des Antisemitismus vor und nach Auschwitz“987 anzusehen.988

3.1.2 Gemeinschaft vs. ‚Nichtdabeigewesene‘ in der Nachkriegszeit

Wie eingangs von dieser Studie ausgeführt, beschreibt die Definition der „junge[n] deutsche[n] Generation“,989 die sich in der Gruppe 47 durchsetzt –990 nämlich mit Andersch „die Männer und Frauen zwischen 18 und 35 Jahren, getrennt von den Älteren durch ihre Nicht-Verantwortlichkeit für Hitler, von den Jüngeren durch das Front- und Gefangenschaftserlebnis“991 – dieselbe Gruppe, der bereits im Nationalsozialismus als ‚junge Generation‘ besondere Aufmerksamkeit zuteilwurde.992 Es zeigen sich überdies bereits in diesem Zitat die Übernahme der positiven Kategorie ‚Erlebnis‘ (wie in der Propagandasprache des Nationalsozialismus im Singular, als wäre es das Fronterlebnis einer ganzen Generation)993 und die darauf aufbauende Vergemeinschaftung als Ausweis für besondere Integrität: Diese ‚junge Generation‘ ist es, die Deutschlands „Wandlung als eigene Leistung“ vollziehen soll.994 Wie Ächtler in seinem Aufsatz zu Richters Essay „Warum schweigt die junge Generation“ (1946) formuliert, beziehe „das Attribut ‚jung‘ sich […] grundsätzlich nicht einseitig auf Altersgrenzen […], sondern [meint] die Lebenseinstellung einer Erlebnisgemeinschaft […].“995

Über die Inszenierung von Erlebnisgemeinschaften in der Nachkriegszeit liegen weniger Studien vor als über diejenige im Nationalsozialismus.996 Möckels Tagebuch-Auswertungen zeigen aber, dass die positive ideologische Aufladung der Konzepte im Nationalsozialismus eine wichtige Rolle im Umgang mit der Vergangenheit in der Nachkriegszeit spielte: Der Krieg sei im Nationalsozialismus zunächst sehr erfolgreich „unter dem Topos der ‚Bewährung der jungen Generation‘“ als Gemeinschaftserlebnis inszeniert worden.997 Die Tagebucheinträge aus dem fortgeschrittenen Krieg zeugten dagegen von einer Desillusionierung im Feld, in deren Verlauf die Hoffnung auf Gemeinschaftserfahrung radikal enttäuscht worden sei.998 Für die realen schrecklichen Erlebnisse im Krieg, das Gefühl der Schande nach der Niederlage und die schweren Verluste habe danach oft auch in den intimsten Zeugnissen die Sprache gefehlt.999 Beide Aspekte, subjektives Erleben von Gemeinschaft wie auch verstörende und isolierende Erfahrungen von Gewalt, hätten deswegen, wie Möckel herausarbeitet, aus unterschiedlichen Richtungen zu einer Nachkriegsinterpretation des Nationalsozialismus als „gemeinsame ‚Generationserfahrung‘“ geführt:1000 Durch das Anknüpfen an die lange geschürte Hoffnung auf ein Gemeinschafts-‚Erlebnis‘ hätten die traumatischen Erfahrungen erstmals überhaupt artikuliert und „normalisiert“1001 werden können. Und zugleich, so Möckel,

blieb in dieser Vorstellung des Kriegs als ‚Generationserfahrung‘ womöglich auch ein Teil jener Gemeinschaftssehnsucht erhalten, der ein Überhang aus den Erwartungen an den Krieg darstellte und durch die Erfahrungen im Nationalsozialismus in fundamentaler Weise diskreditiert worden war.1002

Anders als in Bezug auf den Begriff der ‚Jungen Generation‘ diente die affirmative Übernahme dieser Konzepte also nicht primär der Abgrenzung und strategischen Umdeutung der Vorwürfe ‚von außen‘.1003 Sie ist eher als Bewältigungsstrategie, um das jüngst Erlebte zu deuten, zu sehen, die sich aus den altbekannten Deutungsmustern speist.

Über den programmatischen Selbstanspruch in der frühen Gruppe 47, aufgrund ihrer Erfahrung eine engagierte Literatur zu schreiben, wurde das Kriegserlebnis in der Gruppe 47 nun darüber hinaus wie bereits gesehen erneut positiv konnotiert und als Wert der Gegenwart installiert.1004 Damit setzt sich ein zentraler Aspekt ideologischer Aufladung des Gemeinschaftsdiskurses im außerliterarischen Gruppe-47-Diskurs gerade da fort, wo besonders vehement mit dem Nationalsozialismus gebrochen werden sollte; was die Frage nahe legt, ob und inwiefern sich die Vorstellung der Erlebnisgemeinschaft auch im Wertesystem in literarischen Gruppe-47-Texten fortsetzt und ob darin auch an das diskriminierende ‚Othering‘ aus dem Nationalsozialismus angeschlossen wird.

3.2 Generation, Erlebnis und Gemeinschaft in den literarischen Fiktionen

Die Vorstellung von moralisch besonders relevanten Erlebnisgemeinschaften findet sich in mehreren literarischen Texten der Gruppe 47 relativ explizit formuliert wieder. Besonders deutlich wird sie dort, wo sie in der Figurenrede beschworen wird, was insbesondere in Georg Hensels Text „In der großen Pause“ (gelesen 1949) der Fall ist, wo eine Schulklasse von ehemaligen Wehrmachtsoldaten, die ihr Abitur nachholen sollen, über ihren Lehrer lästert. Mit welchen Wertvorstellungen das verknüpft ist und ob sich Dichotomien aus der NS-Ideologie wiederfinden, soll in dieser Erzählung sowie in Mönnichs Romankapitel „Die Wanderkarte“, das weiter oben als besonders interessanter Text identifiziert wurde und in dem ‚das Erlebnis‘ in der ‚Gemeinschaft‘ vor allem auf Ebene der Handlung eine Rolle spielt, nachvollzogen werden. Die spezifische Konfiguration des Diskurses von der Erlebnisgemeinschaft in der Literatur der Gruppe 47 soll so nachgezeichnet werden, bevor dann im folgenden Kapitel auf Almanach-Texte eingegangen wird, die diesen Diskurs gerade kritisch beleuchten.

3.2.1 Georg Hensel: „In der großen Pause. Abiturientengespräch im November 1946“ (gelesen 1949)

Georg Hensels „In der großen Pause“1005 verhandelt die Opposition Erlebnisgemeinschaft vs. Intellektuelle auf der Textoberfläche und hat sie größtenteils sogar zum Thema. Der Text spielt in der großen Pause der Sonderklasse eines Gymnasiums, bestehend aus ehemaligen Wehrmachtsangehörigen, die ihr Abitur nachholen. Während 15 Minuten unterhalten sie sich im Landser-Jargon über Kriegserfahrung, Frauen und Mathematik, die Erzählung wird von der Schulklingel und dem ungeduldig wartenden Lehrer unterbrochen. Ihr Autor Hensel tat sich im späteren Leben vor allem als Theaterkritiker beim Darmstädter Echo und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hervor, er war nur in den ersten Jahren bei den Gruppentreffen dabei,1006 in den späteren Gruppendarstellungen findet er entsprechend wenig Erwähnung. Obwohl eines von wenigen Zeugnissen über seine Lesung, die Rezension H. R. Münnichs in der Süddeutschen Zeitung, wenig objektiv zu sein scheint,1007 deutet sie doch darauf hin, dass die Erzählung mit Erfolg gelesen wurde, da sie positiv erwähnt wird. Auch ihre Aufnahme im Almanach spricht dafür.

Das erstaunt wenig, da sie sehr gut ins Programm der ganz frühen Jahre passte, das ja bekanntlich aus ästhetischer Sicht relativ bald als überholt galt. Bereits 1962 wird Hensels Text rückblickend als Musterbespiel für den frühen radikalen Realismus erwähnt und diesbezüglich kritisch gesehen: „Es scheint, als habe sich die Literatur des ‚wir sind aus den Koordinaten gerutscht‘ (Georg Hensel) und des ‚Die Scheißkerle, immer müssen sie schlafen‘ (Hans Werner Richter) überlebt“,1008 schreibt Raddatz in seinem Almanach-Essay „Die ausgehaltene Realität“ (1962). Wichtiger noch ist aber seine darauffolgende inhaltliche Anmerkung, es habe sich bei diesen ‚Aufschreien‘ um „moralische Befreiungen“ gehandelt, und: „wenn die Gruppe 47 heute noch irgendeine politische Substanz hat, dann bezieht sie sie dort. Das ist das Elternhaus.“1009 Raddatz’ These, Hensels Art der Literatur habe sich überlebt, trifft also die Sprache; in Bezug auf die Inhalte wird im Gegenteil ganz im Sinne von Richters Vorstellung der ‚Mentalität‘ der ersten Jahre, postuliert, gerade diese Haltung mache die Essenz der Gruppe 47 aus.1010 Die im Folgenden beschriebenen Figurenkonstellationen und Wertvorstellungen dürften also trotz Mönnichs kurzer aktiver Zeit in der Gruppe 47 als durchaus repräsentativ für diese Essenz angesehen werden.

Opferfiguren

In ihrer ‚politischen Substanz‘ postuliert die Erzählung, wie gezeigt werden soll, ein ähnliches Bild von Erlebnisgemeinschaft wie die außerliterarischen Gruppe-47-Programmatiken der frühen Jahre: Die Jugend sei zum Opfer des Nationalsozialismus geworden, sei schon jetzt abgeklärt von der ‚Schule des Lebens‘ – und sehe sich als diese Erlebnisgemeinschaft einer Gesellschaft gegenüber, die sie mit ihrer rationalen Distanz nicht verstehen könne und deswegen kein Recht habe, moralisch über sie urteilen.

Sowohl die Beschreibung der Figuren als auch deren eigene Aussagen implizieren diese ‚Moral der Geschichte‘ in Hensels Text. Ihr Opferstatus und ihre tiefe Prägung durch den Krieg werden schon zu Beginn über die ausführliche Beschreibung der Schuhe der fünf jungen Schüler deutlich, die symbolisch stark aufgeladen sind (vgl. HG 128): Einer trägt wasserdichte Schuhe, weil er sie von den Amerikanern geklaut hat, für die er kurz gearbeitet habe. Wertvoller Besitz stammt also, so wird hier implizit deutlich, nicht aus Deutschland, sondern von den Siegermächten; und dass er die Schuhe gestohlen hat, zeigt, dass er dennoch nicht kollaboriert, sondern opponiert hat. Ein anderer trägt „nur noch einen Schuh, orthopädisches Zeug, […] prima dicht“ (ebd.) – er hat also einen Fuß oder ein Bein im Krieg verloren. Zwei der jungen Männer tragen nach wie vor ihre Militärstiefel, und während die des ehemaligen Offiziers „immer noch praktisch“ sind (ebd.), sind die des einfachen Soldaten „Kommißtreter […], wichseverkrustet, ewig grau“ (ebd.). Die Hierarchien aus jüngst vergangener Zeit setzen sich also fort. Und der Protagonist Paul schließlich hat seine Schuhe vom Vater, sie sind ihm zu groß und füllen sich mit Wasser (vgl. ebd.) – er hat also Angehörige im Krieg verloren und ist ebenfalls arm.

Die Schuhe rufen in dieser kurzen Szene die Differenzen der Kriegserfahrung auf der Seite der Tätergruppe und die verschiedenen damit verknüpften zentralen Opferrollen auf: Verlust von Familienmitgliedern, Invalidität, Kriegsgefangenschaft und Armut. Zudem implizieren die Schuhe deutlich eine Hierarchie von Privilegien, in der die ‚einfachen Deutschen‘ und die ‚Flakhelfer‘ ganz unten stehen: Die Kollaborateure mit den Amerikanern, die ehemaligen Offiziere, hier sogar die Kriegsverletzten1011 haben es besser – sie alle haben wasserdichte Schuhe – als die einfachen Soldaten. Dazu passt wenig überraschend auch die gesamte Figurenkonstellation des Texts. Es ist der ehemalige Offizier, der als einziger eine Freundin hat,1012 und der intern fokalisierte Protagonist, einfacher Soldat, stellt sich im Verlauf der Handlung als traumatisiert heraus: Durch Wasser, das in seine Schuhe rinnt, hat er eine Art Flashback und wird bewusstlos.1013 Auf die Szene wird weiter unten genauer eingegangen.

Erlebnisgemeinschaft

Als wichtiger noch als diese Unterschiede stellt sich nun aber im Verlauf der Erzählung die Gemeinsamkeit der jungen Männer heraus, die sie jetzt, in der Nachkriegszeit, zu einer Gruppe zusammenschweißt: Nämlich dass sie alle aktiv am Krieg teilgenommen haben. Wie gezeigt werden soll, entwickelt sich das in der Erzählung dokumentierte Gespräch genau im Sinne dieser allmählichen Verbrüderung, wie sie Möckel aufgrund der realen Tagebücher junger Deutscher beschrieben hat.1014 Und am Ende der Erzählung sieht man sich als Erlebnisgemeinschaft, obwohl dieses Empfinden durch die in Wahrheit ganz unterschiedlichen Erlebnisse, die zu Beginn der Erzählung evoziert werden, kaum eine reale Grundlage hat.

Im Symbol der Schuhe klingt bereits an, dass das Leben all dieser jungen Männer immer noch untrennbar mit dem Krieg verknüpft ist, ihre Erlebnisse sich aber so sehr voneinander unterschieden, dass es – so zwischen den Erinnerungen des ehemaligen Offiziers und denjenigen des achtzehnjährigen (vgl. HG 121) Flakhelfers Erich, der nur kurz im Feld war und seinen Fuß verloren hat (vgl. HG 126) – kaum Überschneidungen geben kann. Im Kontext der Schule, die sie nun besuchen, stellt sich aber nach dieser Exposition rasch heraus, dass die Differenz zu den ‚Nichtdabeigewesenen‘ und zur abstrakten Bildung alle Unterschiede in Wohlstand und Gewalterfahrung vergessen lassen.

Im Verlauf der Erzählung werden alle Unterschiede allmählich eingeebnet, und stattdessen beginnt die Gemeinsamkeit der verpassten Bildung durch ‚das Kriegserlebnis‘ zu dominieren. Der Verlauf ihres Gesprächs über die nächste Schulstunde zeigt das fast explizit:

‚Wie ist das eigentlich mit der linearen Exzentrizität?‘ fragte Horst. […] ‚Kindische Frage‘, sagte Walter. ‚Dann erkläre mir’s doch!‘ schrie Horst. ‚Tret’ ihm die Leutnantsstiefel in den Hintern‘, schlug Erich vor und angelte nach seiner Krücke. ‚Jetzt darfst du’s‘, ermunterte ihn Jakob, ‚beim Kommiß fünf Jahre Torgau.‘ ‚Ruhe!‘ brüllte Horst. […] ‚Egal‘, sagte Walter. ‚Warum hat’s ihm keiner erklärt?‘ ‚Weißt du’s?‘ ‚Nein.‘ […] ‚Weiß es keiner?‘ Es gab niemand eine Antwort. ‚Gott sei Dank‘, sagte Walter. (HG 129)

Die Freude darüber, dass man nun, anders als früher, gegen Horst als ehemals Höherrangigen aufmucken kann – eine Freude, die sich noch aus den vergangenen Unterschieden speist –, wandelt sich im Verlauf des kurzen Dialogs in die Freude darüber, dass niemand von ihnen, die Soldaten und Landser so wenig wie der Offizier, mit der Mathematik klarkommt, die sie nun lernen sollen. Sie nähern sich einander gerade dank dieses Unverständnisses für die Welt der Bildung an.

Trotz aller Unterschiede wird der Krieg so zum gemeinsamen Deutungshorizont und die Verständigung darüber zu einer Bewältigungsstrategie, die einen tragbaren Umgang mit der verpassten Jugend und der fehlenden Bildung ermöglicht. Insofern spiegelt der Text den vorherrschenden Nachkriegsdiskurs inklusive des Konstruktionscharakters der Erlebnisgemeinschaft, wie ihn Möckel anhand von Tagebucheinträgen nachvollzogen hat, wider:1015 Gerade wegen der Differenz und des traumatischen Gehalts der tatsächlichen Erlebnisse scheint hier im Rückblick das Konstrukt der Erlebnisgemeinschaft zu entstehen. Und wie nun zu zeigen ist, ist dieses Selbstverständnis als Erlebnisgemeinschaft eng mit einer Skepsis gegenüber den ‚anderen‘, ‚Nichtdabeigewesenen‘ verknüpft, die gerade durch ihre Bildung von der ‚Wir-Gruppe‘ abgegrenzt werden – was den Diskurs nahe an die nationalsozialistische Opposition von Gemeinschaft und Gesellschaft rückt.1016

Intellektuellenskepsis

Wie die gemeinsame Ablehnung der Gebildeten eine neue Verbundenheit schafft, wird schon in einem kleinen Dialog deutlich, in dem das Fronterlebnis zur Hilfe bei einer Strategie des Versteckens gegenüber der abstrakten, gebildeten, ehemals der ‚Gesellschaft‘ zugeordneten Welt wird: „‚Zum Speien‘, sagte Jakob, ‚ihr benehmt euch wie die Pennäler‘ ‚Sind wir ja auch‘, sagte Ludwig. ‚Einzig wahre Parole: anpassen! Nicht auffallen. Deckung nehmen. Die alte Masche.‘“ (HG 127)1017 Und über die Figurenkonstellation des Texts wird deutlich, dass es sich nicht nur um die Wahrnehmung der Schüler und damit Figurenperspektive handelt; die Erzählung impliziert vielmehr auch über die Handlungsebene einen allgemeinen Graben zwischen ‚den Intellektuellen‘ und ‚der Gemeinschaft‘; das Unverständnis scheint durchaus gegenseitig zu sein.

Ein Lehrer, der die Jungs nicht versteht, steht nämlich für die ‚andere Seite‘ der Dichotomie zwischen Intellekt und Erlebnisgemeinschaft. Sein Name „Dr. Protz“ verdeutlicht die Diskreditierung, die er in der Erzählung erfährt und die durch den verweiblichenden Übernamen „die Protze“, den die Schüler ihm geben, zusätzlich verstärkt wird. Der Protagonist fällt nach seinem ‚Flashback‘ in der Pfütze in einen tranceartigen Zustand und stellt sich dabei vor, wie er dem Lehrer im Namen aller ‚Dabeigewesener‘ die Meinung sagt. Diese Szene umfasst mehr als eine Seite, macht somit einen Fünftel der kurzen Erzählung aus und bildet auch deren inhaltlichen Schwerpunkt. Dadurch erfährt die Opposition zwischen Erlebnisgemeinschaft und Intellekt – die hier auch ganz typisch als eine zwischen Jung und Alt dargestellt wird – eine explizite erzählerische Ausgestaltung.

Paul, der Protagonist, geht zu ‚der Protze‘, um mit ihm zu sprechen, wobei er denkt: „Unter dem Glasdach pendelt hin und her Dr. Protz, die Protze mit weißem Vollbart, er kann das alles nicht so recht kapieren, soll im Sanatorium gewesen sein die letzten Jahre, man muß ihm das erklären“. (HG 130)1018 Als ihn der Lehrer als erstes fürs Rauchen kritisiert, klärt er ihn auf: „Sehen Sie, Herr Doktor, wir haben uns das so angewöhnt“ (ebd.). Bereits einleitend werden die beiden Figuren dezidiert zwei unterschiedlichen Welten zugeordnet, die sie sich gegenseitig mühsam erklären müssen, und die Opposition zum gemeinschaftlichen ‚Wir‘ wird über die Betonung des Doktortitels ‚der Protze‘ als die zwischen Erlebnisgemeinschaft und Gesellschaft kontextualisiert – wobei die Gesellschaft hier nun ganz direkt von ‚den Intellektuellen‘ verkörpert wird.

Im darauffolgenden Gespräch, das, wie sich erst am Schluss herausstellt, von Paul nur in seinem tranceartigen Zustand geträumt ist, wird die Ignoranz des ‚Herrn Doktors‘ überdeutlich. Das folgende (stark gekürzte) Zitat gibt die Stoßrichtung des Dialogs wieder:

Dr. Protz sagt: Wir sind hier in einem Gymnasium und bereiten das Abiturium vor. Ich sage: Aber wir haben doch jetzt große Pause, Herr Doktor. […] Das ist doch nicht so schwer zu verstehen. Sie verstehen doch auch die lineare Exzentrizität. Sehen Sie, da ist zum Beispiel Walter: seitdem der wieder eine kurze Hose trägt, hat er alles vergessen, was gewesen ist, Schießerei plus Dreck […], auch das, Herr Doktor, müssen Sie begreifen, wir sind alle wieder ein bißchen kindisch geworden, wir sind aus den Koordinaten gerutscht […]. Dr. Protz sagt: Aber seien Sie doch endlich still, man kann das ja nicht mehr hören, das ist doch überhaupt nicht so wichtig. […] Ihr habt alle den Freiheitskoller, ihr seid butterweiche Knaben. […] Weint euch aus, Kinderlein, hockt euch auf die Hosen und macht euer Abitur. Ich sage: Dazu gehört ein spezifischer Mangel an Erfahrung. Den haben wir nicht mehr, Herr Doktor. […] Die Klingel schrillte auf, Paul erschrak. […] Walter schüttelte ihn. ‚Pennst du, oder willst du nicht antworten?‘ (HG 131 f.)

Zwar kann diese Konstruktion durch das Ende der Erzählung grundsätzlich auch als Zeugnis des verwirrten Bewusstseins der traumatisierten Figur gelesen werden, dennoch wird der hier erläuterte Gegensatz nirgends durchbrochen. Der Professor erscheint am Schluss in der Realität genauso verständnislos und schnippisch wie im Traum:

Dicke Tropfen schlugen ihnen ins Gesicht. Hinter der Tür wartete Dr. Protz. ‚Die Herren vom Sonderkursus‘, sagte er, als sie an ihm vorübergingen. ‚Sie haben es nicht nötig, sich zu beeilen. Die große Pause kann den Herren nicht lange genug dauern.‘ (HG 132)

Die Erzählung scheint mit dieser einseitigen Darstellung also nicht zu implizieren, dass die negative Beurteilung ‚der Protze‘ einem Delirium entspringt. In Phantasie wie in der Realität zeigt er kein Verständnis für die Schüler; beide Male leitet er seine Beschimpfung mit einem Hinweis auf die Schule ein. Es scheint vielmehr darum zu gehen, dass sich diese Gedanken nur im Delirium offen äußern können – in der Wirklichkeit müsse man sich, wie ganz am Anfang schon betont wird, „anpassen! Nicht auffallen. Deckung nehmen.“ (HG 127) Offen reden lasse sich mit den ‚Nichtdabeigewesenen‘, das heißt hier auch der ‚älteren Generation‘, nicht.

Diese aus dem Krieg auf die Nachkriegszeit übertragene „Parole“ (ebd.) repräsentiert im Kleinen denselben ‚Kniff‘, den das Generationen-Motiv im Großen widerspiegelt.1019 Dasselbe Konstrukt, mit dem man sich nachträglich vom Nationalsozialismus abgrenzt (‚wir wurden unschuldig indoktriniert und haben uns zu unserem Schutz angepasst‘), dient auch der identitätsstiftenden Abgrenzung in der Nachkriegszeit – dabei entspricht aber paradoxerweise die Gruppe, von der man sich abgrenzt, wiederum gerade einem Feindbild ‚der Nazis‘, das zudem bereits im Nationalsozialismus der soldatischen Erlebnisgemeinschaft gegenübergestellt worden war. Die jungen ‚Dabeigewesenen‘ erscheinen nämlich unüberbrückbar von den Intellektuellen getrennt, die zu weich zum Kämpfen waren, so der effeminierte „Protze“, der im Krieg „im Sanatorium“ (HG 130) gewesen sein soll – und dieses Erlebnis mit ihrem abstrakten Wissen nicht fassen und dementsprechend auch nicht beurteilen können.

3.2.2 Horst Mönnich: „Die Wanderkarte“ (gelesen 1956)

Horst Mönnichs Roman-Ausschnitt „Die Wanderkarte“1020 wertet, wie nun im Folgenden gezeigt werden soll, ähnlich wie Hensels Text die Kategorie des Erlebnisses gegenüber dem abstrakten Intellekt auf. In Mönnichs Text geht die Verknüpfung mit Moralvorstellungen noch weiter als in demjenigen Hensels, indem die Erlebnisgemeinschaft nicht nur wie in der Nachkriegszeit als Legitimation für moralische Urteile gezeichnet wird, sondern selbst in direkter Übernahme des NS-Ideologems als moralisch positiver Wert erscheint. Das korrespondiert damit, dass er auch anders als jener im Nationalsozialismus spielt, ist aber, wie zu zeigen ist, nicht einfach dadurch zu erklären, dass die Ideologie kritisch aufgezeigt werden soll.1021

Der gesamte Roman Erst die Toten haben ausgelernt (1956), aus dem Mönnichs Almanach-Kapitel entnommen ist, wurde in einem erhellenden Aufsatz von Helmut Peitsch schon einmal im Zusammenhang mit dem Verhältnis von Kontinuität und Bruch analysiert,1022 und von allen untersuchten Texten am nächsten an den Deutungsmustern des Nationalsozialismus verortet. Peitsch stellt im Roman einen „Widerspruch zwischen Absage an Nazi-Ideologie und Fortsetzung, mit ihr übereinzustimmen“ fest,1023 was er damit begründet, dass Mönnich mit Schlagworten wie „Wunder, Opfer und Einsatz“1024 um sich werfe; letztlich konstruiere er dadurch „eine ungebrochene soldatisch-männliche Identität“.1025

Der Blick auf die Vorstellungen von Intellekt und Gemeinschaft fügt sich, wie hier nun ergänzt werden soll, widerspruchslos in dieses Bild. Der Roman spielt größtenteils im Nationalsozialismus, der Almanach-Teil in den Monaten vor der Machtübernahme. Die hier erzählte Episode dreht sich um einen Außenseiter – schwächlich, bebrillt, gehänselt und auch mit dem Namen Przybilla als der ‚Andere‘ markiert –,1026 der für kurze Zeit beliebt wird, als er einen äußerst gelungenen Wandertag in der unberührten Natur organisiert. Im Verlauf des Romans wird dieser Przybilla zur tragisch scheiternden Hauptfigur werden, da er sich im Krieg als freiwilliger Soldat die Anerkennung erzwingen will, die er in der Schule nicht bekommen hat.1027 In der Almanach-Stelle geht es aber um die Vorgeschichte dieser Entwicklung. Erzählt wird sie aus der Perspektive des namenlosen Ich-Erzählers, der allem Anschein nach anders als der ‚Streber‘ Przybilla zu den ‚durchschnittlichen‘ Schülern gehört. Der Erzähler scheint breit akzeptiert zu sein und schildert die Situation in der Klasse mit mitleidigem Verständnis und bereits einem Anklang der Bewunderung, die er dann im Verlauf des Romans deutlicher zeigen wird.1028

Przybilla als ‚der Andere‘

Im Zentrum des Almanach-Kapitels steht das ‚erfolgreichste‘ Schulerlebnis des Außenseiters Przybilla, das aus einem gemeinsamen Erlebnis der Klasse in der Natur erwächst. Im Vorfeld des jährlichen Schulausflugs hat er nämlich die Idee zu einem ganz neuen Ausflugsziel, das allen zusagt, und auf dem Ausflug selbst übertrifft er mit seinen Geländekenntnissen alle anderen, verhilft allen zu einem unvergleichlichen Wandertag und verschafft sich so den Respekt, der ihm sonst versagt bleibt. Przybilla hat nämlich eine Spezial-Wanderkarte für Eingeweihte von seinem Onkel bekommen, auf der, wie der Ich-Erzähler nostalgisch konstatiert, das „verlorene Paradies“ (MW 241) abgebildet sei.1029

Przybilla vermag nun die Karte zu lesen und die Klassenkameraden auf direktestem Weg an ein wunderschönes Ziel in einem seltenen Stück unbefleckter Natur zu führen. Dort stellt sich zudem heraus, dass er es geschafft hat, die Jungen- mit der Mädchenklasse zusammenzubringen, obwohl die Schulleitung das vermeiden wollte. Durch praktische Lebenserfahrung und fast soldatisches Navigationswissen außerhalb der Schule wird er also für einen einzigen Tag zum Helden: „Am Abend war Przybilla der erklärte Held der Klasse. […] Unsere Verblüffung war so vollkommen, daß die Tonangeber der Klasse keine Zeit fanden, den allgemeinen Umschwung der Gunst zu verhindern.“ (MW 243)

Zurück in der Schule lässt Przybillas Beliebtheit aber wieder nach, als er der einzige ist, dem ein neues Kunstwerk in der Schule gefällt. Es handelt sich um ein abstraktes Fresko von einem „Professor von der Akademie der Künste Berlin“ (MW 245), und die anderen Jungen überbieten sich mit abschätzigen Bemerkungen in einem „Sturm der Ablehnung“ (MW 246). Przybilla dagegen sagt, das Bild drücke aus, was er denke – und „für jeden war Przybilla der, der er immer gewesen, […] dem es nicht zustand, aus der Reihe zu tanzen“ (ebd.), obwohl sie der Zeichenlehrer ‚nervös‘ auffordert: „Seid doch tolerant“ (ebd.).

Die abschließende Bemerkung des Almanach-Kapitels ist, dass das Gemälde ein halbes Jahr später staatlich verordnet wieder entfernt worden und durch eine Art NS-Schrein ersetzt worden sei (MW 247),1030 was den zeitlichen Rahmen des Texts zu Beginn der Diktatur festlegt. Damit ist die Implikation der vorangehenden Szene expliziert; die zugespitzt ausgedrückt lautet, dass der ‚Andere‘, ‚Streber‘ und Außenseiter schon vor dem Nationalsozialismus der einzige gewesen ist, der ‚entartete‘ Kunst gemocht hat. Diese Konstruktion ist bemerkenswert, da im Subtext sowie auf der Textoberfläche und in der Figurenrede dasselbe Bild einer Überlegenheit ‚des Erlebnisses‘ in der Gemeinschaft gegenüber dem abstrakten Intellekt entsteht, für den Przybilla über weite Strecken der Erzählung mit Ausnahme von jenem einen Wandertag steht.

Er kann nämlich nicht nur als einziger etwas mit abstrakter Kunst anfangen, sondern scheint ständig nur in sein Heft (MW 238; 239) oder seine Bücher (MW 240) vertieft und zeigt wenig Sozialkompetenz oder eben ‚Gemeinschaftssinn‘: Er realisiert selbst, dass er „bloß Luft“ für alle (MW 239) sei, und selbst der Erzähler, der sich ihm gegenüber respektvoller zeigt als die meisten, ist am Anfang „benommen“ (MW 237), als er Przybilla mit einer „Rasse“-Frau (ebd.) sieht, und ruft den anderen zu: „ausgerechnet Przybilla!“ (Ebd.) Und nicht zuletzt sein Name – Przybilla ist polnisch, also in NS-Logik niederem Leben zugehörig, und bedeutet zudem „der Neuangekommene“, also Fremde –1031 unterstützt dieses Othering und hebt die Dichotomie zwischen dem Intellektuellen und den ‚normalen‘ deutschen Jungen hervor. Und die Handlung unterbindet die negative Figurenzeichnung nicht, sondern gibt beispielsweise dem Erzähler in seiner Verwunderung, dass Przybilla eine Frau habe, recht: Diese Frau entpuppt sich später im Roman als seine Cousine, er hat sie also gar nicht ‚bekommen‘.1032

Es entspricht einem in der vorliegenden Studie bereits mehrfach beobachteten Paradoxon, dass der Junge Przybilla, der für etliches steht, was im Nationalsozialismus geächtet wurde, sich im Verlauf des Romans nicht als Jude oder sonstiges Opfer des Nationalsozialismus herausstellt – sondern als einer, der sich freiwillig an die Front meldet. Damit werden in der Textlogik Werte für den Nationalsozialismus verantwortlich gemacht, die auch im Nationalsozialismus als Gefahr für die Moral der Volksgemeinschaft propagiert worden sind. Die lernenden „Streber“ und der Anblick abstrakter Kunst (die hier dezidiert von einem „Professor“ stammt, der bei jeder Erwähnung als solcher markiert ist, vgl. MW 245; 246) erscheinen als die Gefahr, die die Gemeinschaft der Schüler entfremdet – und, wie abschließend gezeigt werden soll, pflastern gerade sie gemäß Mönnichs ‚Moral der Geschichte‘ den Weg in die Diktatur.

Natur vs. Intellekt

Das zeigt sich insbesondere in der symbolischen Aufladung der Raumbeschreibungen des Texts. Przybilla bekommt nur ein einziges Mal von der Handlung recht, und zwar als er sich entgegen seiner sonstigen Art eben nicht wie ein ‚Streber‘ verhält, sondern durch seine Erfahrung punkten kann und in der freien Natur allen anderen überlegen ist. Gerade in dieser Szene zeigt er also ausnahmsweise Eigenschaften, die der ‚Gemeinschaft‘ zuzuschreiben wären, ist naturverbunden und ‚urwüchsig‘. Und auch in dieser Wanderszene werden nun dieselben Antagonisten einer friedlichen, natürlichen Idylle identifiziert, wie sie in der nationalsozialistischen Ideologie im Rahmen der Opposition von Gemeinschaft und Gesellschaft als Feindbild geprägt worden waren.1033

Der Wandertag wird nämlich genau in diesem Sinne als ursprüngliche Idylle beschrieben, in der für einmal alle Anzeichen der Moderne unsichtbar sind:

In dieses unangetastete Fleckchen Erde, eine Art Naturschutzgebiet, wollte Przybilla uns also führen … uns für einen Tag in jene Welt zurückversetzen … Geschickt vermied er alle Straßen, umging Siedlungen und armselige Dörfer, um die die Gruben[1034] schon ihren Würgegriff gelegt hatten, und ließ mit Spürsinn die Gleisanlagen der elektrischen Bahnen aus […]. Er führte uns […] Bachläufe hinaus, die mit grünen Moospolstern ausgeschlagen waren, in weiße Birkenwäldchen hinein, die aussahen, als habe noch kein Menschenauge sie erblickt. […] Unser Musiklehrer war der glücklichste von allen. Ununterbrochen summte er seine Müllerslieder, und wenn er es nicht tat, lobte er Przybilla […]. (MW 241 f.)

Hier wird mit einer märchenhaft-idyllischen Natur, die noch dazu mit Schubert- Liedern unterlegt ist (vgl. auch MW 240, 243), ganz ungebrochen ein Ideal von Natürlichkeit beschrieben, wie es auch im Nationalsozialismus propagiert wurde –1035 und dieses Idyll wird auch in genau diesem Sinne in einen direkten und sehr deutlichen Kontrast nicht nur zur industrialisierten Moderne, sondern vor allem zur „neue[n] Schule, die man uns gegeben hatte“ (MW 244), gestellt.

Nach dem Wandertag denkt der Ich-Erzähler denn auch erstmals darüber nach, wie kalt ihm die neu gebaute Schule plötzlich vorkomme:

Am nächsten Tag kam mir die Schule merkwürdig verwandelt vor. Schon von weitem sah sie aus wie eine Fabrik, und die fliesenbelegten hellen Flure mit den glatten Türen, deren jede als einzigen Schmuck eine Nummer trug, ließen mich frösteln. […] Zweckhaft, nichts als zweckhaft jede dieser schnurgeraden Linien, die immer in einem rechten Winkel endeten, […] eine Brutanstalt des Lernens das Ganze, wo in gleichförmigen Zellen lauter Musterschüler und kühl rechnende Streber auf einen rücksichtslosen Kampf um den Platz an der Sonne vorbereitet werden sollten. (Ebd.)

Und aufgrund dieser Überlegungen und während er vom Fenster aus beobachtet, wie die Natur von Industrie zerstört wird, überkommt den Ich-Erzähler nun die dunkle Vorahnung, „daß die neue Schule […] gar nicht anders hätte aussehen dürfen.“ (Ebd.) Er stellt also ausgerechnet die moderne Architektur der neuen Schule, ‚Streber‘ und die Modernisierung der Umgebung in einen Zusammenhang mit dem ‚Kommenden‘, und dass damit der Nationalsozialismus gemeint ist, klingt bereits durch mehrere Signalwörter wie ‚Zellen‘, ‚Nummer‘ und natürlich ‚Kampf‘ an (und wird sich im Roman ja bestätigen). Mönnich zeichnet so eine Kriegsstimmung im Frieden, die sich ausgerechnet in Attributen der Moderne und des Intellekts äußert.

Er macht so implizit eine Art ‚Entfremdung‘ der modernen Schule der 20er Jahre für den Niedergang Deutschlands in den Nationalsozialismus verantwortlich.1036 Das Böse erscheint dabei in Form von ‚kühl rechnenden Strebern‘, einem klassischen Feindbild des Nationalsozialismus, denen in einer Logik der binären Opposition das urwüchsige ‚Erlebnis‘ in der unberührten Natur, das nun vergangen sei, entgegengesetzt wird: Die Wanderung bleibt der einzige Moment im Text, der in der Textlogik nicht direkt auf den Nationalsozialismus zuführt, sondern eine Alternative dazu erahnen lässt. Die im Nationalsozialismus propagierte Sehnsucht nach Vergemeinschaftung schlägt sich hier also sogar in der Interpretation für die Ursachen des Nationalsozialismus nieder: Es sei der kalte Intellekt gewesen, der das Gemeinschaftserlebnis in der Natur zerstört und in „nebelhafte Ferne entrückt“ habe (MW 244) – was sich genau mit der nationalsozialistischen Gesellschaftsanalyse über die zu überwindende „bürgerliche[] Gesellschaft und Moral“ deckt.1037

3.3 Skeptische Stimmen

Wohl gerade wegen der Präsenz dieser Gemeinschaftssehnsüchte und -inszenierungen in der Gruppe 47 gibt es auch zwei Texte im Almanach, die dieses Bild eindeutig skeptisch verhandeln. Schallück („Monologe eines Süchtigen“, gelesen 1954) unterwandert in einem Nebenstrang seines Almanach-Texts dezidiert die mit dem Deutungsmuster der Erlebnisgemeinschaft eng verbundene Vorstellung eines stillen Einverständnisses zwischen Kriegskameraden. Amery („Das jähe Ende des Pater Sebaldus“, gelesen 1957) geht noch weiter und persifliert die mit der Vorstellung einer Deutungshoheit durch ‚Dabeigewesensein‘ einhergehende Intellektuellenfeindlichkeit – wobei einiges dafür spricht, dass sich seine Persiflage ganz konkret gegen die Gruppe 47 richtet.

3.3.1 Paul Schallück: „Monologe eines Süchtigen“ (Gelesen 1954)

Paul Schallücks ästhetisch vergleichsweise komplexer Text „Monologe eines Süchtigen“, gelesen 1954 in Cap Circeo, also bereits zwei Jahre vor der „Wanderkarte“, kritisiert das Konstrukt der soldatischen Erlebnisgemeinschaft zwar nur in einem nebensächlichen Handlungsstrang, aber nichts desto trotz ganz deutlich. Seine Erzählung spielt wie Hensels Text in der unmittelbaren Nachkriegszeit und handelt von einem drogensüchtigen jungen Mann namens Ulrich. Er hat gerade seine nicht näher definierten „Tabletten“ (ScM 211)1038 wieder bekommen und wartet in einer Bar im Entzugs-Delirium zunächst darauf, dass er sie in Ruhe einnehmen kann, und dann, dass sie wirken und der Rausch kommt. Die gesamte Handlung ist als eine Art ‚innerer Dialog‘ mit dem im Krieg verstorbenen Bruder gestaltet (dem wirkliche Repliken in direkter Rede zukommen), gestört nur ab und zu durch den Kellner der Bar und das „Mädchen“, das ihn später bedient.

Im Kontext der literarischen Verarbeitung einer eingeschworenen NS-‚Erlebnisgemeinschaft‘ ist insbesondere der Kellner von Interesse, obwohl er nur eine kleine Nebenrolle hat. Seine Figur ist interessant, weil er genau jene soldatische Erlebnisgemeinschaft mit dem Protagonisten zu evozieren versucht, wie sie im vorangehenden Kapitel in Mönnichs und Hensels Text beschrieben wurde. Anders als die Figuren in deren Texten verhält der Kellner sich aus seiner Erfahrung heraus aber nicht tatsächlich angemessener als irgendwelche ‚Nichtdabeigewesenen‘, sondern schätzt die Situation im Gegenteil gerade dadurch falsch ein und geht dem Protagonisten auf die Nerven. Der Keller spricht Ulrich nämlich an und fragt ihn mit „freundlicher Neugier“ (ScM 213), mit wem er die ganze Zeit spreche, worauf dieser unwillig reagiert. Als der Kellner daraufhin den Verdacht entwickelt, Ulrich könnte betrunken sein, und sich um sein Interieur sorgt, beruhigt ihn Ulrich mit dem Hinweis auf seine Vergangenheit als Soldat:

Ulrich schwatzte und lachte töricht, tippte mit dem Zeigefinger in lässiger Bewegung mehrmals gegen die Brust, reckte sich dann mit schmerzverzerrtem Gesicht und sagte: ‚Macht mir manchmal schwer zu schaffen. Lungensteckschuß, wissen Sie.‘ Und der Kellner beeilte sich verständnisvoll: ‚Ach so, das ist etwas anderes.‘ Er entdeckte in sich den Kameraden. ‚Dann entschuldigen Sie bitte, ich konnte es nicht wissen.‘ ‚Bitte!‘ sagte Ulrich zornig kalt und hart und hob das Glas. (ScM 213)

Der Kellner, der „in sich den Kameraden“ entdeckt, fasst dadurch Vertrauen und entpuppt sich nun erst recht als Störenfried: Ulrich möchte endlich seine Tabletten schlucken, aber der Kellner bleibt am Tisch stehen und redet auf ihn ein. Er gesteht, dass er „Spiritismus“ zum Hobby habe (ebd.) und spekuliert darüber, ob Ulrich wohl eine Verbindung zu den Toten aufgebaut habe, weil er offenbar unbewusst die Lippen bewege. Der Kellner gerät in Begeisterung:

[E]r glühte vor Freude, kameradschaftlich und dumm, und zog auch schon einen der Stühle heran, an den Tisch, um sich zu setzen; aber Ulrich Bürger ruckte den Stuhl mit dem Fuß zurück. (ScM 214)

Die Figur des Kellners hat also einiges lächerliches Potenzial, das dezidiert von seiner betont dummen ‚Kameradschaftlichkeit‘, also der falschen Erwartung einer allein durch das Kriegserleben gegebenen Gemeinschaft, herrührt. Der Protagonist wimmelt ihn schließlich sehr deutlich mit einem ironischen Spruch ab und wird in der Folge nur noch vom Serviermädchen bedient. Damit wird die einzige Figur, die sich in diesem Text positiv über Kameradschaft und Verbundenheit durch den Krieg äußert, von der Figurenrede wie auch vom Text diskreditiert.

Der subversive Gehalt dieser Stelle ist weniger ausgeprägt, als es zunächst scheinen mag, schließlich ist der Protagonist, der den Wirt ablehnt, eben ein Süchtiger und keine völlig unzweifelhafte Figur. Er erscheint zwar sympathisch, ist selbst Opfer zahlreicher Schicksalsschläge und wird (wohl nicht zuletzt auch über seinen Namen Ulrich)1039 insgesamt positiv markiert. Die Irritation des Wirts darüber, dass die Erlebnisgemeinschaft keine Vertrautheit stiftet, impliziert aber vor allem, dass das normalerweise anders ist und der traumatisierte Süchtige mit seiner Ablehnung eine Ausnahme darstellt. Dadurch wird auf der Metaebene der vorherrschende Diskurs zwar eindeutig verhandelt, im Zentrum steht aber nicht eigentlich die Kritik an diesem, sondern ein anderer Punkt: nämlich, dass die Drogenopfer und Traumatisierten selbst von der eingeschworenen Erlebnisgemeinschaft der ‚Dabeigewesenen‘ ausgeschlossen und so in ihrer Opferrolle noch bemitleidenswerter sind.1040

3.3.2 Carl Amery: „Das jähe Ende des Pater Sebaldus“ (gelesen 1957)

Deutlicher noch wird die Vorstellung eines Überlegenheitsgefühls durch ‚das Erlebnis‘ in einem anderen Text unterwandert, der, wie gezeigt werden soll, wahrscheinlich sogar konkret auf die Gruppe 47 zielt. In Amerys satirischem Almanach-Text „Das jähe Ende des Pater Sebaldus“ ist nun insbesondere der intellektuellenfeindliche Gehalt der Verbrüderungsrhetorik, der sich in einer Opposition von Erlebnisgemeinschaft und Bildung manifestiert, überdeutlich karikiert. Der Fokus liegt hier nicht mehr auf der Vergemeinschaftung durch das Kriegserlebnis, sondern auf dem Bild des ‚dabei gewesenen‘, harten Realisten, also der Fortsetzung des Diskurses in der Gruppe 47. Der Anschluss an die alte Opposition von Gemeinschaft und Gesellschaft durch eine Überbetonung der Lebenserfahrung des Landsers und seiner Intellektuellenfeindlichkeit wird deutlich evoziert.

Amery1041 wurde 1922 geboren, geriet in Kriegsgefangenschaft in den USA, war seit 1955 Mitglied der Gruppe 47 und wurde später Umweltaktivist und Mitbegründer der Grünen. Er galt als relativ typisches Gruppe-47-Mitglied und wurde wegen seiner linkskatholischen Haltung oft mit Böll verglichen.1042 In seinem Almanach-Text scheint er sich aber gegen die populäre Identitätskonstruktion und andeutungsweise sogar gegen ein populäres Gruppenmitglied zu stellen.

Im kurzen Romankapitel „Das jähe Ende des Pater Sebaldus“, gelesen 1957 in Niederpöcking, monologisiert ein Ich-Erzähler darüber, wie schwer er es in der Filmbranche habe. Das Kapitel stammt aus dem Roman Die große deutsche Tour (erschienen 1958),1043 der in Montagetechnik verschiedene Stimmen vom Aufstieg eines Reiseunternehmens unter der Leitung eines klugen, zynischen jungen Mannes schildert, der sich in den ersten Jahren der BRD hocharbeitet.1044 Das Almanach-Kapitel ist für den Roman trotz dessen Vielstimmigkeit eher untypisch, weil es wenig mit der restlichen Handlung zu tun hat. Der Ich-Erzähler dieses Teils wird auch nur noch einmal am Rande vorkommen; es ist die Figur Putz Niegel, die hier vom Ich-Erzähler geschildert wird, die im restlichen Roman im Mittelpunkt stehen wird – was im Almanach-Teil aber nicht deutlich wird. Für den gruppeninternen Diskurs ist dieses Kapitel ausschlaggebend, und es ist, wie zu zeigen ist, kaum zufällig ausgewählt worden; im Folgenden soll deswegen ganz auf das fokussiert werden, was durch die alleinige Lektüre des Almanach-Ausschnitts ersichtlich wird, um den Gruppe-47-internen Diskurs nachzuvollziehen.

Der Text im Almanach startet mit der wörtlichen Wiedergabe einer Szene aus einem fiktiven Drehbuch des Ich-Erzählers: Ein Pater rettet bei einem Firmenbrand unter Gefährdung seines eigenen Lebens seinen Antagonisten, einen Kommunisten, obwohl das Feuer sogar von einem von dessen kommunistischen Anhängern gelegt worden ist (vgl. AP 248–249). Der Erzähler selbst kommt erst nach dieser einleitenden ‚Stück-im-Stück‘-Szene zu Wort. Es stellt sich heraus, dass er verbittert ist, weil der Film nie gedreht worden ist und ein Kollege von ihm, der an der Drehbucharbeit beteiligt war, inzwischen erfolgreicher ist als er. Diesen Gegenspieler, Putz Niegel, beschreibt er als radikalen Gegenpol zu sich selbst. In dieser Dichotomisierung klingt diejenige in der Gruppe 47 bereits an:

Er wurde mir vom Dramaturgen der Victoria empfohlen. Und ich merkte sofort, daß Putz ein gescheiter Bursche ist. Einfälle hatte er wenig, das besorgte ich selber. Ich brauchte einen Mann mit Bildung. Meine eigene Bildung ist nicht die beste – ich sehe keinen Grund, das zu leugnen. Ich bin in die Schule des Lebens gegangen, ich habe mich hinaufgearbeitet vom Export-Kommis zu einem der vielbeschäftigsten Drehbuchautoren Deutschlands. Leider nicht zum bestbezahlten, aber das steht auf einem andern Blatt. In Geschichte und Geistesleben haperts bei mir. Und da kennt sich Niegel aus, das muß man ihm lassen. (AP 250)

Das Prinzip des Texts wird hier im Kleinen bereits deutlich. Die Beschreibung Putz Niegels ist an antiintellektuellen Stereotypen der NS-Zeit – Einfallslosigkeit, aber Bildung, amerikanische Konnotation durch „Victoria“, typisch ‚intellektuelle‘ Wissensschwerpunkte „Geschichte und Geistesleben“ – orientiert, die auch die oben untersuchten Texte prägt, hier nun aber unterwandert werden. Gleich zu Beginn wird die geringe Bildung des Ich-Erzählers betont, seine Sprache ist übersimpel, fast ohne Nebensätze, und im Verlauf seiner Rede entlarvt er sich zunehmend als eitler, einfach gestrickter Kitschautor.

Der Erzähler und der Gruppe-47-Realismus

Der Erzähler selbst sieht sich allerdings ganz im Gegenteil als einfachen, lebenserfahrenen „Kommis“ (AP 250)1045 – und diskreditiert sich damit zugleich selbst. Er spricht davon, wie „realistisch“ und „hart“ sein Text sei (ebd.), besteht aber gleichzeitig auf simple und von Niegel als „Kitsch“ (AP 251) bezeichnete Abweichungen vom Realismus, so wenn der Pater um jeden Preis einen Bart tragen muss („Der [Bart] war sozusagen der Angelpunkt meiner Konzeption“, ebd.), obwohl das historisch nicht korrekt ist, oder er anachronistisch im Licht einer Öllampe schreiben soll (ebd.). Das fiktive Drehbuch, das den Titel und die ersten beiden Seiten der kurzen Erzählung ausmacht, ist dazu passend auch stilistisch eine ziemlich treffende Persiflage auf die frühe „Kahlschlagliteratur“. So ist nicht nur der Titel eine Stilblüte, sondern auch die Figurenrede des fiktiven Stücks ist von solchen durchsetzt („Groß, verzerrt vor Zorn und Angst: Herrgott, wer ist denn der hirnverbrannte Idiot da drüben? […] / Stimme Kunitz’, grell aufreißend: Pater Sebaldus!!“, CA 248); platte Wendungen in den Szenenbeschreibungen werden zusätzlich durch ihre Wiederholung ausgestellt (mehrere Figuren werden beispielsweise als „mühsam verhalten“ beschrieben, AP 248; 251; der Pater mehrfach als ‚kantig‘ charakterisiert, AP 250, 251).1046

Darüber hinaus weist die Beschreibung des Textinhalts durch den Erzähler Parallelen zur Programmatik der frühen Gruppe 47 auf:

Hier, in Kreuz am Fliessband, sollte ein ganz harter, ein realistischer und doch tief religiöser Film entstehen – das hatte ich mir geschworen. Jenseits aller theologischen und ideologischen Spitzfindigkeit – im Tiefmenschlichen – siedelte ich die Handlung an: da ist Pater Sebaldus, kein Kopfhängertyp, sondern ein kantiger, hart zupackender Mann, der auch Priester ist, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und Jehle, der Kommunist, sein klassischer Gegner im Ringen um die Seelen der Fabrikarbeiter. Kein Schmonzes sollte in dem Film drin sein, kein Seelenkäse […]. (AP 250)

„[A]lles ganz hart, realistisch“ wird später ebenfalls noch einmal wiederholend betont (AP 252); das künstlerische Ideal des Ich-Erzählers zeigt übermäßiges Selbstvertrauen, die Forderung nach männlicher Härte und ein simples Literaturverständnis, wie es der frühen Gruppe 47 zu eigen war. Nur der Anspruch der tiefen Religiosität passt nicht dazu, dafür wiederum die herausgestellte Betonung, dass ein Pater vorkommt („wenn Sie verstehen, was ich meine“): Wie weiter oben schon bemerkt, spielen Pfarrer in den Almanach-Texten auffällig oft eine besondere Rolle.1047

Auch die Qualität dieser programmatischen Vorstellungen des Erzählers wird von Amerys Text infrage gestellt, etwa wenn sich der Ich-Erzähler selbst für eine besonders klischierte Szene lobt:

Der Pater weiß, daß es sich nur noch um Sekunden handeln kann, ehe die Halle endgültig zusammenbricht (der Brand war von einem Anhänger Jehles gelegt worden, aber gegen Jehles Absicht, das ist ein guter Gedanke, finde ich), und der Pater will und muß seinen Erzfeind retten. Liebet Eure Feinde und so.“ (AP 251)

Die eingangs zitierte Unterstellung, dass Niegel einfallslos sei und der Ich-Erzähler sich darin von ihm unterscheide – später betont der Erzähler noch einmal, ihm selbst falle im Gegensatz zu Niegel „mehr [ein] als einem Stall voller Dichter zusammen“ (AP 252) – wird hier relativiert, wenn der Erzähler seine eigenen Einfälle so deutlich überschätzt.1048

Putz Niegel und Intellektuellenfeindlichkeit

Dieser Figur des plump realistischen „Kommis“ steht der Intellektuelle Putz Niegel gegenüber. Er wird vom Protagonisten zwar als „netter umgänglicher Bursche“ (AP 251) bezeichnet, aber gerade in seiner Intellektualität dezidiert herabgesetzt. Der Information, er sei zu Beginn ihrer Zusammenarbeit „noch ein intellektueller Snob“ gewesen (ebd.), wird im abgedruckten Kapitel nie eine andere Zuschreibung aus der Erzählzeit entgegengehalten, stattdessen wird später noch wiederholt: „Wie gesagt, er war ein kleiner Snob, der Doktor Niegel“ (AP 253). Die diffamierend gemeinte Betonung des Doktortitels wie auch die Tatsache, dass ein ‚Mangel an Einfällen‘1049 (AP 250) unterstellt wird, erinnern deutlich an den nationalsozialistischen Diskurs über ‚die Intellektuellen‘.1050 Vor allem Letzteres, die angeblich intellektuelle Eigenheit, unkreativ und ideenlos zu sein, war auch antisemitisch aufgeladen1051 und in der Nachkriegszeit nach wie vor aktuell: Sie spielte in der Goll-Affäre um Celan eine zentrale Rolle, die 1957 bereits eingesetzt hatte,1052 und sollte später auch in Zusammenhang mit der Kritik Günter Blöckers an Celans Gedichtband Sprachgitter diskutiert werden.1053

Der Erzähler beschreibt Niegel durchgängig als vergeistigten, unpraktischen und etwas lächerlichen Intellektuellen. Er soll wegen der bereits erwähnten kitschigen Szenen im gemeinsamen Drehbuch „wie ein wunder Eber“ schreien und „sich völlig wahnsinnig“ gebärden (AP 251); im Zusammenhang mit einer Uneinigkeit über einen Schauspieler spricht der Erzähler davon, Niegel habe „einen seiner intellektuellen Anfälle“ gehabt (AP 252). Der Text selbst widerspricht dieser Darstellung aber quasi hinter dem Rücken seines Erzählers: Wenn Niegels Haltung in direkter Rede wiedergegeben wird, relativiert das die herablassenden Beschreibungen. Niegel erscheint keineswegs hysterisch und unpraktisch, spricht sogar eine ähnliche Sprache wie der Erzähler selbst. So lehnt er den unrealistischen Bart des Paters Sebaldus mit der (als Zitat markierten) Begründung ab: „Sie lassen ihn nicht ans Fließband mit so einem Biber“ (AP 250). Er spricht also genauso rau wie der Erzähler selbst und scheint zudem, ganz ‚unintellektuell‘, mehr vom Arbeiterleben zu verstehen als der angeblich so lebenserfahrene Realist, wenn er darauf hinweist, dass ein Bart am Fließband verboten ist, weil er gefährlich wäre. Aus den Verhandlungen über einen neuen Film namens die „Kastagnetten der Liebe“ (AP 253), der Niegel als gutes „Geschäft“ verkauft wird (AP 254), entfernt sich dieser mit den Worten: „Mein großes Geschäft erledige ich selbst, hat mir meine Mama beigebracht.“ (Ebd.) Auch dieser derbe Humor und die grobe Ausdrucksweise stehen in Widerspruch zu den Zuschreibungen des Erzählers, Niegel sei prätentiös und elitär.

Zudem wird schon zu Beginn des Almanach-Texts vorweggenommen, dass der Verlauf der Erzählung letztlich Niegel Recht geben wird und er bei aller unterstellten Praxisferne die besseren Entscheidungen trifft als der Erzähler als angeblicher „alter Fachmann“ (AP 250). Mit dem Ende der gemeinsamen Zusammenarbeit habe nämlich „gewissermaßen Niegels überraschender Aufstieg“ begonnen (AP 249 f.), und wie der Erzähler abschließend zugibt: „Heute beneide ich ihn manchmal – jedenfalls hat er mehr Zaster als ich“ (AP 254).

Wie bereits bemerkt vereindeutigt sich diese Konstellation im Verlauf des weiteren Romans, der im Almanach nicht mehr abgedruckt ist. Der Ich-Erzähler des hier diskutierten Kapitels wird kaum mehr zu Wort kommen, Putz Niegel erscheint dagegen als reflektierter, ironischer und über weite Strecken auch sympathischer Charakter, dessen Stimme derjenigen von Amery selbst am nächsten kommt. Zwar wird er am Schluss der Erzählung vom Reichtum korrumpiert sein, zu dem er es durch seine Lebenstüchtigkeit – die damit letztlich größer ist als die des ‚Dabeigewesenen‘ – gebracht hat. Diese Konstellation erscheint aber nicht mehr im Rahmen von NS-Oppositionen, sondern als eine Art faustischer Niedergang,1054 weil er sich von einer schönen Frau und einem schlauen Geschäftsmann dazu verleiten lässt, seine Ideale allmählich aufzugeben.

Die Haltung des Erzählers im Almanach-Abschnitt, seine eigene Lebenserfahrung ersetze oder übertreffe die theoretische Bildung Putz Niegels, dürfte sich daher kaum mit den Haltungen Amerys decken, sondern im Roman wie auch in der außerliterarischen Situation eher Ziel seines Spottes sein. Nicht zuletzt auch Amerys Biografie spricht dafür, dass es sich bei der beschriebenen Figurenkonstellation um eine Problematisierung von Intellektuellenfeindlichkeit und rigorosem Realismus-Ideal, nicht um deren Manifestation handelt: Amery hat sein Studium schon vor dem Krieg begonnen und unmittelbar nach seinem Wehrmachteinsatz weiterstudiert.

Der Erzähler als Andersch-Karikatur? Hinweise und (das Ausbleiben von) Reaktionen

Über die Parallelen in Stil und ‚Mentalität‘ hinaus gibt es auch einen textexternen Hinweis dafür, dass es sich bei der Poetik des Ich-Erzählers um eine konkrete Persiflage auf den Gruppe-47-Realismus handelt. Der Erzähler wird auf der letzten Seite des Almanach-Texts erstmals namentlich angesprochen, seine Agentin nennt ihn „Ferde“ (AP 254). Dieser Name kann als Koseform von Alfred gelesen werden, was angesichts dessen, dass in Programmatik und Einstellung der Figur des Erzählers deutlich die Ruf-Generation der Gruppe 47 anklingt, die Frage aufwirft, ob es womöglich Bezüge zwischen dem Erzähler und Alfred Andersch – seinerseits von Freunden „Fred“ genannt – gibt.1055

Und tatsächlich gibt es mehrere Stellen, die an Anderschs im gleichen Jahr erschienenen Roman Sansibar oder der letzte Grund erinnern.1056 In Amerys fiktivem Drehbuch wie in Anderschs Roman sind ein Pfarrer und ein gemäßigter Kommunist zentrale Figuren; hier wie da geht es um Grundsatzkonflikte zwischen den Figuren, die pars pro toto für ihr jeweiliges System stehen, und hier wie da stehen eine Rettung aus Lebensgefahr sowie die Infragestellung des Kommunismus’ im Zentrum der Handlung. ‚Ferdes‘ Beschreibung seines Drehbuchs könnte denn auch wörtlich auf Sansibar übertragen werden: „Nächstenliebe, Männlichkeit, und der antikommunistische Dreh für die Bundesbürgschaft“ (AP 251).

Als deutlicher Marker ist aber vor allem eine weitere Namensparallele zu sehen: Der Schauspieler, der bei Amery den Pater spielen sollte, heißt ausgerechnet Jörg Knudsen (AP 252) und wird nur „Knudsen“ genannt (AP 252, AP 253) – genau wie die dritte zentrale Männerfigur in Anderschs Sansibar-Roman neben dem Pfarrer und dem Kommunisten, der Fischer Knudsen. Obwohl es bei Andersch nicht der Pfarrer selbst ist, der den Namen trägt, ist es unwahrscheinlich, dass die frappanten Ähnlichkeiten der Figurenkonstellation und des Namens angesichts der großen Popularität Anderschs in der Gruppe 47 zufällig sind – zumal ja auch die Programmatiken Anderschs und des Erzählers Ähnlichkeiten aufweisen.

In den von Lettau gesammelten Tagungsberichten und den Gesamtdarstellungen der Gruppe findet sich kein Hinweis darauf, dass diese Bezüge zur Gruppe 47 jemandem aufgefallen wären,1057 obwohl der mehrfach genannte Name Knudsen zumindest Spekulationen hätte erwarten lassen. Zum einen liegt das wohl daran, dass Amery als Autor – anders denn als Politiker – größtenteils in Vergessenheit geraten ist.1058 Als weitere Erklärung für die ausbleibenden Reaktionen auf Amerys Seitenhiebe könnte man auch Richters rückblickendes Schmetterlinge-Porträt von Amery aus dem Jahr 1986 heranziehen, das impliziert, dass man zu Gruppe-47-Zeiten Mühe gehabt habe, ihn überhaupt zu verstehen:1059

Er setzte sich auch auf den ‚elektrischen Stuhl‘ und las vor, kam aber nie recht an. Vielleicht war seine Art des Denkens, des Schreibens und des Erzählens zu vertrackt, vielleicht zu bayerisch intellektuell, wie ich es nennen möchte, oft mit einem Humor, über den man nur zu Anfang lachte, später aber verstummte, […] weil man als Zuhörer nichts mehr ganz verstand. Er erzählt […] dreizehnstöckig. Bis zum zwölften Stock kam man amüsiert und interessiert, wenn auch schon keuchend, mit. Im dreizehnten Stock aber ging einem der Atem aus. Vielleicht werden spätere Leser ihn viel besser verstehen als wir heutigen […].1060

Daraus könnte man schließen, Amerys implizite Persiflage auf die alten Gruppe-47-Mitglieder sei gerade von diesen schlicht gar nicht als solche verstanden worden. Dieser unterstellte anspruchsvolle und schwerverständliche Stil dürfte aber eher Amerys weitere literarische Werke meinen, die größtenteils der Gattung Science-Fiction zuzuordnen sind, kaum aber Die große deutsche Tour. Amery montiert hier zwar verschiedene fiktionale Zeugnisse und der Text ist für den Almanach unüblich ironisch geschrieben; dass die Gruppe 47 von diesen Verfahren aber überfordert gewesen wäre, ist angesichts dessen, dass sie längst nicht mehr neu waren, und vor allem angesichts der sehr konventionellen Sprache und linearen Chronologie des Texts kaum vorstellbar. Verglichen mit Texten von Gruppenmitgliedern wie Aichinger oder Grass ist Die große deutsche Tour und erst recht das Almanach-Kapitel daraus, das ja wie beschrieben in betont einfacher Sprache verfasst ist, fast klassisch.

Ein wichtigerer Grund dafür, dass die Andersch-Anspielungen rückblickend nicht mehr thematisiert wurden, dürfte sein, dass die Lesung Amerys auf dem „Höhepunkt einer ersten Krise der Gruppe 47“1061 stattfand. Wie Böttiger ausführlich beschreibt, habe es auf der Tagung im September 1957 erstmals offenen Streit zwischen den alten Realisten und den neuen Gruppenmitgliedern gegeben –1062 und dieser Streit wurde unter anderem von Amery ausgelöst und könnte wiederum eng mit der Gegnerschaft zwischen Erlebnisgemeinschaft und Intellektuellen zusammenhängen, wie nun abschließend gezeigt werden soll.

3.3.3 Zum Streit auf der Tagung in Niederpöcking

Gerade auf dieser Tagung wurde eine Gruppendiskussion erstmals (illegal) mitgeschnitten und ein Ausschnitt der Debatte um Bachmanns Gedicht „Liebe: Dunkler Erdteil“ später von Arnold transkribiert,1063 sodass der von Böttiger beschriebene Streit direkt nachvollzogen werden kann. Es war Carl Amery, der nach Bachmanns Lesung als erster das Wort ergriff und damit offenbar prompt die wohl bereits erhitzte Debatte entzündete. Er hatte den Titel von Bachmanns Gedicht falsch verstanden („Lieber Dunkler Erdteil“) und warf dem Gedicht implizit Exotismus vor, indem er einen Bezug zu D. H. Lawrence herstellte.1064 Diese Stellungnahme Amerys wird nun in den einschlägigen Gruppe-47-Darstellungen zitiert1065 und dürfte dazu beigetragen haben, dass die vorangehende Lesung seines eigenen Texts – die als allererste dieser Tagung stattgefunden hatte –1066 darüber in Vergessenheit geriet.

Möglicherweise hing der gleich genauer zu beschreibende vehemente Widerspruch, den Amerys doch relativ harmlose Kritik auslöste, sogar damit zusammen, dass seine Lesung manche Tagungsteilnehmer in ihrer Eitelkeit gekränkt hatte. Umgekehrt ist es aber auch denkbar, dass er den Auszug für den Almanach erst wegen dieses Streits im Nachhinein ausgewählt hat.1067 Einiges bleibt in Bezug auf diesen Streit mangels weiterer Zeugnisse unklar. Eine mögliche Ergänzung der bisher tradierten Erzählung kann nun aber vorgeschlagen werden, indem die Diskussionsbeiträge wiederum auf den Gegensatz zwischen Intellektuellen und ‚Dabeigewesenen‘ bezogen werden. Wird der Streit nicht nur als ästhetischer, sondern auch im Sinne ebenjener Opposition als inhaltlicher gedeutet, ergeben sowohl die wütende Reaktion auf Amerys Beitrag als auch die Schärfe seiner Gruppe-47-Satire mehr Sinn.

Böttiger erzählt noch in seiner aktuellsten Gruppendarstellung – in enger Anlehnung an Richters kanonische Darstellung aus dem Jahr 19791068 – den Konflikt so, als habe er ausschließlich ästhetische Fragen betroffen:1069 Auf der Tagung in Niederpöcking seien erstmals „offen Generationsgegensätze“ ausgetragen worden;1070 ein schon länger schwelender „ästhetischer Dissens“ sei an die Oberfläche getreten und habe „persönlich werdende[] Auseinandersetzungen zwischen den Älteren, den ‚Realisten‘ und ‚Autodidakten‘, wie Hans Werner Richter sie nannte, und den jüngeren ‚Formalisten‘, die ‚von den Universitäten‘ kamen“, verursacht.1071 Damit werden die Unterschiede im Bildungsgrad zwar erwähnt, sollen aber angeblich nur den Stil betreffen.

Tatsächlich ging die Debatte wohl, wie hier ausgeführt werden soll, anders als die Überlieferung vermuten ließe, deutlich weiter und betraf auch Inhalte – und zwar ebenfalls im Rahmen der Unterscheidung zwischen den neuen, gebildeten und den alten, vom Leben geschulten Mitgliedern. Damit erinnert sie sehr an eben jene Problematik, die Amerys auf derselben Tagung gelesene Satire verhandelt. Wie gesagt löste Amerys Bemerkung über Bachmann Entrüstung aus, wobei in mehreren Stellungnahmen gerade die ‚gelehrte‘ Perspektive daran kritisiert wurde. Das wird beispielsweise im Diskussionsbeitrag Schnurres – dem Gruppenmythos nach quasi das erste Gruppe-47-Mitglied überhaupt –1072 sehr deutlich, als er nach längerer Debatte „noch mal zu dem Wort ‚Exotismus‘“ Stellung nehmen will:

Wenn ein Mensch, der ein Gedicht schreibt und hat die Vision von Büffel, Elefant oder Panther […], warum muß der jetzt in dem Augenblick, wo er diese Vision oder Idee oder Gedanken hat, jetzt erst überlegen und die Literaturgeschichte wälzen und nachsehen, ob das schon mal da war? Wenn er’s in seiner Form sagt und sagen kann – und das ist ja wunderbar gesagt – warum soll er sich dann darum scheren, daß das irgendwo schon mal aufgezeichnet ist, daß das irgendein Fremdwort hat? Das war doch ganz echt.1073

Schnurre stellt dem Überlegen, dem Wälzen von Literaturgeschichte und der Verwendung von Fremdwörtern – es handelt sich hier quasi um die schnippische Paraphrase eines Germanistikstudiums – etwas ‚Echtes‘ entgegen, ein ganz eigenes, originelles Sprechen, das ihm zufolge aus Visionen und Gedanken entspringt, das heißt ein Ergebnis reiner, künstlerischer Kreativität ist. Zwar wird der Begriff des „Intellektuellen“ nicht explizit verwendet, aber davon abgesehen kommt die Stellungnahme der oben zitierten intellektuellenfeindlichen Rede von Amerys karikierter Figur sehr nahe. Dabei wird insbesondere auf die Kreativität abgestellt, die auch im antisemitischen Diskurs in der Form der Unterstellung eines Mangels eine ausgesprochen wichtige Rolle spielt.1074 Verhandelt werden hier also eindeutig inhaltliche Fragen nach der Originalität und dem theoretischen Anspruch des Stoffs. Richter scheint denn auch einigermaßen allein damit zu stehen, die Debatte als rein ästhetische Debatte deuten zu wollen:

Carl Amery: Ich hab auch die Dings … auch nicht von der Exotik her als solcher gemeint, die Sache mit dem Lawrence, nicht? Das hoff ich, klargemacht zu haben. / Hans Werner Richter: Er hat von der Form gesprochen, nicht vom Gegenstand. / NN: Nein, das ist nicht ganz richtig. Er hat es mit Lawrence verglichen. Also von dem Inhalt her hat er gesprochen. / Hans Werner Richter: Ich finde etwas erstaunlich […] Ich merke hier bei einigen eine gewisse Verstimmung, weil die Kritik scharf ist …1075

Richter scheint mit seinem Einwand keine Zustimmung zu erhalten, woraufhin er sich auf seinen altbewährten Standpunkt zurückzieht, dass man harte Kritik nun einmal hinnehmen müsse, um in der Gruppe 47 zu bestehen. Direkt darauf folgt eine Stellungnahme Joachim Kaisers, die die Debatte abschließend zusammenfasst und wieder viel stärker als Richters Beitrag auf das Inhaltliche zielt:

[…] Wir sind aus dem Stadium des Experimentierens, wo jemand auch in Gottes Namen mal übers Ziel hinausgehen kann, raus, sondern er wird immer gleich auf diese Weltanschauung festgelegt: Und das hast du gesagt, wie war denn das möglich. Und das scheint mir, ist gefährlich, denn dadurch wird das, was gesagt wird, allmählich zum Zeitungsartikel. Man muß sich so vorsehen, als ob es gedruckt wäre. Und daran liegt es, das hängt mit der Verstimmung zusammen.1076

Dieser ganze Verlauf verdeutlicht, dass sich der Konflikt keineswegs nur um die ästhetischen Unterschiede zwischen ‚Formalisten‘ und ‚Realisten‘ dreht. Besonders die Stellungnahme Kaisers zeigt, dass es eher um eine Art Übergenauigkeit in Gesinnungsfragen gegangen zu sein scheint. Es ist bemerkenswert, wie sehr seine Aussagen an aktuelle Positionen in der „Political-Correctness“-Diskussion erinnern –1077 und dass er sagt, solche Kritik komme „immer gleich“, zeigt bereits, dass sich dieser Punkt vor allem auf ein anderes Thema der Tagung bezieht, das die Gemüter stärker erhitzt hat als der Exotismus, nämlich auf den Gegensatz zwischen der Schreibweise der ‚alten‘ Realisten und derjenigen der neuen, studierten Generationen in Bezug auf den Nationalsozialismus.

Die rückblickende Beschreibung der Tagung von Heinz Friedrich spricht genau dafür. Er argumentiert in sehr ähnlicher Logik wie Kaiser, postuliert nun aber, die „antifaschistische Haltung schlechthin als künstlerisches Kriterium“ sei ein Problem.1078 Wie er ausführt, leiste „die Kritik“ damit

einer gefährlichen Flucht aus der Gegenwart Vorschub; denn der Kampf gegen den Nationalsozialismus birgt heute kein Risiko, der Gegner ist tot. Die Unmenschlichkeit unserer Tage hat subtilere Züge […]. Verzweifelt klammern sich die Schriftsteller an die Themen von gestern, um ihre Unschlüssigkeit vor dem Heute zu kaschieren.1079

Kritisiert werden damit offenbar die neuen Diskussionsteilnehmer. Friedrich selbst gehörte zu den Gruppenmitgliedern der ersten Stunde und hatte bereits am Ruf mitgearbeitet, seine Kritik leitet er mit den Worten ein: „Sie beschwören mit schier manischer Besessenheit die Schatten der Vergangenheit oder vergnügen sich mit surrealistischen Spielereien […].“1080 Indem er allzu konsequenten ‚Antifaschismus‘ als „antiquiert“1081 brandmarkt, diffamiert er in einem Zug die neuen, kritischen Autoren/-innen als unpolitisch – was mit der Vorstellung korrespondiert, Intellektualität sei intrinsisch wirklichkeitsfremd und von ‚realen‘ Erlebnissen entkoppelt – eine Vorstellung, die auch im Begriff ‚Formalismus‘ mitschwingt und ebenfalls an das Intellektuellenbild des Nationalsozialismus anknüpfte, in dem bereits wortgleich „das ‚intellektuelle Denken‘ als ‚formalistisch‘ gegeißelt“ worden war.1082 So suggeriert Friedrich, dass seine Generation den Antifaschismus ja schon vor zehn Jahren erledigt habe; heute funktioniere politisches Schreiben anders. Damit scheint bereits im Jahr 1957 einer ‚inzwischen‘ als übermäßig empfundenen ‚antifaschistischen‘ Genauigkeit die authentischere Literatur der ‚Dabeigewesenen‘ entgegenzustehen, die sich aktuelleren Themen zugewandt hat und früher „in Gottes Namen mal übers Ziel hinausgehen“1083 konnte.

