Free access

Die vorliegende Studie über das sogenannte „Engelmann-Skizzenbuch“, das Ludwig van Beethoven im Frühjahr 1823 zur Skizzierung verschiedener Werke benutzte, wurde im Juli 2019 im Fachbereich 2: Philologie/Kulturwissenschaften der Universität Koblenz-Landau als Dissertation eingereicht. Die Disputation fand Anfang Februar 2020 statt. Das Thema der Arbeit ist in Verbindung mit dem Forschungsprojekt „Beethovens Werkstatt. Genetische Textkritik und Digitale Musikedition“ entstanden, das den Kompositionsprozess bei Beethoven untersucht und die Forschungsergebnisse in digitaler Form vermittelt. Für die vorliegende Druckfassung wurde der Text geringfügig überarbeitet.

Das Engelmann-Skizzenbuch befindet sich heute in der Sammlung des Beethoven-Hauses in Bonn (Sammlung H. C. Bodmer, HCB Mh 60), dem ich dafür danke, dass ich mit den hochauflösenden Digitalisaten arbeiten und Einsicht in das Original nehmen konnte – mein Dank gilt hier Dr. Nicole Kämpken, Dr. Michael Ladenburger und Dr. Julia Ronge.

Obwohl die Skizzenforschung zu Beethoven auf eine lange Geschichte zurückblicken kann, sind bis heute weniger als ein Drittel der insgesamt 70 überlieferten Skizzenbücher Beethovens ediert worden. Dies dürfte mit dem hohen zeitlichen, sachlichen und finanziellen Forschungsaufwand zusammenhängen, mit dem die Erschließung und Publikation verbunden ist. Die Edition der Skizzenbücher ist jedoch die Voraussetzung für eine breitere wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihrem Inhalt, wodurch wiederum neue Erkenntnisse über Beethovens Schaffensweise gewonnen werden können. So soll die vorliegende Studie mit der Transkription, Zuordnung und Analyse der im Engelmann-Skizzenbuch enthaltenen Skizzen eine – wenn auch nur kleine – Lücke schließen.

* * *

Das Engelmann-Skizzenbuch ist in vielerlei Hinsicht ein aufschlussreicher Forschungsgegenstand: Es gewährt einen Einblick in die Entstehung zweier Großprojekte Beethovens – der Diabelli-Variationen und der Neunten Symphonie. Zudem kann man durch die Untersuchung der Schreibprozesse und der von Beethoven vorgenommenen Seitenfaltungen Erkenntnisse über die Arbeitsorganisation und die Schreibstrategien Beethovens gewinnen. Nicht zuletzt ist auch der Weg, den das Skizzenbuch nach Beethovens Tod zurücklegte, von Bedeutung: Als es sich im Besitz von Theodor Wilhelm Engelmann befand, nach dem es heute benannt ist, zeigte Johannes Brahms großes Interesse daran. Er hatte das Skizzenbuch für ein paar Wochen ausgeliehen. Hier bin ich der Frage nachgegangen, wofür genau Brahms sich interessierte. Angeregt durch die Arbeit im Projekt „Beethovens Werkstatt“ wurden außerdem die verbalen Skizzen und Anmerkungen, die Beethoven im Skizzenbuch vornahm, sein „Komponieren mit Worten“, systematisch betrachtet. Dies ist ein erster Schritt zur Erforschung der Skizzenart der Verbalskizze.

Im Mittelpunkt der Arbeit steht der Inhalt des Skizzenbuchs, der u. a. durch zwei Verzeichnisse erschlossen wird, in denen die Skizzen sowohl nach Seitenreihenfolge als auch nach Werken geordnet aufgeführt werden. Die Skizzen selbst werden inhaltlich, in ihrem Bezug auf Werke und Werkprojekte und hinsichtlich ihrer schaffenschronologischen Stellung detailliert untersucht. In Bezug auf die Diabelli-Variationen enthält das Buch Beethovens letzte Skizzierungsarbeiten (zu den Variationen 15, 26, 32 und 33), bevor er mit der Ausarbeitung und Niederschrift des Werkes begann. Hier konnte im Vergleich mit der autographen Partitur der Übergang von den Skizzen zur Werkniederschrift untersucht werden.

Im Gegensatz dazu befand sich Beethoven in Bezug auf die Neunte Symphonie noch in einem frühen Skizzierungsstadium, als er das Engelmann-Skizzenbuch benutzte. Die enthaltenen Skizzen zum Beginn des 1. Satzes sind der Werkfassung bereits recht ähnlich und man kann erkennen, wie Beethoven an der Ausformung des Hauptthemas und der Konzeption der ersten 35 Takte des Satzes arbeitete. Die Skizzierung der Exposition des 1. Satzes steht im Engelmann-Skizzenbuch im Vordergrund. Daneben findet man aber auch einige Skizzen für die Folgesätze: Dabei handelt es sich um meist kurze Konzeptskizzen, in denen Beethoven nach dem thematischen Material für die Sätze suchte. Diese ersten Ideen erprobte er in weiteren Skizzen in Bezug auf ihre Verarbeitungsmöglichkeiten.

