Welt in Weimar, Rom als Idee – Einleitung

In: Welt in Weimar
Author: Jakob Gehlen
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Kapitel 1 Welt in Weimar, Rom als Idee – Einleitung

Heinrich Heines Die romantische Schule (1835) beginnt mit Goethes Tod. Erst die „Endschaft der ‚goetheschen Kunstperiode‘“ ermögliche die Revision der deutschen Literatur, „die aristokratische Zeit der Literatur sey zu Ende, die demokratische beginne.“1 Mit lustvollem Spott zeichnet Heine Goethe als adeligen Souverän, der wie Napoleon durch einen Staatsstreich gegen die Schlegel-Brüder „seine Alleinherrschaft in der deutschen Literatur“2 begründet und seinen Namen absolut gesetzt habe:3 „[M]an sprach nicht mehr von Romantik oder klassischer Poesie, sondern von Goethe und wieder von Goethe.“4 Die „Kunstperiode“ gilt Heine als „Goethesche[] Kaiserzeit“5. Damit beschreibt er Goethes Stellung in der deutschen Literatur mit politischem Vokabular – das wiederum deckt sich mit einer Leitidee dieser Arbeit. Mir geht es darum, (literatur-)politische Dimensionen in Goethes Texten herauszuarbeiten. Diese spielen selbstverständlich auch da eine Rolle, wo sie vermeintlich auszuschließen sind: in der Ästhetik. Auch das wird an Heines Zitaten über Goethe deutlich. Wenn er nämlich auf seine eigene Goethe-Begegnung in Weimar zu sprechen kommt, beschreibt er einen gottgleichen Absolutisten, der mit dem Klassik-Ideal verschmolzen ist: „Seine äußere Erscheinung war eben so bedeutsam wie das Wort, das in seinen Schriften lebte; auch seine Gestalt war harmonisch, klar, freudig, edel gemessen, und man konnte griechische Kunst an ihm studieren wie an einer Antique.“6 Im Gegensatz zu unterjochten Leibern von Christen strahle Goethes Körper eine ebenmäßige Geschlossenheit aus.7 Insbesondere „seine Augen waren ruhig wie die eines Gottes.“8 In ihrer Unbewegtheit glichen sie den „Augen des Napoleon. Daher bin ich überzeugt, daß er ein Gott war. Goethes Auge blieb in seinem hohen Alter eben so göttlich wie in seiner Jugend.“9 Heine stützt diese These durch seine Audienz bei Goethe:

Wahrlich, als ich ihn in Weimar besuchte und ihm gegenüberstand, blickte ich unwillkürlich zur Seite, ob ich nicht auch neben ihm den Adler sähe mit den Blitzen im Schnabel. Ich war nahe dran ihn griechisch anzureden; da ich aber merkte, daß er deutsch verstand, so erzählte ich ihm auf deutsch: daß die Pflaumen auf dem Wege zwischen Jena und Weimar sehr gut schmeckten. […] Und Goethe lächelte.10

Welt trifft auf Weimar, auf Jupiter und Napoleon folgen thüringische Pflaumen. Heine entwirft trotz der augenscheinlichen Ironie und gegen den zeitgenössischen Diskurs, in dem Goethe zumeist entweder verabscheut oder verehrt wurde, kein einseitiges Goethe-Bild.11 Er prägt nicht nur die Vorstellung einer Epoche namens Goethezeit, sondern auch die des Olympiers und Dichterfürsten, der in ruhiger Gottgelassenheit scharfsinnig die Welt betrachtet – Bilder, die vielfach rezipiert wurden.12 Diese Vorstellungen gewinnt Heine aus dem wiederholten Vergleich mit Napoleon und Jupiter.13 Dadurch konfrontiert er den ‚Griechen‘ Goethe, dessen harmonischer Humanismus persifliert wird, mit ‚römischen‘ Konzepten, und zwar insbesondere mit Augustus, der sowohl prominent mit Jupiter in Beziehung gebracht wurde, als auch eine wichtige Grundlage napoleonischer Ikonografie darstellte.14 In einer Neulektüre der Römischen Elegien verfolge ich in dieser Arbeit das Römische in Goethes Schreiben nach Italien.15 Mit dem Gedichtzyklus greift Goethe erstmals explizit auf eine lyrische Gattungstradition, die augusteische Liebeselegie, zurück und erprobt, was Gattungen allgemein, was der Antike, was Rom in der Moderne noch zuzumuten ist. Auch aus dem Spiel mit dem unendlich geschichteten Textraum Rom erwächst letztlich – so die These – Goethes weltweite Autorität, die ihn laut Heine zu einem „absolute[n] Dichter“16 macht. Roms Welthaftigkeit, seine Urbanität und Imperialität, prägen damit auch jene Klassik, die sich über eine ‚griechisch-deutsche Wahlverwandtschaft‘ der Politik zu entziehen meinte. Goethes Schreibprojekt nach Italien ist vielfach römisch geprägt.