Dafür, dass diese Opposition deutlicher im Mittelpunkt der Debatte stand als rein formale Fragen und die von Friedrich geforderte Sichtweise genau wie in der Figurenrede von Amerys Satire dezidiert an das Erleben des Kriegs geknüpft war, spricht die Rolle der neuen, aber ‚dabei gewesenen‘ Autoren wie Grass, Walser oder Enzensberger.1084 Auf den ersten Blick müssten sie angesichts ihres Werdegangs und ihrer Schreibweise in den ersten Gruppe-47-Jahren jenen ‚Formalisten‘ zugeordnet werden, die von den Universitäten kommen; Richter reiht sie zunächst auch scheinbar, Böttiger dezidiert in dieses ‚Lager‘ ein.1085 Andererseits scheinen aber gerade Grass und Walser beide in dieser Debatte gleich in mehreren Punkten eher im anderen Lager zu verorten zu sein und zahlreiche Haltungen mit der Ruf-Generation zu teilen. Insbesondere äußerten sich beide, genau wie die ‚erste Generation‘ der Gruppe 47, gegen „antifaschistische Haltung schlechthin als künstlerisches Kriterium“,1086 wie Lettau in einer Fußnote zu ebenjenem oben zitierten Artikel Friedrichs bemerkt.1087 Es ist wenig erstaunlich, dass Friedrichs Zitat in späteren Darstellungen sogar Walser zugeschrieben wird,1088 auch wenig erstaunlich, dass sich Walser bereits in der Debatte um Amerys Kritik an Bachmann gegen die angeblich spitzfindige Kritik am Exotismus richtetet:

Bloß weil Afrika genannt wird und weil in der Literaturgeschichte steht, Freiligrath habe über Afrika geschrieben – nehmt doch die Metaphorik, den Rhythmus, ich will jetzt gar nicht über dieses Gedicht sprechen – aber es ist Unsinn, solche Vergleiche heranzuziehen.1089

Dass Grass und Walser inhaltlich näher an Richter, Schnurre und Andersch standen als an anderen angeblichen ‚Formalisten‘, zu denen Aichinger und Bachmann gezählt werden,1090 ist angesichts ihrer Entwicklung wie auch rückblickend mit Blick auf Programmatik, Engagement-Verständnis und die Rolle im Nationalsozialismus der beteiligten Personen wie auch auf NS-Kontinuitäten und Moralvorstellungen in ihren Texten deutlich überzeugender.

Und tatsächlich ist es auch genau im Zusammenhang mit dieser Tagung und diesem Konflikt, dass Richter seine bereits eingangs dieser Studie zitierte These formuliert, der ‚Geist‘ der Gruppe 47 wurzle wohl im ‚Erlebnis‘ des Kriegs. Nachdem er die formalen Unterschiede in der Schreibweise der ‚Neuen‘ und ihre intellektuelle Herkunft betont hat, fügt er nämlich hinzu:

Es bleibt trotzdem erstaunlich, daß diese Generation sich ganz ohne Opposition integrieren ließ. Ich glaube, es gibt nur eine Erklärung dafür: Obwohl sie die Kinder des Krieges waren, war für sie die entscheidende Erlebniswelt das Dritte Reich und der Zweite Weltkrieg, wie auch für viele von uns.1091

Obwohl dieser Konflikt als einer über die literarische Form in die Geschichtsschreibung der Gruppe 47 eingegangen ist, kann gerade darin auch ein Beleg für das Gegenteil gesehen werden. Wenn man den Blick auf diejenigen Beteiligten richtet, die formal den ‚neuen‘, aber hinsichtlich ihrer Kriegerlebnisse und ihrer Skepsis gegenüber Urteilen, die aufgrund abstrakter, angelernter Informationen gefällt werden, eher den ‚alten‘ Gruppenmitgliedern näher standen, zeigt sich, dass ihre Position bereits in jener frühen Debatte auf der Seite Richters war.

Um den konkreten Begriff des ‚Intellektuellen‘ ging es dabei nicht mehr – die Gruppe-47-Mitglieder gelten ja auch als die führenden Intellektuellen der Nachkriegszeit, und bereits Andersch hat den Begriff in seinem Essay Deutsche Literatur in der Entscheidung (1948) positiv verwendet.1092 Die ‚Dabeigewesenen‘, die in der Gruppe 47 tonangebend blieben, scheinen sich aber gleichwohl von zahlreichen im Nationalsozialismus mit genau diesem Begriff verbundenen und negativ stigmatisierten Eigenschaften abzugrenzen. Der Gruppe-47-Intellekt, der sich nur aus Erfahrung speist, erscheint in Abgrenzung zu den angeblichen NS-‚Intellektuellen‘ gerade nicht als formalistischer, ‚kalter‘ und abstrakter,1093 sondern als quasi ‚praktischer‘ Intellekt – was ihn näher an das rückt, was im Nationalsozialismus als „echte deutsche Intelligenz“1094 bezeichnet wurde: „Arbeiter des Geistes“ hatten „Arbeiter der Stirn und der Faust“ zu sein.1095

3.4 Autor und Erzähler als ‚Dabeigewesene‘

Vor dem Hintergrund von Erlebnisgemeinschaft und Deutung zeugt also der erste große Streit in der Gruppe 47, der bisher primär auf unterschiedliche Sichtweisen in reinen Stilfragen zurückgeführt worden ist, davon, dass bereits in dieser Diskussion 1957 Form und Inhalt enger verknüpft waren, als die Überlieferungen vermuten ließen. Tatsächlich scheint auch die Kluft zwischen den Realisten, die Deutung durch Augenzeugenschaft anstrebten, und den ‚abstrakter‘ agierenden Intellektuellen, über die Amerys Erzählerfigur sich lustig macht, 1957 auf einem ersten Höhepunkt angelangt zu sein. Amerys Satire wie auch die zeitgleich einsetzende Krise in der Gruppe 47 erinnern also auch daran, wie eng die Identitätskonstruktion als Erlebnisgemeinschaft offenbar nicht nur mit dem Inhalt, sondern auch mit dem ‚harten‘ Stil der realistischen Gruppe-47-Literatur verknüpft war.

Auf diese Verknüpfung soll abschließend ein Blick geworfen werden, wobei im Umkehrschluss aus den gerade beschriebenen Ergebnissen gefragt wird, ob auch formale Aspekte der realistischen Schreibweise im Zusammenhang mit dem Primat der Erlebnisgemeinschaft gelesen werden können. Wie bereits im ersten Teil der Studie und im Zusammenhang mit den ‚Mustertexten‘ angedeutet,1096 sehen die Autoren der frühen engagierten Texte gerade ihr Engagement, das heißt ihre moralisierende Schreibweise, ganz dezidiert durch ihr ‚Dabeigewesensein‘ begründet. Die Frage ist angesichts der bis hier gesehenen engen Verknüpfung der Selbstwahrnehmung als moralischer Instanz mit diskriminierenden Positionen, ob und inwiefern sich ein Ausschluss ‚Nichtdabeigewesener‘ ebenfalls bereits in der Machart dieser engagierten Texte niederschlägt. In zweierlei Hinsicht soll das Verhältnis der ‚dabei gewesenen‘ Autoren zu ‚Anderen‘ abschließend kurz reflektiert werden, um dann zu prüfen, wie dieses Verhältnis mit der Machart der Texte der ‚Dabeigewesenen‘ zusammenhängt: das Verhältnis zu Autoren, die formal anders schreiben, sowie das zu den ‚Nichtdabeigewesenen‘ unter den Lesenden. Lässt sich die Opposition zu diesen Personengruppen an der engagierten Schreibweise festmachen, und setzt sich dies möglicherweise nach dem frühen Gruppe-47-Realismus in den jüngeren Generationen der ‚Dabeigewesenen‘ fort?

3.4.1 Autor als ‚Dabeigewesener‘ vs. andere Autoren im Kahlschlag

Als simpelster formaler Ausdruck eines Selbstverständnisses als Erlebnisgemeinschaft kann bereits die Idealisierung des Realismus an sich gesehen werden, den sich die ‚junge Generation‘ ja gerade in Abgrenzung zu den Älteren und zu den Exilautoren auf die Flagge schrieb. Gemäß Programmatik sollte in dieser realistischen Literatur schließlich alles so beschreiben werden, wie man es selbst gesehen und also erlebt hatte; man erinnere sich an Weyrauchs programmatischen Kahlschlag-Essay.1097 Es handle sich beim Realismus, wie er schreibt, um die

Methode der Bestandsaufnahme. Die Intention der Wahrheit. Beides um den Preis der Poesie. […]. Wenn der Wind durchs Haus geht, muß man sich danach erkundigen, warum es so ist. Die Schönheit ist ein gutes Ding. Aber Schönheit ohne Wahrheit ist böse. Wahrheit ohne Schönheit ist besser. […] Es gibt vier Kategorien von Schriftstellern. Die einen schreiben das, was nicht sein sollte. Die andern schreiben das, was nicht ist. Die dritten schreiben das, was ist. Die vierten schreiben das, was sein sollte. Die Schriftsteller des Kahlschlags gehören zur dritten Kategorie. Einer von ihnen, Gerd Behrendt, hat es selbst einmal formuliert: ‚ich schrieb das auf, was passierte.‘1098

Hier wird nicht nur, wie bereits in Teil I der vorliegenden Studie diskutiert, der moralische Impetus der realistischen Programmatik sehr deutlich – Schönheit ohne Wahrheit sei böse –, sondern auch die Tatsache, dass es in dieser Literatur um einen möglichst unvermittelten Bericht dessen, was passiert ist, gehen soll. Wie bereits gesehen, schreiben die wichtigsten frühen Gruppe-47-Mitglieder in diesem Sinne hyperrealistisch, wobei dieser Hyperrealismus implizit oder explizit sogar als quasi journalistisches Schreiben verstanden wurde. Das zeigt die bereits oben erwähnte achtungsvolle Versicherung von Richter gegenüber Schneider, sie beide seien eigentlich keine Autoren, sondern vielmehr Journalisten;1099 aber auch, dass Richter noch 1984 erklärt, Die Geschlagenen (1949) sei eine Reportage gewesen.1100

Journalistisches Schreiben bedeutet nun definitionsgemäß, dass man das Beschriebene auch selbst erlebt hat, ist Augenzeugenschaft doch die Grundbedingung jedes journalistischen Texts. Wenn man das wieder auf den Anspruch, Wahrheit ohne Schönheit darzustellen und dadurch im Sinne Weyrauchs moralisch gut zu schreiben, zurückbezieht, dann wird die enge Verbindung des moralischen Schreibens und des ‚Dabeigewesenseins‘ gerade durch die Form des Realismus deutlich. Und auch hier ist dem moralischen Anspruch eine Exklusion von moralischer Deutung durch ‚Andere‘ logisch inhärent: Wer nicht dabei war, kann gar nicht schreiben, was ist und was passiert ist; kann also in diesem Sinne gar nicht moralisch über den Nationalsozialismus schreiben.

Dazu passt, dass sich Autoren wie Schneider, Ferber oder Mönnich, die genau den hyperrealistischen und quasi journalistischen Stil der ersten Jahre pflegen, als besonders repräsentative Almanach-Vertreter hinsichtlich partikularistischer Verknüpfungen von Moralvorstellungen und Identität herausgestellt haben. Für weitere Texte, in denen implizit bleibt, inwieweit das ‚Dabeigewesensein‘ der Erzähler dem der Autoren entspricht, lässt sich die Frage nach der Verknüpfung von Identität und Moral aber schwieriger beantworten. Man müsste die Biographien der realistischen Autoren direkt mit den deutenden Instanzen ihrer Erzählungen vergleichen, um zu bestimmen, ob es sich wirklich um Augenzeugenberichte handelt. Das ist kursorisch für eine große Menge an Almanach- und Preistexten nicht leistbar, zumal gerade die journalistisch schreibenden Autorinnen und Autoren der ersten Jahre heute kaum mehr bekannt sind.

Bestimmt werden kann aber zumindest, ob die Texte den Eindruck der Augenzeugenschaft erwecken: Das tun sie, wenn sie realistisch oder quasi-journalistisch geschrieben sind und die intern fokalisierte Figur der ‚Wir-Gruppe‘ der Autorin oder des Autors angehört. Und hier ergibt der Blick auf die Tabelle das deutliche Bild, dass von den 37 Texten, die keine Gedichte sind – und im Almanach sind keine Gedichte enthalten, die dem Realismus zugeordnet werden könnten –, immerhin ganze 31 in einem eher realistischen Stil verfasst sind.1101 In 19 davon ist die intern fokalisierte Figur implizit oder explizit aus Deutschland –1102 und in allen dieser 19 Texte ist sie mindestens andeutungsweise dem Täterkollektiv im oder nach dem Nationalsozialismus angehörig.1103

Das ist kein überraschender Befund, stützt aber angesichts dessen, dass der moralische Impetus der Gruppe 47 in der internen Wahrnehmung mit genau jenem Realismus verknüpft ist, quantitativ die These, dass Erlebnisgemeinschaft und moralische Deutung auch formal einen exkludierenden Aspekt beinhalten. Von dem moralischen, engagierten Gehalt des ‚Kahlschlags‘ scheinen in der Theorie und in der Praxis der Gruppe 47 die meisten derjenigen Autorinnen und Autoren ausgeschlossen zu sein, die dieses realistische Schreiben, dieses Beschreiben dessen, ‚was passiert ist‘, nicht leisten wollen, weil sie andere Schreibweisen bevorzugen, oder aber es nicht leisten können, weil sie nicht aktiv am Krieg teilgenommen haben. Das eine geht dabei nicht selten mit dem anderen einher.

3.4.2 Autor als ‚Dabeigewesener‘ vs. ‚nicht dabei gewesene‘ Leser/-innen im Kahlschlag

Der ‚magische Realismus‘ als zweite beliebte Realismus-Variation neben dem gerade beschriebenen journalistischen Stil hat nun einen quasi analogen Effekt weniger in Bezug auf die ‚nicht dabei gewesenen‘ Autorinnen und Autoren als auf die Lesenden. Die Nachkriegsautoren beziehen sich in ihrem Ideal des magischen Schreibens auf Hemingways „Eisbergtheorie“, die fordert, nur einen kleinen Teil dessen, was man meint – die Spitze des Eisbergs –, auch wirklich zu explizieren; dieser kleine Teil müsse genügen, um auf den Rest zu schließen.1104 Die oben vorgeschlagene Lektüre von Christian Ferbers „Mimosen im Juli“1105 hat bereits paradigmatisch gezeigt, wie diese Schreibweise aufseiten der ‚Nichtdabeigewesenen‘ dazu führen kann, dass ihnen ganze Textebenen unzugänglich bleiben müssen,1106 wenn die Entschlüsselung von Anspielungen nicht primär Bildung und Wissen, sondern Erfahrung voraussetzt.

Und gerade in Weyrauchs Anthologie Tausend Gramm, in der er, wie oben zitiert, den Kahlschlag definiert, findet sich ein nennenswerter Anteil von Texten voller bedeutungsschwerer Andeutungen, deren Referenz von heute aus überaus rätselhaft bleibt.1107 Die Verfahren sind immer sehr ähnlich und sollen hier nur an einem Beispiel grob umrissen werden: Drewes „Hoffnung“ handelt von einem Ehepaar, das in eine ‚große Stadt‘ ins Spital fährt, weil der Mann offenbar innerhalb des letzten Jahres erblindet ist. Das wird gleich zu Anfang angedeutet; es wird beschrieben, wie er sich neben ihr hertastet, und seine Ehefrau denkt: „Die Anstellung im Laboratorium kam so schnell und dann – Sie sah wieder auf seine Augen.“1108 Im Spital wird er untersucht, es wird schon etwas deutlicher, dass seine Blindheit etwas mit der Arbeit zu tun haben muss: Der Arzt „erkundigte sich genau nach allen Einzelheiten des Unfalls. ‚Eine Explosion also?‘ fragte er. ‚Ja, im Laboratorium‘, sagte der Mann; ‚ich bin Chemiker. Wir wurden von Herrn Blom an Sie verwiesen. Sie operierten ihn mit so viel Erfolg.‘“1109 Was im Laboratorium genau explodiert ist, was sich danach zugetragen hat und wieso diese Begebenheit erzählt wird, bleibt auch in dieser ganzen Diskussion unklar – und die ‚Pointe‘ des Texts schließlich wird erneut von bedeutungsschweren Gedankenstrichen verschluckt: Nachdem der Mann die Nacht im Spital verbracht hat, ist anscheinend klar, dass er anders als besagter Herr Blom nicht operiert werden kann. Woran das gemäß dem Arzt liegt, erklärt der Mann seiner Frau wie folgt:

‚Hat er dich denn noch einmal untersucht?‘ fragte die junge Frau behutsam […] ‚Nein‘ sagte der Mann schwer. ‚Aber er wollte doch noch eine Probe– –‘ ‚Er hat mir nur von seinen Patienten erzählt, als ich es ahnte, und davon, wie viele Männer im Krieg – –‘‚So‘, sagte die junge Frau beklommen und leise und sah in den leuchtenden Schnee. ‚Dann hat er mir die Hand gegeben und ist gegangen. Und nun sind wir wieder hier draußen, du‘– und er knackte mit den Schuhen im Schnee, drückte den Arm seiner jungen Frau und bot dem kalten Wind sein nacktes Gesicht …1110

Mit diesen drei Auslassungspunkten endet die Erzählung. Sowohl die Ursache für die Erblindung des Mannes als auch die Begründung dafür, wieso er nicht operiert werden kann („viele Männer im Krieg – –“), bleiben durch die Auslassungen in Form von jeweils zwei Gedankenstrichen im Dunkeln, der Text belässt es bei der zitierten vagen Andeutung auf die Kriegsblinden – und das, obwohl es sich bei der Operation um den Erzählanlass und den gesamten Inhalt des Texts handelt. Spuren, die nach Signalverweisen aussehen, die auch mit abstraktem Wissen gedeutet werden könnten, laufen ins Leere; so erschließt sich keine eindeutige Referenz des Namens „Daniel Blom“.1111 Das einzige, was in diesem Text und in allen analogen Texten in Tausend Gramm überdeutlich wird, ist nun eben das, was sie für die Frage nach der Erlebnisgemeinschaft besonders interessant macht: Diese mit rein abstraktem Wissen nicht auflösbaren Anspielungen und Spannungsmomente beziehen sich ausnahmslos relativ eindeutig auf den Krieg oder die direkten Kriegsfolgen für die deutsche Tätergesellschaft in der Nachkriegszeit. Für die ‚Dabeigewesenen‘ dürften sie deswegen verständlich gewesen sein.

Dieses ästhetische Verfahren in dieser frühen Form des magischen Realismus’ Marke Gruppe 47 dürfte wohl einen nicht unwesentlichen Teil dazu beigetragen haben, dass die meisten dieser Texte heute vergessen sind: Nur wer ‚dabei war‘, den Krieg selbst aus Soldatenperspektive erlebt hat, verspürt hier nämlich den Reiz einer künstlerischen Vieldeutigkeit. Dabei muss das Motiv für diese Schreibweise zunächst gar nicht zwingend ein gezielter Ausschluss gebildeter, nichtdabeigwesener Lesender gewesen sein; ein Grund für das Einflechten solcher Verweise könnte auch gewesen sein, dass den Autoren ‚universelle‘ Verweise auf den Bildungskanon mangels Schulbesuch gar nicht möglich waren. Dass das sich schnell aufbauende Selbstverständnis als moralische Instanz und als Stimme des ‚Wahren‘ und des ‚Guten‘ der Gruppe 47 so eng an dieser reinen Abbildfunktion von Literatur orientiert war, zeigt aber, dass aus dieser Not rasch ganz buchstäblich eine Tugend gemacht wurde.1112 Und dafür, dass auch der inhaltliche Aspekt, die Texte einer exklusiveren Gemeinschaft vorzubehalten, eine Rolle spielte, spricht nun dafür, dass die viel elaborierteren Schreibweisen späterer Gruppe-47-Mitglieder, erneut unter anderem diejenigen von Grass und Walser, denen des Kahlschlags gerade in dieser Hinsicht gar nicht unähnlich sind.

3.4.3 Moralische Schreibweisen der ‚Dabeigewesenen‘ bei den ‚Kriegskindern‘?

Dass die realistischen und magisch-realistischen Schreibweisen der ersten Gruppe-47-Generation nicht nur in ihrer Programmatik, sondern auch im Engagement-Verständnis hinsichtlich moralischer Deutungshoheit einseitig waren, erstaunt wenig. Aber hat sich auch dieser Aspekt einer partikularen Verknüpfung von ‚Erlebnis‘ und Moral in der Schreibweise der zweiten Gruppe-47-Generation der ‚Dabeigewesenen‘ fortgesetzt?1113 Die literarischen Formen in der Gruppe 47 haben sich nach den ersten Jahren Dominanz des (magischen) Realismus schnell ausdifferenziert; auf der inhaltlichen Ebene spricht aber einiges für ein Fortleben eines partikularen Verständnisses von moralischer Deutungshoheit.

Der grundsätzliche Unterschied zwischen Augenzeugenschaft und abstrakter, theoretischer Herangehensweise blieb, wie weiter oben in diesem Kapitel gesehen, noch lange nach der ‚Alleinherrschaft‘ der ‚Dabeigewesenen‘ ein wichtiger Aspekt in den außerliterarischen Diskussionen der Gruppe 47,1114 und auch im Selbstbild der Autoren als moralische Instanzen scheint die beschriebene Vorstellung der moralischen Texte als exklusiver Deutungsort auf.1115 Abschließend sollen deswegen zwei Aspekte der Literatur der jüngeren ‚Dabeigewesenen‘ versuchshalber in einen Zusammenhang mit einer Vorstellung von exklusiver Deutungshoheit und eines Anrechts auf Normativität durch Augenzeugenschaft gestellt werden.

Erstens scheint sich gerade das oben für die Programmatik des ‚Kahlschlags‘ beschriebene Grundprinzip, dass die Texte selbst für moralische Integrität stehen und mit einer grundsätzlichen Deutungshoheit und moralischen Überlegenheit assoziiert werden, in den literarischen Texten der ‚Kriegskinder‘ auch in den späteren Jahren gehalten zu haben. Zwar wird das Motiv der Erlebnisgemeinschaft auf der Textoberfläche bald unwichtig. Aber die Vorstellung, dass die Autoren für ihre eigenen Erlebnisse einstehen und sie dementsprechend selbst und abschließend deuten könnten, ist noch Grass’ Autorbiografie Beim Häuten der Zwiebel inhärent, die in der öffentlichen Debatte für das „Bestreben, ‚das letzte Wort haben‘ zu wollen“, und dafür, „die moralische Bewertung seiner Mitverantwortung der eigenen Person vorzubehalten“, kritisiert wurde.1116 Und noch das jüngste Gruppe-47-Mitglied, Hans Christoph Buch, steht für eine engagierte Literatur mit klarer Botschaft. Auch in seinen Büchern bleibt der moralische Impetus eng an ihn als empirischen Autor und sein Dabeisein geknüpft – wobei er und seine Figuren sich auf den globalen Kriegsschauplätzen der jüngsten Vergangenheit bewegten und bewegen.1117

Zweitens könnte eine sehr spezifische Schreibweise, die sich in vielen Texten dieser ‚Kriegskinder‘ äußert, mit diesem normativen Anspruch verbunden sein. Unter anderem Walter Jens’ Almanach-Ausschnitt aus dem Roman Der Mann, der nicht alt werden wollte ([1953] 1962), in Günter Grass’ Novelle Katz und Maus (1961), in Peter Bichsels „Skizzen aus einem Zusammenhang“ ([1965] 1983) aus seinem Roman Die Jahreszeiten (1967), für die er 1965 den Preis der Gruppe 47 bekommen hat, aber auch noch Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers (2002) ist gemein, dass sie zwar auf den ersten Blick polyphon geschrieben sind, weil sie mehrere intern fokalisierte Figuren enthalten. Letztlich vertreten aber alle Figuren, durch die fokalisiert wird, dieselbe Position, sodass gerade durch diese scheinbare Polyphonie eine maximal einseitige Darstellungsweise erreicht wird.

In all den erwähnten Texten ist das den Autoren nun nicht einfach unterlaufen, sondern wird ausgestellt. So wird bei Jens wie auch bei Bichsel sehr betont, dass die Erzählinstanz innere Monologe, die anderen Figuren zugeordnet werden, selbst erfindet.1118 Und bei Grass und Walser kommt noch eine weitere Ebene hinzu: Auch die schreibende Instanz, die alle Figuren (selbst den Erzähler) erfindet, wird als solche ausgestellt und implizit mit dem empirischen Autor korreliert. In Katz und Maus (1961) scheint Grass selbst in der Figur des „Auftraggebers“ auf, in Im Krebsgang (2002) hat die Figur des „Alten“ einen ähnlichen Effekt; in Walsers Tod eines Kritikers (2002) stellt sich als letzte Pointe die Erzählinstanz als alter ego des Angeklagten Hans Lach heraus. Dadurch schließt sich gerade in diesen formal anspruchsvoller gestalteten, polyphonen Texten der Kreis zu den Schreibweisen der ersten Gruppe-47-Generation: Auch wenn die Verwirrspiele und Camouflagen die Texte ästhetisch interessanter gestalten, ist das Prinzip doch jenes, dass immer nur eine Deutung des jeweils Verhandelten stehen bleibt. Anstatt eine inhaltliche Vieldeutigkeit zu bewirken und Positionen gegeneinander zu stellen, stützen in solchen Konstruktionen alle Stimmen die Setzungen des einen Erzählers, der sie erfindet, oder sogar des empirischen Autors: Die Betonung, dass man mit seiner Person und seinen Erlebnissen für das Geschriebene steht, wird quasi auf zahlreiche Figuren aufgefächert.

Besonders Grass verbindet in seinem Werk sogar beide Spezifika, die oben als mögliche formale Korrelate einer Verknüpfung von Erlebnisgemeinschaft und moralischer Deutungshoheit der (magisch-)realistischen Werke in der ersten Gruppe-47-Generation beschrieben wurden. Nicht nur vervielfacht er den ‚dabei gewesenen‘ Erzähler mit moralischem Sendungsbewusstsein, der die frühen, einfacheren Texte der Gruppe 47 dominiert hat, indem der ‚dabei gewesene‘ Erzähler von anderen Stimmen und bisweilen eben vom fiktionalisierten empirischen Autor unterstützt wird. Seine Romane führen auch das oben beschriebene ‚Eisbergprinzip‘, Andeutungen zu machen, die nur ‚Dabeigewesene‘ verstehen können,1119 weiter: Wie Bigelow in Bezug auf Die Blechtrommel1120 und Lorenz in Bezug auf Katz und Maus1121 herausarbeiten konnten und wie Grass selbst oft betonte,1122 ist seine eigene NS-Vergangenheit in seinen Romanen codiert eingearbeitet.

Verstehen kann man diesen Code aber nur, wenn man weiß, wonach man suchen soll, und dazu muss man um Grass’ Mitgliedschaft bei der Waffen-SS wissen – was angeblich die meisten ‚Dabeigewesenen‘ auch tatsächlich taten: Bis Mitte der 60er Jahre sei Grass’ Vergangenheit kein Geheimnis gewesen. Sie sei aber genau deshalb nicht als Skandal empfunden worden, weil die, die darum wussten, den Kontext selbst erlebt hatten; weil „die Erinnerung an die letzten Kriegsmonate, in denen zahlreiche Jugendliche von der Waffen-SS rekrutiert und nicht zwingend freiwillig aufgenommen wurden, gesellschaftlich noch präsent gewesen sei.“1123 Es konnten also genau diejenigen ‚dabei gewesenen‘ Angehörigen der Tätergesellschaft die Codes in Grass’ Romanen schon lange deuten, bevor er sie offiziell ‚enthüllte‘, die bereits in den frühesten Gruppe-47-Texten exklusiv angesprochen worden waren.

3.5 Zwischenbilanz: Moralische Deutung in der Literatur der Gruppe 47

Die Vorstellung, die Erlebnisgemeinschaft aus dem Krieg sei als positiver Wert zu sehen, der anders als abstrakte Deutungen besonders für moralische Urteile qualifiziere, hat sich wie gesehen in einigen wichtigen literarischen Texten der Gruppe 47 direkt als affirmativ präsentierte Meinung einzelner Figuren und Stoßrichtung ganzer Handlungsstränge niedergeschlagen. Erlebnisgemeinschaft und moralische Deutungshoheit wurden so nicht nur diskursiv verknüpft, sondern auch an genau die gleichen Vorbehalte gegenüber den ‚Anderen‘, die ‚das Erlebnis‘ nicht vorweisen können, gebunden, wie sie bereits im Nationalsozialismus vorherrschten: Abstrakter Intellekt und der gemeinschaftsfremde Blick von außen erscheinen gerade in Zusammenhang mit moralischer Deutung als minderwertig. So in Hensels Erzählung, in der der Lehrer ‚die Protze‘ offenbar wegen seines Intellekts und weil er nicht ‚dabei war‘ keinen Zugang zu den jungen Landsern bekommen kann, die ihren Schulabschluss nachholen sollen. Oder bei Mönnich, wo der sogar namentlich als ‚der Andere‘ markierte Schulkollege Przybilla nur ein einziges Mal in die Gemeinschaft aufgenommen werden kann: nämlich als er von seinem intellektuellen Gehabe abkommt und für einen gelungenen Wandertag in der ‚urwüchsigen‘ Natur sorgt.

Das Motiv scheint aber schon früh auch von anderen Gruppenmitgliedern kritisch gesehen worden zu sein, im Almanach finden sich nämlich auch zwei Texte von Amery und Schallück, in denen eine Vergemeinschaftung und moralische Überlegenheit durch ‚das Erlebnis‘ gerade infrage gestellt werden. Und solche sehr inhaltlichen Aspekte scheinen nun, wie ein Seitenblick auf eine Debatte mit Amery zeigte, in den regelmäßig wieder aufkommenden Debatten zwischen den Realisten und den Surrealisten in der Gruppe 47 eine mindestens genauso große Rolle gespielt zu haben wie die rein ästhetischen Diskussionen. Indem Ästhetizismus und abstrakter ‚Formalismus‘ mit dem akademischen Hintergrund der entsprechenden jüngeren Generation von Autoren/-innen in Zusammenhang gebracht wurde und daran festgemacht wurde, ihre Schreibweise sei angeblich wenig wirklichkeitsnah und unpolitisch, knüpft die Haltung der ‚Dabeigewesenen‘ gerade in dieser Diskussion besonders eng an die NS-Dichotomie zwischen Intellekt und Gemeinschaft an.

Abschließend wurden einige Argumente dafür reflektiert, dass sich dieses Verständnis in doppelter Hinsicht auch in der Form der Literatur der Gruppe 47 niederschlägt: Einerseits, indem in den frühen Jahren ‚andere‘ Schreibweisen in der Gruppe 47 kaum eine Bühne finden konnten, da per Definition nur ‚Dabeigewesene‘ glaubwürdige Vertreter des bevorzugten ‚journalistischen‘ Realismus’ sein konnten, andererseits, indem die programmatisch geforderte magisch-realistische Schreibweise von den Angehörigen der Erlebnisgemeinschaft besser verstanden werden konnte als von ‚Nichtdabeigewesenen‘. Auch wenn sich dieses simple Realismus-Verständnis nicht lange hielt, soll sich ja doch in diesen Jahren das bis zuletzt beibehaltene Moral- und engagierte Selbstverständnis, das heißt, wie Richter sagt, die ‚Mentalität‘ der Gruppe 47, geformt haben.

Und tatsächlich können auch in avancierter geschriebenen, polyphonen Texten der jüngeren ‚Dabeigewesenen‘ ähnliche exklusive Andeutungen ausgemacht und dieselben normativen moralischen Setzungen identifiziert werden, wie in den Texten der früheren Gruppe-47-Generation, und zwar gerade dort, wo die Textimplikation vom Autor als Person mitgetragen wird. Indem die verschiedenen Akteure/-innen in solchen Texten als Projektionen eines/einer Erzählers/-in ausgestellt sind, sind ihre Stimmen nämlich gerade nicht als verschiedene Perspektiven, sondern umgekehrt als mehrere Exemplifizierungen eines Gedankens zu sehen. Die Vervielfachung der Perspektiven führt in diesen Beispielen dazu, dass immer dasselbe – die Position des empirischen Autors – mit mehr Vehemenz und von mehreren Stimmen vertreten werden kann, so dass die Normativität der Texte nun sogar mehrfach abgesichert wird. Dass die Gemachtheit der Texte ausgestellt wird, weist also immer noch auf die Autoren und etwas weniger dezidiert auch auf ihre Zeitzeugenschaft zurück. Es sind denn auch, wie die Beispiele gezeigt haben, ganz vorrangig ‚dabei gewesene‘ Autoren, die so schreiben.

Zwar muss ein Zusammenhang dieser Schreibweisen mit dem Bild einer Deutungshoheit durch ‚das Erlebnis‘ spekulativer bleiben als der Zusammenhang in Bezug auf das literarische Motiv. Was die Phänomene in der Gruppe 47 auffällig macht, ist erstens ihre große Häufung: In den frühen Jahren findet sich eine große Mehrheit moralisch einwandfrei handelnder Protagonisten mit Deutungshoheit, die meist autofiktional erscheinen und auf ihre dabei gewesenen Schöpfer verweisen, und die Häufung setzt sich in den späteren Jahren insofern fort, als mit Jens, Grass oder Walser gerade besonders populäre Gruppe-47-Autoren daran anknüpfen.

Und zweitens korrelieren beide Varianten dieser ‚monologischen‘ Schreibweisen in der Gruppe 47 mit einem Ausschluss anderer Stimmen und Sichtweisen – denen der ,Nichtdabeigewesenen‘ nämlich – und, eng verknüpft damit, der oben beschriebenen Intellektuellenfeindlichkeit: Die Inhalte der magisch-realistischen Andeutungen der ersten Jahre referieren sehr oft auf ‚Insiderwissen‘ aus dem Nationalsozialismus und können dementsprechend von ‚Nichtdabeigewesenen‘ weder verfasst noch angemessen rezipiert werden. Dieses Verfahren wird von Grass’ autofiktionalem Rätsel in seiner Danziger Trilogie noch verfeinert: Nur wer Bescheid weiß, kann es verstehen, und bewerten kann sowieso nur, wer es auch selbst erlebt hat. In beiden Varianten spielt dabei die Moral eine grundlegende Rolle: Die Ruf-Generation sieht ihr Schreiben als moralische Aufgabe an, Grass deutet sein Schreiben noch 2006 in Beim Häuten der Zwiebel als Buße und besteht zugleich darauf, dass nur er selbst über seine Verfehlungen urteilen könne.

Bereits im ersten Teil der Studie hat sich gezeigt, dass diese Vorstellung, ein besonderes Recht auf Urteile über Richtig und Falsch zu haben, eng mit dem Postulat zusammenhängt, selbst auch besonders moralisch agiert zu haben, indem man im Nationalsozialismus wenig Schuld auf sich geladen hat. Das Recht auf Urteile geht also gewissermaßen mit der Überzeugung einher, auch besonders moralisch zu sein. Abschließend soll diesem Zusammenhang nun in Bezug auf die literarischen Texte nachgegangen und gefragt werden, ob auch er an partikularistische Moraldiskurse im Nationalsozialismus anknüpft.

4 Tugend: Zugehörigkeit und moralische Integrität

Es wird bald keine Plätze mehr geben, an denen sich Menschen treffen können. Es gibt fast nur noch Plätze für die Anderen.1124

Die direkte Abwertung nicht-‚arischer‘ ‚Volksfremder‘ war derjenige Aspekt der nationalsozialistischen Ideologie, in dem moralischer Wert und Zugehörigkeit am unmittelbarsten verknüpft waren. Der Aspekt von deren moralischer Diskreditierung und der Installation des ‚Eigenen‘ als moralisch überlegenes Kollektiv war ein unverzichtbarer Grundpfeiler der Diskriminierungen: Der ‚deutsche Volkskörper‘ wurde, ausgehend von angeblichen „erbgenetischen Anlagen zu einem Rasseninstinkt“,1125 als Ort und Ziel der partikularen Moral konstruiert, die demgegenüber ins Zentrum der Propaganda gestellten Negativbilder aller ‚Nichtarier‘ knüpften an antisemitische, rassistische und sonstige diskriminierende Traditionen der Abwertung an. Gerade hinsichtlich Moral wurde dabei durchaus differenziert; das angeblich „marxistisch-jüdische Vollkommenheitsideal und die Annahme, dass der Mensch von Natur aus gut sei“, wurde zugunsten der Vorstellung, bereits Entscheidung zur Moral sei nur den ‚Ariern‘ möglich, verworfen:1126

Durch Erbgut und Blut sei zwar vorherbestimmt, ob die Menschen zu moralischer Vollendung fähig seien. Ihr Verhalten sei durch ihre Erbanlagen jedoch nicht so weit festgelegt, dass sich für sie jede Entscheidung für gut oder böse erübrigen würde. […] Gerade die Fähigkeit der Deutschen, sich zwischen Gut und Böse zu entscheiden, qualifiziere sie zu moralischen Wesen. Ihre bewusste Entscheidung für moralisches Verhalten müsse ihnen als Verdienst angerechnet werden. Sie ermögliche es ihnen, in Übereinstimmung mit ihrem Gewissen als der inneren Instanz der Gesetze des Lebens moralisch zu handeln.1127

Anderen ‚Eigenrassen‘ wurde unterstellt, davon abweichende, als unterlegen konstruierte moralische Voraussetzungen zu haben, und die Juden galten als „eigentümliche, inzüchtige Mischung verschiedener Rassen“,1128 die keine natürliche Moral hätten und gerade deshalb einem zersetzenden universalistischen Moralverständnis anhängen würden,1129 was sie besonders gefährlich für die moralische Integrität des deutschen ‚Volkskörpers‘ mache. Wie auch Gross zusammenfasst, handelt es sich dabei um ein inhärentes Problem eines biologistisch begründeten Antisemitismus:

Wenn die eigene Ehre so sehr darauf beruht, von allem Jüdischen unberührt zu bleiben, sich die Ehre aber nie nur auf ein Individuum, sondern auf die gesamte Volksgemeinschaft bezieht, dann leidet diese umgekehrt unter jedem einzelnen Kontakt eines Ariers mit einem Juden oder einer Jüdin.1130

Erneut gilt hier, dass selbstverständlich nicht untersucht werden soll, ob sich solche nationalsozialistischen Moraldiskurse in ihrer gesamten ideologischen Verbindung von Rassenbiologie und Moralvorstellungen in der Literatur der Gruppe 47 fortsetzten. Wie bereits dieser knappe Überblick nahe legt, sind kollektivistische und vor allem exklusive Zuschreibungen moralischer Eigenschaften zu der Gruppe des ‚Eigenen‘ aber ein so zentraler Aspekt davon, dass die bereits eingangs der vorliegenden Studie beschriebene Fortsetzung von diesem Aspekt einer genaueren Betrachtung wert ist. Dazu soll zunächst noch einmal von der Identitätskonstruktion der ‚jungen Generation‘ ausgegangen werden: Neben der Wahrnehmung als Opfer des Nationalsozialismus und als exklusive Erlebnisgemeinschaft war der dritte zentrale Aspekt der Legitimierung der Gruppe 47 als ‚moralische Instanz‘ derjenige der Unschuld und damit der ‚moralischen Unbeflecktheit‘. Man galt, wie oft betont, als die junge Generation und Erlebnisgemeinschaft derjenigen ‚Dabeigewesenen‘, die, wenn überhaupt, dann schuldlos schuldig geworden seien.1131 In der Gruppe 47 wie im gesamten Nachkriegsdiskurs waren ‚die Nazis‘ dabei die wichtigste Gruppe, der man die Schuld an Krieg und Holocaust zuwies und selbst dezidiert nicht angehörte.

Diese Dichotomisierung, wobei die größte Gruppe der Deutschen zu den unschuldigen und sogar ‚guten Deutschen‘ gezählt wurde, spielte im Nachkriegsdiskurs eine wohl noch wichtigere Rolle als die zwischen ‚Dabeigewesenen‘ und ‚Nichtdabeigewesenen‘. Ausgehend davon liegt die Frage nahe, inwiefern die damit verbundenen radikalen Auslagerungen von Schuld nicht nur mit individueller Abwehr und Selbstrechtfertigung, sondern auch mit einem Fortleben des im Nationalsozialismus grundsätzlich partikularisierten Moralverständnisses zu tun hat, in dem die moralische Integrität des Kollektivs nur durch die Unbeflecktheit der gesamten Gemeinschaft gewahrt bleiben kann. Ausgehend von einer Sichtung des damit verbundenen Forschungsstands soll beleuchtet werden, welche Rolle Figuren guter Deutscher und ihnen dichotom gegenüberstehende Figuren des ‚Bösen‘ in den Almanach- und Preistexten spielen und welche Feindbilder dabei aufgegriffen werden. Die beiden späten Almanach-Erzählungen „Gelegenheit zum Verzicht“ von Lenz (gelesen 1960) und „Bericht des jungen Mannes“ von v. Cramer (gelesen 1961) werden daraufhin genauer beleuchtet, da sie insbesondere zusammen gelesen diese Opposition besonders gut verdeutlichen (4.2).

Daraufhin ist auf den immer damit verknüpften wichtigsten Aspekt der Dichotomisierung von Moral einzugehen, der vor allem im Nationalsozialismus den Kern dieser Opposition ausmachte: Die Abwertung der ‚Anderen‘ als moralisch ‚minderwertig‘ erfolgte über die Propagierung rassistischer und antisemitischer Stereotype. Die Frage, ob und welche Negativbilder sich in den Almanach- und Preistexten finden, soll den vorliegenden Teil der Studie zu subkutanen Fortsetzungen von NS-Moraldiskursen abschließen, wobei nach einem letzten Überblick über entsprechende Figuren in einer größeren Menge von literarischen Texten und im ‚Wendejahr 1959‘ genauer auf eine spezifische Art antisemitischer Figurenzeichnung von Hans Werner Richters Roman Die Geschlagenen (1949) eingegangen wird. In dessen Verfahren der Auslagerung der NS-Schuld in ein Gefangenenlager in den USA, in dem nun nicht nur ‚die Nazis‘, sondern zudem ein jüdischer Aufseher als Hauptschuldiger an KZ-ähnlichen Zuständen erscheint, schließt sich ein Kreis der Dichotomisierung von Schuld im Nationalsozialismus zu einer kollektivistischen Auswertung der Tätergesellschaft und diskriminierenden Abwertung der ‚Anderen‘, die bereits im Nationalsozialismus zu Opfern wurden. Ausgehend davon wird noch einmal auf Lenz’ Almanach-Erzählung und die Rolle der jüdischen Figur eingegangen (4.3).

Diesen Überlegungen ist eine Analyse von Alfred Anderschs Roman Sansibar oder der letzte Grund (1957) vorangestellt; obwohl der Roman nicht einmal auf einer Gruppentagung gelesen wurde, dürfte er aus mehreren Gründen in Bezug auf die vorliegende Fragestellung besonders aufschlussreich sein, die gleich genauer auszuführen sind: Andersch gilt als eines der wichtigsten Gruppenmitglieder und Sansibar ist derjenige seiner Romane, der auch heute noch ein breites Publikum findet und in vielen Schulen zur Pflichtlektüre gehört. Bereits in den letzten Kapiteln der vorliegenden Studie hat sich gezeigt, dass der Roman offenbar in mehreren Debatten unter Gruppenmitgliedern eine wichtige Rolle spielte; Amerys Almanach-Erzählung könnte darauf anspielen und Celan kritisierte den Roman bereits 1959 in einem Brief an Böll für die Darstellung der jüdischen Figur Judith. In der Andersch-Debatte der 90er Jahre rückte ebenjene Darstellung erneut in den Blick, zudem wurde auf eine schuldabwehrende Darstellung deutscher Angehöriger der Tätergesellschaft geschlossen. Und ‚die Nazis‘ kommen in Sansibar, wie bereits in der eingangs dieses Kapitels zitierten Stelle deutlich wird, nicht namentlich, sondern nur als ‚die Anderen‘ vor. Angesichts dieser Vielzahl an potenziell relevanten Diskursen soll ihr Zusammenspiel und ihre möglichen Bezüge zu vergleichbaren Moralkonfigurationen im Nationalsozialismus deswegen zunächst genauer betrachtet werden (4.1).

4.1 Alfred Andersch: Sansibar oder der letzte Grund (1957)

In einem bereits weiter oben zitierten Brief Celans, den er Böll 1959 anlässlich von dessen ausbleibender Reaktion auf einen antisemitischen Vorfall geschrieben hat, äußert er sich nebenbei auch enttäuscht über Andersch. Er habe ja bereits „mit einem anderen ‚Engagierten‘, Ihrem Freund Alfred Andersch“,1132 schlechte Erfahrungen gemacht – und er konkretisiert: „(Jaja, der mit der Barlach-Statue und dem so schönen mandeläugigen Judenmädchen, der Andersch im Tessiner Exil …)“.1133 Auch wenn der Anlass seiner Empörung über Andersch ein anderer war,1134 klingt hier relativ deutlich eine Missbilligung der Figurenzeichnung eben jenes ‚Judenmädchens‘ an.

Und wie im letzten Kapitel gesehen, wird der Roman darüber hinaus auch in Amerys im Almanach abgedruckter Satire, dem Kapitel aus seinem Roman Die große deutsche Tour, Gegenstand von Kritik, wenn der Roman im Drehbuch von Amerys einfach gestrickter Figur „Ferde“ anklingt: Da Andersch von seinen Freunden Fred genannt wurde, könnte schon diese Namenswahl eine Anspielung auf ihn sein. Dazu kommt, dass in beiden Texten eine der Hauptfiguren Knudsen heißt und der Plot bei Amery so beschrieben wird, dass es auch gut auf Sansibar passt: Es seien „Nächstenliebe, Männlichkeit, und der antikommunistische Dreh für die Bundesbürgschaft“ (CA 251) enthalten.1135 Amery stellt in seiner Satire diesen Sansibar-Verschnitt wie gesehen als Musterbeispiel für den Gruppe-47-Realismus und dessen exkludierenden Gehalt dar – eine Darstellung, der angesichts dieser kritischen Rezeption in der Gruppe 47 und der Bedeutung des Romans bis heute hier noch einmal genauer nachgegangen werden soll.

Bevor solche problematischen Aspekte näher beleuchtet werden, ist bei diesem Autor besonders wichtig, noch einmal zu betonen, dass es bei ihm stärker noch als bei anderen Gruppe-47-Autoren der ersten Generation auch eine andere Seite gibt: Der in den USA geschulte Andersch hat sich in mehrfacher Hinsicht konsequent ‚antifaschistisch‘ engagiert, sich explizit gegen Nationalismus geäußert,1136 hat jüdischen Autoren und ehemaligen Exilautoren in seinen Sendungen eine Plattform geboten1137 und den Holocaust früh und deutlich benannt, wenn er bereits 1956 explizit über die „maschinelle[] Vernichtung von 6 Millionen Juden“ schrieb.1138 Literarisch hat er in Efraim als einer der ersten deutschen Nachkriegsautoren vonseiten der Tätergruppe einen jüdischen Protagonisten gestaltet.1139

Dennoch hinterfragen die seit den 90er Jahren im Zuge der Sebald-Debatte immer häufiger werdenden kritischen Stimmen mit Recht den langjährigen Ruf als verhinderter Widerstandskämpfer und als „politisch über alle Zweifel erhaben[en]“1140 Autor. Sowohl Anderschs Rolle im Widerstand, seine KZ-Inhaftierung und Desertion und seine 1943 geschiedene Ehe mit einer „Halbjüdin“ als auch sein literarisches Werk, gerade auch die bereits von Celan problematisierte Darstellung der Jüdin Judith in Sansibar, wurden inzwischen kritischen Relektüren unterzogen,1141 viele sind im von Döring und Joch herausgegebenen Sammelband Alfred Andersch ‚revisited‘1142 versammelt.

Auf diese Debatten um Andersch und insbesondere sein literarisches Werk wird im Folgenden eingegangen, um danach zu fragen, inwiefern der Fokus der vorliegenden Studie auf Verknüpfungen von Identitäts- und Alteritätskonstruktionen mit Moraldiskursen die bestehenden kritischen Sansibar-Lektüren ergänzen kann und was der Roman dadurch über NS-Kontinuitäten in der Literatur der Gruppe 47 verrät. Dazu ist zunächst knapp zu erläutern, wieso der Roman in der vorliegenden Studie als durchaus typisch für solche Diskurse verstanden wird.

4.1.1 Sansibar, Andersch und die Gruppe 47

Obwohl Andersch von 1953 bis 1957, das heißt in seiner aktivsten Gruppe-47-Zeit, an Sansibar gearbeitet hat,1143 und trotz des sofort einsetzenden großen Erfolgs des Romans hat Andersch allen verfügbaren Quellen nach nie auf einer Gruppentagung daraus gelesen.1144 Über die Gründe dafür kann nur spekuliert werden: Andersch las auch später nie aus einem laufenden Romanprojekt, sodass es womöglich mit persönlichen Vorlieben, vielleicht einer Vorsicht, Unfertiges der Kritik auszusetzen, zu tun hatte. Wie Richter im Andersch-Porträt im Etablissement der Schmetterlinge ausführt, war seine allererste literarische Lesung der noch im Krieg entstandenen, gemäß Böttiger „kolportagehaften“ Erzählung „Heimatfront“1145 auf Kritik gestoßen, und man habe ihm angesehen, „wie sehr er unter dieser Kritik litt. Er nahm sie nicht geduldig auf, sondern im Zorn“.1146

Auch markiert das Erscheinen von Sansibar schon fast die zeitliche Grenze, nach der sich Andersch zusehends allgemein von der Gruppe distanzierte. In den frühen 60er Jahren sagte er mehrere Einladungen Richters ab und nahm überhaupt zuletzt im Jahr 1962 an einem Treffen teil.1147 Die letzte bei Meyer verzeichnete Gruppe-47-Lesung fand bereits auf der 17. Tagung im Oktober 1955 statt,1148 wo Andersch den Essay „Die Blindheit des Kunstwerks“ las; anderen Quellen zufolge las er aber noch einmal im Jahr 1960 auf der Hörspieltagung das Stück „Albino“.1149

Für die Distanzierung von der Gruppe dürften unter anderem der Umzug in die Schweiz und die Uneinigkeiten mit Richter und Grass über das tagespolitische Engagement eine Rolle gespielt haben.1150 Ein 2016 erstmals auf Deutsch veröffentlichtes Typoskript aus dem Jahr 1963 zeigt,1151 dass Anderschs Verhältnis zur Gruppe zu diesem Zeitpunkt tatsächlich bereits gespalten war: In der italienischen Presse spricht er davon, „dass die Gruppe 47 die deutsche Literatur nicht allein vertritt, und dass sie schwere Unterlassungs-Sünden begangen“ habe.1152 Er scheint damit aber vor allem den Fakt zu meinen, dass sie „Wolfgang Koeppen und Arno Schmidt, den Romancier und Dramatiker Max Frisch, den Lyriker Paul Celan, die Philosophen Theodor W. Adorno und Max Bense, den Soziologen Eugen Kogon“ nicht habe integrieren können.1153

Politisch und literarisch stellt er sich in dieser Stellungnahme aber sehr deutlich hinter die Gruppe, wenn er ihr „Qualitätsgefühl“1154 bei den Preisverleihungen, „politische Aktionen von großer Kraft“,1155 politischen „Nonkonformismus“1156 und Gegnerschaft zur „offiziellen westdeutsche[n] Politik wegen ihrer Tendenz zum militärischen Machtstaat“1157 und sogar ihre Funktion als „nahezu einzige oppositionelle Kraft in Deutschland“1158 hervorhebt. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt kaum mehr auf Tagungen präsent ist, scheint er sich weniger radikal von der Gruppe abgewandt zu haben als Celan, Bachmann oder Böll;1159 und in einem späteren Brief an Richter zeigt er sich „[v]ersöhnlich“1160 und macht deutlich, dass er dessen Engagement rückblickend bewundert.1161

An weiterer unerfreulicher Kritik dürfte es jedenfalls trotz des Misserfolgs seiner ersten Lesung nicht gelegen haben, dass er nach 1954 keine literarischen Werke mehr las; sowohl die Lesung von „Die bitteren Wasser von Lappland“ 1953 in Schloss Bebenhausen als auch die von „Diana mit Flötenspieler“ in Cap Circeo 1954 scheinen sehr positiv aufgenommen worden zu sein.1162 Auch der Roman Sansibar wurde nach seinem Erscheinen nicht nur in kürzester Zeit international erfolgreich,1163 sondern auch von wichtigen Gruppe-47-Mitgliedern gelobt; so wollte sich Reich-Ranicki selbst in der Figur des Gregor wiedererkennen.1164 Dass auch Günter Blöcker, der heute vor allem noch für seine zwei Jahre später geschriebene antisemitische Rezension von Celans Gedichtband Sprachgitter bekannt ist,1165 den Roman Anderschs in höchsten Tönen lobte, passt nun angesichts der im Folgenden vorgestellten späteren Lektüren mindestens so gut zu dem Roman wie Reich-Ranickis Begeisterung.1166

4.1.2 Sekundärliteratur und Debatten

Die Liste kritischer Lektüren von Sansibar oder der letzte Grund hat sich in den letzten Jahrzehnten allmählich verlängert, nachdem der Roman eine lange Zeit mit Begeisterung und Auszeichnungen rezipiert worden war, die Andersch selbst früh prognostizieren ließen, der Roman könnte zu einem „Best-, wenn nicht sogar Longseller“ werden.1167 Bereits die positive Rezeption war stark von inhaltlichen Kriterien geprägt, so wurden schon in den frühesten Rezensionen die „Modellsituation“ in der Figurenzeichnung gelobt1168 und in der Forschung bis in die 80er Jahre der ‚moralistische‘ Gestus1169 sowie der „Charakter einer Versuchsanordnung, eines ästhetischen Modells“ in der Aufarbeitung des Nationalsozialismus hervorgehoben,1170 und der Roman wurde rasch zur beliebten Schullektüre.1171

Gerade diese ‚Modellhaftigkeit‘ gab schon früh Anlass zu Kritik; wie Alexander Ritter in seinem Aufsatz über die „Skandalinszenierung ohne Skandalfolge“ um Andersch schreibt, „verbleiben“ die Vorwürfe aber bis zur Andersch-Kontroverse in den 90er Jahren lange „im Diskurs der Andersch-Forschung […].“1172 Dabei hatte es schon im Jahr 1957 erste kritische Stimmen gegeben; Ritter zitiert Kay Hoff, der in einer frühen Rezension unter anderem darauf hinwies, dass der Autor von Sansibar „der Wirklichkeit andere Akzente gegeben“ habe und dies „dem (politischen) Moralisten […] gefährlich erscheinen“ könne.1173

Andersch-Debatte

Die nach wie vor wichtigsten Anschübe für kritischere Relektüren gaben aber erst Ruth Klüger in ihrem ursprünglich 1985 auf Englisch erschienenen, schon im nächsten Jahr auf Deutsch übersetzen Aufsatz „Gibt es ein Judenproblem in der deutschen Literatur?“1174 und Sebald in seinem 1993 veröffentlichten Rundumschlag gegen Anderschs Verhalten im und nach dem Nationalsozialismus.1175 Sebald geht es vor allem um (werk-)biografische Aspekte wie den Aufenthalt in Dachau und Desertion, aber auch den Umgang mit seiner ersten Ehefrau, die wegen ihrer jüdischen Mutter in Gefahr war und von der sich Andersch 1943 scheiden ließ. Sansibar kritisiert er wegen Letzterem als biografische Umformung, da der Protagonist (der zahlreiche Züge Anderschs trägt) hier eine Jüdin gerade rette.1176 Klügers Aufsatz ist trotz des eher essayistischen Charakters ein Grundlagentext der Erforschung des literarischen Antisemitismus;1177 breiter rezipiert wurde er aber erst im Rahmen der Sebald- Kontroverse.1178 Gleich drei Romane Anderschs werden darin kritisch beleuchtet, nämlich Sansibar, Die Rote und Efraim.

Auch Klüger liest Sansibar mit Bezug auf Anderschs Biografie als „Wiedergutmachungsphantasie“,1179 die sie zudem erinnerungspolitisch betrachtet und so auf die gesamte Nachkriegsgesellschaft ausweitet, indem sie auf Verschiebung der historischen Realität in der gesamten Konstruktion hinweist. Sie kritisiert, dass KZs als Gefahr stärker für die Kommunisten und den Pfarrer Knudsen als für Judith erscheinen,1180 die drohende ‚Euthanasie‘ der Ehefrau Helanders berühre stärker als die Gefährdung der Jüdin. Diese sei als wehrloses Opfer, als hübsches, naives und auch sehr verwöhntes Geschöpf konstruiert. Durch ihre passive und wenig differenzierte Rolle im Roman werde sie deutlich der geretteten Holzstatue „der Klosterschüler“ angenähert, erscheine daher nur unspezifisch gefährdet und vor allem eher Objekt als Subjekt.1181 Der herablassende Gestus in ihrer Beschreibung werde dadurch, dass der ‚Junge‘ auf dem Schiff ihre Rolle mit derjenigen des „Niggers“ Jim in Twains Huckleberry Finn (1884) vergleicht (vgl. AS 194),1182 unfreiwillig noch deutlicher: Jim wird längst von Afroamerikanern/-innen dafür kritisiert, „verzeichnet und vom Dünkel weißer Herablassung behaftet“1183 zu sein.1184

Auch hier gab es seit den 2000er Jahren eher eine Relativierung der Kritik. Ritter fasst in einem jüngeren Beitrag die wichtigsten Stellungnahmen zu der Debatte zusammen und liest daraus ein „Manko eines seriösen Sachbezugs der Sebaldschen Initiative“ ab.1185 Gelten lässt er vor allem Lothar Baiers „geistreiche Replik“, der „die biografistische Methode als untaugliches Mittel ideologiekritischer Überprüfung“ verurteile.1186 In diesem Zusammenhang greift er auch das Schlagwort der „Gesinnungsästhetik“ wieder auf. Bei Weigel spricht er dagegen von einem „antifaschistische[n] Reflex der sog. 68er“,1187 auf den er größte Teile ihrer Argumentation zurückführt. Dass Ritters eigene Positionierung näher an den ‚Apologeten‘1188 als an den Kritikern zu verorten ist, zeigt sich an solchen kämpferischen Formulierungen1189 wie auch an seiner eigenen Umschreibung des Werks Anderschs als „einem die NS-Schuldfrage nicht dezidiert ansprechenden, sondern artistisch sublimierenden Erzählwerk“.1190

Die Lager haben sich seither im Literaturbetrieb kaum verschoben, wie die Rezeption des Bands Alfred Andersch desertiert (2015) oder die auf Literaturkritik.de veröffentlichten kontroversen Stellungnahmen zu Anderschs 100. Geburtstag im Jahr 2014 zeigen.1191 Die Einleitung von Norman Ächtlers erst jüngst erschienenem umfangreichen Andersch-Sammelband (2016) kann als repräsentativ für die aktuellen Differenzen gesehen werden. Einige Kritikpunkte aus den 90er Jahren erscheinen hier als Selbstverständlichkeit, wenn Ächtler in der Einleitung schreibt, dass die „Opposition zwischen einem durchweg identifikatorischen, mitunter ‚wunschbiografisch‘ ausgestalteten Figurenensemble und nur schemenhaft auftauchenden Schergen (‚die Anderen‘)“ sich „auf den ersten Blick eher bruchlos in den apologetischen Vergangenheitsdiskurs der zeitgenössischen Literatur“ einzufügen scheine.1192 Gegen diese Sichtweise führt Ächtler jedoch das „gegenwartsbezogene parabolische Deutungsangebot“ im Text an,1193 das vor allem angesichts des Gesamtwerks zeige, dass es Andersch nicht um eine ‚Fälschung‘ der eigenen Geschichte gegangen sei, sondern darum, angesichts gegenwärtiger Entwicklungen zu reflektieren, wie Widerstand „möglicherweise aussehen könnte“.1194

Diese jüngeren Repliken auf Kritiken an Andersch nehmen nun aber keine Stellung zum Vorwurf des Antisemitismus. Dabei wird ja die antisemitische Figurenzeichnung Judiths durch die Konstatierung eines Gegenwartsbezugs in Sansibar nicht etwa relativiert, sondern eher noch verstärkt. Für den Fokus der vorliegenden Studie sind solche textimmanent sowie diskursgeschichtlich relevanten Aspekte in Sansibar, die in der gesamten Debatte eine überraschend nebensächliche Rolle gespielt haben, wichtiger als Fragen nach Biografie und moralischem Verhalten der Autorperson; sie sollen im Folgenden genauer beleuchtet werden.

Relektüren von Sansibar

Auf solche erinnerungspolitischen und ideologiekritischen Aspekte, nicht auf eine biografische Verurteilung Anderschs, fokussieren (wie ja bereits Klüger) denn auch die meisten gegenwärtigen kritischen Lektüren des Texts. So zieht Hans-Joachim Hahn (2011) in einer Aufarbeitung der Sebald-Debatte und der Antisemitismusvorwürfe mit Blick auf Literatur und Moral am Rande Parallelen zu den NS-Moral-Theorien von Gross und Konitzer.1195 Wie ausgeprägt der zeittypische Antisemitismus im Roman ist und wie wenig dies im öffentlichen Diskurs zum Thema wird, arbeitet eine besonders bemerkenswerte Studie von Barbara Wiedemann (2015) heraus, die seine Verwendung im Deutschunterricht seit den 90er Jahren untersucht hat,1196 wobei empirisch sehr deutlich wurde, dass kritische Aspekte im Unterricht überhaupt keine Rolle spielen. Ihre Sichtung von neuen Lektürehilfen zu Sansibar aus den Jahren 1995 bis 20101197 zeigt, dass Anderschs Roman in der größten Mehrheit der Lektürehilfen entweder als Beispiel durchwegs gelungener Erinnerungsliteratur und linken Engagements vorgestellt wird, oder aber ganz vom Nationalsozialismus entkoppelt wird, indem postuliert wird, der Roman thematisiere „zeitlose Probleme“, die „schonungslos offen[ge]legt“ würden.1198

Dabei ist gerade die Zeichnung der Figur der Judith, wie Wiedemann noch einmal betont, ein typisches Beispiel von Antisemitismus in der BRD, zudem trägt sie auch nach wie vor Züge des „Nazi-Juden“;1199 insbesondere durch ihre angeblich so typische Physiognomie, auf die ja bereits Celan hingewiesen hat.1200 Sie ist mit schwarzen Haaren und „einem schönen, zarten, fremdartigen Rassegesicht [!]“ (AS 83) orientalisiert,1201 der Identifikationsfigur Gregor wegen ihres ebenfalls im Gesicht ablesbaren Reichtums diffus unsympathisch (vgl. u. a. AS 137)1202 und wird wegen ihres Äußeren wie auch wegen ihrer Verwöhntheit überall sofort als nicht zugehörig und als Jüdin erkannt.1203 Diesem „Jüdin-weil-reich-Erkennen“1204 werde, wie Wiedemann ausführt, im Roman nichts entgegengesetzt – im Gegenteil unterstützen auch alle Überlegungen Judiths (etwa dass sie denkt, dass sie sich die Flucht eigentlich auch hätte kaufen können) diese Zuschreibung.1205

Diese Beobachtungen kontrastiert Wiedemann nun mit den gesichteten Lektürehilfen, in denen solche problematischen Aspekte des Romans größtenteils komplett übergangen werden.1206 Nur in einer einzigen der neun von Wiedemann gesichteten Lektürehilfen wird eine „Klischeehaftigkeit […] in der Typisierung“1207 der Figur Judiths erkannt, und auch dort ist nur eher beiläufig angemerkt, Judith sei

darin typisch, dass sie und ihr Elternhaus sowohl Vorurteile der Nazis als auch Vorurteile der Philosemiten bedienen: Juden sind tüchtig und intelligent deshalb reich, Juden haben sich Zugang zu Hamburger Tennisclubs verschafft […] Judith ist geradezu ein Musterexemplar, und auf den ersten Blick fragt sich Gregor, ob er etwas riskieren möchte.1208

Wiedemann merkt dazu überzeugend an, dass der kritische Gehalt dieser Stelle wegen Begriffen wie „verschafft“, in dem Unrechtmäßigkeit mitschwinge, und dem darauf folgenden kommentarlosen „und“ auch nicht unzweifelhaft sei.1209 Es klinge sogar die Deutung an, „wenn sich Antisemiten und Philosemiten so einig“ seien, könnte auch ein Grund in der Realität bestehen.1210

Ansonsten werde von Bemerkungen zu diesen Klischierungen ganz abgesehen, der Nationalsozialismus verharmlosend als „politisch sehr unruhige[] Zeit“ umschrieben1211 oder antijüdische Vorurteile sogar kommentarlos weitertradiert.1212 In manchen Bänden überrascht das weniger, da beispielsweise ein vor der Wende erschienener Band im Jahr 1998 nur um didaktisches Material erweitert und wieder aufgelegt und noch 2010 in einer anderen Lektürehilfe vorbehaltslos empfohlen wurde;1213 wie hier ergänzt werden kann, enthält aber auch die 2013 neu erschienene Ausgabe der Königs Erläuterungen über Anderschs Sansibar1214 diesbezüglich keine Neuerungen. Zwar wird eine angeblich vorherrschende „weltanschaulich-werkästhetische[]“ Herangehensweise der Literaturwissenschaft an den Roman erwähnt,1215 im Überblick der Forschungsliteratur kommt aber von allen hier besprochenen kritischen Lektüren nur diejenige Klügers vor, und wie in Ächtlers Entgegnung1216 wird auch hier nur auf den ‚Vorwurf‘ der „Wiedergutmachungsphantasie“ und der Ausblendung des Holocaust, nicht aber auf die klischierte Konstruktion Judiths eingegangen.1217 Auch im Analyseteil zu Judith wird der Antisemitismus im Roman mit keinem Wort als solcher erwähnt: Die drei zusammenfassenden Randnotizen bei ihrem Eintrag lauten: „Eine junge Frau, deren Welt weggebrochen ist“1218 ; „Sie ist intelligent“1219 und schließlich „Sie hat Takt und menschliche Größe“.1220

Es gilt also weiterhin, wie Wiedemann in Bezug auf die älteren Lektürehilfen formuliert hat: „Wenn die Figur der Judith nicht als antisemitische Konstruktion erkennbar wird, kann ja auch Anderschs Entscheidung, die Täter zu anonymen ‚Anderen‘ zu machen, nicht sinnvoll, d. h. als Konstruktion, eingeordnet werden […].“1221 Wiedemann spricht in diesem Zusammenhang von einem „Akt von Othering“;1222 eine Beobachtung, die bereits Klüger formulierte:

Und wo stecken die Nazis in Sansibar? Niemand ist ein Nazi, und das Wort kommt nicht vor. Statt dessen gibt es ‚die Anderen‘, und unsere kleine Stadt hat scheinbar keine Anderen. Ein Portrait des ‚Führers der Anderen‘ hängt an der Wand des Hotelrestaurants, von den Schweden überhaupt nicht, vom Deutschen dagegen mit Ekel wahrgenommen. Dem Leser wird durch diese Ersatzbildungen für die vermiedenen Vokabeln nahegelegt, daß wir, die guten Deutschen, eben ganz anders waren als Jene, die Anderen – Fremde unter uns.1223

In diesen kritischen Lektüren wird bereits alles erwähnt, was im Folgenden mit Blick auf die Frage nach Kontinuitäten partikularer Moralvorstellungen aus dem Nationalsozialismus einer etwas genaueren Betrachtung unterzogen werden soll. Das Verhältnis der verschiedenen kritisierten Aspekte zueinander – die Konstruktion der ‚Wir-Gruppe‘ als unplausibel ‚gute Deutsche‘, die dem dichotom gegenübergestellten ‚Nazis‘ und die klischierte, objekthafte Figur Judith – soll zu diesem Zweck hinsichtlich der damit verbundenen moralischen Implikationen untersucht werden.

4.1.3 Die Anderen, der Deutsche und die Jüdin: Identität und Dichotomien

Angesichts der bereits umfangreichen Literatur soll im Folgenden gezielt auf die wichtigsten Punkte im Zusammenhang mit der vorliegenden Fragestellung eingegangen werden: Zunächst ist die Figurenzeichnung der ‚guten Deutschen‘ und der ihnen gegenübergestellten ‚Anderen‘ – den schemenhaft bleibenden ‚Nazis‘, aber auch den nichtdeutschen Figuren – genauer zu beleuchten. Davon ausgehend kann genauer auf die moralischen Implikationen der inneren Entwicklung dieser unterschiedlichen Figuren auf Handlungsebene sowie die damit verbundene Besonderheit der Judith-Figur eingegangen werden.

Figuren I: Die guten Deutschen und die bösen Fremden

Es ist relativ augenfällig, dass in der Figurenzeichnung mit der Umschreibung der Nazis als ‚Andere‘ das Unmoralische geradezu explizit ausgelagert wird, während das ‚Eigene‘ durch ganze vier ‚gute Deutsche‘ – Nazigegner, die der Jüdin im Verlauf der Handlungsentwicklung alle (wenn auch unter moralischen Zweifeln, s. u.) helfen wollen – als Ort des Moralischen konstruiert wird. Dass sich die Konstellation gut = normale Deutsche vs. schlecht = Fremde und Anderen als Konstruktionsprinzip durch den ganzen Roman zieht, beispielsweise auch in der Darstellung der Schweden, ist schon fast ohne Analyseaufwand ersichtlich. Anders als der literarische Antisemitismus und die Abgrenzung der ‚Nazis‘ vom ‚Eigenen‘ wurde diese manichäische Konstruktion und die Ausgestaltung der ‚guten Deutschen‘ in den bestehenden kritischen Lektüren noch nicht eigens thematisiert und soll deswegen zunächst rekonstruiert werden.

Darüber, dass die Schuld am Nationalsozialismus durch die Benennung der NS-Elite als ‚Andere‘ semantisch ausgelagert wird, kann wenig Zweifel bestehen. Es wurde auch schon gelegentlich auf die Parallele zu Peter Bamms Kriegsroman Die unsichtbare Flagge aus dem Jahr 1951 hingewiesen;1224 wobei hier ergänzt werden kann, dass die Implikation einer Auslagerung durch diese Parallele noch gestärkt wird. Wie Egyptien und Raffaele in einem anderen Zusammenhang beschrieben haben, sei Bamms „Distanzierung von den Nationalsozialisten, die in Die unsichtbare Flagge nur ‚die Anderen‘ genannt werden“, mit Bamms „konservative[n] Rückbezug auf die überzeitlichen menschlichen Werte“ zu erklären.1225

Die Funktion der ‚guten Deutschen‘ in Sansibar ist nicht ganz so offensichtlich. Sie sind alle nicht einfach bedingungslos ‚gut‘, haben alle an irgendeinem Punkt der Handlung große Zweifel, ob sie sich an der Rettungsaktion von Judith und dem Klosterjungen1226 beteiligen sollen und sträuben sich sogar mehr oder weniger vehement dagegen (bzw., im Fall des Jungen, bringen sie kein Interesse daran auf). Der Roman wendet aber einige Mühe darauf, zu plausibilisieren, wieso sie dennoch alle im nationalsozialistischen Deutschland geblieben sind und wieso sie zögern, den hilflosen Opfern zu helfen. So ist Knudsen Kommunist und hat eine Ehefrau, die geistig behindert ist und somit in der Gefahr ist, ermordet zu werden; er selbst macht sich Sorgen, was aus ihr werde, wenn er weg sei (vgl. AS 85), und die anderen Figuren unterstützen diese Einschätzung: „Knudsen konnte sich nicht drücken, vielleicht mußte er bei der Frau bleiben, die irrsinnig war, wie der Pfarrer erzählt hatte […].“ (AS 121) In dieser Überlegung Gregors wird auch schon deutlich, dass das Verlassen Deutschlands hier nicht als Widerstand, sondern im Gegenteil als ‚sich drücken‘ beschrieben wird. Das ist auch bei Gregor so, der bis zum Zeitpunkt der erzählten Handlung ebenfalls im kommunistischen Widerstand aktiv war. Ob er fliehen wird, bleibt offen (vgl. AS 191–193); es wird aber deutlich, dass eine Flucht aus Deutschland bei Knudsen wie bei Gregor als „Fahnenflucht“ (AS 119) vor dem Kommunismus zu verstehen wäre.

Auch der dritte erwachsene Mann hat gute Gründe dafür, in Deutschland zu bleiben: Dem Pfarrer Helander fehlt ein Bein, die Wunde – eine Kriegsverletzung aus dem Ersten Weltkrieg, was ihn zusätzlich als nationalen Helden ausweist –, hat gerade wieder angefangen zu eitern, er rechnet damit, nicht mehr lange zu leben. Auch er ist also selbst ein Gefährdeter, und körperlich schon lange nicht mehr im Stand, das Land zu verlassen (vgl. AS 69). Als sich herausstellt, dass er wegen seiner Wunde in „Todesgefahr“ (AS 128) ist, ist er zunächst erleichtert, dass er noch am selben Abend ins Krankenhaus fahren soll und deswegen von der Fluchtaktion befreit ist:

Die Nacht über hier bleiben, heißt: den Klosterschüler retten. Den Klosterschüler retten, heißt: morgen früh abgeführt werden. In ein Konzentrationslager mit dem Tod im Bein. Der Doktor hat das Problem für mich gelöst […]. (AS 128)

Wie bei den beiden anderen Figuren wird auch hier die Gefahr genau und explizit durchdekliniert, in die er sich begibt,1227 als er sich nach einem langen inneren Ringen dazu entscheidet, trotz ärztlichem Rat nicht ins Krankenhaus zu fahren (vgl. AS 134). Dass der Gedanke siegt, es sei unmöglich, den Klosterschüler „den Teufeln zu überlassen“ (AS 133), und dass in Rerik zu bleiben bedeuten würde, dass „Gott vielleicht gar nicht so fern“ sei, wie er immer gedacht habe (AS 134), macht deutlich, dass er schon durch sein Bleiben alles tut, was in seiner Macht steht.

Bei allen drei erwachsenen männlichen Figuren wäre es also wegen ihrer großen Verantwortung moralisch sehr zweifelhaft, wenn sie das Land verlassen (und ihre Ehefrau, Gemeinde oder Partei im Stich zu lassen) würden:1228 Obwohl sie ‚die Anderen‘ verachten, haben sie sehr gute Gründe dafür, Judith bzw. dem Klosterschüler nicht sofort und unreflektiert zu helfen. Dass ihr schließlich trotzdem alle helfen, erscheint durch die besondere Gefährdung aller drei Figuren umso moralischer. Damit können alle drei auch modellhaft gesehen werden: Weniger für mögliche Verhaltensweisen im Nationalsozialismus als für mögliche Schuldabwehrargumentationen der Nachkriegszeit, warum man geblieben sei und warum man allenfalls nicht habe helfen können: Sie opfern sich für ihre pflegebedürftige Familie, für den Widerstand oder für das Überleben ‚des Geistes‘ in Deutschland auf – alles wichtige und edle Gründe, die aber empirisch verhältnismäßig natürlich nicht ansatzweise so häufig vorkamen wie in Sansibar. In ihrer ‚Modellhaftigkeit‘ sind die intern fokalisierten Männer doppelt apologetisch aufgeladen: Alle sind moralisch integre gute Deutsche, und in dieser Funktion verkörpern sie zugleich mehrere Argumente dafür, dass es oft das moralisch einzig richtige war, in Deutschland zu bleiben.

Auf die Seite der ‚guten Deutschen‘, die Judith und dem Klosterschüler helfen, gehört auch der Junge, und auch er passt sich gut in die apologetische Darstellung ein: Er wird bald sechzehn (AS 48), ein symbolisches Alter in Zusammenhang mit der NS-Schuld, da man auch zuletzt erst mit 17 eingezogen werden konnte.1229 Und in seiner Beschreibung ist er auch wirklich noch ganz ein Kind, sieht alles als Abenteuer und versteht eindeutig über lange Strecken der Handlung die möglichen Konsequenzen nicht annähernd; als er vom Plan der nächtlichen Überfahrt erfährt, denkt er nur diffus, „zum erstenmal geht etwas vor“ (AS 125) und ist „aufgeregt“ und „riesig gespannt“ (ebd.), entscheidet sich aber, nicht genauer nachzufragen. Sein ‚keine Fragen Stellen‘ wird durch kritische Gedankenrede Gregors als politisches Nichthandeln markiert: „Er hat Fragen zu stellen, dachte Gregor heftig. Und er wird sie eines Tages stellen.“ (AS 116)1230 Die Formulierung, dass er sie eines Tages stellen werde, macht aber zugleich deutlich, dass er einfach zu jung dafür sei, was allfällige Mitschuld in derselben Weise von Mitläufertum zu Naivität umdeutet, wie das auch Grass in seiner Autobiografie tut.1231

Mit der Ausnahme von Judith, auf die weiter unten noch genauer eingegangen wird, sind also alle der intern fokalisierten Figuren mit eigener Stimme vollkommen unschuldige und sogar hochmoralisch handelnde Deutsche. Und wie sieht es mit den anderen Figuren aus? Neben den Hauptakteuren gibt es mit den Einwohnern Reriks, dem Wirt und den schwedischen Matrosen nur wenige Nebendarsteller; sie sind aber ähnlich modellhaft im Sinne einer Dichotomisierung zwischen ‚uns‘ guten Deutschen und ‚den bösen Anderen‘ ausgestaltet. Die physiognomische Einschätzung Gregors, der von sich behauptet, mit „unfehlbarer Sicherheit“ (AS 83) zu erkennen, ob jemand ein ‚Nazi‘-Spitzel ist („Das Gesindel war leicht zu erkennen für ihn; er hatte einen Blick dafür. Hier, in Rerik am Kai, war die Luft noch rein, stellte er fest.“, ebd.) bestätigt sich im Verlauf der Handlung; die anonymen Einwohner Reriks verraten Judith tatsächlich nicht, obwohl sie wegen ihres ‚rassischen‘ Aussehens offenbar von allen sofort als Jüdin erkannt wird.1232 Sie drohen ihr – abgesehen vom Wirt (s. u.) – auch nicht, wenn „alle so tun, als sähen sie die Fremde überhaupt nicht.“ (AS 82)

Der Wirt ist dabei die einzige deutsche Figur, die ein Gesicht bekommt und sich gleichzeitig ohne nachvollziehbare entlastende Begründung falsch verhält: Als er Verdacht schöpft, Judith könnte Jüdin sein, deutet er an, sie könne sich sein Schweigen durch sexuelle Gefälligkeiten ‚erkaufen‘ (vgl. AS 46).1233 Das Verhalten des Wirts ist dabei opportunistisch und widerwärtig, aber es scheint nicht merklich antisemitisch motiviert zu sein: Seine Rolle und der Verlauf der ihn betreffenden Handlung müsste nicht verändert werden, wenn Judith aus anderen denn aus antisemitischen Gründen verfolgt würde. Er ist also, obwohl er auf den ersten Blick als typischer Mitläufer erscheint, doch keine Ausnahme von der Regel, dass ‚einfache Deutsche‘ nicht als ideologisch am Nationalsozialismus beteiligte Figuren auftauchen.1234

Die Schweden erscheinen im Gegensatz zu den Deutschen nun gerade im Kollektiv als kulturlose Barbaren, die bei jeder Erwähnung, zuletzt „schweigend und bösartig“ (AS 111), ‚saufen‘.1235 Der junge schwedische Steuermann, in den Judith zunächst ihre Hoffnung richtet, scheint zwar überaus anständig und ordentlich auszusehen (AS 99, 104, 107); er erweist sich dann aber doch als „grob“ (AS 106) und vor allem als nutzlos und feige (AS 106 f.). Und die einzige andere Gruppe, die noch als Kollektiv erwähnt wird, sind Leute ‚im Süden‘; diese erscheinen nur als Negativfolie: „Gefährlich sind auch die Leute hier, die alle so tun, als sähen sie die Fremde überhaupt nicht, aber sie sehen sie doch und beobachten sie, auch wenn sie sie nicht anstarren, wie es die Leute in einem Hafen im Süden tun würden.“ (AS 82) Zwar denkt Gregor hier, diese Zurückhaltung sei auch gefährlich, auf diesen Gedanken folgt aber direkt Gregors Erkenntnis, dass niemand „Spitzel der Geheimen Staatspolizei“ (AS 83) ist, sodass vom Vergleich mit dem Hafen im Süden nur der Unterschied bezüglich Zurückhaltung und die Auffälligkeit der Jüdin stehen bleiben.

In dieser ‚modellhaften‘ Konstruktion in Sansibar sind also eine Vielzahl von überaus guten Deutschen, die überaus gute Gründe haben, Judith nicht helfen zu wollen, es aber dann dennoch tun, was sie moralischer erscheinen lässt, einer Gruppe barbarischer Schweden, starrenden Südländern und natürlich „den Anderen“, den ‚Nazis‘, zu denen niemand gehört, gegenübergestellt. Kulisse bildet ein Städtchen in Deutschland mit zurückhaltenden, dezenten Menschen – und wie im Zitat, das dieses Kapitel eingeleitet hat, sehr deutlich auf den Punkt gebracht ist, sind Menschen eben keine ‚Nazis‘: „Es wird bald keine Plätze mehr geben, an denen sich Menschen treffen können. Es gibt fast nur noch Plätze für die Anderen.“ (AS 71) Und von diesen manichäischen Implikationen wird im Verlauf der Handlung keine unterlaufen; keine der handelnden Figuren stellt sich plötzlich doch als Antisemit oder Parteigänger heraus, kein Schwede zeigt Mitleid, Judith wird trotz angeblicher Vielstimmigkeit von allen Figuren als verwöhntes, naives und fremdartiges Mädchen geschildert.

Moral der Geschichte: Warum es falsch ist, Deutschland zu verlassen

Vielmehr kommt auf der Handlungsebene sogar, wie nun in der Folge ausgeführt werden soll, ein Aspekt dazu, der die moralischen Implikationen in Bezug auf das ‚Eigene‘ zu bestärken scheint: Alle ‚guten‘ Figuren entscheiden sich nach ihren inneren Auseinandersetzungen ja dafür, in Deutschland zu bleiben. Wie Klüger bereits beschrieben hat, handelt es sich bei dem Problem „der ethischen Autonomie“ um das „eigentliche[] Anliegen“ des Romans,1236 von dem sowohl Judith als auch der ‚Klosterschüler‘ ausgenommen seien.1237 Klügers Beobachtung wirft die Fragen auf, wie die um den Verblieb in Deutschland herum gebaute Handlung mit der ‚Ethik‘ der moralisch autonomen Figuren korrespondiert, und was es in Bezug auf partikulare Moraldiskurse bedeutet, dass gerade Judith davon ausgenommen ist.

Wie bereits gesehen, erscheint das Bleiben in Deutschland bei allen ‚guten‘ Figuren als moralische Entscheidung, sodass sie als besonders ‚gute Deutsche‘ konzipiert werden. Das kann natürlich zunächst als, wie Klüger formuliert hat, „Wiedergutmachungsphantasie“1238 und als Apologie dafür, tatenlos geblieben zu sein, verstanden werden. Der Roman geht aber in seiner Moral der Geschichte eindeutig noch einen Schritt über eine solche individuelle Rechtfertigung hinaus; er impliziert nämlich nicht nur, es habe moralische Gründe gegeben, in Deutschland zu bleiben, sondern noch viel dezidierter umgekehrt, Deutschland zu verlassen sei gleichbedeutend damit, den leichteren Weg zu nehmen. Alle bereits erwähnten Figuren würden es sich ja grundsätzlich wünschen, wegzugehen; Helander möchte ins Spital kommen statt ins KZ (vgl. AS 128); Gregor begehrt Judith, aber ‚verzichtet‘ auf sie. Und insbesondere für die beiden Kommunisten, also aktiven Nazigegner, Knudsen und Gregor erscheint die Flucht aus Deutschland wie gesehen explizit als „Fahnenflucht“ (AS 119) und als „sich drücken“ (AS 121)1239 – die Möglichkeit zum Widerstand wird so also ganz entgegen der historischen Realität, aber nach wie vor im Sinne der Debatte um ‚die Emigration‘ in der Nachkriegszeit,1240 nur in Deutschland verortet.

Am deutlichsten wird diese Logik auf der Handlungsebene in der Geschichte des Jungen. Dass er beide ‚Varianten‘ des Titels prägt (er träumt von Sansibar, er sucht den letzten Grund, warum er Rerik verlassen will),1241 legt nahe, dass er auch eine Schlüsselrolle für die ‚Moral der Geschichte‘ einnimmt. Geht man danach, ist der Roman noch deutlicher als Narration über die Vorteile des Daheimbleibens statt als Manifest eines nachgeholten Widerstands zu lesen, ein Fazit, zu dem bereits Pascale Avenel-Cohens aus einer anderen Perspektive, aber ebenfalls mit Blick auf Identität und Alterität kommt.1242 Er fragt nach der Funktion der Ferne für die Selbstfindung der Figuren und arbeitet heraus, dass „[f]ast alle Figuren […] sich auf diese Weise für die Konfrontation mit der Realität anstatt für eine Ferne [entscheiden], die sie nicht zufrieden stellen kann, aber die allein ihre Selbstfindung ermöglicht“.1243

Ausgehend von den Handlungssträngen um Gregor, Knudsen und Helander ist zu fragen, inwiefern auch in der Geschichte des Jungen nicht nur private Selbstfindung, sondern auch moralische Reife und Verantwortungsbewusstsein mit der Heimat korreliert werden. Schließlich träumt er zunächst in ausgestellt jugendlicher Unbescholtenheit von einer unbekannten, phantastischen Fremde, der er die Chiffre „Sansibar“ gibt (vgl. u. a. AS 110). Im Verlauf des Romans wird ihm bewusst, dass er doch nach Deutschland zurückkehren will, was mit einer allgemeinen inneren Reifung gleichgesetzt wird – und, so die These, auch mit einem dezidiert moralischen Aspekt. Nachdem er lange überhaupt nichts von den ‚Anderen‘, das heißt vom Nationalsozialismus, mitbekommen hat, wird ihm erst auf dem Schiff, von Judith, die Gefahr erklärt, die Knudsen droht, wenn dieser alleine zurückkommen sollte:

[D]u willst doch hoffentlich den Mann dort oben nicht im Stich lassen. […] Das kannst du nicht! Judith geriet in Erregung. Stell dir vor, wenn er ohne dich zurückfahren muß, dann ist er doch geliefert. Was soll er ihnen denn erzählen, wo du geblieben bist? […] Wenn du nicht mit zurückkommst, so werden sie wissen, daß er im Ausland gewesen ist, und sie werden ihn verhaften […].“ (AS 195 f.).1244

Der Junge lässt sich davon zuerst wenig beeindrucken und denkt nur, „so eine Gelegenheit kommt nie wieder.“ (AS 196) Als sie tatsächlich sicher nach Schweden kommen, stiehlt er sich auch wirklich vom Boot und findet prompt eine perfekte Idylle: Einen „prima“ Wald voller „Bäche und kleine[r] Teiche“ (AS 210), darin eine Blockhütte „an einem silbergrauen See“ (ebd.), die verlassen und nicht verschlossen ist, wo aber alles zum Feuermachen und Kochen und ein „Lager aus Fellen“ (AS 211) bereitliegt; davor ein altes Fischerboot, das funktioniert und mit dessen Hilfe er sofort Fische fängt, „viel frischer und zarter […] als Seefische“ (ebd.), die er sich brät, während er weitere Pläne schmiedet – kurz: ein fast unglaubliches Paradies.

Eher beiläufig – eigentlich will er nur rasch schauen, ob Knudsen schon weg ist, um endgültig frei zu sein (AS 212) – entscheidet er sich dann aber plötzlich doch anders. Er sieht Knudsen auf seinem Kutter sitzen und auf ihn warten. Die letzten beiden Sätze des Romans lauten: „Der Junge blickte nicht mehr in den Wald zurück, als er den Steg betrat. Er schlenderte auf das Boot zu, als sei nichts geschehen.“ (Ebd.) Die in diesem Handlungsstrang bis so kurz vor Schluss dominierende positive Aufladung des Raums des ‚Anderen‘ und ‚Fremden‘ wird also ganz zuletzt auch noch, und besonders effektreich als Auflösung und ‚Moral der Geschichte‘, umgedreht. Es ist ohne Frage ein Happy End, dass er den treuen und vertrauensseligen Knudsen – und damit auch dessen behinderte Ehefrau Bertha – nicht in Lebensgefahr bringt, um seinen eigenen Traum zu verwirklichen.

Indem er für diese moralische Tat auf seinen großen Lebenstraum und eine Bilderbuchidylle verzichtet, wiederholt er besonders selbstlos das, wofür wie gesehen auch die anderen männlichen Figuren stehen: dass ein Ausharren in Deutschland im Nationalsozialismus ein Akt besonderen Mutes und Selbstlosigkeit bedeuten konnte. Der Junge macht diese Entwicklung ganz besonders modellhaft durch, die Stellen, an denen er intern fokalisiert ist, sind kursiv hervorgehoben, eröffnen den Roman und schließen ihn ab. Auf der ersten Seite des Romans denkt er: „Verstecken war übrigens nicht das Richtige, dachte der Junge – man mußte weg sein.“ (AS 7) Zuletzt sieht es aus, als würde er endgültig – oder zumindest bis auf Weiteres, er hat ja kein eigenes Schiff und soll noch länger Knudsens Junge bleiben (vgl. AS 26, 48), sodass das tatsächlich seine einzige Gelegenheit gewesen wäre – einsehen, dass er sich irrte.

Diese Textethik wird noch von der Nebenfigur des Vaters flankierend unterstützt. Er ist verschwunden, als der Junge fünf war (AS 20) und bildet eine Spiegelung und Gegenprinzip des Jungen, wie Aussagen der Mutter verdeutlichen: „Zu sehen, zu sehen, sagte die Mutter, immer wollt ihr was zu sehen kriegen, dein Vater wollte auch immer was zu sehen kriegen. Sie fing zu nölen an.“ (AS 32) Auch der Vater wollte anscheinend weg und sehnte sich nach der Ferne; dass er getrunken hat (vgl. AS 14, 20, 32), dürfte in der Logik des Texts am ehesten als Umgang mit dem Leidensdruck, dass ihm das Weggehen nicht gelang, zu erklären sein. Anders als der Junge hätte der die Möglichkeit dazu gehabt und ist mit einem Schiff auch immer wieder auf die „offene See“ hinausgefahren (AS 14), statt wie die anderen Fischer in sicheren Gewässern zu bleiben – woran er schließlich zugrunde ging: Sein Schiff wurde geborgen (AS 26), man scheint anzunehmen, er sei betrunken auf offener See gekentert (AS 14). Es wird allerdings nichts darüber gesagt, ob man seine Leiche gefunden hat und die Mutter scheint auch nicht zu trauern, sondern den Vater nach Aussagen des Jungen „nicht leiden“ zu können (AS 32). Deswegen bleibt grundsätzlich auch die Deutung offen, dass der Vater letztlich wirklich ‚abgehauen‘ ist. Dass das Verschwinden auf das Jahr 1927 datiert,1245 das wegen der einsetzenden Wirtschaftskrise bekanntermaßen als Anfang vom Ende der Weimarer Republik und damit vom Aufstieg der NSDAP gesehen wird, unterstützt noch diese Lesart, dass es sich bei ihm um die einzige deutsche Figur handelt, die sich erfolgreich vor dem Nationalsozialismus ‚gedrückt‘ hat.

Und ob er das getan hat, indem er mangels Vorsicht ertrunken ist oder indem er sich früh aus Deutschland abgesetzt hat; er scheint auf jeden Fall falsch gehandelt zu haben. Er hat eine verbitterte Ehefrau mit Schulden (AS 26) und einen kleinen Jungen, dem er eindeutig sehr fehlt, wie seine fast in jedem Redeanteil zum Vater zurückkehrenden Gedanken zeigen, hinterlassen. Und der Grund dafür ist in allen Lesarten einzig die Tatsache, dass er seine Sehnsucht nach der Ferne nicht überwinden konnte. Wie bei den anderen Figuren ist auch beim Jungen das Fortgehen also mit Scheitern oder Aufgeben (in der Story des Vaters) und Unmoral (in der Story des Jungen) assoziiert und damit, dass es der einfachere Weg wäre. Fortgegen wird ähnlich wie schon von Gregor und Knudsen als „Kneifen“ gebrandmarkt, während das Bleiben in Deutschland Opfer, aber auch Selbstfindung und moralisches Handeln bedeutet.

Viele der moralisch aufgeladenen Handlungsstränge können dadurch auch als implizite Abwertung des Exils gelesen werden, während Sehnsucht nach, aber Abkehr von der Fremde in der Art eines heimatlichen Entwicklungsromans – gerade auch ein beliebtes Narrativ im NS-Film –1246 als positive Entwicklung gestaltet ist. So kehren denn im Sinne des Happy Ends fast alle Figuren wieder nach Deutschland zurück – neben dem diskreditierten Vater und dem „Klosterschüler“ nur mit einer Ausnahme, nämlich der hier noch nicht zur Sprache gekommenen Judith, die nun abschließend genauer zu betrachten ist.

Figuren II: „Nicht-Identische Identität“ der Figur Judith

Judiths Figur erscheint schon hinsichtlich ihrer Eigenschaften als Herausforderung im ansonsten eher manichäisch konstruierten Weltbild des Romans: Es gibt die guten Deutschen, es gibt die bösen ‚Nazis‘ und die barbarischen Schweden, die dezidiert und dichotom abgegrenzt sind, und nur Judith oszilliert dauernd zwischen ‚Eigenem‘ und ‚Fremdem‘. Formal ist sie wie die vier Deutschen intern fokalisiert, macht aber als einzige eine ganz andere Entwicklung durch; sie ist auch durchaus eine Sympathieträgerin. Gleichzeitig ist sie aber doch irgendwie ‚anders‘: nicht unmoralisch, aber fremd, sieht gut aus, aber gerade nicht ‚normal‘ und ‚unauffällig‘ wie Gregor (AS 85, 147, 148), verhält sich nicht unmoralisch, trägt aber durch ihre Passivität auch nichts entscheidend Positives zur Handlung bei.1247 Auch ihr Name passt sich in diese Logik ein; während die drei männlichen erwachsenen Protagonisten ‚normale‘ und unauffällige deutsche Namen haben,1248 bei ‚den Anderen‘ semantisch nicht einmal markiert ist, dass es sich überhaupt um Deutsche handelt, ist Judith Levin1249 semantisch mit einem typisch jüdischen Nach- und quasi sprechenden Vornamen markiert.1250 Holz deutet die Wahl stereotyper jüdischer Namen im Zusammenhang mit Identität und Alterität so, dass sie durch ihre Austauschbarkeit „‚jüdische Identität‘ […] bestreiten und zugleich ‚den Juden‘ als Genus […] identifizieren.“1251

Das gleiche Oszillieren zwischen ähnlicher, fremder und abwesender Identität findet auch in Bezug auf die Figurenzeichnung statt. Wie viele jüdische Frauenfiguren in Texten der Gruppe 47 ist sie getauft, und sie sagt von sich selbst, sie fühle sich erst seit kurzem als Jüdin, seit man sie „zur Jüdin gemacht“ habe (AS 144).1252 Ihrer eigenen Aussage, sie habe sich immer als Deutsche gefühlt (ebd.), werden aber zahlreiche Außenperspektiven und Handlungsmomente entgegengesetzt, allem voran die Betonung aller anderer Figuren, die sie offenbar nicht als ‚normale Deutsche‘ wahrnehmen, sondern immer sofort als Jüdin ‚erkennen‘ (s. o.). Diese essentialistische Komponente entspricht dem von Holz beschriebenen Klischee einer „nicht-identischen Identität“1253 ‚des Jüdischen‘: „Sie passen sich überall schnell und oberflächlich an, gehören aber nirgendwo richtig dazu.“1254 Er erklärt das wie folgt:

Untersucht man antisemitische Texte daraufhin, welche Fremdbilder auftauchen, so findet man häufig neben dem Judenbild ein zweites Fremdbild. In diesem zweiten Fremdbild werden andere Völker und Nationen, Ausländer, kurz Fremde im Sinne von: einer anderen, für sich wiederum eigenen Nation zugehörig, bedacht. […] Dadurch wird der Antisemitismus dreigliedrig. Erstens gibt es die Wir-Gruppe, z. B. die Deutschen, zweitens Fremde, z. B. die Franzosen und drittens die Juden.1255

Die nationalistische Unterscheidung werde dichotomisiert, „in dem eine Seite das Eigene, alle anderen das Fremde“ bezeichneten.1256 Zwar würden die Fremden meist abgewertet, aber ihnen würde zumindest „nicht abgesprochen, ein Volk, ein Staat, eine Nation zu sein“ und somit Teil einer „eindeutige[n] Ordnung der Welt.“1257 Die Rolle der Juden liege in diesem System dagegen mangels nationaler Identität „darin, nicht identisch und die Negation von Identität zu sein.“ Sie stehen für alles Bedrohliche, was sich binärer Unterscheidung entzieht, wie „die ‚Gesellschaft‘ oder die ‚Globalisierung‘.“1258

Genau in diesem Sinne ist nun auch insbesondere auch die moralische Position Judiths als einzig moralisch neutrale Figur in einer relativ manichäischen Welt von guten Deutschen und bösen Fremden gestaltet. Und damit korrespondiert die ‚Moral der Geschichte‘ in Sansibar, in der in Deutschland zu bleiben für alle intern fokalisierten Figuren außer für Judith als Resultat einer Selbstfindung und als moralischer Akt konstruiert ist.1259 Dass Judiths Geschichte als einzige von allen Hauptfiguren anders verläuft, erscheint auf den ersten Blick historisch plausibel, da sie als Jüdin im Nationalsozialismus ganz anderen Gefahren ausgesetzt ist als die anderen Figuren. Auf den zweiten Blick stellt sich die Konstruktion aber auch in dieser Hinsicht als verzerrt heraus: Innerhalb der Romanlogik ist Judiths Gefährdung ja wie gesehen als eher kleiner als die aller anderer Figuren dargestellt. Dennoch wird ihr Unterschied zu allen anderen sehr betont:

[W]ir drei wollen weg – ich, der Klosterschüler, das Mädchen. Aber es ist ein Unterschied, dachte er plötzlich, zwischen mir und den beiden anderen. Ich will weg, aber sie müssen weg. Ich bin zwar bedroht, mit dem Konzentrationslager, mit dem Tod, aber ich kann trotzdem frei entscheiden, ob ich bleibe oder gehe. Ich kann wählen: die Flucht oder das Martyrium. Sie aber können nicht wählen: sie sind Ausgestoßene. (AS 80 f.)

Der Roman impliziert also nicht nur, dass Judith den Akt moralischer Selbstfindung durch nationale Identifikation nicht nur als einzige intern fokalisierte Figur nicht durchlebt, sondern ihn offenbar auch gar nicht durchleben kann. Dabei ist ihre Passivität auch historisch betrachtet viel weniger zwingend, als dies in Sansibar dargestellt wird, wie schon Klüger angesichts der gerade zitierten Stelle betont hat. Wie sie absolut überzeugend bemerkt, geht aus diesem Zusammenhang eigentlich

keineswegs hervor, warum es der Jüdin nicht ebenso freistehen sollte wie dem ‚Arier‘, zwischen so verzweifelten Alternativen zu wählen. Den Lebenskampf kann jeder freiwillig aufgeben. An jüdischen Märtyrern, wenn wir darunter Menschen verstehen, die ein ungewöhnliches Opfer bringen, war unter den Juden der Holocaust-Zeit auch kein Mangel.1260

Dass Judith dennoch als Figur erscheint, die zwischen allen Identitäten steht, als einzige nicht über diese von Gregor beschriebene ‚ethischen Autonomie‘1261 verfügt, die das Hauptanliegen des Romans ausmacht, erinnert nun relativ stark an den konkreten antisemitischen Ausschluss von Juden aus den im Nationalsozialismus propagierten Moralvorstellungen. Wie eingangs dieses Kapitels beschrieben, sei es gar nicht das moralische Handeln an sich gewesen, das den Deutschen ‚rassenbiologisch‘ eingeschrieben gewesen sei, sondern dass sie, anders als die Juden, überhaupt die grundsätzliche Möglichkeit dazu hätten: „Gerade die Fähigkeit der Deutschen, zwischen Gut und Böse zu entscheiden, qualifiziere sie zu moralischen Wesen.“1262 Dass Judith als einzige Figur die moralische Entscheidung für ‚ihr Land‘, die bei allen anderen als Ergebnis einer moralischen Entwicklung erscheint, angeblich gar nicht treffen kann, erinnert an diesen Diskurs.

Am Schluss wird dieses Bild sogar noch mit dem bereits weiter oben beschriebenen der ‚schönen Jüdin‘ gekoppelt.1263 Auch Holz geht auf dieses Klischee ein und hält fest: Wird das Bild einer ‚schönen Jüdin‘ […] gezeichnet, so ist sie eine verbotene Versuchung oder ein unerreichbares Versprechen. Sie ist zugleich schutzlos und hat die Macht, den Helden von seinem Weg abzubringen.“1264 In genau diesem Sinne fühlt sich Gregor von ihr angezogen, wie unter Berücksichtigung der bisherigen Befunde recht deutlich wird: Ihre Anziehungskraft erscheint schon deswegen eher wie eine zu überwindende Versuchung, da sie ihm ja eigentlich unsympathisch ist. Ihr Reichtum stößt ihn ab und ihr Gesicht nervt ihn, und wie der Text impliziert, beides nicht zu Unrecht. Dass Gregor hervorragende ‚Fähigkeiten‘ als Physiognomiker hat, wird ja wie gezeigt anhand mehrerer Beispiele bestätigt,1265 was nahe legt, dass er sich auch hier nicht irrt. Und in Bezug auf ihren Reichtum (den er ihr ja ebenfalls sofort korrekt am Gesicht angesehen hat)1266 liegt er denn auch ganz richtig in der Annahme, dass ihr Sinn für Kunst vor allem deren monetären Wert abzuschätzen weiß.1267

Die ‚Modellsituation‘ ist also zunächst, dass er ihr hilft, weil sie eine bedrohte Jüdin ist – und zwar trotz ihrer Verwöhntheit und ihres Reichtums, die ebenfalls mit ihrem Jüdischsein korreliert sind und die er als Kommunist ablehnt. Trotz ihrer Gegensätze kommen sich Judith und Gregor – offenbar gegen Gregors Instinkte – aber etwas näher, bis das Motiv der verführerischen, aber zu überwindenden Jüdin schließlich in ihrer letzten Aufforderung, mit ihr mitzukommen, kulminiert:

Los! sagte Gregor zu Judith. Es ist soweit. Sie bewegte sich noch immer nicht vom Fleck, aber sie machte eine Bewegung mit der Hand, eine stumme Aufforderung an Gregor, mitzukommen. Aber Gregor schüttelte den Kopf. Er ging auf sie zu, packte sie an der Schulter und stieß sie fast in die Richtung der Bühne (AS 190 f.).

Angesichts der beschriebenen durchweg positiven Aufladung der Entscheidung, in Deutschland zu bleiben, scheint sie hier tatsächlich als verführerische Gefahr zu versuchen, Gregor „von seinem Weg abzubringen“.1268 Dass er ihrem Reiz nicht erliegt und sich stattdessen wieder auf den Rückweg macht (ebd.), erscheint nicht als gescheiterte Liebesbeziehung, sondern als erfolgreich abgeschlossene politische bzw. moralische Mission.

Schlüsse

Es finden sich also in Sansibar oder der letzte Grund – trotz der Vielstimmigkeit des Romans, die sich von den im letzten Kapitel angesprochenen notorischen Landsertexten abhebt – im Zusammenhang mit moralischer Identität und unmoralischer Alterität mehrere bemerkenswerte Verfahren in kristallisierter Weise. Die männlichen Hauptfiguren sind ausnahmslos ‚gute Deutsche‘, die eine arme, hilflose Jüdin vor ‚den Bösen‘, ‚den Anderen‘ – zu denen sie und alle ‚normalen Deutschen‘ absolut nicht gehören –, nämlich den ‚Nazis‘, retten. Durch deren Bezeichnung als die ‚Anderen‘ sind die NS-Verbrechen bis in die Benennung der Gefahr dezidiert ausgelagert und eben vom ‚Eigenen‘ dichotomisch abgegrenzt. Analog dazu sind die Figuren, die qua Herkunft tatsächlich fremd oder anders sind, moralisch abgewertet: Die Schweden, bei denen die Jüdin Judith zunächst Zuflucht sucht, erweisen sich als wenig hilfreich und ihrerseits als Bedrohung, am Rande wird behauptet, dass die Südländer sie zudringlicher anstarren würden als die Leute in Rerik. Das Gute dagegen ist dezidiert mit außer- wie innertextuellen Markierungen des ‚Eigenen‘ ausgestattet: Die guten Figuren tragen autofiktionale Züge, sie gehören der Tätergesellschaft an, sie sind fokalisiert und damit die wahrnehmenden Subjekte des Texts.

Wie sich gezeigt hat, ähneln sich zudem auch die scheinbar individuellen moralischen Konflikte der Hauptfiguren in ihrem Ergebnis sehr. Ihre jeweiligen Gründe, wieso sie zögern, Judith und die Statue zu retten, sind geradezu modellhaft für die wichtigsten Gründe, die in Nachkriegsdeutschland angeführt wurden, warum man Deutschland nicht verlassen habe: Dass man die Kirche, Religion und Kunst schützen wolle, bei den Angehörigen bleiben müsse, im Widerstand aktiv sei. Die Bedeutung dieser Beachtung erschöpft sich nicht in der werkbiografischen Konstatierung einer „Wiedergutmachungsphantasie“; alle Figuren entscheiden sich tatsächlich, das Land nicht zu verlassen, und bei allen erscheint es als eine Art Opfer, als tapfere Wahl, obwohl man es im Exil viel leichter gehabe hätte. Damit knüpft der Text nach wie vor in derselben Haltung an die Exil-Debatte der Nachkriegszeit an, wie sie Andersch bereits in seinem frühen Essay Deutsche Literatur in der Entscheidung (1948) formuliert hat.1269 Und auch hier wird durch diese Haltung die Entscheidung für das ‚Eigene‘, für Deutschland, eng an moralisches Verhalten gekoppelt.

Nur Judith als Jüdin nimmt hier in mehrfacher Hinsicht eine Sonderrolle ein. Sie ist weniger ‚normal‘ und ‚unauffällig‘ als die anderen, stark als fremd markiert, und sie ist auch hinsichtlich ihrer Moral anders gestaltet als die vier männlichen Figuren, die sich alle nach einem inneren Konflikt zu gutem Handeln verschiedener Art entscheiden. Sie handelt nicht, deswegen kann sie auch nicht moralisch handeln; sie ist eine passive, hilflose und verwöhnte Figur mit einem „besonders schöne[n] Exemplar“ (AS 78) eines „fremdartigen Rassegesicht[s]“ (AS 83). Der antisemitische Gehalt dieser Figurenzeichnung wurde schon in mehreren Studien hervorgehoben und kann hier um den Befund ergänzt werden, dass sie in der Moralkonfiguration des Texts genau in dem Sinne der Vorstellung einer jüdischen ‚nicht-identischen Identität‘ zwischen den verschiedenen Möglichkeiten der Zugehörigkeit steht, die der Text eröffnet. Sowohl in ihrer Unfähigkeit, überhaupt eine moralische Entscheidung treffen zu können, als auch in ihrer Rolle als Verführerin zur Unmoral knüpft ihre Beschreibung auch direkter an konkrete NS-Moralvorstellungen an.

4.2 Einfache Deutsche, die ‚Nazi‘-Elite und die Verortung von Schuld

Mehrere Aspekte sprechen dafür, dass die Sansibar strukturierende Dichotomie von ‚guten Deutschen‘ und ‚bösen Nazis‘ auch für die Gruppe 47 als ‚modellhaft‘ gelesen werden kann. Der Roman gilt als prototypisch für die junge Generation und wurde wie gesehen von Amery und von Celan auch genauso gelesen;1270 Andersch gilt als eines der wichtigsten Gruppenmitglieder. In der nationalistischen Argumentationsweise und partikularen Moralvorstellungen, die sich insbesondere in einer Abwertung des Exils äußern, knüpft Sansibar zudem an mehrere Vorstellungen an, die sich bereits in Anderschs Essay Deutsche Literatur in der Entscheidung äußern – der ja seinerseits als besonders programmatisch für die Gruppe 47 gilt und wie gesehen im Einklang mit vorherrschenden Nachkriegsdiskursen an partikularistische Beurteilungsmuster aus dem Nationalsozialismus anschließt.1271

Wie nun im Folgenden zu zeigen ist, war auch die in der Lektüre von Sansibar identifizierte manichäische Interpretation des Nationalsozialismus im Nachkriegsdiskurs sehr dominant; anders als für die Gruppe 47 gibt es dazu für die Nachkriegsgesellschaft und -literatur auch bereits Studien. Diese Forschungslage soll nun zunächst etwas genauer ausgeführt werden, um ausgehend davon einen ersten vergleichenden Blick auf die vorherrschenden Konstruktionen in den Almanach- und Preistexten werfen zu können (4.2.1). Zwei Texte aus dem Almanach werden daraufhin genauer untersucht, in denen die Dichotomisierung der NS-Schuld besonders deutlich wird: Siegfried Lenz’ Erzählung „Gelegenheit zum Verzicht“ ([1960] 1967) handelt von einem guten Deutschen, der quälende Gewissensbisse hat, weil er einen Juden deportieren muss, und der betontermaßen für die gesamte ‚Wir-Gruppe‘ eines deutschen Dorfs steht, die die Erzählung konstruiert (4.2.2). Heinz v. Cramers Romankapitel „Bericht des jungen Mannes“ ([1961] 1967) verarbeitet quasi das ‚Gegenprinzip‘; sie handelt von einem abgrundtief bösen Menschen, der sich fanatisch zum Nationalsozialismus bekennt (4.2.3). Es ist sicherlich kein Zufall, dass dabei Lenz’ Erzählung wie Anderschs Sansibar eine jüdische fokalisierte Figur enthält, in v. Cramers Text dagegen nicht nur keine Juden vorkommen, sondern auch kein Antisemitismus, obwohl die Sprache des Protagonisten ansonsten mit NS-Jargon überladen ist. Darauf wird schließlich im letzten Unterkapitel (4.3) genauer eingegangen.

4.2.1 Einfache Deutsche und ‚Nazis‘ in der Nachkriegszeit und in den Almanach- und Preistexten

Die Dichotomisierung zwischen ‚den Nazis‘ und den ‚normalen Deutschen‘, zu denen die große Mehrheit der Bevölkerung gezählt wurde, spielte im Nachkriegsdiskurs eine zentrale Rolle und zog sich bis mindestens in die 90er Jahre weiter. Erst nach der Jahrtausendwende wurde sie zum Gegenstand breiterer grundsätzlicher Kritik, nachdem die deutsche Ausgabe von Goldhagens Band Hitlers willige Vollstrecker1272 und kurze Zeit später die Wehrmachtsausstellungen in den Jahren 1995 bis 1999 und von 2001 bis 2004, die die Verbrechen der Wehrmacht erstmals einem breiteren Publikum ins Bewusstsein riefen,1273 auf viel Widerstand gestoßen waren. Die Debatten, die damit verbunden waren, zeigten, wie tief sich die Vorstellung eines Grabens zwischen unschuldigen einfachen Bürgern und einer kleinen Gruppe alleine verantwortlicher Führungskräfte des Nationalsozialismus auch über den erinnerungspolitischen Bruch von 1968 hinaus gehalten hatte.1274

Der Diskurs um Deutsche und ‚Nazis‘ in Öffentlichkeit und Forschung

Einer der zentralen wissenschaftlichen Gestalter der ursprünglichen Wehrmachtsausstellung, Hannes Heer, hat zwei umfangreiche Monografien geschrieben, die sich um diesen Komplex drehen; Hitler war’s (2005) und Vom Verschwinden der Täter (2004). Heer arbeitet in beiden Bänden diverse kulturelle Zeugnisse und Debatten der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ auf, wobei sein Fokus, wie bereits die Titel sagen, in beiden Bänden auf dem „Entlastungsmanöver der mehrheitlich guten und der wenigen bösen Deutschen mit Hitler an der Spitze“1275 von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart liegt.1276 Wie in diesen Bänden deutlich wird, wurzelt dieses „Entlastungsmanöver“ bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit. So beschreibt Heer die Erfolglosigkeit von Bölls frühen Kriegstexten, die in der BRD wegen ihrer „analytisch[en] Hellsicht und ein[em] unerbittliche[n] Urteil bei der Darstellung von Nationalsozialismus und Krieg“,1277 mit denen Böll als einer von wenigen auch die Wehrmacht kritisch beleuchtet hat, nicht erscheinen konnten.1278

Dabei wurde die Schuld nicht ausschließlich auf die Führungselite, sondern in der unmittelbaren Nachkriegszeit zunächst auch auf die Alliierten, ‚den Russen‘ und implizit natürlich nach wie vor ‚die Juden‘ übertragen, die in der NS-Propaganda bekanntermaßen durchwegs als Aggressoren und Gefahr aufgetreten waren, die die NS-Politik als notwendige Notwehr erscheinen ließen.1279 In Bezug auf die deutsche Bevölkerung herrschte dagegen die Wahrnehmung vor, sie treffe als Kollektiv keinerlei Schuld an Nationalsozialismus und Holocaust, vielmehr seien die einfachen Deutschen die größte Opfergruppe ‚der Nazis‘.1280 Das wird heute wegen des Wissens um Wähler/-innenanteile, ideologische Zustimmung, die Rolle der Wehrmacht oder das früh verbreitete Wissen um den Holocaust in der Bevölkerung nicht mehr so wahrgenommen; in der unmittelbaren Nachkriegszeit trugen aber zahlreiche Faktoren dazu bei, dass sich das Narrativ der unschuldig Verführten lange hielt.1281 Allem voran ist ein Zurückweisen jeglicher Mitschuld aus psychologischen und juristischen Gründen nachvollziehbar. Zudem wurde die deutsche Tätergesellschaft in der Entnazifizierungspolitik der Alliierten von Amtes wegen in verschiedene Gruppen unterteilt, wobei ein Großteil der Bevölkerung in eine der beiden untersten Kategorien als „Mitläufer“ oder „Unbelastete“ fiel.1282 Die relativ klare Dichotomisierung der Schuld im Nationalsozialismus entsprach also nicht nur dem Bild der Beteiligten, sondern einer international vorherrschenden Deutung in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Darüber hinaus wurden mit zunehmender Verlagerung der Interessen der Westmächte weg vom Nationalsozialismus hin zum Kalten Krieg immer mehr Amnestien gewährt und auch eine große Zahl aktiver NSDAP-Mitglieder als „Unbelastete“ geführt.1283

Paul hat im Forschungsspiegel zu seinem Sammelband Die Täter der Shoah. Fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deutsche? die verschiedenen Mechanismen beschrieben, mit denen ‚die Nazis‘ lange Zeit von der ‚normalen‘ deutschen Gesellschaft getrennt worden seien –1284 und herausgearbeitet, wie weit diese Darstellung von der historischen Realität entfernt ist: Wie er deutlich macht, war der Holocaust eine „arbeitsteilige Kollektivtat“;1285 an der nicht nur diabolische Psychopathen1286 und auch nicht, wie beispielsweise in Arendts Deutung,1287 nur gefügige Schreibtischtäter beteiligt waren. Die Führungseliten konnten selbstverständlich nur durch die vielfältige Zuarbeit von Tätern im „weiteren Sinne“ wie „all jene am Judenmord mittelbar Beteiligten wie die Beamten der Zivilverwaltung“,1288 oder auch die „Ehefrauen, die ihren Männern den notwendigen emotionalen und sozialen Halt für ihr mörderisches Tun gaben“, funktionieren.1289

Nach langen Jahren der starken Diskrepanz zwischen der historischen Realität und dem öffentlichen und auch wissenschaftlichen Diskurs haben sich in der Historiografie inzwischen sowohl die Beobachtung dieser Dichotomisierung und der Auslagerung von Schuld als auch die Beobachtung des Phänomens der verzerrten, quantitativ übermäßigen Präsenz ‚guter Deutscher‘ in der Erinnerungskultur durchgesetzt. Nachdem Brownings Studie darüber, dass am Holocaust Ganz normale Männer (1992) beteiligt waren, und Goldhagens These von Hitlers willigen Vollstreckern (1996) in den 90er Jahren in Deutschland noch hochkontrovers debattiert worden waren,1290 hatten jüngere Bände aus der US-amerikanischen Geschichtswissenschaft zur Frage nach der Mitschuld ‚einfacher Deutscher‘, wie Mary Fulbrooks Dissonant Lives. Generations and Violence Through the German Dictatorships (2011) oder ihr jüngster, auf Deutsch übersetzter Band Eine kleine Stadt bei Auschwitz. Gewöhnliche Nazis und der Holocaust (2015) keine vergleichbare Resonanz mehr.

Auch in der Soziologie ist die Tendenz der Auslagerung der Schuld inzwischen untersucht. So gibt es breit rezipierte sozialpsychologische Studien, die die verzerrte Rezeption der Vergangenheit hinsichtlich der Verhältnisse von Schuld und guten Taten in der NS-Tätergesellschaft beleuchten. In der empirischen Studie Opa war kein Nazi (2002) zeigen Harald Welzer et al., dass das Bewusstsein schuldbehafteten oder unmoralischen Verhaltens der Verwandten in der Enkel/-innengeneration sogar noch deutlich abgenommen hat gegenüber der Töchter- und Söhnegeneration. In der zweiten Auflage des Bandes aus demselben Jahr haben die Autoren ihre qualitativen Ergebnisse um eine knappe Zusammenfassung einer quantitativen Studie zu demselben Thema ergänzt, die ihre Ergebnisse deutlich stützt.1291 Dies insofern, als beispielsweise nur 2 % der Befragten davon ausgingen, ihre Eltern und Großeltern hätten dem Nationalsozialismus „sehr positiv“ gegenübergestanden, 4 % sprachen sich für „positiv“ aus – während dagegen ganze 49 % davon ausgingen, die Angehörigen seien Gegner des Nationalsozialismus gewesen.1292

Wie stark die Verzerrung dieser Wahrnehmung ist, ist in Susanne Beers ebenfalls sehr bemerkenswerter Studie Helene Jacobs und die „anderen Deutschen“ (2010) nachzulesen, wo es um diejenigen ‚Anderen‘ geht, die verfolgten Juden tatsächlich aktiv zu Hilfe kamen, nachzulesen. Beer arbeitet die Rolle von Helene Jacobs im deutschen Widerstand auf und zeigt dabei auch anhand verschiedener Quellen auf, wie gering Hilfsbereitschaft oder gar Widerstandsregungen in der Bevölkerung vertreten waren. Gemäß der von ihr angefragten Gedenkstätte Deutscher Widerstand seien bloß 3’600 aktive Helfer/-innen von Jüdinnen und Juden namentlich bekannt (Stand: Februar 2010);1293 die Schätzung von Historikern/-innen beliefen sich auf „mehrere zehntausend Menschen“ –1294 aber wie sie hervorhebt, ergebe sich selbst dann nur ein Anteil von 0.1 % der gesamten Bevölkerung, wenn man von 100’000 Helfenden ausgehen würde.1295

In der Literaturwissenschaft ist der Konsens noch etwas weniger breit, was die Aufwertung der deutschen Tätergesellschaft, Externalisierung von Schuld und Dämonisierung ‚der Nazis‘ angeht. Zwar wird eine entsprechende Verschiebung in der literarischen Verarbeitung des Nationalsozialismus immer wieder angenommen oder am Rand erwähnt, gerade implizit, wenn Grass’ Blechtrommel als erstes Werk der deutschen Nachkriegsliteratur gelobt wird, das die Mitschuld ‚einfacher Deutscher‘ aufarbeite. In Studien, die sich mit der literarischen Verarbeitung von Tätern im Nationalsozialismus befassen, ist die Bewertung der Ergebnisse aber weniger kritisch. So stellt sich Ächtler in einem Aufsatz zum „Auftauchen der Täter im deutschen Kriegsroman“ (2014) gerade gegen die Annahme, die Elterngeneration hätte in Bezug auf die Darstellung von Tätern im Zweiten Weltkrieg versagt;1296 vielmehr habe es sich in der Nachkriegszeit um notwendige ‚Diskursivierungsstrategien‘ gehandelt.1297

Eine moralische Bewertung des grundsätzlichen Prinzips, individuelle Schuld zu externalisieren, soll auch in der vorliegenden Studie nicht erfolgen; die Modelllektüre von Sansibar hat aber schon gezeigt, dass hierin durchaus ein Zusammenhang mit direkter Abwertung von ‚Anderen‘ bestehen kann. Und auch die bereits erwähnten Studien, die Bergmann (2007) über die Fortsetzung antisemitischer Tendenzen in der BRD zusammengetragen hat, weisen auf den engen Zusammenhang zwischen Dichotomisierung von Schuldzuschreibungen nicht nur mit der bereits oben angesprochenen Empathieverweigerung gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus, sondern auch mit direkteren Anknüpfungen an die Abwertung ‚Fremder‘ und Juden hin.1298 Von dieser kritischen Perspektive aus sollen im Folgenden auch die Almanach- und Preistexte der Gruppe 47 analysiert werden, wobei zunächst zu beleuchten ist, wie sie sich in quantitativer Hinsicht zum vorherrschenden Nachkriegsdiskurs verhalten.

Almanach und Gruppe-47-Preise, Zahlen und Verhältnisse

Der Literatur kann zwar weniger als der öffentlichen Erinnerungsarbeit die Aufgabe zugeschrieben werden, solche Realitäten im ‚korrekten Verhältnis‘ abzubilden. Hinsichtlich der untersuchten Frage nach komplexeren diskursiven Verknüpfungen von Moral und Identität scheint aber die einfache moralische Aufwertung der ‚eigenen‘ Gruppe schon sehr beachtenswert zu sein: Wie weiter oben gesehen, hat sich das Motiv des ‚guten Deutschen‘ im Almanach als zuverlässigster Indikator dafür herausgestellt, dass auch weitere besonders interessante Themen im Zusammenhang mit Moral und Zugehörigkeit in einer Erzählung vorkommen.1299 Und die Almanach-Texte weisen gerade in diesen weiteren interessanten Diskursen wiederum Parallelen zu Sansibar auf; insbesondere Schneiders „Die Mandel reift in Broschers Garten“, wo der Protagonist sogar ähnlich wie in Sansibar von einer „schönen Jüdin“ verführt wird; mit dem Unterschied, dass er dort ihren Reizen wohl ‚erliegt‘, was ihn vermutlich ins Verderben stürzt.1300

Bereits die zahlenmäßige Präsenz ‚guter Deutscher‘ und ‚böser Nazis‘ in der breiteren Menge der Almanach- und Preistexte verspricht angesichts dessen erste Aufschlüsse über den Gruppe-47-Diskurs:1301 Wie sind die ‚Nazi‘-Figuren konstruiert, wie ‚einfache Deutsche‘, in wie vielen Texten stehen sich solche gegensätzlichen Figuren gegenüber, und wie sieht es mit dezidiert positiv aufgeladenen Deutschen in Texten aus, die nicht im Nationalsozialismus spielen? Am deutlichsten können allfällige Zeugnisse partikularistischer Aufteilungen von Moral und Unmoral in denjenigen Texten nachvollzogen werden, die entsprechend eindeutig konstruiert sind. Mit 17 von 89 Texten, also nur knapp 20 %, sind das weniger als erwartet.1302

Dafür wird in diesen Texten schon auf den ersten Blick recht deutlich, dass die Unterscheidung zwischen ‚guten‘ oder neutralen Erzählern und ‚bösen‘ oder schuldigen ‚Anderen‘ eine wichtige Rolle spielt. In 11 dieser 17 manichäisch strukturierten Texten sind die unmoralischen oder ‚bösen‘ Figuren ‚Fremde‘ oder Angehörige der ‚Nazielite‘.1303 Und immerhin noch sechs Texte von diesen 11, also mehr als die Hälfte, enthalten zugleich auch ‚gute Deutsche‘.1304 Das stützt einerseits die Annahme, dass die Konstitution besonders guter Deutscher mit der Dämonisierung der ‚Anderen‘ zusammenhängt und diesem Phänomen nicht nur apologetische, sondern auch allgemeinere moralische Anliegen zugunsten der ‚Wir‘-Gruppe zugrunde liegen dürften. Zugleich zeigt es aber auch, dass es sich dennoch nicht um einen der quantitativ wichtigsten Diskurse handelt: Bei diesen sich gegenseitig bedingenden Kriterien sind letztlich aber nur sechs von 89, das heißt nicht annähernd ein Zehntel der Almanach- und Preistexte übriggeblieben, die Gut und Böse ganz eindeutig verhandeln, das Böse eindeutig auf Fremde oder eine ferne Nazielite auslagern und einfache Deutsche, meist intern fokalisierte Figuren als dezidiert Gute setzen.

Tatsächlich zeigt sich auch, wenn der Fokus weg von den deutlich manichäischen Texten gerichtet wird, dass es schon bemerkenswert ist, wenn NS-Schuld in einem Almanach-Text überhaupt thematisiert wird: Im gesamten Korpus sind nur neun Texte enthalten, die eine unmoralisch handelnde ‚Nazi‘-Figur enthalten.1305 Ähnlich sieht es mit Texten aus, die Schuldige aus Deutschland enthalten; das sind sogar nur sieben Texte im gesamten Korpus.1306 Beachtenswert ist nun, dass diese sieben Texte nicht einfach eine Teilmenge der neun ‚Nazi‘-Texte sind: Es deutet darauf hin, dass der Fokus auf Schuld-Zuschreibungen nicht ausreicht, um eine Fortsetzung von partikularen Moralzuschreibungen zu erfassen; dass schuldhaftes Verhalten losgelöst von Moral gewertet wird. Tatsächlich bestätigt sich diese Beobachtung angesichts der Gesamtheit der Almanach- und Preistexte, in denen die fokalisierte Figur eine deutliche Schuld auf sich lädt (oder auf sich geladen zu haben scheint und nun Schuldgefühle zeigen). Von 12 Texten, in denen dies der Fall ist,1307 sind nur in fünf, das heißt nicht einmal der Hälfte der Texte, die jeweiligen Protagonisten auch unmoralisch.1308

Es scheint also eine Unterscheidung zwischen Schuld (im Sinne von schlechtem Handeln) und Unmoral (im Sinne von ‚böser‘ Intention) vorgenommen zu werden, wie sie sich ja durchaus auch in Sansibar findet: Fast alle erwachsenen männlichen Protagonisten machen sich irgendwie schuldig, indem sie der Jüdin zunächst ihre Hilfe verweigern; aber niemand von ihnen erscheint als unmoralisch, weil alle gute Gründe dafür haben. In den beiden Erzählungen, die in der Folge genauer untersucht werden, ist das ähnlich. Mit Lenz’ Erzählung „Gelegenheit zum Verzicht“ (gelesen 1960)1309 und v. Cramers „Bericht des jungen Mannes“ (gelesen 1961)1310 sind die beiden Gegenpole der Dichotomie ‚gute Deutsche / böse Nazis‘ im Almanach noch einmal dezidiert vertreten. Beide Texte sind für den Almanach eher spät, beide nach dem ‚Wendejahr 1959‘ erschienen, und beide sind von überdurchschnittlich bekannten und besonders wichtigen Gruppe-47-Mitgliedern verfasst worden. Um den Almanach-Diskurs genauer fassen zu können, sollen ihre besonders einschlägigen Aspekte daraufhin befragt werden, was sie über Moralkonfigurationen des Texts aussagen.

4.2.2 Das Dorf gegen ‚die da oben‘: Gute Deutsche in Siegfried Lenz’ Erzählung „Gelegenheit zum Verzicht“ (gelesen 1960)

Siegfried Lenz ist in verschiedener Hinsicht eines der repräsentativsten Gruppe-47-Mitglieder überhaupt; sowohl laut zeitgenössischer Stellungnahmen seiner Kollegen als auch von heute aus gesehen:1311 Wie Böll, Andersch, Grass oder Johnson schrieb er mit Deutschstunde (1968) einen der großen Romane, die als Zeugnisse eines neuen Umgangs mit dem Nationalsozialismus aus dem Umfeld der Gruppe 47 gelten.1312 Ähnlich wie auch bei Andersch, Grass und der Gruppe 47 als Ganze wurde sein Status als ‚Gewissen der Nation‘ inzwischen aber auch schon hinterfragt. Dies sowohl in Bezug auf seine Biografie – wie Walser, Jens oder Höllerer war auch Lenz in der NSDAP-Mitgliederkartei eingetragen, hat aber bestritten, davon gewusst zu haben –1313 als auch in Bezug auf Deutschstunde,1314 mit der er sich gemäß kritischer Stimmen an der Apologie Emil Noldes beteiligte.1315 Stärker noch als dasjenige anderer Gruppe-47-Autoren wurde sein literarisches Werk auch aus ideologiekritischer Sicht bereits in den 80er Jahren ziemlich vehement kritisiert.1316 Dass sich jüngst keine Debatten mehr darum entsponnen, liegt wohl nicht zuletzt daran, dass es als „für die jüngeren Leser hoffnungslos altmodisch“ gilt, wie ein Rezensent 2006 schrieb.1317 Zuletzt wurde Lenz in den Medien aber für seinen frühen Nachkriegsroman Der Überläufer, den er 1951 beendete, für den er aber in der Nachkriegszeit keinen Verlag gefunden hatte, hoch gelobt. Sein Roman konnte posthum im Jahr 2016 publiziert werden und machte deutlich, dass die darin enthaltene NS-Kritik wohl ein wichtiger Grund war, der sein Erscheinen damals verhindert hatte, da er die Grenzen des Sagbaren in den 50er Jahren überschritten hatte.1318

Seine Almanach-Erzählung scheint aber zumindest hinsichtlich der vorliegenden Fragestellung dem Gruppendurchschnitt gerade besonders gut zu entsprechen: Wie weiter oben gesehen, konnten in „Gelegenheit zum Verzicht“ bei der ersten Verzeichnung aller Almanach- und Preistexte besonders viele Themen und Motive identifiziert werden, die Moral und Identität ‚gruppentypisch‘ verknüpfen.1319 Insbesondere scheint die Erzählung ein besonders breites Arsenal ‚guter Deutscher‘ zu enthalten, was sie für das vorliegende Kapitel interessant macht.

‚Gute Deutsche‘ im Werk von Siegfried Lenz

Lenz hat mehrere ‚gute Deutsche‘ geschaffen; so erzählt allem voran auch sein bekanntester Roman Deutschstunde von einem. Gerade das wurde in der Debatte um Nolde problematisiert, wie Hieber im F.A.Z.-Artikel über den ‚Fall Nolde‘ schreibt:

Nein, ambivalent ist Max Ludwig Nansen keineswegs. Sein lauterer Charakter, sein so unbeugsamer wie spöttischer Mut vor den Mächtigen und deren Schergen bilden den Erzählkern des Buchs. Mehrere Generationen von Lesern, ungezählte Schulklassen eingeschlossen, mussten und wollten die „Deutschstunde“ deshalb als Parabel darüber verstehen, wie der innere Widerstand eines Menschen und Künstlers in Zeiten des Nationalsozialismus entstehen und sich gegen alle äußeren Nachstellungen und Schikanen behaupten konnte.1320

Er problematisiert, dass Lenz den Roman in dieser apologetischen Weise konstruiert habe, obwohl Walter Jens schon ein Jahr vor dem Erscheinen von Deutschstunde auf einer Festrede zum hundertsten Geburtstag des Malers Nolde von dessen Affinität für die nationalsozialistische Ideologie, dessen Antisemitismus und Parteimitgliedschaft gesprochen habe. Diese Fakten seien also durchaus bekannt gewesen.1321

Um gute Deutsche drehte sich zudem bereits Lenz’ erste Lesung auf einer Gruppentagung mit der Erzählung „Die Nacht im Hotel“1322 (gelesen 1952 in Niendorf). Sie handelt von der herzensguten Tat eines nur scheinbar griesgrämigen alten Manns, die einen kleinen Jungen glücklich macht.1323 Hier sind zwar Ort und Zeitpunkt der Handlung auf den ersten Blick unklar; tatsächlich liegt aber sehr nahe, dass es sich bei den Figuren ebenfalls um Deutsche im Nationalsozialismus handelt. Der Protagonist will in einem Zug nach „Kurzbach“1324 fahren, was der Name eines alten deutsch-schlesischen Adelsgeschlechts ist und heute nur noch Ortsteile größerer Städte in Tschechien bezeichnet, aber 1937–1945 die deutsche Bezeichnung für die polnische Stadt Bukołowo und 1936–1945 für die ebenfalls polnische Stadt Rosniontau war, die beide wie auch die Masuren, Lenz’ verlorene Heimat, in ehemals deutschen, heute polnischen Gebieten liegen.1325 Die Masuren stehen im Zentrum von Lenz’ erstem und wohl berühmtesten Erzählband, So zärtlich war Suleyken,1326 Lenz selbst bezeichnet den Band als „aufgeräumte Huldigung an die Leute von Masuren“,1327 deren „Seele“1328 er darin beschreiben will. Auch die im Almanach abgedruckte Erzählung „Gelegenheit zum Verzicht“ spielt in Masuren (LG 375), und auch hier werden die ‚Leute von Masuren‘, wie gezeigt werden soll, als besonders gute Leute gehuldigt.1329 Wie das mit weiteren moralischen Zuschreibungen in der Erzählung zusammenspielt, ist nun eine etwas genauere Betrachtung wert.

Lenz im Almanach: „Gelegenheit zum Verzicht“

Obwohl die Erzählung auf den ersten Blick weniger eindeutig und einseitig moralisierend ist als die bis hier bereits untersuchten ‚Mustertexte‘,1330 erweist sie sich bei genauer Betrachtung für die vorliegende Fragestellung tatsächlich als sehr bemerkenswert. Wie bei Schneider und bei Andersch kommt auch hier eine explizit jüdische Figur vor und zu Wort – eine von sehr wenigen jüdischen Figuren im Almanach trotz dessen Fokus auf den Nationalsozialismus –,1331 und wie zunächst gezeigt werden soll, ist wie in den beiden anderen Texten diese Ausnahme auch hier eng an die Figur des guten Deutschen, der ihm helfen möchte, gebunden.

Die Erzählung ist recht kurz, ändert dennoch mehrfach die Perspektive und ist dadurch eine der vergleichsweise komplexesten im Almanach. Im Vorwort zu der 2006 erschienenen Ausgabe sämtlicher Erzählungen in einem Band hebt Marcel Reich-Ranicki (2006) sie1332 neben „Das Feuerschiff“ und „Ein Kriegsende“ als einen der „Höhepunkte[] des Lenzschen Werks“1333 besonders hervor. Wie bereits in „Die Nacht im Hotel“ handelt auch hier eine Figur unerwartet gut; hier ist es aber zunächst die jüdische Figur. Die Doppelbödigkeit seiner Rolle ist im nächsten Unterkapitel (4.3) noch genauer zu untersuchen; zunächst sind bereits die deutschen Figuren bemerkenswert. Diese sind zwar nicht auf den ersten Blick als traditionelle ‚gute Deutsche‘ konzipiert, weisen aber in mancherlei Hinsicht bemerkenswerte Parallelen zur der Konstellation in Anderschs Sansibar auf: Wie zu zeigen ist, liegt eine besonders bemerkenswerte Ähnlichkeit in der grammatikalischen Unterscheidung zwischen uns und ihnen durch die Gedankenrede des Erzählers, in der die jüdische Figur keinen Platz hat. Und damit verknüpft ist es auch hier so, dass niemand von der ‚Wir-Gruppe‘ sich mit der NS-Ideologie identifiziert oder auch nur Anklänge antisemitischer Abneigung zu zeigen scheint.

Der Text handelt davon, dass ein Mann namens Heinrich Bielek an einem Wintertag in einem Dorf in einer „hoffnungslosen Ecke Masurens“ (LG 375) eintrifft, um „Wilhelm Heilmann, de[n] Letze[n] mosaischen Glaubens“ (ebd.), abzuführen. Er muss ihn, wie sich im Verlauf der Erzählung herausstellt, an die Grenze bringen (vgl. LG 380), wo er von einem Mann in einer „erdbraunen Joppe“ (ebd.) weitergeführt wird. Bielek trägt „ihre Uniform“ (LG 373) und muss ‚ihnen‘ trotz einer schweren Krankheit dienen; wie der Erzähler bemerkt, um „ihre“ Zahl zu vermehren und ihnen „die Sicherheit einer Reserve“ (ebd.) zu geben. Im Lehrerzimmer, wo Bielek rastet, hängt die „Fotografie eines uniformierten Mannes mit Kneifer“ (LG 374)1334 – auch ohne genauere Datumsangabe ist also eindeutig, dass der Text im Nationalsozialismus spielt, Wilhelm Heilmann Jude ist und er deportiert werden soll.

Die ‚Pointe‘ der Geschichte ist nun, dass Bielek, der Heilmann von früher kennt, an der Deportation offenbar deutlich stärker leidet als der Deportierte selbst: Bieleks Magenleiden, das ihn zwar regelmäßig zu befallen scheint (vgl. 373), scheint sich während der Ausführung seines Auftrags verschlimmert zu haben. Im Verlauf der Erzählung zeigt sich, dass er alleine nicht imstande wäre, Heilmann zu ‚übergeben‘. Für den Abgeführten ergeben sich immer wieder Gelegenheiten zu fliehen: Bielek fällt halb ohnmächtig in den Schnee (LG 377), muss schließlich sogar in einer Hütte einkehren, um zu rasten, (LG 378 f.) und ist zeitweise quasi im Delirium (LG 379). Heilmann lässt diese Gelegenheiten aber in einer Seelenruhe und in einer Art gutmütigem Fatalismus verstreichen; er zeigt sogar Mitgefühl mit Bielek und löst dessen Uniformgürtel, damit sich seine Krämpfe bessern (ebd.). Wie weiter unten noch genauer zu beleuchten ist, impliziert die Erzählung sogar immer wieder, Heilmann selbst wolle seinen Abtransport am meisten von allen Beteiligten, nachdem er ihn schon so lange befürchtet hat: bereits als er in seiner ‚Hütte‘ abgeholt wird, heißt es, er habe „damit gerechnet und sich nicht ein einziges Mal die Schwäche der Hoffnung geleistet“ (LG 376).1335 Noch als er schon übergeben wird, kommt er einem Befehl zuvor und geht schon einige Schritte voraus (LG 380).

Der Masure Heinrich Bielek ist damit, für den Almanach ungewöhnlich, zunächst ein relativ einfacher Deutscher, der direkt am Holocaust beteiligt ist, und die jüdische Figur ist fokalisiert, scheint allen sympathisch zu sein und sich fast unnatürlich moralisch zu verhalten. Auf den zweiten Blick werden die althergebrachten Deutungsmuster, in denen ‚das Deutsche‘ als besonders moralisch konstruiert ist, aber doch nicht so deutlich unterwandert: Wieso erscheint es als moralisch, dass er seine eigene Deportation vorantreibt? Und warum empfindet man als Lesende/-r Mitleid mit dem ‚Nazi‘ Bielek, anstatt zu hoffen, dass sein Magenleiden lange genug dauert, um Heilmann entkommen zu lassen? Zunächst machen diese Überlegungen deutlich, dass die Gefahr, in der Heilmann schwebt, im Text recht marginal erscheint, da keine der beteiligten Figuren auch nur ansatzweise eine Gefahr für ihn bedeutet. Sie sind keine aktiven Widerständler, aber sie scheinen doch zu tun, was in ihrer Macht steht, um ihm zu helfen.

Und genauer betrachtet fügt sich auch die Rolle Bieleks in dieses Bild ein: Es scheint auch bei ihm vor allem Angst zu sein, die ihn „ihre“ Befehle ausführen lässt, obwohl er einer von „uns“ ist. Anders als Heilmann ist er nie fokalisiert, der Text impliziert aber sehr stark, dass die Magenleiden deswegen so schlimm sind, weil er damit ringt, seinen Bekannten aus Kindheitstagen abzuführen (vgl. insbes. LG 378);1336 so wurde die Story auch rezipiert, wie Ahrends’ Zusammenfassung der Schlüsselszene zeigt: „Der ‚Jude‘ löst dem ‚Arier‘ den Gürtel, um ihm Erleichterung zu verschaffen von den Gewissensqualen, die ihm auf den Magen geschlagen sind.“1337 Dass Bielek in der Hütte, wo er sich wegen seines Leidens hinlegen muss, schließlich panische Angst davor hat, Heilmann wolle fliehen, muss vor diesem Hintergrund nicht als überzeugte Diensttreue gesehen werden, sondern kann auch umgekehrt erklären, warum er den Befehl nicht von Anfang an verweigerte, wenn er ihm doch so zu schaffen macht: Er würde sich selbst in große Gefahr bringen, wenn er ohne Heilmann zurückkäme, wie seine „aufgerissenen Augen“ (LG 379), mit denen er Heilmann „erschrocken, abwehrend“ (ebd.) ansieht, als er befürchtet, dieser könnte fliehen, vermuten lassen.

Dadurch, dass der zentrale Akteur Bielek nicht fokalisiert ist, bleiben grundsätzlich auch andere Deutungen offen; die besondere Schwere dieser Magenschmerzen könnte eine ganz andere Ursache haben. Der Erzähler, offenbar ein Schüler im Dorf,1338 gibt in seinem Bericht aber noch weitere Hinweise, dass Bielek Heilmann lieber helfen als ihn deportieren würde. Er nimmt Bielek schon von weitem als einen „verzweifelten und verdrossenen Mann[]“ wahr (LG 373). Und insbesondere zählt er ihn über die schon im letzten Abschnitt angedeutete Logik der Identifizierung und Alterisierung über die Sprache zu den ‚Guten‘. Indem ‚die Nazis‘ als „sie“, die Gemeinschaft des Erzählers als „wir“ bezeichnet wird, und Bielek dezidiert zu der ‚Wir-Gruppe‘ gehört, wird er nämlich implizit ‚automatisch‘ auch zu den Guten gezählt: Man erfährt wenig vom Erzähler, aber doch, dass Bielek wie er selbst eine Art ‚indigener‘ Masure zu sein scheint, wenn er sagt:

Wir erkannten ihn sofort, mit dem schnellen und untrüglichen Instinkt, mit dem man einen Mann aus seinem Dorf erkennt, selbst in schneegrauer Dämmerung, selbst wenn dieser Mann jetzt eine Uniform trug […]. (LG 373)

Bielek gehört also zu der ‚Wir-Gruppe‘ des Dorfs; wo, wie der Erzähler berichtet, schon „unsere Großväter, unsere Väter und wir“ (ebd.) über Generationen dieselben Gepflogenheiten hatten, wo „wir alle“ (ebd.) das Haus der Heilmanns kannten. Es ist eine sprachlich stark markierte eingeschworene masurische Wir-Gemeinschaft. Wie bei den Figuren in Suleyken, denen auch außertextuell von Lenz ein gemeinsamer spezifischer Charakter zugeschrieben wurde,1339 entsteht so der Eindruck, dass die Zugehörigkeit einen gewissen eigenen moralischen Wert habe: Da er einer von ‚uns‘ ist, ergibt die sprachlogische Konsequenz, dass er „ihre Uniform“ tragen muss (ebd.), es aber nicht die seine, weil eben nicht die ‚unsere‘ ist.

Das deutliche Mitgefühl mit Bielek und mit dem Juden, das dieser Erzähler äußert, lenkt die Empathie letztlich doppelt auf Ersteren, da Bielek als einer von ‚uns‘ wie das Ich zur Gruppe derer gehört, die Mitleid mit Heilmann haben. So wenig diese Logik expliziert ist, so konsequent ist sie doch durchgezogen; ausnahmslos alle Nebenfiguren der Erzählung handeln ganz selbstverständlich in ihrem Sinn. Die beiden Männer, die Bielek empfangen, empfinden den betont „unerwünschten Zwang“ (LG 374), ihm bei der Durchführung seines Auftrags zu helfen. Und der Schüler „Bernhard Gummer“ (ebd.), der gerufen wird, um Heilmann aus seinem Haus zu holen, damit sich Bielek erholen kann, passt sich ein. Er ist ebenfalls betontermaßen ein Mitglied der ‚Wir-Gruppe‘: „Er selbst wohnte in Schalussen, und er kannte auch – wie wir alle – die Hütte von Wilhelm Heilmann.“ (LG 375 [Hervorhebung N. W.]) Und trotz seines „sanften, freundlichen Schwachsinn[s]“ (LG 374), der den Auftraggeber veranlasst zu zweifeln, ob er überhaupt verstanden habe, was er tun solle (ebd.), legt er Heilmann mehrmals ganz deutlich nahe, zu fliehen (vgl. LG 376).1340 Die gesamte Dorfgemeinschaft, das ‚Wir‘, scheint also gegen die Deportation Heilmanns zu sein. Zwar haben ‚wir alle‘ ‚die Heilmanns‘ früher offenbar liebevoll veräppelt (vgl. LG 375),1341 aber es sind offenbar keine Judenfeinde und keine Nazis im Dorf – niemand gehört zu „ihnen“, und auch hier bleiben die Nazis, wie bei Andersch, namenslose ‚andere‘.

Ausgehend davon wird nun auch deutlich, dass die jüdische Figur eine vergleichbare Position innehat wie Judith in Sansibar, auch wenn sie hier, anders als bei Andersch, gerade nicht gerettet wird. Das weist erneut darauf hin, dass diese Art der Externalisierung von Schuld, die das ‚Eigene‘ zugleich als dezidiert moralisches Kollektiv konstruiert, eben nicht nur mit „Wiedergutmachungsphantasien“, sondern auch mit dem Fortleben eines Moralverständnisses zu tun hat, in dem verschiedenen Gruppen als Kollektiv ein unterschiedlicher moralischer Wert zugeschrieben wird. Wegen der Vergleichbarkeit mehrerer wichtiger jüdischer Gruppe-47-Figuren wird darauf im letzten Unterkapitel noch einmal eingegangen; zunächst soll ein weiterer Almanach-Text untersucht werden, in dem gerade keine Juden vorkommen, dafür aber ein überzeugter ‚Nazi‘, der die ‚Gegenseite der Medaille‘ in solchen manichäisch gehaltenen Weltbildern verkörpert.

4.2.3 Heinz v. Cramers „Bericht des jungen Mannes“ (gelesen 1961) – der Nazi-Dämon

In v. Cramers Almanach-Text „Bericht des jungen Mannes“, einem Kapitel aus seinem schon einige Jahre zuvor erschienenen Roman Die Kunstfigur (1958), ist nun, wie im Folgenden gezeigt werden soll, diese notwendige Kehrseite der ‚guten Deutschen‘ geradezu paradigmatisch gestaltet. Und an v. Cramers Konstruktion wird fast noch deutlicher als in Anderschs und Lenz’ schemenhaften Umschreibungen der ‚Nazis‘ als ‚Andere‘, wie die Externalisierung von Unmoral in solchen polarisierten Reflexionen des Nationalsozialismus funktioniert: In „Bericht des jungen Mannes“ kommt ein überzeugter Nazi und durchwegs ‚böser‘ Mensch in einem Monolog zu Wort und offenbart seine inneren Abgründe.

Da die Perspektive der ‚Bösen‘ eine Ausnahme im Almanach darstellt,1342 handelt es sich damit ähnlich wie auch bei Lenz’ Text zunächst um ein verhältnismäßig kritisches Dokument deutscher Vergangenheitsbewältigung im Rahmen der Gruppe 47. Genau in diesem Sinne wurde er auch schon früh rezipiert,1343 schon auf der Tagung gut aufgenommen und gemäß einem Tagungsbericht von Schnurre für die Zeichnung der ‚Nazi‘-Figur gelobt, wenn er den Text wie folgt beschreibt:

Es geht ihm darum, in sechs Phasen zu zeigen, wie ein militanter Retorten-Nazi seine Retorten-Freundin sich hörig zu machen versteht. Cramer ist beängstigend viel Abwegiges eingefallen dabei, und er las das alles auch keineswegs indigniert. Die Kritik, Marcel Reich-Ranicki voran, war ihm dankbar dafür […].1344

Dass ausgerechnet v. Cramer diese abwegigste Nazi-Figur des ganzen Almanachs geschaffen haben soll, erscheint angesichts der Konstruktion seines ganzen Romans und v. Cramers biografischem Hintergrund zunächst erstaunlich. Dennoch zeigt die Lesart, wie nach einer kurzen Zusammenfassung der Hintergründe ausgeführt werden soll, wenig Brüche.

Hintergründe

Das Almanach-Kapitel ist in der ‚Abwegigkeit‘ des ‚Nazis‘ gerade sehr untypisch für den ganzen Roman, dem es entstammt. Ähnlich wie in Amerys Kapitel aus Die große deutsche Tour oder Grass’ Blechtrommel-Kapitel im Almanach spricht hier eine Figur, die im gesamten Roman eher unwichtig ist:1345 Der größte Teil des 700 Seiten starken Buchs v. Cramers handelt von einem typisierten opportunistischen Mitläufer vor, im und nach dem Nationalsozialismus und thematisiert so bereits ein Jahr vor der Blechtrommel die Mitschuld eher einfacher Deutscher.1346 Wie es im Klappentext der Erstausgabe aus dem Jahr 1958 heißt, zeige der Protagonist John Belitz „die jeweils opportune ‚Gesinnung‘ und übersteht auf diese Weise alle Konjunkturen“.1347 Beim auf der Gruppentagung 1961 gelesenen Kapitel handelt es sich bereits um die überarbeitete Fassung des Romans, die im Jahr der Gruppe-47-Lesung erschien; der Almanach-Text unterscheidet sich tatsächlich in zahlreichen Punkten vom Erstausgabentext.1348 Und gerade weil das Almanach-Kapitel für den gesamten Roman untypisch ist, ist es nun trotz v. Cramers eher untypischer Position in der Gruppe 47 besonders interessant: Es wirft die Frage auf, ob bzw. inwiefern die Abweichung vom Gesamtkonzept des Romans damit zusammenhängt, dass gerade in diesem Kapitel ein in der Gruppe-47 besonders erfolgreicher Diskurs aufgegriffen wird.