Neben den Skizzen enthält das Buch ein drei Seiten umfassendes Revisionsverzeichnis zu den Diabelli-Variationen, das Beethoven zu verschiedenen Zeitpunkten während der Drucklegung des Werkes nutzte. Die Besonderheit dieses Verzeichnisses liegt darin, dass Beethoven es nur für den eigenen Gebrauch anlegte und es somit im Gegensatz zu anderen „Korrekturlisten“ ein rein privates Arbeitsdokument war, das er nutzte, um seine Revisionsarbeit zu koordinieren. In Kapitel 6.2.2 werden die Hintergründe zur Entstehung und Nutzung dieses Verzeichnisses beleuchtet und im digital veröffentlichten Anhang wird jeder einzelne Eintrag Beethovens erläutert und zeitlich eingeordnet. Ebenfalls im digitalen Anhang befindet sich die vollständige Transkription des Skizzenbuchs. Sie bildet die Grundlage und Voraussetzung für die inhaltliche Erschließung des Buchs und somit auch für die gesamte Studie. Außerdem liefert sie die Grundlage für eine im Projekt „Beethovens Werkstatt“ geplante, in der Geschichte der Skizzenbuch-Edition erstmalig zu realisierende digitale Publikation eines Beethoven-Skizzenbuchs.

In der Regel nutzte Beethoven zur Skizzierung eines Werkes nicht nur ein einziges Skizzenbuch. Somit bestehen vielfältige Beziehungen zwischen Skizzen in verschiedenen Büchern und auf vereinzelten Skizzenblättern. In der vorliegenden Arbeit werden daher die mit dem Engelmann-Skizzenbuch direkt in Verbindung stehenden Quellen vorgestellt und das Buch wird so in seinen schaffensgenetischen Kontext eingeordnet. Als Beethoven darin arbeitete, bildete das Engelmann-Skizzenbuch die erste Hälfte eines umfangreicheren Skizzenbuchs, dessen zweite Hälfte heute unter dem Namen „Landsberg 8/1“ bekannt ist. Um den Rahmen eines Dissertationsprojektes nicht zu überschreiten, wurde hier nur die erste Hälfte dieses größeren Skizzenbuchs betrachtet und Landsberg 8/1 nicht einbezogen.

* * *

Mein Dank gilt allen Bibliotheken und Archiven, die Quellenmaterial zur Verfügung gestellt haben: dem Beethoven-Haus Bonn, der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv, der Bibliothèque nationale de France Paris, dem Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde Wien und der Johannes Brahms Gesamtausgabe, Forschungszentrum Kiel.

Außerdem danke ich all jenen, die meine Arbeit auf unterschiedliche Art und Weise unterstützt haben. Mein Dank gilt Dr. Elisa Novara und Richard Sänger M.A. vom Projekt „Beethovens Werkstatt“ sowie Dr. Jens Dufner, mit denen ich über inhaltliche Fragen diskutiert habe, sowie Dr. Andrea Hammes und Monika Fiedler, die die Arbeit vor der Abgabe im Jahr 2019 kritisch durchgesehen haben. Ran Mo M.A. danke ich für das Setzen zweier Notenbeispiele (Abb. 75 und 76). Ich danke Dr. Michael Ladenburger und Dr. Julia Ronge, die mir bei der Quellenautopsie des Engelmann-Skizzenbuchs halfen, und allen, die bei der Entzifferung von Beethovens verbalen Anmerkungen geholfen haben: Dr. Jens Dufner, Dr. Michael Ladenburger, Dr. Julia Ronge, Prof. Dr. Federica Rovelli und Richard Sänger M.A.

Besonders herzlich möchte ich drei Menschen danken: der Zweitgutachterin meiner Arbeit, Prof. Dr. Federica Rovelli, die mir die Transkriptionsrichtlinien ihrer noch unveröffentlichten Edition des Scheide-Skizzenbuchs zur Verfügung gestellt hat, und Prof. Dr. Bernhard R. Appel, der das Thema für die Dissertation vorgeschlagen hat. Beide haben sich stets Zeit genommen, methodische und inhaltliche Fragen mit mir zu besprechen und mir viele Anregungen gegeben. Doch ohne den Rat, die Hilfe und die vielen Gespräche über Struktur, Aufbau und Inhalt der Studie mit der Betreuerin meiner Arbeit, Prof. Dr. Petra Weber, die mich seit Beginn meines Studiums begleitet, wäre die Arbeit nicht das geworden, was sie ist. Ich danke ihr von ganzem Herzen.

Bonn, März 2021

Susanne Cox

Das Skizzenbuch "Engelmann"

Untersuchungen zu Skizzen Beethovens aus dem Frühjahr 1823

Series: