Einleitung und Vorbehalt

In: Passagen
Author: Simon Godart
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Il y a plus affaire à interpreter les interpretations qu’à interpreter les choses, et plus de livres sur les livres que sur autre subject : Nous ne faisons que nous entregloser.1

Diese Arbeit ist ein Beitrag zur Begriffsgeschichte und zur allgemeinen Theorie des Zitates. Sie fragt sich: Was geschieht, wenn man mit den Worten anderer spricht, wenn man Zeichen reproduziert oder imitiert, die andere einem hinterlassen haben? Welche Effekte zeitigt das Schreiben in Zitaten, mit und ohne Anführungszeichen, mit und ohne Quellenangaben? Zitieren heißt reproduzieren, und damit auch immer Verdoppeln, Vervielfältigen im Sinne einer Kopie, die dem Original die Treue hält, um sich doch wesentlich von ihm zu unterscheiden. Notwendig, weil historisch nachgeordnet, sekundär, weil konstitutiv auf ein Primäres bezogen, unterhält die Entlehnung fremder Worte ein gespanntes Verhältnis zum Vergangenen und erlaubt so, die Geschichtlichkeit von Sprache und Schrift an gegebenen Beispielen sichtbar zu machen, mit allen Komplikationen, die sich daran anschließen. Zitation ist ein paradigmatischer Fall von Iteration, in der sich durch Wiederholung Identität und Differenz kreuzen, ohne je nach der einen oder anderen Seite aufgelöst werden zu können. Die Analyse literarischer Momente des Zitats greift also von selbst über auf Fragen der Sprach- und Geschichtsphilosophie, und erlaubt es, anhand eines Sonderfalls der Wiederholung deren Struktur nachzubilden.

Dieser Fragestellung ging die Beobachtung voraus, dass trotz der unverzichtbaren Rolle und der Omnipräsenz der Zitation insbesondere in den Geistes- und Literaturwissenschaften eine solche Theorie des Zitats ebenso wenig vorliegt wie eine Darstellung ihrer Geschichte. Dies ist umso erstaunlicher, als der Ansatz dieser Studie sich selbstverständlich auf die Betrachtungen zur Theorie der Intertextualität stützt. Für eine Theorie des Zitats und dessen konstitutiver Bedeutung für den Text im Allgemeinen kann Roland Barthes’ Bestimmung als Grundannahme gefasst werden:

Le texte redistribue la langue (il est le champ de cette redistribution). L’une des voies de cette déconstruction-reconstruction est de permuter des textes, des lambeaux de textes qui ont existé ou existent autour du texte considéré, et finalement en lui : tout texte est un intertexte ; d’autres textes sont présents en lui, à des niveaux variables, sous des formes plus ou moins reconnaissables : les textes de la culture antérieure et ceux de la culture environnante ; tout texte est un tissu nouveau de citations révolues. […] L’intertextualité, condition de tout texte, quel qu’il soit, ne se réduit évidemment pas à un problème de sources ou d’influences ; l’intertexte est un champ général de formules anonymes, dont l’origine est rarement repérable, de citations inconscientes ou automatiques, données sans guillemets.2

Barthes formuliert hier das Zusammenfallen von Text und Intertext, und damit die unhintergehbare Bedeutung von Intertextualität für die Textualität im Allgemeinen, die er als Reproduktion aus den bestehenden anderen Texten auffasst. Damit fragt er bereits nach der spezifischen Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit des Textes, für den ein anderer Text zugleich vorangegangen und in ihm sozusagen kopräsent sein muss, damit es überhaupt zum Text kommen kann. Die unspezifisch bleibende vorangegangene „Kultur“ unterhält über die Bezugsachse von Text und Intertext einen Dialog mit der gegenwärtigen oder umgebenden „Kultur“. Im Zitieren wird der Text so zum Kreuzungspunkt zweier Zeitebenen, die sich berühren, ohne von der Lektüre oder Analyse klar getrennt werden zu können. Der Text setzt sich zusammen aus Zitaten des Intertextes, und wird so selbst, als „Gewebe von Zitaten“, zu dessen neuem Teil. Indem er den Austausch zwischen diesen beiden Ebenen konsequent als Zitation bezeichnet, wird virulent, was von der Verallgemeinerung unbesprochen gelassen wird: Was geschieht, wenn die „unbewussten und automatischen Zitate“ sich in der Form von ausgewiesenen und erkennbaren Zitaten im Text niederschlagen?

