Einleitung

In: Niemand zu Gast?
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So soll Aristoteles sich auf die Frage „Was ist ein Freund?“ (ti esti philos) der ökonomischen Figur des Wohnens bedient haben. Der Körper beherbergt die Seele, er erweist ihr seine Gastfreundschaft und nimmt sie bei sich auf. Aber wie ist diese Topologie des Wohnens im Fall der Freundschaft zu denken? „Was ist ein Freund?“ Antwort: „Eine einzige Seele, die in zwei Körpern wohnt.“ Der Buchstabe dieser Antwort läßt vielleicht niemandem mehr Ruhe. Sie formuliert ein Prinzip der Unrast, sie bringt die Logik und die Identität des Territoriums im allgemeinen aus den Fugen. Sie gibt uns zu denken auf, daß ein Freund, da mehr als einen, niemals einen eigenen Ort hat. Er solle nicht darauf vertrauen, in der ökonomischen Intimität irgendeines „Zuhauses“ Ruhe oder Nahrung zu finden. Stets könnte der Körper des Freundes, könnte sein eigener Körper der Körper des anderen sein. Er haust in ihm wie ein Gast, ein Besucher, ein Reisender, ein zeitweiliger Insasse. Die Freundschaft ist unheimlich*.1

Mit der Behauptung „Kant kenne ich nicht“ verwehrt Kafka in einem Brief an Felice Bauer 1917 eine briefliche Auseinandersetzung zu Immanuel Kants Schrift Zum ewigen Frieden.2 „Kant“ bezieht sich hier zwar auf das von Felice Bauer in ihrem vorangegangenen Brief vermutlich erwähnte Werk, doch scheint Kafkas paranomastische Verweigerung einer Kant-Kenntnis andere Implikationen zu haben. Obschon sich Kants Werke in Kafkas Bibliothek befanden,3 zahlreiche Ankreuzungen in der von ihm gelesenen Kritik der Kantischen Philosophie aus Arthur Schopenhauers Die Welt als Wille und Vorstellung zu finden sind4 und er eine von Max Scheler unternommene psychologisierende Darstellung von Kants Lehre mit den Worten „Lächerlichkeit betr. Kant“5 kommentierte, will Kafka Kant nicht kennen. Es finden sich keine direkten Äußerungen Kafkas zu der an der Prager Karls-Universität bestehenden Kant-Debatte zwischen den Kant verabscheuenden Philosophen Franz Brentano und Anton Marty und ihren sich gegen den Willen ihrer Lehrer mit Kant beschäftigenden Studenten.6 Während seine Freunde, Max Brod und Hugo Bergmann, gegen Anton Marty und Franz Brentano für die Anerkennung von Kants Philosophie eintraten, scheint Kant – im Gegensatz beispielsweise zu Kierkegaard – kein Philosoph gewesen zu sein, mit dem sich Kafka intensiv auseinandersetzte. Als jedoch Felix Weltsch in seinem Buch Gnade und Freiheit Kant als einen „vertrockneten Rationalisten“ bezeichnet, der „lebensfern“ von „jede[m] frischen Lebensluftzug“ lebt und seine zur geistigen Einheit gezwungene Welt vor jeder „Erkältung“ hütet,7 kommentiert Kafka, der Weltschs Arbeit mehrmals Korrektur las, irritiert: „,vertrocknete[r] Rationalist‘ die ungewohnte Ironie mit dem Du ihn behandelst (der Name, die beruhigende Überzeugung, die Erkältung) fällt mir immer aus dem Ganzen heraus. Er meint es doch nicht so schlimm.“8 Die wissenschafts- und erkenntnistheoretische Auseinandersetzung seiner Freunde mit den gegensätzlichen philosophischen Richtungen seiner Zeit interessiert Kafka wenig. Er entwickelt stattdessen ein literarisches Schreiben, in welchem er die Sprache seiner philosophierenden Zeitgenossen wörtlich nimmt.9 Dabei ist diese Wörtlichnahme nicht nur als literarische Form einer philosophisch-ironischen Reflexion zu verstehen, sondern als Technik, mit der er eine grundlegende Kritik an der impliziten Voraussetzung von Wissenschaftssprache als metaphorisch „gereinigter“ Sprachform ausübt. Indem er übertragene, sekundäre Bedeutungen auf ihre primäre und konkrete Ebene rückführt, realisiert er genau die Verbindung zwischen Verstand und Anschauung, um die seine Freunde ringen.10 Wenn beispielsweise sein Freund Felix Weltsch den Unterschied zwischen „Irrationalisten“ und „Rationalisten“ (hier vor allem „Kant“) mit dem Vorgang des Ein- und Ausatmens zu erklären versucht, so hat Kafka schon sechs Jahre zuvor diese Gegenüberstellung in der Erzählung Unglücklichsein literarisch realisiert. Nachdem das erzählende Ich ein in sein Zimmer eintretendes, kindliches Gespenst begrüßt hat, hält es „ein Weilchen“ seinen Mund mit dem darin abgestandenen, „schlechte[n] Speichel“ offen. Es behauptet, dass ihm „nichts“ fehle, „als gerade dieser allerdings erwartete Besuch.“11 Differenziert Weltsch zwischen den Irrationalisten, die einen „neuen Stoff“ als „frische[s] Leben“ einatmen, und den Rationalisten, die diesen verarbeiten, in eine Einheit bringen und „ausatmen“,12 so inszeniert Kafka in Unglücklichsein genau den Moment vor der Ausatmung.13 Im Gespräch mit dem gespenstischen Kind, welches gleichsam aus einer vorkritischen Phase der Aufklärung ‒ „aus dem ganz dunklen Korridor, indem die Lampe noch nicht brannte“14 – zu kommen scheint, ist das erzählende Ich noch nicht vollständig für den „natürlichen Maskenanzug“15 der Gesellschaft angekleidet. Auch wenn es bei Eintritt des Gespensts seinen Rock vom Stuhl nimmt, so zieht es diesen erst vollständig an, nachdem es „Licht“16 gemacht hat. Mit dem Eintritt des Gespensts inszeniert Kafka eine „Ungleichzeitigkeit der lebendigen Gegenwart mit sich selbst“,17 kurz bevor das Ich den Entschluss fasst, die Kerze anzuzünden, sich an den Tisch zu setzen, seinen Rock anzuziehen und aus dem Zimmer zu gehen. Es bildet sich im Zimmer ein „geheime[r] Ort des Geheimnisses“18 für etwas, das vom erzählenden Ich verlassen werden muss, sobald es aus seinem Zimmer hinaus und in Kommunikation mit anderen Menschen tritt. Vor dem Gespräch mit seinem Nachbarn, in welchem ‚Gespenst‘ nur mehr ein Wort ist, mit dessen intelligibler Scheinreferenz unbekümmert gespielt werden kann,19 liegt der Dialog des erzählenden Ichs mit dem kindlichen Gespenst als der letzte „Überrest an Leben“. Bevor das Ich sich als „schwere Masse“ verhält, sich „keinen nötigen Schritt“ mehr „ablocken“ lässt und dadurch „das, was vom Leben als Gespenst noch übrig ist, mit eigener Hand niederdrück[t]“,20 ist ‚Gespenst‘ ein kleines Kind, welches seine Finger an der Zimmerwand des erzählenden Ichs reibt und den Luftzug von draußen genießt. Es hat im Gegensatz zu seiner Existenz als Wort des nachfolgenden Dialogs nicht nur Scheinreferenz, sondern Sinnlichkeit.21 Kafka lässt hier die von Weltsch so bezeichnete „Lebenswelle“ der Irrationalisten als „frischen Lebenszug“ mitten in das Zimmer eines „vertrockneten Rationalisten“ mit schlechtem Speichel wehen.22 Wenn Weltsch annimmt, dass „[d]as Gesetz der allgemeinen Notwendigkeit […] das Mittel [ist], mit dem der Geist versucht, das Gegebene zu begreifen, es in seine Einheit zu bringen“,23 dann ist Kafka genau an dem Moment interessiert, der kurz vor dem Einsatz oder dem Setzen dieses Gesetzes existiert.24 Dabei ist der vorgesetzliche Moment wiederum wörtlich zu verstehen: Der irrational erscheinende Dialog zwischen dem Ich und dem Kind besteht nur solange, bis das Ich sich an den Tisch „setzt“.25 Bevor ein vereinheitlichender Geist das Gegebene zu begreifen versucht und im Sinne der Aufklärung „Licht“ macht, kommt es zu einem Zusammentreffen mit dem, was laut Weltsch ins Gesetz, das selbst „Grenze der Vernunft [bleibt]“,26 abgeschoben wird. In das Gesetz hat Weltsch zufolge „die Vernunft das ihr Fremde zurückgedrängt, das ihr Unheimliche, Irrationale eingekapselt und, so weit es geht, unschädlich gemacht.“27 Kafka holt diesen vermeintlichen Schädling aus dem Inneren des Gesetzes wieder vor das Gesetz – nur so kann er die Notwendigkeit des Allgemeinen als Lüge, die zur Weltordnung gemacht wird, beschreiben.28 Er zerrt das Gesetz in genau diejenige „Kluft zwischen Ich und der chaotischen Umwelt“29 zurück, der es entstammt und die es gleichzeitig in sich trägt. Dementsprechend möchte das erzählende Ich, dass das Gespenst „weiter ins Zimmer“ hereinkommt und sich in diesem „breit“ macht.30 Mit seiner Aufforderung zu „raschem Eintritt“ bekundet es ein Begehren, welches „die Zeit ausgehend von seiner Annullierung in der Bewegung des eintretenden Fremden [mißt].“31 Das Ich befindet sich in der „seltsam-befremdliche[n] Logik“ eines Hausherrn, der seinen Gast „als einen Befreier, als seinen Emanzipator erwartet. Es ist, als ob der Fremde die Schlüssel in Händen hielte.“32 Dieser Hausherr ist zwar bei sich zu Hause, doch tritt „nichtsdestoweniger dank des Gastes – der von draußen kommt – bei sich ein.“33 Das Ich aus Unglücklichsein kommt gar nicht aus dem Haus, sondern geht – einmal aus seinem Zimmer heraus getreten – nach einer kurzen Unterredung mit seinem Nachbarn im Treppenhaus wieder in dieses hinein.