Karl-Heinz Hahn sieht in den Römischen Elegien die „Idee Rom“17 verfolgt und knüpft damit unbewusst an einen wirkmächtigen Aufsatz des Altphilologen Friedrich Klingner von 1927 an. Dieser definiert Rom als „Inbegriff abendländischer Kulturtradition“18, als das ordnungsstiftende Prinzip der Weltgeschichte: „Rom unterwirft das Ungefüge [sic!] und teilt so den Völkern Gesetz, Ordnung, Sinn und Einheit mit, repräsentiert den Logos auf Erden. Darum hat es auch an der Ewigkeit des Kosmos teil.“19 Die überdauernde Befähigung zur politischen Formgebung liegt nach Klingner in Vergil und Augustus begründet, gehe aber über sie hinaus: „[N]icht die Persönlichkeit eines Menschen ist in erster Linie das, was die Welt regiert, sondern Rom, und nur in und durch Rom Augustus.“20 Rom als Brennpunkt des Abendlandes bedeutet also nichts weniger als die ordnende Beherrschung der Welt, die sich in der Regierung eines Einzelnen manifestiert, ihn aber zugleich transzendiert.21 Dieser Rom-Idee liege die imperiale Eigenschaft zugrunde, sich Großes anzueignen:

[D]as wirkliche Rom zieht alles, was sich überall in abgesonderten Bereichen Hohes, Begeisterndes hervorgetan hat, an sich und in sich hinein, läßt sich von ihm durchleuchten, wächst in immer verjüngendem Wachstum mit ihm zusammen und wird eins mit ihm.22

Klingner sieht in der Imperialität den Grund für Roms stete Erneuerung, für dessen andauernde renovatio. Diese Vorstellung steht beispielhaft für die damalige Theoriedebatte über das „Nachleben der Antike“.23

Das Verjüngungsversprechen, die weltweite Vormachtstellung Roms sowie die Machtkonzentration stellten auch Anknüpfungspunkte für Altertumswissenschaftler bereit, die wenig später überzeugte NSDAP-Mitglieder wurden.24 Schon 1929 untersucht etwa Joseph Vogt den Weltherrschaftsgedanken und spricht mit Ehrfurcht von Roms „Ruhmestiteln“25 in der Kaiserzeit: caput orbis, lux orbis terrarum, domina rerum („Haupt der Welt, Licht des Erdkreises, Herrin über die Dinge“). Wurde die Vorstellung von Rom als weltbestimmender Macht – so Vogts Analyse – schon von Pompeius und Caesar geprägt, ist die augusteische Zeit für den Glauben an die Weltherrschaft der urbs Roma und damit für die Konzentration der Macht verantwortlich: „Die Stadt am Tiber war und blieb der Herd der Weltherrschaft.“26

Um 1800 schreckten die politischen Konnotationen der Rom-Idee insbesondere deutsche Theoretiker ab. Nicht affirmierend wie Vogt, sondern spöttisch begegnet Friedrich Schlegel der Prägekraft des augusteischen Zeitalters im Gespräch über die Poesie (1800):

Die Römer hatten nur einen kurzen Anfall von Poesie, während dessen sie mit großer Kraft kämpften und strebten, sich die Kunst ihrer Vorbilder anzueignen. […] Während einiger Menschenalter wollte alles dichten in Rom, und jeder glaubte, er müsse die Musen begünstigen und ihnen wieder aufhelfen; und das nannten sie ihre goldne Zeit der Poesie. Gleichsam eine taube Blüte in der Bildung dieser Nation. Die Modernen sind ihnen darin gefolgt; was unter Augustus und Maecenas geschah, war eine Vorbedeutung auf die Cinquecentisten Italiens. Ludwig der Vierzehnte versuchte, denselben Frühling des Geistes in Frankreich zu erzwingen, auch die Engländer kamen überein, den Geschmack unter der Königin für den besten zu halten, und keine Nation wollte fernerhin ohne ihr goldenes Zeitalter bleiben; jedes folgende war leerer noch als das vorhergehende, und was sich die Deutschen zuletzt als golden eingebildet haben, verbietet die Würde dieser Darstellung näher zu bezeichnen.27

Der römische Kampf um die Kunst scheitert in Schlegels Augen kolossal: Roms vermeintlich „goldne Zeit“ entpuppt sich als „taube Blüte“. Spott widerfährt nicht nur den Römern, sondern allen, die ihnen nachfolgen, zuletzt den Deutschen. Doch selbst die höhnische Rede gesteht der augusteischen Kulturpolitik ex negativo einen unvergleichbaren Einfluss auf alle späteren (National-)Literaturen zu. Deutlich wird zudem, dass sich Kunst und Politik schwerlich trennen lassen – zu jeder Nation trete unweigerlich identitätsstiftend eine Klassik.