Neben dem Begriff des Dialogischen steht das Zitat als Nullpunkt dieser Theorien auch jenseits von Barthes zentral. Zitieren als Leitbegriff entwirft ein ganzes Netzwerk an Konzepten und Beschreibungsmodi, das der Betrachtung von Texten die Bestimmung ihrer Bezüge zu anderen Texten erleichtern soll. Julia Kristevas Anschluss an Michail Bachtin kann als Geburtsstunde dieser Theorie begriffen werden, und es ist auch bei ihr gerade das Zitat, das ihr zur Etablierung des systematischen Zugriffs dient. In ihrer Auseinandersetzung mit Bachtin kann Kristeva nur im Zitat zeigen, wo das Zitat steht:

Le mot (le texte) est un croisement de mots (de textes) où on lit au moins un autre mot (texte) […]. Tout texte se construit comme mosaïque de citations, tout texte est absorption et transformation d’un autre texte. À la place de la notion d’intersubjectivité s’installe celle d’intertextualité, et le langage poétique se lit, au moins comme double.3

Diese Gründungsurkunde der Intertextualität nimmt das Zitat gewissermaßen zur Leitmetapher einer Untersuchung der „poetischen Sprache“, die immer mit Worten operiert, die sie andernorts entnommen hat. Was hier nicht ganz trennscharf eingeführt wird, ist die allgemeine Zitation der Sprache; ihr Charakter als zugleich beschränkendes und ermöglichendes Reservoir von Sagbarkeiten und Ausdrucksformen, das jeder Aktualisierung in Text und Wort als Gegebenes bereits vorausgehen muss. Auch dort, wo die Anführungszeichen fehlen, und wo der Rückbezug auf eine „Quelle“ nicht dem Gang der Rezeption des älteren durch den jüngeren Text entsprechend nachgezeichnet werden kann, verhält sich alles so, als wäre jedes Wort reproduziert. Auch wenn der Intertext hier als Quelle dieses Rückbezugs als ein virtueller, grundsätzlich unverfügbarer Urtext angenommen wird, sind die Sprachhandlungen aus ihm abgeleitet, und ohne ihn undenkbar. In Übertragung der Funktion der Reproduktion des realen anderen Texts im Zitat wird das Wort zur uneigentlichen oder metaphorischen Erklärung des Sprachvermögens überhaupt. In dieser Metaphorisierung des Zitats liegt begründet, Schreiben allgemein, und damit im nächsten Schritt auch die Sprache, dem Zitieren im übertragenen Sinne anzunähern, um so vom jeweiligen Phänotext auf einen unsichtbaren, doch wirksamen Genotext zurückzuschließen, aus dessen Angebot sich sein Double konstituiert.

Diese übertragene Verallgemeinerung des Zitats zur Schrift hat dessen Auflösung zum Preis. Wenn jeder Text ein Geflecht aus übernommenen Worten ist, verliert die Zitation im engeren Sinne als Fall expliziter Intertextualität ihr Spezifikum. Ist jeder lesbare schon ein doppelter Text, dem sich ein vorangegangener Text eingeschrieben hat, wird der Status von faktischen Übernahmen, markiert oder unmarkiert, zwischen den Dopplungen und Kreuzungen unbestimmbar. Ist Schreiben immer schon Zitieren, hieße das, dass Zitieren im strengen Sinne als banaler Sonderfall im Literarischen allgemein aufgehen muss, wenn man verhindern will, dass die grundsätzliche Bestimmung sich monströs fortsetzt. Denn in Anwendung auf die Abschrift würde sich so die Zitation im engeren Sinne verdoppeln und zum Double eines Doubles werden. Wer von anderen abschreibt, schriebe ab, was sie schon abschrieben, und zitierte im Zitat das Zitat des anderen: Die zweite Stufe der Literatur, welche die nun Transtextualität genannte Struktur nach Gérard Genette beschreibt, würde dort, wo die Anführungszeichen lesbar oder zumindest bemerkbar sind, mit ihrer dritten und vierten zusammen fallen. In seiner Arbeit an den Definitionen der Textualitätsverhältnisse wird diese Wucherung vorgreifend ausgeschlossen. Das Zitat steht nur am Beginn seiner Darlegung diverser Bezüge zwischen Texten, um allerdings in seiner bestimmten Form aus der weiteren Untersuchung weitestgehend ausgeschlossen zu bleiben:

Sous sa forme le plus explicite et la plus littéraire, c’est la pratique traditionnelle de la citation (avec guillemets, avec ou sans référence précise); sous une forme moins explicite et moins canonique, celle du plagiat chez Lautréamont, par exemple) [sic], qui est un emprunt non déclaré, mais encore littéral; sous forme encore moins explicite et moins littérale, celle de l’allusion, c’est-à-dire d’un énoncé dont la pleine intelligence suppose la perception d’un rapport entre lui et un autre auquel renvoie nécessairement telle ou telle de ses inflexions, autrement non recevable […].4

Diese Unterscheidung beruft sich auf klare Typen der Übernahme und bestimmt das Zitat als „traditionelle Praxis“, die in der nach typographischer Norm markierten Anführung klar definiert wird. Die Abgrenzung von Plagiat und Allusion erfolgt in ähnlich strikter Weise, um schließlich in letzterer die eigentlich interessante Form von Intertext-Bezügen auszumachen. Dort, wo die Anspielungen und Hinweise aus dem Phänotext als Spuren des Vorbilds herausgestellt werden können und indirekte Verweise ermöglichen, wird das Investment der Theorie erst fruchtbar gemacht. Im banalen, weil „definierten“ Fall des Zitats,5 das für Genette immer an seine typographische Markierung gebunden ist, wird der Bezug auch ohne Quellenangabe leichthin erkannt. Im Fortschreiten seiner Definitionen verliert er so die zwar grundlegende und omnipräsente, aber darum für ihn weniger klärungsbedürftige Form des Zitats aus den Augen.

Genette selbst spielt auf diese „Tradition“ des Zitats nur an, ohne sie näher zu befragen. Doch stellt er dieser theoretisch-historischen Allusion eine Fußnote an die Seite, um sie zu belegen – er verweist auf Compagnons Studie La seconde main, die im Umfeld der Intertextualität dem Zitat und seiner Tradition eben das, eine Theorie und eine Geschichte geben will. Compagnon weist nach, was Genettes Klassifikation nicht leisten kann; dass nämlich diese Tradition einen Anfang haben muss. Erst seit der Einführung der Norm der Anführungszeichen am Rande der Frühen Neuzeit kann die Unterscheidungen von Zitat, Plagiat und Allusion die theoretische Sicherheit gewinnen, die Genette hier suggeriert. Für historisch ältere Texte ist sie denkbar ungeeignet, weil sie außerhalb dieser „traditionellen Praxis“ stehen.6 Bei allen Autoren des 16. Jahrhunderts (und früher) verkompliziert sich die Anwendung der Intertextualitätstheorie gerade dadurch, dass bei ihnen das Zitat avant la lettre so omnipräsent ist, wie die Theorie es für spätere literarische Texte nachweisen will, die Versicherung seiner Rolle durch eindeutige Markierungen allerdings ausbleibt; Plagiat, Zitat und Allusion lassen sich hier nicht trennscharf abgrenzen. Nicht zufällig ist es François Rabelais, an dem Bachtin die Grundlagen für Kristevas Anschluss formuliert hat, weil in seinem Schreiben die parodistische Imitation und die Verwendung von Zitaten und Plagiaten ineinander greifen. Compagnons Studie versucht, diesem Umstand gerecht zu werden und versteht das Zitat weniger ausschließend, indem er sich Texten der klassischen Antike ebenso zuwendet wie Erasmus von Rotterdam oder Michel de Montaigne. Allerdings geht auch er davon aus, dass Zitieren und Schreiben sich grundsätzlich kaum voneinander unterscheiden lassen, und entwickelt so seine Geschichte des Zitats als Geschichte der Schrift, die sich ihres grundlegend übernehmenden Charakters gewiss ist. So leitet auch er seine Studie mit einer Phänomenologie des Zitats als solchem ein:

Le travail de l’écriture est une récriture dès lors qu’il s’agit de convertir des éléments séparés et discontinus en un tout continu et cohérent, de les rassembler, de les comprendre (de les prendre ensemble), c’est-à-dire de les lire : n’est-ce pas toujours le cas ? Récrire, réaliser un texte à partir de ses amorces, c’est les arranger ou les associer, faire les raccords ou les transitions qui s’imposent entre les éléments mis en présence : toute écriture est collage et glose, citation et commentaire.7

Mit diesem breiten Begriff der Zitation zeigt sich im historischen Überblick die Reflexion auf die Übernahme der Worte anderer als poetologischer Untergrund der Schrift im Allgemeinen. Trotz der unzweifelhaft großen Verdienste von Compagnons Studie verliert sich so die nötige Trennschärfe vor jeder Entdifferenzierung der Zitation. Sie scheint dem doppelten Ausschluss zum Opfer zu fallen, entweder als banaler Minimalfall den anderen Formen des textuellen Bezugs untergeordnet zu bleiben oder aber in Zuspitzung über jede Bestimmbarkeit hinaus ausgeweitet zu werden und sich in der Breite des Genotexts zu verflüchtigen.

Diese Arbeit kann diesem Mangel nur entgegenwirken, ohne ihm schlussendlich abzuhelfen. Für eine umfassende Geschichte des Zitats und seine systematische Bestimmung wäre ein Zugriff notwendig, der den bereits äußerst ausgedehnten Gegenstandsbereich der folgenden Lektüren noch weit überspannt hätte. Die Entscheidung, sich auf zwei Autoren zu beschränken, die an neuralgischen Punkten einer solchen Geschichte stehen und zudem selbst ausführlich theoretisieren, wie sie zitieren, kann als Vorbereitung einer allgemeineren Analyse betrachtet werden. Pierre Bayle und Michel Montaigne eignen sich für diesen Zugriff im Besonderen, insofern sie bereits sowohl über die Rezeption als auch über die skeptische Tradition miteinander verbunden sind. Sie beide zitieren ausgiebig, und reflektieren gleichermaßen auf diese Praktik.

Für Montaignes Essais von 1580 stellt die „Zitierkunst“ ein wesentliches Merkmal der Poetik dar – die Einlassungen der Worte anderer begleiten die drei Bücher der gesammelten Versuche.8 In ihrer Durchwirkung von Zitaten spiegelt sich die Offenheit und Durchmischung von Stilen und Zeitebenen, für die der Intertext des Späthumanismus ein großzügiges Arsenal bereitstellt. Vor allem aber ist es die Art, in der Montaigne ausdrücklich diese Durchwirkung seines neuen durch den alten Text diskutiert, die ihn zum unverzichtbaren Gegenstand dieser Studie macht. Weit davon entfernt, nur unbewusst zu zitieren, enthalten die Essais eine Theorie der Zitation, in der sich Schrift und Lektüre, Autor und Leser berühren, und in der die Zeitlichkeit des Zitierens auf den Begriff hinführt, den wir dieser Arbeit vorangestellt haben: die Passage.

In veränderter, aber nicht weniger prominenter Form kehrt diese Reflexion bei Pierre Bayle wieder, wenn er über die Zitate sein Unternehmen einer historisch-kritischen Enzyklopädie legitimiert. Bayles Dictionnaire historique et critique von 1697 steht am Ende des 17. Jahrhunderts den Wörterbüchern der Folgezeit – und damit vor allem der Aufklärung – Modell. Er richtet seinen Blick in der entgegengesetzten historischen Perspektive auf das große Ganze der vergangenen Irrtümer, die er in der Form des Zitats zusammenträgt und der Kritik zugängig machen will. So selbst als point de passage zwischen den Zeiten situiert, ist sein ausdrücklicher Bezug zu Montaigne ein erstes Indiz dafür, dass dessen Poetik in diejenige des Dictionnaire hineingewirkt haben mag. Diese Wirkung muss allerdings im unzeitgemäßen Anschluss, der sich über das gesamte 17. Jahrhundert erstreckt, als Transfer befragt werden. An Bayle soll sich zeigen, welche Spuren von den Worten anderer in den Essais in der modernen Zitation noch zu erkennen sind.

Die Notwendigkeit, hier von einem Transfer und einer Veränderung auszugehen, liegt nicht nur in der Differenz der Zeiten und Autoren begründet, noch darin, dass sich diese historischen Wiederholungen ähnlich wie Zitate im Wiederaufgreifen stets auch verändern müssen. Darüber hinaus bieten Bayle und Montaigne zwei Einschnitte innerhalb der Geschichte des Zitierens, die selbst transformiert ist. In der Begriffsgeschichte des Zitats stellt sich eine Zäsur zwischen Montaigne und Bayle ein. Die Essais kennen den Begriff des Zitierens noch nicht, für den Dictionnaire wird er hingegen selbstverständlicher Teil der Konzeption. Was dem Wort nach anders ist, unterscheidet sich auch in der Sache: Montaignes Abschriften aus anderen Texten erfolgen in einer Fülle von Zugriffen, die von der wortgetreuen Kopie über die paraphrasierende, oftmals übersetzende Wiederholung bis hin zur parodistischen Imitation und Anspielung reichen, die Topoi aufgreift, um sie mit anderen, aber doch ähnlichen Worten zu wiederholen. Die Quelle wird dabei zumeist verschwiegen, teils aus dem Grundvertrauen darauf, dass die Leserschaft schon wissen wird, welchen ihrer kanonischen Autoren Montaigne verwendet, teils aber auch aus dissimulierendem Eifer, der sie unterschlägt, um sie indirekt doch zu nennen. Einhundert Jahre später ist bei Bayle von dieser Freiheit im Zitieren nicht viel übrig geblieben. Die Bestimmung im Begriff geht mit der Akribie in Darstellung und Nachweis einher, die sich in typographischer Markierung – Kursivierung oder eben Anführungszeichen – und seitengenauem Quellennachweis niederschlägt.

In der Gegenüberstellung von Bayle und Montaigne wird sich auf dieser Grundlage zeigen lassen, wie die Konvention der Übernahme und der Entlehnung insbesondere antiker Autoren von der gelehrten Praxis der Spätrenaissance als Zitat avant la lettre zur Neukonzeption innerhalb der Frühaufklärung führt, um unter dem nun etablierten Namen des Zitates an der Genese der Kritik mitzuwirken. Welche An- und Ausschlüsse finden statt, und welche Theorie der Übernahme und ihrer Markierung lässt sich innerhalb des Abstands von einem Jahrhundert aus Montaigne und Bayle gewinnen? Die Entscheidung, an frühneuzeitlichen Texten die Bestimmung des Zitats zu entwickeln, geht damit einher, einen engen wie einen zu breiten Begriff des Zitats zu verabschieden. Ohne den Text als abstraktes „Mosaik aus Zitaten“ vorauszusetzen, soll sich zeigen, wie die Essais und der Dictionnaire historique et critique selbst die Differenz von eigenen und fremden Worten konzipieren und für die Darstellung nutzbar machen. Der Annahme einer Gleichsetzung von Schreiben und Zitieren gerade entgegengesetzt, wird so das Zitat als Ausnahmezustand der Schrift profiliert werden.

Gewissermaßen schreibt sich diese Arbeit also selbst im Modus des Zitats. Sie findet unter der Vorsichtmaßnahme statt, nur über diejenigen Texte sprechen zu können, die vorliegen. Alles, was folgt, steht unter historischem Vorbehalt: An Montaigne und Bayle lassen sich gerade darum Fluchtlinien der Geschichte des Zitats aufzeigen, weil sie sich selbst am Rand dieser Geschichte platzieren und in ihren Konzepten Transformationen erkennen. Indem sie die Gattungen, in denen sie schreiben, neu fassen, und versuchen, sich in ihrem eigenen Verhältnis zur Geschichte der Literatur und Philosophie neu zu verorten, wird die jeweilige Ausnahme, als die sie sich inszenieren, erst im historischen Verlauf zur Regel. Dies vorausgesetzt, trifft diese Arbeit weder allgemeine Aussagen über das Wesen der Schrift, noch über das Wesen des Zitats. Wenn an Bayle und Montaigne allerdings bestimmende Momente ihres Zitierens aufgezeigt werden, so lassen diese sich selbstverständlich weiterführend innerhalb einer Ideen-, Begriffs- und Gattungsgeschichte situieren. Damit liegt der allgemeine Anspruch dieser Arbeit eher im Historischen als im Texttheoretischen.

Über die Zitation hinaus gewinnt die vorliegende Arbeit ihr zweites Untersuchungsfeld, dasjenige der Skepsis, eher am Rand der Begriffsgeschichte. Bayle und Montaigne sind unverzichtbare Autoren für die Geschichte der neuzeitlichen Skepsis, die ihre Eigenständigkeit gerade darin gewinnt, keine einfache Fortsetzung ihrer antiken Vorgänger – von Pyrrhonismus und Akademischer Skepsis – zu sein. Die These, der diese Arbeit nachgeht, besteht darin, dass die Geschichte des Zitats und die Geschichte der Skepsis untrennbar miteinander verbunden sind und dies sich gerade im zwar deutlichen, aber nur relativen Anschluss an die skeptische Tradition manifestiert, wie er bei Bayle und Montaigne geleistet wird. Zitieren ist selbst eine Form historischen Anschlusses; sie besteht darin, zu wiederholen, ohne zu affirmieren. Was als bloße Form erscheint, wird inhaltlich virulent. Der Vorbehalt des Zitierenden vor seinem Zitat wird markiert und doch zugleich überschritten. Unter der Aufsicht der Anführungszeichen – sichtbarer wie (noch) unsichtbarer – wird die Reproduktion des bereits Gesagten als relatives Text-Außen verfügbar gemacht, ohne angeglichen zu werden, gezeigt, ohne unterzeichnet zu sein. Die Spannung von Erwähnen und Gebrauchen erzeugt eine Ambivalenz, die zwischen Bekräftigung und Verwerfung, zwischen Unter- und Durchstreichung oszilliert. Zitieren heißt Sprechen unter Vorbehalt, und dieser wird im Textuellen zum Double der skeptischen Enthaltung: Zitat und Epoché sehen sich zum Verwechseln ähnlich.

Die Geschichte der Kritik muss ebenfalls, mit Überhang auf Seiten Bayles, in ihrer Verbindung zur Geschichte der Zitation betrachtet werden. Im selben Maße, wie das Zitat für Montaigne noch nicht auf den Begriff gebracht ist, bietet die kritische Methode, die Bayle am Ende des 17. Jahrhunderts wirkmächtig entwickelt, einen Fluchtpunkt innerhalb der Geistesgeschichte, auf den die Essais nur von weither zulaufen. Die Frage, ob die Skepsis, die Montaigne geprägt hat, im umwegigen Transfer zu Bayle in die Genese der Kritik hineinwirkt und so als Bestandteil der skeptischen Tradition oder aber in Abgrenzung von ihr zu begreifen wäre, kann nur von einer vergleichenden Lektüre erarbeitet werden. Dass zitierendes Schreiben für Kritik, insbesondere für die literarische, als Auseinandersetzung mit einem konkreten anderen Text als Grundlage des eigenen, unverzichtbar ist, wirft die Frage nach dem Verhältnis von Intertextualität und Kritik auf. Ob die skeptische Enthaltung mit der kritischen Distanz Überschneidungen aufweist, soll an Bayle mit der Zitierform untersucht werden.

Bayle und Montaigne sind Autoren, die ihre Theorie des Zitats innerhalb ihrer Poetiken verorten und für ihre jeweiligen Gattungen in Dienst nehmen. Die Analyse will diese Autopoetiken immer in Hinblick auf ihre Performanz betrachten und ausstellen, welche strategisch-rhetorische wie systematische Funktion Zitationen in den Essais und im Dictionnaire übernehmen. Als Gliederungsprinzip hat sich die Chronologie aufgedrängt. Montaignes Konzeption des Zitats und der Essais wird im ersten Teil der Arbeit eingehend dargelegt, um im zweiten Teil den Anschluss und die Transformationen Bayles nachzuvollziehen. Der Vergleich zwischen beiden findet also maßgeblich innerhalb der Rezeptionsgeschichte statt. Dennoch sollen die beiden Teile der Studie ihre jeweilige Unabhängigkeit bewahren und eher Parallelen als Fortsetzungen aufweisen.

Editorische Notiz zur Verwendung von Zitaten

Nicht ohne die Ironie zu bemerken, muss der folgenden Studie eine Gebrauchsanweisung für die zitierten Passagen aus Bayle und Montaigne vorangestellt werden, die es erlaubt, den Apparat der Anmerkungen so schlank wie möglich zu halten. Noch vor der Diskussion über die Theorie und Praxis des Zitats muss also bestimmt werden, welche Quellen ich verwendet habe und wie sich diese Verwendungen nachvollziehen lassen.