Wie in dieser Arbeit aufgewiesen wird, versucht Kafka immer wieder die Gesetzeskraft und den das Gegebene verhaftenden Zugriff des Begreifens insofern verschiebend zu verhindern, als dass er sie als Selbstgesetzgebung kenntlich macht, die Selbstversetzung voraussetzt. Dabei markiert er Erzählen als intelligible Mitteilungsfähigkeit, die einer schmerzlichen Selbstteilung – der Teilung des Geistes von der phyischen Präsenz des Körpers – entspringt. Diese Teilung liegt auch der „etymologisch gelegte[n] Spur“ zugrunde, die laut Ralf Simon „im Dreieck der Worte Gast–guest–ghost […] noch hörbar [ist].“34 Nicht nur umfasst die indogermanische Wurzel von „Geist“ und „Gast“ „die Bedeutung ‚den Mund aufsperren‘, […] also Mundaufsperrung herbeiführen; machen, daß man den Mund aufsperrt“,35 sondern es entspringen Simon zufolge aus dieser Wurzel auch die gegensätzlichen „Deutungen der freundlichen Aufnahme des Fremden als Gast und seiner abweisenden Irrealisierung als Geist oder Gespenst“.36 Indem bei Kafka der Gast das Gespenst und das Gespenst der Gast ist, führt er genau vor diese konträren Deutungen zurück, auf die sich wiederum Grundvoraussetzungen der Philosophie Kants beziehen lassen. So hat für Kant beispielsweise nur der Anspruch auf ein Gastrecht, für den „ein besonderer wohltätiger Vertrag“ aufgesetzt wird, „ihn auf gewisse Zeit zum Hausgenossen zu machen“.37

Für jeden „Erdbürger“38 oder Weltbürger nimmt er hingegen lediglich ein Besuchsrecht an, welches das Recht auf zwischenmenschlichen Verkehr, aber nicht auf Niederlassung umfasst. Über einen gar gespenstigen Besucher, wie er in Kafkas Unglücklichsein auftritt, würde Kant jedoch gar nicht erst reden wollen. Den von Kafka beschriebenen Besuch von einem kindlichen Gespenst im Zimmer eines Menschen würde er für die Erzählung einer träumerischen Geisterseherei oder sogar für wahnsinniges Gerede halten. Dass sogar der Nachbar des erzählenden Ichs dessen Bericht von einem gespenstigen Besuch in seinem Zimmer insoweit ernst nimmt, als dass er dem Ich Tipps zum Umgang und der Haltung von Gespenstern gibt, wäre Kant ein Affront gegen den menschlichen Verstand. Da ein Geist im Gegensatz zum Menschen durchdringlich ist, also „dem Eindringen jedes anderen Dinges“39 nicht wie ein materielles Wesen widersteht, ist er für den Menschen und seine an die sinnlich-anschauliche Erfahrung gebundene Erkenntnis Kant zufolge nicht zu begreifen. Im Kapitel über die synthetischen Grundsätze des reinen Verstandes der Kritik der reinen Vernunft bezeichnet er daher eine Substanz, die „beharrlich im Raume gegenwärtig wäre, doch ohne ihn zu erfüllen“,40 als „grundlos[en]“ Begriff. Kafka ist es hingegen genau um die Einführung von grundlosen Begriffen als „Gäste“ seiner Erzählungen zu tun. Warum?

Es gibt eine Tatsache, die Kant erstaunlicherweise nicht philosophisch betrachtet hat – und zwar den Umstand, dass Menschen für ihre intelligible Kommunikation Zeichen verwenden, die sich vom Menschen wegbewegen können. Kant besaß keine Zeichentheorie, sonst hätte er festhalten müssen, dass es einer durchdringlichen Substanz – dem Geist eines Menschen – sehr wohl mittels Zeichen möglich ist, nicht nur in das Zimmer eines anderen Menschen einzutreten, sondern auch mit diesem das Zimmer zu teilen. Kafka hingegen versucht der medial-gespenstigen Präsenz der von ihm gesetzten Wörter in der sinnlich-anschaulichen Welt der Protagonisten einen Platz zu geben – in Pensions- oder Wirtshäusern, auf Dachböden oder in Abstellkammern. Gefährlich wird es für seine Figuren erst dann, wenn sie sich durch diese Platznahme bedroht fühlen. Ähnlich dem Bangen des erzählenden Ichs in Unglücklichsein um sein Zimmer (es schreit dem Gespenst zu: „Mein Zimmer! Meine Wand!“), beginnen viele von Kafkas Figuren mit ihren intelligiblen Vertretern um ihren Platz im Raum zu kämpfen. Für diesen Kampf stattet sie Kafka mit Selbstbewusstsein und einer zweistimmigen Rede aus. Bis zum Schluss kämpfen seine ‚Helden‘ wie diejenigen Dostoevskijs darum, das letzte Wort über sich zu behalten und nicht in ihrer Abwesenheit beurteilt, analysiert und stigmatisiert zu werden. Gegen die unbestimmten und sich im Anonymen haltenden Stimmen einer Gerüchts- und Gerichtswelt versuchen sie ihren Platz in ihrer sinnlich-anschaulichen Präsenz und Anwesenheit zu verteidigen, indem sie die möglichen Äußerungen, die über sie in ihrer Abwesenheit getätigt werden, selbstbewusst vorwegnehmen.41 Ihr Denken und Sprechen erweist sich von Anfang an „als Replik in einem nicht abgeschlossenen Dialog“.42 Wenn Michail M. Bachtin „eine Art kopernikanische Wende“ für Dostoevskijs Literatur festgestellt hat, die „das zum Moment der Selbstbestimmung des Helden machte, was feste und abschließende Bestimmung des Autors war“,43 so ist Kafkas Literatur in diese „Wende“ einzubeziehen. Kafkas Werk wird daher in dieser Arbeit immer wieder mit Hilfe von Bachtins Dialogizitäts-Begriff auf seine dialogischen Implikationen hin untersucht. Bachtin merkt an, dass das Wort eines dialogisch arbeitenden Autors einen „Widerstand vonseiten eines potentiellen Wortes des Helden“44 erfährt, der vor allem die Distanz zwischen ihm und der Figur markiert. Um diese Distanz, die laut Bachtin bei Dostoevskij sogar als eine aus Liebe zu seinen Figuren entstandene verstanden werden muss, aufrecht zu erhalten, setzt Kafka vor dem von ihm Gesetzten Wächter ein. Kafka könnte hier wiederum eine Bezeichnung Kants wörtlich nehmen. So hatte Kant die nichtsbedeutenden Schriftzeichen, die laut Kant einen Begriff lediglich „begleiten“, als „Wächter“ bezeichnet.45 Kafkas Wächter als „Diener des Gesetzes“46 haben zweifache Funktion: Sie wachen über den Vollzug des allgemeinen Gesetzes/ten und warnen die dieses Gesetz Vollziehenden gleichzeitig davor, in es einzutreten und damit ihre Auflösung ins Allgemeine zu vollziehen.

Indem es der Wächter Franz in Kafkas Der Proceß nach eigenen Angaben „gut“ mit Josef K. meint,47 ihn vom Austritt aus seinem Zimmer und Eintritt in die Gesellschaft des Hauses abhalten will und dabei „gegen alle Vorschrift freundlich“48 zu ihm ist, erweist er sich als sein Freund.49 Franz gibt sich als jemand zu erkennen, dem an der „unvergleichliche[n] Einzigkeit“50 Josef K.s gelegen ist und der ihn vor einer anonymisierenden, gesellschaftlichen Verallgemeinerung bewahren möchte. Er weist besonders durch seinen Rat eine „Selbstversetzbarkeit“ auf, „die dem Freund als Gast einen Ort eröffnet“ und „weder Einheit ist noch zur Entzweiung übergeht“.51 Der Rat besteht und vermittelt zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen,52 er markiert den offenen Ort des Gastes innerhalb der Erzählung, welcher immer gleichzeitig „Mehrzahl und Einzahl“53 ist. Die Gastfreundschaft, die zwischen Franz und K. vollzogen wird, ist jedoch nicht mit Geselligkeit oder Freundschaftlichkeit zu verwechseln, sondern zeichnet sich vielmehr durch eine ungesellige Geselligkeit aus. Kafka beachtet den Widerwillen seiner Figuren gegenüber dem von ihm Gesetzten und bringt ihnen mittels der Wächter und d.h. hier mittels der von ihm gesetzten Wörter Achtung entgegen. Die Figuren werden durch die über sie wachenden Wächter nicht ersetzt, sondern begleitet. Durch die Begleitung – oft realisiert als gesellig-ungeselliger Spaziergang – wird es Kafka möglich, die gewaltsame Gesetzeskraft über seine Figuren aufzuschieben. Die Begleiter zeichnen sich im Gegensatz zu Fürsprechern durch eine Art der Vertretung aus, bei welcher der Einzelne nicht ersetzt wird: „Nur dort, wo man nicht den Freund ersetzt, sondern ‚bei‘ ihm ist, wird man ihn zugleich vertreten können.“54 Die ungesellig-geselligen Freundschaften, die man in Kafkas Literatur vorfindet, können als atopische und unheimische beschrieben werden: Ihre Spaziergänge finden außer Haus und damit in einem Raum statt, der in einer „unaufhebbaren Spannung“ zum „zugleich familiären und topischen Prinzip: dem Prinzip der Zugehörigkeit“55 steht. Sobald das Ich sich äußert, befindet es sich bei Kafka nicht mehr in seinem verfestigen Denkgebäude, sondern immer schon auf einem Spaziergang mit seinen Wort-Wächtern.

In der transzendentalen Deduktion der reinen Verstandesbegriffe der zweiten Fassung der Kritik der reinen Vernunft erklärt Kant gleich zu Beginn des §16, dass für einen Erkenntnisprozess ein denkendes Ich Voraussetzung ist, welches alle unsere Vorstellungen begleiten können muss. Dessen notwendige transzendentale Einheit als Idee garantiere, dass alle meine Vorstellungen mir immer als meine bewusst werden können und damit eine Einheit bilden.56 Wie in dieser Arbeit aufgewiesen wird, nimmt Kafka diese Begleitung insofern wörtlich, als dass er Wörter als die Begleiter eines denkenden Ichs ansieht. Die durchgängige Bestimmung des „Ich denke“, welches Kant zufolge „alle meine Vorstellungen begleiten können [muss]“,57 wird von Kafka als sprachlicher Durchgang realisiert. Mit einem ‚Ich spreche, welches alle meine Vorstellungen begleiten können muss‘, wird im Haus eines transzendental einheitlichen Ichs ein Durchgang nach Außen gegraben. Mit seinem sprachlichen Ausdruck als dringlicher Druck nach Außen wird das transzendentale Ich auf die Straße verwiesen, auch wenn es sich mitten im Haus befindet. Aus seinem geschützten, vermeintlich ‚eigenen‘ Haus hinausgetreten, bildet es Straßenfreundschaften, die sich durch eine ungesellige Geselligkeit oder eine „Beziehung ohne Beziehung, Gemeinschaft ohne Gemeinschaft, Teilhabe ohne Teilhabe“58 auszeichnen. Laut Michaele Ferguson ist es genau diese ungesellige Geselligkeit, die Kant in Die Metaphysik der Sitten mit seinem Ideal von perfekter und moralischer Freundschaft zu überwinden versucht. Nach diesem Ideal konzipiert Kant Ferguson zufolge auch politische und kosmopolitische Freundschaften zwischen Staaten.59 Wie das Ideal einer moralischen Freundschaft sei auch die Annahme von einem vereinigten Willen aller internationalen Staaten ständig in Gefahr von den Differenzen und Widersprüchen, die die menschliche Pluralität impliziert, gestört und unterbrochen zu werden.60 Kafkas Werk konstituiert sich genau durch diese „Störungen“ eines Vereinheitlichungszwangs auf semantischer und performativer Ebene. Nicht nur weisen seine Figuren ein widerwilliges Verhalten gegenüber ihrer Instrumentalisierung als Erzählgegenstand auf, auch wird die personale Erzählperspektive immer wieder durch performative Widersprüche irritiert. Mittels dieser verhindert Kafka ein mögliches „Setzen“ des Sinns bei einem sich oftmals zu ,heimisch‘ fühlenden Leser.

Stattdessen soll für einen ungeselligeren Leser der Platz freigehalten werden. So findet sich beispielsweise in den Jäger-Gracchaus-Fragmenten Folgendes: „Niemand wird lesen, was ich hier schreibe. Niemand wird kommen mir zu helfen.“61 Die Sätze zeichnen sich durch die gleiche paradoxe Klage über das Wesen der Freundschaft aus, die Aristoteles zugeschrieben wird: „O Freunde, es gibt keinen Freund.“62 Sie führen in Kafkas Leserschaft „die Asymmetrie, die Trennung, die unendliche Distanz“63 zwischen der Mehrzahl und der Einzahl, den Geselligen und dem Ungeselligen ein.64 Die von ihnen angerufene „Verbürgerlichung des Nichts“65 entzieht sich einer synthetischen Ganzheit und ist vielmehr mit einer „kommenden Demokratie“ vergleichbar, „die nicht bloß in keinem Widerspruch zu dieser asymmetrischen Krümmung und dieser unendlichen Heterogenität stünde, sondern in Wahrheit von ihnen gefordert würde.“66 Das Indefinitpronomen „Niemand“ verwehrt, „Ort des Unersetzlichen“ zu sein, der laut Derrida nur deshalb „unersetzlich ist, […] weil er und damit er substituierbare Einschreibungen aufzunehmen vermag.“67 Kafkas nicht nur in den Jäger-Gracchus-Fragmenten vorzufindende „Niemand“-Sätze negieren nicht die Existenz möglicher Leser, sondern ihre eigene, sich im Unbestimmten haltende, verallgemeinernde Stellvertreter- und Fürsprecherfunktion. Wie die folgende Arbeit zu zeigen versucht, erweist sich Kafkas „Verbürgerlichung des Nichts“ als ein demos, der keine Gründungsgewalt einer territorialen Souveränität voraussetzt, keinen Grund und Begründung beansprucht, sondern vielmehr aus ungesellig-geselligen Erdenbürgern besteht.

1

Jacques Derrida: Politik der Freundschaft. Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2000, 239f.

2

Kafka, B 1914–1917, 350. (Brief vom 16.10.1917). Kafkas Texte werden im Folgenden mit den Siglen B 1910–1913 (=Briefe 1910–1913), B 1913–1914 (=Briefe 1913–1914), B 1914–1917 (=Briefe 1914–1917), B 1917–1920 (=Briefe 1917–1920), DL (=Drucke zu Lebzeiten), T (=Tagebücher), V (=Der Verschollene), P (=Der Proceß), S (=Das Schloß), NSFI (=Nachgelassene Schriften und Fragmente I ), NSFII (=Nachgelassene Schriften und Fragmente II) nach folgender Ausgabe zitiert: Franz Kafka: Schriften, Tagebücher, Briefe. Kritische Ausgabe. Hg. von Gerhard Neumann, Malcolm Pasley, Jost Schillemeit u. Gerhard Kurz unter Beratung von Nahum Glatzer, Rainer Gruenter, Paul Raabe u. Marthe Robert. Frankfurt a. M.: Fischer 1982ff. (KKA).

Zudem werden die Texte mit den Siglen OxOk1 (=Oxforder Oktavheft 1), OxOk2 (=Oxforder Oktavheft 2), OxOk3 (=Oxforder Oktavheft 3), OxOk4 (=Oxforder Oktavheft 4), OxOk5 (=Oxforder Oktavheft 5), OxOk6 (=Oxforder Oktavheft 6), OxQ1 (=Oxforder Quartheft 1), OxQ2 (=Oxforder Quartheft 2) nach der Faksimile-Ausgabe zitiert: Franz Kafka: Historisch-Kritische Ausgabe sämtlicher Handschriften, Drucke und Typoskripte. Hg. von Roland Reuß u. Peter Staengle. Basel/Frankfurt a. M.: Stroemfeld 1995ff. (FKA). [Die Texte werden ihrer Interpunktion und Rechtschreibung entsprechend sowie tlw. mit Varianten wiedergegeben].

3

Vgl. Jürgen Born: Kafkas Bibliothek. Ein beschreibendes Verzeichnis. Mit einem Index aller in Kafkas Schriften erwähnten Bücher, Zeitschriften und Zeitschriftenbeiträge. Frankfurt a. M.: Fischer 1990, 185.

4

Vgl. Stephen Taubeneck: The Traces of Kant in Kafka. In: Journal of the Kafka Society of America 9 (1985), 115–130, hier 119f.

5

Vgl. Kafka, NSFI, 423 in Bezug auf Max Schelers Darstellung von Kants Philosophie. (Vgl. Max Scheler: Die Ursachen des Deutschenhasses. Eine nationalpädagogische Erörterung. Leipzig: Kurt Wolff 1917, 99f., 121–127 u. 190–192). Kafkas Lektürenotizen müssen Ende September oder Anfang Oktober 1917 entstanden sein. (Vgl. Kafka, NSFI, App., 96). Er notiert an dieser Stelle weiter: „Übelkeit nach zuviel Psychologie. Wenn einer gute Beine hat und an die Psychologie herangelassen wird, kann er in kurzer Zeit und in beliebigem Zickzack Strecken zurücklegen, wie auf keinem anderen Feld. Da gehen einem die Augen über [.]“ (Kafka, NSFI, 423).

6

Vgl. Franz Brentano: Versuch über die Erkenntnis. Aus seinem Nachlasse hg. von Alfred Kastil. Leipzig: Meiner 1925, 47. Vgl. zum Verhältnis des Brentano-Kreises zu Kant auch Liliana Albertazzi: From Kant to Brentano. In: The School of Franz Brentano. Hg. von Liliana Albertazzi, Massimo Libardi u. Roberto Poli. Dodrecht/Boston/London: Kluwer Academic Publishers 1996, 423–464 sowie Eliam Campos: Die Kantkritik Brentanos. Bonn: Bouvier 1979. Vgl. auch Max Brods Erinnerungen an die Prager Brentanisten: Max Brod: Streitbares Leben. Autobiographie 1884–1968. Frankfurt a. M.: Insel 1979, hier bes. 165–172. Darüber hinaus vgl. Georg Heller: Franz Brentano – Philosophie als exakte Wissenschaft. In: Umwege. Annäherungen an Immanuel Kant in Wien, in Österreich und in Osteuropa. Hg. von Violetta L. Waibel unter Mitwirkung von Max Brinnich, Sophie Gerber und Philipp Schaller. Göttingen: V&R unipress 2015, 499–509 und Caroline Scholzen: Der „Verfall“ des Prager Kreises, In: Waibel (Hg.), Umwege, 398–401.

7

Felix Weltsch: Gnade und Freiheit. Untersuchungen zum Problem des schöpferischen Willens in Religion und Ehtik. Düsseldorf: Onomato Verlag 2010, 38. Zu Felix Weltsch vgl. Carsten Schmidt: Kafkas fast unbekannter Freund. Das Leben und Werk von Felix Weltsch (1884–1984).   Ein Held des Geistes – Zionist, Journalist, Philosoph. Würzburg: Königshausen & Neumann 2010.

8

Weltsch, Gnade und Freiheit, 188f. Die Korrekturen und Anmerkungen Kafkas sind im Nachwort von Hans-Gerd Koch angeführt. (Vgl. ebd., 185–193).

9

Dass Kafka den Treffen der Brentano-Schüler, die sich regelmäßig im Café Louvre, in der Wohnung Anton Martys oder des Ehepaars Freund trafen, nicht wirklich viel abgewinnen konnte, zeigt ein Auszug eines frühen Briefes vom 4. Februar 1903 an seinen Freund Paul Kisch in München. Schon hier ist Kafkas Vorliebe für eine ironische Brechung seiner Beschreibung durch das Verfahren der Wörtlichnahme zu erkennen: „Hier ist die Luft dick muffig mit Küchenmessern zu schneiden und kommt aus Schlafzimmern. Man muß hier auf der Hut sein vor Einfällen, kaum läßt man sie laufen [,] haben sie Hängebäuche und schwitzen.“ (Kafka, B 1900–1912, 21).

10

So stellen beispielsweise Max Brod und Felix Weltsch ihr Konzept von einer „vorbegrifflichen Anschauung“ in ihrem gemeinsam publizierten Werk Anschauung und Begriff vor. (Vgl. Max Brod u. Felix Weltsch: Anschauung und Begriff. Grundzüge eines Systems der Begriffsbildung. Leipzig: Kurt Wolff 1913). Dass Kafka im Gegensatz zu seinen Freunden nicht an einer theoretischen Abstraktion des konkret Sinnlichen interessiert ist, wird zudem in einem Brief an Felice Bauer deutlich: „Ich gieng mit Weltsch spazieren (sein Buch ist schon erschienen. Würde es Dich interessieren? Ich glaube nicht, es ist recht streng philosophisch. Ich muß mich zum Lesen und Verstehen zwingen; wo nicht etwas dasteht, auf das man die Hand auflegen kann, verfliegt meine Aufmerksamkeit zu leicht)“. (Kafka, B 1913–1914, 112. [Brief vom 27 u. 28. Februar 1913]). Andererseits schreibt er einige Tage später davon, dass er das „Einleitungskapitel wieder einmal“ lese, welches „in manchen Stellen meisterhaft geschrieben ist, wie von einer dritten, fremden, sehr bedeutenden Person.“ (Ebd., 122f. [Brief vom 5.–6. März 1913]).

11

Kafka, DL, 34.

12

Vgl. Weltsch, Gnade und Freiheit, 37f.

13

Immer wieder ist die „schlechte Luft“ der Rationalisten und der kantische Philosophie Thema im Roman Der Proceß. Die Vereinheitlichung des Einzelnen bewirkt nicht nur Indifferenz und die Tatsache, dass sich „niemand“ hilft und kümmert, sondern auch „dumpf[e]“ (Kafka, P, 57) Luft im Gedränge. Auf dem Dachboden des Gerichts oder im – wie sich im Folgenden erweisen wird – kantischen „inneren Gerichthofs“ ist sie besonders schlecht. (Kafka, P, 99). Der Ausgang dieses Dachbodens wird gekennzeichnt als Schwelle zwischen zwei unterschiedlichen Luftqualitäten. (Kafka, P, 106f.).