Abgesehen von diesem Almanach-Beitrag war Heinz v. Cramer (1924–2009) einer der weniger typischen Gruppe-47-Mitglieder: Er nahm nur an sechs Tagungen von 1958–1964 teil,1349 darunter auch an beiden Tagungen in Sigtuna und in Princeton, die viele ‚innere‘ Mitglieder gerade boykottierten; in Sigtuna hielt er seine zweite und bereits letzte Lesung.1350 Auch biografisch entsprach er nicht dem unauffälligen Mittel der Gruppenmitglieder: Seine Eltern waren baltischer Herkunft, er studierte im Nationalsozialismus Musik, und tauchte im Jahr 1943, wohl wegen jüdischer Wurzeln,1351 unter.1352 Obwohl sich v. Cramer damit kaum den Landsern der Gruppe 47 zugeordnet haben dürfte, hat Peitsch in Bezug auf den gesamten Roman Die Kunstfigur beobachtet, dass es sich um eine einseitige Konstruktion ganz im Sinne der in der vorliegenden Studie bereits beschriebenen Identitätskonstruktion der Gruppe 47 handelt: Der Soldat, der die Hauptrolle im Roman innehabe, werde „mit dem Opportunismus – des Emigranten – und der Ironie – des Inneren Emigranten“ konfrontiert, nicht aber mit dem „desillusionierten Landser[]“.1353 Gerade durch diese Leerstelle bleibe hier der einzige Raum für eine identifikatorische Lektüre und für Mitgefühl: „Von der Handlungsstruktur wie von den medialen Erzählern wird die Nähe der Autorposition zu dieser Figur, dem – neben dem Sohn – einzigen Opfer der Geschichte, belegt.“1354

Wie hier nun ergänzt werden soll, ist der Text nicht nur in Bezug auf Empathie bemerkenswert, sondern auch hinsichtlich der dämonisierenden Zeichnung ‚des Nazis‘. Dass der Protagonist des Almanach-Texts als herzloser Psychopath, also als alles andere als ‚normal‘ gezeichnet ist, stärkt ex negativo die bereits beschriebene Konstruktion der guten, ‚normalen‘ Deutschen und knüpft dadurch an Deutungsmuster der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ aus der unmittelbaren Nachkriegszeit an.

Der Text im Almanach

Im Almanach kommt der Protagonist des gesamten Romans, John Belitz, wie gesagt gar nicht vor. Der junge Mann, der im Almanach spricht, ist mit Belitz nun insofern verbunden, als er ihn, wie er gleich zu Beginn des Almanach-Kapitels sagt, umbringen will: „Wir müssen vernichten, was uns nicht gleicht. […] Es war ein Todesurteil zu vollstrecken. Der Mann hatte versagt.“ (CB 396) Das gesamte Kapitel, das im Almanach abgedruckt ist, besteht aus dem darauffolgenden inneren Monolog über die Motive für den geplanten Mord.

Wie sich herausstellt, hat der sprechende junge Mann ein Buch verehrt, das der Romanprotagonist Belitz im Nationalsozialismus geschrieben hat.1355 Auf dessen Grundlage hat er eine (gleich noch genauer zu beleuchtende) Tat begangen, für die er vor Gericht kommt. Dort begegnet er Belitz zum ersten Mal und ist von ihm enttäuscht, da dieser (als Opportunist) jetzt, in der Nachkriegszeit, die Ideologie seines eigenen Buchs verleugnet (vgl. CB 414 f.). Anders als der opportunistische Belitz beschreibt der Protagonist des Almanach-Texts sich selbst als konsequenten Nationalsozialisten, der alles Inkonsequente verachtet, weil es unmoralisch sei (vgl. CB 415), und es im Sinne seiner Ideologie vernichten will, eben weil zu vernichten sei, „was uns nicht gleicht“ (CB 396, 316).

Der Almanach-Protagonist ist schon deshalb bemerkenswert, weil seine Überzeugungen oder vielmehr Floskeln genau wichtigsten Grundpfeilern der NS-Ideologie und insbesondere von deren moralischer Aufladung, wie sie auch in der vorliegenden Studie im Zentrum steht, entsprechen.1356 So begründet er wie zitiert moralische Wertschätzung über Zugehörigkeit und nimmt davon abweichende ‚Andere‘ als derart starke Bedrohung wahr, dass er sie „vernichten“ will. Noch deutlicher wird es, wenn er „die Treue ist das Mark der Ehre“ rezitiert (CB 397) und die „verstaubten Moralbegriffe[]“ der Justiz (ebd.) oder den „jüdische[n] Sklaven-Aufstand der Moral“ (CB 399) beklagt. In diesem Sinne sieht er denn auch seine Tat, die ihn vor Gericht gebracht hat, als eine „rein ethische, ideelle und philosophische“ (CB 414) an – obwohl es sich um ein grauenvolles Verbrechen handelt: Er bringt nach einer Anleitung von Belitz eine junge Frau dazu, ihr eigenes Kind zu ermorden (vgl. CB 411 f.; dazu weiter unten in diesem Kapitel).

Und nicht nur darin, sondern in fast allen Details dieser Konstruktion im Almanach-Kapitel ist der Protagonist konsequent als dämonischer und radikal ‚unnormaler‘ ‚Nazi‘ gezeichnet. Nach der Niederlage und nachdem er 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Deutschland zurückgekehrt ist (vgl. CB 398), will er wieder da anknüpfen, wo im Nationalsozialismus aufgehört wurde, und sucht zu diesem Zweck Mitstreiter. Zuerst schließt er sich der „Aktion deutscher Jugend“ an, einer Gruppe, die „nicht auf Ideale, nicht auf soldatischen Geist verzichten will“ (CB 399); sich aber rasch als in seinen Augen „biederer Toleranzverein“ herausstellt (ebd.). Daraufhin sucht er sich eine einfach manipulierbare junge Frau, ein „geeignete[s] Objekt“ (CB 401), um sie für sich einzuspannen und über sechs einzelne „Planziele“1357 zu formen. Was er mit der jungen Frau namens Luise, die er schließlich ganz zufällig an einer Bushaltestelle zu diesem Zweck auswählt, weil sie sehr unsicher wirkt (ebd.),1358 erreichen will, ist eine komplette Hörigkeit, die er als Ideal offenbar dem bereits oben erwähnten Buch des Opportunisten Belitz entnommen hat:

Vor allem dies Buch – Neue Welt Freiheit! […] Da war eine Lebensvorschrift. […] Ein Ausnahmezustand, den es zu verwirklichen galt. […] In gelebtes Leben umsetzen. Eine heroische, eine soldatische Liebe, Aufopferung, Wagnis, Überwindung des inneren Schweinehunds. Eine – man kann nur sagen – deutsche Liebe! Die abstrakte Liebe, die absolute Liebe. […] Liebe als Weg zur Überwindung des Menschen! Sein Schicksal selber in die Hand nehmen. Den Zufall durch eigenen Willen ersetzen. (CB 400)1359

Um diese „absolute Liebe“ zu erreichen, will der Protagonist Luise so lange bearbeiten, bis sie jegliche Menschlichkeit verloren hat und nur noch „Kälte, Nüchternheit, Abstand“ (CB 407) zeigt. Und es funktioniert: er schafft es durch eine Unmenge an bösartigen ‚Psychospielen‘, sie für sich zu gewinnen und zur Willenlosigkeit zu manipulieren. Sie gehorcht ihm blind, wendet sich von allen Bezugspersonen ab, lässt sich von ihm Narben zufügen und zwingen, sich mit ausgeschnittenen Kleidern öffentlich zu zeigen (CB 406), würde sich von ihm erschießen lassen (ebd.) oder selbst das Leben nehmen (CB 408)1360 – und ermordet schließlich ihr eigenes Kind:

Mit einem merkwürdigen Lächeln […] zog sie mich ins Badezimmer. Da lag die Kleine in der Wanne. Unters Wasser gerutscht, reglos. […] Wie unter einem Glasdeckel. Luise und ich, wir sahen uns zum ersten Mal an, wie wir uns schon immer hätten ansehen sollen. […] Dann überkam uns Schwindel. Wie wenn man sich plötzlich bewußt wird, allein auf sehr großer Höhe zu stehen. (CB 412)

Der Erzähler sieht diesen Triumph als „Durchbruch zum eigensten“ (ebd. [Hervorhebung N. W.]) an – eine hinsichtlich der semantischen Verknüpfung von Moral und Identität erneut bedeutsame Aussage, da er gerade in einer Superlative des Eigenen sein ideologisches Ziel erreicht steht: Sie hätten zusammen „eine Unbedingtheit zwischen Mann und Frau wiedergefunden, die dieser Welt längst abhanden gekommen ist.“ (CB 412) Nach der Tat stellt sich Luise zwar der Polizei (CB 413), scheint aber bis zum Schluss keine Reue zu empfinden; wie der Erzähler von der Verhandlung berichtet, „hielt [sie] sich gut. Großartig sogar. Hatte sich vollkommen gefangen. Ein Panzer aus Gleichgültigkeit. […] Da fischten die Herren vergeblich nach der ‚Mutterträne‘, sogenannten ‚menschlichen Regungen‘.“ (CB 415)

Wie diese wenigen Zitate schon zeigen, vertritt der Erzähler in diesem Text nicht nur die NS-Ideologie bis ins kleinste Detail und bietet eine heute nach wie vor aktuelle Analyse auch von NS-Moraldiskursen; als Mensch zeigt er zugleich in allen Eigenschaften ein nach wie vor aktuelles Psychogramm eines „Psychopathen“; einer pathologisch gefühllosen, manipulativen Person, wie sie in der Psychologie heute tatsächlich als bei einem kleinen Teil der Bevölkerung empirisch belegt gilt.1361 Das kann deutlicher kaum werden, wenn er von „Material“ (CB 408) und „geeigneten Objekt[en]“ (401) statt von Menschen spricht und von „Gefühlsverwertung“ (CB 403), selbst dagegen so gut wie keine Gefühlsregungen empfindet, sondern nur „Leere“ (CB 398), sobald er seine Umgebung nicht mehr eiskalt und überlegen analysieren und manipulieren kann. Zufriedenheit scheint er nur dann zu empfinden, wenn er ein Ziel erreicht und sich alles unterwerfen kann; so mag er Tiere und sei „recht gerne mit Kindern zusammen“ (CB 409), denn: „Kinder, weil sie an mir hängen, gehorchen mir aufs Wort. Wie auch Tiere.“ (Ebd.)

Luise, die die kriminelle Tat schließlich alleine verübt, scheint im Gegensatz zu ihm zunächst durchaus menschliche Gefühlsregungen zu empfinden, sie erscheint am Anfang ganz ‚normal‘ und rücksichtvoll, wenn sie ihm in der ersten Interaktion offenherzig aus ihrem Leben erzählt: „Ihr Mann war im Krieg gefallen. Und alle ihre Freunde. Sie brächte den Menschen, mit denen sie zusammenkäme, kein Glück, sagte sie. Fast fürchtete sie sich schon, jemanden kennenzulernen“ (CB 402), und im Zoo mit ihrem Kind ist sie „erhitzt und glücklich“ (CB 410). Sie versucht immer wieder, sich von ihm zu lösen. Dass sie es nicht schafft, scheint zunächst vor allem an ihrer Unsicherheit zu liegen:

Es war zu spät. Sie kam nicht mehr von mir los. Wenn sie es auch versuchte. Ein, zweimal … […] Sie verließ mich. Für einen Tag. Danach kam sie wieder. Aber in die Wohnung kam sie mir nicht. Sie blieb die ganze Nacht draußen, auf der Treppe. Am nächsten Tag schickte ich sie fort. Sie wußte, daß sie nicht besonders reizvoll war. Sie fürchtete, nicht unterhaltsam genug zu sein. Es war eine fixe Idee, man könnte sich mit ihr langweilen. Das galt es ein bißchen zu kultivieren! […] Ich hatte angedeutet, daß es schließlich noch andere Frauen gibt … Tag für Tag stand sie auf der Straße und ließ mein Fenster nicht aus den Augen. Dann holte ich sie wieder herauf. […] Gelobt sei, was hart macht! (CB 405)

Von Anfang an erscheint sie in solchen Beschreibungen als Marionette und er als großer Manipulator, der immer mehr „Fäden in den Fingern“ (CB 401) hat; sie zweifelt noch lange, kurz vor dem Mord versucht sie noch ein letztes Mal, „zu desertieren“ (CB 411), wie er es bezeichnet, bevor ihr Wille schließlich endgültig gebrochen ist.

Schlüsse

Durch diese Konstellation in v. Cramers Almanach-Kapitel wird ‚das Böse‘ gerade besonders dezidiert ausgelagert, in einer relativ klassischen Weise, wie sie Paul (2002) als erste Phase der Aufarbeitung der NS-Täterschaft beschrieben hat, die Anfang der 60er Jahre schon allmählich abgelöst worden sei: durch „Kriminalisierung und Diabolisierung“ wird eine „Distanzgewinnnung“ erreicht.1362 Obwohl es sich bei der bösen Figur hier um den Erzähler selbst, das Ich des Texts, handelt, distanziert man sich als Leser/-in von Anfang bis Ende des Texts von ihm, empfindet keinerlei Sympathie. Vor allem bekommt man im Text auch deutliche Hinweise, dass das ‚Eigene‘ scharf von diesem Erzähler abzugrenzen ist: Wie gezeigt implizieren seine Charaktereigenschaften sehr deutlich pathologische Züge, das heißt, er ist per Definition unnormal markiert und eben anders als ‚normale‘ Deutsche.1363 Angesichts dessen, dass eine solche pathologische Gefühlskälte nach gegenwärtigem Wissensstand bei ca. 1 % der Bevölkerung vorkommen soll, wird die diskursive Auslagerung der nationalsozialistischen Ideologie, die bis zuletzt ganz andere Prozentsätze des Rückhalts in der Bevölkerung hatte, deutlich.1364

Es dürfte durchaus bezeichnend sein, dass Paul in seiner Studie über den Umgang mit NS-Tätern diese Epoche der Diabolisierung in der direkten Nachkriegszeit und bis Anfang der 60er Jahre verortet.1365 Die Lesung v. Cramers im Jahr 1961 steht also am Ende einer Entwicklung – was erneut darauf hinweist, dass die mit einer moralischen Aufwertung des ‚Eigenen‘ verbundenen Diskurse, die auch an partikulare NS-Vorstellungen anknüpfen, in der Gruppe 47 besonders erfolgreich waren und sich sehr hartnäckig hielten. Dafür spricht auch, dass v. Cramer, wie eingangs gesehen, für die Gruppe-47-Lesung gerade dasjenige Kapitel ausgewählt hat, in dem sowohl die Dämonisierung des Nationalsozialismus als auch die Verführbarkeit der eigentlich ‚guten Deutschen‘ besonders eindeutig gestaltet sind.

Über die Gründe dafür kann nicht entschieden werden, aber es ist zumindest bemerkenswert, dass der Vergleich zwischen dem Wertesystem im Almanach-Text v. Cramers und demjenigen in der gesamten Romankonzeption der bis hier in der Gruppe 47 beobachteten Tendenz zur Dichotomisierung von Schuld entgegenkommt. Der gesamte Roman hingegen, in dem, wie eingangs beschrieben, mit Belitz ein opportunistischer Mitläufer im Mittelpunkt steht, ist demgegenüber viel weniger dichotom gestaltet als das Almanach-Kapitel und bricht auch die darin enthaltenen Implikationen: Der ‚Psychopath‘ hat ja die meisten Informationen für sein böses Verhalten aus dem Buch von Belitz, also von einem ‚normalen‘ Deutschen. Die abgründigen Ideen, auch die Verantwortung für den Kindsmord, entspringen in der Logik des gesamten Romans also nicht einfach dem kranken Kopf des Erzählers, sondern dem Buch eines ‚Mitläufers‘. Wie Melchert schreibt, setzte sich „mit Heinz von Cramers satirischer Überhöhung des Opportunistentypus […] ein neuer Ansatz durch“, nachdem die, „die den Untaten der Nazis den Boden bereiteten, indem sie sie gewähren ließen, […] als Schuldige lange Zeit gar nicht vor[gekommen sind].“1366 Ohne das Wissen darum sind die moralischen Implikationen im Almanach ganz andere als im gesamten Roman.

Der Almanach-Teil dagegen spinnt die Dämonisierung ‚des Nazis‘ auch in genau dem Sinne weiter, wie sie auch in der Gruppe 47 zum Teil einer moralischen Dichotomie wird. Im „Bericht des jungen Mannes“ findet sich auch die Unterscheidung wieder, die weiter oben in diesem Kapitel schon in Bezug auf andere Texte beschrieben wurde: schlecht und von außen gesehen unmoralisch zu handeln, wird dezidiert davon unterschieden, auch von diesen Handlungen überzeugt und damit selbst ‚böse‘ zu sein. Für die moralisch unschuldigen ganz ‚normalen Deutschen‘ steht im Almanach-Kapitel Luise, was schon ihre völlig zufällige ‚Auswahl‘ an einer Bushaltestelle verdeutlicht. Und hier lässt der Text keinen Zweifel, dass sie ein verführtes Opfer, keine moralisch Schuldige ist: Luise verübt keine ihrer schlechten Handlungen aus eigenem Antrieb; sie wird vielmehr mit den furchtbarsten und geschicktesten Tricks dazu manipuliert, schlecht zu handeln – ein Verführungsnarrativ, wie es ebenfalls schon in frühen Nachkriegsdeutungen des Nationalsozialismus eine wichtige Rolle spielte.1367 Unmoralisch handeln können hier, wie auch schon bei Lenz, auch ‚eigene‘ Figuren, das wird aber dezidiert davon abgegrenzt, unmoralisch und damit Böse zu sein. Das Böse wird ausgelagert und vom ‚normalen‘ Eigenen abgegrenzt – in den beiden vorherigen Beispielen über die Sprache („ihre Uniform“ bzw. „die Andern“), hier nun über die Pathologisierung, die ihn schon rein statistisch als „unnormal“ markiert, das heißt zugleich nicht identisch mit ‚uns Normalen‘.

Auch im Almanach-Teil gibt es aber einige Hinweise darauf, dass v. Cramer nur vordergründig ein inhaltlich so ‚genehmes‘ und so eng mit den Gruppe-47-Diskursen korrespondierendes Kapitel ausgewählt haben könnte, und dass er auch eine unterschwellige Kritik an genau diesen Diskursen eingebaut haben könnte. Seine überzeugte, dämonisierte Nazi-Figur äußert nämlich Meinungen, die sich deutlich mit den Positionen der ersten Gruppe-47-Generation überschneiden:

Im Zuge der Umerziehung waren wir Landsknechte, Söldner und Mörder geworden. Alles in Trümmern, Städte wie Kampfgeist. Amerikaner und Russen hatten ganze Arbeit geleistet. Den Rest besorgten die Emigranten. Mit der Kollektivschuld hatten sie uns an der Kandare. […] Wir hatten auch wieder eine Schwatzbude, wo Sozis und Betschwestern das große Wort schwangen. Und eine Regierung, die vor dem Ausland auf den Knien rutschte. (CB 398)

Diese Annäherung ‚des Bösen‘ an die ‚Wir-Gruppe‘ der Zuhörer/-innen könnte die moralische Dichotomie etwas relativieren. Obwohl aber zu dieser besonders deutlichen Stelle, die ganz ähnlich auch aus dem Ruf stammen könnte,1368 noch einige weitere Parallelen des ‚Nazis‘ zur Gruppe 47 hinzukommen,1369 gibt es in den Rezeptionszeugnissen keine Hinweise darauf, dass der Almanach-Text in diesem Sinn ‚selbstkritisch‘ verstanden wurde. Im Gegenteil wurde er ja gerade für seine Auslagerung des Bösen gelobt. Wie eingangs zitiert, schätzte man gerade das „Abwegige[]“1370 – das heißt ja im Wortsinn Unnormale – das v. Cramer sich über seinen „militante[n] Retorten-Nazi“ (ebd.) ausgedacht habe. Ob v. Cramers untypischer Almanach-Auswahl ein Zugeständnis an die vorherrschenden Gruppe-47-Diskurse oder (auch) eine unbemerkte subtile Kritik zugrunde liegt: Die positive Aufnahme seines manichäisch gestalteten Kapitels zeigt die auch Anfang der 60er Jahre noch große Popularität des Diskurses, der gute Deutsche und böse, ‚andere‘ Nazis dezidiert unterscheidet und wenig Raum für ein Dazwischen lässt.

Wie oben in der Analyse von Sansibar gesehen, kann dieser Raum, wenn er denn doch mitgedacht wird, selbst zu einem Teil dieses manichäischen Weltbilds werden, wenn er ‚Dritten‘ zugeordnet ist, die ganz aus den herkömmlichen moralischen Kategorien hinausfallen; insbesondere ‚den Juden‘. Im Folgenden soll zunächst kurz darauf eingegangen werden, inwiefern auch allgemeinere Varianten von Auslagerungen des Bösen in Form von grammatikalischen Verknüpfungen, Raumsemantik oder negativer Klischierungen fremder Figuren im Almanach eine Rolle spielen, bevor noch einmal vertieft wird, inwiefern die jüdischen Figuren auch hier eine gesonderte Position einnehmen und wie eng das mit dem manichäischen Deutungsmuster verknüpft ist.

4.3 ‚Eigene‘, ‚fremde‘ und jüdische Figuren

Nachdem bis hier insbesondere Auslagerungen von unmoralischen und schuldhaften Handlungen angesprochen wurden, die in direktem Zusammenhang mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus stehen, soll nun zum Abschluss dieses Studienteils zu Verknüpfungen von Moral und Alterität in den Subtexten der Blick noch einmal etwas breiter werden und allgemeiner danach gefragt werden, wie Tugend und Zugehörigkeit in allen Almanach- und Preistexten verbunden sind; ob sie sich mit dem Nationalsozialismus befassen oder nicht: Welche Rolle spielen ‚Fremde‘ und ‚Andere‘ allgemein in den Texten; wie sind ‚andere‘ Figuren beschrieben, was für moralische und unmoralische Eigenschaften werden ihnen zugeordnet? Es soll also um konkrete essentialistische Zuschreibungen von ‚gut‘ und ‚böse‘ gegenüber fremden Figuren und fremden Räumen gehen. Über allgemeine Imaginationen des Fremden oder sogar rassistische Tendenzen in der Literatur der Gruppe 47 (oder der Gruppe 47 als Institution) gibt es, anders als über Antisemitismus, noch keinen etablierten Forschungsdiskurs. Aus der hier verfolgten Perspektive kann diese Forschungslage, wie bereits vorweggenommen werden soll, ebenfalls vor allem in Bezug auf Imaginationen ‚des Jüdischen‘ ergänzt werden: Wie zu zeigen ist, macht die Darstellung jüdischer Figuren einen großen Teil der Imaginationen von ‚Alterität‘ im Korpus aus.

Zunächst sollen im Folgenden einzelne Beispiele betrachtet werden, wie fremde Figuren und fremde Räume in den Almanach- und Preistexten eingearbeitet sind, und gefragt werden, inwiefern Alterität in diesen verschiedenen Verfahren mit moralisch Positivem oder Negativem verknüpft ist und wie das analog in Bezug auf die jüdischen Figuren aussieht (4.3.1). Anhand von Die Geschlagenen (1949), Hans Werner Richters erstem Roman, soll daraufhin noch einmal nachvollzogen werden, wie eine national motivierte Dichotomisierung von Moral mit antisemitischer Abwertung korrespondieren kann, da dort alle bis dahin besprochenen Aspekte – ein guter Deutscher als autofiktionaler Protagonist, raumsemantische Auslagerung des Nationalsozialismus und die Stereotypisierung fremder Figuren – in einer antisemitischen Figurenbeschreibung zusammenfließen (4.3.2). Ausgehend davon wird auch die jüdische Figur in der Erzählung von Lenz noch einmal in den Blick kommen, da auch sie Parallelen zu den anderen jüdischen Figuren der Gruppe 47 aufzuweisen scheint (4.3.3).

4.3.1 Fremde und jüdische Figuren in den Almanach- und Preistexten

Da im vorliegenden Kapitel moralische Zuschreibungen in Bezug auf ‚Andere‘ im Zentrum stehen und klischierte rassistische Figurenzeichnungen eine der offensichtlichsten Formen solcher Abwertung sein dürften, soll der Blick also zunächst darauf gerichtet werden, welche Figuren und Figurationen ‚Fremder‘ und ‚des Fremden‘ sich überhaupt in den Almanach- und Preistexten finden.

Fremde Figuren, Fremde Orte und Semantik des Fremden: Einige Beobachtungen

Eine Tendenz, die sich dabei trotz der Verschiedenheiten in der Zeichnung fremder Figuren und Orte und in den Semantiken ‚des Fremden‘ erneut sehr deutlich abzeichnet, ist die Vorherrschaft von Konstruktionen, in denen Fremdheit als Gegenkonzept zu Tugend erscheint und in irgendeiner Form mit Unmoral konnotiert ist.

Am häufigsten geschieht dies nun im Almanach, indem Alterität und Unmoral semantisch verknüpft sind, ohne dass überhaupt konkrete fremde Figuren auftreten: Nämlich, wie bereits in der Benennung der ‚Nazis‘ als ‚Andere‘ gesehen, dadurch, dass ein Vokabular von ‚Fremdheit‘ verwendet wird, um ‚böses‘ Verhalten zu markieren. Das fällt in der frühen, rätselhaften Erzählung Kolbenhoffs „Ich sah ihn fallen“ (gelesen 1949) besonders deutlich auf, in der eine Hängung dargestellt wird. Hier wird mehrfach die Perspektive zwischen verschiedenen Beobachtern und dem Gehängten gewechselt und vieles bleibt im Vagen, aber eine einzige Sache wird ganz deutlich: Dass die sehr bedrohlich erscheinende Gruppe, die für die Hängung des Mannes verantwortlich ist, irgendwie fremd ist: ihre Rede wird als unverständlich, sie selbst als ‚andere‘ beschrieben, und ihr Anführer, dessen „gemurmelte[] Laute […] fürchterlich[]“ klingen, hat „ein fremdes Gesicht“.1371

Besonders entschieden bedient sich zudem erstaunlicherweise gerade Enzensberger in seinem langen Gedicht „Schaum“ (gelesen 1959) einer semantischen Markierung des ‚Bösen‘ als ‚Anderes‘. In diesem Gedicht ist, wie schon weiter oben erwähnt und auch bereits von Raddatz im Almanach hervorgehoben, der Holocaust außergewöhnlich früh sehr explizit erwähnt;1372 es kann als wichtiges Dokument der Entwicklung des literarischen Engagements in der Gruppe 47 gesehen werden.1373 Zugleich wird aber grammatikalisch fast explizit eine manichäische Verteilung von Schuld durchdekliniert, wenn das lyrische Ich sowie ein ‚Wir‘ als moralisch positiv markiertes Kollektiv einer angesprochenen Gruppe von ‚anderen‘ gegenüber stehen: „so geht doch! geht! worauf wartet ihr noch?“1374 ; „reicht mir die bruderhand, ihr verräter“1375 ; „zieht mich zu grund“1376, „loslassen! finger weg!“1377 „schluß damit! aufhören!“1378 und so weiter. Durch solche Stellen, auch weil das Gedicht durchgehend als direkte Anrede, oft im Imperativ gehalten ist, entsteht der Eindruck, dass das lyrische (und autofiktionale)1379 Ich einem moralisch integren Kollektiv angehört, das dezidiert anderen all diese Vorwürfe macht – eine Lesart des Gedichts, die wegen dessen Vielschichtigkeit keineswegs die letztmögliche ist, im Hinblick auf semantische Codierung von Unmoral als Alterität aber zweifellos erwähnenswert bleibt.1380

Dazu kommen nun im Almanach vier Texte, in denen ganz traditionell fremde Figuren und fremde ‚Welten‘ vorkommen. In dreien davon ist ‚das Fremde‘ auf verschiedene Arten moralisch herabgesetzt: Am explizitesten ist mit Nowakowskis Romankapitel „Polonaise Allerheiligen“ (gelesen 1959) ein weiterer Text dabei, der den Holocaust ungewohnt deutlich anspricht. Es handelt sich um ein Kapitel aus Nowakowskis gleichnamigem Roman; der Almanach-Text spielt am Tag der Befreiung eines KZs in Polen. Was hinsichtlich der vorliegenden Fragestellung auffällt, ist, dass in der Schilderung des damit verbundenen Durcheinanders und der Barbarei konstant fast exzessiv die Nationalitäten aller Beteiligten betont werden.1381 Diese verschiedenen ‚Ausländer‘ sind es, die schließlich sogar aus Neid und Antisemitismus eine Jüdin ermorden1382 – und die Deutschen sind die einzigen, die nur als Abwesende erwähnt werden und an der allgemeinen Barbarei und am Antisemitismus gerade nicht teilhaben.1383

Eine genauere Untersuchung wäre auch Anderschs Almanach-Erzählung „Weltreise auf Deutsche Art“ (gelesen 1949) wert, die 1899–1906 spielt, also innerhalb der vergleichsweise kurzen Phase des deutschen Kolonialismus in der Phase des Herero-Kriegs und des chinesischen Kriegs, die auch beide in der Erzählung vorkommen. Der Protagonist reist mit einer deutschen Gesandtschaft durch die Welt, sehnt sich nach seiner Heimat und sieht furchtbare Untaten. Seine Kameraden verhalten sich zwar teilweise inkorrekt, für die Barbareien, die geschildert werden und die ihn schließlich als Traumatisierten zurücklassen, erscheinen aber auch hier (und auch hier entgegen der historischen Realität) insbesondere die ‚Fremden‘, nämlich die Indigenen der ‚bereisten‘ Länder, verantwortlich.1384 Die Fremde ist dazu passend vom ersten Augenblick an als Albtraum geschildert: Schon bei seinem ersten Eintreffen am goldenen Horn zerreißen „[z]ahllose Kinder […] den heißen, gelben Dunst mit ihrem Geschrei und klammerten sich bettelnd an die Schöße von Johann Benedikt[] […], die Schweißtropfen quollen ihm […] hervor und über den hohen steifen Kragen, und er schwang den Spazierstock zur Abwehr […].“ (AW 88) Als er mit dem Schiff losgefahren ist, erstirbt „[d]er lustige Betrieb an Bord, das aufgeregte Treiben von tausend Männern […] in der feuchten Hitze des Suezkanals“ (AW 89);1385 und auch national-ethnische Stereotype finden sich in der Gedankenrede der Protagonisten zuhauf.1386

Zwei 1960 gelesene Gedichte von Rühmkorf, die im Almanach aufgenommen wurden, sind schließlich wegen ihrer banalen Rassismen erwähnenswert. Das Luft-Lied1387 enthält eine Assoziation von schlechtem Deutsch und naivem Geist, wenn er es mit dem Vers: „Ich bin der Herr Kannitverstan, ganz ohne Ernst und Grund“ einleitet und danach das ganze Gedicht in ausgelassenem Ton von der Dummheit dieses „Herrn Kannitverstan“ zu handeln scheint: „Die Stirn ist schön unleserlich, / ich grab auch nichts hinein.“1388 Ein weiteres Gedicht von Rühmkorf enthält den Vers: „Ehe, ehe die somalibraune / Nacht die Sterne bleckt / schmelze was mir als morali- /sches Gesetz im Halse steckt.“1389

Demgegenüber kann die Almanach-Erzählung „Unaufhaltsam vor Jamaika“ (gelesen 1958) von Ingrid Bachér, der vierte Almanach-Text, der explizit fremde Figuren enthält, fast als postkoloniales Schreiben eingeordnet werden. Hier ist Fremdheit fast durchgehend eher positiv konnotiert; so denkt eine fiebernde Frau auf dem Schiff, von der die Erzählung handelt, träumerisch über „Dinge fremder Art“ nach,1390 in einer Umdrehung des orientalistischen Narrativs wird sie gesünder, je weiter südlich sie gelangen, und die fremden Figuren, die vorkommen, sind betont unauffällig gestaltet.1391 Wie die Diskussion um Bachmanns Gedicht „Liebe: Dunkler Erdteil“1392 deutet auch dieser Text darauf hin, dass in der Gruppe 47 mit orientalistischen Stereotypen und Fremdenbildern schon früh vergleichsweise differenziert umgegangen wurde.

Wie diese Zusammenfassung deutlich macht, wären die einzelnen Texte zur genaueren Untersuchung interessant; abgesehen von der allgemein vorherrschenden Auslagerung des Negativen lässt sich aber keine spezifische Tendenz ausmachen, die wiederholt vorkommt. Es lässt sich festhalten, dass negative Fremde bis zum Erscheinen des Almanachs noch eng an die Feindbilder des Nationalsozialismus gekoppelt waren: Abgesehen von den ‚bösen Nazis‘, den Juden und, in Nowakowskis Text, auch Franzosen, Amerikanern und Russen, scheinen Figuren, die nicht der deutschen Tätergesellschaft angehören, eine vergleichsweise geringe Rolle zu spielen.

Jüdische Figuren

Anders sieht es in Bezug auf jüdische Figuren in der Gruppe 47 aus, auf die im Zusammenhang mit Figurenzeichnungen ‚anderer‘ Figuren und Zuschreibungen von Moral und Unmoral nun auch noch einmal genauer einzugehen ist. Und hier lassen sich viel deutlichere Tendenzen ausmachen, was ihre verschiedenen möglichen Funktionen in Texten der Gruppe 47 angeht. Weiter oben in dieser Studie hat sich schon gezeigt, dass die Literarisierung Celans in Billard um halbzehn (1959), einem der Romane des Wendejahrs, trotz Bölls reflektierter Haltung von Empathieverweigerung zeugt, an die darüber hinaus auch Celans literarische Verarbeitung durch mehrere weitere Gruppenmitglieder anschließt.1393 Und obwohl der Holocaust in mehr Texten vorkommt als vermutet, hat sich diese Tendenz zu einer Latenthaltung des Holocausts und insbesondere zu Opferkonkurrenz und zu Empathieverweigerung auch in den Almanach- und Preistexten bestätigt.1394

Ging es dabei um Opfer des Holocaust, die auch in der Chiffre ‚Auschwitz‘ anklingen, sind die aktiv handelnden jüdischen Figuren, um die es in diesem Kapitel geht, im Almanach in geringerer Zahl vertreten, sie kommen nur in fünf der 89 Texte vor.1395 Das sind aber mehr als die vier oben beschriebenen, in denen jegliche sonstigen ‚fremden‘ Figuren vorkommen – und die bisher erfolgten close readings der Texte mit jüdischen Figuren haben schon darauf hingewiesen, dass es hier auch mehr Auffälligkeiten in ihrer Funktion für die jeweiligen Texte zu geben scheint. Ganz anders als bei den Texten mit fremden Figuren scheint es sich nämlich, was zunächst erstaunt, bei den Texten mit jüdischen Figuren gerade um eher typische Gruppe-47-Texte zu handeln. Mit Schneiders „Die Mandel reift in Broschers Garten“ und Lenz’ „Gelegenheit zum Verzicht“ sind sogar zwei Texte dabei, die einleitend als besonders typisch identifiziert und als Modelltexte analysiert wurden.

An dieser Stelle muss deswegen nicht mehr im Detail ausgeführt werden, wie auffällig die Funktion der jüdischen Figuren in beiden Texten ist: Sie stehen in allen Beispielen in einem engen Verhältnis zu den ‚guten Deutschen‘ im Text und erscheinen dadurch insbesondere als ‚Gewährsfiguren‘ dafür, herausragend ‚gutes‘ Verhalten dieser jeweiligen Protagonisten noch zu verdeutlichen. Das steht bei Schneider wie auch bei Lenz im Zentrum. Auch Judith in Sansibar ist mit ähnlichen Implikationen verbunden. Wahrscheinlich ist hierin sogar der Grund dafür zu sehen, dass zwei von vier ‚Mustertexten‘ jüdische Figuren enthalten, obwohl insgesamt nur wenige jüdische Figuren vorkommen: Sie scheinen gerade dann aufzutreten, wenn die Aufwertung des ‚Eigenen‘ besonders dezidiert erfolgen soll.

Hierin kann nun aber auch die Kehrseite dieser an sich relativ positiven Funktion gesehen werden: Die jüdischen Figuren kommen bei Schneider und Andersch und (etwas weniger deutlich, darauf wird weiter unten noch einmal eingegangen) auch bei Lenz fast ausschließlich in dieser Funktion vor. Sie sind dadurch kaum als mehrdimensionale, entwicklungsfähige Wesen gezeichnet, sondern entsprechen zahlreichen Stereotypen über Juden, was sie von den entwicklungsfähigen Figuren des ‚Eigenen‘ abgrenzt und zu Projektionsflächen macht. Dadurch sind sie zwar nicht unmoralisch gezeichnete ‚ganz fremde‘ Figuren; sie treten aber auch nicht als ‚moralische‘ Figuren auf, sondern scheinen quasi außerhalb dieser Kategorien zu stehen. Für Judith in Sansibar wurde das weiter oben schon etwas genauer beschrieben: ihre Position des ‚Dazwischen‘ hinsichtlich partikularer Moral kann mit dem Begriff der „nicht-identischen Identität“ (Holz) erfasst werden und ist direkt mit ihrer Rolle als schöne Verführerin, deren Anziehung überwunden werden muss, verbunden.1396

Nowakowskis gerade schon erwähnter Text, der dritte von fünf Almanach- und Preistexten mit handelnden jüdischen Figuren, reiht sich nun ebenfalls relativ gut in diesen Befund ein. Obwohl er von deutlich größerer Sensibilität gegenüber antisemitischen Klischees zeugt, sind es die verschiedenen vom Text stereotypisierten Ausländer, die diese Klischees äußern, und gerade dezidiert nicht die Deutschen. Die gerade befreiten KZ-Insassen verschiedener Nationen geraten nämlich wegen eines Gerüchts, die Jüdinnen würden von den Befreiern bevorzugt behandelt, in Rage.1397 Und dieselben ‚Fremden‘ ermorden schließlich sogar eine Jüdin und ihren Beschützer am Tag der Befreiung.1398 Das Auftreten und der Tod der beiden verstärkt im für den Almanach ausgewählten Kapitel vor allem den Eindruck, dass die Zustände jetzt, nachdem die Deutschen abgezogen sind, noch immer schlimm sind, und wie verbreitet der Antisemitismus auch unter den Gefangenen selbst war.

Zwei dieser fünf Texte funktionieren nun aber auch ganz anders. Weyrauchs Hörspiel „Mit dem Kopf durch die Wand“ (gelesen 1958) stellt schon insofern eine Ausnahme im Almanach dar, als nur hier eine jüdische Figur durchgehend intern fokalisiert ist: Der Text ist als stream of consciousness einer durch den Holocaust traumatisierten Jüdin konzipiert und expliziert die deutsche Schuld sehr deutlich. Zwar hat Hans-Joachim Hahn (2007) herausgearbeitet, wie auch hier die jüdische Figur mit einigen Stereotypen markiert ist und dazu beträgt, den Holocaust zu verharmlosen, weil ihre Traumatisierung im Verlauf des Hörspiels immer wahnhafter erscheint.1399 Dennoch ist der Text grundlegend anders gestaltet als die bisher beschriebenen: Die Protagonistin ist eine empathisch gezeichnete traumatisierte Opferfigur; ihr ist kein ‚guter Deutscher‘ zur Seite gestellt, der sie rettet, sondern sie fürchtet sich vor den Deutschen und zerbricht daran.1400 Auch die Rezeption des Hörspiels deutet darauf hin, dass hier anders mit dem Thema umgegangen wurde als in den meisten Gruppe-47-Texten: Es wurde auf der Gruppentagung verrissen und löste wohl eine Debatte über „Philosemitismus“ aus; Weyrauch nahm danach trotz mehrfacher Einladung an keiner Tagung mehr teil.1401

Die zweite Ausnahme bildet der einzige der fünf Texte, die eindeutig jüdische Figuren enthalten, der von einem Juden geschrieben worden ist, nämlich Celans „Lied in Ägypten“ (gelesen 1952).1402 Es erstaunt nicht, dass sich auch hier ein großer Unterschied zu der Mehrheit der anderen Texte in der Weise zeigt, in der das Judentum evoziert wird: Bei Celan werden die biblischen weiblichen Vornamen Ruth, Mirjam und Noemi genannt, die autobiografisch in mehrfacher Hinsicht bedeutsam sind und in denen zugleich durch ihre biblischen Konnotationen eine jüdische Ahnenlinie anklingt:1403 Ruth und Noëmi waren die beiden Vornamen einer Jugendfreundin Celans aus Czernowitz; alle drei Namen sind alttestamentarisch, wobei Noëmi Ruths Mutter ist und ihren Mann wie Celan seine Eltern „in der Fremde“ verloren hat.1404 In diesem Gedicht zeigt sich ein grundsätzlich anderer Umgang mit der Shoah, der den Text zu einem Ort des Gedenkens werden lässt und Adorno bekanntermaßen als Grund dafür diente, seine Aussage, Gedichte nach Auschwitz zu schreiben, sei barbarisch, weiter zu relativieren.1405

Ein Almanach-Text, in dem dagegen keine jüdischen Figuren vorkommen, obwohl angesichts seiner Rezeption als Dokument einer neuen Etappe der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ im ‚Wendejahr 1959‘ damit zu rechnen wäre, ist das mit dem Preis der Gruppe 47 ausgezeichnete Kapitel aus Grass’ Blechtrommel; „Der weite Rock“ ([1958] 1962). Ähnlich Amerys und v. Cramers Almanach-Auswahl ist dieses Kapitel nun in mehreren Hinsichten untypisch für den gesamten Roman: Es spielt nicht in der Zeit des Nationalsozialismus wie die meisten anderen Teile, sondern zunächst in der Gegenwart der Rahmenhandlung, die im ganzen Roman viel weniger Anteil hat und in der Oskar in der Psychiatrie ist; daraufhin wird die Vorgeschichte, die Zeugung der Mutter Oskars erzählt. Ähnliches gilt auch für das zweite Kapitel, dessen Lesung auf der Gruppentagung dokumentiert ist, „Wachstum im Güterwagen“: Auch dieses Kapitel ist von der Rahmenhandlung eingeleitet, es spielt nun nach dem Krieg und beschreibt die Flucht der Familie, erzählt also eine klassische Opfergeschichte. Übersprungen werden die späte Weimarer Republik, der Aufstieg und die Herrschaft des Nationalsozialismus.

Die Regel, dass gerade in den wichtigsten Gruppe-47-Texten stereotyp gezeichnete jüdische Figuren vorkommen, bestätigt sich angesichts des gesamten Romans, wie an dieser Stelle knapp ergänzt werden soll, aber dennoch. Schon in Klügers frühem Essay über Judenfiguren in der Nachkriegsliteratur ist neben Andersch auch Grass vertreten,1406 und es gibt weitere kritische Lektüren, von denen die neueste kurz erwähnt werden soll, da genauer beleuchtet kein Zweifel besteht, dass sich mit Grass’ Judenfiguren in der Blechtrommel1407 auch im Wendejahr 1959 nichts an der klischierten Imagination ‚des Juden‘ änderte. Zwar sind die jüdischen Figuren Sigismund Markus und Mariusz Fajngold im Gegensatz zu anderen Figuren in der Blechtrommel nicht persifliert, weswegen Christian Sieg sogar schreibt, sie seien „überaus positiv“1408 gestaltet. Das widerspricht allerdings nicht Klügers Beobachtung, dass Sigismund Markus, wenn auch ein Freund Oskars, da er ihm seine Blechtrommeln besorgt, als chancenloser, lächerlicher Verehrer von Oskars Mutter fungiert, wenig realistisch gestaltet ist und alte Stereotype bedient, was zur Bildung von „Klischee und Kitsch“ führe.1409 Und ähnliches gilt, wie jüngst Matthies zusammengetragen hat, auch für Fajngold, die zweite jüdische Figur. Auch deren Zeichnung erscheint durchaus sympathisch: Fajngold hat seine Angehörigen im Holocaust verloren, man empfindet Mitgefühl mit ihm, und er ist Oskar gut gesinnt. Zugleich erscheint er aber auch zunehmend parasitär1410 und nähert sich durch seinen sprechenden Namen und seiner dubiosen Geschäftstüchtigkeit stark dem Vorurteil des „Finanzjudentums“ an1411 und übernimmt schließlich sogar den Platz in Oskars Familie, als diese in sehr symbolischen Szenen aus ihrer Heimat vertrieben wird, während er ihren Laden übernehmen kann.1412

Dieser Überblick stützte noch einmal die Annahme, dass jüdische Figuren in Gruppe-47-Texten nicht nur wegen einem Schuldkomplex in Bezug auf den Nationalsozialismus wichtig sind, sondern sich darin auch alte Aversionen fortsetzen: Sie stellen auch unabhängig vom Nationalsozialismus die Mehrheit der Texte, in denen überhaupt ‚Andere‘ vorkommen, erscheinen so als wichtigste Chiffre für Alterität und sind darin entsprechend klischiert gezeichnet. Um diesem Befund etwas genauer nachzugehen, soll abschließend auf zwei weitere wichtige Gruppe-47-Texte und die darin enthaltenen jüdischen Figuren und deren Funktion im Zusammenhang mit einer Auslagerung des ‚Bösen‘ noch einmal etwas genauer eingegangen werden, in denen die Auslagerung des Bösen so weit geht, dass sogar eine Art Täter-Opfer-Umkehr daraus erfolgt. Richters Roman Die Geschlagenen (1949) ist hinsichtlich des Wechselspiels zwischen Vorurteilen ‚des Fremden‘ und ‚des Jüdischen‘ besonders bemerkenswert; da bis hier noch kein Text des ‚Chefs‘ der Gruppe genauer untersucht wurde, wird er etwas genauer beleuchtet, bevor die jüdische Figur aus Lenz’ Almanach-Text noch einmal aufgegriffen wird.

4.3.2 Hans Werner Richters Die Geschlagenen (1949)

Von Richters erstem Roman handelt eine vielerzählte Gruppe-47-Anekdote: Auf der dritten Tagung der Gruppe 47 im Frühling 1948 hat Richter zwei Kapitel aus dem noch unfertigen Roman vorgelesen, und wurde dafür verrissen – „ein Klischee nach dem anderen.“1413, scheint ein Hauptkritikpunkt gewesen zu sein –, woraufhin er alles in den Müll geschmissen und noch einmal von vorne begonnen habe.1414 Böttiger hält fest, dass man den „späteren Erfolg des Romans durchaus auch als Ergebnis der Gruppenkritik lesen“ könne.1415 Das macht den Text besonders interessant, um ihn als ganzen repräsentativ für die frühe Gruppe 47 zu lesen, weswegen die folgende Lektüre auch nicht auf das Almanach-Kapitel (das dem ersten Kapitel der Romanfassung entspricht), beschränkt wird.

Grob zusammengefasst erzählt Die Geschlagenen in 30 Kapiteln die Kriegs- und Gefangenschaftserlebnisse des Obergefreiten Gühler, wobei sich die Eckpunkte mit Richters Biografie decken.1416 Die Handlung zieht sich über Kampfhandlungen in Italien, die Gefangennahme seiner Einheit bei Monte Cassino, eine kurze Gefangenschaft in Italien, die Überfahrt in die USA und schließlich in einem langen zweiten Teil die Kriegsgefangenschaft in St. Louis. In diesem Lager können sich der Protagonist und seine Freunde gegen neu erstarkende ‚Nazis‘ kaum wehren und werden von den Amerikanern auch nicht geschützt. Der Roman endet mit dem Beginn der Reeducation, die die Rückkehr der Gefangenen einleitet.

Für die vorliegende Fragestellung ist der Roman erstens wegen dieser offensichtlichen Auslagerung unmoralischer Handlungen des Nationalsozialismus in die Kriegsgefangenschaft und damit assoziativ auf die USA interessant. Zweitens enthält der Roman, da die Kampfhandlungen in Italien stattfinden, auch weitere ‚fremde‘ Figuren, deren Zeichnung hinsichtlich dieser moralischen Dichotomien ebenfalls bemerkenswert ist. Und drittens ist ein zentraler Akteur im Kriegsgefangenenlager Jude; seine Rolle ist angesichts der eher dichotomen Strukturen von Gut und Böse im Roman und hinsichtlich der bereits angesprochenen antisemitischen Stellungnahmen Richters einen genaueren Blick wert.1417

Rezeption, Kritik und wichtige Diskurse

Nachdem die beiden bereits fertigen Romankapitel auf der Gruppe-47-Tagung im April kritisiert worden waren und er alles in den Papierkorb geworfen hatte, schrieb Richter den Roman sehr zügig neu,1418 bereits im August war er fertiggestellt und erschien im Jahr 1949 im Verlag Kurt Desch. Diesmal war die Resonanz viel positiver, der Roman wurde ein großer Erfolg.1419 Während einiger Jahre war Richter in der Öffentlichkeit dementsprechend stark mit dieser Publikation verknüpft,1420 noch in jüngsten Würdigungen wird er oft besonders hervorgehoben.1421 Gleichzeitig kam der Applaus aber schon früh ‚von rechts‘; so hat der konservative Journalist Sieburg Die Geschlagenen wiederholt als bestes Kriegsbuch gelobt.1422

Inzwischen gilt der Roman relativ einhellig als Beispiel für die literarisch und inhaltlich wenig ausgearbeitete erste Nachkriegsliteratur.1423 In Hoffmanns Arbeitsbuch Deutschsprachige Prosa seit 1945 (2006) wird die Selbststilisierung zum Opfer bis hin zur Umdrehung von Tätern und Opfern kritisiert;1424 Geppert nennt den Roman als gutes Beispiel dafür, dass es in der Gruppe 47 zunächst weniger um Qualität als darum gegangen sei, mit eigenen Erinnerungen an den Krieg fertigzuwerden.1425 Jüngst scheint die Rezeption wieder ambivalenter zu sein: In Böttigers Gesamtdarstellung ist mehrdeutig (und vielleicht deswegen gleich zweimal identisch) formuliert, dass der Roman „Richters Parteinahme für die ‚Verlierer‘ signalisiert, ein Roman über deutsche Kriegsgefangene und ihr Schicksal“,1426 und dass der Roman international sehr erfolgreich war.1427 Klaus-Michael Bogdal weist dagegen in einem Aufsatz zu Narrativen eines historischen Epochenumbruchs im Jahr 1945 darauf hin, dass schon der Titel Die Geschlagenen die „kulturellen Semantiken“ einer „Mythisierung des Aufstiegs und Niedergangs eines ‚nordischen‘ Volks, der Goten, durch Verrat und Hinterhalt, gegen den die Helden den Opfertod setzen“, entspricht.1428

Eine Gegenrede zu den bestehenden kritischen Lektüren hat Gansel geschrieben. Zwar weist er mit Ächtler in einem Halbsatz darauf hin, dem „Lagerdiskurs“ sei „in der Tat eine apologetische Tendenz […] eingeschrieben.“1429 Er beschriebt auch, dass „diese entlastende Rhetorik, die den industriell betriebenen Massenmord allen Ernstes gleichsetzt mit der Wirklichkeit des Gefangenenlagers […] für den zweiten Teil des Kriegsromans ‚Die Gefangenen‘ [sic] bestimmend werde.“1430 Hierzu zitiert er die einschlägigsten Stellen; so wenn Gühler schon beim Eintreffen im US-Lager „KZ-Luft“ wahrnimmt,1431 ein Eindruck, der sich später noch einmal bestätigt,1432 sich weigert, Stellungen der Wehrmacht zu verraten („nicht gegen mein Land. Nicht für fremde Interessen“, RG 142)1433 und immer wieder gegen die Kollektivschuldthese andiskutiert:

‚Sie verstehen uns nicht‘, sagte Gühler, ‚sie werden uns nie verstehen. Für sie sind wir deutsche Soldaten und alle gleich. Sie begreifen das ganze System nicht, weil sie die Macht des Terrors nicht kennen, weil sie nicht wissen, was die Angst bedeutet.‘ (RG 217)1434

Neben diesen kritischen Schlaglichtern betont Gansel aber, dass eine andere Perspektive kaum möglich und vom Autor auch nicht angestrebt gewesen sei,1435 und lobt die plastische Darstellung der „unerhörten Situation von Krieg und Gefangenschaft“,1436 die zeigen, dass der „Einzelne keine Chance [hat], dem zu entgehen, unentrinnbar […] in einer Maschinerie [steckt], auf die er keinen Einfluss hat.“1437

In dieser empathischen Wiedergabe der Leiden der Hauptfiguren wie auch in der ästhetischen Beurteilung des Romans bleibt diese Einschätzung sowie die weitere Analyse des Romans sehr eng an den Beobachtungen Wehdekings aus den 70er Jahren, und übernimmt große Teile von dessen Argumentation.1438 Und passend zu diesem Rückbezug auf ältere Deutungsmuster problematisiert Gansel schließlich kritischere Beurteilungen des Romans. Er zitiert eine kritische Lektüre Embachs aus den 80er Jahren, Richter würde „verdrängen“1439, dass der Dienst in der Wehrmacht die Stabilität des NS-Systems erst gewährleistet habe; er werfe die Frage nach der Kriegsursache nicht auf und neige dazu, die deutsche Kriegsführung zu idealisieren.1440 Gansel meint, dabei handle es sich um „durchaus vergleichbare Überlegungen“ wie in der DDR-Kulturpolitik der 1950er Jahre;1441 in seinen Augen „fordert Embacher für 1948/49 einen souverän urteilenden Erzähler, der eine Art Evaluation des Dargestellten vornimmt[,] und eine auf eine Gesellschaftsanalyse abzielende Präsentation“.1442 Dem soll hier vorab entgegnet werden, dass dies bei Embacher, anders als in der DDR, eben nicht gefordert, sondern einfach kritisch konstatiert und so demokratisch zur Diskussion gestellt wird.

Und dazu kommt, wie nun genauer ausgeführt werden soll, dass Die Geschlagenen solche „Evaluationen“ und „Gesellschaftsanalysen“ durchaus über die Auswahl der erzählten Szenen oder Figurenbeschreibungen vornimmt. Besonders deutlich wird das im Diskurs über die Desertion,1443 der immer wieder aufgegriffen wird, wobei die wichtigste Haltung, die der Protagonist demgegenüber zeigt, im Text durchaus als ‚Evaluation‘ und sogar moralischer Imperativ präsentiert ist: Er vertritt nämlich, wie gleich noch genauer auszuführen ist, eine unmissverständlich nationalistische Haltung, die sehr deutlich Richters eigene, außerliterarisch schon problematisierten Gesellschaftsanalysen im Ruf entspricht.

Gerade wenn Gansels Wunsch, man möge „nicht nur vor dem Hintergrund von neueren Entwicklungen in der deutschen Gegenwartsliteratur seit Ende der 1990er Jahre […] den Erzähler Hans Werner Richter neu […] entdecken“,1444 sich erfüllt, ist eine Fortsetzung der kritischen Forschung über den Roman angesichts dessen Umgang mit nationalistischen, apologetischen – und wie im Folgenden ergänzt auch fremdenfeindlichen – Diskursen umso wichtiger. Die bis hier vorgestellten Lektüren sollen deswegen um eine Einordnung dieser Aspekte ergänzt werden.

Die Deutschen, der Fremde und der jüdische Lagerleiter

Richters Protagonist betont immer wieder, nur weil man ‚die Nazis‘ verachte, könne man dennoch nicht die Kameraden im Stich lassen und die Nation verraten. „Das also ist es. Ein Gegner der Nazis wird zum Verräter degradiert“ (RG 155), denkt er sich, als er Details der deutschen Kriegsführung verraten soll, entscheidet sich dazu, sehr auffällig zu lügen, und hebt seine eigene Einstellung so als moralisch und deutsch von der militärischen Haltung der Amerikaner ab:

‚Ich wünsche die Niederlage Hitlers.‘ ‚Nun und?‘ fragte der Hauptmann. ‚Das ist eine innenpolitische Sache.‘ ‚Sicher‘, sagte der Hauptmann, ‚sicher, aber der Sieg Amerikas wird auch Ihr Sieg sein.‘ ‚Vielleicht … vielleicht wird es Sieg und Niederlage zur gleichen Zeit sein.‘ ‚Für Sie?‘ ‚Für alle Gegner des Nationalsozialismus in Deutschland.‘ ‚Und warum sagen Sie mir nicht die Wahrheit?‘ ‚Weil ich ein Gegner der Nazis, aber kein Verräter in Ihrem Sinne bin.‘ ‚In meinem Sinne?‘ ‚Im Sinne einer militärischen, nicht einer politischen Auffassung. (RG 155 f.)

In dieser Szene wird nicht nur die starke nationale Überzeugung der Figur deutlich, sondern auch, dass der Text eben sehr wohl Stellung bezieht zu dem von Embach angesprochenen Punkt, die Wehrmacht sei maßgeblich am Erfolg des Nationalsozialismus beteiligt gewesen. Richter ‚verdrängt‘ das nicht,1445 sondern schreibt mit deutendem Impetus dezidiert dagegen an, wenn er politische und militärische Ziele strikt auseinanderhält.1446 Noch deutlicher wird das in einer Szene in den USA, in der Gühler mit dem Lagerkommandanten spricht und ihm eröffnet wird, dass er eine Sonderposition in einer Bibliothek bekommen soll:

Trotz gewisser Widerstände haben wir uns in einer Besprechung der drei Bataillonsführer und der Kompanieführer auf Sie geeinigt.‘ ‚Was für Widerstände waren das, Herr Oberfeldwebel?‘ ‚Man sagt, Sie seien kein Nationalsozialist, man hat in Ihrem Unterricht manches Haar gefunden. Er soll nicht einwandfrei sein.‘ ‚Ich bin kein Nationalsozialist.‘ ‚Ja, das ist bekannt, aber man sagt, Sie seien deutschnational.‘ Gühler schwieg einen Augenblick. Der Oberfeldwebel stand wie ein Hüne vor ihm. ‚Auch das stimmt nicht. Ich bin nicht deutschnational.‘ ‚Was sind Sie denn?‘ ‚Ich sagte es Ihnen schon.‘ ‚Na, nun raus mit der Sprache.‘ ‚Ich sagte es Ihnen schon, ich bin kein Nationalsozialist.‘ (RG 272)

Das Weltbild Gühlers und damit des Romans erscheint hier von einer heute nicht mehr überzeugenden sorgfältigen Unterscheidung zwischen Nationalsozialismus, Deutschnationalismus und Nationalstolz / -treue geprägt, und der beschriebene Konflikt erinnert an die Auseinandersetzungen zwischen den Herausgebern des deutschen Ruf und Andersch und Richter, der schließlich zum Personalwechsel in der Ruf-Redaktion geführt hat.1447 Das bestärkt noch zusätzlich zum deutlich autobiografischen Gestus des Romans, dass die Figur Gühler hier eben durchaus nicht nur ihre ungefilterten Eindrücke schildert, sondern dahinter auch eine Analyse des Geschehenen durch den politischen Publizisten Richter steht. Und als solche Analyse ist die Darstellung der Fremden gegenüber den ‚normalen Deutschen‘ und insbesondere die Darstellung des jüdischen Lagerleiters von Bedeutung.

Die italienischen Figuren spielen nur im ersten Teil des Romans eine Rolle. Sie erscheinen zwar nicht durchgehend negativ: Mit Santo, Gühlers bestem Freund im Lager, ist eine zentrale sehr positive Figur leicht fremd konnotiert,1448 und der Protagonist verliebt sich in eine Italienerin (vgl. RG 59–68).1449 Mehrheitlich kommen sie aber als Feinde vor und sind in diesem Sinne barbarisiert1450 und abschätzig als „Itaker“ bezeichnet,1451 wobei Gühler, der sich sonst betont differenziert ausdrückt,1452 den Begriff ebenfalls verwendet (vgl. RG 24). Besonders bemerkenswert ist aber, dass sowohl die brutale Gewalt als auch die ideologische Verblendung im Nationalsozialismus hier den italienischen Figuren zugeschrieben und damit ausgelagert ist: Gegenüber einer Gruppe hungriger italienischer Frauen verhält sich Gühler sehr korrekt; seine weniger moralischen Kameraden machen zwar sexistische Sprüche (RG 27)1453 und einer schießt wie „verrückt geworden“ in die Luft (ebd.) – es sind aber schließlich italienische Polizisten, die die Frauen tätlich angreifen, aus ihrem Auto wahllos und brutal auf sie schießen und sogar eine Frau mit einem Bauchschuss ermorden (RG 28). Eine von wenigen italienischen Figuren, die überhaupt längere Gesprächsanteile haben, stellt als überzeugter Faschist Italien über Deutschland und Frankreich („Italien mehr Kultur als alle [sic]“, RG 74) und schlägt kurze Zeit später überraschend auf einen Kameraden von Gühler ein, als dieser ihm aufträgt, Kaffee zu holen (ebd.).

Überzeugte Nationalsozialisten aufseiten der Deutschen kommen dagegen zunächst gar nicht vor: Die deutschen Wehrmachtsleute, vom Obergefreiten Gühler über den Unteroffizier Santo bis hin zum Leutnant sind mehrheitlich recht offene Gegner Hitlers und mehr oder weniger offen davon überzeugt, dass sie den Krieg verlieren werden. Erst nachdem sie in Gefangenschaft geraten sind, stehen sie nach der ersten Erleichterung, dass der Krieg für sie vorbei ist, in den USA vor dem bereits eingangs erwähnten Problem, dass das Lager von ‚Nazis‘ unterwandert ist und die Amerikaner nichts dagegen tun, dass quasi in nuce ein neues KZ entsteht: „‚Die Schweine‘, sagte Konz, ‚an der Front haben wir keinen gesehen und jetzt wollen sie uns hier noch ihren Segen verpassen.‘“ (RG 169) Wie Gansel unter Zuzug von Foucaults Konzept der „,Abweichungsheterotopie‘ des Lagers“ beschreibt,1454 ist das Lager hier als Ausnahme-Zustand konstruiert. Und, wie ergänzt werden kann, gilt angesichts dieser Verschiebung hier noch deutlicher, was Śliwińska für den umstrittenen zweiten Richter-Roman Sie fielen aus Gottes Hand formuliert hat: dass „der konkrete Ort der Tat – ‚das Lager‘ [….] exterritorialisiert“ wird.1455

Als ‚Gastgeber‘ dieses Terrors und als Lagerleiter spielen hier nun auch die US-Amerikaner, die zunächst als ‚Retter‘ aus dem Krieg eher positiver erscheinen als die Italiener, eine sehr negative Rolle; hier im Lager die Vertauschung der Positionen und die Auslagerung nationalsozialistischer Schuld noch weiter. Die Kriegsgefangenen erscheinen durch ihre Bedrohung durch ‚Nazis‘ im Lager nun nicht mehr nur (wie noch auf dem Feld gegenüber den Italienern) als moralisch überlegen, sondern als Opfer. Und in ihrer deutlich ausgestellten Machtlosigkeit und ihrem versuchten Widerstand kann ihnen hier nun auch dezidiert keine Kollektivschuld durch Unterlassen mehr zugeschrieben werden. Die US-Amerikaner ihrerseits, die durch diese Verschiebung kollektiv am Elend dieser einfachen Deutschen und an den ‚wildgewordenen‘ Nazis im Lager Schuld sind, auf die so implizit die Kollektivschuldvorwürfe übertragen wurden, sind wiederum jüdisch markiert: Eine Schlüsselfigur der Tatenlosigkeit gegenüber den Nazis, der erklärt, wieso „wir“ (RG 274) – die Amerikaner – nichts machen könnten, ist ein deutscher Jude (vgl. RG 273 f.).1456 Mit dieser Figur, auf die nun noch etwas genauer einzugehen ist, ist die Vertauschung der Rollen vollendet: Jüdisch markierte Amerikaner tragen die Kollektivschuld, deutsche Mitläufer und Wehrmachtsoldaten sind Opfer von Naziterror und in einer Art KZ eingesperrt.

Weil es sich um eine kurze Szene handelt, kann Gühlers Gespräch mit besagtem jüdischen „Studienrat aus Deutschland“ – der einzigen jüdischen Figur dieses Romans –mit einigen Kürzungen als Ganze wiedergegeben:

Der jüdische Studienrat aus Deutschland erhob sich hinter seinem Schreibtisch. Er lächelte und grüßte zurück. ‚Sie sind Gühler?‘ ‚Ja.‘ ‚Ihr Unterricht hat uns gefallen. Sie scheinen ein vernünftiger Mann zu sein.‘ Gühler antwortete nicht. ‚Wir möchten, daß Sie die Lagerzeitung und die Bibliothek übernehmen.‘ ‚Man hat es mir schon gesagt.‘ ‚Gut, Sie können sich alles bestellen, was Sie wünschen. Wir werden Ihnen alles besorgen.‘ ‚Ja‘, sagte Gühler. ‚Wir wollen keine Nationalsozialisten mehr, wir wollen ein ruhiges Lager, dessen Führung in der Hand vernünftiger Leute liegt.‘ ‚Jetzt auf einmal, Herr Leutnant!‘ ‚Wie meinen Sie das?‘ ‚Bis jetzt hat sich niemand um uns gekümmert. Bis jetzt haben wir unter einem schlimmeren Terror als in Deutschland gestanden.‘ ‚Der Leutnant lehnte sich zurück und lächelte säuerlich. ‚Ja‘, sagte er, ‚ich weiß.‘ ‚Sie wissen es?‘ sagte Gühler. ‚Ich habe davon gehört.‘ Er lächelte wieder. ‚Aber Sie müssen das verstehen‘, sagte er dann, ‚jedes Lager untersteht der Genfer Konvention. Wir haben nicht das Recht zu gewaltsamen Eingriffen. Jeder Eingriff, den wir hier vornehmen, bedeutet, daß die Nazis mit unseren Gefangenen in Deutschland genauso umgehen können.‘ […] ‚Wir müssen uns also selber helfen.‘ ‚Ja, wir können Sie nur unterstützen‘, sagte der Leutnant. Gühler ging hinaus. An der Tür drehte er sich um und grüßte mit dem Deutschen Gruß. ‚Bei mir können Sie das lassen‘, sagte der Leutnant. Er lächelte wieder säuerlich und nickte ihm zu, ‚aber nur, wenn wir allein sind, Sie verstehen.‘ ‚Jawoll, Herr Leutnant!‘ (RG 273 f.)

Wie hier deutlich wird, ist diese Figur vom Moralsystem des Texts mehrfach negativ belastet: Anders als der Offizier im Gespräch zuvor, der offen sagte, man sei kritisch, weil man ihn für deutschnational halte1457, lügt der jüdische Leutnant nun in Bezug auf Gühlers Unterricht und ist so beiläufig mit dem Attribut der Verschlagenheit ausgestattet. Vor allem aber zeigt sich an ihm das Problem der ‚deutschnationalen‘ oder zumindest zutiefst patriotischen Haltung des Protagonisten. Obwohl der Leutnant Deutscher ist, identifiziert er sich offenbar völlig mit den Amerikanern und kämpft gegen Deutschland, was in Gühlers Wertesystem, wie oben gezeigt, mit Verrat gleichzusetzen ist: als er selbst Stellungen verraten und so gegen die Wehrmacht aktiv werden soll, wird ganz deutlich, dass das gegen seine moralischen Grundsätze – und damit gegen die des Texts – verstößt. Er sieht sich selbst als „Gegner der Nazis, aber kein Verräter in Ihrem Sinne“, wobei im Sinne der Amerikaner für ihn „[i]m Sinne einer militärischen, nicht einer politischen Auffassung“ (RG 155 f.) bedeutet: Er hilft den Amerikanern „nicht gegen mein Land. Nicht für fremde Interessen.“ (RG 142)

Der deutsche Studienrat ist nun ein Verräter in genau diesem Sinne, wenn er für die Amerikaner arbeitet – bzw. sind angesichts des nationalistischen Weltbilds im Roman zwei Lesarten der Figur möglich: Entweder müsste er, der einzige jüdische Akteur in einem Text über den Nationalsozialismus, in Gühlers Logik als ein untreuer Verräter verstanden werden, der nicht zu ‚seinem Land‘ hält. Wahrscheinlicher noch ist eine zweite Lesart, nämlich dass er, anders als die Personen, die Gühler mit seiner Aussage über Verrat anspricht, als Jude gar nicht von der Loyalität für Deutschland betroffen sein kann – er war nie Deutscher, deswegen kann er ruhigen Gewissens für die Amerikaner gegen Deutschland kämpfen.

In beiden Lesarten ist seine Figur so noch zusätzlich zu der mit ihm verbundenen Täter-Opfer-Umkehrung problematisch gestaltet: Erstere Möglichkeit würde bedeuten, dass Richter in seinem besten Nachkriegstext nicht nur die einzige jüdische Figur als Täter und Befehlshaber in einem Lager, das an ein KZ erinnert, konstruiert hat, sondern auch als unmoralischen Verräter. Letztere Lesart knüpft an die Ausgrenzung durch den nationalen Antisemitismus an und schreibt diese auch hinsichtlich Werten und Normen fort, da die Juden nach wie vor kein Teil der moralisch agierenden Gemeinschaft sein können. In beiden Lesarten ist die jüdische Figur also, da Loyalität für Deutschland als positiver moralischer Wert konstruiert worden ist, nicht imstande, dieser Moralvorstellung gerecht zu werden. Dass der sonst so respektvolle Gühler ihn sehr schnippisch behandelt (und zuletzt sogar mit dem ‚deutschen Gruß‘ grüßt, was wohl den Gestus ‚ihr wolltet es ja so‘ signalisieren soll, vgl. RG 274), unterstützt diese Implikation.

4.3.3 Noch einmal zu Siegfried Lenz’ „Gelegenheit zum Verzicht“ und einige Schlüsse

Abschließend soll nun noch einmal auf Lenz’ oben bereits hinsichtlich ihrer Konstruktion ‚guter Deutscher‘ und ‚böser Nazis‘ analysierte Erzählung „Gelegenheit zum Verzicht“ eingegangen werden. Hier ist die jüdische Figur zwar mit mehr Sympathie gestaltet, dennoch äußert sich darin, wie im Folgenden ergänzt werden soll, eine weitere Variante, in der Täter und Opfer durch die Konstruktion verschiedener moralischer Gruppen annäherungsweise verkehrt werden. Auch hier nimmt Heilmann, die jüdische Figur, einen Ort zwischen den binären Polen ein, wenn er zwar natürlich nicht zu ‚ihnen‘, ‚den Nazis‘ gezählt, sondern von der ‚Wir‘-Gruppe geschätzt wird, aber zugleich auch von Letzteren ausgeschlossen ist und nicht an deren Wertesystem teilhaben kann. Und auch hier wird er paradoxerweise in seiner enormen Bereitwilligkeit, sich abführen zu lassen, letztlich sogar stärker der Seite der Täter angenähert als die ‚guten Deutschen‘.

Der Jude Heilmann

Wie oben beschrieben, geht es in der Erzählung darum, dass der ‚letzte‘ jüdische Bewohner eines Dorfs deportiert werden soll. Angesichts der Tatsache, dass wie nun gesehen nur so wenige jüdische Figuren im Almanach vorkommen und Heilmann die einzige jüdische Figur ist, die wohl in einem Lager von Deutschen umgebracht werden wird, ist seine Figur auch deswegen im Rahmen erinnerungstheoretischer Fragen bemerkenswert. Die Analyse der Erzählung hat aber bereits gezeigt, dass sie ansonsten in den zeitgenössischen Deutungsmustern verhaftet bleibt; auch hier wird die Unterscheidung zwischen dem moralisch guten ‚Wir‘ des Dorfs und „ihnen“, den Nazis, sehr stark gemacht.1458

Das wirft die Frage auf, wie sich denn die Figur Heilmann in diese moralische Dichotomie einfügt. Dass er implizit von der ‚Wir‘-Gruppe der Erzählung ausgenommen ist, die schon seit Generationen im Dorf gewohnt habe, wird nämlich schnell deutlich. So an der Stelle, an der die Hütte der Heilmanns beschrieben wird, die, wie der Erzähler einleitet, „wir alle“ kennen würden:

[D]ie Hütte von Wilhelm Heilmann und den Schuppen und den Lagerplatz hinter dem Schuppen, auf dem sich ein Hügel von rostigem Eisen erhob: alte Fahrradrahmen, Bleche, braun-rotes Drahtgewirr, leere Pumpgehäuse, abgestoßene Hufeisen und zerbeulte Kessel […]. Dieser Hügel schien uns mehr ein Wahrzeichen der Heilmanns als ihr Kapital, von dem sie lebten; denn er wurde nie flacher und geringer, wurde nie in unserer Gegenwart auf Lastwagen geladen, wurde nicht einmal, wie Erbsen, nach guten und schlechten Teilen verlesen, sondern lag nur da […], ein Hügel der Nutzlosigkeiten. Und doch mußten sie davon leben und gelebt haben, geheimnisvoll und gewitzt; ganze Geschlechter von ihnen hatten altem Eisen vertraut, ernährten sich mit seiner Hilfe, wuchsen heran und ließen den rostroten Hügel wieder den nächsten Heilmanns als Erbe zufallen […]. Unsere Großväter, unsere Väter und wir: Generationen unseres Dorfes stahlen hinten von dem Hügel, wenn sie Groschen brauchten, und gingen vorn zu den Heilmanns und verkauften ihnen, was diese schon dreimal besaßen, wonach unsere Leute nur noch Zeugen wurden, wie der Krempel wieder auf den Hügel flog, so daß dieser zwar nicht seine alte Form, aber doch sein altes Gewicht hatte, was ihm jene seltsame Dauer verlieh. Obwohl Wilhelm Heilmann allein lebte, zweifelten wir nicht daran, daß eines Tages irgendwoher ein neuer Heilmann auftauchen werde, um den Hügel aus altem Eisen in seinen Besitz zu nehmen […]. (LG 375)

Zwar sollen auch die Heilmanns schon seit Generationen dort leben, aber die ‚Wir-Gruppe‘ setzt sich gerade aus denjenigen zusammen, die sie, die Heilmanns, betrügen, wobei diese Grenzziehung sprachlich sehr manifest wird, wenn „Generationen unseres Dorfes“ „ihnen“ verkaufen, „was diese schon dreimal besaßen, wonach unsere Leute noch Zeugen wurden, wie der Krempel wieder auf den Hügel flog“ (ebd., s. o.); eine Unterscheidung, die der Text nirgends reflektiert oder aufzeigt, sondern sie unterschwellig als ganz selbstverständlich voraussetzt.

Dazu passt auch, dass einige Klischees bedient werden: Die Heilmanns erscheinen weniger als Familie (wie die Jungen aus der ‚Wir-Gruppe‘, die Väter und Großväter haben), sondern als eine Art unheimliche Sippe, die aus dem Nichts auftaucht, aus dem Nichts Wert schafft – ähnlich wie Grass’ Fajngold – und ewig weiterlebt. In der beruflichen Beschreibung wird das alte Stereotyp des jüdischen Schrotthändlers variiert:1459 Die Familienmitglieder scheinen mit ihrem Handel zweifelhafte Geschäfte zu machen, die die ‚Wir-Gruppe‘ im Dorf nicht richtig durchschaut: die Familie lebe „geheimnisvoll und gewitzt“ von einem Haufen Müll.1460 Dass sie gleichzeitig Opfer von krummen Geschäften werden, wenn die Jugendlichen aus dem Dorf ihnen ihre eigene Ware verkaufen, läuft dem Stereotyp entgegen; dabei handelt es sich aber um Streiche, während die jüdische Familie durch ihre Machenschaften offenbar nicht nur „ein paar Groschen“ bekommt, sondern gut davon leben kann.

Besonders interessant ist diese Abgrenzung vom alten Heilmann durch den Erzähler nun am zentralen Punkt der Handlung, nämlich in Bezug auf Heilmanns Deportation. Wie oben gesehen, wird die ‚Wir-Gruppe‘ im Dorf gerade dadurch konstituiert, dass niemand seine Deportation will: Der Protagonist der Handlung, der ihn in der Uniform ‚der Andern‘ deportieren muss, erleidet deswegen sogar schreckliche Qualen. In Bezug auf Heilmann wird aber auch hier die Alterisierung durchgehalten: Der Deportierte selbst wehrt sich nämlich als einziger nicht, sondern arbeitet von seinem ersten bis zu seinem letzten Erscheinen im Text eifrig daran mit, dass man ihn abführen kann.

Dies wird schon daran deutlich, dass er offenbar lange darauf gewartet haben soll. Als er geholt wird, lächelt „Heilmann, der Letzte mosaischen Glaubens in unserer hoffnungslosen Ecke Masurens, […] säuerlich, das Lächeln einer ertragbaren und doch unwiderruflichen Gewißheit, und er schlug das Zudeck zurück und stand auf. Er hatte mit Stiefeln im Bett gelegen.“ (LG 375) Die Intention dieser Stellen ist deutlich, da die Figur in ihrer Ergebenheit würdiger wirkt, als wenn sie die Fassung verlieren würde. Dennoch irritiert schon dieser erste Satz: Wieso ist die Gewissheit des deportierten Juden „ertragbar[] und doch unwiderruflich[]“?1461 Und so geht es weiter: Drei Figuren vonseiten der ‚Wir-Gruppe‘ im Text sind daran beteiligt, ihn abzuführen – aber das scheint gar nicht nötig zu sein: meist geht er übereifrig voraus (LG 376, 380); neben seinem alten Bekannten Bielek geht er her „mit der überzeugenden Selbstverständlichkeit eines Mannes, der den Weg und Plan des andern kennt und teilt.“ (LG 377) Ausgerechnet hier wird eine Gemeinsamkeit hergestellt: Eigentlich will keiner der Beteiligten den ‚Abtransport‘, aber sowohl Täter als auch Opfer müssen resigniert einsehen, dass es nun einmal nötig ist.

Der Text geht noch einen Schritt weiter, als dass das Opfer Heilmann in der Textlogik eine Art Würde daraus gewinnt, sich nicht zu wehren und niemanden in Schwierigkeiten zu bringen. Heilmann scheint nämlich sogar aktiv zur Deportation beizutragen und sie selbst irgendwie zu wollen: Er habe, wie es heißt, lange „unversöhnt“ (LG 376) gewartet, jetzt aber, „da der Junge ihn holte, war er versöhnt […].“ (Ebd.) Nicht nur Bielek, der vor lauter Magenschmerzen mehrfach die Kontrolle über die Situation verliert und sich nicht bewegen könnte, böte Heilmann im Verlauf der Erzählung die Gelegenheit, sich zu retten. Auch der Junge, der ihn aus der Hütte holt, legt ihm eine Flucht nahe. Gleich als er ihn aus dem Bett holt, rät er ihm zum ersten Mal, „sich zu verstecken oder die Hütte zu verschließen […] doch Wilhelm Heilmann […] lächelte säuerlich […] und stand auf.“ (LG 375) Trotz seinem „sanften, freundlichen Schwachsinn“ (LG 374) weist der Junge ihn schon kurz darauf noch auf eine weitere Fluchtgelegenheit hin; und es scheint sich durchaus um eine mögliche Lösung zu handeln:

Vor den Weiden, die mit einer Eisglasur überzogen waren, holte der Junge ihn ein einziges Mal ein, und zeigte auf die dunkle, undurchdringlich erscheinende Flanke des Waldes […], wobei seine Geste und seine Haltung nichts anderes als eine heftige Aufforderung ausdrückten: Wilhelm Heilmann lächelte säuerlich und schüttelte den Kopf. Vielleicht wußte er, daß er in unserer Ecke der Letzte war, den sie lediglich vergessen oder geschont – wahrscheinlich aber nur vergessen hatten. (LG 376)

Heilmann fügt sich also nicht nur aus Sorge um seinen alten Bekannten Bielek in sein Schicksal, sondern er fügt sich auch dem Jungen, der ihn holt. Die einzige Stelle, an der man einen leichten Widerstand bemerkt, ist, wenn er hier schon zum zweiten Mal „säuerlich“ (ebd.; vgl. RG 375) lächelt.1462 Und sogar mit dem fremden Mann, dem er am Schluss der Erzählung übergeben wird, geht er übereifrig mit, was als eine Art Pointe gestaltet ist, mit der die ganze Erzählung schließt: „Ein junger […] Mann kam ihnen entgegen, sein Gewehr schräg vor der Brust. […] Er befahl Heinrich Bielek, zurückzugehen. Als er sich umdrehte, bemerkte er, daß der Mann in der erdbraunen Joppe, den er weiterzuführen hatte, ihm bereits mehrere Schritte leise vorausgegangen war.“ (LG 380)

Dieses Verhalten erscheint nun vor allem als Resignation, wenn es über seine Deportation heißt, er habe „damit gerechnet und sich nicht ein einziges Mal die Schwäche der Hoffnung geleistet“ (LG 376); in Heilmanns gelassener Hingabe an ‚sein Schicksal‘ impliziert der Text wohl auch, dass seine Figur Züge von Christus trage. Wenn man diese Assoziation ernst nimmt, trägt sie aber auch die ungute Bedeutung mit, seine Vernichtung sei gottgewollt. Dass im Titel von „Verzicht“ die Rede ist, passt zu dieser Implikation, dass sich in der Deportation sein Schicksal vollziehe, und ist entsprechend zynisch, wenn man davon ausgeht, dass er im KZ ermordet werden soll.1463

Die Problematik dieser Konstruktion wird angesichts ihrer Nähe zu einer weiteren Figur, die ihrerseits diffuse Züge eines aufopfernden Christus’ trägt und einer unterdrückten Minderheit angehört, deutlich, nämlich Harriet Beecher Stowes (1852) Figur „Onkel Tom“. Die Grundkonstellation, dass ein Protagonist, der einer ausgebeuteten Minderheit angehört, ergeben und mit Respekt akzeptiert, was eine Tätergesellschaft für ihn vorgesehen hat, scheint hier inklusive aller problematischer Aspekte übernommen worden zu sein1464 – ein Prätext, der für die Aufarbeitung des Holocaust denkbar ungeeignet ist. Die Aspekte, die in Beecher Stowes Roman kritisiert worden sind, sind hier sogar noch verschärft: In Onkel Toms Hütte wird die Unmenschlichkeit der Sklaverei durch die Darstellung verschiedener an den Untaten beteiligter Figuren deutlich. In „Gelegenheit zum Verzicht“ sind dagegen alle Angehörigen der Tätergesellschaft, die ein Gesicht bekommen, positiv gezeichnet und leiden an den (zudem unausgesprochen bleibenden) Untaten, die sie begehen müssen. Damit werden auch hier Opfer und Täter noch einmal anders verkehrt als bisher gesehen: Die einzige jüdische Figur im Almanach, die als Holocaustopfer konstruiert ist, ist damit selbst an ihrer Deportation schuld.

Schlüsse

Im Almanach gibt es also wenige ‚fremde‘ und wenige jüdische Figuren, aber Zeichnung und Funktion Letzterer zeigen viel deutlichere Tendenzen: In Übereinstimmung mit Beobachtungen zu literarischem Antisemitismus vor und nach Auschwitz kommen besonders häufig in denjenigen Texten, in denen manichäische Weltbilder und gute Deutsche installiert werden, auch antijüdische Stereotype vor, und die jüdischen Figuren sind stark klischiert gezeichnet. Es handelt sich bei allen jüdischen Figuren eher um Projektionsfiguren als um ‚echte‘ Charaktere, was schon ihre Tätigkeiten und Attribute verdeutlichen: Sie sind Schrotthändler (bei Grass und Lenz) oder unsympathische Studienräte (bei Richter) und die Frauen sind schöne, zu überwindende Verführerinnen (bei Andersch und Schneider). Ähnlich die Persönlichkeiten: Bei Lenz und Grass erscheinen die jüdischen Figuren verschlagen und mit unrechtmäßiger Bereicherung assoziiert, bei Richter und indirekt auch bei Andersch mit Landesverrat – zwei der wichtigsten antisemitischen Stereotype überhaupt.

Gleichzeitig sind auch all diese Figuren nicht komplett vom ‚Eigenen‘ abgegrenzt; so kommen nur Juden vor, die dieselbe Sprache sprechen wie die jeweiligen Erzählinstanzen; anders als „die Nazis“, oder in einigen Texten auch „die Russen“, bekommen sie Gesichter und Namen, Lenz’ Heilmann ist wie Anderschs Judith sogar intern fokalisiert, bei Nowakowski und Lenz handelt es sich trotz gegenläufigem hegemonialem Diskurs um Opferfiguren, bei Andersch und Schneider sind die schönen Jüdinnen sehr begehrenswert. Insgesamt entsprechen die jüdischen Figuren in den Almanach- und Preistexten also fast ausnahmslos dem, was Holz als nicht-identische Identität beschrieben hat: „Erstens gibt es die Wir-Gruppe, z. B. die Deutschen, zweitens Fremde, z. B. die Franzosen, und drittens die Juden“ –1465 die so für das stünden, was die ‚geordnete‘ manichäische Welt bedrohe, wie Globalisierung oder Urbanismus.1466

Und diesen Ort des Dazwischen nehmen sie nun, wie die Analysen gezeigt haben, oft auch in Fragen der Moral ein: Als moralische Instanzen, gar als Widerstands- oder Retterfiguren wie viele Deutsche, aber auch überhaupt als selbstständig agierende, positive Figuren mit einer eigenen Geschichte, die über deutliche jüdische Stereotype hinausgeht, erscheint keine der handelnden Figuren. Im Gegenteil können die klischierten Darstellungen, die nationalen Stereotype und das Bestreben einer Aufwertung der Tätergesellschaft dazu führen, dass nicht nur jüdische Figuren, sondern Juden im Allgemeinen prinzipiell von den als moralisch markierten Handlungen der Texte ausgeschlossen sind. Sowohl bei Andersch als auch bei Richter können sie sich nicht gegen eine Flucht und für den Kampf für ihre Nation entscheiden, weil ihnen solche Banden gar nicht zugeschrieben werden. Und andernorts übernehmen sie durch eine Annäherung an die Täterrolle sogar symbolisch die moralische Schuld der Deutschen, so wenn bei Lenz der Jude quasi selbst für seine Deportation verantwortlich ist und bei Richter der jüdische Oberstudienrat durch die Parallelisierung der Gefangenenlager mit KZs als eine Art KZ-Aufseher beschrieben wird.

Diejenigen jüdischen Figuren, die primär über ihr erlittenes Leid erinnert werden – sie tauchen explizit in Texten von Weyrauch und Celan auf – sind dagegen differenzierter gestaltet und weniger von Stereotypen geprägt. Da das damit einhergeht, dass die Autoren partikulare Moralvorstellungen und manichäische Weltbilder in ihren Texten auch gezielter reflektieren und sie nicht nur als Kulisse für andere – bzw. ihre eigenen – Geschichten entwerfen, ist im nächsten Teil der Studie genauer darauf einzugehen.

5 Zwischenfazit II

[…] Meinungen hat jeder, die eines Schriftstellers sind belanglos, und was nicht in seinen Büchern steht, existiert nicht.1467

Diese Aussage, die Gruppe-47-Mitglied Ingeborg Bachmann 1972 in Bezug auf ihre eigene Literatur formuliert hat, kann im doppelten Sinne auf die Befunde in diesem Teil der Studie übertragen werden. Einerseits wird sie in den hier untersuchten literarischen Texten bestärkt: Trotz der Selbstwahrnehmung der Gruppe 47 als Instanz des moralischen und subversiven Schreibens in der BRD, trotz ihrer programmatisch formulierten Meinungen, wie der literarische Neuanfang zu stemmen sei, korrespondieren die Zuschreibungen von Moral und Zugehörigkeit in den literarischen Subtexten oft mit den vorherrschenden Diskursen der Nachkriegszeit und schließen darin wiederum enger an NS-Ideologeme an, als es die Aussagen der Autoren/-innen selbst vermuten lassen würden. Andererseits weist die von Bachmann formulierte kritische Haltung gegenüber Meinungen auf Gegenstimmen in der Gruppe 47 hin, die das explizite, auf eigene moralische Erkenntnisse fokussierte normative Engagement hinterfragten.1468

Auch auf solche Stimmen sowie auf weitere Aspekte der Gruppe 47, die im bis hier eingenommenen eher quantitativ orientierten Blickwinkel noch unterbelichtet blieben, wird im dritten, abschließenden Studienteil noch genauer eingegangen; aber zunächst sind die einzelnen Stationen der Argumentation im vorliegenden Teil noch einmal zu rekapitulieren. Die bis hier erfolgten Lektüren sollten einen möglichst repräsentativen Querschnitt über vorherrschende diskursive Verknüpfungen von Identitäts- und Alteritätsvorstellungen mit Moraldiskursen in den wichtigsten Texten der Gruppe 47 geben; wie im ersten Teil der Studie hergeleitet sind das im vorliegenden Kontext die Almanach- und Preistexte, die gemäß interner Definitionen am ehesten der ‚Mentalität der Gruppe 47‘ entsprechen.1469

Kapitel 1: In einer ersten Annäherung an dieses große Untersuchungskorpus wurden zunächst Annahmen, Möglichkeiten und Einschränkungen diskutiert, um Verknüpfungen von Moral und Zugehörigkeit sowie damit verbundene Diskurse, Motive und Schreibweisen zu untersuchen. Ausgehend von den Hypothesen aus dem ersten Teil der Studie wurden die Texte in einer tabellarischen Erfassung zahlreichen Fragen nach literarisch konstruierten Oppositionen in Figurenkonfiguration, Handlung, Erzählinstanz, zeitlichem und räumlichem Setting sowie nach moralkorrelierten Motiven (Schuldige, Opfer, Täter) gegenübergestellt. Ausgehend davon wurden vier Texte identifiziert,1470 die sich hinsichtlich besonders vieler dieser Kriterien als potenziell relevant herausgestellt hatten. Als erstes Ergebnis konnte verzeichnet werden, dass diese Texte neben ihren inhaltlichen Gemeinsamkeiten auch alle von wichtigen Gruppenmitgliedern aus dem ‚innersten Kreis‘ geschrieben wurden, die zudem alle stärker in den Nationalsozialismus involviert waren als die durchschnittlichen Gruppenmitglieder – was die Annahme stützt, dass diese beiden Aspekte einen besonders großen Einfluss auf die literarisch verarbeiteten Moralvorstellungen haben.

Christian Ferbers Erzählung „Mimosen im Juli“ wurde vorab paradigmatisch analysiert, wobei alle drei schon im ersten Teil dieser Studie identifizierten Möglichkeiten, wie Moral und Zugehörigkeit in der Gruppe 47 verknüpft werden konnten, bereits in dieser ersten als ‚Mustertext‘ identifizierten Erzählung auftraten: vermindertes Mitleid insbesondere gegenüber den französischen Opfern, eine Verweigerung gegenüber der Deutung ‚Anderer‘ in der Figurenrede und in der Vielzahl für ‚Nichtdabeigewesene‘ unverständlicher Andeutungen in der Erzählung sowie hinsichtlich Tugend eine historische Umformung der ‚eigenen‘ Verbrechen in Frankreich. Darüber hinaus hat sich die Erzählung im Umgang mit der NS-Verstrickung von Ferbers Mutter Ina Seidel auch außerliterarisch als bemerkenswert herausgestellt. In Bezug auf diesen einen Text können diese Beobachtungen überpointiert wirken; die Präsenz der genannten Aspekte in einer größeren Menge von Gruppe-47-Texten konnte nun aber ausgehend von diesen ersten Schlüssen in den folgenden Kapiteln genauer untersucht werden.

Kapitel 2: Zunächst wurde die in der Forschung zur Nachkriegsliteratur schon häufig gestellte Frage nach dem Umgang mit dem Holocaust und damit einhergehend mit dem Verhältnis von Mitleid gegenüber den Opfergruppen des Nationalsozialismus aufgegriffen. Der ‚Mustertext‘ „Die Mandel reift in Broschers Garten“ (gelesen 1949) wurde den Analysen vorangestellt, da sich das Thema des Kapitels darin besonders deutlich niederschlägt: Die hier verarbeiteten Erlebnisse des Protagonisten mit der jüdischen Familie Broscher erzählen davon, wie hart das Leben als deutscher Soldat im Krieg war – so hart, dass sich die Juden um ihn kümmern müssen und sich sorgen, als er vor den Russen fliehen muss. Die Verfolgung der rumänischen Juden kommt im Text kaum zur Sprache, sondern wird angesichts einer höchst privilegierten Familie als einzige jüdische Akteure, die dem deutschen Opfer gegenüberstehen, innerfiktional sogar fast ins Gegenteil verkehrt.

Ein daraufhin zusammengestellter Überblick theoretischer Überlegungen zu deutschen Opferkollektiven und Opferkonkurrenzen in der deutschen Nachkriegsgesellschaft wie auch -literatur hat verdeutlicht, dass die NS-Kontinuität in diesem Ausbleiben von Empathie über das Fortleben partikularer Moraldiskurse hinausgeht: Der Antisemitismusforscher Werner Bergmann sieht die Konstitution eines deutschen Opferkollektivs, also das Bestreben, „die ‚deutsche Volksgemeinschaft‘ ihrerseits zum ‚Opferkollektiv‘ zu erheben“,1471 in einem direkten Zusammenhang mit dem Bestreben einer Aufrechnung von Schuld und Schuldabwehr.1472 Klaus Holz kommt zu einem ähnlichen Ergebnis, wenn er die mit einer „universalen Täter-Opfer-Dichotomie“ verbundene Umkehr von Opfer- und Täterrollen als eins von drei grundlegenden Gegensatzpaaren des Antisemitismus vor und nach Auschwitz einordnet.1473

Ein quantitativer Überblick über die Almanach- und Preistexte hat bestätigt, dass die Literatur der Gruppe 47 in dieser Hinsicht mit den vorherrschenden Diskursen der Nachkriegszeit übereinstimmt. Zwar finden sich darin mehr jüdische Opferfiguren und Evokationen des Holocaust als angenommen, sie sind aber oft durch Figuren aus der ‚Wir‘-Gruppe ergänzt, die noch größeres Leid erfahren; vor allem machen sie verglichen mit der Gesamtheit der Texte, die im Nationalsozialismus spielen, einen kleinen Anteil der Opfererzählungen aus. Am Beispiel von Bölls Roman Billard um halbzehn und der darin erfolgten literarischen ‚Verarbeitung‘ von Paul Celan – die sich in mehreren weiteren Texten wichtiger Gruppe-47-Mitglieder in ähnlicher Weise findet –, wurde deutlich, dass sich dieses verschobene Verhältnis auch in verminderter Empathie gegenüber diesem ‚anderen‘ Leid äußert. Böttigers (2017) Postulat, der Gruppe 47 werde zu Unrecht Antisemitismus unterstellt, kann angesichts dieser Befunde, so die hier vertretene Annahme, nicht stehen bleiben.

Kapitel 3: Hinsichtlich der Frage nach Verknüpfungen von moralischer Deutung und Identität / Alterität wurde der Fokus insbesondere darauf gerichtet, ob die außerliterarisch beobachtete Tendenz, Urteile nur Mitgliedern der ‚Erlebnisgemeinschaft‘ des Zweiten Weltkriegs zuzugestehen, auch einen Niederschlag in der Literatur der Gruppe 47 gefunden hat. Aufarbeitungen der NS-Propaganda über ‚das Erlebnis‘ und die damit verbundene überlegene Gemeinschaft im Nationalsozialismus sowie historiografische Beschreibungen von deren Kontinuitäten in der Nachkriegsgesellschaft haben gezeigt, dass sich nicht nur im Konzept der ‚jungen Generation‘ selbst, sondern auch in der Vorstellung, einer überlegenen Erlebnisgemeinschaft anzugehören, relativ direkt Vorstellungen aus der NS-Propaganda fortsetzen.

Die im außerliterarischen Diskurs wichtigen moralischen Aspekte dieser Vorstellung – wer nicht dabei war, hat ‚uns‘ nicht moralisch zu verurteilen – sind in den literarischen Texten noch deutlicher mit der NS-Ideologie verbunden: mehrere Almanach-Texte implizieren eine Skepsis gegenüber abstrakten, intellektuellen Urteilen und stellen ihnen gemeinschaftliche Erfahrungen als überlegen gegenüber. Es gibt auch Almanach-Texte, die dieses Narrativ zu persiflieren scheinen; vor allem in Amerys Romankapitel „Das jähe Ende des Pater Sebaldus“ (gelesen 1957) liegt es sehr nahe, diese Persiflage als Auseinandersetzung mit dem vorherrschenden Gruppe-47-Diskurs zu lesen. Die genauere Betrachtung der erhitzten Diskussionen auf der Tagung, auf der Amerys Lesung stattfand, hat den Eindruck auch im Außerliterarischen bestätigt, dass es im ‚inneren Kreis‘ der Gruppe 47 eine gewisse Skepsis gegenüber ‚abstrakter‘ Weltzugänge gab. Sie äußerte sich insbesondere darin, dass man die Literatur der ‚Nichtdabeigewesenen‘, aber akademisch höher gebildeten Gruppenmitglieder als grundverschieden vom ‚eigenen‘, mit Weyrauch dezidiert moralischen, engagierten Schreiben als unpolitisch und ästhetizistisch abqualifizierte.

Im darauf folgenden Überblick zu verschiedenen Varianten ‚dabei gewesener‘ Erzählinstanzen in der Literatur der Gruppe 47 wurden einige Argumente für die These zusammengetragen, dass sich eine Überlegenheit moralischer Deutung auch in der Schreibweise der wichtigsten Gruppe-47-Mitglieder niedergeschlagen habe: In den frühen Texten kann in der Tradition des Hyperrealismus sowie der Betonung des journalistischen Anspruchs, die beide a priori dezidiert mit der Augenzeugenschaft des Autors verknüpft und als besonders moralische Schreibweisen konzeptualisiert wurden, sowie in den kryptischen, nur ‚dabei gewesenen‘ Lesenden verständlichen Anspielungen des magischen Realismus’ ein solcher Zusammenhang gesehen werden. Beides scheint sich zudem auch in einer sehr spezifischen experimentelleren Schreibweise jüngerer ‚Dabeigewesener‘ fortzusetzen, wenn, wie zum Beispiel in mehreren Werken Grass’ oder Walsers, alle Figuren als Projektionen der (dem Autor angenäherten) Erzählinstanz ausgewiesen werden und deutlich wird, dass alle letztlich mit einer Stimme gesprochen haben und für ein Wertesystem stehen.

Kapitel 4: Zuletzt wurde die am nächsten liegende Variante diskursiver Verknüpfungen von Moral und Zugehörigkeit beleuchtet, nämlich Zuschreibungen von Tugenden, das heißt die essentialistische Aufteilung moralisch ‚guter‘ oder moralisch ‚schlechter‘ Eigenschaften auf verschiedene Gruppen. Am deutlichsten hat sich hierbei die These einer allgemeinen Dichotomisierung von ‚Gut‘ und ‚Böse‘ im Sinne manichäischer Weltbilder in solchen Texten bestätigt, die sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen. In der Untersuchung von Anderschs Sansibar oder der letzte Grund (1957) zeigte sie sich in der bereits vielfach kritisierten klischierten Figurenzeichnung Judiths als ‚typische Jüdin‘, aber auch in der konsequenten Abgrenzung alles Unmoralischen vom ‚Eigenen‘, die sich in der Benennung der ‚Nazis‘ als den ‚Anderen‘, der Dominanz ‚guter Deutscher‘ und der negativen Darstellung sämtlicher ‚Fremder‘ und ‚Anderer‘ im Roman äußert. Im national argumentierenden moralischen Narrativ, das für alle männlichen deutschen Figuren ein Verbleiben in Deutschland als Frage von Haltung idealisiert, verbinden sich diese Aspekte, indem der Jüdin als passive Opferfigur und als national nicht Zugehörige auch ein moralisch ambivalenter Ort zugewiesen wird.

Diese Beobachtungen haben es erlaubt, mehrere für die Gruppe 47 besonders typische Phänomene herauszuarbeiten. In Lenz’ Erzählung „Gelegenheit zum Verzicht“, die eingangs ebenfalls als ‚Mustertext‘ identifiziert worden ist, strukturiert die deutliche Dichotomie zwischen den ‚guten Deutschen‘ und den ‚bösen Nazis‘, die als anonyme, gesichtslose ‚Andere‘ erscheinen, ebenfalls die Erzählung. Demgegenüber konnte in v. Camers Erzählung die Dämonisierung und Pathologisierung der Nazifigur und damit quasi die ‚andere Seite‘ dieser Dichotomie nachgezeichnet werden – eine Dichotomie, die sich im Almanach angesichts der deutlichen Vorherrschaft ‚guter Deutscher‘ bestätigt. Die Gruppe 47 stimmt hier mit dem zeitgenössischen Diskurs, für den Paul (2002) bis Anfang der 60er Jahre eine „Diabolisierung“ der NS-Täter beschrieben hat, überein.

Hinsichtlich einer Auslagerung des ‚Bösen‘ auf ‚Fremde‘, die nicht direkt in den Nationalsozialismus involviert waren, ließen sich in den Almanach- und Preistexten weniger deutliche Tendenzen ausmachen, wobei die grundsätzliche Annahme einer Dichotomisierung moralischer Eigenschaften zugunsten des ‚Eigenen‘ sich dennoch bestätigt hat. Jüdische Figuren scheinen in den Almanach- und Preistexten dagegen relativ eindeutige Funktionen einzunehmen. Primär werden sie herangezogen, wenn die Charakterisierung deutscher Figuren als besonders moralisch verdeutlicht werden soll – was auch erklären dürfte, warum zwei von vier ‚Mustertexten‘ jüdische Figuren enthalten, obwohl sie insgesamt nur in wenigen Texten vorkommen. In der genaueren Analyse hat sich eine weitere Funktion jüdischer Figuren herauskristallisiert: Sowohl Richters Die Geschlagenen als auch Lenz’ „Gelegenheit zum Verzicht“ deuten eine Täter-Opfer-Umkehr an, indem bei Richter gerade der jüdische Lagerleiter (der ein geflohener deutscher Jude ist) symbolisch einem KZ-Aufseher angenähert wird und bei Lenz die jüdische Figur ihre eigene Deportation offenbar als einzige zu wollen scheint, während die ‚guten Deutschen‘ alle schwer darunter leiden.

In allen drei Analysekapiteln hat sich gezeigt, dass Alterität – fremde Figuren, ‚Nichtdabeigewesene‘, Verfolgte der NS-Diktatur – in einer großen Zahl der maßgeblichen Texte der Gruppe 47 eine geringe Rolle spielt und als moralisch irrelevant und minderwertig erscheint, während ‚das Eigene‘ – Deutsche, Bekannte und Erlebte – für die ‚Moral der Geschichte‘ wie auch die impliziten Wertesysteme maßgebend ist. Oft sind die gezeichneten Weltbilder manichäisch, wobei die Grenzen von Gut und Böse entlang der Grenze von ‚Eigenem‘ und ‚Fremdem‘ verlaufen. Dabei findet keine dezidierte Abgrenzung zum partikularen Moralverständnis im Nationalsozialismus statt, wodurch sich auch problematische Denkmuster fortsetzen und teilweise direkt an NS-Ideologeme angeknüpft wird: Die so deutliche Missachtung ‚anderen‘ Leids könnte nicht zuletzt von der im Nationalsozialismus als ‚sozialdarwinistisches‘ Ideal geforderten Mitleidlosigkeit und Härte gegenüber ‚Nichtariern‘ herrühren. Das NS-Ideologem der Volksgemeinschaft, die durch ‚das Erlebnis‘ des Kriegs zusammengeschweißt werden soll, setzt sich relativ deutlich in den Nachkriegserzählungen und in der Skepsis gegenüber abstraktem, schulischem Wissen fort. Und die Bilder fremder und jüdischer Figuren, so sie sich in den literarischen Texten denn überhaupt finden, entsprechen fast ausnahmslos rassistischen und antisemitischen Vorstellungen, die im Nationalsozialismus vom ‚Feind‘ geschürt wurden.

Als besonders hartnäckig haben sich dabei in allen drei Analysekapiteln Vorstellungen aus dem Arsenal antisemitischer Zuschreibungen herausgestellt. Tatsächlich können die drei Kategorien partikularistischer Moralverknüpfungen sogar auf die von Holz (2007) unterschiedenen „drei grundlegende[n] Muster des nationalen Antisemitismus“ bezogen werden,1474 die

vor der nationalsozialistischen Judenvernichtung in aller erdenklichen Breite und Offenheit in antisemitischen Texten (re)produziert wurden und die im Antisemitismus nach Auschwitz zumindest in Fragmenten, in verschlüsselteren und latenteren Formen weiter getragen werden. Dabei handelt es sich um drei Gegensatzpaare, durch die Selbst- und Judenbild in weiten semantischen Feldern ausgearbeitet werden: Opfer versus Täter, Gemeinschaft versus Gesellschaft, Identität versus Nicht-Identität.1475

Die Implikationen dieser Befunde werden im Fazit am Ende dieser Studie noch einmal reflektiert; zunächst kann festgehalten werden, dass die Gruppe 47 in der Nachkriegszeit keine deutliche Ausnahme zu sein scheint, sondern gerade in Bezug auf problematische Aspekte im Einklang mit vorherrschenden Nachkriegsdiskursen steht. In Bezug auf die Frage nach einer Kontinuität partikularer Moralvorstellungen hinsichtlich Mitleidlosigkeit, Verwehrung von Deutung und Externalisierung des ‚Bösen‘ gibt es – in den Besonderheiten einzelner Romankapitel, die Grass, Amery und v. Cramer für die Gruppe 47 ausgewählt haben – Hinweise darauf, dass sich eine radikale Unterscheidung zwischen ‚uns‘ und ‚den anderen‘ in der Gruppe 47 trotz (oder gerade wegen) ihres Status’ als moralische Instanz hartnäckiger hielt als außerhalb. Wie eingangs von diesem Teil II der Studie vermutet, lässt sich in diesem Sinne auch im ‚Wendejahr 1959‘ keine Veränderung in diesen Moralvorstellungen feststellen – im Gegenteil: Zwei der vier ‚Mustertexte‘, die sich hinsichtlich partikularistischer Moraldiskurse als besonders interessant erwiesen haben, und darunter Ferbers paradigmatisch analysierter Text, wurden erst Anfang der 60er Jahre auf einer Gruppentagung gelesen. Obwohl ihnen in dieser späteren Phase mehr kritische Stimmen gegenüberstanden, bevorzugten die ‚Dabeigewesenen‘ diese Texte nach wie vor, und Richter sah wie gesehen bis zuletzt darin die Mentalität widergespiegelt, die in seinen Augen die Gruppe 47 ausmachte.

Angesichts dieser Beobachtungen könnte sogar der Eindruck entstehen, dass sich eine Entwicklung der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ in Deutschland weg von diskriminierenden Vorstellungen und eine Überwindung der entsprechenden exkludierenden Moraldiskurse nicht dank, sondern fast eher trotz der Gruppe 47 vollzogen hat. So soll dieser Schluss aber nicht stehen bleiben; denn wie nun im letzten Teil der Studie gezeigt wird, bilden diese Ergebnisse über mengenmäßig dominante Verknüpfungen von Moral noch nicht die ganze Wahrheit ab. Es gibt unter den besonders erfolgreichen Texten der Gruppe 47 auch solche, die partikulare Moralvorstellungen und Vorurteile auf der Textoberfläche thematisieren; deren ‚Moral der Geschichte‘ so direkt auf die bis hier beobachteten Diskurse bezogen werden kann. Da dies qualitativ viel über die entsprechenden Diskurse aussagen kann, sollen drei solche Texte aus der Literatur der Gruppe 47, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit partikularen Moralvorstellungen auseinandersetzen, abschließend etwas genauer untersucht und auf ihre Resonanz in der Gruppe 47 befragt werden.

587

Raddatz 1979, S. 33.

588

Trommler 1971; Vormweg 1971; vgl. Kap. 1.2.2 in Teil I der vorliegenden Studie.

589

Widmer 1966; vgl. die Einleitung zu Teil I der vorliegenden Studie.

590

Der Text setzt sich u. a. mit Andersch, Eich, Köppen, Enzensberger, Schnurre, Bächler und Weyrauch ausführlich auseinander (vgl. Raddatz 1979). Er wurde von anderen wichtigen Stimmen der Gruppe 47 sehr kritisch aufgenommen (vgl. Karasek 1979 und das „Schlusswort. Zur Kontroverse über das Zeit-Dossier“ der gesamten Zeit-Redaktion, o. A. 1979), wobei der Fokus auf den zahlreichen, teilweise haarsträubenden Sachfehlern des Texts lag, der tatsächlich kaum redigiert erscheint (vgl. insbesondere Reich-Ranicki 1979). Rückblickend wird aber deutlich, dass in dieser Debatte die „Schludrigkeit“ (o. A. 1979) von Raddatz gewissermaßen dankbar aufgenommen wurde: Der Kern von Raddatz’ Darstellungen konnte weitestgehend ausgeblendet werden; auf die eigentlichen Vorwürfe wurde kaum eingegangen, stattdessen wurden die Rezensionen mit vom Lektorat übersehenen Stellen gefüllt. Im Zeit-Schlusswort zum Essay wird denn auch betont, dass es in der gesamten Kontroverse „nie um die darin vertretene Meinung gegangen“ sei (ebd.).

591

Vgl. Raddatz 1979, S. 36. Er schließt damit wie schon weiter oben erwähnt an die Vorstellung an, mit der Publikation der Blechtrommel habe die Nachkriegsliteratur 1959 „das Klassenziel der Weltkultur“ erreicht, wie dies Enzensberger 1969 formuliert hat (Enzensberger 1969, zit. n. Lorenz/Pirro 2011, S. 10), bzw. 1959 habe ein ‚Sprung‘ stattgefunden (vgl. Arnold 1973, S. 70–80).

592

Einen ausführlichen Forschungsüberblick zum ‚Wendejahr 1959‘ geben Lorenz/Pirro 2011, S. 9–14.

593

Vgl. auch Kap. 2.3.2 im vorliegenden Teil II der Studie.

594

Lorenz/Pirro 2011, S. 10.

595

Was gerade Richter (der über die Einladungen immer alleine entschied), wie im letzten Teil gesehen, teilweise ganz explizit formuliert, so wenn er im Almanach die „Mentalität“ der Gruppe 47 wie folgt beschreibt: „Diese Mentalität, die schwer mit einem anderen Wort zu bezeichnen ist, schloß gewisse Verhaltensweisen von vornherein aus oder stieß sie, wenn sie dennoch auftraten, immer wieder ab. So kamen viele nicht wieder, die doch glaubten, ein Recht darauf zu haben […]. Man blieb bei allen Veränderungen, bei allen zeitweiligen Gästen, bei aller Abwanderung und bei allem Zuwachs, immer unter sich. Der Geist der ersten Jahre wurde erhalten. Er widerstand allen Einflüssen“ (Richter 1962, S. 13 [Hervorhebung N. W.]); vgl. Kap. 2.3.2 und 3 in Teil I der vorliegenden Studie. Wie Richters Beteuerungen bis in die späteren 80er Jahre zeigten, scheint diese Sichtweise auch lange mit dem ‚Kern‘ der Gruppe 47 verbunden geblieben zu sein; vgl. ebd.

596

Vgl. Kap. 2.1 in Teil I der vorliegenden Studie. Es handelt sich also nicht zwingend um spezifische NS-Kontinuitäten, da sich dasselbe Moralverständnis z. B. in etwas anderer Ausformung bereits im Nationalismus des 19. Jahrhunderts findet. Dennoch handelt es sich bereits beim Prinzip, das ‚Eigene‘ radikal auf- und das ‚Andere‘ radikal abzuwerten, bekanntermaßen auch um eine besonders zentrale Grundlage und eine conditio sine qua non der antisemitischen und rassistischen NS-Ideologie (vgl. ebd.).

597

Vgl. zu der Fragestellung Kap. 2.4 in Teil I der vorliegenden Studie.

598

Kesten [1963] 1967, S. 320.

599

So Richter in einem Brief an Ferber in 1960; vgl. Richter 1997, S. 336; vgl. Kap. 3.3.3 in Teil I der vorliegenden Studie sowie ausführlich zu diesem Verhältnis Braese 1999b (zu den Hintergründen des Almanach-Verrisses, vgl. ebd., S. 202–206).

600

Kesten [1963] 1967, S. 320–328.

601

Ebd., S. 321. Er führt aus: „Mühelos könnte man eine Anthologie der Gruppe 47 machen, die besser, witziger, amüsanter, literarisch und politisch interessanter wäre. Einschließlich der preisgekrönten Beiträge ist kaum ein Beitrag der beste seines Autors. Was bewog also die Autoren der Gruppe 47, auf den Gruppentagungen ihre schwächeren Texte vorzulesen?“ (Ebd.) Und später: „Richter schreibt: ‚Wer aber das besaß, was in der Gruppe 47 oft mit dem an preußische Traditionen erinnernden, hier aber anders gemeinten Wort ‚Haltung‘ bezeichnet wird, wer also auch die schärfste und vernichtendste Kritik hinnehmen konnte, ohne emotionelle Reaktionen zu zeigen, der konnte gewiß sein, auch dann wieder eingeladen zu werden, wenn er literarisch nicht gleich zum Zuge gekommen war.‘ Indianer auf dem Kriegspfad oder Autoren? Ich fürchte, Thomas Mann, Heinrich Mann, Franz Kafka, James Joyce und Marcel Proust, die alle fünf ‚vernichtendste Kritik‘ schlecht vertrugen, wären nicht wieder eingeladen worden, wie H. W. Richter mit einem kuriosen Triumph schreibt.“ (Ebd., S. 322.)

602

Vgl. Kap. 2.3.3 in Teil I der vorliegenden Studie.

603

Richter 1962, S. 13.

604

Vgl. Kap. 3 in Teil I der vorliegenden Studie.

605

Vgl. Kap. 2.3.3 in Teil I der vorliegenden Studie.

606

Die Differenz zu Richters Angabe, es seien „etwa fünfzig Beiträge aus den vierhundert Lesungen in den fünfzehn Jahren“ enthalten (Richter 1962, S. 13), ergibt sich daraus, dass hier nicht nach Lesungen, sondern nach einzelnen Texten unterschieden wird, was insbesondere bei den Gedichten ins Gewicht fällt, die in der vorliegenden Studie auch einzeln untersucht und deswegen auch einzeln erfasst werden müssen. Zudem kommen hier noch die Texte dazu, die nach Erscheinen des Almanachs mit dem Preis der Gruppe 47 ausgezeichnet wurden. Da 1962 die Gedichte von Bobrowski ausgezeichnet wurden, werden die Almanach-Texte schon durch diese drei Preislesungen noch um neun weitere Texte ergänzt.

607

Vgl. dazu weiter unten in diesem Kapitel und Kap. 2.2 im vorliegenden Teil II der Studie.

608

Zu dieser Art der Auswertung vgl. weiter unten in diesem Kapitel.

609

Bei mehreren dieser Fragen konnte die Antwort nur aufgrund erster Leseeindrücke erfolgen; es handelt sich also nicht um ‚endgültige‘ Analyseergebnisse; die Kategorien dienen nur dazu, Texte für genauere Lektüren in den Blick nehmen oder gerade ausschließen zu können. Zu Auswertung, Schwierigkeiten und Unschärfen bei dieser ersten Sichtung und dem Umgang damit vgl. weiter unten in diesem Kapitel.

610

Diese Kategorie ist ein gutes Beispiel für eine solche erste Zuordnung, die noch nicht einem ‚endgültigen‘ Analyseergebnis entspricht; hier wurde der sprachlichen Eindruck festgehalten, den der Text hinterlässt; unterschieden wurde in „Landser“, jüngerer „Realismus“, „Surrealismus“ etc., um später je nach Frage Texte genauer untersuchen oder ausschließen zu können.

611

Diese Kategorie dient vor allem dazu, eine Quelle von Unschärfen bei komplexeren Auswertungen zu reduzieren und ambivalentere Texte auszufiltern; vgl. weiter unter in diesem Kapitel.

612

Ähnlich wie die Frage, ob ‚Gut‘ und ‚Böse‘ eindeutig unterschieden sei, dient diese Kategorie vor allem der Reduktion der Gesamtstichprobe: Texte, in denen keinerlei Alterität vorkommen, sind für viele Fragestellungen nicht relevant und würden die Anteile verfälschen.

613

Den Begriff Rassismus wird im Sinne der theoretischen Grundlage der Studie auch in Zusammenhang mit nationalen negativen Stereotypen verwendet (vgl. Kap. 2.2.4 in Teil I der vorliegenden Studie).

614

Diese Kategorie wird erst im Teil III dieser Studie relevant.

615

Vgl. zu der Auswertung weiter unten in diesem Kapitel.

616

Alle quantitativen Ergebnisse werden in den Fußnoten aufgeschlüsselt, indem die Namen aller Autoren/-innen genannt werden, die in einem Eintrag mitgezählt wurden. Vgl. zur Verdeutlichung die Fußnoten 627 und 628 [##] weiter unten in diesem Kapitel: Die Bemerkung, dass die Wendung „zum ersten Mal“ in sieben Texten vorkommt, wird durch die Nennung aller Namen der Verfasserinnen und Verfasser dieser sieben Texte in der Fußnote ergänzt. Da alle Autoren/-innen im Almanach nur einmal vertreten sind, können so alle Ergebnisse überprüft und anhand der konkreten Texte nachvollzogen werden. In der Bibliografie sind die Almanach- und Preistexte aus Platzgründen nur dann einzeln verzeichnet, wenn sie auch im Fließtext erwähnt wurden.

617

Vgl. dazu Kap. 2.1.3 im vorliegenden Teil II der Studie.

618

Vgl. dazu Kap. 3.4 im vorliegenden Teil II der Studie.

619

Vgl. dazu Kap. 2.3.1 im vorliegenden Teil II der Studie.

620

Da es grundsätzlich um die Analyse von vorherrschenden Diskursen in der Gruppe 47 geht, ist selbst das im Ergebnis nicht ganz so problematisch: Der Großteil der Sekundärliteratur war zum Zeitpunkt der Lesungen und der Aufnahme in den Almanach noch nicht entstanden, auf den Gruppentagungen zählte nur der erste Eindruck (was oft gerade kritisiert wurde, vgl. dazu bereits Reich-Ranickis Beitrag zum Almanach mit dem Titel: „Von der Fragwürdigkeit und Notwendigkeit mündlicher Kritik“ 1962; vgl. auch Arnold 2004, S. 61–64). Deswegen wurde auch umgekehrt berücksichtigt, dass bei Romankapiteln wie demjenigen aus der Blechtrommel (1959) die Einträge nicht von Anfang an vom Wissen um die ganzen Romane beeinflusst sein durften. So spielen beide Almanach-Kapitel der Blechtrommel beispielsweise, anders als der größte Teil des Romans, gerade nicht im Nationalsozialismus, sodass das bei der Analyse des Almanachs entsprechend einzutragen ist – schließlich sind die Kapitel nicht zufällig für die Lesungen auf den Gruppentagungen ausgewählt worden. Vgl. zu den Blechtrommel-Auszügen Kap. 4.3.1 im vorliegenden Teil II der Studie.

621

Vgl. dazu auch Kap. 2.3.1 im vorliegenden Teil II der Studie. Eine recht auffällige Besonderheit, für die mit Bezug zur vorliegenden Fragestellung keine schlüssige Erklärung gefunden wurde und auf die nicht genauer eingegangen wird, ist die, dass bei der Frage, wer sich in irgendeiner Form als ‚schuldig‘ erweist, relativ oft ‚Pfarrer‘ eingetragen wurde. Denkbar ist beispielsweise ein Zusammenhang mit dem diffusen Existentialismus, dem sich viele wichtige Mitglieder der Gruppe 47 verpflichtet fühlten (vgl. Bigelow [2020]), oder sogar eine weitere Variante der Externalisierung von Schuld, da der ‚jungen Generation‘ ja gerade ihr „Nihilismus“ vorgeworfen wurde.

622

So auch Gansel im Zusammenhang mit Richters Roman Die Geschlagenen (vgl. Gansel 2011, S. 18); zu entgegnen wäre hier aber wiederum, dass diese monoperspektivische Form der Texte ja bereits einer formalästhetischen Entscheidung entspringt, die vielleicht ihrerseits Schlüsse über die partikularistische Perspektive der Verfasser zulässt; vgl. dazu auch Kap. 4.3.2 im vorliegenden Teil II der Studie.

623

Die Angaben beziehen sich auf Microsoft Excel 2013. Für die Publikation der Ergebnisse (vgl. Kap. 2.3.1 im vorliegenden Teil II der Studie) wurden die Diagramme grafisch verschönert (Definitiv Design, Bern).

624

Einen aktuellen Überblick über die praktischen Anwendungsmöglichkeiten der digital humanities für große Textkorpora gibt beispielsweise die Studie von Sarah Bärtschi (2018); herzlichen Dank an sie und an den Politikwissenschaftler und Statistiker Michael Schroll für die große Unterstützung beim Umgang mit Excel und R Studio.

625

Die Transformation von .pdf- in .txt-Dateien funktioniert deswegen auch bei qualitativ sehr hochwertigen Scans nur fehlerhaft. Buchstabenkombinationen wie „rn“ werden nicht von „m“ unterschieden, das deutsche „ß“ wird nicht erkannt, und für Frakturschrift gibt es auch nach wie vor keine kostenpflichtigen fehlerlosen OCR-Programme. Bei einer simplen Textsuche in mittelgroßen Korpora, wie sie auch in der vorliegenden Studie vorgenommen wird, kann dem begegnet werden, indem für Lexeme, die entsprechende „Problemkombinationen“ enthalten, einfach auch die möglichen Fehllektüren (z. B. „frernd“ statt „fremd“) sowie für den Fall, dass nur Teile des Worts richtig erkannt wurden, auch solche Wortteile (z. B. „emd“ oder „fre“) gesucht werden; simple Lösungen, die bei rein statistischen Auswertungen und Wortlisten in größerer Menge nicht möglich wären.

626

Das Zählen und Sortieren von so genannten (Wort-)N-Grammen, also der Folge einer gewissen Anzahl (N) von Wörtern, ist ein Beispiel für besonders einfaches digitales „Data Mining“. Tools dafür stehen für kurze Texte auch online zur Verfügung (für eine umfangreiche Zusammenstellung solcher Tools vgl. https://www.linguistik.hu-berlin.de/de/institut/professuren/korpuslinguistik/links/software [Abruf: 09.06.2018]), für längere Texte können solche einfachen Auswertungen mit Statistikprogrammen wie R Studio einfach programmiert werden. Trigramme, d. h. die Verbindung von drei aufeinanderfolgenden Wörtern (z. B. „der junge Mann“), haben sich dabei als am ergiebigsten herausgestellt. Die technischen Schritte dazu sind standardisiert und können vielerorts nachgelesen werden, deswegen werden sie hier nicht genauer ausgeführt.

627

Das war in Bezug auf Günter Grass’ Blechtrommel möglich, da der Text in digitaler Form vorliegt; vgl. weiter unten in diesem Kapitel.

628

Siebenmal: Bei Bichsel, Weyrauch, Morriën, Roehler, Höllerer, Dor, Lenz, v. Cramer.

629

Zehnmal: Bei Nowakowski, mehrmals bei Jens, Weyrauch, Mönnich, Walser, Lenz, Dor und v. Cramer, dabei handelt es sich um die häufigste Wendung in den literarischen Texten des Almanch (unter Ausschluss der stop words „und“, „der“, „die“ und „das“; Groß- und Kleinschreibung nicht berücksichtigt).

630

Unter Ausschluss der stop words „und“, „der“, „die“ und „das“; Groß- und Kleinschreibung nicht berücksichtigt.

631

Dass die Trigrammanalysen durchaus relevante Hinweise auf Inhalte geben und ev. Bias in der hermeneutischen Lektüre ausgleichen kann, zeigt sich hier auch an weiteren häufigsten Wendungen. So sind „Herz-Jesu-Kirche“ (30), „Der alte Heilandt“ (28); „Die schwarze Köchin“ (18), „meine / meiner Großmutter Anna“ (zusammen 17), „Auf dem Friedhof“ (15) oder „zum Fußende hin“ (11) relativ häufig vertreten. In Bezug auf 4-Gramme ist es ähnlich: „Der / Die Herz Jesu Kirche“ (zusammen 30) stehen ganz oben – gefolgt von einer Wendung, die einen Hinweis auf die Form gibt: „Es war einmal ein“ (15) sowie zwei Variationen des Liedes über die schwarze Köchin. All diese Textstellen haben einen hohen Wiedererkennungswert, zudem dürften sie alle direkt auf besondere Eigenschaften des Romans verweisen. Die Märchenformel und die Schwarze Köchin unterstreichen den Märchenbezug, den magischen Realismus und einen zentralen Code des Texts (vgl. dazu Bigelow [2020]). Auch die anderen in den häufigen Trigrammen niedergeschlagenen Szenen, also die „Zeugungsanekdote“ unter dem Rock der Großmutter, das Doppelleben und Tod der Mutter, die scheiternde mystische Vereinigung mit Jesus in der Kirche (vgl. dazu ebd.) und die Beerdigung (auf der sich der Sarg so dezidiert „zum Fußende hin“ verjüngt) gehören zu den Kernszenen des Romans; dass gerade die jeweils beschriebenen Wendungen in deren Zentrum stehen, wäre eine genauere Analyse wert. Zu fragen wäre, wieso die Sprache gerade in diesen Szenen offenbar besonders repetitiv wird und welche Implikationen die wiederholten Stellen besonders verstärken. Im Rahmen der vorliegenden Fragestellung sticht insbesondere der Fokus auf den Opferstatus der Mutter durch das Attribut „arm“ überdeutlich hervor. Überpointiert lässt sich von hier aus sogar relativ leicht eine weitere Linie zu der verschwiegenen Vergangenheit des Autors selbst und der Last, die damit verbunden ist (vgl. Bigelow [2020]), ziehen: Auch die „arme Mama“ trägt ein großes Geheimnis mit sich herum, sie betrügt nämlich ihrem Ehemann (der bekennender Nationalsozialist ist) mit dem ‚vergeistigten‘, sanften Jan Bronski, weiß nicht einmal, von wem der beiden ihr Sohn strammt, und zerbricht schließlich an diesem Doppelleben. Weniger psychologisch und für die vorliegende Studie relevanter ist ihre in dieser Formulierung angelegte Inszenierung als „Opfertäterin“; ein in der Gruppe 47 beliebtes Motiv und eine in der ganzen BRD verbreitete „Illusion[] der Vergangenheitsbewältigung“ (Jureit/Schneider 2010); vgl. dazu auch Kap. 2.2 im vorliegenden Teil II der Studie.

632

Vgl. dazu Bigelow [2020].

633

Vgl. dazu auch Kap. 2 im vorliegenden Teil II der Studie.

634

Vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

635

Eigentlich Georg Seidel, er veröffentlichte auch unter den Pseudonymen Simon Glas und Lisette Mullère, trat aber meistens als Christian Ferber auf.

636

Zu Schneiders „Die Mandel reift in Broschers Garten“ vgl. Kap. 2.2 im vorliegenden Teil II der Studie; zu Mönnichs „Die Wanderkarte“ vgl. Kap. 3.2.2 im vorliegenden Teil II der Studie; zu Lenz’ „Gelegenheit zum Verzicht“ vgl. die Kap. 4.2.2 und 4.3.3 im vorliegenden Teil II der Studie.

637

Vgl. die vorangehende Fußnote.

638

Vgl. Kap. 2.3.1 in Teil I der vorliegenden Studie.

639

Vgl. dazu ebd.; vgl. auch in den jeweiligen Kapiteln zu den einzelnen Texten Genaueres zu der Rolle der jeweiligen Autoren in der Gruppe 47 und zur Rezeption ihrer Texte (wie in FN 635 angegeben [##]).

640

Und damit auf einer der letzten Tagungen (Aschaffenburg im Oktober 1960), die überhaupt noch Eingang in den Almanach gefunden haben; der letzte Almanach-Eintrag stammt von der darauffolgenden Tagung im Jagdschloss Göhrde bei Lüneburg im Oktober 1961.

641

Vgl. Böttiger 2012, S. 229.

642

Ebd.; wie Böttiger weiter ausführt: „Völker hatte bei Walter Höllerer in Frankfurt zu studieren begonnen und dabei die Sprache von Landserheften analysiert – und genau diese Sprache erkannte er jetzt in dem Text Ferbers, einem ‚Urgestein‘ der Gruppe 47“. Es sei Grass gewesen, der den jungen Studenten Völker zur Gruppe 47 gebracht habe, er habe ihn nun in dieser Debatte verteidigt – wobei die Verteidigung offenbar nicht gerade leidenschaftlich ausfiel; gemäß Böttigers Bericht soll er gesagt haben, „Beiträge wie derjenige Völkers müssten möglich sein.“ (Vgl. ebd., S. 230.) Böttiger weist seine Quelle an dieser Stelle nicht aus, vermutlich handelt es sich um ein persönliches Gespräch; mehr Details über den Inhalt der Kritik konnte für die vorliegende Arbeit leider nicht rekonstruiert werden.

643

Vgl. Kap. 2.3.1 im vorliegenden Teil II der Studie.

644

Weber 2015; vgl. Kap. 1.2 in Teil I der vorliegenden Studie.

645

Vgl. weiter unten in diesem Kapitel.

646

Vgl. die Listen aus den Jahren 1946 (Mönnichs Lyrikband Die Zwillingsfähre ist Eintrag 8040, vgl. o. A. 1946b) und 1953 (Mönnichs Roman Russischer Sommer ist Eintrag 3433, vgl. o. A. 1953).

647

Ferber [1960] 1962, S. 368 f.; in der Folge im vorliegenden Kapitel im Fließtext zitiert (Sigle: FM).

648

Böttiger 2012, S. 229 f.; vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

649

Leonhard 1960, o. S.

650

Heißenbüttel [1960] 1967, S. 157.

651

Zwar war er nicht unter den Gründungsmitgliedern, sondern las erst im Frühling 1951 in Bad Dürkheim zum ersten Mal auf einem Gruppentreffen, er blieb aber bis zuletzt dabei (vgl. Arnold 2004b, S. 164), und wie weiter oben beschrieben verteidigten ihn die älteren Gruppenmitglieder mit „Aggressionen“, als seine Schreibweise unter den Jungen als überholt kritisiert wurde. Zuletzt erfolgte dann doch ein Bruch mit der Gruppe 47, aber erst auf der letzten Tagung im Jahr 1967 und nicht aus ‚mentalitären‘, sondern aus pragmatischen Gründen, nämlich, weil sich Ferber als Mitarbeiter der Welt nicht am Springer-Boykott beteiligen wollte (vgl. Ferber 1996, S. 206 f. – übrigens ist es gemäß dieses Berichts Schneider, der ihn über den Boykott informierte; die beiden scheinen lange eng verbunden gewesen zu sein). In seiner Autobiografie ist vom Bruch nicht mehr viel zu spüren; abgesehen vom Ende erzählt er die Geschichte der Gruppe 47 sehr affirmativ und genau im Sinne von Richters Darstellungen (vgl. ebd., S. 181–210).

652

Wie sich Ferber erinnert: „An einem Oktobermorgen des Jahres 1961 habe ich im Jugendherbergs-Jagdschloß Göhrde vor einer noch verschlafenen Versammlung von Freunden und Feinden gesessen und ein Gedicht vorgelesen in fünf Teilen, genannt Versuch einer Flurbereinigung. Nicht von mir war das Gedicht, sondern von einem toten Mann, der Hans Georg Brenner hieß. In diesem Kreis war er ein Gefährte gewesen der ersten Stunde; auch verdankte die Gruppe 47 ihm ihren Namen. Gestorben war er zwei Monate vor dieser Tagung in Hamburg.“ (Ebd., S. 181.)

653

FM 366; vgl. zu der Herleitung weiter unten in diesem Kapitel.

654

Vgl. z. B. die Internetseite der Insel (online: https://www.oleron.fr/ile-oleron-lumineuse-2292.html [Abruf 25.04.2018]).

655

Vgl. Giesen/Hobsch 2005, S. 456; Lotz 1994, S. 62; Hellwinkel (2012) spricht von einer der „letzten Bastionen“ (ebd., S. 154).

656

Lotz 1994, S. 62.

657

Ebd.

658

Schroth 2016, S. 230.

659

Lotz 1994, S. 62.

660

Ebd.

661

Rudolf Klieber (1900–1980), NSDAP-Politiker in Liegnitz; Guido Klieber (1898–1959), NSDAP-Politiker in Berlin.

662

Vgl. Fellgiebel 2003, S. 307.

663

Vgl. Kap. 3.3.1 in Teil I der vorliegenden Studie.

664

Vgl. Klee 2009, S. 507.

665

Ebd., S. 507 [im Original kursiv].

666

Er erinnert sich an den jungen Georg Seidel (von dem er ähnlich wie Grass in Beim Häuten der Zwiebel in dritter Person schreibt): „Sehr peinlich ist es Georg stets gewesen, wenn dieser Buchtitel ihm aufgenötigt wurde als Bezeichnung seiner Person. Selbst ein sonst gescheiter Mann wie Verleger Ledig-Rowohlt hielt das für goldenen Humor. Er ist das Wunschkind, hat er gesagt und Georg präsentiert […]. Georg schäumte still vor sich hin.“ (Ferber 1996, S. 18.)

667

Wie bereits weiter oben erwähnt, veröffentlichte er auch unter den Pseudonymen Simon Glas und Lisette Mullère und trat meistens als Christian Ferber auf.

668

Ferbers Geburtsname erscheint weder in den Biogrammen der wichtigsten Anthologien (Richter 1962c, Neunzig 1983, T. Richter 1997) noch in den bei Lettau (1967) dokumentierten Tagungsberichten. Im Almanach wird das Verwirrspiel noch weiter getrieben, indem im Biogramm beim Namen Christian Ferber auf den Eintrag zu „Simon Glas“ verwiesen wird, auch dort ist aber der Geburtsname Seidel nicht erwähnt. Obwohl wohl alle engeren Bekannten Bescheid wussten, fand so doch für Außenstehende eine durchaus ‚ernsthafte‘ Übernahme der anderen Identität statt, die einige Parallelen zu der Verschleierung der Vergangenheit zeigen, wie sie bei anderen Gruppe-47-Mitgliedern wie Grass, Andersch oder Walser in jüngeren Jahren kritisch zum Thema wurde. Womöglich lag das daran, dass man sich in der öffentlichen Positionierung der Gruppe 47 eben doch lieber von dem Namen der NS-Autorin distanzierte? Privat äußerte man zwar wie im Konflikt mit Kesten gesehen Verständnis für Ferbers Verteidigung der Mutter, aber in Bezug auf die Öffentlichkeit könnte es sich um ein ähnliches Prinzip der Wahrung der kollektiven Gruppenintegrität handeln wie beim weiter oben beschriebenen Umgang mit Rolf Schroers’ betrunkener Aussage, er sei an der Ermordung einer Geisel beteiligt gewesen – ob er es getan habe oder nicht, müsse er mit sich selbst ausmachen, aber dass er sich dessen öffentlich bezichtigt habe, habe ihn für den öffentlichen ‚moralischen Kampf‘ untauglich gemacht, wie Richter schrieb (vgl. Kap. 3.3.2 in Teil I der vorliegenden Studie).

669

Vgl. Ferber 1996, S. 159.

670

Wickert 1996, S. 251.

671

So im Konflikt mit Hermann Kesten; vgl. Kap. 3.3.1 in Teil I der vorliegenden Studie.

672

So habe sie sich für ihn als Kind entschieden trotz bekannter Lebensgefahr bei der Geburt (vgl. Ferber 1996, S. S. 19 f.); zeigt sich entsetzt, als das Dienstmädchen zu viel arbeitet (vgl. ebd., S. 31); ist eine liebende Schwester, die für ihren gestorbenen Bruder vieles auf sich nimmt (vgl. ebd., S. 69–73); eine liebende Mutter, die ihren Sohn sehr wertschätzt (vgl. ebd., S. 82); sie lehrt ihn, „daß Bettler Menschen sind, die nichts zu essen haben und denen man helfen muß, wenn es geht“ (ebd., S. 39); und sie lässt ihm alle Freiheiten in Bezug auf seinen Lebensentwurf (vgl. ebd., S. 89).

673

Vgl. Kap. 3.3.1 in Teil I der vorliegenden Studie. Hier sagt Ferber auch explizit, dass er kein ethisches Verschulden seiner Mutter sehe, was die Behauptung stützt, dass seine Namensänderung nur gegen ‚außen‘ wichtig war.

674

Kesten 1960, S. 16; vgl. Cofalla 1997b, S. 337. Auszüge aus dieser Hitler-Ode Seidels; vgl. Kap. 3.3.1 in Teil I der vorliegenden Studie.

675

Ferber 1996, S. 100.

676

Vgl. ebd., S. 99 f.

677

Ebd., S. 98 [Hervorhebung N. W.].

678

Ebd., S. 99.

679

Ebd.

680

Ebd., S. 114 [Hervorhebung im Original].

681

Vgl. dazu Bogdal 2017, der kritisch auf Walsers Beharren darauf hinweist, dass, wie er ihn paraphrasiert, das gegenwärtige Wissen „die Erinnerung – obwohl sie in der Zeit des Erinnerns stets nur eine gegenwärtige sein kann – nicht verändern dürfe.“ (Ebd., S. 236.) Walser schreibt in diesem Sinne, was auch aus Ferbers Erinnerungen spricht: „Die Erinnerung ist nicht davon abzubringen, daß die Jugend das Beste gewesen sei. Auch wenn diese Jugend stattfand zwischen 1933 und 1945 in Deutschland.“ (Walser 1998, zit. n. Bogdal 2017, S. 236.)

682

Einen weiteren Bruder im Geiste haben diese beiden Figuren in Ferbers Erzählung „Kalendergeschichte“ aus dem Jahr 1963, in der die Figur „Johannes Puls“ als besonders moralische Person, einer, der „niemals an sich selbst, sondern nur an die Mitmenschen“ dachte (ebd., S. 131), eingeführt wird und sich gerade deswegen vom Nationalsozialismus ‚verführen lässt‘, der „das Dienstbare in Johannes Puls noch fruchtbarer“ gemacht habe (ebd., S. 133). Er bewirkt später den Tod eines Mannes im Krieg, weil er ihn durch seine gut gemeinten Besuche verrät, schläft dann aus Mitleid quasi ‚versehentlich‘ mit dessen Witwe, wodurch er sie und seine eigene Frau ins Elend stürzt – und alles geschieht der Erzählung zufolge gerade weil er so gut ist und es allen recht machen will.

683

Ferber 1996, S. 109: „Das ergibt eine besonders unangenehme Mischung.“

684

Ebd., S. 85 [Hervorhebung N. W.].

685

Ebd., S. 86.

686

Ebd.

687

Ebd.

688

Vgl. Kap. 3 im vorliegenden Teil II der Studie.

689

Vgl. Kap. 3.4.2 im vorliegenden Teil II der Studie.

690

Lotz 1994: „[D]ie Verbindungen zur Heimat sind so gut wie abgeschnitten. Und was über Funk zu erfahren ist, läßt selbst die Optimisten verzweifeln. Trotzdem lehnt Vizeadmiral Schirlitz ein letztes Angebot ab, das Fregattenkapitän Meyer im Auftrag von General Larminat unterbreitet: Rückzug aus La Rochelle auf ein Gebiet, das die Ile de Ré und einen Teil von La Pallice (mit Hafen) umfassen soll. Auch jetzt noch kann der Deutsche mit seiner Drohung, die Hafenanlagen von La Rochelle zu sprengen, den Gegner in Schach halten.“ (Ebd., S. 62.)

691

Der französische Kommandant war es, der damit den Respekt seiner Soldaten einbüßte; vgl. ebd.

692

Vgl. Giesen/Hobsch 2005, S. 456.

693

Lotz 1994, S. 62.

694

Giesen/Hobsch, S. 456.

695

Lotz 1994, S. 62.

696

Ebd.

697

Ebd.: „Die Perversion dieser militärbürokratischen Korrektheit beschert allen noch einmal spannungsreiche Tage. Unter den französischen Militärs gibt es nicht wenige, die einen Sieg ohne Schlacht nur schwer mit ihrer Berufsehre in Einklang bringen können. Die Bevölkerung ist kaum mehr im Zaum zu halten. Sie schmückt die Straßen von La Rochelle mit der Trikolore. Da aber der Kapitulationsakt noch nicht vollzogen ist, bleiben auch die deutschen Hakenkreuzfahnen an den Masten. Ein kurioses Rendezvous feindlicher Symbole.“ Vgl. auch Giesen/Hobsch 2005, S. 456.

698

Grass’ Waffen-SS-Vergangenheit soll den ‚Dabeigewesenen‘ bis in die 60er Jahre bekannt gewesen sein (vgl. Bigelow 2015, S. 423), dass er sie dennoch nur verklausuliert und so nur für ‚Eingeweihte‘ verständlich in seine Romane eingebaut hat, wird damit erklärt, dass diese – eben die ‚Dabeigewesenen‘ – darüber nicht entrüstet gewesen seien, weil sie sich noch erinnert hätten, wie junge Männer fast als Kinder und wenig freiwillig zur SS eingezogen worden seien (vgl. ebd., S. 423 f.). Vgl. dazu auch Kap. 3.4.3 im vorliegenden Teil II der Studie.

699

Vgl. dazu Kap. 2.2 im vorliegenden Teil II der Studie.

700

Vgl. dazu Kap. 2.3.2 in Teil I der vorliegenden Studie.

701

Lorenz/Pirro 2011, S. 12.

702

Aus Franz Joseph Schneiders Almanach-Erzählung „Die Mandel reift in Broschers Garten“ ([1949] 1962), S. 134; in der Folge im vorliegenden Kapitel im Fließtext zitiert (Sigle: SM). Zum Zitat vgl. weiter unten in diesem Kapitel.

703

Vgl. Teil I der vorliegenden Studie, insbesondere Kap. 1.1 und Kap. 3.2.

704

Vgl. Kap. 3.3 im Teil I der vorliegenden Studie.

705

Vgl. Bialas 2014, S. 39; vgl. dazu u. a. ebd., S. 39–47.

706

Ebd., S. 44. Er zitiert im Folgenden den NS-Ethiker Gerhard Schinke: „Damit werde der ‚Wille der Natur‘, der auf die ‚Ausmerze der Kranken und Schwachen ziele‘, […] infrage gestellt. Die Natur kenne keine ethischen Erwägungen und Einschränkungen.“ (Schinke 1939, zit. n. ebd.) Schinke war „Hauptmann der Waffen-SS und Lehrer für weltanschauliche Schulung an der SS-Junkerschule in Braunschweig […].“ (Vgl. o. A. 1970, S. 65.)

707

Bialas 2014, S. 86.

708

Ebd., S. 81.

709

Vgl. insbesondere den Sammelband von Bogdal/Holz/Lorenz 2007; vgl. weiter unten in diesem Kapitel m. w. H.

710

Vgl. insbesondere Ächtler 2013; vgl. weiter unten in diesem Kapitel m. w. H.

711

Vgl. Kap. 1.3 im vorliegenden Teil II der Studie.

712

Vgl. Kap. 1.1.3 im vorliegenden Teil II der Studie.

713

So ist er z. B. weder in Balzer et al., Die deutschsprachige Literatur in der Bundesrepublik Deutschland (1988), noch in Durzaks Die Deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart (1980) erwähnt; auch noch Peitschs Nachkriegsliteratur 1945–1989 (2009) hat keinen Eintrag für seinen Namen im Personenregister. In Koebners Tendenzen der deutschen Literatur seit 1945 (1971) erscheint sein Name einmal, und zwar im Zusammenhang mit dem Almanach der Gruppe 47 (vgl. ebd., S. 217).

714

Schneider 1989, S. 46–50.

715

Das als einziger Text von ihm später auch einzeln publiziert wurde (Schneider 1967).

716

Vgl. T. Richter 1997, S. 44–46; erstmals abgedruckt wurde der Text schon in Schneider 1947.

717

Auch im Zusammenhang mit Schneider verwendet Richter explizit dieses Wort, so als er ihm in einem Brief andeutet, wenn er den Preis der Gruppe 47 organisieren könne, käme er sicher auch dafür in Frage: „Um dem Preis eine gewisse Wertigkeit zu geben, soll[en] […] nur literarisch wirklich qualifizierte Leute damit ausgezeichnet werden, doch müssten sie auf jeden Fall der Mentalität der Gruppe 47 entsprechen. Um Dir deutlich zu machen, was ich meine, nenne ich ein paar Namen: Eich, Krämer-Badoni, Kolbenhoff, Franz Josef [sic] Schneider.“ (Richter 1997, S. 94 [Richter an Schneider am 30.10.1949]. Wie in Arnolds Gruppe-47-Monografie von 2004 nachzulesen ist, schreibt Richter „immer Franz Josef Schneider; richtig: Joseph“, ebd., S. 138.) Zu dieser ‚Mentalität‘ der Gruppe 47 und insbesondere Richters exklusivem Verständnis davon vgl. Teil I der vorliegenden Studie.

718

Vgl. zu den verschiedenen Zusammenstellungen der wichtigsten Gruppenmitglieder Kap. 2.3.1 in Teil I der vorliegenden Studie.

719

So Ernst Theo Rohnert im Tagungsbericht aus Bad Dürkheim (Rohnert [1951] 1967, S. 59).

720

Arnold 2004b, S. 164; ebenso in Meyer (2013), Anhang „Autorenkorpus“.

721

Wie bereits weiter oben zitiert, erinnert sich Christian Ferber, wie ihm Schneider die Nachricht vom geplanten Springer-Boykott überbracht habe (Ferber 1996, S. 206 f.).

722

Vgl. das ausführliche „Bio-bibliographische[] Personenregister“ in T. Richter 1997, S. 209–223.

723

Ebd., S. 221.

724

So wird er z. B. öfter erwähnt als Heinz Friedrich (7), Klaus Roehler (8), Peter Rühmkorf (6) oder Wolfgang Weyrauch (9), aber auch als Siegfried Lenz (9), vgl. T. Richter 1997, S. 209–223.

725

Weyrauch 1989, S. 220.

726

Reich-Ranicki [1984] 2014, S. 10.

727

Diese scheint auch weithin bekannt gewesen zu sein, Armin Eichholz schreibt bereits 1951 in einem Tagungsbericht: „für die Werbetexte einer Zigarettenfirma hämmert er monatelang an einem Satz, und wenn er ihm abgekauft wird, bringt ihm das einzelne Wort mehr als drei Bücher zusammen.“ (Eichholz [1951] 1967, S. 70); vgl. auch Böttiger 2012, S. 212.

728

Ebd.

729

Wie es im Text-und-Kritik-Band von Arnold (2004b, S. 187) heißt, „richteten dann zunehmend die Verlage ihre ‚gewiß nicht schlecht kalkulierte Großmut‘[…] auf die Gruppe 47.“

730

Vgl. Schneider 2014.

731

Vgl. Mönnich 1997, S. 33.

732

Reich-Ranicki [1984] 2014, S. 10.

733

Ebd.

734

Ebd., S. 11. Eine Anekdote von einer Lesung Enzensbergers, die Reich-Ranicki 2009 in einem F.A.Z.-Interview berichtet, zeigt deutlich, wie hoch Schneider in der Gruppe 47 offenbar angesehen war: „[Enzensbergers Lesung] begann sehr merkwürdig: Alle wurden in eine Scheune kommandiert, Enzensberger auf eine kleine Anhöhe gesetzt. Die Zuhörer durften es sich auf dem Heu bequem machen. Nach einer stimmungsvollen Pause ging es los: Enzensberger las langsam und pointiert. Es war sehr still, um nicht zu sagen: andächtig. […] Hans Werner Richter beobachtete das Auditorium etwas misstrauisch, zumal den inzwischen verstorbenen Franz Joseph Schneider, der auf einer mitgebrachten Luftmatratze lag. Dieser Schneider war zwar ein schwacher Autor, wurde aber aus zwei Gründen besonders geschätzt: Erstens hatte er Humor, und, zweitens, vermochte er von Zeit zu Zeit in einer Frankfurter (ich glaube amerikanischen) Werbefirma, in der er arbeitete, etwas Geld für die Gruppe 47 zu organisieren. Richter wusste, dass dieser Schneider oft zu Schabernack aufgelegt war, was, unter uns, den Tagungen der Gruppe nicht schadete. Plötzlich überraschte uns, schon während der Lesung, ein lauter Knall. Franz Joseph Schneider hatte aus seiner Matratze die Luft rausgelassen. Denn die Andacht schien ihm doch nicht angemessen. Richter, dem dieser Vorfall nicht unwillkommen war, gab gleichwohl ein herrisches Zeichen, man solle doch wieder ernsthaft sein. Enzensberger nickte dankbar und las weiter. Alle befürchteten oder erhofften einen Skandal. Richter beobachtete Schneider. Plötzlich brach Enzensberger die Lesung ab, ich glaube, mitten im Satz. Er sagte ganz ruhig: ‚Das hat keinen Zweck. Ich lese schon über eine halbe Stunde. Das soll eine Komödie sein. Aber noch niemand hat gelacht. Machen wir Schluss damit.‘ […] Die Komödie wurde nie gedruckt oder gar aufgeführt. Den Titel habe ich vergessen.“ (Ebd., o. S.)

735

Reich-Ranicki [1984] 2014, S. 10.

736

Bei Morriën wurden ähnliche Sympathien für seine ‚kauzige‘ Art rückblickend als Erklärung dafür herangezogen, dass er den Preis der Gruppe 47 gewonnen hatte, was man oft als einzigen Irrtum der Preisverleihung sah; vgl. auch Kap. 2.3 in Teil III der vorliegenden Studie m. w. H.

737

Raddatz [1955] 1967, S. 111.

738

Minssen [1949] 1967, S. 40.

739

Gy. [1949] 1967, S. 45.

740

MM [1949] 1967, S. 50.

741

Hupka [1949] 1967, S. 46 f.

742

Wobei das sicher auch eine Art zeitgenössische Bescheidenheitsgeste war, derer sich auch Richter selbst bediente, obwohl beide Autoren damals Prosa verfassten: „[…] ich erinnere mich noch recht gut, dass Sie mir damals sagten, Sie seien nur ein Journalist. Ich nehme an, dass Sie sich auch noch meiner erinnern, zumal ich ja immer schweigend auf einem Präsidentennebenstuhl gesessen habe, was darauf zurückzuführen ist, dass ich ebenfalls nur ein Journalist bin, d. h. ich fühlte mich unter soviel Literatur recht unglücklich.“ (Richter 1997, S. 86 [Brief an Schneider vom 22. 03.1949]).

743

Hupka [1949] 1967, S. 46: „Es haben sich hier Schriftsteller zusammengeschlossen, die fast alle ein gemeinsames Herkommen haben, und das ist das Erlebnis der Diktatur und des Zweiten Weltkrieges, und die fast alle ein gemeinsames Ziel haben, und das ist ihr ‚publizistisches Anliegen‘, wie es Franz Josef [sic] Schneider in Utting ausdrückte“; vgl. auch Kap. 3.4 im vorliegenden Teil II der Studie.

744

Vgl. Reich-Ranicki [1984] 2014, S. 10.

745

Vgl. Kap. 1.3 im vorliegenden Teil II der Studie.