Die herausgegriffenen Beispiele der Rom-Idee verdeutlichen, dass es zwar Konstanten im Blick auf Rom gibt, etwa die Selbstvergewisserung einer Blütezeit unter Augustus, dass aber die Konsequenzen der Betrachtenden höchst unterschiedlich ausfallen: von humanistischer Weltordnung (Klingner) über Verachtung (Schlegel) hin zu begeistertem Faschismus (Vogt).28 Rom als imperialer Ort macht diese Anknüpfungen möglich. Dabei ist entscheidend, wer auf welches Rom referiert. Richten sich die deutschen Diskussionen zumeist an Vergil, der augusteischen Dichtung und damit an der beginnenden Kaiserzeit aus,29 greifen die US-amerikanischen und französischen Revolutionäre um 1800 jeweils auf unterschiedliche Weise die römische Republik auf.30

Rom ist immer schon ein transformierter und zugleich transformierender Topos. Rom ist durch Wandlungsprozesse gekennzeichnet, die an ihm vollzogen werden und es immer wieder neu konstruieren; aber Rom verändert auch diejenigen, die auf die Stadt zurückgreifen. Die Arbeit mit Romkonzepten lässt sich daher gut mit dem Theoriemodell des Sonderforschungsbereichs „Transformationen der Antike“ beschreiben.31 Die Forschungsgruppe betont die Wechselseitigkeit von Transformationen – zwischen den jeweiligen Agenten und Referenten und über die Zeit hinweg.32 Diese reziproken Konstruktionen werden als Allelopoiese bezeichnet, als gegenseitiges Machen (griech. ἀλλήλων ποίησις). Rom ist als locus imperialis Paradigma der Allelopoiese. Der Rückgriff auf die Rom-Idee transformiert den Referenten und zugleich die Referenz. Das Transformationsmodell verzichtet dabei auf eine streng chronologische Unidirektionalität, die mit Blick auf die Literatur den Prätext als Vorangegangenes anerkennt, ihn aber nicht als Original behandelt.

Das Konzept der Allelopoiese vermag den Blick dafür zu schärfen, welchen Transformationsprozessen diese „Idee“ ausgesetzt ist. Goethes Elegien greifen auf ein spezifisches, augusteisches Rom zurück, entwerfen aber zugleich ein zeitgenössisches Rom der lebensweltlichen Gegenwart.33 Sie inszenieren eine Allelopoiese, indem sie aktiv Kontexte wie Rom, Weimar und Elegie für sich einnehmen – und nutzen dabei selbstverständlich den unendlichen Text-Fundus Roms. Diesen Zugriff beschreibe ich in der Studie als captio, als Schreibverfahren, dass gezielt Altes für sich einnimmt, sich aber der Transformation durch die Referenzen, etwa den imperialen Narrativen der augusteischen Zeit, nicht zu entziehen vermag. Die captio ist insofern distinkt römisch, als sie nicht Einmaligkeit oder Ursprünglichkeit propagiert, sondern im Wiederholen und Erneuern unendliche Lebendigkeit verspricht. Mit den Römischen Elegien und anderen antik grundierten Texten der 1790er Jahre orientiert Goethe dabei sein Schreiben an Ovid, der spielerisch und variierend ganz unterschiedliche Gattungen, Setzungen und Schreibformen ins eigene Werk integriert, der nicht an Monumentalisierung, sondern lebendiger Metamorphose interessiert ist. Goethes captio kapert sogar das caput mundi selbst.

Die intensive Rezeption der Römischen Elegien setzt spätestens fünf Monate nach Erscheinen des Zyklus ein. In Über naive und sentimentalische Dichtung (1795) rechtfertigt Schiller die Publikation der Elegien in den Horen und etabliert dabei drei Perspektiven, die fortan die Forschungsdiskussion der Gedichte bestimmen sollten: die Skandalthese, Goethes Nähe zu Properz und die Humanitätslektüre.34 Schiller sieht sich zur Verteidigung der Publikation der erotischen Gedichte genötigt, weil sich nach der Veröffentlichung das höfische Weimar empörte – der vermeintliche Skandal um die Römischen Elegien treibt die Forschung seit den 1980er Jahren um. Schillers Rechtfertigung argumentiert für die „Elegien des römischen und deutschen Properz35, also gleichermaßen für den Augusteer und Goethe, dass man das Gesamtwerk der Autoren zu beachten habe: Mit Blick auf die umfassenden Dimensionen ihres Schreibens seien die Gedichte als sinnlich zu werten, spiegelten den ganzen Menschen und kennzeichneten nicht bloße Lüsternheit (wie etwa die Erotika Ovids oder Voltaires). Die These umfassender Humanität, die Sinnlichkeit mit Vernunft versöhnt, ist äußerst dominant in der Forschung.36 Meine Arbeit versucht, die Interpretationsschneisen, die Schiller früh schlug, mit Bedacht zu korrigieren, indem nochmals die Transformationen, die Goethe an der augusteischen Liebeselegie vornimmt, in den Blick genommen werden. Dieser komparatistische Ansatz geht über ältere Einflussstudien hinaus,37 baut auf früheren Ansätzen zum römischen Einfluss auf die Elegien auf,38 denkt diese aber mit Blick auf das elegische Schreibverfahren weiter. Goethe macht sich die generische Aufnahmefähigkeit der Elegie zunutze, die vom hehren Epos bis zur derben Erotik unterschiedliche Themen und Formen zu integrieren vermag. Dabei spielt Ovid für Goethes poetische Praxis nach Italien eine größere Rolle als Properz.39 Ovids metamorphotisches Schreiben, das variierend Eigenes und Fremdes wiederholt, ist die Grundlage für Goethes Gattungsarbeit um 1800.

Angesichts der reichen Forschung zu den Römischen Elegien wäre ein umfassender Forschungsüberblick hier nicht zielführend, die relevanten Ergebnisse werden an jeweiliger Stelle kenntlich gemacht. Es seien aber drei Monografien hervorgehoben, die Fragestellungen meiner Arbeit angeschoben haben. Frank Hofmann analysiert die gesellschaftspolitischen Aspekte der Elegien, insbesondere den historischen Kontext der Französischen Revolution;40 den politischen Implikationen fügt diese Studie die römisch-imperialen Narrative hinzu. Malte Osterloh beschreibt Goethe als Großstädter und bezieht die Römischen Elegien dezidiert auf Rom als Stadt;41 die damit einhergehende urbanitas, eine allumfassend ironische Weltläufigkeit zeichnet Goethes Mythenarbeit in den Elegien aus. Elisabeth Böhm untersucht den Zyklus als Teil von Goethes schrittweiser Publikationsstrategie nach Italien, die die Etablierung der Autonomieästhetik und die Positionierung auf dem literarischen Feld verfolgt.42 Damit erforscht Böhm Goethes ‚Werkpolitik‘. Dieser Begriff geht auf Steffen Martus zurück, der darunter ein „Schreiben[] unter den Bedingungen der Kritik“43 versteht, das sich erst im 18. Jahrhundert ausbildet. Werkpolitische Schreibweisen bilden ein „Nachlassbewusstsein“ aus, das das Fortleben des Werks im Blick hat.44 Doch zugleich blicken sie zurück, entfalten eine „Spätzeitlichkeit“, die den betreffenden Text in das Gesamtwerk einordnet.45 Diese doppelte Zeitlichkeit ist in ihrer Historizität eine römische Erfindung: Erst als das Imperium Romanum sich als wiederholtes, aber zugleich in Ewigkeit fortdauerndes Reich begreift, entwickeln Autoren wie Horaz und Ovid ein Ewigkeitspostulat für ihre Dichtung. Daher ist es konsequent, dass Cédric Scheidegger Lämmle die Werkpolitik römischer Dichter46 beschreibt und damit den Begriff aus seiner historischen Fixierung löst.47 Da ohne die Evokation einer Autorpräsenz die werkpolitische Arbeit an der Kanonisierung undenkbar ist,48 begreife ich die Konstruktion eines Zusammenhangs zwischen Leben und Werk, für die Goethe nach Italien exemplarisch steht, mit Gerhard Neumann als Arbeit am ‚Lebens-Werk‘.49 Wie vor ihm Ovid nutzt Goethe für seine Werkpolitik insbesondere die Elegie: Mithilfe deren Reflexivität bindet Goethe im eigenen Leben sein Werk zusammen. Das garantiert die Kontrolle des Fortlebens und damit auch Goethes „Alleinherrschaft“, wie Heine unkt.

1

Heinrich Heine: Die romantische Schule. In: ders.: Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. Hg. v. Manfred Windfuhr. Bd. 8/1: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland; Die romantische Schule. Bearb. v. Manfred Windfuhr. Hamburg 1979, S. 121–249, hier S. 125.

2

Ebd., S. 149.

3

Heine vermutete hinter dem kunstkritischen Artikel Neu-deutsche religios-patriotische Kunst, der mit dem Kürzel der „Weimarer Kunstfreunde“ 1817 im zweiten Heft der Zeitschrift Ueber Kunst und Althertum in den Rhein- und Mayn-Gegenden erschien und von Johann Heinrich Meyer verfasst wurde, Goethes Autorschaft. Diese Schrift sei dessen „18te[r] Brumaire“ gewesen, jage sie doch „so barsch die Schlegel aus dem Tempel“ (Heine: Die romantische Schule, S. 149).

4

Heine: Die romantische Schule, S. 149 f.

5

Ebd., S. 150.

6

Ebd., S. 162.

7

Neben den Schlagworten des Klassischen ironisiert Heine auch Goethes Vorstellung einer Perfektibilität, nach der an der Geschlossenheit eines Kunstwerkes immer weitergearbeitet werden müsse: „Goethes größtes Verdienst ist eben die Vollendung alles dessen was er darstellt“ (Heine: Die romantische Schule, S. 157).

8

Heine: Die romantische Schule, S. 162.

9

Ebd., S. 163.

10

Ebd.

11

Vgl. Günter Häntzschel: Das Ende der Kunstperiode? Heinrich Heine und Goethe. In: Goethezeitportal (2003). URL: http://www.goethezeitportal.de/db/wiss/epoche/haentzschel_kunstperiode.pdf (zuletzt aufgerufen am 17.03.2020).

12

In Hans Blumenbergs Arbeit am Mythos stellt Heines Beschreibung der Weimarer Begegnung gleichsam das Fundament für die Überlegungen zum ‚Dämonischen‘ bei Goethe und Napoleon dar (Arbeit am Mythos. Frankfurt am Main 42014, vgl. zur Stelle S. 513 f.). Eberhard Lämmert verfolgt das Wort „Dichterfürst“ begriffsgeschichtlich, das Goethe selbst initiierte und Ausdruck der Konzeption einer ‚geistigen Kulturnation‘ wurde (vgl. Der Dichterfürst. In: Victor Lange/Hans-Gert Roloff (Hg.): Dichtung, Sprache, Gesellschaft. Akten des IV. Internationalen Germanisten-Kongresses 1970 in Princeton. Frankfurt am Main 1971, S. 439–455).

13

Vgl. Heine: Die romantische Schule, S. 149: „[D]enn wie Voß dem starren einäugigen Odin glich, so glich Goethe dem großen Jupiter, in Denkweise und Gestalt. Jener, freylich, mußte mit Thors Hammer tüchtig zuschlagen; dieser brauchte nur das Haupt mit den ambrosischen Locken unwillig zu schütteln und die Schlegel zitterten und krochen davon.“

14

Im ersten und letzten Buch seiner Metamorphosen vergleicht Ovid Augustus mit Jupiter (vgl. P. Ovidius Naso: Metamorphosen. Lateinisch/Deutsch. Übers. u. hg. v. Niklas Holzberg. Berlin/Boston 2017, hier S. 51 u. 799). Napoleon richtete seine Ikonografie an der augusteischen Identifikation mit dem Sonnengott Phoebus Apollo aus (vgl. Werner Telesko: Napoleon Bonaparte. Der „moderne Held“ und die bildende Kunst: 1799–1815. Wien/Köln/Weimar 1998, hier S. 107–111).

15

Obwohl der Gedichtzyklus 1795 in den Horen unter dem Titel Elegien publiziert wurde und auch in den folgenden Gedichtsammlungen unter dem Gattungstitel firmiert, hat sich der Titel Römische Elegien derart eingebürgert, dass ich in dieser Arbeit der Konvention folge und an gegebener Stelle auf die Titelwahl eingehe.

16

Heine: Die romantische Schule, S. 158. Zwar ist Heines Ton durchweg spöttisch, doch scheinen seine Vergleiche mit absolutistischen Fürsten ernst gemeint zu sein. An dieser Stelle sieht er Goethe in einer Reihe mit Homer und Shakespeare; alle drei zeichne eine absolute Kunstautonomie, ein „Kunstdespotismus“ (ebd.), aus.

17

Karl-Heinz Hahn: Der Augenblick ist Ewigkeit. Goethes „Römische Elegien“. In: Goethe-Jahrbuch 105 (1988), S. 165–180, hier S. 165.

18

Friedrich Klingner: Rom als Idee [1927]. In: Bernhard Kytzler (Hg.): Rom als Idee. Darmstadt 1993, S. 13–30, hier S. 21.

19

Ebd., S. 19.

20

Ebd.

21

Vgl. ebd. S. 20, Herv. i. O.: „Ein Sinn formt und ordnet alles; ein Licht durchdringt und klärt alles; eine Kraft durchwaltet das feierliche Gefüge. […] Und Rom und sein Imperium wächst immer mehr mit dem Kosmos in eins zusammen.“ Klingners Rom-Vorstellung blendet die ‚nationalen‘ und aggressiv imperialistischen Untertöne der Augusteer aus und verpflichtet Rom vielmehr auf die Stichworte einer „Harmonie des Ganzen“, auf „Gerechtigkeit“ (beide ebd., S. 17) und „Maß und Kosmos“ (ebd., S. 19). Die Römer seien nämlich im Gegensatz zu den Griechen der Geschichte, nicht einer „ideale[n] Norm“ (ebd., S. 17) verpflichtet. Manfred Fuhrmann beschreibt diese Dimension des Rom-Bildes schon für die Spätantike. Dort stehe Rom für „das Ideal der Freiheit, Rechtsgleichheit und soziale Sicherheit, kurz, Rom als Inbegriff einer humanen Kultur.“ (Brechungen. Wirkungsgeschichtliche Studien zur antik-europäischen Bildungstradition. Stuttgart 1982, hier S. 95).

22

Klingner: Rom als Idee, S. 17.

23

Vgl. nicht nur Aby Warburgs vielfältige Arbeiten, sondern aus altphilologischer Perspektive auch Otto Immisch: Das Nachleben der Antike [1919]. Leipzig 1933, hier S. 15 f.: „Die alten Sterne leuchten wieder, auch uns. Wir sehen auch auf diesem Wege, mit der Einmaligkeit der geschichtlichen Erscheinung stimmt es nicht, es gibt ein Erneuern, ein Wiederaufleben, das viel mehr ist als bloße geschichtliche Rekonstruktion.“

24

Vgl. z. B. Hildebrecht Hommel: Domina Roma [1942]. In: Bernhard Kytzler (Hg.): Rom als Idee. Darmstadt 1993, S. 31–71, hier den Beginn auf S. 31: „Wie kaum eine andere geschichtliche Idee hat der Weltherrschaftsgedanke des römischen Imperiums lebendig und machtvoll weitergewirkt durch die Jahrtausende, hat sich veränderten Verhältnissen angepaßt, sich historisch, rassisch und weltanschaulich von Grund aus gewandelten Bedingungen unterworfen und hat dabei doch über die Schwelle neuer Zeiten und fremder Räume hinweg immer noch etwas von seinem alten Glanz und seiner ersten Kraft bewahrt, ob wir ans mittelalterliche Kaisertum, an den Primat der römischen Kirche, ans britische Empire oder an den Anspruch eines neuen Impero Romano denken.“

25

Joseph Vogt: Orbis Romanus. Ein Beitrag zum Sprachgebrauch und zur Vorstellungswelt des römischen Imperialismus [1929]. In: ders.: Orbis. Ausgewählte Schriften zur Geschichte des Altertums. Freiburg im Breisgau/Basel/Wien 1960, S. 151–171, hier S. 160.

26

Ebd., S. 159.

27

Friedrich Schlegel: Gespräch über die Poesie. In: ders.: Charakteristiken und Kritiken I (1796–1801). Hg. u. eingeleitet v. Hans Eichner. Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe. Erste Abteilung. Bd. 2. Paderborn u. a. 1967, S. 284–351, hier S. 295.

28

Vgl. Judith Kasper/Cornelia Wild: Roms Tropen. Referenz, Gramma, Affekt. In: dies. (Hg.): Rom rückwärts. Europäische Übertragungsschicksale. Paderborn 2015, S. 11–17, hier S. 15: „Wenn die Referenz Rom so allgegenwärtig ist, dann vor allem, weil Rom ständig wiederkehrt.“

29

Vgl. Niklas Holzberg: Vom vates zum Vater des Abendlandes. Metamorphosen Vergils durch die Jahrhunderte. In: Gymnasium 114 (2007), S. 131–148.