14

Kafka, DL, 34.

15

Ebd., 28.

16

Ebd., 36 u. 38.

17

Jacques Derrida: Marx’ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale. Aus dem Französischen von Susanne Lüdemann. Frankfurt a. M.: Fischer 1996, 12. Die „Gegenwarts-Versicherung“ und das folgende „Entscheidungs-Ereignis“ des Ichs (Vgl. zum „Augenblick des Unentscheidbaren“ jeder Entscheidung Jacques Derrida: Gesetzeskraft. Der „mystische Grund der Autorität“. Aus dem Französischen von Alexander García Düttmann. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1996, 50f.) werden durch die Frage des kindlichen Gespensts nach dem Wissen über sein „späteres“ Sein verunsichert: „‚Ich rede von früher.‘ ,Wissen Sie, wie ich später sein werde?‘ ‚Nichts weiß ich.‘“ (Kafka, DL, 37f.). Kafka thematisiert hier eine Öffnung der Selbstheit durch die „‚Erfahrung‘ der Vergangenheit als Zukunft“ (Derrida, Marx’ Gespenster, 12). Das kindliche Gespenst bringt die „Gegenwart als Selbstpräsenz“ (ebd.) des erzählenden Ichs ins Wanken.

18

Jacques Derrida: Von der Gastfreundschaft. Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek. Hg. von Peter Engelmann. Wien: Passagen 2001, 80.

19

So vergleicht der Nachbar die Tatsache, ein Gespenst im Zimmer zu haben, mit der Phrase „ein Haar in der Suppe finden“ (vgl. Kafka, DL, 38).

20

Kafka, DL, 19.

21

Vgl. dazu auch Bettina Rabelhofer: Die Geisterbeschwörung des Schreibens. Zum psychosemiotischen Gespenstertransfer in Franz Kafkas Unglücklichsein. In: Kafkas Betrachtung. Kafka interkulturell. Hg. von Harald Neumeyer und Wilko Steffens. Würzburg: Königshausen & Neumann 2013, 213–225, hier 216. Rabelhofer kommt auch zum Schluss, dass „man Kafka wörtlich nehmen [muss]“ (217), stellt ihre Ergebnisse jedoch im Gegensatz zu der hier vorgestellten Lesart nicht in einen philosophischen, sondern einen „psychosemiotischen“ Analysezusammenhang.

22

Weltsch vergleicht die „abgesperrte Einheit“ des „vertrockneten Rationalisten“ mit einem „Kinderluftballon“, „dem sein Inhalt entweicht“ und der dadurch „verwelkt und vertrocknet“. (Vgl. Weltsch, Gnade und Freiheit, 38). Dieser Vergleich erschien Kafka zu einfach und er kommentiert diese Stelle in einer vorherigen Version, in der Weltsch noch statt „Kinderluftballon“ „verdorrter Luftballon“ geschrieben hatte, folgendermaßen: „‚diesen verdorrten Luftballon‘ würde ich weglassen, auch bläst der frische Luftzug den verdorrten schwerer weg als den erfüllten.“ (Ebd., 189).

23

Weltsch, Gnade und Freiheit, 92.

24

Dabei wird die Gesetzeskraft der Setzung nicht durch ein Zaudern und eine Idiosynkrasie gegen jegliche „Festigkeit“ aufgehalten (Vgl. dazu Joseph Vogl: Über das Zaudern. Zürich/Berlin: diaphanes 2008, 108), sondern durch die Inszenierung eines „eilig“ eintretenden Gegenübers, das die Setzung durch dialogisches Streitgespräch in Frage stellt.

25

In Der Proceß wird dem Protagonisten Josef K. vom Vorsteher verdeutlicht, dass ein „Setzen“ seitens des Verhörten „nicht üblich“ ist. (Vgl. Kafka, P, 21).

26

Weltsch, Gnade und Freiheit, 93.

27

Ebd.

28

Hier formuliert in Anlehnung an Josef K.s Aussage im Gespräch mit dem Gefängniskaplan. Nachdem dieser ihm verdeutlicht, dass man „nicht alles für wahr […] nur für notwendig halten [muss]“, antwortet Josef K.: „‚Trübselige Meinung‘, sagte K. ‚Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.‘“ (Kafka, P, 303).

29

Weltsch, Gnade und Freiheit, 92.

30

Kafka, DL, 35f.

31

Derrida, Von der Gastfreundschaft, 89.

32

Ebd.

33

Ebd., 91.

34

Ralf Simon: Die Nacht des Gastes. Zur Semantik der Ungastlichkeit in E.T.A. Hoffmanns „Nachtstücken“. In: Gastlichkeit. Erkundungen einer Schwellensituation. Hg. von Peter Friedrich und Rolf Parr. Heidelberg: Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren 2009, 263–280, hier 267, Anm. 11.

35

Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearb. von Elmar Seebold. 24., durchges. und erw. Auflage. Berlin/New York: De Gruyter 2002, 340. Kafka thematisiert einen offenen Mund immer wieder mit dem Erscheinen eines Gegenübers. In den Du-Fragmenten fällt dem „Ich“ bei der Begegnung mit seinem Gesprächspartner, dem „Du“, beispielsweise immer „etwas Speichel als schlechtes Vorzeichen aus dem Mund“. (Kafka, T, 112, 128f., 141 u. 143).

36

Simon, Die Nacht des Gastes, 267, Anm. 11.

37

Kant, ZeF, AAVIII, 358. Immanuel Kants Werke werden im Folgenden mit den Siglen TG, AAII (= Träume eines Geistersehers, erläutert durch Träume der Metaphysik), VKK, AAII (= Versuch über die Krankheiten des Kopfes), NG, AAII (= Versuch, den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen), MAN, AAIV (= Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft), Prol, AAIV (= Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können), MS, AAVI (= Die Metaphysik der Sitten, Anth, AAVII=Anthropologie in pragmatischer Hinsicht), IaG, AAVIII (= Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht), ZeF, AAVIII (= Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf), WA, AAVIII (= Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?), VRML, AAVIII (= Über ein vermeintes Recht, aus Menschenliebe zu lügen), MAM, AAVIII (= Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte), B 1789–1794, AAXI (= Briefwechsel 1789–1794) nach folgender Ausgabe zitiert: Immanuel Kant: Gesammelte Schriften. Abhandlungen nach 1781. Hg. von der Preussischen Akademie der Wissenschaften. (Bd. 1–22). Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin (Bd. 23). Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (ab Bd. 24). Berlin 1900ff. (AA).

