Einleitung

In: Ästhetische Wahrheit
Author: Wonho Lee
Free access

Einleitung

Was ist Kunst? Das ist die Frage, die dieser Untersuchung zugrunde liegt, obwohl sie es nicht zu ihrem Ziel hat, eine direkte Antwort auf diese Frage zu geben. Was im Folgenden stattdessen unternommen wird, ist allein eine kritische Auseinandersetzung mit der Ästhetischen Theorie Adornos. Die Untersuchung nimmt Adornos Philosophie der Kunst zum Gegenstand, um eine Antwort auf die Frage nach der Kunst zu suchen. Sie untersucht, ob Kunst durch Adornos Konzeption verständlich erklärt werden kann.

Adornos Ästhetische Theorie hält diese Arbeit für besonders untersuchungswürdig, weil die dort entwickelte Auffassung von der Kunst eine doppelte Kritik sowohl von Kants wie auch von Hegels Ästhetik impliziert. Die Ästhetische Theorie ist also deswegen von hervorstechender Bedeutung, weil ihre theoretische Grundlage durch eine kritische Auseinandersetzung mit Kants und Hegels Ästhetiken konstruiert wird und sie damit einen wichtigen Zug innerhalb der gegenwärtigen Philosophie der Kunst exemplifiziert. Dieser besteht darin, auf der Grundlage der modernen Idee des Ästhetischen, die von Kants und Hegels Ästhetiken etabliert worden ist, die Allgemeinheit der Kunst, das heißt die Idee, dass der Kunstcharakter etwas Allgemeines jenseits partikularer Genres und Einzelwerke ist, zu erklären zu versuchen. Versteht man die philosophischen Grundzüge, die von Kants und Hegels Ästhetiken stammen, in einem etwas umfangreicheren Sinn, kann man sagen: Viele zeitgenössische Philosophien der Kunst, die, konfrontiert mit der Antikunst-Strömung der Avantgarde, den Anspruch nicht aufgeben wollen, die Kunst in ihrer begrifflichen Allgemeinheit zu erklären,1 stützen ihren jeweiligen Grundgedanken entweder auf die Kantische Idee des Schönen oder auf die Hegelsche Idee von der Geschichte der Kunst. Während die Kantische Idee innerhalb der gegenwärtigen Philosophie der Kunst den Zug stützt, die Allgemeinheit der Kunst auf der Grundlage der logischen Autonomie der ästhetischen Erfahrung bzw. des ästhetischen Urteils zu erläutern,2 stützt die Hegelsche Idee den konkurrierenden Zug, die Kunst durch ihre geschichtliche Autonomie zu erläutern.3 Diejenigen Philosophien der Kunst, die sich an Kants Ästhetik anlehnen, vertreten also die Meinung, dass die Kunst unabhängig von geschichtlich-kulturellen Unterschieden in ihrer konkreten Realität dadurch allgemein zu erklären ist, dass die Kunsterfahrung der Vollzug einer ästhetischen Rationalität ist, die sich von der begrifflichen Rationalität unterscheidet. Dagegen sind die Philosophien der Kunst, die sich auf die Hegelsche Idee berufen, der Meinung, dass die Kunst durch nichts anderes als die Geschichte der Kunst zu erklären ist, welche zeigt, wie die Kunst in den jeweiligen konkreten kulturell-historischen Räumen in Relation zu anderen Bereichen des Lebens ihre Bedeutung entwickelt hat und noch entwickelt.

Wer auf diese Frontstellung der beiden dominanten Ideen des Ästhetischen in der Gegenwartsästhetik Acht gibt, welche natürlich selbst auf die kritische Bezugnahme von Hegels Ästhetik auf Kants Ästhetik zurückgeht,4 der hat die Bedeutung der Ästhetischen Theorie Adornos deutlich vor Augen. Die Ästhetische Theorie, indem sie sich auf dem Weg zu einem angemessenen Kunstbegriff an Bedeutung und Grenzen von Kants und Hegels Ästhetiken abarbeitet, zeigt nämlich deutlich, welche Vorteile wie auch Probleme diese beiden theoretischen Grundzüge mit sich bringen. Sie ist also vor allem darin besonders, dass sie nicht danach strebt, die Plausibilität einer der beiden theoretischen Stoßrichtungn nachzuweisen, sondern danach, die unversöhnlichen Streitpunkte zwischen beiden selbst richtig darzustellen. Dies tut die Ästhetische Theorie dadurch, dass sie die Kunst als einen in sich spannungsvollen Begriff erläutert, der durch den Konflikt zwischen der Kantischen und Hegelschen Erläuterung der Kunst dargestellt werden kann. Die Spannung, welche die Kunstkonzeption der Ästhetischen Theorie aufzeigt, ist aber nicht allein das Ergebnis der Kombination zweier verschiedener Ideen des Ästhetischen; die Ästhetische Theorie stellt diese Spannung vielmehr in ihrer Notwendigkeit in dem Sinne dar, dass jeweils die eine Position gerade der Kritik durch die andere Position bedarf. Der Kunstbegriff ist nach Adorno angemessen allein als die Spannung zwischen der Kantischen und der Hegelschen Idee des Ästhetischen darstellbar. Adornos Ästhetische Theorie ist also darin besonders, dass sie zeigt, warum die Kunst durch eine nicht zu versöhnende Spannung zwischen den beiden modernen Ideen des Ästhetischen erklärt werden muss.

Dass Adornos Kunstkonzeption in der Spannung zwischen der Kantischen und der Hegelschen Idee des Ästhetischen besteht, wird darin deutlich, dass Adorno die Kunst durch die ästhetische Erfahrung der Wahrheit auszeichnet.5 Es ist nach Adorno gerade die Kunst, durch welche wir eine besondere Erfahrung solcher Art haben können, dass wir sie einerseits nicht begreifen zugleich ihrer Wahrheit aber trotzdem gewahr werden. In dieser Idee einer ästhetischen Erfahrung der Wahrheit drückt sich der spannungsvolle Charakter des Kunstbegriffs insofern aus, als Adorno „ästhetisch“ im Kantischen Sinne versteht, während die Idee der Kunst als ein Medium der Wahrheit ein Hegelscher Gedanke ist. Adorno will also mit Hegel gegen Kant behaupten, dass Kunstwerke in ihrem eigentlichen Sinn keine bloß schönen, sondern wahre Gegenstände sind; er will aber zugleich auch mit Kant gegen Hegel behaupten, dass der Wert der Kunst nicht durch eine begreifbare Bedeutung von Kunstwerken, sondern ästhetisch, also durch die subjektive Empfindung der mimetischen Stimmigkeit zwischen Rezipienten und Kunstwerk, realisiert wird.

Diese Spannung zwischen der Kantischen und der Hegelschen Idee des Ästhetischen innerhalb der Kunstkonzeption Adornos zeigt sich auch darin, wie ambivalent diese Konzeption die Geschichtlichkeit der Kunst erklärt: Die Wahrheit der Kunst, so erklärt Adorno gegen Hegel, unterscheidet sich grundsätzlich von begrifflichen Erkenntnissen, welche darin als wahr gelten, dass sie mit anderen Urteilen in einem begrifflichen Zusammenhang, der eine totalitäre Einheit aufweist, kompatibel sind. Die Wahrheit im Sinne Hegels sieht Adorno allein als ein Urteil an, das deswegen als wahr gilt, weil es der zur fraglichen Zeit bestehenden begrifflichen Ordnung entspricht. Die Wahrheit im Hegelschen Sinne hält Adorno also darin für lediglich subjektiv, dass sie allein ein Begriffssystem instanziiert, das zu einem bestimmten geschichtlichen Zeitpunkt vorherrscht. Solche Urteile sind also für Adorno keine objektive Wahrheit. Die Wahrheit der Kunst ist ihm zufolge dagegen objektiv in dem Sinne, dass sie nicht allein eine Bedeutung instanziiert, die in einem begrifflichen Zusammenhang, der zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Kulturraum etabliert ist, als wahr gilt. Die Kunsterfahrung, deren entscheidendes kognitives Medium nicht Begriffe sind, sondern die subjektive Empfindung ist, ist Adornos Ansicht nach frei von der in der Realität vorherrschenden begrifflichen Normativität, und damit ist sie fähig, eine objektive Realität zu zeigen, die nicht durch die begriffliche Totalität einseitig vermittelt ist. Andererseits ist es bei Adornos Kunstbegriff aber auch so: Die objektive Realität, die die Kunst zeigt, ist auch keine objektive Wahrheit im wörtlichen Sinne, weil sie keinen positiven Inhalt aufweist. Was die Kunst zeigt, ist vielmehr allein die negative Seite der begrifflichen Totalität: Die Kunst zeigt unsere von der herrschenden begrifflichen Normativität unterdrückte Natur, die sich aber auf keine positive Weise, also nie mittels der Begriffe, ausdrücken lässt. Die Wahrheit der Kunst findet sich daher wiederum auch nicht unabhängig von der bestehenden begrifflichen Ordnung, weil sie lediglich darin wahr ist, dass sie die Negativität der vorhandenen begrifflichen Ordnung zeigt. Das heißt wiederum: Wir werden auch der Wahrheit der Kunst allein dadurch gewahr, dass wir ihre Negativität, also ihre Unbegreiflichkeit, in ihrer kritischen Bedeutsamkeit gegenüber dem vorhandenen Sinnzusammenhang erkennen. Die Kunst unterscheidet sich nach Adorno in diesem Punkt demnach wiederum von der Kantischen Idee des Schönen, das auf einem von der Geschichte unabhängigen Charakter des schönen Gegenstandes beruht. Denn die Kunst ist nach Adorno die Kritik an der Falschheit des vorhandenen Sinnzusammenhangs, also eine wahre Bedeutung für den bestehenden Sinnzusammenhang. Die ästhetische Wahrheit ist nach Adorno in diesem Sinne wiederum geschichtlich.

Auf diese Weise liegen die Kantische und die Hegelsche Idee des Ästhetischen der Kunstkonzeption Adornos spannungsvoll zugrunde. Adorno ist gerade der Ansicht, dass allein durch diese Spannung, also allein durch das dialektische Verhältnis dieser beiden Ideen, der Kunstbegriff richtig darzustellen ist. Gelingt es Adornos Kunsttheorie aber, diese Spannung zwischen beiden Ideen auf eine konsequente Weise als den Gehalt des Kunstbegriffs zu explizieren, ohne sich aufgrund eines am Ende nicht zu überwindenden Widerspruchs zwischen den beiden Ideen schlicht in eine Antinomie zu begeben? Gerade diese Frage will diese Untersuchung stellen. Das Ziel der Untersuchung ist es also nicht, den Sinn von Adornos Kunstbegriff, wie er in der Ästhetischen Theorie angelegt ist, in treuer Nachverfolgung exegetisch auszulegen. Die Arbeit wird vielmehr genau prüfen, ob die Kunstkonzeption Adornos tatsächlich verständlich ist. Um das Ergebnis der Untersuchung vorwegzunehmen: Die Arbeit will zeigen, worin genau Adornos Kunstkonzeption scheitert, und weiter: in welchem Punkt seine Kunstkonzeption korrigiert werden muss, um auf eine logisch verständliche Weise dargestellt werden zu können. Das Ziel der Arbeit liegt also konkret darin, zu zeigen, wie Adornos Kunstbegriff gemäß dem Sinn, den Adorno mittels der Spannung zwischen der Kantischen und der Hegelschen Ideen des Ästhetischen ausdrücken will, zu retten ist. Auf diese Weise will die Arbeit nicht allein die Philosophie der Kunst Adornos, sondern diese als eine Philosophie der Kunst untersuchen, die auf ihre bestimmte Art versucht, dem Problem der Identität von Kunstwerken in der gegenwärtigen Kunst gerecht zu werden.