30

Vgl. Hannah Arendt: Über die Revolution [1965]. München/Berlin/Zürich 62016.

31

Aus dem SFB 644 (URL: https://gepris.dfg.de/gepris/projekt/5486176; zuletzt aufgerufen am 25.03.2020) ging die Publikationsreihe „Transformationen der Antike“ beim De Gruyter Verlag (URL: https://www.degruyter.com/view/serial/21753; zuletzt aufgerufen am 25.03.2020) hervor.

32

Vgl. die ausführliche Definition in Lutz Bergemann u. a.: Transformation. Ein Konzept zur Erforschung kulturellen Wandels. In: Hartmut Böhme u. a. (Hg.): Transformation. Ein Konzept zur Erforschung kulturellen Wandels. München 2011, S. 39–56, hier S. 39: „Transformationen sind als komplexe Wandlungsprozesse zu verstehen, die sich zwischen einem Referenz- und einem Aufnahmebereich vollziehen. Aus dem Referenzbereich wird durch einen (nicht notwendig personal zu verstehenden) Agenten ein Aspekt ausgewählt, wobei im Akt der Aneignung nicht nur die Aufnahmekultur modifiziert, sondern insbesondere die Referenzkultur konstruiert wird. Diese enge Beziehung von Modifikation und Konstruktion ist wesentliches Merkmal transformatorischer Prozesse, die sowohl diachron als auch synchron verlaufen können. Sie führen mithin zu ‚Neuem‘ im doppelten Sinn, nämlich zu voneinander abhängigen Neufigurationen sowohl in der Referenz- wie innerhalb der Aufnahmekultur. Dieses Verhältnis der Wechselwirkung wird im Folgenden mit dem Begriff Allelopoiese, abgeleitet aus griech. allelon (gegenseitig) und poiesis (Herstellung, Erzeugung), bezeichnet.“

33

Vgl. Heinz Schlaffer: Musa iocosa. Gattungspoetik und Gattungsgeschichte der erotischen Dichtung in Deutschland. Stuttgart 1971, hier S. 38: „Das goldene Zeitalter, das sonst die erotischen Dichter der neueren Jahrhunderte poetisch ausbeuteten, doch als Lebensmöglichkeit nicht glaubten, gilt Goethe, wie vor ihm vielleicht nur Tasso, als Vorbild, von dem Abglanz noch auf das eigene Leben fällt, dessen veränderte Umstände dennoch nicht ungesagt bleiben.“

34

Vgl. Friedrich Schiller: Theoretische Schriften. Hg. v. Rolf-Peter Janz unter Mitarbeit v. Hans Richard Brittnacher, Gerd Kleiner u. Fabian Strömer. Frankfurt am Main 2008. Darin: Über naive und sentimentalische Dichtung, S. 706–810, hier S. 763–767.

35

Ebd., 767.

36

Vgl. etwa Henriette Herwig: AMOR versus FAMA. Goethes Römische Elegien. In: Yvonne-Patricia Alefeld (Hg.): Von der Liebe und anderen schrecklichen Dingen. Bielefeld 2007, S. 145–161, hier S. 160: „Die Römischen Elegien sind Goethes Lehrgedicht vom ‚ganzen‘ Menschen.“

37

Vgl. Ferdinand Bronner: Goethes römische elegien und ihre quellen. In: Richard Richter (Hg.): Jahrbücher für Philologie und Paedagogik 63. Bd. 148. Zweite Abteilung. Leipzig 1893, S. 38–50, 102–112, 145–150, 247–265, 305–316, 367–371, 440–469, 525–541, 572–588.

38

Vgl. Georg Luck: Goethes „Römische Elegien“ und die augusteische Liebeselegie. In: arcadia 2 (1967), S. 173–195 u. Christoff Neumeister: Goethe und die römische Liebeselegie. In: Dieter Kimpel/Jörg Pompetzki (Hg.): Allerhand Goethe. Seine wissenschaftliche Sendung aus Anlaß des 150. Todestages und des 50. Namenstages der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Frankfurt am Main 1985, S. 273–301. Unterschiede hat v. a. Wolfgang Riedel benannt (Eros und Ethos. Goethes Römische Elegien und Das Tagebuch. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 40 (1996), S. 147–180, hier S. 163–170). Der Beitrag von Anne Wagniart ist nicht hinreichend (vgl. Goethes Römische Elegien als produktive Antikenrezeption. In: Jean-Marie Valentin (Hg.): Akten des XI. Internationalen Germanistenkongresses Paris 2005 „Germanistik im Konflikt der Kulturen“. Bd. 11: Klassiken, Klassizismen, Klassizität. Betreut v. Roland Krebs. Bern 2008, S. 25–31).

39

Goethes Faszination für Ovid ist zwar in Ansätzen schon erforscht, doch bei weitem nicht ausreichend. Vgl. für Studien zu Goethe und Ovid Michael von Albrecht: Goethes Rezeption der Antike dargestellt an seiner Beziehung zu Ovid. In: Günter Schnitzler/Gottfried Schramm (Hg.): Ein unteilbares Ganzes. Goethe: Kunst und Wissenschaft. Freiburg im Breisgau 1997, S. 39–62; Ulrich Schmitzer: Goethe und die Literatur der frühen Kaiserzeit. In: Martin Korenjak/Karlheinz Töchterle: Pontes I. Akten der ersten Innsbrucker Tagung zur Rezeption der klassischen Antike. Innsbruck u a. 2001, S. 194–206 u. Volker Riedel: Goethe als Rezipient römischer Literatur. In: International Journal of the Classical Tradition 17/2 (2010), S. 178–218.

40

Vgl. Frank Hofmann: Goethes Römische Elegien. Erotische Dichtung als gesellschaftliche Erkenntnisform. Stuttgart 1994.

41

Vgl. Malte Osterloh: Versammelte Menschenkraft. Die Großstadterfahrung in Goethes Italiendichtung. Würzburg 2016.

42

Vgl. Elisabeth Böhm: Epoche machen. Goethe und die Genese der Weimarer Klassik zwischen 1786 und 1796. Bayreuth 2015. URL: https://epub.uni-bayreuth.de/2520/1/Epoche%20machen%20fin_EBoehm_Diss.pdf (zuletzt aufgerufen am 24.03.2020).

43

Steffen Martus: Werkpolitik. Zur Literaturgeschichte kritischer Kommunikation vom 17. bis ins 20. Jahrhundert. Studien zu Klopstock, Tieck, Goethe und George. Berlin/New York 2007, hier S. 5.

44

Vgl. Kai Sina/Carlos Spoerhase: Nachlassbewusstsein. Zur literaturwissenschaftlichen Erforschung seiner Entstehung und Entwicklung. In: Zeitschrift für Germanistik 3 (2013), S. 607–623.

45

Vgl. Sandro Zanetti: Avantgardismus der Greise? Spätwerke und ihre Poetik. München 2012, hier S. 15 u. passim.

46

Da sich sowohl in der Antike als auch um 1800 fast ausschließlich männliche Autoren und Leser am literarischen Diskurs beteiligen konnten, verwende ich das generische Maskulinum; die wenigen Autorinnen und Leserinnen sind mitgemeint. Bei Perspektiven auf die Gegenwart verwende ich als Ausgleich ein generisches Femininum.

47

Vgl. Cédric Scheidegger Lämmle: Werkpolitik in der Antike. Studien zu Cicero, Vergil, Horaz und Ovid. München 2016.

48

Vgl. Detlev Schöttker: Der literarische Souverän. Autorpräsenz als Voraussetzung von Kanonpräsenz. In: Heinz Ludwig Arnold (Hg.): Literarische Kanonbildung. Text & Kritik: Sonderband. München 2002, S. 277–290.

49

Vgl. Gerhard Neumann: „Die höchste Lyrik ist entschieden historisch“ – Goethes Gedichte als Lebens-Werk. In: Thomas Jung/Birgit Mühlhaus (Hg.): Über die Grenzen Weimars hinaus – Goethes Werk in europäischem Licht. Frankfurt am Main 2000, S. 135–170. Neumann versteht damit Goethes Strategie, sich in ‚Gelegenheiten‘ zu begeben, die vor der Öffentlichkeit inszeniert werden und als „Körperereignis, das in ein Schriftereignis transfundiert erscheint“ (ebd., S. 162), ‚Erlebnishaftigkeit‘ generieren. Dem liege die Struktur des ‚offenbaren Geheimnisses‘ zugrunde, eines Goethe-Schlagwortes, das schon etwa die Harzreise im Winter (1777) bestimme. Neumann betont, „daß Goethe den Akt der Einkonstruktion des Erlebnisses und seiner korporalen Qualität in das Gedicht nunmehr nicht dem Text selber als einem skriptualen Akt aufbürdet, sondern dem Leser und seiner Rezeptionsarbeit anvertraut.“ (Ebd., S. 150 f.).