Die Werke mit den Siglen KrV (= Kritik der reinen Vernunft) u. KU (= Kritik der Urteilskraft) werden nach der Meiner-Ausgabe zitiert: Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Nach der ersten und zweiten Original-Ausgabe hg. von Jens Timmermann, mit einer Bibliographie von Heiner Klemme. Hamburg: Meiner 1998. Im Folgenden nach der Paginierung der ersten Auflage 1781 (A) und der zweiten Auflage 1787 (B). Sowie: Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft. Mit einer Einleitung und Bibliographie hg. von Heiner Klemme. Hamburg: Meiner 2001.

38

Kant, MS, AAVI, 353.

39

Kant, TG, AAII, 320.

40

Kant, KrV, A 222–223 / B 269–270. Auch wertet er Bestrebungen, „neue Begriffe von Substanzen“ zu bilden, „ohne von der Erfahrung selbst das Beispiel ihrer Verknüpfung zu entlehnen“, als „lauter Hirngespinste“ ab. (Ebd., A 222/B 269). In Träume eines Geistersehers erläutert durch Träume der Metaphysik spricht er diesbezüglich ebenso mißbilligend von „bloße[n] Hirngespenster[n]“ (Kant, TG, AAII, 342) und von „Hirngespinste[n]“ (ebd., 320 u. 344).

41

Wie Dostoevskijs Held denkt auch Kafkas Protagonist vor allem „darüber nach, was andere von ihm denken oder denken könnten, er sucht jedem fremden Bewußtsein voraus zu sein, jedem fremden Gedanken über sich, jeder entsprechenden Meinung zuvorzukommen.“ (Michail M. Bachtin: Probleme der Poetik Dostoevskijs. Übersetzt von Adelheid Schramm. Frankfurt a. M., Berlin, Wien: Ullstein 1985, 58).

42

Bachtin, Probleme der Poetik Dostoevskijs, 39. Bachtin hält dazu weiters fest: „Das Bewußtsein bei Dostoevskij ist nie sich selbst genug, sondern existiert in einem Spannungsverhältnis zu einem anderen Bewußtsein. Jedes Erlebnis, jeder Gedanke des Helden ist in sich dialogisch, polemisch gefärbt, widersprüchlich oder umgekehrt, fremder Inspiration zugänglich, in jedem Falle nicht einfach auf seinen Gegenstand konzentriert, sondern von dem ständigen Blick auf einen anderen Menschen begleitet.“ (Ebd.) Zur Analyse einer replizierenden, dialogischen Rede hält er in Sprechgattungen fest: „Bei der Analyse der Replik müssen wir den bestimmenden Einfluss des Gesprächspartners und seiner Rede berücksichtigen, der sich in der Beziehung des Sprechers selbst zum Gesprächspartner und seinem Wort ausdrückt. Das gegenständlich-logische Moment des Wortes wird zu einer Arena der Begegnung von Gesprächspartner, einer Arena des Werdens von Standpunkten und ihrer Bewertungen.“ (Michail M. Bachtin: Sprechgattungen. Hg. von Rainer Grübel, Renate Lachmann u. Sylvia Sasse. Aus dem Russischen von Rainer Grübel u. Alfred Sproede. Mit einem Nachwort von Renate Lachmann u. Sylvia Sasse. Berlin: Matthes & Seitz 2017, 74).

43

Bachtin, Probleme der Poetik Dostoevskijs, 55.

44

Ebd., 81.

45

Vgl. Kant, Anth, AAVII, 191. (Von dem Bezeichnungsvermögen; Facultas signatrix, 191–196).

46

Kafka, P, 302.

47

Vgl. ebd., 8.

48

Ebd., 10.

49

Erica Weitzmann hat auf einen anderen „Franz“ aufmerksam gemacht: „Franz Butterbaum“, der dem Hauptprotagonisten Karl zu Beginn des fragmentarisch gebliebenen Romans Der Verschollene begegnet und der von Karl darum gebeten wird, auf seinen Koffer aufzupassen. Weitzman hält für diese Figur Folgendes fest: „It is a surprising fact that where so much attention has been paid to the myriad Ks dotting Kafka’s literary landscape, little notice has been taken of this ‘Franz’ who leaves his signature behind on a slip of paper and with his walking stick gives Kafka’s first long prose work its initial push.“ (Erica Weitzman: Irony’s Antics. Walser, Kafka, Roth, and the German Comic Tradition. Evanston, Illinois: Northwestern University Press 2015, 140). Für Weitzman stellen die unter dem Namen „Franz“ in Kafkas Werk nur kurz auftretenden Figuren einen ‘catalyst of the action’ (ebd., 141) dar. Weitzman sieht beispielsweise Butterbaum als eine Personifikation der nach Kant nicht beweisbaren ersten Kausalursache an: „[T]he intervention of Herr Butterbaum and his namesakes may be read as a parodically literalized, profane incarnation of the ‘original action [ursprüngliche Handlung]’ […] whose existence Kant himself rejects […]. Yet by portraying the nonexistent original cause in literal (if literary) flesh and blood, Kafka once again draws attention to the aporia of pure reason – the fettering of action between the transcendent and the immanent – as the basis of Handlung itself.“ (Ebd.).

50

Hans-Dieter Bahr: Die Sprache des Gastes. Eine Metaethik. Leipzig: Reclam 1994, 213.

51

Ebd., 219f.

52

Paul North betont das reziproke und zirkuläre Wesen eines Rats, welches im Gegensatz zu Identitätsfestsetzungen eine dialogische, zweistimmige Adressierung gleichzeitig realisiert wie voraussetzt: „Counsel is not separable from the petitioner and petitioned in their reciprocal duzen. Unlike truth or wisdom, the power of counsel lies in its structure of address. It is not something communicated to a group about a third person, but intimately, privately, deferentially, debasing the giver of counsel in the service of the other you. This socius needs to be rigorously distinguished from that based on the mutual recognition of I’s, where I stands for ‘individual’ in a Hegelian register.“ (Paul North: The Yield. Kafka’s Atheological Reformation. Stanford: Stanford University Press 2015, 171).

53

Bahr, Die Sprache des Gastes, 64. Bahr macht darauf aufmerksam, dass das Wort „Gast“ für „eine Mehrzahl ebenso verwendet werden kann wie für eine Einzahl.“ (Ebd., 63f.).

54

Ebd., 222. Bahr merkt an, dass bei dieser Art von Freundschaft der Ort der gegenseitigen „Unersetzlichkeit“ offengehalten wird. (Vgl. ebd.). Das Konzept der freundschaftlichen, ungesellig-geselligen Begleitung, welches in dieser Arbeit auf poetologischer, semantischer und performativer Ebene für Kafkas Literatur aufgewiesen werden soll, unterscheidet sich von dem von Rüdiger Campe für Kafkas Werk vorgebrachten Konzept der „Fürsprache“. Während Campe davon ausgeht, dass Kafkas Protagonisten ständig auf der „Suche nach Fürsprechern“ sind (Vgl. Rüdiger Campe: Kafkas Fürsprache. In: Höcker/Simons (Hg.), Kafkas Institutionen, 189–212, hier 189) und dadurch einen „instituierten Raum und ein von ihm geformtes Leben“ (ebd.) voraussetzen, soll im Folgenden aufgewiesen werden, dass es Kafka in seinem Schreiben gerade um die Ausdehnung eines Raumes geht, der innerhalb des in Buchstaben gesetzten und zu Schrift instituierten menschlichen Ausdrucks auf einen vorinstitutionellen Zustand der menschlichen Kommunikation und Orientierung verweist. Kafkas Protagonisten suchen ungesellige Gesellen oder gesellig-ungesellige Freunde, aber keine Advokaten, die an einem „ausgezeichneten Ort des Gerichts“ (ebd., 193) die Fürsprecher des „Überall“ – wie Campe Fürsprecher außerhalb der gerichtlichen „Fürsprech“ nennt – ausschließen. (Vgl. ebd.) Laut Campe pflegt Kafkas erzählendes „Ich, das Fürsprecher sucht“ (ebd., 189), keine „soziale oder kommunikative Beziehung zu einem Du“ (ebd.). Im Falle einer scheiternden Suche verfalle es sogar in ein sich selbst als ‚Du‘ ansprechendes Für-Sich-Sprechen, welches als „parabelhafte[r] dialogismus“ (ebd., 191, [Kursivsetzung im Original]) mit „gnomischer Zeitlosigkeit“ (ebd., 205) oder als ein „Insichhineinmurmeln“ (ebd.) verstanden werden müsse. Während Campe am Ende seiner Analyse von Kafkas ‚Fürsprecher‘-Fragment (vgl. Kafka, NSFII, 377–380) zu dem Schluss kommt, dass dieses genau dann „für sich selbst zu sprechen“ (ebd.) beginnt, wenn auf semantischer Ebene „die Unterscheidung von Gesetz und überall“ (ebd.) nicht mehr hinreicht, so liegt darin nicht nur ein sich innerhalb seines Beitrags entwickelnder, argumentativer Widerspruch, sondern auch die unbegründete Voraussetzung, eine ‚Du‘-Ansprache mit einer monologischen „Fürsprache für sich selbst“ gleichzusetzen. Im Gegensatz dazu versucht diese Arbeit darzulegen, dass Kafka in seinem Schreiben beständig versucht, eine dialogische, mindestens zweistimmige Sprache aufrechtzuerhalten, die auf semantischer wie poetologischer Ebene die Antwort auf einen vorausgesetzten Anderen darstellt. Nur durch diese sprachliche Dialogizität kann gerade „das selbstständige Sicheinmischen eines Menschen“ (Kafka, NSFII, 378) als immer anderes, singuläres und gegenwärtiges ‚Du‘ im formallogischen Urteilsprozess einer reglementierten Sprachform garantiert werden. Wenn bei Kafka das erzählende Ich keine andere Zeit außer seiner Sprechzeit hat (vgl. Campe, Kafkas Fürsprache, 205), so ist diese Zeit doch eine, die im jeweiligen Leseprozess eines jeden einzelnen Lesers immer wieder aktualisiert wird. Kafkas Literatur „konstruiert“ sich daher nicht, wie Campe annimmt, aus „dem Abstand zwischen Figur und eigentlichem Wort“ (ebd., 206) bzw. „der Fiktion, dass es diesen Raum und diesen Abstand“ (ebd.) gibt, sondern weist gerade diese Fiktion als eine unhaltbare auf. Indem Kafkas Figuren sich aufgrund ihrer ‚eigentlichen‘ Wünsche und Begehren einzumischen versuchen, wird nicht nur der strukturelle Zusammenfall von „Fürsprech“ und „Fürsprechern“ als Zusammenfall von Gericht und Gerücht vor dem Beginn jeglichen Erzählens, Hörens, Sagens und Hörensagens entlarvt, sondern auch als einzige Chance für die Figuren ausgewiesen, sich einer über sie handelnden, bevormundenden Fürsprache durch bewusste Verleumdung und Selbstverleumdung zu entziehen.

55

Derrida, Politik der Freundschaft, 240.

56

Vgl. Kant, KrV, B 131–136.

57

Kant, KrV, B 131/132.

58

Derrida, Politik der Freundschaft, 398.

59

Vgl. Michaele Ferguson: Unsocial Sociability: Perpetual Antagonism in Kant’s political thought. In: Kant’s Political Theory. Interpretations and Applications. Hg. von Elisabeth Ellis. Pennsylvania: Pennsylvania State University Press 2012, 150–169, hier S. 163. Indem laut Lena Immer „Kant Freundschaft systematisch an die Konstante der ungeselligen Geselligkeit anbindet, wird einerseits eine anthropologische Verankerung von Freundschaft erreicht, während andererseits die Probleme des Geselligkeitsdiskurses in die Freundschaftsthematik hineingetragen werden.“ (Lena Immer: Der ferne Freund. Ungesellige Geselligkeit in der empfindsamen Freundschaft. In: Ungesellige Geselligkeit. Festschrift für Klaus Manger. Hg. von Andrea Heinz, Jutta Heinz u. Nikolas Immer. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2005, 133–146, hier 136).

60

Vgl. ebd., 163f.

61

Kafka, OxOk2, 39.

62

Derrida macht darauf aufmerksam, dass diese Aussage sich aus einem Gerücht entwickelt hat. (Vgl. Derrida, Politik der Freundschaft, 238).

63

Ebd., 311.

64

Nur mit dieser Asymmetrie ist für Derrida Demokratie zu denken: „Keine Demokratie ohne Achtung vor der irreduziblen Singularität und Alterität. Aber auch keine Demokratie ohne ‚Gemeinschaft der Freunde‘ (koina ta philon), ohne Berechnung und Errechnung der Mehrheiten, ohne identifizierbare, feststellbare, stabilisierbare, vorstellbare, repräsentierbare und untereinander gleiche Subjekte. Diese beiden Gesetze lassen sich nicht aufeinander reduzieren; sie sind in tragischer und auf immer verletzender Weise unversöhnbar.“ (Ebd., 47).

65

Kafka, T, 855.

66

Derrida, Politik der Freundschaft, 311.

67

Ebd., 355.

Niemand zu Gast?

Hospitalität im Werk Franz Kafkas

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