Die digitalisierten Ausgaben, die die University of Chicago bereitstellt, sind eine wichtige Voraussetzung für die Arbeit an den Texten und damit für diese Studie gewesen. Ohne den Zugriff auf die bereinigte Textfassung, deren Werkzeuge zur Durchsuchung und zur Visualisierung mir eine Grundlage zur Quellendurchsicht gewesen sind, wäre meine Abhängigkeit von der kommentierenden Literatur zu Montaigne und Bayle deutlicher ins Gewicht gefallen. Da ich anhand der Digitalisate Beobachtungen am Originaltext leisten konnte, war es mir möglich, einen förderlichen Abstand zur breitgefächerten Literatur insbesondere zu den Essais gewinnen. Andernfalls wäre ich mit einem so umfangreichen wie unübersichtlichen Corpus konfrontiert gewesen, dass die Ergebnisse meiner Lektüren wahrscheinlich weniger fundiert ausgefallen wären.

Für Montaigne habe ich die digitalisierte Ausgabe nach Pierre Villey verwendet, die – unter Einschluss der Korrespondenz-Digitalisate des vom Autor handschriftlich ergänzten Bordeaux-Exemplars – auf der Website des ARTFL-Projekts der Universität Chicago genutzt: https://www.lib.uchicago.edu/efts/ARTFL/projects/montaigne/

Diese online-Ausgabe wird herausgegeben von Philippe Desan (University of Chicago).

Sie folgt in der Textgestalt der Ausgabe Villeys:

Michel de Montaigne, Les Essais, hrsg. Pierre Villey Paris: PUF 1965;

Diese baut wiederum auf Montaignes Handexemplar auf, in dem die handschriftlichen Ergänzungen des Autors hinterlassen sind:

Essais de Michel Seigneur de Montaigne, 5eme édition, augmentée d’un troisième livre; et de six cens additions aux deux premiers, Paris: Abel l’Angelier 1588.

In der Folge werden Stellen bei Montaigne auf Basis dieser Ausgabe angezeigt. Die Nennung erfolgt nach folgendem Schema (bspw.):

Montaigne I [Buch] 9 [Kapitel], S. 36.

Übernahmen aus Montaigne werden entsprechend ihrer Editionsgeschichte markiert; (a) steht für den Erstdruck, (b) für die zweite Ausgabe, die den dritten Band einschließt, und (c) schließlich für das Bordeaux-Exemplar.

Für die historisch-kritischen Überprüfungen hinsichtlich der verschiedenen Arbeitsphasen sowie als begleitenden Kommentar habe ich die aktuelle Ausgabe der Pléiade verwendet:

Michel de Montaigne, Les Essais, hrsg. Jean Balsamo, Michel Magnien & Catherine Magnien-Simonin, Paris: Gallimard 2007. [Auf den reichen und einsichtsvollen Kommentar verweise ich im Folgenden mit: Balsamo (u.a.), „Notes et Variantes“.]

Für Bayle habe ich ebenfalls auf die Digitalisierung des Dictionnaire von ARTFL

1

Montaigne III 13, S. 1069.

2

Roland Barthes, „Theorie du texte“, in: Encyclopaedia Universalis, Bd. XV, Paris 1973, S. 1013-1017, hier S. 1015.

3

Julia Kristeva, Séméiotikè, Paris: Seuil 1969, S. 84-85.

4

Gérard Genette, Palimpsestes. La littérature en seconde dégrée, Paris: Seuil 1982, S. 8.

5

Etwas später heißt es ebd., S. 18: „[T]out texte peut être cité, et donc devenir citation, mais la citation est une pratique littéraire définie, évidemment transcendante à chacune de ses performances, et qui a ses caractères généraux […].“.

6

Vgl. stellvertretend: Wilhelm Kühlmann (Hrsg.), Intertextualität in der frühen Neuzeit: Studien zu ihren theoretischen und praktischen Perspektiven, Frankfurt a.M. (u.a.): Lang 1994.

7

Antoine Compagnon, La seconde main ou le travail de la citation, Paris: Seuil 2016, S. 39.

8

So titelt Michael Metschies, Zitat und Zitierkunst in Montaignes „Essais“, Genf: Droz 1966.