Weil die Untersuchung zeigen will, worin genau die logische Spannung in Adornos Kunstkonzeption liegt und inwiefern diese ein Problem darstellt, wird sie so vorgehen, dass der Kunstbegriff der Ästhetischen Theorie mit Zuspitzung auf seinen problematischen Punkt systematisch entwickelt wird. Im ersten Kapitel wird die Arbeit zunächst jenen Punkt aus der Ästhetischen Theorie herausarbeiten, von welchem die Verständlichkeit von Adornos Kunstbegriff letztlich abhängt: wie der (positive) Wert der Kunst als mit ihrer Negativität, nämlich mit ihrer Unbegreiflichkeit, verbunden zu erklären ist. Durch einen Nachvollzug von Adornos doppelter Kritik an Kants und Hegels Ästhetiken wird die Arbeit zu dem Ergebnis kommen, dass der Schlüsselbegriff für die ästhetische Bestimmung nach Adorno die ästhetische Wahrheit ist. Der (ästhetische) Wert der Unbegreiflichkeit der Erfahrung, durch welchen Adornos Kunstbegriff sich auszeichnet, wird dann im zweiten Kapitel daraufhin untersucht, wie er, nach Darstellung der Ästhetischen Theorie, im prozessualen Vollzug einer Kunsterfahrung realisiert wird. Der auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinende Charakter der Kunsterfahrung, gerade wegen ihrer Negativität besonders wertvoll zu sein, bekommt hier dadurch eine konkrete Gestalt, dass gezeigt wird, wie genau die Negativität und der Wert der Kunsterfahrung für die Rezipienten von Kunstwerken prozessual Bedeutung entstehen lassen. Das Kapitel wird letztlich zeigen, dass im Sinne einer konsequenten Interpretation der Ästhetischen Theorie der Wert der Unbegreiflichkeit der Kunsterfahrung in der Bedeutsamkeit liegt, welche der ästhetischen Negation des hermeneutischen Sinns eines Kunstwerks zukommt. Gerade durch die Negation des Sinns eines Kunstwerks durch eine Empfindung, zu der der Verstehensprozess des Kunstwerks führt, kommt also die Bedeutsamkeit des Kunstwerks zustande. In dieser Bedeutsamkeit der ästhetischen Negation der Kunsterfahrung liegt die ästhetische Wahrheit. Ob diese Auffassung der ästhetischen Wahrheit aber tatsächlich kohärent gedacht werden kann, wird das dritte Kapitel untersuchen. Im dritten Kapitel wird also genau geprüft, ob die Normativität der ästhetischen Wahrheit, so wie Adorno sie versteht, verständlich erläutert werden kann. Das Ergebnis dieser Prüfung wird jedoch negativ ausfallen: Insofern als Adorno die ästhetische Negation in der Kunsterfahrung als eine unbegriffliche erklärt, bleibt die ästhetische Wahrheit unverständlich. Diese Arbeit wird gegen Adorno behaupten, dass, um den ästhetischen Wert, welcher der kritischen Bedeutsamkeit der ästhetischen Negativität zukommt, erklären zu können, vorausgesetzt werden muss, dass auch der ästhetischen Empfindung begriffliche Rationalität zukommt. Im vierten Kapitel schließlich wird die Arbeit auf der Grundlage dieses kritischen Ergebnisses argumentieren, dass diese theoretische Korrektur am Kunstbegriff Adornos es überhaupt erst ermöglicht, der Geschichtlichkeit der Kunst gerecht zu werden. Ein Symptom, das die Beschränktheit von Adornos Kunstbegriff in seiner Fähigkeit, die Geschichtlichkeit der Kunst zu fassen zu bekommen, zeigt, ist, dass nach seiner Erläuterung keine theoretische Offenheit für einen Begriff der Massenkunst besteht. Dieser ist aber im gegenwärtigen Kunstbereich mit einem durchaus verständlichen Inhalt konkret etabliert. Den korrigierten Kunstbegriff dieser Arbeit, der die Idee einer Massenkunst durchaus zulässt, zum Ausgang nehmend, werden im weiteren Verlauf des vierten Kapitels daher anschließend mithilfe von zwei Filmanalysen zwei unterschiedliche Weisen, ästhetische Wahrheit durch Kunst zu erfahren, beispielhaft aufgezeigt. Auf diese Weise soll verdeutlich werden, wie durch eine Korrektur an Adornos eigener Theorie ästhetische Erfahrung in einem Sinn, der immer noch in der Fluchtlinie Adornos grundlegender Idee der ästhetischen Wahrheitserfahrung liegt, auch anhand aktueller massenmedialer Kunst beschrieben werden kann, ohne deren verschiedene Facetten von populärer bis sich als anspruchsvoll verstehender Kunst zu übersehen.

1

Damit schließe ich diejenigen zeitgenössischen Philosophien der Kunst zunächst einmal aus unserer Betrachtung aus, die die Ansicht vertreten, dass die Allgemeinheit der Kunst bzw. der allgemeine Charakter der Kunstwerke schlichtweg nicht zu erläutern ist, oder dass die Entscheidung darüber, ob ein Gegenstand als Kunstwerk gelten kann, eine Aufgabe für die konkrete Kritik eines fraglichen Kunstwerks ist, die nach den Regeln der jeweiligen Kunstgattung vorzugehen hat (vgl. Morris Weitz, »The Role of Theory in Aesthetics«, in: The Journal of Aesthetics and Art Criticism (1956), 27-35; Dominic McIver Lopes, Beyond Art, Oxford: Oxford University Press 2014).

2

Zu einigen Beispielen dafür vgl. Monroe Beardsley, »Aesthetic Experience Regained«, in: The Journal of Aesthetics and Art Criticism 28:1 (1969), 3-11; Clive Bell, Art, London: Chatto and Windus 1914; Gunnar Hindrichs, Die Autonomie des Klangs. Eine Philosophie der Musik, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2014, hier insb. 12-13.

3

Zu Beispielen hierfür vgl. Arthur Danto, »The Artworld«, in: The Journal of Philosophy 61:19 (1964), 571-584; Noël Carroll, »Historical Narratives and the Philosophy of Art«, in: The Journal of Aesthetics and Art Criticism (1993), 313-326.

4

Vgl. VdÄ I, 83-89.

5

Vgl. ÄT, 192-197.

Ästhetische Wahrheit

Das Problem der sinnlichen Negativität für Adornos Kunstkonzeption