746

Diese Stelle wurde bereits in Kestens Almanach-Rezension hervorgehoben (vgl. Kesten [1963] 1967, S. 325 f.); und implizit wird deutlich, dass die Erwähnung gar nicht positiv gemeint ist: Kestens Feuilletonkritik des Almanach zeugt von einiger Häme gegen Richter und die Gruppe als Ganze (vgl. auch Kap. 1.1 im vorliegenden Teil II der Studie), hebt aber durchaus etliche Almanach-Erzählungen positiv hervor. „Zu den besten Beiträgen“ zählt Kesten „die Texte der beiden fremdsprachigen Autoren der Gruppe, des preisgekrönten Holländers Adriaan Morriën und des Polen Tadeusz Nowakowski“ (ebd., S. 225), und eine ganze Reihe weiterer Texte hebt er als „sehr schön“ (ebd., S. 327), witzig oder anderweitig zu den „besten Geschichten im Almanach“ gehörend (ebd., S. 326) positiv hervor, nämlich die von Schnurre, Böll, Aichinger, Eisenreich, Schallück, Weyrauch, von Cramer, Grass, Enzensberger, Rühmkorf, Bachmann, Celan, Bächler und Eich (vgl. ebd.). Schneider wird an keiner Stelle positiv erwähnt, und das Zitat über die jüdischen Mütter aus „Die Mandel reift in Broschers Garten“ leitet Kesten mit der Bemerkung ein, es fänden sich im Almanach „Szenen, die in Europa im 20. Jahrhundert […] alltäglich sind.“ (Ebd., 325 f.) Die Hervorhebung kann in diesem Kontext kaum unkritisch gemeint sein: An der Reflexion von Schneiders Protagonisten fällt nicht nur der begehrliche Blick eines deutschen, reiferen Soldaten auf eine in der Nachkriegszeit als minderjährig geltende, ‚exotische‘ Frau auf, sondern auch ein pejoratives Stereotyp über jüdische Mütter wird ungebrochen – und nicht nur explizit, sondern sogar in didaktischem Ton – tradiert (vgl. dazu weiter unten in diesem Kapitel). Wenn Kesten sagt, solche Szenen seien im 20. Jahrhundert alltäglich (ebd., 326), dann dürfte das kaum als Kompliment im Sinne des realistischen Literaturverständnisses in der frühen Gruppe 47 gemeint sein, sondern ruft unterschwellig die Alltäglichkeit des Antisemitismus im 20. Jahrhundert auf.

747

„Sie schwieg. ‚Ich muß darüber nachdenken‘, sagte sie nach einer Weile. ‚Nächste Woche –‘ ‚Diese Woche, heute‘, drängte er. ‚Heut’ nacht. Heut’ nacht komm’ ich zu dir hinauf –‘ […].“ (SM 134 f.)

748

Es bleibt offen, ob er wirklich desertiert, aber der Gedanke klingt schon früher im Text an, im Zusammenhang damit, dass er davon träumt, sich mit Fotinja öffentlich in der Stadt zu zeigen: „Es erschien ihm plötzlich eine Kleinigkeit, zu desertieren. ‚Aber du willst gar nicht‘, fuhr er in jäh aufsteigendem Zorn fort. ‚Wegen deiner Mutter.‘“ (SM 124.)

749

Vgl. z. B. Döring/Römer/Seubert 2015, S. 221–232.

750

Vgl. Jakubowski 1999, Gubser 1998, S. 102; vgl. weiter unten in diesem Kapitel.

751

Gott zeigt sich Jeremia in einem frühzeitig blühenden Mandelzweig (Jeremia 1,11–14); was auf Hebräisch zudem einem Worspiel entspricht: „Mandel (hebr. schaged) und wachen (hebr. schoged)“ (Guthrie/Motyer 1970, S. 722 [Hervorhebung im Original]).

752

In adaptierter Form findet sich diese Konstellation in Gruppe 47-Texten von Weyrauch und Eisenreich; vgl. Kap. 1 in Teil III der vorliegenden Studie.

753

Vgl. weiter unten in diesem Kapitel.

754

Er trägt immer noch unablässig seine alte Kapitänsmütze aus K.u.K.-Zeiten (SM 135).

755

Sie wird ganz ‚ladylike‘ französisch „Madame Pauline“ genannt und erinnert dadurch, wie der Vater Fotinjas durch seinen Bezug zur K.u.K.-Monarchie, an den alten Adel.

756

„Lola Demetriades, Madame Paulines Schwester, kannte seine Absichten auf Fotinja, aber sie war gut auf ihn zu sprechen und begünstigte sie; augenzwinkernd hatte sie ihn für den nächsten Sonntag zum Kaffee eingeladen, und ganz gewiß würde auch Fotinja dort sein.“ (SM 133)

757

Bogdal 2007, S. 10.

758

Sie sind wie weiter oben erwähnt mit dem alten K.u.K.-Adel assoziiert, und vor allem besitzen sie im Jahr 1944 im kriegsgebeutelten Rumänien eine Villa und (mindestens) noch ein weiteres Haus; vgl. weiter unten in diesem Kapitel.

759

Madame Pauline scheint Französin zu sein, ihr Schwager ist „in Konstantinopel geboren und griechischer Nationalität“ (SM 136), sie leben alle in Rumänien.

760

Wenn sie als augenzwinkernde Kupplerin fungiert (SM 133) und in der Nacht so laut schnarcht, dass das ganze Haus es hören kann (SM 135).

761

Wie Gubser über die Literatur des 19. Jahrhunderts schreibt, lägen deren „Reize […] in ihrem makellosen Körper, den schwarzen Mandelaugen mit schweren Lidern, in schwarzen oder roten langen, stets gelockten Haaren und in einem alabasterfarbenen Teint. Von Natur aus scheu und sanft, scheint sie an ihrer zweifelhaften Herkunft zu leiden, hat aber kaum eine Chance, je glücklich zu werden – was wiederum zur sanften Trauer oder, je nach Tönung, Melancholie beiträgt, die einen wichtigen Teil ihrer Fremdheit und Exotik ausmachen.“ (Gubser 1998, S. 102.) Wenn die zurückhaltende Fotinja als Reaktion auf Stefans Annoncen mit den Tränen kämpft und sagt: „Du kannst ja nicht wissen, wie es bei uns ist“ (SM 134), klingt – zumal sie angesichts des weiteren Handlungsverlaufs damit eher nicht ihre Verfolgung meinen dürfte – auch erneut dieses Bild einer ‚sanften Trauer‘ oder Melancholie an. Gubsers Beschreibung der mandelfarbenen Augen gibt zudem dem Titel noch eine weitere Bedeutungsebene.

762

Vgl. dazu u. a. Jakubowski 1999, insbesondere S. 205: „Sowohl das Bild der durch extremes jüdisches Patriarchat versklavten Jüdin wie auch das Bild der rebellierenden jüdischen Frau, die die gesetzte christliche Ordnung sündhaft verkehrt, leisteten einen nicht unwesentlichen ideologischen Beitrag zur Vernichtung der Juden im Nationalsozialismus. Letztlich dienten beide Bilder jüdischer Frauen, die häufig in der gleichen antisemitischen Schrift an verschiedenen Stellen auftauchen konnten, zur Diffamierung der jüdischen Minderheit in einem traditionellen Kontext christlicher Sündenvorstellungen.“

763

Vgl. SM 134 f.: „Es dunkelte bereits, als er Broschers Haus in der Brailastraße erreichte, und er sah Fotinja schon von der Straße aus im Vorgarten sitzen. Sie saß allein an dem Tischchen unterm Mandelbaum und arbeitete an ihrem neuen Wollkleid. ‚Nun bist du doch gekommen‘, sagte sie, überrascht und glücklich, und wie immer, wenn sie sich trafen, überzog eine feine Röte ihr Gesicht.“

764

Vgl. dazu auch Kap. 4.1 und 4.2.1 im vorliegenden Teil II der Studie.

765

Bergmann 2007, S. 13.

766

Ebd., S. 17; vgl. weiter unten in diesem Kapitel.

767

Vgl. dazu Turda 2009.

768

Bergmann 2007, S. 17.

769

Ebd.; ausgeführt ebd., S. 13–35.

770

Vgl. Benz 2009 S. 11.

771

Glass 2014, S. 15.

772

Ebd., S. 1; vgl. SM 136.

773

Vgl. Glass 2014., S. 18–21: Im Jahr 1939 begann die Aufhebung der bürgerlichen Gleichberechtigung, indem die Rechtmäßigkeit der Staatsbürgerschaft aller Juden ‚untersucht‘ wurde. In Bessarabien wurden in dieser ersten Welle 62 % der Juden die Staatsbürgerschaft entzogen.

774

Glass erwähnt das (zusammen mit Czernowitz) als Beispiele dafür, dass diese „Agenten der Abwehr“ – die deutschen Soldaten, die zur Schulung des rumänischen Militärs an der Ostfront stationiert waren –, teilweise von linientreuen Ideologen geführt worden seien. (Vgl. ebd., S. 29). Zu der prekären Situation und rassistischen, antisemitischen und Eugenik-Diskursen innerhalb Rumäniens vgl. auch Benz 2009.

775

Glass 2014, S. 18.

776

„Raport final“ über die Vernichtung der Juden in Rumänien aus dem Jahr 2005, S. 176; 178, zit. n. Glass 2014, S. 10.

777

Aufschlussreich ist dazu die Studie von Döring/Römer/Seubert 2015, insbesondere S. 189–212 zu den Desertionserzählungen von Andersch und Richter.

778

Bergmann 2007, S. 17.

779

Vgl. ebd., S. 22–28.

780

Vgl. Ächtler 2013, insbesondere S. 44–56.

781

Mitscherlich/Mitscherlich (1967) haben dafür auf der Grundlage ihrer psychoanalytischen Studien das Wort von der Unfähigkeit zu trauern geprägt.

782

Berger 2009.

783

Fischer/Lorenz 2015.

784

Vgl. ebd., S. 364–385.

785

Vgl. Janssen/Fischer 2015, S. 375–377.

786

Vgl. Thiessen 2015, S. 383–385.

787

Vgl. Russo 2015, S. 379.

788

Fischer/Lorenz 2015, S. 116.

789

Gumbrecht 2011, S. 9.

790

Ebd.

791

„Gewissheit über die räumliche Nähe eines Körpers oder eines materiellen Gegenstandes, der nicht im Bereich der aktuellen Wahrnehmung liegt und dessen Ort wir ebenso wenig kennen wie seine Identität.“ (Ebd., S. 10.)

792

Ebd., S. 11.

793

Vgl. Bergmann 1998, insbesondere S. 396–398.

794

Braese 2001, zu Hildesheimer vgl. S. 233–320; 365–428; 485–516.

795

Döring 2009.

796

Vgl. Feuchert 2016, S. 175; das Zitat stammt aus Jeffrey Herfs Zweierlei Erinnerung (1998), S. 457, wobei dieser sich an der zitierten Stelle mit dem „Minimalprogramm[] von Wiedergutmachung und öffentlicher Erinnerung“ (ebd.) in Politik und Gesellschaft auseinandersetzt. Zu früheren kritischen Lektüren von Efraim vgl. Hahn 2011, S. 370–376.

797

Ächtler 2013, S. 15.

798

Peitsch [2006], S. 9 f.

799

Ebd., S. 3–5.

800

Vgl. Kap. 1.1 in Teil I der vorliegenden Studie.

801

Vgl. Moeller 2001, insbesondere S. 38–43 zu den Schwierigkeiten anderer Opfergruppen, überhaupt Ausgleichszahlungen zu bekommen; vgl. Kap. 1.1 in Teil I der vorliegenden Studie.

802

Vgl. Holz 2001; Holz 2007.

803

Ebd., S. 40.

804

Vgl. ebd., S. 39.

805

Vgl. ebd., S. 39 f.

806

Weigel 1994, S. 184.

807

Ebd., u. a. S. 15; 185 f.

808

Vgl. ebd., S. 181–195; so S. 186: „Als Deutungsmuster vorgeblich universeller und existentieller Erfahrungen situiert bereits das Opfer-Täter-Paradigma die Ereignisse, um deren Erinnerung und Verstehen es geht, in einem Ort jenseits des Sozialen und des Historischen, es polarisiert die in einen gemeinsamen Schuldzusammenhang Verstrickten in Schuldige und Unschuldige und blendet die Befragung der diesen Zusammenhang konstituierenden Möglichkeitsbedingungen aus. In der Markierung und Repräsentation von Tätern und Opfern werden dabei nicht selten verschobene ethnozentrische Deutungen virulent.“

809

Frei 2005, S. 15.

810

Vgl. ebd. 2005, S. 52.

811

Moskowitz 1946, zit. n. Bergmann 2007, S. 13.

812

Ebd.

813

Arendt 1993, S. 25 f.; vgl. dazu Bergmann 2007, S. 23 f.

814

Im „Gruppenexperiment“ des Frankfurter Instituts für Sozialforschung aus den Jahren 1950/51 (vgl. Horkheimer/Adorno 1955, S. V–VIII) wurden in einem aufwändigen Studiendesign (Pollock 1955, S. 15–270) Gespräche zu Nationalsozialismus, Schuld und Ideologie mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen geführt und aufgezeichnet. In den qualitativen Auswertungen der Gespräche, insbesondere einer umfangreichen Analyse Adornos (1955), wurden zahlreiche bereits höchst ausdifferenzierte problematische Kategorien von Schuldabwehr und Leugnung sowie deren Zusammenhang mit der NS-Ideologie beschrieben (vgl. ebd., S. 278–428).

815

Pollock 1955, S. 278.

816

So wurde von den Teilnehmenden die Vorstellung einer ‚Jüdischen Rache‘ geäußert (Adorno 1955, S. 372) oder unterstellt, dass „die Juden an allem […] selbst Schuld“ seien (ebd., S. 392–396; dies verknüpft mit der Zuschreibung von Unehrlichkeit und Raffgier, vgl. ebd., S. 394); und es zeigten sich zahlreiche „Überbleibsel der Rassentheorie“ (ebd., S. 386) in den Gesprächen.

817

Bergmann 2007, S. 13.

818

Ebd., S. 17, ausführlich zu den einzelnen Punkten S. 17–35.

819

Ebd., S. 20.

820

Bergmann zitiert dazu Studien zur Umkehr der Schuld: „1949 bezeichneten 53 % der Befragten die ‚Eigenheiten jüdischer Volksgruppen‘ und weitere 12 % die ‚jüdische Religion‘ als Ursache des Antisemitismus, nur 30 % sahen sie nicht bei den Juden, sondern in der ‚antisemitischen Propaganda‘. […] Auch die EKD deutete 1948 in ihrem Darmstädter ‚Wort zur Judenfrage‘ den Holocaust noch im Einklang mit der theologischen Tradition als göttliche Strafe an den ‚untreuen‘ Juden: ‚Dass Gott nicht mit sich spaßen lässt, ist die stumme Predigt des jüdischen Schicksals‘. […] Ein Report der amerikanischen Militärregierung zum ‚Anti-Semitism in Germany‘[…] resümierte 1947, dass viele Deutsche die verheerenden Auswirkungen des Antisemitismus dadurch rationalisierten, dass die Juden die Feindschaft, die ihnen entgegengebracht wird, auch verdienten.“ (Ebd., S. 20.) Zum Opferkollektiv schreibt er: „Die Schuldabwehr bediente sich von Anfang an der Strategie, die ,deutsche Volksgemeinschaft’ ihrerseits zum ‚Opferkollektiv‘ zu erheben: zum Opfer des Nationalsozialismus – ‚ganz Deutschland war ein einziges großes Konzentrationslager‘, so der Katholische Mainzer Bischof Albert Stohr 1945 […] – zum Opfer alliierter Politik […] und zum Opfer ‚jüdischer Rache‘, sei es in Form politischer und juristischer Verfolgung […] oder angeblich maßloser jüdischer Entschädigungsforderungen. […] Die Deutschen sahen sich, darin bestärkt von den christlichen Kirchen, als Opfer der Geschichte.“ (Ebd., S. 20.)

821

Andersch 1946b, S. 1f.; dazu Bergmann 2007, S. 22.

822

Vgl. Braese 2003, S. 77.

823

Weigel 1994, S. 181–197 (Kap.: Zur nationalen Funktion des Geschlechterdiskurses im Gedächtnis des Nationalsozialismus. Alfred Andersch ‚Die Rote‘).

824

Zu den Musterlektüren vgl. Kap. 1.2 und Kap. 2.2 im vorliegenden Teil II der Studie.

825

Vgl. weiter oben in diesem Kapitel m. w. H.

826

Vgl. Kap. 2.1.1 in Teil I der vorliegenden Studie.

827

Raddatz 1962, S. 55.

828

Briegleb 2003, S. 215.

829

Vgl. u. a. Wiedemann 2005b, S. 606 f. (in einem Brief an Schroers: „Die Todesfuge ist ein Grabmal“ [Hervorhebung im Original]; in einem Brief an Bachmann: „[D]ie Todesfuge [ist] auch dies für mich […]: eine Grabschrift und ein Grab.“ Vgl. ebd.)

830

Vgl. Kap. 4.2.2 im vorliegenden Teil II der Studie.

831

Vgl. Kap. 1.1 im vorliegenden Teil II der Studie.

832

Nicolaus Sombart (Begegnung der Generationen): Capriccio Nr. 1; Ilse Schneider-Lengyel: schlachtvieh; Paul Celan: In Ägypten; Tadeuz Nowakowksi: Polonaise Allerheiligen; Wolfgang Weyrauch: Mit dem Kopf durch die Wand; Siegfried Lenz: Gelegenheit zum Verzicht; Johannes Bobrowski: Der lettische Herbst. Bei Sombart ([1947] 1962) werden die „dunkle[n] Augen unter starken Brauen“ (ebd., S. 67) hervorgehoben, Zwangsarbeit in einer Fabrik klingt an und das Paar in der Erzählung will sich Menschen mit ‚arischen Großeltern‘ (ebd. 72) erschaffen, der den Platz der weiblichen Figur einnehmen könnte. Schneider-Lengyel hat ihr Gedicht „Schlachtvieh“ genannt; der Holocaust klingt in diesem Titel und Begriffen wie Todesfall, Ausschaltung und Diamanten an (vgl. Schneider-Lengyel [1949] 1962, S. 98: „schlachtvieh / das schlachtvieh erholt sich langsam / wenn es nicht mehr wiederkäut / und unter ausschaltung des gewesenen / wie nach einem todesfall oder mehreren / in schlächterläden hängt / wenn darunter ein ave maria zur aufheiterung von tausenden / gesungen wird sprechen / beliebige leute von diamanten“. Zu den anderen Texten vgl. weiter unten in diesem Kapitel m. w. H.

833

Vgl. dazu Kap. 4.3.1 im vorliegenden Teil II der Studie.

834

Vgl. ebd.

835

Bobrowski [1962] 1983, S. 111 f.

836

Ebd., S. 112: „Dann entzünd ich dein Licht, / das ich nicht sehn kann / die Hände legt’ ich darüber, dicht / um die Flamme, sie blieb / stehen rötlich vor lauter Nacht / (wie die Burg, die herabkam / über den Hang zerfallen, / wie mit Flügeln das Schlänglein Licht durch den Strom, wie das Haar / des Judenkindes) / und brannte mich nicht.“

837

Vgl. Enzensberger [1959] 1962, S. 299.

838

Eich [1950] 1962, S. 144 f.: „D-ZUG MÜNCHEN-FRANKFURT / Die Donaubrücke von Ingolstadt, / das Altmühltal, Schiefer bei Solnhofen /in Treuchtlingen Anschlußzüge – / Dazwischen / Wälder, worin der Herbst verbrannt wird, / Landstraßen in den Schmerz, / Gewölk, das an Gespräche erinnert, / flüchtige Dörfer, von meinem Wunsch erbaut / in der Nähe deiner Stimme zu altern. / Zwischen den Ziffern der Abfahrtszeiten / breiten sich die Besitztümer unserer Liebe aus. / Ungetrennt / bleiben darin die Orte der Welt, / nicht vermessen und unauffindbar. / Der Zug aber / treibt an Gunzenhausen und Ansbach / und an Mondlandschaften der Erinnerung / – der sommerlich gewesene Gesang / der Frösche von Ornbau – / vorbei.“

839

Vgl. Beutner 2006.

840

Auf mehrere dieser Texte wird an anderer Stelle dieser Studie noch eingegangen; so auf Georg Hensel: „In der großen Pause. Abiturientengespräch im November 1946“ (Kap. 3.2.1 im vorliegenden Teil II der Studie), Adriaan Morriën: „Zu große Gastlichkeit verjagt die Gäste“ (Kap. 2.3 in Teil III der vorliegenden Studie), Martin Walser: „Templones Ende“ (Kap. 2 in Teil III der vorliegenden Studie), Horst Mönnich: „Die Wanderkarte“ (Kap. 3.2.2 im vorliegenden Teil II der Studie) und Christian Ferber: „Mimosen im Juli“ (Kap. 1.2 im vorliegenden Teil II der Studie).

841

Hans Werner Richter: Die Holzkreuze; Georg Hensel: In der großen Pause. Abiturientengespräch im November 1946; Franz Joseph Schneider: Die Mandel reift in Broschers Garten; Günter Eich: Gegenwart; Paul Schallück: Monologe eines Süchtigen: Reinhard Federmann: Die Stimme; Martin Walser: Templones Ende; Ingrid Bachér: Unaufhaltsam vor Jamaika; Milo Dor: Salto Mortale: Christian Ferber: Mimosen im Juli; Uwe Johnson: Das dritte Buch über Achim.

842

Nicolaus Sombart: Capriccio Nr. 1; Wolfgang Bächler: Die Erde bebt noch; Wolfgang Bächler: Jugend der Städte; Alfred Andersch: Weltreise auf deutsche Art; Jürgen von Hollander: Liebe 49; Hans Georg Brenner: Das Wunder; Heinrich Böll: Die schwarzen Schafe; Herbert Eisenreich: Tiere von ganz natürlicher Grausamkeit; Horst Mönnich: Die Wanderkarte; Günter Grass: Der weite Rock; Hans Magnus Enzensberger: Schaum; Siegfried Lenz: Gelegenheit zum Verzicht; Johannes Bobrowski: Trauer um Jahnn.

843

Wolfgang Bächler: Die Erde bebt noch; Wolfgang Bächler: Schräg im Nichts; Wolfgang Bächler: In der erlösenden Flamme; Wolfgang Bächler: Jugend der Städte; Hans Werner Richter: Die Holzkreuze; Walter Kolbenhoff: Ich sah ihn fallen; Jürgen von Hollander: Liebe 49; Hans Georg Brenner: Das Wunder; Georg Hensel: In der großen Pause. Abiturientengespräch im November 1946; Franz Joseph Schneider: Die Mandel reift in Broschers Garten; Günter Eich: Der Mann in der blauen Jacke; Günter Eich: Gegenwart; Günter Eich: Der grosse Lübbe-See; Günter Eich: D-Zug München-Frankfurt; Heinrich Böll: Die schwarzen Schafe; Paul Celan: In Ägypten; Ilse Aichinger: Spiegelgeschichte; Herbert Eisenreich: Tiere von ganz natürlicher Grausamkeit; Ingeborg Bachmann: Nachtflug; Adriaan Morriën: Zu grosse Gastlichkeit verjagt die Gäste; Paul Schallück: Monologe eines Süchtigen; Reinhard Federmann: Die Stimme; Martin Walser: Templones Ende; Horst Mönnich: Die Wanderkarte; Ruth Rehmann: Der Auftritt; Ingrid Bachér: Unaufhaltsam vor Jamaika; Wolfgang Weyrauch: Mit dem Kopf durch die Wand; Tadeuz Nowakowksi: Polonaise Allerheiligen; Milo Dor: Salto Mortale; Gabriele Wohmann: Die Verabredung; Siegfried Lenz: Gelegenheit zum Verzicht; Uwe Johnson: Das dritte Buch über Achim; Heinz von Cramer: Bericht des jungen Mannes; Johannes Bobrowski: Der lettische Herbst.

844

Walter Kolbenhoff: Ich sah ihn fallen; Günter Eich: Der Mann in der blauen Jacke; Adriaan Morriën: Zu grosse Gastlichkeit verjagt die Gäste; Ruth Rehmann: Der Auftritt; Gabriele Wohmann: Die Verabredung.

845

Grundsätzlich können aber auch abstraktere Verhältnisse, die weniger direkt an den Nationalsozialismus geknüpft sind – so wie oft die fokalisierten Figuren und / oder die Erzählinstanz als formale Vertreter des ‚Eigenen‘ als Opfer, wie oft als Schuldige erscheinen – für die vorliegende Fragestellung von Bedeutung sein; auf solche Aspekte wird weiter unten im Kapitel 4 zur Dichotomisierung von Tugend eingegangen (vgl. Kap. 4 im vorliegenden Teil II der Studie).

846

Gumbrecht 2011; vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

847

Die Erzählung „Die Mandel reift in Broschers Garten“, die ja grundsätzlich auch jüdische Figuren im Krieg enthält, wurde für die Auswertung gar nicht einbezogen, da die jüdischen Figuren an keiner Stelle als Opfer von Verfolgung erscheinen und auch deutlich besser leben als die deutsche Figur; vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

848

Der Titel wird hier geschrieben wie in der Erstausgabe von 1959, aus der auch die Zitate in der vorliegenden Studie stammen.

849

Zum ‚Wendejahr 1959‘ vgl. auch die Einleitung zum vorliegenden Teil II m. w. H.

850

Vgl. Kap. 1.1.2 im vorliegenden Teil II der Studie.

851

Vgl. Bigelow [2020].

852

Vgl. Kap. 4.3.2 im vorliegenden Teil II der Studie m. w. H.

853

Vgl. ebd.

854

Vgl. Kap. 2.3.2 in Teil I der vorliegenden Studie.

855

Kaiser 1988, S. 337.

856

Obwohl er als einer von drei Wenderomanen gilt, wird er beispielsweise in keinem einzigen Aufsatz des Bands zum Wendejahr von Lorenz und Pirro (2011) ausgiebig besprochen, was im Vorwort mit seinen ästhetischen Schwächen begründet wird (vgl. ebd., S. 12). Ähnlich sagt auch Reich-Ranicki in einem Interview im Jahr 2010: „Er ist weitgehend vergessen […]. Er war kein Sprachkünstler, und viele seiner Geschichten und Figuren wirken sehr künstlich und mühsam konstruiert. Aber er hatte eine Nase für Themen, die den Deutschen auf den Fingern brannten. Aber nun ist Böll 25 Jahre tot, heute sind ganz andere Themen aktuell.“ (Im Interview mit Wittstock 2010, o. S.)

857

Bach 2007, S. 12 f.

858

Vgl. Wehdeking 2016, S. 47.

859

Briegleb 2003, S. 71. Er hebt hervor, dass Richter ihn aus diesem Grund in seinem Band Bestandsaufnahme. Eine deutsche Bilanz (1962d) den Artikel „über das Problem der Juden in Nachkriegsdeutschland“ habe schreiben lassen; zeigt aber auch die unbestrittenen deutlichen Schwächen des Texts auf, dessen Fazit aus einer fiktionalen und wenig glaubwürdigen jüdischen Perspektive lautet, der Umgang der deutschen Tätergesellschaft mit den Juden sei zu verkrampft (vgl. ebd.). Dennoch bleibt Briegleb dabei, Böll bringe darin das „[ä]ußerste an Einfühlung hervor, das von Nichtjuden aus der Gruppe 47 hervorgebracht worden ist“ (ebd.). Er betont, dass ihn Yoram Kaniuk deswegen im Letzten Juden auch als möglichen „Partner im Projekt jüdischdeutscher Co-Autorschaft verewigt“ habe (ebd.).

860

Wittstock 2010, o. S.

861

Außerliterarisch problematisiert wurden ‚nur‘ seine Pervitin-Sucht, die sich in Feldpostbriefen an seine Eltern sehr deutlich zeigt, wie Norman Ohler in seiner vielbeachteten Monografie Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich (2015) gezeigt hat (vgl. ebd., S. 65–67). Götz Aly hat zudem in der Studie Hitlers Volksstaat (2005) darauf hingewiesen, dass Böll mutmaßlich an Plünderungen beteiligt war, vgl. ebd., S. 128–131.

862

Zum gegenseitigen ambivalenten Verhältnis zwischen Böll und der Gruppe 47 vgl. Reid 1999; dennoch hielt Böll bis zuletzt daran fest, ein Mitglied der Gruppe zu sein (vgl. ebd., S. 114).

863

In der Nobelpreis-Laudatio heißt es: „Zu seiner Meisterschaft gehört gerade seine Fähigkeit, mit sparsamen, mitunter nur angedeuteten Konturen sein Milieu und dessen Figuren lebendig werden zu lassen. Aber es gibt eine andere Wirklichkeit, der Bölls Dichtung ständig bedarf: Jenen Hintergrund, vor dem sich sein Dasein abzeichnet, die Lebensluft, die seine Generation atmen mußte, das Erbe, das sie anzutreten hatte. […] Seinen eigentlichen Durchbruch erreichte Böll in den Jahren 1953, 1954 und 1955 mit drei rasch nacheinander veröffentlichten Romanen: ‚Und sagte kein einziges Wort‘, ‚Haus ohne Hüter‘ und ‚Das Brot der frühen Jahre‘. Obwohl der Verfasser dies wahrscheinlich nicht beabsichtigt hat, könnte man mit diesen drei Buchtitel jene Wirklichkeit umreißen, die er so beharrlich und mit solcher Kraft gestaltet.“ (zit. n. https://www.boell.de/de/content/heinrich-boell-leben-und-werk-13 [Abruf: 27.02.2018].)

864

Serrer 1998, S. 217.

865

Ebd., S. 222.

866

Zit. n. Lorenz/Pirro 2011, S. 12.

867

Serrer 1998, S. 217 f.; dazu bereits beiläufig Mitscherlich/Mitscherlich 1967, S. 56 f.; die den melancholischen Patienten „E.“, der im Nationalsozialismus in der Hitlerjugend gewesen sei und viel von den Opfern des Nationalsozialismus spreche, aber „eigentlich mehr im Sinne dessen, was ihm, E., durch solche entsetzlichen von Deutschen begangenen Taten angetan worden ist“ (ebd., S. 56), Ähnlichkeiten zu Bölls Figuren in Billiard um Halbzehn sehen (ebd., S. 57). Vgl. auch Vogt 2014, S. 77 f.

868

Serrer 1998, S. 222.

869

Wiedemann 2013, S. 246.

870

Ebd., S. 267 f.

871

Böll 1959, S. 292.

872

Ebd.

873

Wiedemann 2013; um die Zusammenhänge, die in ihrem sehr umfangreichen Aufsatz herausgearbeitet werden, zu verdeutlichen, muss hier etwas weiter ausgeholt werden.

874

Vgl. Bachmann/Celan 2008, S. 163 [Brief an Frisch vom 14.04.1959]; die wichtigsten Briefe auch an Bachmann in diesem Zusammenhang sind bereits in der F.A.Z.-Rezension des Briefwechsels zusammengetragen (vgl. o. A. 2008).

875

Bachmann/Celan 2008, S. 163.

876

Ebd.; vgl. dazu auch o. A. 2008.

877

Firges 1958, zit. n. Wiedemann 2013, S. 243; abgedruckt auch in Bachmann/Celan 2008, S. 99.

878

Celan 2011, S. 358 [Brief von Böll am 03.04.2018]; vgl. Wiedemann 2013, S. 242 f.

879

Ebd., S. 359 [Brief an Böll vom 08.04.1959]; vgl. dazu ebd., S. 661.

880

Vgl. Wiedemann 2013, S. 251 f.

881

Böll 1961, zit. n. Wiedemann 2013, S. 241.

882

Böll 1959, S. 265.

883

Es ist unklar, ob diese Stelle vor oder nach dem Konflikt mit Celan in den Roman aufgenommen wurde; ob es sich also hier um eine ‚Rache‘ für Celans wütenden Brief oder um die noch freundschaftlich angekündigte Antwort handelt. Bezug genommen wird sehr eindeutig: Anders als im Rest von Bölls Roman ist „Hosianna“ nur an dieser Stelle in derselben Schreibweise wie in Celans Gedicht „Engführung“, über das sich der antisemitische Student in seiner Karikatur lustig gemacht hatte, geschrieben (vgl. Wiedemann 2013, S. 262). Wie Wiedemann zeigt, spielt „‚Hosianna, der Braut Davids‘ […] zitierend auf das Matthäus-Evangelium, auf Firges’ Brief und auf Celans ‚Engführung‘ an.“ (Ebd., S. 262 f.) Zudem spreche das „merkwürdige, vielleicht versehentlich stehen gebliebene ‚wir‘“ für eine nachträgliche Einfügung, „‚und werden wir rufen‘ –, das so bereits im Vorabdruck in der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘ steht und in keiner späteren Fassung korrigiert wurde. Sprecherin ist ja Johanna selbst, sie ist die zu bejubelnde ‚Braut‘ – will sie sich etwa selbst bejubeln? Oder ist nicht eher ‚und werden sie rufen‘ gemeint?“ (Ebd., S. 253.)

884

Vgl. ebd., S. 266 f.

885

Vgl. auch ebd.: „Jüdische Projektionen auf eine ausdrücklich als katholisch gekennzeichnete Figur – Heinrich besucht allmorgendlich die Messe in St. Severin – ist die eine Seite, die fast vollständige Abwesenheit von Juden im Roman, sei es als Vertreter ihrer Glaubensgemeinschaft, sei es als ‚Juden‘ im rassistischen Verständnis der Nazi-Ideologie, die andere.“ (Ebd., S. 266.)

886

Vgl. auch Wiedemann 2013, S. 268, die betont: „Die Beobachtung veranlasst nicht zuletzt zu der Frage, warum Böll den jüdischen Freund und seine Probleme überhaupt so ‚versteckt‘ hat, dass ein nicht informierter Leser die Anspielungen nicht erkennen kann; warum er die – im Übrigen nicht nur diesen betreffenden – Probleme des Nachkriegs-Antisemitismus in diesem Buch nicht thematisiert, sondern stattdessen die weiter bestehenden militärischen ‚Seilschaften‘ und die deutschen militärischen Opfer in den Vordergrund stellt: Trägt er doch auf diese Weise wie viele seiner Zeitgenossen dazu bei, die Vernichtung der Menschen durch die Verweigerung der Erinnerung an sie zu vollenden.“

887

Vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

888

Bachmann/Celan 2008, S.118 f.; dazu Wiedemann 2013, S. 254.

889

Vgl. ebd., S. 254 f.; vgl. weiter unten in diesem Kapitel.

890

Böll 1961, zit. n. Wiedemann 2013, S. 241.

891

Böll 1959, S. 265; vgl. zu den Bezügen auf Celans Gedicht „Engführung“ weiter oben in diesem Kapitel.

892

Wiedemann 2013, S. 265: „Und Böll projiziert auf die Figur Heinrich auch andere jüdische Elemente. In einem betont christlichen Kontext (‚Advent‘) wird Jüdisches durch Robert in einem Gespräch mit dem Hotelboy Hugo aufgerufen, und zwar ausdrücklich in Erinnerung an das eigene Elternhaus: ‚Samstag, mit sabbatischer Feierlichkeit begangen, schlug sie das Meßbuch schon auf, aus dem sie uns die Sonntagsliturgie erklären würde mit ihrer sanften Stimme, die nach ewigem Advent klang; Weide-meine-Lämmer-Stimme […].‘ […] Das Jüdisches christlich vereinnahmende Element ‚mit sabbatischer Feierlichkeit‘ gehört zu den mehrfach verwendeten Textbausteinen.“

893

Bachmann/Celan 2008, S. 118 f.; vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

894

Wiedemann 2013, S. 255 f. Wie Wiedemann weiter ausführt, korrespondiert das deutlich mit der Beschreibung Celans aus verschiedenen Quellen; vgl. ebd., S. 255 f.

895

Vgl. ebd.; vgl. weiter unten in diesem Kapitel.

896

Wie Wiedemann zusammenfasst: „Der dichtende Onkel wird als einer geschildert, der ‚von Mädchenlippen träumte, von Brot, Wein und von Ruhm, den er sich von gelungenen Versen erhoffte‘ und der dem Patensohn neben dem schwarzen Anzug, der die Verbindung zwischen beiden Figuren herstellt, ‚ein Quartheft mit Versen‘ und ‚zwei Goldstücke‘ vererbt hat.“ (Ebd., S. 255.)

897

Vgl. ebd., S. 255–258; die Zusammenfassung der Bezüge lautet: „Die meisten dieser auf Romanfiguren projizierten Wirklichkeitspartikel aus dem Kontext von Celan sind mit Sicherheit nur von ihm erkennbar, für ihn lesbar. Da ist einmal der träumende Dichter-Onkel Marsil, in dem sich Celan sicher nicht gern erkennt, und der er als Dichter der von den Bonner Studenten verhöhnten „Engführung“ tatsächlich auch nicht ist. Da ist zum andern aber auch Robert Fähmels Schulfreund und Amsterdamer Exilkollege Schrella, der in die Gegenwart des Romans erstmals aus dem englischen Exil nach Deutschland kommt und der staatenlos ist – so wie Celan selbst noch, als er 1952 erstmals nach der Jüdischen Katastrophe nach Deutschland kommt und Böll kennen lernt […]. Gerade an Schrella lässt sich deutlich machen, wie wenig eindeutig die Figuren auch innerhalb des Celan-Kontextes zuzuordnen sind: Auf Schrella sind zwar einige ‚Celan’sche‘ Schicksalsfragmente projiziert, gleichzeitig wird ihm aber ein Gedanke in den Mund gelegt, der aus einem Brief des Autors Böll selbst an diesen Celan stammt: ‚Vielleicht wäre die simplere Reaktion die beste: ihn einfach ins Gesicht schlagen; ich könnte auch das nicht.‘ […], schreibt Böll am 21. September 1957 im Zusammenhang mit Sieburg. Im Roman sieht Schrella den Wendehals Nettlinger lange an, sehnt sich nach ‚handgreiflichem‘ Hass und denkt: Jemand ins Gesicht schlagen oder in den Hintern treten, dabei rufen: ‚Du Schwein, du elendes Schwein‘, er hatte immer die Menschen beneidet, die zu solch einfachen Gefühlen fähig waren, aber er konnte in dieses runde, verlegen lächelnde Gesicht nicht hineinschlagen und nicht in diesen Hintern treten‘ […].“ (Ebd., S. 259 f.)

898

Wiedemann hält „[v]or dem Hintergrund der besonderen Konstellation“ sogar Roberts Sprengungen – sein „Denkmal aus Staub und Trümmern“, und Celans „das Deutsche sprengende Kenotaph-Gedichte“ für vergleichbar, vgl. ebd., S. 272.

899

Vgl. ebd., S. 264.

900

Ebd., S. 259; wie sie betont, musste Celan dieser diese Anspielungen auch verstanden und einordnen gekonnt haben (vgl. ebd.).

901

Dieser Briefwechsel wurde in demselben von Barbara Wiedemann herausgegebenen Band Briefwechsel mit den rheinischen Freunden (Celan 2011) veröffentlicht wie derjenige mit Böll, er ist deutlich umfangreicher als letzterer; vgl. ebd., S. 7–242.

902

Vgl. ebd., S. 36 [Brief von Schroers am 23.03.1953]; dazu May/Großens/Lehmann 2015, S. 229.

903

Celan 2011, S. 36 [Brief von Schroers am 23.03.1953]; vgl. dazu auch Wiedemann 2010.

904

Celan 2011, S. 43 [Brief an Schroers am 16.09.1953]; vgl. May/Großens/Lehmann 2012, S. 230.

905

Vgl. dazu auch Böttiger 2012, S. 143–146.

906

Vgl. Wiedemann 2010, S. 210; das erinnert an die Stelle in Ferbers Autobiografie, an der er über einen Juden schreibt, ‚auch er sei im Krieg gefallen‘; vgl. dazu Kap. 1.2 im vorliegenden Teil II der Studie.

907

Wiedemann 2010, S. 211.

908

Aanei 2015, S. 185.

909

Böttiger 2012, S. 150.

910

Vgl. ebd., S. 150.

911

Graubner 2009, S. 101.

912

Vgl. ebd., S. 103.

913

Zit. n. ebd., S, 105. Bobrowski, der 1965 verstarb, erreichte die Antwort bereits nicht mehr (vgl. ebd.).

914

Vgl. ebd., S. 100 f.; vgl. auch Degen 2017: „Schwerer wogen die unterschiedlichen Biografien. Celan spricht Bobrowski die Legitimation ab, in Gedichten aus der Position eines Juden zu sprechen. In seinem Gedicht ‚Hüttenfenster‘ wendet er sich, wie Hendrik Birus nachweist, verdeckt an den einstigen Briefpartner: Über den ‚Schwarzhagel‘ deutscher Gewehrkugeln heißt es: ‚und sie, die ihn säten, sie / schreiben ihn weg / mit mimetischer Panzerfaustklaue!‘ Davon nichts wissend und Celans Position erstaunlich verkennend, widmet Bobrowski diesem das Gedicht ‚Wiedererweckung‘, das ganz auf die belebende und erneuernde Kraft der Sprache setzt.“ (Ebd., o. S.)

915

Graubner 2009, S. 100. Diese „Verbitterung“ bezieht sich eindeutig nicht auf die Verdammnis der jüdischen Dichter, sondern auf das Zwielicht der Deutschen, wie darein deutlich wird, dass Bobrowski mit Celan und anderen jüdischen Autoren in einem Lebenslangen Austausch um deren Legitimation ringt.

916

Vgl. Jagow 2003, S. 31–37; zu weiteren Korrespondenzen in Malina u. a. Koschel 1997.

917

Bachmann 1971, S. 203 f.

918

Zwei Sammelbände (Böschenstein/Weigel 1997; Wimmer 2014) dokumentieren die intensive literarische Korrespondenz zwischen den beiden, der sehr intime Briefwechsel ist im Jahr 2008 erschienen.

919

Vgl. auch Jagow 2003, S. 31.

920

Böll verwendet diesen wörtlichen Begriff aus einem Verriss von Holthusen der Gedichte Celans, über den sich Böll und Celan auch ausgetauscht haben, wo er diesen als „Fremdling“ einführt; vgl. Wiedemann 2013, S. 257.

921

Vgl. dazu Aanei 2015.

922

Ebd., S. 186.

923

Vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

924

Vgl. Böttiger 2012, S. 145 f. Böttiger äußert sein Unverständnis, dass sich Celan zuvor gerade mit Schroers so intensiv ausgetauscht hatte, denn „dieser war im Krieg kein normaler Landser gewesen wie die üblichen Kriegsteilnehmer der Gruppe 47 [!], sondern, als Sohn eines SS-Brigadeführers familiär eindeutig geprägt, ein ranghoher Wehrmachtsoffizier und als Oberleutnant in einer ‚Frontaufklärungseinheit‘ in Italien an führender Stelle im Kampf gegen Partisanen tätig – also in der ‚Abwehr‘, eine auch politisch eindeutig positionierte Aufgabe.“ (Ebd., S. 143.)

925

Vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

926

Den Brief versuchte Bachmann nach einem längeren Kontaktabbruch und nach einem Telefongespräch im Herbst 1961 zu schreiben, im Briefwechsel sind mehrere Fassungen abgedruckt, die sie alle nicht abschickt; vgl. Bachmann/Celan 2008, S. 152–157 [Bachmann an Celan zwischen dem 27.09.1961 und dem 24.10.1961].

927

Celan habe sich in dieser Zeit nach einer langen Phase psychischer Probleme an mehrere seiner Freunde gewandt (vgl. Wiedemann 2014, S. 43).

928

„Ulla Hahn nennt ihn den ‚Angelpunkt dieser Briefsammlung‘ […], Dirk Knipphals einen ,Analysebrief‘, […] Andrea Stoll eine ,grundsätzliche Klärung‘ […], Peter Hamm schließlich bezeichnet ihn als ,todtraurigen Abschieds- und Abrechnungsbrief‘. […] Alle diese Einschätzungen geben dem Text eine ausschließlich persönliche Bedeutung und interpretieren ihn als Dokument einer Beziehung zwischen Mann und Frau, durch das ein bisher unausgewogenes Verhältnis in das erwünschte Gleichgewicht kommt.“ (Ebd., S. 42.)

929

Ebd., S. 42.

930

Ebd., S. 45 f.

931

Bachmann war die Tochter eines überzeugten Nationalsozialisten, die Eltern Celans wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Celan wehrte den Begriff des Exemplarischen allerdings (milde) ab, als ihn Bachmann in einem frühen Brief einmal – und ebenfalls nur durchgestrichen, die Vorbehalte scheinen beidseitig gewesen zu sein – aufgriff. (Bachmann/Celan 2008, S. 25 [Celan an Bachmann vom 07.07.1951]: „Wie soll ich auch an mir selbst ein Exempel statuieren?“, ebd.)

932

Ebd., S. 154, vgl. dazu Wiedemann 2014, 46–47.

933

Auch die Attribuierung als ‚dunkel‘ und ‚fremd‘ können in diesem Kontext auch als Bezugnahmen auf Celans eigene Poetik gelesen werden; vgl. Kap. 3.2 in Teil III der vorliegenden Studie.

934

Vgl. Wiedemann 2013, S. 241; vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

935

Holthusen 1954, S. 385; vgl. Wiedemann 2013, S. 257.

936

Wiedemann (2014, S. 47–51) fasst den antisemitischen Gehalt in Blöckers Kritik wie folgt zusammen: „Mit dem Verweis auf die ,Herkunft‘ [Blöcker erklärt sich die hermetische Lyrik Celans mit „Das mag an seiner Herkunft liegen“, vgl. ebd., S. 48] werden die vorausgehenden Kritikpunkte zu typischen Elementen eines antisemitischen Klischees: Der durch seinen Intellekt geprägte ‚Jude‘ hat keinen natürlichen Bezug zu Landschaft und Natur; zutiefst unkreativ kombiniert er bereits vorliegendes Material. Der Erlebnishintergrund von Celans Gedichten hat demnach mit der Wirklichkeit nichts zu tun, hat also auch nie stattgefunden“ (ebd., S. 48).

937

Vgl. dazu die Zusammenstellung der Debattenbeiträge und Analyse von Wiedemann 2000. Auf seinen Kampf gegen Claire Golls Verleumdung, Celans Gedichte seien Plagiate – der erst nach den hier dokumentierten Ereignissen stattfand – fällt der Ausbruch von Celans psychischer Erkrankung, die schwere Depressionen und Psychiatrieaufenthalte nach sich zog; vgl. z. B. die Chronik im Celan-Handbuch (May/Goßens/Lehmann 2015, S. 14).

938

Insbesondere in besagtem Jahr 1959 – das literarisch als ‚Wendejahr‘ gesehen wird und in dem Celan und Böll sich verstritten und Blöcker die Rezension von Sprachgitter publizierte – kam es einer deutlichen „Häufung von Friedhofs- und Synagogenschändigungen und antisemitischen öffentlichen Äußerungen“ (Munzert 2015, S. 91), die eigens im Lexikon der Vergangenheitsbewältigung (2015) als „Neue Antisemitismuswelle“ (vgl. ebd., S. 91–93) erfasst wurde und mit der sicher auch Celans zunehmende Sensibilisierung für das Fortleben von Antisemitismus zusammenhing. Auch Wiedemann hält im Aufsatz zu Bachmann und Celan fest: „Heute lässt sich seine Interpretation vor allem deshalb bestätigen, weil wir den unmittelbaren politischen Kontext überschauen […].“ (Wiedemann 2014, S. 51.)

939

Vgl. May/Goßens/Lehmann 2012, S. 10.

940

Vgl. zu Celans Geschichte im Nationalsozialismus die Biografie von Felstiner 1997, S. 25–47; zu seiner psychischen Erkrankung ebd., S. 260–275; 362–364.

941

Vgl. zu der antisemitischen Darstellung der Jüdin Judith in Anderschs kurz zuvor erschienenem Roman Sansibar oder der letzte Grund (1957) Kap. 4.1 im vorliegenden Teil II der Studie m. w. H.

942

Celan 2011, S. 360 [Brief an Böll vom 08.04.1959].

943

Ebd., S. 661 [Anmerkung zum Brief an Böll vom 08.04.1959].

944

Auf einen Brief von Paul Celan, in dem er ihn um Hilfe, Verständnis oder eine Stellungnahme wegen der antisemitischen Sprachgitter-Rezension von Günter Blöcker bat, reagierte auch Frisch mit einem Vergleich mit sich selbst (vgl. Bachmann/Celan 2008, S. 167–169 [Brief Max Frisch an Celan vom 03.11.1959] – auch dieser Brief wurde schließlich nicht abgeschickt). Frisch sieht sich von Celans Empörung an seinen eigenen Umgang mit Kritik erinnert, wegen auch er, Frisch, sich schnell „verraten, ausgeliefert, verhöhnt, ausgestossen, preisgegeben“ fühle (ebd., S. 168). Er schreibt deswegen: „Der Verwundete, der sich an mich wendet wie Sie, muss wissen, dass er zu einem Verwundeten kommt; auch Ihnen gegenüber, lieber Paul Celan, fühle ich mich unfrei durch das Bedürfnis, geachtet zu werden […]. Ich bin aber nicht einverstanden mit Ihrer Haltung in dieser Sache.“ Frisch schreibt Celan also dieselben Motive für seine Wahrnehmung des Antisemitismus in der BRD der 50er Jahre zu, wie er sie von seiner eigenen Persönlichkeit – die in dieser Beschreibung als narzisstisch erscheint – kennt. Und später im Brief betont er zwar, er kenne Celan nicht und wolle ihn nicht mit sich gleichsetzen, impliziert aber im selben Atemzug, der Vorwurf des Antisemitismus sei bei Kritik nun einmal ein willkommenes Gegenargument, das er selbst leider nicht habe: „Da bei mir der Verdacht, dass ich aus Antisemitismus getadelt oder missverstanden werde, nicht anzuwenden ist, wohin soll ich mich wenden? Ich muss mit mir selbst fertigwerden, was immer wieder eine mühsame und leidige Arbeit ist […]“. Und er dreht sogar den Vorwurf um, unterstellt, Celan rufe „die Todeslager“ womöglich wegen seiner Eitelkeit – und „wäre in Ihnen mit Bezug auf diese Kritik, auch nur ein Funke gekränkter Eitelkeit, so wäre ja die Nennung der Todeslager, scheint mir, unerlaubt, ungeheuerlich.“ (Ebd., S. 169.) Es bestehen rückblickend keine Zweifel daran, dass eine solche Unterstellung und Zurechtweisung von einem Unverständnis der Situation zeugt.

945

Vgl. Kap. 1.2.2 im vorliegenden Teil II der Studie.

946

Wie bereits weiter oben angemerkt, distanzierte sich Celan selbst von solchen Zuschreibungen (Bachmann/Celan 2008, S. 25).

947

Böttiger 2017, S. 13.

948

Ebd., S. 20.

949

Diese Wahrnehmung Celans als pathetischer, altmodischer Dichter hat sich bei den Gruppe-47-Mitgliedern offenbar unhinterfragt fortgesetzt, wie sich noch im Jahr 2006 ausgerechnet im F.A.Z.-Interview mit Grass über sein Waffen-SS-Geständnis zeigt. Grass berichtet dort über die Entstehung der Blechtrommel und Celans Lesung in Niendorf; auf die Frage, wie Celan ihn bei der Entstehung der Blechtrommel beraten habe, antwortet er: „Beraten wäre bei Celan zuviel gesagt. Aber er hat mir Mut gemacht. Ich habe ihm vorgelesen, und er fand das toll. Ein bißchen spielte wohl auch Eifersucht hinein, die hat er durchaus zugegeben, denn er hätte gern selbst Prosa geschrieben. Nach ein, zwei Schnäpsen […] konnte er sehr fröhlich sein und sang dann russische Revolutionslieder. Aber meistens war er ganz in die eigene Arbeit vertieft und im übrigen von seinen realen und auch übersteigerten Ängsten gefangen. Er hatte eine Vorstellung vom Dichter, die mir völlig fremd war, das ging bei ihm eher in Richtung Stefan George: feierlich, sehr feierlich. Wenn er seine Gedichte vortrug, hätte man Kerzen anzünden mögen.“ (Grass 2006b, S. 35.)

950

Jens 1976, abgedruckt in Arnold 2004, S. 76; dazu Böttiger 2017, S. 22.

951

Böttiger 2017, S. 23.

952

Richter hat notiert: „Nach der Lesung Celans beim Mittagessen hatte ich ganz nebenbei und ohne jede Absicht gesagt, dass die Stimme Celans mich an die Stimme Joseph Goebbels’ erinnere. Da beide Eltern Celans von der SS umgebracht wurden, kam es zu einer dramatischen Auseinandersetzung. Paul Celan verlangte Rechenschaft und versuchte mich in die Position eines ehemaligen Nationalsozialisten zu drängen. Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann weinten und baten mich unter wahren Tränenströmen immer wieder, mich zu entschuldigen, was ich dann schließlich tat.“ (Richter 2012, S. 158 [Eintrag vom 07.05.1970]; vgl. Böttiger 2017, S. 24.)

953

Vgl. ebd., S. 24.

954

Vgl. ebd., S. 26 f.

955

Ebd., S. 24.

956

„Paul konnte sehr lustig und ausgelassen sein, aber seine Stimmung schlug oft jäh um, und dann wurde er entweder grüblerisch, in sich gekehrt oder ironisch, sarkastisch. Er war ein leicht verstimmbares Instrument, von mimosenhafter Empfindsamkeit, narzisstischer Eitelkeit, unduldsam, wenn ihm etwas wider den Strich ging oder jemand ihm nicht passte, zu keinerlei Konzession bereit. Das trug ihm oft den Ruf ein, hochmütig zu sein.“ (Edith Silbermann, zit. n. Böttiger 2017, S. 6 f.)

957

Böttiger 2017, S. 6–9.

958

Ebd., S. 9 f.

959

Ebd., S. 11 f.

960

Im Transkript der Sendung ist der Begriff in Anführungszeichen geschrieben (ebd., S. 20).

961

Wie auch die Tatsache, dass Richter später immer wieder versuchte, ihn einzuladen (vgl. ebd., S. 28) und dass Celan mit Richter auch noch später in Kontakt gewesen ist und ihm sogar Widmungen habe zukommen lassen (vgl. ebd., S. 30).

962

Celan/Lestrange 2001, S. 19 f. [Brief von Celan an Lestrange am 30.05.1952]; vgl. Böttiger 2017, S. 25.

963

„Man muss dabei eines festhalten: Celan ist sich bei alldem sehr bewusst, in der Gruppe 47 Schriftsteller gefunden zu haben, ‚denen man die Hand drücken kann‘. Die also nicht vom Ungeist der Nazis geprägt sind, trotz mancher literarischen, ästhetischen und charakterlichen Beschränktheiten.“ (Ebd., S. 26.)

964

Aus Georg Hensels Almanach-Erzählung „In der großen Pause“ ([1949] 1962), S. 131; in der Folge im vorliegenden Kapitel im Fließtext zitiert (Sigle: HG). Zum Zitat vgl. weiter unten in diesem Kapitel.

965

Vgl. den Forschungsüberblick im Kap. 1.2 in Teil I der vorliegenden Studie.

966

Vgl. Kap. 2.3.2 in Teil I der vorliegenden Studie.

967

Vgl. Kap. 3 in Teil I der vorliegenden Studie.

968

Vgl. ebd.

969

In Princeton warfen ‚alteingesessene‘ Gruppe-47-Mitglieder, wahrscheinlich Richter, Grass und Ferber, Weiss vor, er habe schon viel zu viel zu Deutschland geäußert, wo er denn im Krieg gewesen sei; vgl. Kap. 3.3.1 in Teil I der vorliegenden Studie m. w. H.

970

Vgl. Kap. 1 im vorliegenden Teil II der Studie.

971

Vgl. Kap. 2.1 im vorliegenden Teil II der Studie.

972

Vgl. Kap. 3.1 in Teil I der vorliegenden Studie.

973

In der Folge im vorliegenden Kapitel im Fließtext zitiert (Sigle: MW).

974

Vgl. dazu Kap. 1.1.3 im vorliegenden Teil II der Studie.

975

In der Folge im vorliegenden Kapitel im Fließtext zitiert (Sigle: ScM).

976

In der Folge im vorliegenden Kapitel im Fließtext zitiert (Sigle: AP).

977

Vgl. Merkel 2014, der das Konstrukt der Erlebnisgemeinschaft als wichtigen Aspekt jeglicher modernen Organisationsformen sieht.

978

Vgl. u. a. die Sammelbände von Konitzer 2016; Reinicke 2014 und Bajohr/Wildt 2009 sowie Wildt 2007; konkret zur Verbindung von Gemeinschaft und Moral vgl. u. a. Kleinhans 2016; Gross 2010, S. 18–20, 168–170; Bialas 2014, S. 54–63, 127–139.

979

Knoch 2014, S. 30.

980

Vgl. ebd.

981

Möckel 2014, S. 157; zu seinen Beobachtungen in Bezug auf die ‚junge Generation‘ als Fremd- und Selbstzuschreibung vgl. Kap. 3.1 in Teil I der vorliegenden Studie.

982

Möckel 2014, S. 157.

983

Vgl. u. a. Bialas 2014, S. 127–139; vgl. auch Kap. 1.2 in Teil III der vorliegenden Studie.

984

Widmer 1967, S. 40 f.

985

Vgl. insbesondere Behring 1978, S. 94–147.

986

Wie Behring in seiner Monografie über Die Intellektuellen zeigt, erfährt der Begriff ‚des Intellektuellen‘ im Nationalsozialismus dabei gerade keine Kontrastierung, sondern „bleibt vage, muß es bleiben, denn es geht um Propaganda. Emotionelle Aufladung ist ihr Zweck – nicht präzise Beschreibung.“ (Ebd., S. 99.) Es sei „eine Schimpfe“ gewesen, die letztlich als „universelle Waffe gegen jedermann“ eingesetzt wurde (ebd., S. 147); zuletzt sei die Beweislast umgedreht gewesen: „Gegner Hitlers – das sind ‚Intellektuelle‘.“ (Ebd., S. 145.) Vgl. auch Bialas 2014, der die Verbindung zum NS-Moraldiskurs herausarbeitet: „Das Vertrauen in die befreiende Tat sei ungleich wertvoller als der analysierende Intellekt. Gegen die Schwächung der völkischen Substanz durch die bürgerliche Moral habe der ‚deutsche Wille zum Leben ungeheure Kräfte frei gesetzt‘.“ (Ebd., S. 128.)

987

Holz 2007, S. 38; daneben geht er auf die Gegensatzpaare „Täter und Opfer“ (ebd., S. 39; vgl. dazu Kap. 2 im vorliegenden Teil II der Studie) sowie „Identität versus nicht-identische Identität“ (ebd., S. 45; vgl. dazu Kap. 4 im vorliegenden Teil II der Studie) ein.

988

Vgl. Holz 2007, S. 40–45.

989

Andersch 1946, S. 2.

990

Vgl. insbesondere den Sammelband Winter 2002 zu den zunächst sehr unterschiedlichen Definitionen der ‚jungen Generation‘ 1947–1952; vgl. auch Kap. 2.3.2 in Teil I der vorliegenden Studie m. w. H.

991

Andersch 1946, S. 2.

992

Vgl. Kap. 3.1.2 in Teil I der vorliegenden Studie m. w. H.

993

Vgl. Widmer 1966, S. 40.

994

Andersch 1946, S. 2; vgl. Kap. 3.1 in Teil I der vorliegenden Studie.

995

Ächtler 2011, S. 61. Wenngleich bemerkenswert ist, wie ähnlich Anderschs Kategorisierung derjenigen der NS-Propaganda ist, ist die Deutung, dass das Alter nicht im Kern dieser Zuschreibung stand, mehr oder weniger Konsens. Joch sieht die strategische Positionierung im literarischen Feld als zentral an, bereits Richter und die Ruf-Generation der Gruppe 47 betonten die von Ächtler stark gemachte Erlebnisgemeinschaft; vgl. dazu Kap. 3.1 in Teil I der vorliegenden Studie.

996

Vgl. Merkels (2014) Monografie zur Erlebnisgemeinschaft in der Moderne, insbesondere S. 165– 202 sowie den Sammelband Gemeinschaft als Erfahrung von Reinicke et al. (2014).

997

Möckel 2014, S. 159. Vgl. ebd., S. 160–163: Jugendliche genossen die Lagererfahrungen in BDM, HJ oder RAD, die als „Vergemeinschaftungsraum[]“ (ebd., S. 161) aufgeladen worden waren, oder wünschten sich, endlich kämpfen zu dürfen, um die Kameradschaft der Front und die damit verbundene Gemeinschaftserfahrung zu erleben (vgl. ebd., S. 160 f.).

998

Vgl. ebd., S. 163–171; im Gegenteil sei in der realen Erfahrung „oftmals eher von dem Phänomen einer starken individuellen Isolation als dem vordringlichen Effekt der letzten Kriegsphase auszugehen.“ (Ebd., S. 171.)

999

Vgl. ebd., S. 174–177.

1000

Ebd., S. 177.

1001

Ebd., S. 179.

1002

Ebd.

1003

Vgl. dazu Kap. 3.1 in Teil I der vorliegenden Studie.

1004

Vgl. ebd.; wie gezeigt bildete die Rede von der ‚Jungen Generation‘ einen wichtigen Pfeiler des „Bezugsrahmen[s]“ (Ächtler 2014, S. 66), in dem sich die neue, moralische und engagierte Literatur bewegen würde.

1005

Gelesen wurde sie gemäß Almanach im Oktober 1949, gemäß einer Rezension in Lettau 1967 aber bereits im April auf der 5. Tagung der Gruppe 47. Da besagte Rezension von H. R. Münnich von der Süddeutschen Zeitung (vgl. Lettau 1967, S. 42–44) bereits im Mai 1949 gedruckt wurde, ist der frühere Termin gesichert. Ob die Erzählung so gut ankam, dass sie zweimal gelesen wurde, oder bei der Redaktion des Almanachs ein Fehler passierte, konnte für die vorliegende Studie nicht ermittelt werden.

1006

Gemäß Mayer 2013 (Anhang „Autorenkorpus“) nahm er viermal in den Jahren 1948 und 1949 teil.

1007

Böttiger zitiert die Rezension in seiner Gruppe-47-Monografie, um zu verdeutlichen, dass die frühen Tagungsberichte von Teilnehmenden geschrieben wurden und vor allem dem Selbstlob dienten (vgl. Böttiger 2012, S. 107). H. R. Münnich hebt darin tatsächlich neben den Texten von Brenner, Bauer, Heist, Kolbenhoff, Holländer und Hensel auch seine eigenen Texte besonders hervor. Er sieht in all diesen Texten die Gemeinsamkeit, „eine junge Schriftsellergeneration“ bemühe sich „die Auffassung [auszudrücken], die ein Mensch, der aus sich selbst und der Welt vertrieben wurde, vom Universum und vom geringsten Gegenstand hat.“ (Münnich [1949] 1967, S. 43.)

1008

Raddatz 1962, S. 54.

1009

Ebd.

1010

Wie gesehen behielt Richter – der über Teilnahme und Nichtteilnahme entschied – diese Sichtweise bis zur Auflösung der Gruppe 47 bei; vgl. Kap. 3.1 in Teil I der vorliegenden Studie.

1011

Dieser Eindruck wird später noch gestützt, wenn einer zum jungen Kriegsverletzten sagt: „‚Embryo, das verstehst du nicht‘, sagte Ludwig, ‚du hast den Krieg nicht mitgemacht. Du hast Glück gehabt und den Knochen in fünf Minuten beim ersten Bombenangriff verloren. Luftwaffenhelfer!‘ Er lachte.“ (HG 126.)

1012

Vgl. HG 128–130.

1013

„Paul starrte in die Pfütze. Dort hockte, klatschnaß, ein Knäuel Papier, Butterbrotpapier, zweckentfremdet, hat nie ein Butterbrot zu sehen bekommen, und wurde zusammengehämmert, ins Wasser gehauen, zu Tode getunkt. Paul ging langsam vorwärts, trat in die Pfütze, eiskalt schoß es ihm die Waden hoch, er fühlte die Hand nicht mehr auf seiner Schulter, rechts von ihm, 100 m entfernt, Visier 100, standen Horst und Ilse unter dem roten Schirm. Paul dachte: Seine Stiefel sind dreckverschmiert, man kriegt immer dreckverschmierte Stiefel, wenn man die Stellung abgeht, bis man ganz abgeht, verschwindet von der Bühne, exit, wie bei Shakespeare, dann kommt die Ablösung, die Füße drehen sich nicht mehr […] zittern befreit, die Stalltür knarrt, ich taste mich hinein, es ist warm und dunkel, ich stolpere über Beine […], das Kochgeschirr ist ziemlich hart, aber ich bin müde, ich habe jetzt große Pause […], und ich will nie wieder geweckt werden, man stirbt so leicht, wenn man wach ist.“ (HG 130.)

1014

Vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

1015

Möckel 2014; vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

1016

Vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

1017

Die Abgrenzung erfolgt also gerade über die Erneuerung einer ‚Landser-Tugend‘.

1018

Der implizierte Zusammenhang zwischen der Tatsache, nicht ‚dabei gewesen‘ zu sein und einem Aufenthalt im Sanatorium erinnert an Frank Thiess’ berühmtes Wort von den „Logenplätzen“ des Exils; vgl. dazu Kap. 3.2.4 in Teil I der vorliegenden Studie.

1019

Vgl. dazu Kap. 3.1 in Teil I der vorliegenden Studie m. w. H.

1020

Der Roman namens Erst die Toten haben ausgelernt erschien im selben Jahr (Mönnich 1956). Vgl. das Kap. 1.1.3 im vorliegenden Teil II der Studie zu den auffällig vielen Verknüpfungen von Identität und Moral, die sich bei der ersten Sichtung darin gezeigt haben.

1021

Die Unterscheidung zwischen Aufzeigen und Aufweisen ist an Martin Gubsers Kriterienkatalog zur Identifikation von literarischem Antisemitismus im 19. Jahrhundert (Gubser 1998, S. 309 f.) orientiert. Das zentrale Kriterium dieses Katalogs, das allen anderen übergeordnet ist, ist die Frage: „Will ein Autor mit einem fiktionalen Text literarischen Antisemitismus aufzeigen, so muß er durch geeignete Distanzierungsmittel den Unterschied zum Aufweisen hinreichend deutlich machen.“ (Ebd., S. 310 [Hervorhebungen im Original].) Vgl. zu Gubser auch Kap. 2.2.4 in Teil I der vorliegenden Studie.

1022

Er wird von Peitsch ausgehend von der Diskussion um den „Fall Schroers“ (vgl. dazu Kap. 3.3 in Teil I dieser Studie) in Bezug zu weiteren Erzählungen des Kriegsendes aus der Gruppe 47 gesetzt (u. a. Böll: Wandrer, Kommst du nach Spa; Schroers: „Der Hauptmann verläßt Venedig“; Schneider: „Es kam der Tag“). Peitsch fragt nach den ideologischen Implikationen dieser Texte, vor allem in Bezug auf „Antimilitarismus“ und „Antifaschismus“, die sich die Gruppenmitglieder zuschreiben; sein Fazit lautet, als pauschale Wertung seien beide Begriffe zu ungenau für die frühe Gruppe 47 (vgl. ebd.).

1023

Peitsch 1999, S. 256.

1024

Ebd.

1025

Ebd.

1026

Vgl. dazu weiter unten in diesem Kapitel.

1027

Der ganze Roman ist auf dem Umschlag der Erstausgabe wie folgt zusammengefasst: „Wie eine Idylle beginnt die Geschichte von dem merkwürdigen Leben des Schülers und späteren Soldaten Przybilla, dem es nie gelingt, im Kreise der Kameraden eine Rolle zu spielen. Nur an den Wandertagen tritt er für Augenblicke aus der Anonymität hervor, wenn er mit der Karte die Klasse durch das Gewirr des heimatlichen Braunkohlengebietes führt. Im Kriege dann erkennt er, daß das Schicksal ihn zurückweist, ihn wie nebensächlich beiseite stellt, und er beginnt, ihm nachzulaufen. Denn nun will er die Anerkennung erzwingen, die ihm immer versagt blieb. Und er erhält seine Chance: wie in einem wüsten Traum findet sich der Mann Przybilla mit vierzig Gefährten im Gelände seiner Schülerwanderungen wieder – diesmal im Kampf um das nackte Leben. Die Schuld, in die er dabei gerät, indem er für einen Augenblick einer Regung seines Herzens folgt, peinigt ihn noch, als die Jahre des Krieges vergangen sind. Aber er hat es nicht vermocht, die Lehre aus dem Erlebten zu ziehen. So geht er in den Alltag zurück, in die Geleise, die er verlassen hatte. Und in grausamer Ironie verwandelt sich der Lehrsatz ‚Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir‘ zu der Erkenntnis: Erst die Toten haben ausgelernt.“ (Vgl. Mönnich 1956, Umschlag.)

1028

Vgl. dazu Peitsch 1999, S. 255.

1029

Wegen Tagebauen sei die ehemalige Landschaft entstellt: „Alle diese Veränderungen […] waren nun in die Karte eingetragen worden: jede Sandkippe, jede Abraumhalde […]. Unter diesem durch Farbstiche gekennzeichneten Gesicht der neuen Landschaft lag das Bild der alten mit Höhelinien, Ortszeichnungen, mit Wegen und Grenzen.“ (MW 241.)

1030

„Als […] wir wie immer am Montagmorgen zur Andacht in die Aula strömten, sahen wir an Stelle des Freskos die weiße Wand und in der Mitte, in sie eingelassen, die Bronzetafel aus unserer alten Schule. Sie trug in alphabetischer Reihenfolge die Namen der gefallenen Schüler aus dem Ersten Weltkrieg. Auf einer Art Sockel unter ihr lag wie früher ein Lorbeerkranz, damit man sie aber in geziemendem Abstand passiere, hatte man ein Eisengeländer davor angebracht. Es wurde uns jetzt zur Pflicht gemacht, wenn wir vorbeigingen, die Tafel anzublicken und grüßend den rechten Arm zu heben.“ (MW 247.)

1031

Przybilla ist ein polnischer Name und bedeutet „der Neuangekommene“ nach polnisch przybył = angekommen; vgl. Kazimierz/Hoffmann 2010.

1032

Mönnich 1956; vgl. Peitsch 1999, S. 256.

1033

Auch der Romantitel Erst die Toten haben ausgelernt stützt diese Lesart, wie dem Rückdeckel zu entnehmen ist: „[…] in grausamer Ironie verwandelt sich der Lehrsatz ‚Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir‘ zu der Erkenntnis: Erst die Toten haben ausgelernt.“ (Vgl. Mönnich 1956.)

1034

Es handelt sich um Gruben der umliegenden Braunkohlewerke (vgl. MW 241). Die davon geprägte Landschaft wird regelrecht apokalyptisch beschrieben: „Wälder und Wiesen, Teiche und Tümpel, Bauernhöfe, ja ganze Dörfer waren das Opfer gefräßiger Bagger geworden. […] So glich die Landschaft, wo sie nicht zu einem ungeheuren Kraterfeld geworden war, einem Sandkasten, wie er bei den Planspielen der Militärs Verwendung findet: kleine grüne Zweige, in leblose Erde gesteckt, künstlich wirkende Pfade darin, ein blau markiertes Rinnsal hier und dort, das einen Fluß oder einen Bach andeutete.“ (Ebd.)

1035

Wie im Literaturüberblick in Teil I der vorliegenden Studie bereits angesprochen, haben Henzel und Walter in ihrer umfangreichen Sichtung von Poesiealben im Nationalsozialismus eine „bäuerlich-ländliche Lebensweise“ sogar als einen von vier ‚solitären Kernwerten‘ des Nationalsozialismus, auf den sich viele andere Ideologeme zurückführen lassen, identifiziert (vgl. Henzel/Walter [2015]. Und auch Günter, der für seine Untersuchung ‚(prä-)faschistischer‘ Ideologie bei Habe einzelne NS-Ideologeme identifiziert hat, hat „Natur(gewalt)“ einzeln verzeichnet und schreibt dazu unter anderem: „Die Natur […] Gegenbild zur industriellen Massengesellschaft, die den Menschen von der Scholle der Vorväter entfernt.“ (Günter 2002, S. 53.)

1036

Wie Peitsch festgehalten hat, wird die Wanderkarte dabei im ganzen Roman zum „Symbol der Kontinuität von Schule und Krieg“ (Peitsch 1999, S. 255). Er kommentiert dazu, die Reflexionen über die Schule richteten sich „als alternative Geschichte vom Zusammenhang von Schule und Krieg gegen Bölls Infragestellung der preußisch-deutschen Tradition von Humanismus.“ (Ebd.) Wenn die ambivalente Haltung des Erzählers gegenüber Przybilla und der von Peitsch konstatierte „Widerspruch zwischen Absage an Nazi-Ideologie und Fortsetzung, mit ihr übereinzustimmen“ (ebd., S. 256), im ganzen Roman auch in Bezug auf dieses Thema mitgedacht werden, erschließt sich ein eindeutiger Zusammenhang von Aspekten des Nationalsozialismus, die auch bei Mönnich negativ erscheinen, mit der dezidiert modernen Schule.

1037

Bialas 2014, S. 127. Er führt aus: „An die Stelle von Moral, Blut und Rasse seien in der bürgerlichen Gesellschaft Stand, Bildung und Besitz getreten. Auf den Trümmern dieser auf äußeren Werten gegründeten Gesellschaft müsse sich die neue Gesellschaft wieder auf innere Werte besinnen. […] Während das Zeitalter des Humanismus auf Erziehung durch Bildung gesetzt habe, stelle der Nationalsozialismus die Willenserziehung in den Mittelpunkt.“ (Ebd., S. 128.)

1038

Der Text expliziert dies nicht, aber bei den Tabletten dürfte es sich um „Pervitin“ (das war der zeitgenössische Markenname für Metamphetamin, das auch ‚Hitlerdroge‘ genannt wurde) handeln: Der Protagonist zeigt alle Anzeichen eines schweren Entzuges und tiefen Rauschs, bekommt die Tabletten aber in der Apotheke (vgl. ScM 211). Mittlerweile als stark abhängig machende Partydroge Crystal Meth verbreitet, wurden im Nationalsozialismus die Wehrmachtsoldaten mit Pervitin ausgestattet. Eine jüngst erschienene Monografie von Norman Ohler (Der totale Rausch, 2015) hat die enormen Ausmaße des Drogenkonsums im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit beleuchtet und geht darin auch auf regelmäßige Feldpostbriefe Bölls ein, in denen dieser seine Eltern um Nachschub der Droge bittet. (Vgl. ebd., S. 64–67.) Die Droge kann unter anderem Alpträume, Schwindel, Schweißausbrüche und Halluzinationen auslösen.

1039

Dass er diesen Namen mit dem Protagonisten von Musils Mann ohne Eigenschaften (1930) teilt, könnte als vager Hinweis auf die grundsätzlich vernünftige und moralische Haltung der Figur trotz privater Probleme verstanden werden.

1040

Zur Präsenz deutscher Opferdiskurse und Opferkonkurrenzen in der Literatur der Gruppe 47, vgl. Kap. 2 im vorliegenden Teil II der Studie.

1041

Der Geburtsname Carl Amerys lautet Christian Anton Mayer; wie auch der jüdische Autor Jean Améry hat er Mitte der 50er Jahre seinen Geburtsnamen Mayer zum Anagramm umgeformt.

1042

Eggebrecht 2005, o. S. (Nachruf in der Süddeutschen Zeitung; im Nachruf von Tilman Urbach in der NZZ wird dieser Vergleich dagegen infrage gestellt (vgl. Urbach 2005, o. S.).

1043

Es handelt sich um das erste reguläre Kapitel des Romans, vgl. Amery 1986, S. 9–20.

1044

Das Reiseunternehmen „Die große Deutsche Tour“ bietet inszenierte „Insider“-Einblicke in das echte Deutschland, wie es sich die Besucher vorstellten; zu diesem Zweck kaufen sich die beiden Verantwortlichen beispielsweise die Rechte an einem erfundenen Wunder, das im Rahmen der Tour „religiöses Deutschland“ besichtigt werden kann, flirten bei der Tour „romantisches Deutschland“ mit ihren weiblichen Reisegruppenmitgliedern oder führen einen Altnazi ‚in Aktion‘ für die Tour „Politisches Deutschland“ vor. Amery selbst soll dieses Geschäftsmodell angeblich tatsächlich einmal vorgeschlagen haben, vgl. Kiermeier-Debre 1996: „Der Plot der Satire hat jedoch eine weitere Vorgeschichte ganz anderer Art, denn die Große Deutsche Tour war zunächst ein ganz reales Geschäftsprojekt, das C[arl] A[mery] der Touropa schon 1954 aus Broterwerbsgründen vorschlug; allerdings hieß es dort noch die ‚The Little Background Tours‘. Die ‚Little Background Tours‘ bei Touropa kamen nicht zustande; dafür bereichern sie die Literatur und werden als ‚Die Große Deutsche Tour‘ CAs erster respektabler Romanerfolg.“ (Ebd., S. 58.) Für eine ausführliche Zusammenfassung des gesamten Romans und eine Einordnung seiner satirischen Bedeutung in der BRD der 1950er Jahre vgl. Kilian 2015, S. 1300–1308.

1045

Dieselbe Bezeichnung aus dem Soldatenjargon wird in Hensels „In der großen Pause“ (HG 128, s. o.) und noch viel später in Ferbers „Mimosen im Juli“ (FM 366; vgl. dazu Kap. 1.2 im vorliegenden Teil II der Studie) affirmativ verwendet; hier erscheint sie als Teil der ironisierten Selbstbeschreibung.

1046

„Stretz nickt mühsam verhalten“ (AP 248) bzw. „der Pater raucht dann noch mit Jehle eine Zigarette am Werktor, kantig und mühsam verhalten“ (AP 251). Solche Wendungen erinnern zwar nur assoziativ, aber doch bemerkenswert an die beherrschte Männlichkeit der Figurenbeschreibung in frühen Kriegstexten, die sich z. B. in Richters Geschlagenen (1949) in der ebenfalls vielfach wiederholten stereotypen Wendung „Gühler sagte nichts“ äußert (vgl. ebd., S. 15, 22, 26, 41, 136, 142, 155, 172, 174, 181, 191, 194, 199, 200, 204, 216, 242, 245, 249, 265; an fünf Stellen ist „Gühler“ durch „er“ ersetzt, vgl. ebd., S. 61, 63, 65, 98, 262). Wenn der Priester „kantig und mühsam verhalten“ raucht, klingt zudem das Phänomen an, dass entsprechende Attribute auf Kosten von sprachlicher Genauigkeit eingebaut werden, ähnlich wie beispielsweise in der weiter oben bereits zitierten schiefen Wendung „dachte er heftig“ in Schneiders „Die Mandel reift in Broschers Garten“ (Schneider [1949] 1962, S. 133).

1047

Vgl. Kap. 1.1.2 im vorliegenden Teil II der Studie.

1048

Ein weiteres Beispiel dieser Selbstüberschätzung ist die Szene, in der er ein Kompliment seiner Auftraggeber ohne Vorbehalt geschmeichelt annimmt – „Sie hatten Recht: Herz mit Niveau war immer meine Spezialität gewesen, aber das stand hier nicht zur Debatte“ (AP 253) –, obwohl es im Kontext einer aggressiven Verhandlung und offensichtlich aus taktischen Gründen geäußert wird.

1049

„Einfälle hatte er wenig, das besorgte ich selber“ (AP 250).

1050

Dieser Diskurs ist, wie Berings Studie Die Intellektuellen (1978) gezeigt hat, kein spezifisch nationalsozialistischer. Er kann aber als „ein Zentrum der ‚rechten‘ Ideologie“ (ebd., S. 102) gesehen werden und im Nationalsozialismus war die negative Aufladung der Intellektuellen besonders wichtig: Kalter „Verstand“ wurde der positiven Qualität „Charakter“ gegenübergestellt (vgl. ebd., S. 109); ‚intellektuell‘ wurde schließlich sogar als allgemeines Schimpfwort generalisiert (vgl. ebd., S. 144–147; vgl. weiter oben in diesem Kapitel) und zum Synonym für den „,undeutsche[n]‘ Typ, den Gegner schlechthin“ (ebd., S. 144). Durch diese Tradierung ist das Konstrukt in der Nachkriegszeit mindestens krypto-antisemitisch belastet; vgl. auch Nordmann 1999, die beschreibt, dass das antisemitische Intellektuellen-Stereotyp schon seit dem Dreyfus-Prozess eine Rolle gespielt habe (ebd., S. 252 f.), aber erst im Nationalsozialismus zu einer Ideologie transformiert worden sei, die „unabhängig von der Realität funktionierte, weil sie nach der inneren Logik des Rassismus zwangsläufig richtig war.“ (Ebd., S. 255.) Die negativen Eigenschaften „entwurzelt, schwankend, rationalistisch, naturentfremdet, überzüchtet, blutleer, pathologisch“ (ebd., S. 256) wurden nämlich „sowohl auf den Intellektuellen als auch auf den Juden projiziert“ (ebd.).

1051

Vgl. dazu u. a. Bering 1978, S. 102–108; so zitiert er Goebbels: „‚Ihre sterile Phantasie reicht nicht aus, sich ein konstruktives Weltbild für die Zukunft auszumalen.‘ […] Also: Abstraktes und kreatives Denken schließen einander überhaupt aus. Folglich ist ‚der Intellektuelle‘ der unkünstlerische Mensch par excellence: ‚Aus den bisherigen Ausführungen folgt, daß der Intellektuelle keine Fähigkeit zu echter, schöpferischer Gestaltung besitzen kann. Dies tritt besonders überzeugend auf dem gesamten Gebiet der Kunst in Erscheinung, auf dem der Intellektuelle wesensnotwendig versagen muß. Organische Kunstwerke vermag er nicht zu erzeugen, sondern ‚Kunst‘ nur nach formalistischen Gesichtspunkten zu machen.‘“ (Zit. n. ebd., S. 105.)

1052

Vgl. Wiedemann 2000, S. 13–148 zu den Phasen I (1949–1952) und II (1953–1959) der Goll-Affäre.

1053

Vgl. Wiedemann 2013, S. 47–51; vgl. dazu auch Kap. 2.3.3 im vorliegenden Teil II der Studie. Die Diskussionen um Celan wurden von der Gruppe 47 nachweislich wahrgenommen. (Vgl. ebd.)

1054

Auf die Parallele zu Faust weist auch Kilian (2015) hin; vgl. ebd., S. 1305.

1055

Der Kosename Fred für Andersch ist in Tagebuchaufzeichnungen seiner Freunde und in verschiedenen Briefwechseln belegt (vgl. beispielsweise Richter 1997, S. 41, wo Andersch einen Brief an Richter mit „Fred“ unterzeichnet, oder ebd. S. 86, wo Richter in einem Brief an Schneider von „Fred Andersch“ schreibt). Wie seine Tochter Annette Korolnik-Andersch beschreibt, hätten ihn seine Ehefrau und der „ganz nahe, innere Freundeskreis […] Fred genannt, mit dem langen ‚eee‘.“ (Seibel 2009, o. S.) In Amerys Romankapitel selbst ist stattdessen von „Ferdi“ die Rede (vgl. Amery 1986, S. 19, auch S. 8); bemerkenswerterweise eine von nur wenigen Abweichungen zwischen den beiden Fassungen; in „Ferde“ und damit im Almanach-Kapitel (das extra für die Gruppe 47 ausgewählt wurde) klingt der Kosename Fred also noch deutlicher an als im Roman.

1056

Anderschs Roman ist im Herbst erschienen, erste Rezensionen datieren auf den 05.10.1957, es ist aber sehr wahrscheinlich, dass Amery das detaillierte Konzept des Romans im September bereits bekannt war, zumal sich auch Friedrich Sieburg bereits im Juli 1957 zum Roman äußern konnte (vgl. Sieburg 1957).

1057

Vgl. Lettau 1967, S. 123–136; Amerys Lesung wird in den Tagungsberichten nur einmal im langen Bericht von Alexander Tschejschwili in der Moskauer Literaturnaja Gazeta erwähnt ([1957] 1967, S. 129).

1058

So kommt er in Helmut Peitschs Band Nachkriegsliteratur 1945–1989 (2009) laut Namensregister nur einmal vor; es ist entsprechend schwierig, überhaupt an biografische Informationen über Amery zu kommen. Neben dem bereits zitierten Ausstellungskatalog (Kiermeier-Debre 1996) und dem Aufsatz in einer juristischen Festschrift zur BRD (Kilian 2015) können insbesondere zwei Bände konsultiert werden, die je ein Portrait des Autors enthalten – und zwar ein Band zu wichtigen deutschen Umweltschützern (Simonis 2014) und einer zu wichtigen deutschen Katholiken (Schwab 2009).

1059

Richter 1986 S. 22; Richters Einschätzung wird auch noch in einer Amery-Ausstellung komplett zitiert, vgl. Kiermeier-Debre 1996, S. 174–178.

1060

Richter 1986, S. 22.

1061

Vgl. Böttiger 2012, S. 219–226.

1062

Vgl. ebd., S. 219–226. Wie nach der Tagung berichtet wurde, hätten die ‚alteingesessenen‘ Realisten nach der Lesung von Ilse Aichinger sogar damit gedroht, die Tagung zu verlassen (vgl. Bauer [1957] 1967, S. 127).

1063

Vgl. Böttiger 2012, S. 223.

1064

Er sagt: „Und zwar kommt mir eine Parallele in den Sinn, die ich mir auszureden bitte, mit dem D. H. Lawrence, mit der Geschichte ‚Die Frau, die wegritt‘. Die Frau, die reitet weg und geht zu den Indianern und wird dort in einem Ritualmord, in einer Opferfeier, mit dem Obsidianmesser hingeschlachtet. Und zwar hat sie das gern, she likes it. (Gelächter)“. (Amery, zit. n. Böttiger 2012, S. 223 f.)

1065

Vgl. Arnold 2004, S. 88; Böttiger 2012, S. 223–226.

1066

Vgl. Tschejschwili [1957] 1967, S. 129.

1067

Aus der Zusammenfassung der Lesung durch Alexander Tschejschwili (ebd.) geht deutlich hervor, dass der im Almanach abgedruckte Text nicht das einzige Kapitel sein kann, das Amery auf der Tagung gelesen hatte, da er von der „Lesung einiger Kapitel“ spricht (vgl. ebd.). Es wäre also auch möglich, dass die Auswahl des Almanach-Auszugs als Stellungnahme Amerys aus dem Jahr 1962 zu verstehen ist.

1068

Vgl. Richter 1979, S. 119–126.

1069

Böttiger 2012, S. 219–226, wie im Verlauf dieses Kapitels gezeigt werden soll, vereindeutigt er damit Richters Erzählung dieser Gruppenphase (Richter 1979, S. 119–126, s. auch weiter unten) noch weiter in diese rein ästhetische Richtung, deswegen soll zunächst seine Darstellung ausgeführt werden.

1070

Böttiger 2012, S. 219.

1071

Ebd., S. 220. Die Autoren Grass, Walser, Höllerer und Enzensberger werden in dieser Darstellung Richters zusammen mit Aichinger und Bachmann auf der Gegenseite der realistischen „Erzähler“ gesehen. So beschreibt Richter ‚formalistische‘ Einwände durch Grass, Walser und Enzensberger gegen den Soziologen Theo Pirker, da dieser die Texte „mit soziologischen Argumenten“ (Richter 1979, S. 121), also inhaltlich kritisieren wollte, im selben Kontext, wie er auch auf die Ablehnung von Aichingers Prosa und Bachmanns Lyrik durch die alten Realisten hinweist, weil sie ihnen zu formalistisch gewesen sei (ebd., S. 126).

1072

Seine Erzählung „Das Begräbnis“ ([1947] 1962) war der erste Text, der auf der ersten Tagung gelesen wurde, was tief im kollektiven Gedächtnis verankert war; zu ehren dieser Tatsache ließ man es ihn zur Beschließung einer Gedenk-Tagung im Jahr 1977 noch einmal lesen.

1073

Schnurre 1957, zit. n. Böttiger 2012, S. 225.

1074

Vgl. dazu Bering 1978, S. 102–108, Wiedemann 2013, S. 48; vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

1075

Zit. n. Böttiger 2012, S. 225.

1076

Zit. n. ebd., S. 226 [Hervorhebungen N. W.].

1077

Kaiser vollzieht eine Umkehrung der ‚Opfer‘ und der ‚Täter‘ von Diskriminierung – es ging ja um Exotismus in Bachmanns Gedicht – durch das Postulat, dauernde Kritik an Weltanschauung sei „gefährlich“ und eine Art Zensur: man müsse sich nun ‚vorsehen‘, man dürfe nicht „in Gottes Namen“ einfach einmal etwas Exotistisches sagen – kein Wunder, dass man ‚verstimmt‘ sei. Zu einem ähnlichen Mechanismus in der Political-Correctness-Diskussion vgl. Lorenz 2007, S. 223–227 m. w. H.

1078

Friedrich [1957] 1967, S. 136 [Hervorhebung N. W.].

1079

Ebd.

1080

Ebd., S. 135.

1081

Ebd., S. 136.

1082

Bering 1978, S. 105; vgl. dazu weiter oben in diesem Kapitel.

1083

Kaiser 1957, zit. n. Böttiger 2012, S. 226.

1084

Von Grass und Enzensberger spricht Richter hier, wie weiter oben bereits zitiert, einleitend: „Als Hitler die Macht übernahm, waren sie drei oder vier Jahre alt oder gerade geboren, als der Krieg zu Ende ging und das Dritte Reich zusammenbrach, waren sie noch Schüler wie Hans Magnus Enzensberger oder gehörten zum letzten Aufgebot wie Günter Grass. Die wiedergewonnene Freiheit war etwas anderes für sie als für uns. Viele ihrer Väter waren Anhänger Hitlers gewesen und als der Zusammenbruch kam, saßen sie noch in dem politischen und sprachlichen Schul- und Familiengehäuse dieser Zeit […].“ (Richter 1979, S. 119.) Bachmann und Aichinger nennt er erst später im Zusammenhang mit den neuen Gebildeten, hier spricht er von einer neuen „Geringschätzung, wenn nicht Verachtung gegenüber der Literatur von gestern oder gegenüber einer Literatur, die sie für gestrig halten.“ (Ebd., S. 126.)

1085

Vgl. Böttiger 2012, S. 219–226; Richter 1979, S. 121 – Richter benutzt hier die Bezeichnung des ‚Formalismus‘ in diesem Sinne, dass er einer ‚soziologischen‘ inhaltlichen Kritik gegenübersteht; wobei Plivier, den Grass und Walser mit diesem ‚formalistischen‘ Impetus angegriffen hätten, im besagten Streit um ‚P. C.‘ avant la lettre sicher eher aufseiten der ‚überkorrekten‘ Gebildeten stand.

1086

Lettau 1967, S. 136; vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

1087

Er schreibt, dass Kritik in diesem Sinne „in den folgenden Jahren […] auch währen der Tagungen verstärkt geäußert wurde, besonders von Walser und Grass (teilw. auch als Kritik am Philosemitismus […]).“ (Friedrich [1957] 1967, S. 136.)

1088

Vgl. Oldenburg 2003, S. 77.

1089

Walser 1957, zit. n. Böttiger 2012, S. 224.

1090

Bereits im unterschiedlichen Verständnis der gesellschaftlichen Relevanz dieses abstrakten, ‚formalistischen‘ Schreibens zeigt sich genau dieser Unterschied deutlich: Zunächst wurden nämlich alle Jungen wie Grass und Walser, aber auch Aichinger oder Bachmann wegen ihrer formalistischen Schreibweise als unpolitische Autoren und Autorinnen wahrgenommen: „Politisch traten sie in jenen Jahren fast kaum in Erscheinung – das kam später – immer ging es um die Sprache, um das Wie einer Darstellung […].“ (Richter 1979, S. 120 f.) Dass nun Grass und Walser ab den 60er Jahren ihre frühen Texte rückblickend selbst als unpolitisch bezeichneten und sich vordergründig engagierteren Schreibweisen zuwandten – dass sie also quasi als inkorporierte Beispiele für einen Unterschied zwischen Wirklichkeitsbezug und Formalismus standen, gab dieser Wahrnehmung natürlich starken Aufwind. Es könnte nicht zuletzt auch damit zusammenhängen, dass der politische und ethische Gehalt in Texten Bachmanns und Aichingers, auch Celans – die gesellschaftlich hoch relevant schrieben, deren ‚Wirklichkeitsbezüge‘ aber in der Gruppe 47 bis zuletzt unbemerkt blieben oder zumindest ignoriert wurden – unterschätzt wurden. Ähnliche Mechanismen scheinen Mitte der 60er Jahre in der Debatte um den Tod des Romans und um den Gegensatz zwischen dem l’art pour l’art und engagierter Literatur. Während Ächtler in einem Aufsatz über Anderschs „Poetik des Beschreibens“ (2016b) gerade diese Skepsis gegenüber dem Strukturalismus als Poststrukturalismus avant la lettre deutet, könnte sie durchaus auch gegenteilig als rückwärtsgewandte Unterschätzung des ethischen Potenzials strukturalistischer Theorien gerade durch ihre Abkehr von normativen Setzungen gedeutet werden. Die theoretischen Bezugspunkte von Anderschs Poetik aus den deutschen 30er und 40er Jahren sprechen genauso dafür wie die Tatsache, dass einige in der vorliegenden Studie als besonders kritische Gegenstimmen gegenüber NS-Kontinuitäten in der Gruppe 47 identifizierte Gruppenmitglieder sich besonders stark auf den Strukturalismus bezogen; vgl. dazu auch Kap. 3 in Teil III der vorliegenden Studie.

1091

Richter 1979, S. 121; vgl. dazu Kap. 2.3.2 in Teil I der vorliegenden Studie.

1092

Andersch [1947] 1948, S. 15, 26, 27; vgl. zu dem Essay Kap. 3.2 in Teil I der vorliegenden Studie.

1093

Vgl. zu dieser Aufladung im Nationalsozialismus Bering 1978, S. 113–117.

1094

Ebd., S. 142.

1095

Ebd.

1096

Vgl. Kap. 1.1 in Teil I und Kap. 1.1.3 im vorliegenden Teil II der Studie.

1097

Zum großen Stellenwert dieser Programmschrift am Ende der 1949 erschienenen Anthologie Tausend Gramm in der Gruppe 47 vgl. Kap. 1.1 in Teil I und Kap. 1.1 in Teil III der vorliegenden Studie.

1098

Weyrauch 1989, S. 181.

1099

Vgl. den bereits weiter oben zitierten Brief von Richter an Schneider vom 22. März 1949: „[…] ich erinnere mich noch recht gut, dass Sie mir damals sagten, Sie seien nur ein Journalist. Ich nehme an, dass Sie sich auch noch meiner erinnern, zumal ich ja immer schweigend auf einem Präsidentennebenstuhl gesessen habe, was darauf zurückzuführen ist, dass ich ebenfalls nur ein Journalist bin, d. h. ich fühlte mich unter soviel Literatur recht unglücklich“ (Richter 1997, S. 86); vgl. auch Kap. 2.1 im vorliegenden Teil II der Studie; wie bereits oben angemerkt handelt es sich hier sicher auch um eine Bescheidenheitsgeste, dennoch fällt der achtungsvolle Ton des Briefs auf, und dieses „publizistische Anliegen“ der frühen Generation wurde und wird bekanntermaßen vielfach betont, vgl. z. B. bereits Hupka [1949] 1967.

1100

Vgl. Zimmermann 1992, S. 105–118.

1101

Wolfdietrich Schnurre: Das Begräbnis; Nicolaus Sombart: Capriccio Nr. 1; Hans Werner Richter: Die Holzkreuze; Alfred Andersch: Weltreise auf deutsche Art; Walter Kolbenhoff: Ich sah ihn fallen; Jürgen von Hollander: Liebe 49; Hans Georg Brenner: Das Wunder; Georg Hensel: In der großen Pause. Abiturientengespräch im November 1946; Franz Joseph Schneider: Die Mandel reift in Broschers Garten; Hans Jörgen Söhring: Schnitt in die Natur; Günter Eich: Der Mann in der blauen Jacke; Günter Eich: Kurz vor dem Regen; Herbert Eisenreich: Tiere von ganz natürlicher Grausamkeit; Walter Jens: Der Mann, der nicht alt werden wollte; Adriaan Morriën: Zu grosse Gastlichkeit verjagt die Gäste; Paul Schallück: Monologe eines Süchtigen; Reinhard Federmann: Die Stimme; Horst Mönnich: Die Wanderkarte; Günter Grass: Der weite Rock; Ruth Rehmann: Der Auftritt; Ingrid Bachér: Unaufhaltsam vor Jamaika; Hans Magnus Enzensberger: Schaum; Tadeuz Nowakowksi: Polonaise Allerheiligen; Klaus Roehler: Ein Fall von Kalten Füssen; Milo Dor: Salto Mortale; Christian Ferber: Mimosen im Juli; Gabriele Wohmann: Die Verabredung; Siegfried Lenz: Gelegenheit zum Verzicht; Uwe Johnson: Das dritte Buch über Achim; Heinz von Cramer: Bericht des jungen Mannes; Peter Bichsel: Skizzen aus einem Zusammenhang.

1102

Wolfdietrich Schnurre: Das Begräbnis; Nicolaus Sombart: Capriccio Nr. 1; Hans Werner Richter: Die Holzkreuze; Alfred Andersch: Weltreise auf deutsche Art; Walter Kolbenhoff: Ich sah ihn fallen; Jürgen von Hollander: Liebe 49; Georg Hensel: In der großen Pause. Abiturientengespräch im November 1946: Franz Joseph Schneider: Die Mandel reift in Broschers Garten; Günter Eich: Der Mann in der blauen Jacke; Herbert Eisenreich: Tiere von ganz natürlicher Grausamkeit; Paul Schallück: Monologe eines Süchtigen; Reinhard Federmann: Die Stimme; Horst Mönnich: Die Wanderkarte; Günter Grass: Der weite Rock; Ruth Rehmann: Der Auftritt; Christian Ferber: Mimosen im Juli; Siegfried Lenz: Gelegenheit zum Verzicht; Uwe Johnson: Das dritte Buch über Achim; Heinz von Cramer: Bericht des jungen Mannes.

1103

Wobei die einzigen beiden Ausnahmen, die wegen ihrer Anlage aber dennoch dazu gezählt werden können, erneut Alfred Anderschs „Weltreise auf deutsche Art“ und Günter Grass’ „Der weite Rock“ sind; vgl. dazu weiter oben in diesem Kapitel.

1104

Wie Hemingway in einem Interview beschrieben hat, versuche er „[…] immer nach dem Prinzip des Eisbergs zu schreiben. Auf jeden sichtbaren Teil kommen sieben Achtel, die sich unter Wasser befinden. Sie können so ziemlich alles, was Sie wissen, weglassen, und Ihr Eisberg wird nur kräftiger davon. Es kommt auf den Teil an, den man nicht sieht.“ (Plimpton 1959, S. 541.) Bigelow (2018) hat herausgearbeitet, wie sich Gruppe-47-Mitglieder der Ruf-Generation in ihren Konzeptionen des magischen Realismus’ darauf bezogen haben (ebd., 95 f.); vgl. auch Bigelow [2020].

1105

Vgl. Kap. 1.2 in Teil II der vorliegenden Studie.

1106

Eine solche Ebene eröffnet sich etwa, wenn man aufgrund der Anspielungen auf eine französische Insel und der Betonung der Mimosen eine Verbindung zur Insel Île d’Oléron bzw. der Festung „La Rochelle“ herstellen kann. Wer im ‚dritten Reich‘ der NS-Propaganda ausgesetzt war, wird fast unvermeidlich von ihr gehört haben und sich an den standhaften General dort erinnern, für dessen treue Soldaten schließlich noch 1945 der aktuellste Veit-Harlan-Film abgeworfen wurde, damit er dort zeitgleich mit Deutschland erstausgestrahlt werden konnte (vgl. dazu Kap. 1.2 in Teil II der vorliegenden Studie m. w. H.). Der Text kann deswegen inklusive seines apologetischen Gehalts ganz vorrangig von Angehörigen der Tätergesellschaft gedeutet werden.

1107

So insbesondere die Erzählungen „Das Katapult und die Pauke“ (Kolbenhoff), „Geburtstagsfeier“ (Behrend), „Hoffnung“ (Dreyer) oder auch „Es kam der Tag“ (Schneider).

1108

Dreyer 1989, S. 142.

1109

Ebd., S. 143.

1110

Ebd., S. 144 f.

1111

Der Vorname wird an einer anderen Stelle des Texts genannt (vgl. ebd., 142). Ein Zusammenhang mit James Joyces Leopold Bloom, der sich noch am ehesten andeutet, ist unwahrscheinlich, zumal Blom anders als Bloom kein jüdisch konnotierter, sondern ein vor allem in Skandinavien verbreiteter Name ist.

1112

Dies in einer ähnlichen Weise übrigens, wie man auch die Tatsache umdeutete, durch die Indoktrinierung im Nationalsozialismus einer verlorenen ‚jungen Generation‘ anzugehören, indem man den Vorwürfe durch eine Umkehrung der Logik begegnete und behauptete, gerade weil man den Nationalsozialismus so jung kennengelernt habe, sei man nun besonders skeptisch. Hier nun: Gerade weil man sie nicht durch abstrakte Bildung ‚verzerrt‘ wahrnahm, konnte man die Wirklichkeit so abbilden, wie sie wirklich war und wie man sie selbst erlebt hatte.

1113

Also Grass, Jens, Lenz oder Walser, die Richter als „Kriegskinder“ bezeichnet (Richter 1979, S. 107); vgl. dazu weiter oben in diesem Kapitel.

1114

Vgl. Kap. 3.3.1 in Teil I der vorliegenden Studie.

1115

Vgl. dazu auch Kap. 1.1 in Teil I der vorliegenden Studie.

1116

Vgl. Bigelow 2015, S. 424 f.: „In diesem Sinne wurden auch weitere Stimmen in der Forschung laut, die Grass vorwarfen, die Deutungshoheit über die deutsche Vergangenheit für sich proklamiert und sich gegen kritische Einrede immunisiert zu haben. Sein Bestreben, ‚das letzte Wort haben‘ zu wollen, sei darauf ausgerichtet gewesen, die moralische Bewertung seiner Mitverantwortung der eigenen Person vorzubehalten und so Verurteilungen von außen abzuwehren, bevor sie überhaupt erst formuliert werden konnten. Entsprechend wurde das Schuldbekenntnis von Grass zugleich auch als Entlastungsversuch gesehen, da er den ethischen Rahmen für die Diskussion um seine Rolle in der NS-Zeit im Voraus abgesteckt habe. Ein solcher Versuch der Immunisierung gegen Kritik lässt sich auch an der starken literarischen Stilisierung von Beim Häuten der Zwiebel festmachen: Der junge Grass tritt als fiktive Figur auf, auf die etwa in der dritten Person Singular rekurriert wird. Grass präsentiert den Rückblick auf sein Leben bewusst als narrativen Akt, in dem sich die Grenzen zwischen Fiktionalität und Faktizität ausdrücklich fließend gestalten.“

1117

Vgl. dazu Lorenz 2017b, S. 470–472, 476–479, der beschreibt, wie in Buchs Reiseliteratur der „Einsatz des eigenen Körpers“ (ebd., S. 471) anders als bei Christian Kracht zentral ist. Die große Häufung von dezidiert normativen, hinsichtlich ihrer Moral ganz eindeutigen literarischen Texten in der Literatur der Gruppe 47 ist bereits an sich durchaus bemerkenswert, da eine so eindeutig moralisierende Literatur im Kanon der Weltliteratur außerhalb der Gruppe 47 eine deutlich geringere Rolle zu spielen und auch hinsichtlich Moral vielmehr literarische Vieldeutigkeit das wichtigste Gestaltungsprinzip zu sein scheint.

1118

Bei Jens wird das Kapitel direkt als Fiktion eines Ich-Erzählers eingeleitet: „In diesem Augenblick, da ich, Friedrich Jacobs, zwei Jahre nach meiner Emeritierung dieses Buch beginne, endlich frei für Aufgaben, die zu lösen mich bisher mein Lehramt hinderte – in diesem für mich so bedeutsamen Augenblick kommt mir ein merkwürdiger Gedanke.“ (Jens [1953] 1962, S. 182.) Bichsel stellt wiederholt die Strapazen aus, unter denen ein Ich-Erzähler eine Fiktion und einen fiktionalen Protagonisten zu kreieren versucht: „Alles dem Kieninger unterschieben: Kieninger, Wiener, mietet sich in einem Vorort der Stadt ein Zimmer. Die Stadt gefällt ihm nicht […]. Ich bin der, der das schreibt. Ich versuche, nicht von mir zu schreiben, sondern von Tisch, Zimmer, Haus und Straße.“ (Bichsel [1965] 1983, S. 119.) Dieses Verfahren findet sich auch in mehreren Romanen Max Frischs, der als ‚Gewissen der Nation‘ in der Schweiz eine ähnliche Bedeutung in Fragen der Moral hatte, wie die Gruppe 47 in Deutschland. Besonders deutlich ist die Metafiktionalität in Mein Name sei Gantenbein (1964) ausgestellt.

1119

Vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

1120

Vgl. Bigelow [2020].

1121

Vgl. Lorenz 2005.

1122

Vgl. Bigelow [2020].

1123

Vgl. dazu Bigelow 2015, S. 423 f. Der Kontext dieser Bemerkung: „Erst 2007 wurde bekannt, dass Grass in den 1960er Jahren noch vergleichsweise offen mit seiner Waffen-SS-Vergangenheit umging. Klaus Wagenbach – ehemaliger Lektor des S. Fischer Verlags – berichtete, 1963 von Grass selbst über dessen Mitgliedschaft informiert worden zu sein. In Gesprächen anlässlich einer geplanten Monografie über den Schriftsteller sei der Waffen-SS-Einsatz als eines von zahlreichen Themen gestreift worden. Wagenbach beließ den als beiläufig empfundenen Hinweis unveröffentlicht. Im Nachhinein begründete er dies mit dem Wandel des Erinnerungsdiskurses in den 1960er Jahren: Zu Beginn des Jahrzehnts wäre die Waffen-SS-Mitgliedschaft eines 17-Jährigen keineswegs als skandalös empfunden worden, da die Erinnerung an die letzten Kriegsmonate, in denen zahlreiche Jugendliche von der Waffen-SS rekrutiert und nicht zwingend freiwillig aufgenommen wurden, gesellschaftlich noch präsent gewesen sei. Der Wandel im deutschen Erinnerungsdiskurs der 1960er Jahre jedoch erschwerte ein öffentliches Geständnis zunehmend […]. […] Erst als gegen Ende der 1990er Jahre das von vielen Seiten propagierte Verständnis für eine deutsche Opferperspektive den deutschen Vergangenheitsdiskurs zu dominieren begann, seien die Voraussetzungen für das Waffen-SS-Geständnis wieder günstiger gewesen.“ (Ebd.)

1124

Aus Alfred Andersch Roman Sansibar oder der letzte Grund (1957), S. 71; in der Folge im vorliegenden Kapitel im Fließtext zitiert (Sigle: AS). Zum Zitat vgl. weiter unten in diesem Kapitel.

1125

Bialas 2014, S. 51.

1126

Ebd., S. 75.

1127

Bialas 2014, S. 75.

1128

Ebd., S, 88.

1129

Vgl. ebd., S. 88 f.

1130

Gross 2010, S. 56. Man unterstellte aus diesem Empfinden heraus, der ‚Volkskörper‘ könne bereits durch körperlichen Kontakt einzelner ‚Arier‘ mit Juden ‚geschändet‘ und dadurch ‚entehrt‘ werden; Gross spricht in diesem Zusammenhang von „kontagionistische[m] Antisemitismus“ (ebd., S. 44) und weist darauf hin, dass schon Sartre in seinen „Beobachtungen zur Judenfrage“ dieses Phänomen beschrieben hat. Sartre hielt dort fest: „Die Deutschen verboten als erstes den Juden den Zutritt zu den Schwimmbädern. Sie glaubten, das ganze Bassin würde verunreinigt, wenn der Körper eines Juden hineintauchte.“ (Sartre 1948, S. 29.) Dass diese Kontaminations-‚Angst‘ gerade auch die ‚Volksmoral‘ betraf, wird schon an der Benennung des Gesetzes „zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, das beschlossen wurde, um solchen ‚Kontaminationen‘ abzuhelfen, deutlich. Das Gesetz wurde im Rahmen der Nürnberger Gesetze am 15.09.1935 veröffentlicht (Reichsgesetzblatt 1935 I, S. 1146 f.; vgl. dazu Gross 2010, S. 45); neben Eheschließungen und Sex zwischen Juden und Nichtjuden verbot es den Juden auch, ‚arische‘ Hausangestellte einzustellen oder die deutsche Flagge zu hissen (vgl. ebd.). Wie Gross ausführt, stand dabei „das Gebot der arischen deutschen Ehre, sich das eigene Schamgefühl und die Keuschheit gegenüber Juden und Jüdinnen zu bewahren“ im Zentrum all dieser Beschlüsse (ebd., S. 44).

1131

Vgl. dazu insbesondere Kap. 1.1.1 und Kap. 3.3 in Teil I der vorliegenden Studie.

1132

Celan 2011, S. 360 [Brief an Böll vom 08.04.1959]; vgl. dazu Kap. 2.3.3 im vorliegenden Teil II der Studie.

1133

Celan 2011, S. 360 [Brief an Böll vom 08.04.1959].

1134

Celan geht es hier primär darum, dass Andersch offenbar auf seine „Bitte um Rat und Solidarität“ mit der Einschätzung, er sei zu empfindlich, und „eines schönen Tages“ sogar mit: „Haun Sie ab!“ reagiert habe (ebd.); vgl. dazu Kap. 2.3.3 im vorliegenden Teil II der Studie.

1135

Vgl. dazu Kap. 3.3.2 im vorliegenden Teil II dieser Studie.

1136

Wie bereits im ersten Teil der Studie angemerkt (vgl. Kap. 3.2.3 in Teil I der vorliegenden Studie), betont er beispielsweise im Essay „Das junge Europa formt sein Gesicht“ von 1946 seine „Ablehnung nationaler und rassischer Vorurteile“ (ebd., S. 1) oder problematisiert in einem Thomas-Mann-Essay in Texte und Zeichen (1955), wie sich Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg „in ein nationalistisches Ressentiment fast ohne Beispiel in der neueren Geschichte“ verloren habe (ebd., S. 93). Die Divergenz zwischen solchen Bekundungen und eigenen nationalistischen Tendenzen kann unter anderem durch unterschiedliche Nationalismus-Begriffe erklärt werden, wie sie Flanagan (1999) bereits für den Ruf beschrieben hat; vgl. dazu ebenfalls Kap. 3.2.3 in Teil I der vorliegenden Studie m. w. H.

1137

Vgl. Sarkowicz 2016; vgl. dazu Kap. 3.2 in Teil I der vorliegenden Studie m. w. H.

1138

Andersch [1956] in Die Blindheit des Kunstwerks und andere Aufsätze (Frankfurt, 1965), anlässlich der blutigen Niederschlagung der Aufstände in Ungarn, hier aber mit Bezug auf Adenauers Staatssekretär Hans Globke, der im Nationalsozialismus an den Nürnberger Gesetzen mitschrieb. Zit. n. Reinhardt 1996, S. 272.

1139

Zu den problematischen Implikationen, die damit verknüpft sind, vgl. u. a. Klüger 1994, S. 18; Feuchert 2016.

1140

So Widmer 1966 (S. 32) im Zusammenhang mit einem Zitat Anderschs über alle Mitarbeiter des Ruf; vgl. die Einleitung zu Teil I der vorliegenden Studie.

1141

Am prominentesten in der Sebald-Debatte und in Ruth Klügers Aufsatz über das „Judenproblem“ in der deutschsprachigen Literatur (Klüger 1994); vgl. weiter unten in diesem Kapitel.

1142

Döring 2011; vgl. auch weiter unten in diesem Kapitel.

1143

Andersch schreibt in einem Brief an Richter bereits im Januar 1953, er wolle „in absehbarer Zeit ein neues Buch beginnen“ (Richter 1997, S. 150); Cofalla weist im Stellenkommentar darauf hin, dass es sich dabei um Sansibar handelt (vgl. Cofalla 1997b, S. 152; Reinhardt 1996, S. 734).

1144

Vgl. insbesondere Meyer 2013, Böttiger 2012 und Nickel 1994, aber auch einschlägige Andersch-Biografien von Reinhardt 1996, Jendricke 1988 und Wehdeking 1983, wo nirgends von einer Resonanz auf Gruppentagungen die Rede ist.

1145

Vgl. Böttiger 2012, S. 61.

1146

Richter 1986, S. 33; wie er ausführt, sei Andersch stolz auf seine Erzählung und „überzeugt von ihrer hohen Qualität“, gewesen, „eine Meinung, die seine Zuhörer nicht teilten“ (ebd.). Noch im Rahmen derselben Tagung las er aber den Essay Deutsche Literatur in der Entscheidung, der wie beschrieben auf sehr positive Resonanz stieß, (vgl. Kap. 3.2 in Teil I der vorliegenden Studie); was ihn gemäß Richter „sofort entspannte und wieder liebenswert machte.“ (Richter 1986, S. 33.)

1147

Meyer (2013) verzeichnet 14 Teilnahmen Anderschs, von denen er sieben Mal las (vgl. ebd., Anhang „Autorenkorpus“, S. 1). Er nahm bis 1955 mindestens einmal pro Jahr teil, dann zum ersten Mal nach einem etwas längeren Unterbuch auf der 19. Tagung 1957 im September – also im Erscheinungsjahr von Sansibar und auf der mitgeschnittenen Tagung, auf der Amery seine Satire las (vgl. Kap. 3.3 im vorliegenden Teil II der Studie) –; daraufhin war er nur noch dreimal, zum letzten Mal 1962 dabei. Heidelberger-Leonhard (1999) spricht in Bezug auf Anderschs Verhältnis zur Gruppe 47 von einer „Dramaturgie einer Abwesenheit.“ (Ebd., S. 87.)

1148

Vgl. Meyer 2013, Anhang „Autorenkorpus“, S. 1. In der Rubrik „Wichtige Autoren und Kritiker, die ihre Einladung nicht wahrgenommen haben“ in Nickel 1994, S. 331–407, taucht Andersch im Verlauf der Zeit dementsprechend immer öfter auf (insbesondere S. 358 ff.).

1149

Vgl. Nickel 1994, S. 367. Dass die Lektüre von „Albino“ nicht überall verzeichnet ist, lässt sich mit dem Sonderstatus der Hörspieltagung erklären; es korrespondiert aber auch damit, dass das Hörspiel nicht in den gesammelten Werken (vgl. Andersch 2004, Bd. 7) aufgenommen wurde. Einer zeitgenössischen Spiegel-Rezension von Die Rote (1960) zufolge (o. A. 1960) wurde der nicht sehr positiv aufgenommene Roman besonders für diejenigen Stellen kritisiert, die mit der „Fabel des ‚Albino‘“ (ebd., 81) zusammenhängen – die „in den wesentlichen Zügen mit dem kriminalistischen Teil der ‚Roten‘ identisch“ sei (ebd.). So wird Kurt Lothar Tank mit den vernichtenden Worten über den aus „Albino“ übernommenen Handlungsstrang zitiert: „Das klingt nach Klischee und Kriminalroman, und das ist auch Klischee und Kriminalroman.“ (Ebd., S. 81 f.) Auch der anonyme Kritiker des Spiegel selbst spricht vom „Geschmack politischer Kolportage-Klischees“ (ebd., S. 81) und betont, dass gleich zwei andere Rezensionen das Ende von Die Rote ausgerechnet mit dem Roman Das einfache Leben von Ernst Wiechert verglichen hätten (vgl. ebd., S. 82 f.). Dieser Roman ist nun im Jahr 1939 im NS-Deutschland erschienen und ein erfolgreicher Roman der ‚inneren Emigration‘, während Die Rote als zeitkritische Reflexion über die politische Linke und nationalsozialistische Untergrundorganisationen konzipiert ist – also ein vernichtendes Urteil über den ‚kriminalistischen Handlungsstrang‘ in Anderschs Roman und damit auch über „Albino“, dem dieser Aspekt der Roten zugrunde liegt. Es dürfte also durchaus im Sinne des Autors gewesen sein, „Albino“ der Vergessenheit anheimfallen zu lassen.

1150

Reinhard zitiert einen Angriff von Grass auf Böll und Andersch, weil sich diese nicht im SPD-Wahlkampf engagiert hätten (Reinhardt 1996, S. 605). Auch Richter habe sich Andersch erst in späten Jahren wieder politisch angenähert (ebd., S. 606).

1151

Andersch [1963] 2016, S. 356.

1152

Ebd., S. 355.

1153

Ebd.

1154

Ebd., S. 354.

1155

Ebd., S. 356.

1156

Ebd., S. 355.

1157

Ebd.

1158

Ebd.

1159

Zu Celan und der Gruppe 47 vgl. Kap. 2.3 im vorliegenden Teil II der Studie m. w. H.; zu Bachmann und der Gruppe 47 vgl. Kap. 3 in Teil III der vorliegenden Studie m. w. H.; zur Distanzierung Bölls von der Gruppe 47 vgl. insbesondere Finlay 1999.

1160

Reinhardt 1996, S. 606.

1161

Andersch 1978, zit. n. Reinhardt 1996, S. 605 f.

1162

Auf der Lesung auf Cap Circeo im Jahr 1954 hätte Andersch beinahe den Preis der Gruppe 47 gewonnen; wie auch Hildesheimer wurde er zur Wahl vorgeschlagen (vgl. Reinhardt 1996, S. 225), der Preis ging dann aber an Adriaan Morriën. Zu Anderschs Lesung in Schloss Bebenhausen vgl. auch die Rezension von Heinz Friedrich: „Das Niveau der Tagung wurde vielmehr von Autoren wie Ingeborg Bachmann, Walter Jens, Alfred Andersch, Wolfgang Hildesheimer bestimmt. So beeindruckte Alfred Andersch mit einem vorzüglich komponierten und in dichterische Bezirke vorstoßenden Rundfunk-Feature über eine Lapplandreise (‚Die bitteren Wasser von Lappland‘), das elementares Naturerlebnis mit moderner Bewußtseinsspannung geradezu mythisch verschmolz.“ (Friedrich [1953]1967, S. 94.) Auch die Lesung des Essays „Über die Blindheit des Kunstwerks“ wurde gelobt; in einem Tagungsbericht schreibt Christian Ferber, Andersch habe „kulturzeitschriftreif über das Kunstwerk“ gesprochen und damit „das rechte Bassin für die schöpferischen Wogen“ gegeben (Ferber [1955] 1967, S. 115).

1163

Vgl. Reinhardt 1996, S. 308, zur fast durchgängig positiven zeitgenössischen Rezeption von Sansibar vgl. auch Reinhardt 1996, S. 281–308; Wehdeking 1983, S. 82–83; Jendricke 1988, S. 85; auch den aktuellsten Band der Königs Erläuterungen zu Sansibar von Hasenbach 2013, S. 103–105.

1164

So schreibt er in der ebenfalls bereits 1957 erschienenen „Studienausgabe“ von Sansibar oder der letzte Grund, zit. n. Reinhardt 1996, S. 300.

1165

Vgl. auch Kap. 2.3.3 im vorliegenden Teil II der Studie.

1166

Wobei wiederum zu erwähnen ist, dass sich der ebenfalls rechtskonservative Publizist Friederich Sieburg in seiner Kritik „sichtlich wand“, wie Andersch-Biograf Reinhard umschreibt. (Reinhardt 1996, S. 292.)

1167

Ebd., S. 285.

1168

Wehdeking 1983, S. 77; vgl. auch Ächtler 2016, S. 18 f.

1169

Vgl. Wehdeking 1983, S. 77.

1170

Reinhold 1988, S. 130.

1171

Was er, ungeachtet der Entwicklung in der Forschung, bis heute relativ unverändert blieb; vgl. weiter unten in diesem Kapitel.

1172

Ritter 2007, S. 472.

1173

Ritter 2007, S. 472.

1174

Im Folgenden zitiert aus Klüger 1994.

1175

Sebald 1993. Die Kontroverse, die er auslöste, ist zusammengefasst in Ritter 2007.

1176

Vgl. ebd.

1177

Vgl. u. a. Lorenz 2005, S. 74 f.; Bogdal 2007, S. 3.

1178

Vgl. Ritter 2007, S. 472.

1179

Klüger 1994, S. 12.

1180

Ebd., S. 13 f.

1181

Vgl. ebd., S. 14: „Die Gefahr, in der sich die Jüdin befindet, ist wie die Gefährdung des Kunstwerks: Beide sind hilflos ausgeliefert und moralisch nicht autonom in einem Werk, dessen eigentliches Anliegen das Problem der ethischen Autonomie ist und das dieses Anliegen im Rahmen einer Rettungsaktion für die beiden ‚Objekte‘, Jüdin und Schnitzwerk, ausführt.“ Klüger betont, dass Widerstand auch vonseiten der Jüdin historisch nicht so unmöglich gewesen wäre, wie der Roman impliziert, und es durchaus auch jüdischen Widerstand gegeben habe (ebd.). Auch Wiedemann (2015) macht darauf aufmerksam, dass der jüdische Widerstand noch in den jüngsten Unterrichtsmaterialien zu Sansibar gar keine Rolle spielt; selbst wo Judith als „Vertreterin der politisch Verfolgten“ bezeichnet wird (zit. n. ebd., S. 181), wird der jüdische Widerstand dann im „Dossier zum politischen Widerstand“ (ebd.) übergangen. Vgl. zur Rolle Judiths auch weiter unten in diesem Kapitel.

1182

Der Junge denkt an dieser Stelle: „[…] aber er verstand plötzlich, daß Juden so was Ähnliches waren wie Neger, das Mädchen spielte hier an Bord genau die gleiche Rolle wie der Neger Jim für Huckleberry Finn, sie war jemand, den man befreien mußte. Der Junge war fast ein wenig neidisch: man mußte also ’n Neger oder ’n Jude sein, damit man einfach abhauen konnte; beinahe dachte er: die haben es gut.“ (AS 194). Vgl. dazu auch die weiter unten in diesem Kapitel vorgeschlagene Lektüre des Romans in der vorliegenden Studie, dass ‚Abhauen‘ als unmoralisch markiert ist, die ‚andern‘ Figuren aber davon ausgeschlossen sind, so eine Entscheidung überhaupt erst treffen zu können.

1183

Klüger 1994, S. 15.

1184

Ebd., S. 15.

1185

Ritter 2007, S. 474.

1186

Ebd., S. 475.

1187

Ebd.

1188

Vgl. ebd., S. 474.

1189

Zumal er weiter unten auch in Bezug auf Briegleb von „reflexhaft antifaschistischen Polemiken“ (ebd.) schreibt. „Antifaschismus“ in einem so kurzen Aufsatz zweimal mit ‚Reflex‘ zu assoziieren, ist bei aller Objektivität der Darstellung eine deutliche Stellungnahme, bezeichnen Reflexe doch maximal ‚unreflektiertes‘ und nicht rationales Verhalten.

1190

Ebd., S. 470.

1191

Vgl. zu Alfred Andersch Desertiert beispielsweise die negative Rezension von Ächtler 2015. Vgl. die Beiträge auf literaturkritik.de vom 04.02.2014 mit Dieter Lamping (2014) in der Position des ‚Apologeten‘ (Lamping 2014) und Herbert Jaumann (2014) in derjenigen des ‚Anklägers‘ (Jaumann 2014).

1192

Ächtler 2016, S. 18.

1193

Ebd.

1194

Egyptien 2012, S. 88, dazu Ächtler 2016, S. 19.

1195

Vgl. Hahn 2011, S. 361.

1196

Dass der Roman trotz dieser Revisionen vonseiten der Literaturwissenschaft nach wie vor als kanonische Schullektüre für Oberstufenschüler/-innen gilt, muss angesichts solcher zeittypischer apologetischer und stereotypisierender Aspekte selbstverständlich nicht grundsätzlich problematisch sein. Der Roman ist deswegen geradezu paradigmatisch für das Wechselspiel von Bruch und Kontinuitäten im Erinnerungsdiskurs der 50er Jahre zu sehen, da er zweifellos auch ein Zeugnis für Anderschs Bemühungen darum ist, die Vergangenheit aufzuarbeiten und das öffentlich Sagbare zu erweitern (vgl. weiter oben in diesem Kapitel). So waren jüdische Opferfiguren in der Publikationszeit des Romans nach wie vor selten, und anders als Blöcker hat beispielsweise der rechtskonservative Publizist Friedrich Sieburg denn auch wie erwähnt keinen Gefallen am Roman gefunden (vgl. Reinhardt 1996, S. 292). Sansibar könnte also im Positiven wie im Negativen ein eindrückliches Beispiel für hegemoniale Diskurse und verschiedene Spielarten der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ in den 50er Jahren abgeben.

1197

Vgl. Wiedemann 2015; gesichtet hat sie Lehrmittel von Geist 2005; Krapp und van de Laar 2004; Mersiowsky 2010; Metzger 2001; Müller 2002; Poppe 2005; Schallenberger 2002; Schewe und Wilms 1995; Schiller 2002, zit n. ebd., S. 184 f.

1198

Mersiowsky 2010, S. 12, zit. n. Wiedemann 2015, S. 178 f.

1199

Wiedemann 2015, S. 174.

1200

Vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

1201

Vgl. dazu Wiedemann 2015, S. 174.

1202

Diese diffuse Abneigung ist, wie hier bereits ergänzt werden kann, genau wie ihre Schönheit an ihre ‚Fremdheit‘ gekoppelt, wie an folgender Stelle deutlich wird: „Eine Art von Abneigung hatte ihn erfaßt, während er in ihr verwöhntes Gesicht sah; gereizt durch ihre abwesende und fremdartige Hilflosigkeit, trieb er einen Augenblick lang das grausame Spiel seiner Fragen weiter.“ (AS 137 [Hervorhebung N. W.].)

1203

Eine diesbezüglich besonders deutliche Stelle, auf die weiter unten noch einmal genauer eingegangen wird, ist ein Dialog zwischen dem wichtigsten Sympathieträger des Romans und Judith: „Woher wußten Sie es? fragte Judith. Was habe ich gewußt? sagte Gregor erstaunt. Was meinen Sie? Daß ich Jüdin bin, sagte Judith. Das sieht man, erwiderte Gregor. So, wie man sieht, daß ich Geld habe? Ja. Sie sehen aus wie ein verwöhntes junges Mädchen aus reichem jüdischem Haus.“ (AS 145.)

1204

Wiedemann 2015, S. 174.

1205

Vgl. weiter unten in diesem Kapitel; vgl. Wiedemann 2015, S. 174–177. Die Plausibilisierung von Stereotypen funktioniert hier also nach wie vor ähnlich wie bereits in Schneiders frühem Almanach-Text „Die Mandel reift in Broschers Garten“ ([1949] 1962), wo sich die begehrte Jüdin auch selbst ‚bewusst ist‘, dass sie in der Stadt ‚natürlich‘ auf den ersten Blick als Jüdin erkannt würde. (Schneider [1949] 1962, S. 134; vgl. dazu Kap. 2.1 im vorliegenden Teil II der Studie.)

1206

Vgl. Wiedemann 2015, S. 179.

1207

Ebd., S. 180.

1208

Metzger 2001, S. 23, zit. n. Wiedemann 2015, S. 180 [Hervorhebung im Original].

1209

Wiedemann 2015, S. 180.

1210

Ebd.

1211

Mersiowsky 2010, S. 12, zit. n. Wiedemann 2015, S. 181.

1212

So beispielsweise bei Poppe 2005, der ‚Tochter aus gutem Haus‘ und ‚Jüdin‘ ohne weiteres gleichsetzt, zit n. Wiedemann 2015, S. 181.

1213

Mersiowsky 2010, zit. n. Wiedemann 2015, S. 178.

1214

Hasenbach 2013.

1215

Ebd., S. 106.

1216

Vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

1217

Hasenbach 2013, S. 20.

1218

Ebd., S. 60.

1219

Ebd., S. 61.

1220

Ebd., S. 62 – während die erste Randnotiz über den Jungen auf der nächsten Seite ausgerechnet lautet: „Der Junge fühlt sich stigmatisiert“ (ebd., S. 63).

1221

Wiedemann 2015, S. 183.

1222

Ebd.

1223

Klüger 1994, S. 16.

1224

So ganz beiläufig von Ritter 2007, S. 471.

1225

Egyptien/Louis 2007, S. 213; vgl. auch den Tabelleneintrag ebd., S. 225.

1226

Zur deutlichen Gleichsetzung zwischen Judith und dem Kunstwerk vgl. Klüger 1994; vgl. weiter oben in diesem Kapitel. Dieser Aspekt ist, wie ergänzt werden kann, auch an anderen Stellen sehr explizit ausgearbeitet, so denkt Gregor: „Bis dahin mußte die Aktion den Scheitelpunkt ihrer Kurve erreicht haben. Die Aktion ‚Lesender Klosterschüler‘. Oder war es jetzt die Aktion ‚jüdisches Mädchen‘? Jedenfalls wird es meine Aktion sein, dachte Gregor arrogant.“ (AS 112 f.) Das ist insofern bemerkenswert, als Andersch die irritierende Gleichsetzung von Kunst und verfolgten Juden im Nationalsozialismus auch in einer nichtliterarischen Reflexion impliziert. In einer Rede im Jahr 1959 sagt er, er sei schockiert, dass man in Deutschland so wenig gegen den Nationalsozialismus angeschrieben habe; das liege nicht an der Unterdrückung, sondern daran, „daß in Deutschland im Jahr 1933 eine Entscheidung gefallen ist, deren Radikalität nicht zu übertreffen war: die Entscheidung gegen die Literatur überhaupt. […] Diese Radikalität ist es, die das deutsche totalitäre Experiment von allen anderen totalitären Experimenten auf der Welt unterscheidet [sic!].“ (Vgl. Andersch [1959] 1995, S. 76 f.) Will man die Implikationen in Sansibar im Werkzusammenhang erschließen, dann kann auch diese Denkfigur berücksichtigt werden, die eine (auch über Genderstereotype evozierte) Passivität der Figur Judith auch in dieser Parallelisierung unterstützt. Zudem wird die Beobachtung gestützt, dass Gregor identifikatorisch verstanden werden kann.

1227

Besonders genau ausgemalt in den folgenden Überlegungen: „Sie werden mich schlagen lassen, die Anderen, aus Rache und um in Erfahrung zu bringen, wo ich die Figur versteckt halte, und in der Folter wird die Wunde an meinem Beinstumpf aufbrechen, ich werde auch in den Stunden, in denen ich nicht geschlagen werde, vor Schmerzen wimmernd in einer Zelle liegen oder auf der Pritsche in irgendeiner Lagerbaracke, nichts mehr werde ich sein als ein stöhnendes Stück Fleisch, das man am Ende auf ein Bett schmeißen wird, um es verrecken zu lassen.“ (AS 130 f.)

1228

Wie Knudsen es ausdrückt: „Verdammt, ich will mein Boot behalten, ich will Fische heimbringen, ich will bei Bertha bleiben und warten, bis die Anderen verschwunden sind und die Partei wiederkehrt.“ (AS 185.)

1229

Das ist zwar letztlich nicht von Bedeutung, da die Handlung ja 1937 spielt (AS 18); er wird also später eingezogen werden können. Dennoch hat sich das Alter 17, wie man in der Diskussion um Grass oder um die NSDAP-Mitgliedschaften gesehen hat (vgl. dazu Kap. 1.2.2 in Teil I der vorliegenden Studie), als so symbolische Grenze ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben, dass die Erwähnung des Alters 16 hier rein assoziativ mit Schuldunfähigkeit verknüpft sein kann.

1230

Die schiefe Wendung „dachte Gregor heftig“ kommt genauso bereits in Schneiders „Die Mandel reift in Broschers Garten“ vor (ebd., S. 133; vgl. dazu Kap. 2.1.2 im vorliegenden Teil II der Studie). Wie dort bereits angemerkt, ist nicht unwahrscheinlich, dass sie Amery zu seiner Persiflage des Drehbuchautoren „Ferde“ inspiriert haben, dessen Figuren beispielsweise, ähnlich schief, „kantig und mühsam verhalten“ rauchen (Amery [1957] 1962, S. 251; vgl. Kap. 3.3.2 im vorliegenden Teil II der Studie).

1231

Vgl. dazu Bigelow [2020], die herausarbeitet, dass er eine Hauptschuld darin sieht, „keine Fragen gestellt zu haben“, was er bereits in der Blechtrommel verarbeitet und u. a. mit Bezügen zum mittelhochdeutschen Gralsroman Parzival (1200-1210) Wolframs von Eschenbach literaturhistorisch fundiert.

1232

Das ist wie erwähnt die offensichtlichste antisemitische Vorstellung im Text, die mehrfach auftaucht; schon als Gregor Judith zum ersten Mal sieht, beschreibt er sie als „ein junges, schwarzhaariges Mädchen, das einen hellen Trenchcoat anhatte, […] eine Fremde mit einem schönen, zarten, fremdartigen Rassegesicht, […] eine Ausgestoßene mit wehenden Haarsträhnen über einem hellen, elegant geschnittenen Trenchcoat“ (AS 83); vgl. dazu weiter oben in diesem Kapitel.

1233

„Ach so, deswegen, sagte der Wirt. Sein Lampiongesicht blühte wieder hinter der Theke. Bringen Sie mir nur Ihren Paß, sagte er mit einer Stimme, die so weiß war wie sein Gesicht, sonst muß ich heute Nacht klopfen und Sie aus dem Bett holen! Judith war sehr jung, aber sie begriff plötzlich, für welchen Preis sie es vergessen durfte, dem Wirt ihren Paß zu geben. Abscheulich, dachte sie.“ (AS 46.)

1234

Zwar sagt er einmal zu Gregor: „Sie können das Zimmer von der da haben […]. Die fliegt raus. Solche wie die fliegen bei mir raus.“ (AS 102 [Hervorhebung N. W.].) Das klingt nach einer typischen rassistischen oder antisemitischen Formulierung, er sagt es aber unmittelbar nachdem er sie als „Flittchen“ (AS 101) beschimpft hat, während er sein Interesse für ihren Pass offenbar schnell wieder verloren hat (vgl. AS 96), sodass sich die Aussage viel eher auf ihren Flirt mit dem Schweden als auf ihre ‚Fremdheit‘ beziehen lässt.

1235

„Der Kneipier hat jetzt nur noch die Chance, daß sie sich vollaufen lassen, dachte Gregor. Sie müssen so sternhagelvoll sein, daß sie nur noch kriechen können – wenn sie früher aufhören, schlagen sie ihm die Bude zusammen.“ (AS 111.)

1236

Klüger 1994, S. 14 [Hervorhebungen N. W.], wie bereits oben in einem anderen Zusammenhang zitiert: „Die Gefahr, in der sich die Jüdin befindet, ist wie die Gefährdung des Kunstwerks: Beide sind hilflos ausgeliefert und moralisch nicht autonom in einem Werk, dessen eigentliches Anliegen das Problem der ethischen Autonomie ist und das dieses Anliegen im Rahmen einer Rettungsaktion für die beiden ‚Objekte‘, Jüdin und Schnitzwerk, ausführt.“

1237

Ebd.

1238

Ebd., S. 12.

1239

Könnte man zunächst meinen, ‚sich drücken‘ sei gleichbedeutend mit einem Austritt aus der Partei, so wird im folgenden Satz klar, dass damit die Flucht gemeint ist: „Knudsen konnte ihn, Gregor, nicht leiden, das war klar; für Knudsen bin ich der Mann vom ZK, der sich drücken will, während er der einfache Genosse ist, der sich nicht drücken kann. Knudsen konnte sich nicht drücken, vielleicht mußte er bei der Frau bleiben, die irrsinnig war, wie der Pfarrer erzählt hatte, vielleicht konnte er sich nur einfach nicht vorstellen, was er nach seiner Flucht tun sollte, wie das Leben eines Mannes verlaufen sollte, der kein Boot mehr hatte.“ (AS 121.)

1240

Vgl. dazu Kap. 3.2.4 in Teil I der vorliegenden Studie.

1241

„Auf einmal fiel ihm der dritte Grund ein. Während er auf Rerik blickte, dachte er Sansibar, Herrgott noch mal, dachte er, Sansibar und Bengalen und Mississippi und Südpol. Man mußte Rerik verlassen, erstens, weil in Rerik nichts los war, zweitens, weil Rerik seinen Vater getötet hatte, und drittens, weil es Sansibar gab, Sansibar in der Ferne, Sansibar hinter der offenen See, Sansibar oder den letzten Grund.“ (AS 110.)

1242

Vgl. Avenel-Cohen 2007, S. 13–24.

1243

Ebd., S. 13.

1244

Übrigens erinnert die Konstruktion Judiths auch hierin an die weiter oben beschriebene jüdische Familie in Schneiders Erzählung „Die Mandel reift in Broschers Garten“ (vgl. Kap. 2.1 im vorliegenden Teil II der Studie): Gerade sie ist es, die sich am meisten Sorgen um die deutschen Angehörigen der Tätergesellschaft macht.

1245

Der Text spielt im Jahr 1937 (AS 18); der Junge soll „im Januar“, d. h. im Januar 1938, sechzehn werden (AS 48), das heißt, er wurde im Januar 1927 fünf.

1246

Vgl. Kleinhans 2016; vgl. auch Kap. 1.2 in Teil III der vorliegenden Studie.

1247

Ihre ‚Objekthaftigkeit‘ und dass sie gerade auch „moralisch nicht autonom“ ist, hat wie gesehen schon Klüger problematisiert (Klüger 1994, S. 14); vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

1248

Die Namen der Deutschen sind zudem sehr positiv aufgeladen: Im Namen Helander klingt „Heiland“ an; „Gregor“ stammt von Altgriechisch γρηγορέω, was substantivisch „Wächter“ bedeutet (vgl. Kohlheim/Kohlheim 2007, S. 182), und „Knut“ stammt aus dem Althochdeutschen und wird entweder auf „chnot“ für „frei“, „adelig“ oder auf von chnuz für „waghalsig“, „vermessen“ zurückgeführt wird (vgl. ebd., S. 252 f.).

1249

Der Nachname wird nur selten, aber sehr exponiert genannt, so fast zu Beginn des Romans: „Judith hörte auf, in ihrer Handtasche zu kramen, und dachte an ihren Namen. Judith Levin. Es war ein stolzer Name, ein Name, der abgeholt werden würde, ein Name, der sich verbergen mußte. Es war furchtbar, Judith Levin zu sein in einer toten Stadt, die unter einem kalten Himmel von roten Ungeheuern bewohnt wurde.“ (AS 25; vgl. auch AS 170.)

1250

Vgl. Bering 1987 zum Nachnamen Levi, den er (in verschiedenen Varianten) als Familiennamen mit der zweitstärksten „antisemitischen Ladung“ (ebd., S. 206) auflistet (ebd., 212). Der Vorname „Judith“ fehlt in Bering 1987, seine Etymologie aus dem Hebräischen Jehudit, was Frau von Judäa bedeutet (vgl. Kohlheim/Kohlheim 2007, S. 238), verdeutlicht aber die ebenfalls starke jüdische Markierung.

1251

Holz 2007, S. 47.

1252

„Ich bin seit meiner Konfirmation nicht mehr zur Kirche gegangen. Ich weiß nicht, ob ich an irgend etwas glaube. An Gott schon. Und seit ein paar Jahren weiß ich, daß ich eine Jüdin bin. Früher dachte ich, ich sei eine Deutsche. Aber da war ich noch ein Kind. Seitdem hat man mich zu einer Jüdin gemacht.“ (AS 144)

1253

Vgl. Holz 2007, S. 45–49.

1254

Holz 2007, S. 46.

1255

Ebd., S. 45.

1256

Ebd., S. 45 f.

1257

Ebd., S. 46.

1258

Ebd., S. 46.

1259

Avenel-Cohen 2007; vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

1260

Klüger 1994, S. 14.

1261

Ebd.

1262

Bialas 2014, S. 75 [Hervorhebung N. W.]; vgl. die Einleitung zum vorliegenden Kapitel.

1263

Vgl. dazu Kap. 2.1.4 im vorliegenden Teil II der Studie zu der ‚schönen Jüdin‘ in Schneiders Almanach-Erzählung.

1264

Holz 2007, S. 47. Dazu nennt er (mit Gubser 1998) als weitere Merkmale der schönen Jüdin: „Sie instrumentalisiert ihre Schönheit, drängt sich in die Öffentlichkeit oder ist gar Frauenrechtlerin, anstatt das Heim des Helden zu zieren“ (ebd.), was abgesehen von Ersterem, das auf Judith natürlich auch zutrifft, aber vom Text nicht unbedingt verurteilt wird, weniger gut passt bzw. hier als Kategorie keine Rolle spielt.

1265

So wenn er sie auf den allerersten Blick als Jüdin erkennt (AS 78), aber auch in Bezug auf „Spitzel“ der Nationalsozialisten: „Eine seiner Begabungen, für die er immer wieder von den Genossen gelobt wurde, war, daß er unter hundert Leuten mit unfehlbarer Sicherheit einen Achtgroschenjungen herausfand.“ (AS 83) Vgl. auch weiter oben in diesem Kapitel.

1266

Was Wiedemann (2015) wie weiter oben zitiert mit der Wendung „Jüdin-weil-reich-Erkennen“ (ebd., S. 174) bezeichnet.

1267

Als sie den Bildhauer des „Klosterschülers“ sofort nennen kann (vgl. AS 149), denkt er: „In ihren Kreisen haben solche Namen wahrscheinlich einen bestimmten Preis und deshalb kennt man sie.“ (AS 150) – eine Einschätzung, die erneut sogleich bestätigt und dadurch als besonders ‚hellsichtig‘ markiert wird: „Und in der Tat hörte er sie sagen: Das ist eine sehr wertvolle Plastik.“ (Ebd.) Es ist schließlich nicht einmal als problematisches Verhalten markiert, als er darauf „spöttisch“ – und angesichts ihrer Lage respektlos – antwortet: „So wertvoll […] daß Sie die Chance haben, von diesem Burschen aus Holz mitgenommen zu werden. Als Draufgabe sozusagen. Er ist uns nämlich wichtiger als Sie.“ (Ebd.)

1268

Holz 2007, S. 47.

1269

Vgl. dazu Kap. 3.2 in Teil I der vorliegenden Studie.

1270

Vgl. Kap. 3.3.3 im vorliegenden Teil II der Studie zu Amery und Kap. 2.3.3 im vorliegenden Teil II der Studie zu Celan.

1271

Vgl. Kap. 3.2 in Teil I der vorliegenden Studie. Die Analyse des Essays machte deutlich, dass die darin formulierten moralischen Rechte und Pflichten nur für die ‚dabei gewesenen‘ Angehörigen der Tätergesellschaft gelten. Das wird besonders deutlich in Bezug auf Exilautoren/-innen, aber auch generell in Bezug auf im Nationalsozialismus verfolgte Gruppen.

1272

Goldhagen 1996; vgl. dazu u. a. Paul 2002, S. 39–42; Fischer 2015.

1273

Die Ausstellungen liefen unter den Titeln Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, und Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944; vgl. dazu u. a. Paul 2002, S. 42.

1274

Vgl. u. a. Wernecke 2015, S. 188–192.

1275

Heer 2005, S. 13.

1276

Er beschäftigt sich mit der Dämonisierung Hitlers und Exkulpation der ‚einfachen Deutschen‘ im Film „Der Untergang“ (Heer 2005, S. 11–27) wo die imaginierte Welt in Berlin 1945 kurz vor der Niederlage aus „einer Handvoll Schurken und der Masse der Anständigen und Sympathischen“ bestehe (ebd., S. 12) oder beschreibt apologetische Tendenzen in historiografischen NS-Dokumentationen wie den Filmen Guido Knopps, in denen das „Selbstbild des Hörigen“ (ebd., S. 167) sogar für die engsten Mitarbeiter Hitlers übernommen werde (vgl. ebd., S. 170–197).

1277

Heer 2004, S. 174.

1278

Ebd., S. 170–197; vgl. auch Bach 2007, S. 12 f.

1279

Ausführlich dazu Herf 2008.

1280

Vgl. Kap. 2.2 im vorliegenden Teil II der Studie m. w. H.

1281

Wie beispielsweise in der Diskussion um die ‚Kollektivschuldthese‘ deutlich wird (vgl. Schefczyk 2015), ist die Frage nach ‚tatsächlicher‘ Mitschuld vielschichtig und nach wie vor umkämpft. Es ist umstritten, ob ein solcher Vorwurf überhaupt so geäußert wurde oder nicht; die Deutung ändert sich je nachdem, ob man von moralischer oder rechtlicher Schuld spricht oder sogar die Zugehörigkeit selbst zu einem Kollektiv, in dem andere Angehörige der Wir-Gruppe‘ schuldig wurden, als Schuld wahrnimmt (ebd., S. 45 f.). Letzteres kann, wie weiter oben gesehen, als Fortsetzung einer kollektivistischen NS-Moralvorstellung verstanden werden (Gross 2010, S. 213–228; vgl. Kap. 2.1 in Teil I der vorliegenden Studie). Vgl. auch Bergmann 2007, S. 14–17 zu der Entwicklung des Diskurses und seinem Zusammenhang mit Antisemitismus. Zum Umgang mit der ‚Kollektivschuldthese‘ in der Gruppe 47 vgl. Bigelow [2020].

1282

Der Prozess ist zusammengefasst im Lexikon der Vergangenheitsbewältigung (Fischer/Lorenz 2015): Aufgrund eines von Laien ausgewerteten Fragebogens wurde die gesamte erwachsene Bevölkerung in die fünf Gruppen Hauptschuldige (Kriegsverbrecher), Belastete (Aktivisten, Militaristen und Nutznießer), Minderbelastete (Bewährungsgruppe) sowie Mitläufer und Entlastete, die juristisch nicht belangt werden sollten, eingeteilt (Meyer 2015, S. 20). Das Vorgehen war in der Bevölkerung unbeliebt und gilt auch juristisch als gescheitert, da die allzu große Anzahl der Fälle schließlich meistens zu Freisprüchen führte (ebd., S. 21); dennoch gilt die „Entnazifizierung als wichtiger Schritt zur Etablierung einer deutschen Demokratie“ (ebd.).

1283

Vgl. Weber 2015, S. 428 f.

1284

Wie er in seinem Forschungsbericht zeigen kann, verschränkte sich „[i]m populären Bewußtsein […] der geschichtswissenschaftliche Täterdiskurs mit dem durch die Rechtsprechung geschaffenen Täterbild und dem visuellen Täterdiskurs in Form von Filmen und Ausstellungen zu einem hoch künstlichen Bild von den Tätern der Shoah.“ (Paul 2002, S. 15.) Paul unterscheidet vier Epochen: „I. Distanzgewinnung durch Exterritorialisierung, Kriminalisierung und Diabolisierung: der frühe Täterdiskurs bis Anfang der 1960er Jahre“ (ebd., S. 16–20). „II. Distanzgewinnung durch Entpersonalisierung und Abstrahierung: der Täterdiskurs vom Beginn der 1960er bis Ende der 1980er Jahre“ (ebd., S. 20–37). Schließlich folgen: „III. Browning, Goldhagen und die Wehrmachtsausstellungen: Impulse für den neuen Tätrerdiskurs (ebd., S. 37–42) und „IV. Konkretisierung, Differenzierung und Perspektivenwechsel: der neue Täterdiskurs der 1990er Jahre“ (ebd., S. 43–61). Wie er zeigt, ist die Entwicklung noch keineswegs zu einem Ende gelangt; auf die aktuellen Diskussionen wird hier nicht genauer eingegangen, da, wie zu zeigen ist, der Gruppe-47-Diskurs genau der ersten Epoche und damit dem vorherrschenden Diskurs ihrer Zeit entspricht.

1285

Ebd., S. 15.

1286

Ebd., S. 13.

1287

Vgl. dazu ebd., S. 24–27.

1288

„Dazu zählen jene, die die Deportationen und Erschießungen vorbereiteten, an Razzien und Absperrungen teilnahmen, die Lager bewachten […].“ (Ebd., S. 15.)

1289

Ebd., S. 15.

1290

Vgl. u. a. ebd., S. 37–42; vgl. weiter oben in diesem Kapitel m. w. H.

1291

Vgl. Welzer 22002, S. 246–248.

1292

Es handelt sich um die Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, die im Juni 2002 vom Emnid-Institut in Bielefeld durchgeführt wurde, vgl. ebd., „Nachwort zur zweiten Auflage“ S. 246. Interessanterweise – und allenfalls im Einklang mit den Ergebnissen dieses Kapitels, dass die (eher bildungsaffinen) Mitglieder der Gruppe 47 an dieser Verzerrung des Diskurses beteiligt waren – sind die Ergebnisse unter den Befragten mit Abitur und den Akademikerinnen und Akademikern sogar noch eindeutiger ausgefallen. Hier gehen 56 % der Befragten davon aus, ihre Angehörigen seien dem Nationalsozialismus negativ gegenübergestanden, nur 4 % gehen von einer „eher positiven“ Haltung aus und nur 1 % gaben „sehr positiv“ an, vgl. ebd.

1293

Beer 2010, S. 85.

1294

Ebd.

1295

Ebd., vgl. für eine genauere Einordung die gesamte Einführung (ebd., S. 85–87) sowie das Ergebnis Beers, dass die Hilfeleitungen Jacobs weniger durch „großmütiges, antiautoritäres oder außergewöhnliches Verhalten“ zu erklären seien, sondern sich in die gewohnten „Handlungsmuster einer Angestellten“ eingereiht hätten (ebd., S. 108). Um Jacobs’ Verhalten nachzuvollziehen, würden also auch bei ihr „Motiv-Kategorien wie Widerstand, demokratische Einstellung oder antiautoritäre Kompromisslosigkeit überhaupt keine Rolle“ spielen (ebd.).

1296

Vgl. Ächtler 2014, S. 76. Er kommt zum Schluss, dass der „industriell betriebene Genozid in den Vernichtungslagern“ kein Thema dieser Texte sei. Der „Vernichtungsaspekt der Kriegsführung“ spiele in Bezug auf russische Zivilbevölkerung und Juden eine periphere Rolle, werde aber „als Erlebnisdimension der deutschen Soldaten […] präsent gehalten.“ (Ebd.)

1297

Ebd.

1298

Vgl. Bergmann 2007, S. 15 f.: „Meinungsumfragen belegen, dass die Westdeutschen […] mit großer Mehrheit eine kollektive Schuld oder Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus ablehnten und diese auf die ‚nationalsozialistischen Führer‘ abschoben. […] 1951 stimmten nur 4 % der Aussage zu, dass ‚jeder einzelne Deutsche eine gewisse Schuld für die Handlungen Deutschlands während des Dritten Reiches [habe] und jeder diese Schuld anerkennen solle‘. Weitere 21 % fühlten eine gewisse Verantwortung für eine Entschädigung der Opfer. […] Im Zusammenhang mit dem Eichmann-Prozess wurde 1961 direkt nach einem Gefühl der Mitschuld gefragt: ‚Wenn Sie jemand fragen würde, ob Sie sich selbst als Deutscher irgendwie mitschuldig fühlen an den Judenvernichtungen – was würden Sie sagen?‘ Die große Mehrheit (88 %) wählte die Antwortvorgabe: ‚Fühle mich nicht mitschuldig‘, 2 % räumten eine gewisse Mitschuld ein (‚Zum Teil, bleibt an uns hängen‘) und nur 6 % bekannten sich zu einer Mitschuld.[…] Zur selben Zeit war der Wunsch, ‚nichts mehr davon zu hören‘, weil, man ‚persönlich nicht damit zu tun gehabt habe‘ (59 %), und ‚diese Angelegenheit zu vergessen‘ und sich mit Gegenwart und Zukunft zu beschäftigen (53 %), vorherrschend. […] Im Rückblick schreiben Deutsche heute (wie schon 1991) größeren Teilen der (damaligen) Bevölkerung eine ‚Schuld […] gegenüber den Juden aufgrund der Judenverfolgung im Dritten Reich‘ zu als in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg: 4 % bejahen so etwas wie eine Schuld aller Deutschen einschließlich der nach dem Krieg Geborenen, 15 % eine Kollektivschuld der ‚erwachsenen Deutschen der damaligen Generation‘, weitere 33 % schließen auch diejenigen ein, die ‚von der Judenverfolgung wussten‘ und 45 % begrenzen die Schuld auf diejenigen, ‚die an der Judenverfolgung direkt beteiligt waren‘. […] [Z]wei Drittel der deutschen Bevölkerung, unabhängig von Geschlecht, Alter und Bildung, [geben] an (66 %; 1991: 60 %), darüber beschämt zu sein, ‚dass Deutsche so viele Verbrechen an den Juden begangen haben‘ (nur 8 % nehmen sich davon völlig aus; 1991: 13 %).“

1299

Vgl. dazu Kap. 1.1 im vorliegenden Teil II der Studie. Von den vier als besonders repräsentativen ‚Mustertexten‘ identifizierten Texten enthalten zwei ganz dezidiert ‚gute Deutsche‘, nämlich Schneiders „Die Mandel reift in Broschers Garten“ (vgl. Kap. 2.1) und Siegfried Lenz’ „Gelegenheit zum Verzicht“, auf das gleich noch genauer eingegangen wird. Und in Ferbers „Mimosen im Juli“ (vgl. Kap. 1.2) ist der NS-Täter zwar kein ‚guter Deutscher‘, aber eine vergleichbare Verschiebung in seiner Konstruktion von einem besonders fanatischen Nationalsozialisten zu einem umsichtigen Wehrmachtsangehörigen.

1300

Vgl. Kap. 2.1.4 im vorliegenden Teil II der Studie.

1301

Zu der Herleitung und Auswertung dieser Zahlen vgl. Kap. 1.1 im vorliegenden Teil II der Studie.

1302

Es handelt sich in der oben beschriebenen Tabelle (vgl. Kap. 1.1 im vorliegenden Teil II der Studie) um diejenigen Texte, bei denen im Feld „Gut / Böse offensichtlich?“ der Eintrag „ja“ oder „eher ja“ steht. Nach dem Setzen dieses einen Filters bleiben stehen: Hans Werner Richter: Die Holzkreuze; Alfred Andersch: Weltreise auf deutsche Art; Ilse Schneider-Lengyel: wort; Ilse Schneider-Lengyel: schlachtvieh; Walter Kolbenhoff: Ich sah ihn fallen; Franz Joseph Schneider: Die Mandel reift in Broschers Garten; Günter Eich: Der grosse Lübbe-See; Günter Eich: Augenblick im Juni; Paul Schallück: Monologe eines Süchtigen; Hans Magnus Enzensberger: Schaum; Tadeuz Nowakowksi: Polonaise Allerheiligen; Milo Dor: Salto Mortale; Christian Ferber: Mimosen im Juli; Siegfried Lenz: Gelegenheit zum Verzicht; Uwe Johnson: Das dritte Buch über Achim; Heinz von Cramer: Bericht des jungen Manns; Johannes Bobrowksi: Die Wolgastädte. Wenn man die Gedichte nicht einzeln betrachtet – die in dieser Hinsicht erwartungsgemäß weniger relevant sind, unter den 17 Texten mit eindeutiger Zuordnung von ‚Gut‘ und ‚Böse‘ sind nur sechs Gedichte –, dann steigt die verhältnismäßige Anzahl schon deutlich. Von den 39 übriggebliebenen Prosa-Texten können in immerhin 11 eine relativ eindeutige Zuordnung von Gut und Böse festgestellt werden, d. h. nun knapp 30 %: Hans Werner Richter: Die Holzkreuze; Alfred Andersch: Weltreise auf deutsche Art; Walter Kolbenhoff: Ich sah ihn fallen; Franz Joseph Schneider: Die Mandel reift in Broschers Garten; Paul Schallück: Monologe eines Süchtigen; Tadeuz Nowakowksi: Polonaise Allerheiligen; Milo Dor: Salto Mortale; Christian Ferber: Mimosen im Juli; Siegfried Lenz: Gelegenheit zum Verzicht; Uwe Johnson: Das dritte Buch über Achim; Heinz von Cramer: Bericht des jungen Mannes.

1303

Hans Werner Richter: Die Holzkreuze; Alfred Andersch: Weltreise auf deutsche Art; Walter Kolbenhoff: Ich sah ihn fallen; Franz Joseph Schneider: Die Mandel reift in Broschers Garten; Paul Schallück: Monologe eines Süchtigen; Hans Magnus Enzensberger: Schaum; Tadeuz Nowakowksi: Polonaise Allerheiligen; Christian Ferber: Mimosen im Juli; Siegfried Lenz: Gelegenheit zum Verzicht; Uwe Johnson: Das dritte Buch über Achim; Johannes Bobrowski: Die Wolgastädte.

1304

Hans Werner Richter: Die Holzkreuze; Franz Joseph Schneider: Die Mandel reift in Broschers Garten; Paul Schallück: Monologe eines Süchtigen; Hans Magnus Enzensberger; Schaum, Christian Ferber: Mimosen im Juli; Uwe Johnson: Das dritte Buch über Achim. Wie bereits erwähnt, sind die meisten dieser Texte für die vorliegende Studie besonders interessant und werden auch thematisiert; nur Johnson ist erst im Jahr 1934 geboren und fällt deswegen deutlich aus der Kategorie derjenigen, die bei Ende des Nationalsozialismus erwachsen waren. Seine Texte sind deswegen von der Fragestellung nicht mehr betroffen (vgl. Kap. 2.3.2 in Teil I der vorliegenden Studie), obwohl die unzähligen Parallelen seiner Texte hinsichtlich moralischer Dichotomien mit denjenigen der Landser- und Ruf-Generation ebenfalls bemerkenswert wären.

1305

Nicolaus Sombart: Capriccio Nr. 1; Hans Werner Richter: Die Holzkreuze; Paul Schallück: Monologe eines Süchtigen; Reinhard Federmann: Die Stimme; Günter Grass: Der weite Rock; Christian Ferber: Mimosen im Juli; Siegfried Lenz: Gelegenheit zum Verzicht; Uwe Johnson: Das dritte Buch über Achim; Heinz von Cramer: Bericht des jungen Mannes.

1306

Hans Werner Richter: Die Holzkreuze; Ilse Schneider-Lengyel: schlachtvieh; Paul Schallück: Monologe eines Süchtigen; Reinhard Federmann: Die Stimme; Christian Ferber: Mimosen im Juli; Siegfried Lenz: Gelegenheit zum Verzicht; Uwe Johnson: Das dritte Buch über Achim.

1307

Wolfgang Bächler: Die Erde bebt noch; Alfred Andersch: Weltreise auf deutsche Art; Hans Georg Brenner: Das Wunder; Günter Eich: Der grosse Lübbe-See; Heinrich Böll: Die schwarzen Schafe; Ingeborg Bachmann: Holz und Späne; Martin Walser: Templones Ende; Milo Dor: Salto Mortale; Johannes Bobrowski: Der Adler; Heinz von Cramer: Bericht des jungen Mannes; Johannes Bobrowski: Der lettische Herbst; Johannes Bobrowski: Erfahrung.

1308

Hans Georg Brenner: Das Wunder; Heinrich Böll: Die schwarzen Schafe; Martin Walser: Templones Ende; Milo Dor: Salto Mortale; Heinz von Cramer: Bericht des jungen Mannes.

1309

Lenz [1960] 1962, in der Folge im vorliegenden Kapitel im Fließtext zitiert (Sigle: LG).

1310

Cramer [1961] 1962, in der Folge im vorliegenden Kapitel im Fließtext zitiert (Sigle: CB).

1311

Vgl. Kap. 1.1.3 im vorliegenden Teil II der Studie. Er nahm auch über die ganze Zeit regelmäßig an Treffen teil, war von der 19. bis zur 31. Tagung insgesamt neunmal, davon sechsmal mit einer eigenen Lesung, dabei (vgl. Meyer 2013, Anhang „Teilnehmerkorpus“, S. 9).

1312

So betont Reich-Ranicki, dass Lenz ein Vorreiter gewesen sei, dessen Vorbild eine ganze Welle von NS-Reflexionen „aus der Sicht von nachdenklichen Halbwüchsigen“ gefolgt sei. Vgl. Reich-Ranicki 1985, S. 10. Auch kritische Stimmen wurden aber schon vergleichsweise früh laut, so im bereits erwähnten kritischen Aufsatz von Theodor Elm aus dem Jahr 1985. Er hinterfragt den Wert der „historische[n] Analyse“ (ebd., S. 98) in der Sammlung Jäger des Spotts (1958), im Stück Zeit der Schuldlosen (1961) und in den Romanen Deutschstunde (1968) und Heimatmuseum (1978; vgl. Elm 1985, S. 128) und liest sie als Texte mit Neigung zu „Sentenz und Generalisierung“ (ebd., S. 98), die „trotz zunehmend historischer Orientierung“ bis zuletzt „historische Aufklärung verwehrt[en]“ (ebd., S. 99).

1313

Lenz erklärte anlässlich der ‚Enthüllung‘ seines Eintrags 2007, nichts von dieser Mitgliedschaft gewusst zu haben, er habe den Antrag – den man eigentlich notwendigerweise selbst unterscheiben musste – gar nicht stellen können, da er in der fraglichen Zeit in der Wehrmacht gedient habe (vgl. Weber 2015, S. 428). Unabhängige Gutachter gehen aber davon aus, dass es kaum möglich war, ohne eigenes Zutun und Wissen, quasi ‚hinter dem Rücken‘, eine NSDAP-Mitgliedschaft für jemanden anzufordern, da die Partei bis zuletzt eine Elitepartei bleiben wollte. Es sei aber zumindest plausibel, dass die Anwärter in den letzten Jahren des Kriegs möglicherweise nicht mehr über ihre Aufnahme in die Partei informiert worden seien (vgl. ebd., S. 427), und es sei psychologisch glaubwürdig, dass man einen Antrag angesichts der traumatisierenden Erlebnisse in den letzten Kriegsjahren verdrängt habe (ebd., S. 428).

1314

Wie bei Nickel (1994) dokumentiert ist, hat er auf der letzten regulären Tagung der Gruppe 47, 1967 in der Pulvermühle, noch das Kapitel „Das Malverbot“ aus dem Roman gelesen (vgl. ebd., S. 400).

1315

Vgl. weiter unten in diesem Kapitel m. w. H.

1316

Lenz selbst sagte dazu schon 1982 in einem Interview, für die jungen Leute liege er „politisch und als Schriftsteller […] seit ungefähr tausend Jahren unter den Pyramiden.“ (Zit. n. Treichel 2006, o. S.)

1317

Ebd.

1318

Vgl. zum Roman und seiner Rezeption Bigelow [2020].

1319

Vgl. Kap. 1.1.3 im vorliegenden Teil II der Studie.

1320

Hieber 2014, o. S.

1321

„Jens hielt die Festrede und zeigte sich in hohem Maße irritiert über dessen ‚antithetisch-rohe Ideologie: das Deutsche gut, das Französische bös‘. Er sprach vom ‚antizivilisatorischen‘ Nolde, bei dem ‚die Ideale der Reinrassigkeit triumphieren‘, und vom ‚Parteigenossen‘, der ‚die Zukunft der Kunst‘ mit ‚judenferner Kunst‘ gleichsetzt. Es war das erste Mal, dass dergleichen offiziell publik wurde. Eingang in den Roman des Freundes Lenz hat es nicht gefunden.“ (Ebd.)

1322

Vgl. Lenz [1952] 1958.

1323

Der kurze Text dokumentiert ein zufälliges Gespräch im Hotel zwischen zwei Männern, die sich ein Zimmer teilen müssen. Einer bleibt namenlos, man erfährt nur, dass er an Krücken laufe; der intern fokalisierte Protagonist namens Schwamm erklärt ihm, er sei in der Stadt, um einen Zug nach Kurzbach (ebd., S. 213) – ein alter deutsch-schlesischer Ortsname – zu erwischen, dem sein Junge jeden Tag auf dem Schulweg zuwinke, ohne dass ihm je jemand zurückwinke. Der Junge sei so sensibel, dass er deswegen „wenn er nach Hause kommt […] verstört und benommen“ sei; „und manchmal heult er auch. Er ist nicht imstande, seine Schularbeiten zu machen, er mag nicht spielen und nicht sprechen: das geht nun schon seit Monaten so, jeden lieben Tag.“ (ebd., S. 212). Deswegen wolle er einmal in jenem Zug mitfahren und zurückwinken. Der griesgrämige Zimmergenosse zeigt wenig Verständnis und bemerkt nur, dass er Kinder hasse („Ich hasse sie und weiche ihnen aus“, ebd., S. 212), seit seine Frau bei der Geburt gestorben sei. Schwamms Vorhaben bezeichnet er als „Betrug“ (ebd., 213). Am nächsten Tag verschläft Schwamm, verpasst den Zug und kehrt bedrückt nach Hause zurück – um zu erfahren, dass sein anonymer, scheinbar so unsympathischer Zimmergenosse wohl doch ein gutes Herz hatte und dem Jungen gewinkt hat: „Sein Junge öffnete ihm die Tür, glücklich, außer sich vor Freude. Er warf sich ihm entgegen und hämmerte mit den Fäusten gegen seinen Schenkel und rief: ‚Einer hat gewinkt, einer hat ganz lange gewinkt.‘ ‚Mit einer Krücke?‘ fragte Schwamm. ‚Ja, mit einem Stock. Und zuletzt hat er sein Taschentuch an den Stock gebunden und es so lange aus dem Fenster gehalten, bis ich es nicht mehr sehen konnte.‘“ (Ebd., S. 213 f.)

1324

Ebd., S. 213.

1325

O. A. 1998, Bd. 14, S. 321 f.

1326

Lenz 1955. Die Erzählungen spielen allesamt im noch deutschen Masuren; obwohl sie recht absurd gehalten sind und Lenz selbst in einer 1955 verfassten „Auskunft über die Masuren“ betont, die Erzählungen sollten nicht von einer Sehnsucht nach dieser nicht mehr existierenden Welt zeugen (Lenz 2006, S. 321; vgl. Reich-Ranicki 1985, S. 12, der im selben Sinne eine „menschliche Komödie im Miniatur-Format“, ebd., S. 13, wahrnimmt), sind die Texte von Nostalgie geprägt und spielen im umstrittenen Diskurs um Flucht und Vertreibung der Deutschen eine wichtige Rolle (vgl. auch Weber 2015b, S. 129).

1327

Lenz 2006, S. 321.

1328

Ebd.

1329

Vgl. Ahrends 1988, o. S.

1330

Vgl. dazu Kap. 1.3 im vorliegenden Teil II der Studie.

1331

Vgl. dazu weiter unten in diesem Kapitel.

1332

Wie schon in den gesammelten Erzählungen in drei Bänden von 1985 trägt sie auch in der Ausgabe von 2006 den Titel „Der Verzicht“ (vgl. Lenz 2006, S. 717–725).

1333

Reich-Ranicki 2006, S. 13.

1334

Dabei dürfte es sich um Heinrich Himmler handeln, der oft mit Kneifer porträtiert wurde (vgl. beispielsweise die Bebilderung seines Eintrags auf der internationalen Biografie-Seite www.biography.com [Abruf: 10.05.2018]).

1335

Vgl. dazu auch weiter unten in diesem Kapitel.

1336

Die beiden scheinen sich sehr gut gekannt zu haben, wie die Erinnerungen Heilmanns an Bielek als Junge zeigen: „Wilhelm Heilmann dachte an den Mann, der ihn führte oder vielmehr überführte, entsann sich dessen einäugigen Vaters, der Kate, in der die Bieleks wohnten, fleißige und geschickte Besenbinder, deren sichtbarster Reichtum dreckige Kinder waren, die im Frühjahr durch die Birkenwälder schwärmten, um elastische Reiser zu schneiden. Er dachte an den Knaben Heinrich Bielek, der auf den Bäumen gesessen hatte, um Lindenblüten für den Tee zu pflücken, der bis spät in den Oktober barfuß gegangen und bei einer Hochzeit unter die Räder der Kutsche gekommen war, in der die Braut gesessen hatte. Er entsann sich sogar jener Begabung Heinrichs, die sie damals immer wieder verblüfft hatte, die Begabung nämlich, ein Schnitzmesser mit der Spitze auf seinen Schenkel fallen zu lassen, und zwar so, daß er sich nicht die geringste Wunde beibrachte.“ (LG 378.)

1337

Ahrends 1988, o. S.

1338

Der Erzähler sieht Bielek „durch die Fenster der Schulklasse […] näher kommen“ (LG 373) und erzählt später von Streichen, die er Heilmann in dieser Zeit mit seinen Freunden gespielt habe (vgl. LG 375).

1339

Wenn er So zärtlich war Suleyken im Ganzen als „aufgeräumte Huldigung an die Leute von Masuren“ bezeichnet und die „Seele“ der Masuren beschreiben will (Lenz 2006, S. 321; vgl. weiter oben in diesem Kapitel).

1340

Diese Szene subvertiert dagegen insofern vorherrschende Diskurse, als zu dieser Zeit eine beachtliche Zahl der deutschen Bevölkerung angab, nichts vom Holocaust gewusst zu haben. In Lenz’ Text ist der Holocaust zwar nur verklausuliert und keineswegs explizit beschrieben (Raddatz erwähnt diesen Text ja nicht einmal, wenn er im Almanach-Essay sagt, der Holocaust sei erst spät zur Sprache gekommen; vgl. Kap. 2.3.1 im vorliegenden Teil II der Studie). Es wird aber sehr deutlich, dass für niemanden Zweifel darüber bestanden, warum der Mann ‚mosaischen Glaubens‘ abgeholt wird, wenn sogar der etwas ‚schwachsinnige‘ Dorfjunge sofort weiß, worum es geht.

1341

Vgl. dazu noch einmal weiter unten in diesem Kapitel (4.3.3).

1342

Vgl. ebd.

1343

Schon im Almanach selbst spielt der Eintrag eine Sonderrolle: Es handelt sich um den letzten literarischen Beitrag des Bands, die leicht teleologische Implikation wird in Raddatz’ bereits weiter oben erwähntem Almanach-Essay „Die ausgehaltene Realität“ (1962) gestützt, wo er schreibt, „erst 1961“ seien manche Wörter von v. Cramer reflektiert und „in ihrer ganzen Perversion ausgekostet“ worden, die vorher tabu gewesen seien (ebd., S. 52: „Wichtig nämlich ist, welche Worte nicht gebraucht werden; aus diesen nichtbenutzten Wörtern läßt sich ein Vokabular zusammenstellen – Glaube, Liebe, Pflicht, Vertrauen, Nation, Mensch, gut – man wird in diesen ersten Texten vergebens nach ihnen suchen. Erst 1961, bei Heinz von Cramer, werden sie reflektiert, in ihrer ganzen Perversion ausgekostet.“ Wobei das Vorwort Raddatz einer sehr ungenauen Lektüre entspringt; vgl. Kap. 2.3.1 im vorliegenden Teil II der Studie.)

1344

Schnurre [1961] 1967, S. 161.

1345

Vgl. Kap. 3.3.2 im vorliegenden Teil II der Studie zu Amery und weiter unten in diesem Kapitel zu Grass.

1346

War doch in den Entnazifizierungskategorien „Mitläufer“ die letzte Kategorie vor „Unbelastet“, während die Figur aus dem Almanach-Kapitel sicher in eine juristisch relevante Kategorie gefallen wäre. Einer von wenigen wissenschaftlichen Beiträgen zum ganzen Roman stammt von Monika Melchert, die Die Kunstfigur im Rahmen eines langen Aufsatzes zur „Zeitgeschichtsprosa nach 1945 im Kontext der Schuldfrage“ (2000) ausführlich zusammenfasst und positiv gegenüber den meisten untersuchten Texten hervorhebt; er zeuge von „konsequent antifaschistischen wie auch antikapitalistischen Positionen“ (ebd., S. 126). Dass der Roman in der Beschreibung des Mitläufers an den Grenzen des Sagbaren steht, zeigt auch der Klappentext der Erstauflage, in dem sich der Verlag offenbar verpflichtet fühlte anzumerken, dass er „die Meinung des Autors nicht in jeder Hinsicht“ teile (vgl. Cramer 1958, Klappentext). Eventuell hängt es auch damit zusammen, dass schon die zweite Auflage von 1961 nicht mehr bei Kiepenheuer und Witsch, sondern bei Hoffmann und Campe erschienen ist, obwohl der Roman 1959 den „Preis der jungen Generation“ erhalten hat (vgl. Herrmann 1959, o. S.).

1347

V. Cramer 1958, Klappentext.

1348

So ist in der ersten Fassung von 1958 die gesamte Rede des „jungen Mannes“ mit Anführungszeichen als fremde Rede markiert, die im Almanach-Beitrag dagegen nicht; und vor allem ist die erste Romanfassung von 1958 deutlich umfangreicher, enthält mehr Reflexionen und auch weitere in den Nationalsozialismus verstrickte Nebenfiguren wie ein junges Mädchen, das sich „für einen Dachauer SS-Mann hängen lassen“ wollte (Cramer 1958, S. 634), oder eine erste ‚Gefährtin‘, die er vor Luise hatte (ebd., S. 636 f.). Zudem wurde umformuliert und gestrichen, wie etwa, als eins von zahlreichen Beispielen, der in der ersten Fassung noch enthaltene Stoßseufzer „Armes Deutschland …“ (ebd., S. 635), der ja auch heute, u. a. als häufiges „Hashtag“ auf der Onlineplattform Twitter, in rechten Kreisen beliebt ist. Diejenigen Romanstellen, die im Almanach auch enthalten sind, haben sich aber nicht stark verändert; da der Text vor allem in seiner Relation zu anderen Gruppe-47-Texten und Diskursen von Interesse ist, werden die Unterschiede nicht genauer herausgearbeitet.

1349

Er war auf den Tagungen 20, 25, 26, 27, 28 und 30 (Meyer 2013, Anhang „Autorenkorpus“, S. 2).

1350

Vgl. ebd.

1351

Vgl. Olbert 2009, o. S., wo Stefanie Hoster (Hörspielchefin bei Deutschlandradio Kultur und „[e]ine, die Heinz von Cramer gut kannte“, ebd.) im Gespräch richtigstellt: „Er wurde als junger Mann während des Krieges in Berlin versteckt wegen jüdischer Herkunft und nicht etwa wegen Desertion, wie es in Wikipedia steht.“ (Ebd.)

1352

Auch seine Rolle als Künstler scheint von derjenigen der engagierten Gruppe-47-Autoren des ‚inneren Kreises‘ abgewichen zu sein. Zur Erscheinungszeit von Die Kunstfigur lebte er bereits in Süditalien (vgl. Herrmann 1959, o. S.), wo er bis an sein Lebensende blieb (vgl. Olbert 2009, o. S.). Seine Romane sind nicht viel aufgelegt und teils vergriffen. Wichtiger sind aber seine Hörspiele und vor allem seine Hörspielübersetzungen und seine Hörspiel- und Operninszenierungen. Er inszenierte beispielsweise Bachmanns Ein Geschäft mit den Träumen, Henzes Il re cervo oder Die Irrfahrten der Wahrheit oder auch Kafkas Verwandlung und Stücke aus dem Nachlass von Soma Morgenstern. Er erhielt zweimal den Hörspielpreis der Kriegsblinden, für Dieter Kühns „Goldbergvariationen“ und für Friederike Roths „Nachtschatten“ (ebd.); wie es im Nachruf auf Deutschlandfunk heißt, soll er einer der „produktivsten Regisseure[], Bearbeiter und Autoren“ des Hörspiels gewesen sein, habe wohl an die 300 Produktionen verantwortet und sei ein „Regiegigant []“ gewesen (ebd.).

1353

Peitsch 1999, S. 250.

1354

Ebd., S. 250. Es handelt sich nicht um eine ausführliche Analyse, sondern um einen kleinen Teil der bereits weiter oben zitierten Studie zu mehreren Gruppe-47-Texten im Zusammenhang mit dem ‚Fall Schroers‘; vgl. dazu Kap. 3.3.2 in Teil I der vorliegenden Studie.

1355

„Dann bekam ich Bücher von John Belitz in die Hand. Ich verschlang sie. Wir gingen ganz ineinander auf. Man konnte sich ihnen überlassen, ohne Vorbehalt. Da war fester Boden. Führung und Geleit. Was für ein Brocken in diesem Morast, dachte ich, daß das überhaupt noch möglich ist, so ein Mann! Mutig. Auf verwandte Weise zeitnah, konsequent, verantwortungsbewußt.“ (CB 400.)

1356

Vgl. Kap. 2.1 in Teil I der vorliegenden Studie.

1357

Im Verlauf des Kapitels benennt er alle sechs ‚Planziele‘ wie folgt: „Erstes Planziel: Kontakt aufnehmen, oder – wie wir im Verein sagten – kontaktieren.“ (CB 402) / „Zweites Planziel: Luise unter meinen Einfluß bringen, eine gewisse und immer deutlicher profilierte Macht über sie bekommen!“ (Ebd.) / „Drittes Planziel: Eine Bindung herstellen, übers Gefühl, aus der es für sie keine Befreiung gab!“ (CB 403) / „Viertes Planziel: Hart machen die Frau. Sie sollte zerbrechen oder mir ebenbürtig werden. Ausnahme. Elite.“ (CB 405) / „Fünftes Planziel: Prüfung des Materials, die Zerreißproben!“ (CB 408) / „[L]etzte[s] Planziel: Die Feuerprobe!“ (Ebd.)

1358

„Ich sah Luise zum erstenmal an der Autobushaltestelle am Zoo. Hübsch, ein bißchen schmal. Nicht mehr fabrikneu. Unruhige Augen. Ausgehungerter Blick, der einen nur zu streifen wagt, wenn er sich unbeobachtet glaubt. Das kennen wir! Ich sah sie voll an. Sie wurde sofort rot. Man konnte sie zappeln lassen, indem man sie kurz abhängte. Sich auf irgendein Mädchen konzentrierte, das gerade vorüberlief. Schoß man sie dann an, ein bißchen mehr Feuer im Blick – wußte sie nicht mehr, wohin. So was läßt sich rasch und gut einheizen.“ (CB 401)

1359

Es wird deutlich, dass Belitz’ Buch offenbar eine ganz konkrete Anleitung dazu gibt, wenn der Protagonist denkt: „Die Stunde der Bewährung rückte näher, das, was Belitz die ‚Feuerprobe‘ nannte“ (CB 407), oder sich darüber beschwert, dass einige Punkte unklar seien, aber: „Abgesehen von besagten Lücken, gab das Buch von Belitz genügend Anregungen, was die Materialprüfung anbetraf.“ (CB 408).

1360

„Besser schon, vernünftiger, die Forderung an anderer Stelle: ‚Begehe Selbstmord, um deine Liebe zu beweisen!‘ Und Luise wäre mir beinah draufgegangen dabei. Es war ein tapferer Kerl aus ihr geworden, der vor nichts mehr zurückschreckte.“ (Ebd.)

1361

Vgl. Hare 2005, S. 1–6; als wichtigste Symptome nennt er die folgenden Persönlichkeitsmerkmale: heuchlerisch und oberflächlich, egozentrisch und grandios, Mangel an Reue oder Schuldbewusstsein, Mangel an Einfühlungsvermögen, hinterlistig und manipulativ, flaches Gefühlsleben, impulsiv, unbeherrscht, sucht Erregung, verantwortungslos, gestörtes Verhalten als Kind und abweichendes Sozialverhalten als Erwachsener (ebd., S. 30).

1362

Paul 2002, S. 16. In seiner Beschreibung der Entwicklung im öffentlichen Diskurs handelt es sich dabei um die erste Epoche, die er „bis Anfang der 1960er Jahre“ datiert (ebd.; vgl. weiter oben in diesem Kapitel).

1363

Denn wenn eine Eigenschaft von genügend Leuten geteilt wird, ist sie auch dann die Norm, wenn sie schädlich ist. Der Protagonist des Almanach-Kapitels erscheint auch innerfiktional offensichtlich nicht als „protonormal“ (Link); er findet ja außer einer willenlosen Frau niemanden, den er überzeugt, und wie in einer Szene deutlich wird, wenden sich selbst seine alten, nach wie vor fanatischen „Kameraden“ schockiert von ihm ab, nachdem er, um sie zu prüfen, schon im Voraus behauptet, eine Frau habe ihm zuliebe ihr Kind umgebracht (vgl. CB 407).

1364

Vgl. Hare 2005, S. 2.

1365

Paul 2002, S. 16.

1366

Melchert 2000, S. 123; v. Cramer erscheint hier als Vorläufer, wenn sie dazu anmerkt: „Insgesamt konzeptionsbildend wird die Frage nach massenhaft durchschnittlichen Mitläuferfiguren für die deutsche Literatur dann erst viele Jahre später mit Büchern wie Christa Wolfs Kindheitsmuster (1976).“ (Ebd.)

1367

Vgl. zum Motiv der Verführung in der Gruppe 47 auch Bigelow (2018b) und Bigelow [2020]. Hier wie an anderen Stellen deutet der Text allerdings an, dass er im Bewusstsein solcher Narrative geschrieben ist und auch mit ihnen spielt: An einer Stelle zitiert der Erzähler aus Kierkegaards Tagebuch eines Verführers (CB 403), an das seine Geschichte ja auch entfernte Anklänge hat, merkt aber kurz später an: „Nein, ich war kein Verführer, kein Spieler. Ich führte lediglich brauchbares Menschenmaterial einer höheren Bestimmung zu. Erziehung, die Ausbildung zum Besonderen, zur Elite.“ (Ebd.)

1368

Vgl. dazu Kap. 3.3 in Teil I der vorliegenden Studie.

1369

Der Protagonist liest u. a. Benn und Jünger (CB 400), die hier als Ideologieträger erscheinen, aber bekanntermaßen u. a. auch von Andersch sehr verehrt wurden. Auch zitiert der Protagonist Kierkegaard (CB 403), auf den sich auch Aichinger bezieht. Politisch werden neben der Kollektivschuldthese auch wie in der Gruppe 47 – allerdings aus anderen Motiven – die Wehrmachtseinführung (CB 399 f.) und Freisprüche durch die Nachkriegsgerichte (vgl. CB 215) kritisiert.

1370

Schnurre [1961] 1967, S. 161.

1371

Vgl. Kolbenhoff [1949] 1962, S. 102: „Der Geistliche […] war ein großer, dicker Mann, er ging im feierlichen Gleichschritt mit dem Todgeweihten und murmelte ununterbrochen Gebete. Sein Gemurmel begann die unaushaltbare Stille zu überdröhnen; obwohl ich die Worte nicht verstand, begannen sie wie mit Keulen auf mich einzuhauen […]. Die gemurmelten Laute klangen fürchterlicher als der unheimliche Laut, mit dem die Füße über den Sand schlurften. […] Dann sah ich die Gesichter der anderen. Sie gingen direkt hinter den anderen, riesenhafte Männer mit ernsten, feierlichen Gesichtern, die Büttel, und wieder andere mit Menschengesichtern und herabhängenden Armen und gekauften Anzügen. Sie gingen alle im gleichen Schritt wie der gefesselte Mann im rostroten Totenhemd […], und die Melodie, nach der sie marschierten, waren die dröhnenden, unverständlichen Worte des großen, dicken Mannes im weißen Spitzenüberwurf, der ein fremdes Gesicht hatte und ein Gebetbuch in den Händen hielt.“ (Ebd. [Hervorhebungen N. W.].) In dieser kurzen Stelle wird zweimal betont, dass die unheimlichen Worte des Pfarrers „unverständlich“ sind, sein Gesicht wird als „fremd“ beschrieben und die „anderen“ werden in einer unschönen Wortwiederholung gleich dreimal als solche ausgewiesen.

1372

So wenn er von Rampen schreibt: „ehrlich gesagt: warum nicht? und warum / keine rampen? sollen es unsere kinder vielleicht / besser haben als wir? aber woher denn!“ (Enzensberger [1959] 1962, S. 298.) Später nennt er Hitler und Auschwitz: „und ich kenne diesen geschmack nach chlor und blei: / schmeckt ihr es nicht im sahnebaiser, / ihr unaufhörlichen fressenden leichen bei kranzler? / heil hitler! vergelts gott! diesen geschmack / nach auschwitz im cafe flore, im doney, / nach budapest, im savoy, und nach johannesburg?“ (Ebd., S. 299.) Zu Raddatz vgl. Kap. 2.3.1 im vorliegenden Teil II der Studie.

1373

Vgl. Bigelow [2020].

1374

Enzensberger [1959] 1962, S. 297.

1375

Ebd., S. 296.

1376

Ebd.

1377

Ebd., S. 299.

1378

Ebd.

1379

Eingeleitet wird das Gedicht damit, dass das Ich vor 30 Jahren geboren sei, was 1959, als es gelesen wurde, auch für Enzensberger galt.

1380

Einzuschränken ist beispielsweise, dass sich dieses lyrische Ich ganz dezidiert von jedem Kollektiv distanziert, sodass sich die zuhörenden Mitglieder der Gruppe 47 nicht bruchlos aufseiten derer verorten konnten, die nicht zur Verantwortung gezogen werden: „loslassen! loslassen! ich bin keiner von euch und keiner von uns […]“ (ebd., S. 297), heißt es mehrfach variiert. Da ‚ich‘ im ‚wir‘ ja enthalten ist, kann die paradoxe Formulierung zudem auch so verstanden werden, dass sich der Sprechende nicht vom Schlechten, das er auflistet, ausnimmt; auch an der oben zitierten Stelle klingt an, dass das Ich von ‚ihnen‘ auf ‚deren‘ Seite gezogen wird, in seiner Position als Stimme und Ort der Moral also nicht stabil ist. Trotz dieser starken Störungen baut aber das ganze Prinzip des Texts auf einer Anklage an die Anderen auf, die das ‚Gutsein‘ der Ichs erschweren.

1381

Diese exzessive Benennung erfolgt bereits zu Beginn im eher positiven Sinne: „Die Ungarinnen küßten ihm die Hand. Die Italiener warfen Kußhändchen, die Franzosen sangen. Und den armen Teufeln aus Polen und der Ukraine flossen die Tränen über das Gesicht, und sie verneigten sich tief, fast bis auf die kirschfarbenen Stiefel des fremden Soldaten. Der schob wortlos die Menge mit einer Handbewegung zur Seite.“ (Nowakowski [1959] 1962, S. 302.) Im Verlauf der Erzählung kommen auch immer mehr negative Stereotype zum Tragen und alle verhalten sich zunehmend unmoralisch. Die Amerikaner erscheinen vor allem gefühllos, so wenn sich ein Offizier vor dem Lager einer „Gruppe von verweinten Jüdinnen“ (ebd., S. 302) nähert und keinerlei Mitgefühl zeigt: „Er […] drückte ihnen nicht die schmutzigen Hände, brach nicht in Tränen über sie aus […], er stand nur breitbeinig da und betrachtete sie, ein ausländischer Tourist, von weit her. Sie hatten einander nichts zu sagen.“ (Ebd., S. 302 f.) Im Verlauf des Texts wird auch eine Barbarisierung der verschiedenen gefangenen Nationalitäten immer weiter aufgebaut; die ganze Stadt erscheint wie ein Gruselkabinett, da durch die nach wie vor betonte Nennung der Nationalitäten mit den verschiedenen Herkünften korreliert wird: „Unweit der sich vor Schmerzen windenden Leiber auf der Schwelle des geplünderten Warenhauses lagen zwei betrunkene französische Gefangene, […] der Balustrade des Marktbrunnens spie eine alte Frau mit wirrem Haar und einem weißen Adler auf dem Ärmel Blut. Zigeunerkinder bestreuten sie mit Mehl aus einem Sack […]. Und dort, jenseits des Kanals hatten ein paar Serben auf einem Nebengleis einen Zisternenwagen mit Alkohol entdeckt. Hunderte von Menschen liefen dem Bahnhof zu […]. An der Spitze der dahinjagenden Herde schoben sich die Serben vor. […] Zu Boden Getrampelte und Eingekeilte schrien auf. […] Die kräftigeren Franzosen stießen die Serben zur Seite.“ (Ebd., S. 203.)

1382

Vgl. dazu weiter unten in diesem Kapitel.

1383

Die Deutschen werden in der ganzen Handlung nur einmal explizit erwähnt: man plane „eine Überführung in die von den Deutschen verlassenen Kasernen.“ (Ebd., S. 304.) Ebenfalls einmal fällt der Name Hitler: Für die Feier am Schluss des Kapitels versammelt man sich auf dem „Fußballplatz der ‚Hitlerjugend‘“ (ebd., S. 307). Die Deutschen sind also nur als dezidiert Abwesende im Text vorhanden, als die, die die Kasernen und Fußballplätze zurückgelassen haben – und erst in ihrer Abwesenheit haben sich die so plastisch geschilderten bestialischen Zustände entwickelt. Durch die Betonung aller anderen Nationalitäten erscheinen diese im Gegenteil als Anwesende, und die Betonung der Gleichgültigkeit und unangemessenen Verhaltensweisen der US-amerikanischen Befreier verschiebt die Rollen verglichen mit den tatsächlichen Begebenheiten noch zusätzlich. Diese Darstellungsweise ist deshalb besonders interessant, weil Nowakowski selbst von 1940–1945 in mehreren Konzentrationslagern interniert gewesen sein soll (vgl. Lewandowski 2016). Später soll er, weil er deutsch sprach, in ein Arbeitslager verlegt worden sein; er floh nach dem Krieg aus Polen und lebte lange als ‚displaced person‘ (ebd.). Die Abwesenheit von deutschen Tätern im Text ist schon aus diesen Gründen etwas anders zu werten; sie ist hier nicht das Produkt einer unkritischen Darstellung des ‚Eigenen‘, weil Nowakowski kein Deutscher ist und der Text zuerst auf Polnisch erschienen ist und weil überhaupt keine guten Figuren vorkommen, die dem Bestialischen dichotomisch entgegenstehen. Dennoch ist es nicht unwahrscheinlich, dass er aus Sicht der Gruppe 47 als Apologie oder zumindest Relativierung der deutschen Schuld rezipiert wurde.

1384

Der Titel „Weltreise auf Deutsche Art“ scheint ironisch und deutschlandkritisch zu verstehen zu sein, gleichzeitig ist der Text aber in Bezug auf Deutschland auch apologetisch angelegt. Er handelt nämlich wie viele ‚Nazi‘-Erzählungen von historischen deutschen Untaten und einem Genozid, an dem die Deutschen zwar eine Mitschuld zugeschrieben wird, aber andere als Barbaren erscheinen: Heute gilt das, was Andersch als Krieg mit den Herero schildert, als Genozid durch die Deutschen. Auch wegen derselben Dauer der traumatisierenden Zeit (7 Jahre: 1899–1906 bzw. 1939–1946, wenn die Gefangenschaft mitgezählt wird) liegen Parallelen zu damals populären NS-Deutungen nahe, die sich über den empfundenen Zwang des Protagonisten, sich an den deutschen Untaten zu beteiligen bis hin zum latent gehaltenen deutschen Genozid ziehen. Durch die Evokation des Genozids an den Herero ist der Text einerseits subtil sehr kritisch; er zeigt auch – abstraktes – Mitgefühl für die Opfer (wenn beispielsweise vom „verdurstenden schwarzen Volk“ geschrieben wird; ebd., S. 96). Es überwiegt aber auch hier der Aspekt der Auslagerung von unmoralischem Verhalten: Nicht nur wird eine NS-Allegorie zeitlich versetzt und örtlich fast buchstäblich ans andere Ende der Welt verschoben. Die meisten Figuren in dieser Wildnis erscheinen unmoralischer als der deutsche Protagonist. Er wird zudem gerade durch seine Teilhabe an kämpferischen Untaten zum Opfer, indem er als „unfreiwillige[r] Weltfahrer“ (ebd., S. 92) konstruiert wird, der unter seiner Pflicht leidet. In diesem Sinne ist er nicht mehr derselbe wie vorher, als er schließlich nach Hause kommt: Seine Frau hat zwar auf ihn gewartet, er bekommt auch ein Kind, aber er scheint nachhaltig traumatisiert, kann nicht mehr lachen und darf, wie er zuletzt berichtet, nicht zu viel trinken, um nicht ins Erzählen zu geraten (vgl. ebd., S. 97). Obwohl diese Konstellation für eine genauere Betrachtung aufschlussreich erscheint, wird von einer vertieften Analyse abgesehen: Andersch nimmt in der vorliegenden Studie bereits viel Raum ein, und hier scheint es sich um einen der weniger typischen Gruppe-47-Texte zu handeln.

1385

Damit klingt das orientalistische Motiv einer Dämpfung von Körper und Geist durch die Bewegung nach Süden an; wie auch in der Rede des Protagonisten vom „flüssigen Blei eines träge unter der Hitze brodelnden Meeres“ (Andersch [1949] 1962, S. 89).

1386

So empfindet er die Chinesen als „ruhige und freundliche Leute“; besonders wenn er sie mit anderen ‚Völkern‘ vergleiche, den „Bewohnern des Balkans etwa, die, seinen Erfahrungen nach, sich einen Streit, den nicht ein Faustschlag oder das gezückte Messer beendete, gar nicht vorstellen konnten.“ (Ebd., S. 90.) Trotz einiger Distanzierungsgesten von der Haltung dieses Protagonisten werden seine ‚Völkerkunde‘ und die Orientalismen und Rassismen vom Text nicht demontiert.

1387

Rühmkorf [1960] 1962, S. 362 f.; der ganze Text lautet: „Ich bin der Herr Kannitverstan, / ganz ohne Ernst und Grund. / Du hältst um weise Rede an, / ich leck an Himmels Spund. / Spät kommt, doch kommt der große Spaß, / der kehrt das Gerade um. / Er nimmt an meinem Buckel Maß / und heißt die Erde krumm / Mit einem Kebsvogel zeuge ich / ein lustig Feuerlein- / Die Stirn ist schön unleserlich, / ich grab auch nichts hinein. / Doch düng ich dann mit Feen-Kot / ein bleiches Stück Papier, / pickst du von meinem Jamben-Brot / als wär es Stoff von mir. / Die ganze Seele gibst du her / für luftigen Erlös; / und Ein- und Krebsgang segnet ER, / der Wind im Laubgekrös. / Er soll für nichts gepriesen sein, / der kuppelnde Eunuch. / Das rührt an Rock und Hosenbein / und schlägt als Lust zu Buch.“

1388

Ebd., S. 363.

1389

Ebd., S. 361. Ob die Rassismen problematisiert wurden – wie die oben beschriebene Debatte um Amery zeigt, war man ja durchaus sensibilisiert gegenüber Exotismus (vgl. Kap. 3.3.3 im vorliegenden Teil II der Studie) – ist nicht dokumentiert; den Dokumenten ist nur zu entnehmen, dass Rühmkorf bei dieser Lesung noch sehr erfolgreich gewesen, aber im Folgejahr mit sehr ähnlichen Gedichten durchgefallen sei. Vgl. Böttiger 2012, S. 245 f., ausführlich dazu Kohl 1999, S. 159–178.

1390

Bachér [1958] 1962, S. 287.

1391

Das verdeutlicht eine Textstelle vom Schluss der Erzählung, als die Protagonistin endlich aus ihren Fieberträumen erwacht und nach dem Kapitän fragt, der sie an Deck bringen soll, damit sie das Auftauchen des Lands sehen könne: „Was nützte ihr der Ruf, daß Jamaika zu sehen sei, irgendwann am Morgen. Sie wollte Stunde um Stunde lang auf der Brücke stehen und den ersten Anblick der Küste erwarten. […] Es war nicht Herr Fischer, der hereinkam, sondern ein braungesichtiger Junge, einer von der Mannschaft, die sie in all den Tagen ihrer Fahrt noch nie gesehen hatte. ‚Natürlich können Sie mit uns auf Wache gehen‘, sagte er. ‚Danke. Ich wußte nicht, daß es so einfach ist.‘ Er lachte verlegen, und sie legte sich aufatmend zurück und dachte, daß sie aus dem Kreis wäre. Da fühlte sie wieder die wiegende Bewegung des Schiffes, nahm sie nun geduldig hin und sagte: ‚Ich liebe das Schiff.‘ Und der Junge lachte nicht mehr, sondern erwiderte sachlich: ‚Ja, es ist brauchbar, aber doch nicht mehr ganz neu. Jetzt baut man alle Kabinen mit Klimaanlagen.‘ Und er blieb bei ihr stehen und erklärte seine Meinung von dem Schiff.“ (Ebd., 287 f.) Hier ist abgesehen von der ersten Beschreibung betont unwichtig, dass der Junge, mit dem sie sich unterhält, ‚braungesichtig‘ sei. Er spricht ohne imitierten fremdartigen Akzent (wie das die Italiener bei Richter oder der „Kannitverstan“ bei Rühmkorf tun), er bringt eine gute Nachricht und benimmt sich fast ausgestellt sachlich und unauffällig.

1392

Vgl. Kap. 3.3.3 im vorliegenden Teil II der Studie.

1393

Vgl. Kap. 2.3.3 im vorliegenden Teil II der Studie.

1394

Vgl. Kap. 2.3.1 im vorliegenden Teil II der Studie.

1395

Franz Joseph Schneider: Die Mandel reift in Broschers Garten; Paul Celan: In Ägypten; Wolfgang Weyrauch: Mit dem Kopf durch die Wand; Tadeuz Nowakowksi: Polonaise Allerheiligen; Siegfried Lenz: Gelegenheit zum Verzicht.

1396

Vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

1397

Man erzählt sich, die Jüdinnen seien schon in „seidene[] Morgenröcke[]“ gekleidet und in Villen untergebracht (Nowakowski [1959] 1962, S. 307), während andere Gefangene noch im Dreck auf ein Quartier warteten, was zu einer Kaskade von antisemitischen Vorwürfen führt: „‚Was?‘ Sie griffen sich an den Kopf. ‚Mit Jüdinnen?‘ ‚Da sieht man’s ja, wie diese Lumpen für ihre Leute sorgen‘, schrie jemand mit neidzerfressener Stimme. ‚Ein Jud wird den andern immer unterstützen, und du, Christenvolk, verreck wie ein Hund, wie ein Hund!‘ ‚Kak sobaka!‘ wiederholten ein paar Dutzend Stimmen auf russisch. ‚Bist ja kein krätziger Jude wie die‘, stöhnte ein altes Weib mit einer Männermütze.“ (Ebd., S. 305.)

1398

Ein junges Mädchen, das Jüdin ist und ebenfalls noch auf eine Unterkunft wartet, ergreift gegen die antisemitischen Zuschreibungen die Stimme, indem sie selbst losschimpft: „Aber uns haben sie auch in Öfen verbrannt […] Und ihr habt mit den Bauernkerlen in den Scheunen rumgehurt‘“ (ebd., S. 305) – was alle anderen dazu bringt, sich auf sie zu stürzen. Ein Mann will sie verteidigen, aber schließlich werden das junge Mädchen und der Mann grausam umgebracht: „Die rasende Menge drückte die beiden mit einem Schwunge an die Wand. Eine Lawine von Brüsten, Bäuchen und Knien klemmte sie ein […]. Sie wurden beide umgerissen. Ihre Münder mit Säcken verstopft. Weiber fielen über das verhaßte semitische Gesicht her, preßten die Augen in die Höhlen, zerrten an den kurzen Haaren, packten die roten abstehenden Ohren und rissen sie hin und her. […] Durch die Sackleinwand drang ein leises Fiepen wie von einer Katze. Der Mann mit dem Aussehen eines Professors warf sich nicht mehr wie ein Fisch im Netz, schlug nicht mehr mit den Beinen um sich und hörte zu röcheln auf. Seine Bewegungen wurden immer schwächer, bis er, erstickt, langsam erstarrte. ‚O Jesu‘, schrie plötzlich eins von den Weibern auf. ‚Sie sind tot!‘“ (Ebd., S. 306.) Gleich darauf erfährt man, dass das Gerücht nicht gestimmt hatte, was die Grausamkeit dieser Entwicklung noch deutlicher ausstellt.

1399

Vgl. Hahn 2007, S. 65 f., der aber auch den progressiven Impetus der Konstruktion im Vergleich zu vorherrschenden universalisierenden Diskursen oder der häufigen Täter und Opfer umkehrenden Diskursen in der Nachkriegszeit und in anderen Texten Weyrauchs betont (vgl. ebd., S. 64 f.); vgl. zu Weyrauch auch Kap. 1 in Teil III der vorliegenden Studie.

1400

Auch hinsichtlich Fragen von Identität und Nicht-Identität ist diese Figur interessant gestaltet; sie ist die einzige Reflexionsfigur des Texts, als einzige jüdische Figur im Almanach überhaupt eine Ich-Erzählerin, und die Intention, ihr positive Züge einzuschreiben, wird schon daran deutlich, dass sie Texte denkt, die Weyrauch andernorts als seine eigenen Haltungen vertreten hat. Allem voran sieht man das an der Schrift, die die Protagonistin in ihrem Wahn an der Wand sieht; diese wird mit Weyrauchs eigener Vorstellung des Schreibens als „Schrift an der Wand“ korreliert (vgl. zu dieser Vorstellung Landzettel 2003, S. 320 f.; zu „Mit dem Kopf durch die Wand“ vgl. auch ebd., S. 387–392 m. w. H.). Weil das Hörspiel dabei ganz genuin von der Leidenserfahrung der Protagonistin handelt, wird sie trotz dieser Annäherung weniger von ihm vereinnahmt oder gar als alter ego gestaltet, wie das für Anderschs Efraim (1967) mehrfach beschrieben wurde (vgl. u. a. Klüger 1994, S. 18; Feuchert 2016).

1401

Vgl. dazu Landzettel 2003, S. 350.

1402

Zwar befassen sich auch seine anderen Almanach-Gedichte mit dem Holocaust; nur hier sind aber jüdische Figuren explizit benannt.

1403

Der Text des Gedichts lautet: „IN ÄGYPTEN Du sollst zum Aug der Fremden sagen: Sei das Wasser. / Du sollst, die du im Wasser weißt, im Aug der Fremden suchen. Du sollst sie rufen aus dem Wasser: Ruth! Noemi! Mirjam! / Du sollst sie schmücken, wenn du bei der Fremden liegst./ Du sollst sie schmücken mit dem Wolkenhaar der Fremden, / Du sollst zu Ruth und Mirjam und Noemi sagen: /Seht, ich schlafe bei ihr! / Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken. / Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam/ und Noemi. /Du sollst zur Fremden sagen: / Sieh, ich schlief bei diesen!“ (Celan [1952] 1962, S. 150; vgl. dazu Wiedemann 2005, S. 610 f.)

1404

Vgl. ebd.; zu diesem Gedicht und Parallelen dazu in Bachmanns Erzählung „Alles“ (gelesen 1959), vgl. auch Kap. 3 in Teil III der vorliegenden Studie.

1405

Nach seinem Aufsatz „Kulturkritik und Gesellschaft“ (1951), in dem er diese Aussage ursprünglich machte, äußerte sich Adorno noch mehrfach zu der Frage, wie Schreiben nach Auschwitz möglich sei; seine wichtigsten Stellungnamhen zu dieser Frage und die Reaktionen zahlreicher deutscher Schriftstsller darauf wurden im sehr aufschlussreichen Band Lyrik nach Auschwitz? (2006) von Petra Kiedaisch zusammengestellt, die im Vorwort die verkürzte Rezeption von Adornos Essay nachzeichnet und auf die wichige Rolle der Lyrik Celans für seine Überlegungen hinweist (ebd., S. 16 f.).

1406

Vgl. weiter oben in diesem Kapitel.

1407

Da im Forschungsprojekt, in dessen Rahmen die vorliegende Studie entstanden ist, durch Jennifer Bigelow ([2019]) eine umfangreiche Relektüre der Blechtrommel hinsichtlich der Verarbeitung individueller Schuld geleistet wurde, wird hier von einer weiteren Relektüre abgesehen.

1408

Sieg 2017, S. 245.

1409

Klüger 1994, S. 36; sie umschreibt seine Figur wie folgt: „Wie der typische Jude der Nazi-Presse ist auch Markus als Mann unattraktiv, doch voll Begierde nach einer arischen Frau. Als Mensch ist er lächerlich, denn er handelt und sieht aus wie ein Hund. Als einzelner ohne jüdische Gemeinde oder Familie, ohne Tradition oder Religion, doch mit der Raffinesse des Trödeljuden ausgestattet, mit der er Agnes billige Seidenstrümpfe verschafft, führt er ein Parasitenleben, ohne Überzeugungen und in der sinnlosen Hoffnung, daß die Taufe ihm zu einem besseren Dasein mit Agnes in England verhelfen könne. […] Und da sein Leben nichts anderes zu enthalten scheint als eine törichte erotische Hörigkeit und einen Laden voll nicht gerade hochwertiger Gegenstände, so geht auch nicht viel verloren, wenn die Kristallnacht diesem Laden und Leben ein Ende setzt.“ (Ebd., S. 23.)

1410

Wie Matthies formuliert: „[M]it Fajngolds Ankunft im Hause der Matzeraths halten Raffgier und Materialismus Einzug, ja er ist ökonomischer Nutznießer der Niederlage der Deutschen: ‚Herr Fajngold übernahm sofort das Kolonialwarengeschäft, zeigte seiner Frau Luba, die aber weiterhin unsichtbar blieb und auch keine Antworten gab, die Dezimalwaage, den Petroleumtank, die Wurststange aus Messing, die leere Kasse und hocherfreut die Vorräte im Keller‘. […] Damit geht eine Enteignung der Matzeraths einher, die von nun an im Keller leben.“ (Matthies 2017, S. 181.)

1411

Das beschränkt sich nicht auf seine Leidenschaft fürs Rechnen und seine allmähliche Verdrängung der Familie, sondern zeigt sich vor allem in einem enormen Geschick beim Tauschen von Waren auf dem Schwarzmarkt, durch die er zur Verwunderung aller in kürzester Zeit aus Kunsthonig und Haferflocken Pelze und Nähmaschinen ertauscht. Seine ganze Entwicklung im Roman erinnert an die Vorstellung, die Juden hätten vom Krieg profitiert (vgl. ebd., S. 181 f.).

1412

Wie Matthies hervorhebt, bleibt er denn auch in Besitz des Ladens zurück, als die Familie im Güterzug Richtung Westen abreist; ein besonders deutlicher Vergleich der Verteibung mit dem Holocaust und durch den verschont bleibenden Juden eine Art Umkehr (vgl. ebd., S. 182).

1413

Richter 1979, S. 90; vgl. dazu Arnold 2004, S. 52, der diesen Unterschied in der Kritikfähigkeit zwischen Richter und Andersch sieht, und Böttiger 2012, S. 101, der den Erfolg des Romans deswegen „durchaus auch als Ergebnis der Gruppenkritik“ (ebd.) versteht.

1414

Wahrscheinlich ist der Schluss dieser Anekdote wörtlich zu verstehen und die alte Fassung wurde vernichtet. Allem Anschein nach ist sie zumindest heute nicht mehr erhalten; so hat Gansel (2011) im Archiv zur Entstehungsgeschichte geforscht und begleitende Typoskripte, aber keine Vorstufen des Texts erwähnt, und schon im Almanach ist das erste Kapitel der fertigen Romanfassung abgedruckt.

1415

Böttiger 2012, S. 101.

1416

Vgl. Gansel 2011, S. 15–18.

1417

Vgl. zu Richters außerliterarischen Positionen Kap. 3.3 in Teil I der vorliegenden Studie.

1418

Zur Entstehungsgeschichte des Romans vgl. Gansel 2011, der u. a. ein unveröffentlichtes Typoskript Richters mit dem Titel „Die Entstehung des Romans ‚Die Geschlagenen‘ oder Von den Schwierigkeiten mit Klischees fertig zu werden“ dazu gesichtet hat (dazu ebd., S. 12–14). Genauere Informationen zu den von der Gruppenkritik zerrissenen Kapiteln scheinen darin aber leider auch nicht erhalten zu sein.

1419

Bereits 1950 wurde der Roman mit dem Fontane-Preis der Stadt Berlin ausgezeichnet, und wie Walser betont hat, handelte es sich darüber hinaus um „das erste Buch aus diesem Kreis, das allgemeine Aufmerksamkeit nicht nur in Deutschland erregte.“ (Walser [1952] 1967, S. 279.) Es wurde 1951 auf Französisch übersetzt und auch in der internationalen Presse gelobt (vgl. ebd.: „‚Il s’agit … d’une conception générale de la vie humaine …‘, hieß es in Le Monde, als dieser Roman ins Französische übersetzt wurde“; vgl. dazu auch Gansel 2011, S. 24 f.).

1420

Gansel hat im Archiv rekonstruiert, dass mehr als 100 Rezensionen dazu erschienen sind (ebd., S. 25). Noch 2 Jahre nach dem Erscheinungstermin wird Richter in einem Tagungsbericht aus Bad Dürkheim als der „mit dem Fontane-Preis ausgezeichnete Verfasser der Geschlagenen“ ausgewiesen (Rohnert [1951] 1967, S. 58). Auch in der Spiegel-Titelgeschichte über die Gruppe 47 aus dem Jahr 1962 wird er noch hervorgehoben und erwähnt, dass die „Rezensenten […] das Erfolgsbuch, das seither in sieben Sprachen übersetzt worden ist, mit Remarques eklatantem Anti-Kriegsroman ‚Im Westen nichts Neues‘ verglichen“ hätten (o. A. [1962] 1967, S. 301). Und auch nach dem Ende der Gruppe 47 blieb der Roman noch lange im kulturellen Gedächtnis erhalten. Im Jahr 1971 wurde in Trommlers kritischem Aufsatz zur ‚Stunde null‘ (1971; vgl. dazu Kap. 1.2.2 in Teil I der vorliegenden Studie) neben Texten von Böll und Schnurre hervorgehoben: Er sei „eine erste gründliche Abrechnung“ damit, „daß der Nullpunkt noch gar nicht eingetreten sei, sondern die alten Ordnungen und Denkhaltungen weiterbestünden, der Krieg als Zwischenfall apostrophiert werde und die moralische Reinigung noch immer auf sich warten lasse.“ (Ebd., S. 20.)

1421

Im Jahr 1982 wurde Richter für sein „epische[s] Werk“ mit der „Ehrengabe“ des Kulturkreises ausgezeichnet und Die Geschlagenen als einer der Gründe für die Auszeichnung explizit erwähnt (Bender 1997, S. 147), und Arnold lobt ihn in seiner Erinnerung an die Nachkriegsliteratur 1993 als einen der „wichtigsten frühen Romane, die mit Krieg und Nazi-Herrschaft abrechneten […].“ (Arnold 1993, S. 22.)

1422

Vgl. Böttiger 2012, S. 100: „Das Buch wurde ein recht großer, auch internationaler Erfolg (auf Anhieb wurde es in neun Sprachen übersetzt). Auch Friedrich Sieburg, der sich kurze Zeit später als wichtigster Gegner der Gruppe 47 entpuppte, lobte Die Geschlagenen als das bis dahin beste Kriegsbuch eines Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg.“ Vgl. auch Spiegel-Titelgeschichte aus dem Jahr 1962: „Kritiker Friedrich Sieburg, seit Anbeginn dezidierter Gegner der ‚Kahlen Welle‘, gestand damals dem Fontanepreisträger Richter ‚hohe Erzählgabe‘ zu.“ (O. A. [1962] 1967, S. 301.)

1423

Vgl. auch Richter selbst im Interview mit Zimmermann 1992 (ebd., S. 117), der behauptet, dass der (immerhin ca. 250 Seiten starke) Roman in zwei Monaten entstanden sei. Arnold wie Böttiger betonen in ihren Gruppe-47-Darstellungen, dass Richter als Autor wenig ernstgenommen worden sei, wobei Die Geschlagenen aber noch als bester seiner Texte erscheint (Böttiger 2012, S. 101: „Der Roman hat zwar seine literarischen Schwächen, aber er ist handwerklich recht sauber geschrieben.“)

1424

Hoffmann (2006) macht die „Selbststilisierung zu Opfern des Nationalsozialismus“, die auch in den anderen Werken der ‚jungen Generation‘ zu bemerken sei (ebd., S. 110), unter anderem an der Gleichsetzung der ‚Nazis‘ mit der US-Armee fest (ebd., S. 109); vgl. dazu weiter unten in diesem Kapitel.

1425

Geppert 2011, S. 207 f.; wie er ausführt: „Kriegsheimkehrer mit Richters Erfahrung hatten nicht das Gefühl, schuldig geworden zu sein. Jedenfalls findet sich davon in ihren zeitgenössischen Texten keine Spur.“ (Ebd., S. 208.) Vielmehr sei der Text ein weiteres Pamphlet gegen die Kollektivschuldthese (ebd.).

1426

Böttiger 2012, S. 49, S. 99.

1427

Ebd., S. 100.

1428

Bogdal 2017, S. 241 f.: „Im Roman [Heinz Rein: Finale Berlin] wird ein ‚Endkampf‘ minutiös beschrieben und dokumentiert. Doch der Titel Finale dämpft die Leseerwartungen hinsichtlich eines heroisch-tragischen Schlachtenepos nach dem narrativen Muster z. B. der Schlacht bei den Thermopylen oder des wohl erfolgreichsten deutschen historischen Romans, Felix Dahns Ein Kampf um Rom (1876): einer Mythisierung des Aufstiegs und Niedergangs eines ‚nordischen‘ Volks, der Goten, durch Verrat und Hinterhalt, gegen den die Helden den Opfertod setzen. Im Unterschied zu Rein rufen andere Romantitel wie Hans Werner Richters Die Geschlagenen (1949), Rolf Bongs‘ Die feurige Säule (1953) und Wolfgang W. Parths Die letzten Tage (1946) genau diese kulturellen Semantiken auf.“

1429

Gansel 2011, S. 21.

1430

Ebd., S. 22.

1431

Vgl. ebd.; Die Geschlagenen wird in der Folge im vorliegenden Kapitel im Fließtext zitiert (Sigle: RG 188).

1432

„‚Konzentrationslager‘, dachte er, ‚wie in einem Konzentrationslager‘“ (RG 199); vgl. Gansel 2011, S. 23.

1433

Ebd., S. 23.

1434

Ebd., S. 24.

1435

Vgl. ebd., S. 27 f.: „Es war dies allerdings ein Ansatz, den Hans Werner Richter bei der Verarbeitung seiner Kriegs- und Nachkriegserfahrungen weder leisten wollte noch konnte.“

1436

Ebd., S. 16.

1437

Ebd., S. 20.

1438

Vgl. Gansel 2011, S. 15–19 und Wehdeking 1971, S. 128–131 f. Der Anspruch, bestehenden kritischen Lektüren der letzten Jahrzehnte eine neuere Lesart entgegenzuhalten, wird so nicht überzeugend eingelöst.

1439

Embacher 1985, hier zit n. Gansel 2011, S. 27.

1440

Ebd.

1441

Vgl. ebd., S. 27.

1442

Ebd., S. 27 f.

1443

Daneben gibt es auch andere ‚Evaluationen‘, die relativ elaboriert eingearbeitet sind; so eine christliche, wenn die Soldaten gleich zu Beginn ihre eigenen Kreuze transportieren, wie Jesus sein eigenes Kreuz trug, die moralisch integerste Figur neben dem Protagonisten „Santo“ heißt, die Geliebte ihm ein Madonnenbild mit dem Text, Madonna möge ihn beschützen, hinterlässt. Zudem, wie Gansel auch beschreibt, ist die Deutung der US-Gefangenenlager als KZs sehr dominant.

1444

Gansel 2011, S. 28.

1445

Vgl. ebd., S. 27.

1446

Die Haltung vertritt er durchgängig, und sie wird auch von der zweiten moralisch sehr integren Figur Santo vertreten, obwohl es durchaus auch andere Stimmen gibt; vgl. u a. die Szene, in der Gühler und Santo über die italienische Geliebte Gühlers sprechen; „‚Sie haßte uns?‘ fragte Santo. ‚Ja, vielleicht weil sie uns liebte, deshalb haßte sie unsere Brutalität und unsere Großmannssucht. Sie wußte, daß wir den Krieg verlieren würden, und sie wünschte es uns.‘ ‚Den Nazis?‘ ‚Nein, uns allen, uns, die wir mit unseren Kommisstiefeln durch ihr Land liefen.‘ ‚Aber sind wir nicht genauso gegen den ganzen Mist wie sie?‘ ‚Wir werden für sie immer die Verteidiger einer Sache sein, die ein Verbrechen ist. Auch wenn wir dieses Verbrechen ablehnen. Auch wenn wir es bekämpfen.‘ (RG 174.)

1447

Vgl. Kap. 3.2.3 und 3.3.2 in Teil I der vorliegenden Studie.

1448

Der Name klingt italienisch, er hat betont dunkle Augen (RG 162) und versteht auch sehr gut italienisch (vgl. RG 174, wo er als einziger den Text „Die Madonna möge dich beschützen in der Schlacht“ übersetzen kann); er ist aber deutscher Unteroffizier und hat einen „schwäbelnden Unterton“ (RG 158).

1449

Da sie Deutsch spricht, weil ihre Mutter aus Mera ist, ist sie auch nur ‚halb fremd‘ (vgl. RG 60). Ihre Rolle wäre interessant genauer zu beleuchten, da sie ähnlich wie die Jüdin in Schneiders Almanach-Erzählung „Die Mandel reift in Broschers Garten“ ([1949] 1962; vgl. Kap. 2.1 im vorliegenden Teil II der Studie) vor allem betont, wie gut sich Gühler verhalte und dass sie sich viel mehr von den Amerikanern fürchte; „denen da drüben“ (RG 62), die nun an die Macht kämen.

1450

Im ersten Bild erscheinen die „Itaker“ als „zerlumpte Kinder“, die spöttisch schreien: „Tedesko kaputt, Tedesko kaputt.“ (RG 10) Danach gibt es mehrere barbarisierende Szenen, so wenn italienische Frauen sich wie Tiere benehmen, stinken und plündern (RG 27), nachdem ihnen Gühler gerade noch mitleidig Essen gegeben hatte (vgl. RG 26 f.). Eine weitere italienische Figur erscheint als ‚verrückter‘, aggressiver Eseltreiber, vor dem die Deutschen von den Amerikanern beschützt werden müssen: „‚Die haben uns mit einem italienischen Eseltreiber aus dem Loch geholt, einer, der die Maultiere abgeliefert hat. Der war ganz verrückt, der Hund. Hatte eine Flinte und wollte uns abknallen […]. Die Amis haben ihm die Flinte abgenommen.‘“ (RG 146.)

1451

Vor allem gleich auf den ersten Seiten, vgl. RG 10, 15, 23, 24.

1452

Vgl. dazu Wehdeking 1971, S. 130, der dazu viele Beispiele zusammengetragen hat. Richter nuanciere sehr genau und lasse z. B. Hahnemann von „Aufräumen“ sprechen, wenn er töten meine, während „Gühler die Dinge beim Namen nennt“ (zit. n. ebd.); als die Italienerin von einem Bauchschuss getötet wird, konstatiert das Breutzmann „laut“, dagegen „kann der mitfühlende Gühler nur ‚flüstern‘“ (zit. n. ebd.).

1453

„‚Mensch‘, sagte er, ‚alles Nutten.‘ Gühler warf eine Konservenbüchse nach der anderen von dem Wagen herunter. Hahnemann sagte: ‚Was machst du denn da?‘ ‚Die haben Hunger.‘ ‚Du bist verrückt. Für jede Konservenbüchse kannst du mit einer von denen schlafen.‘ Hahnemanns breites, fleischiges Gesicht strahlte. ‚Mach’ es wie wir‘, sagte er und zeigte auf zwei Flaschen Olivenöl in seiner Tasche. ‚Für jede Flasche einmal.‘ Gühler sah Hahnemann an und schwieg. Er nahm die restlichen Konservenbüchsen und warf sie den Frauen zu.“ (RG 27.)

1454

Gansel 2011, S. 20 f.

1455

Auch in dieser Lesart Slivenkas geht es um die Haltung der am ehesten autofiktional lesbaren Figur Krauser: „In Krauses Argumentation wird der konkrete Ort der Tat – ‚das Lager‘ – in doppelter Weise exterritorialisiert: in der Forderung nach dem Rückbau des Lagers und in dessen Verortung ‚am Rande unseres Lebens‘ (567) und jenseits ‚unserer‘ Zivilisation. ‚Wenn es das Lager nicht gäbe‘ – behauptet Krause – ‚gäbe es auch die Hoffnungslosen nicht. Das hängt alles zusammen‘ (665).“ (Śliwińska 2011, S. 80.)

1456

Zwar setzen zunächst vor allem die unsympathischeren Figuren Amerikaner und Juden in ‚Nazi‘-Jargon gleich, während sich Gühler dagegen ausspricht: „‚Alles Juden‘, sagte Grundmann. ‚Amerikaner‘, antwortete Gühler“ (RG 149); oder: „‚Wir werden siegen‘, sagte er, ‚daran ist kein Zweifel. Die Juden werden diesen Krieg verlieren.‘ Ein Beifallssturm raste durch den Küchensaal. Dann sprach er von dem eisernen Willen des Führers, von der Festung Europa und von der Notwendigkeit, den jüdischen Einfluß auszurotten. ‚Idiot‘, flüsterte Gühler.“ (RG 241) Aber gerade in dieser Hinsicht belehrt einen der Text hier eines Besseren.

1457

Diesem Gespräch war, wie eingangs zitiert, die ‚Vorsondierung‘ mit dem amerikanischen Offizier vorangegangen, der anders als der deutsche Leutnant offenbar ehrlich mit Gühler geredet hat, sodass an dieser Stelle schob bekannt ist, dass es „gewisse[] Widerstände“ gegen ihn gegeben habe: „‚Man sagt, Sie seien kein Nationalsozialist, man hat in Ihrem Unterricht manches Haar gefunden. Er soll nicht einwandfrei sein.‘“ (RG 272.)

1458

Bielek, der Protagonist, der den Juden holen kommen soll, ist ein Angehöriger der ‚Wir-Gruppe‘ des Dorfes; es wird betont, dass er „ihre“ Uniform, d. h. die Uniform der Nazis, tragen müsse; er leide so sehr darunter, dass er unterwegs fast zusammenbreche. Heilmann ist der Jude, der unter dem Beileid auch weiterer Einwohner des Dorfs abgeholt wird; vgl. weiter oben in diesem Kapitel (4.2.2).

1459

Zu diesem Stereotyp vgl. bereits weiter oben in diesem Kapitel zu Matthies’ (2017) kritischer Blechtrommel-Lektüre; vgl. auch Gubser 1998, S. 146 f. und ebd., S. 120–123 zum „Trödeljuden“; auf dieses Figurenstereotyp wird noch einmal in Kap. 1.2.3 in Teil III der vorliegenden Studie eingegangen.

1460

Auch in dieser Verschlagenheit und der Fähigkeit, trotz Mangel an wertigen Dingen reich zu werden, erinnern die Heilmanns an Grass’ Fajngold, der in der Nachkriegszeit innert kürzester Zeit sehr reich wird; vgl. weiter oben in diesem Kap. m. w. H.

1461

Und, zumindest eine Erwähnung wert: Wieso ist sein Name ausgerechnet ein Kompositum aus „Heil“ und „Mann“?

1462

Das ist insbesondere deswegen interessant, weil auch Richters jüdische Figur in kurzer Zeit gleich zweimal wortwörtlich „säuerlich“ lächelt (RG 273 f; vgl. das Zitat weiter oben in diesem Kapitel).

1463

Dass der Titel später von „Gelegenheit zum Verzicht“ zu „Der Verzicht“ geändert wurde (so heißt er bereits im ersten Erzählband; bei der Erstveröffentlichung in der Zeit, 1960, lautet der Titel aber noch gleich wie im Almanach) ändert gerade an dieser Implikation nichts. Seit der ersten Aufnahme in einen eigenen Erzählband, in der Zeit, wo er zum ersten Mal veröffentlicht wurde, hieß er aber auch „Gelegenheit zum Verzicht“.

1464

Ohne dass damit die progressiven Intentionen der Verfasserin Mitte des 18. Jahrhunderts infrage gestellt werden, sieht man die Figur eines Sklaven, der sich mit seiner eigenen Versklavung identifiziert, heute als wenig respektvolle Zeichnung eines „lustigen Zurückgebliebenen, auf die die Mehrheitsgesellschaft wohlwollend herabsieht“ (Heine 2014, o. S.); vgl. insbesondere den Aufsatz von Gabrielle Foreman zum „Problem of Black Representation in Uncle Tom’s Cabin“ (2007).

1465

Holz 2007, S. 45.

1466

Ebd.

1467

Ingeborg Bachmann in ihrer Rede anlässlich der Verleihung des Anton-Wildgans-Preises [1972] 2005, S. 489.

1468

Wie Christine Steinhoff in ihrer Studie zur „Poetologie des Traumes“ in Bachmanns Literatur (2008) herausstellt, verdeutlicht das Zitat, dass „[n]icht die Stellungnahmen zu Zeitfragen, sondern die literarischen Äußerungen von Autoren […] bedeutsam“ seien (ebd., S. 92); zu Bachmanns Poetik vgl. Kap. 3 in Teil III der vorliegenden Studie.

1469

Vgl. dazu Kap 2.3 in Teil I der vorliegenden Studie.

1470

Diese Erzählungen stammen aus verschiedenen Phasen der Gruppe von 1949 (Schneider: „Die Mandel reift in Broschers Garten“) über die 50er Jahre (Mönnich: „Die Wanderkarte“, gelesen 1956) bis zu zwei der letzten Texte, die noch Eingang in den Almanach gefunden haben (Ferber: „Mimosen im Juli“, 1960, und Lenz: „Gelegenheit zum Verzicht“, 1960).

1471

Bergmann 2007, S. 22.

1472

Vgl. ebd., S. 17.

1473

Holz 2007, S. 40.

1474

Holz 2007, S. 38.

1475

Ebd., S. 38 f.

Kinder des Krieges, Gewissen der Nation

Moraldiskurse in der Literatur der Gruppe 47

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