Kapitel 8 Ausblick

In: „Sola Admiratio Quaeritur“
Author: Andrea Elmer
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Nachdem die in der Einleitung aufgeführten Spezifika einer Ästhetik und Poetik des Staunens1 in den verschiedenen Kapiteln differenziert und detailliert herausgearbeitet werden konnten, stellt sich an dieser Stelle die Frage nach einer übergeordneten Konklusion sowie nach einem Ausblick auf Themen und Bereiche, die in Zusammenhang mit einer poetologischen Erforschung des Staunens weiterführend untersucht werden könnten. Entsprechend werde ich im Folgenden eine Reihe von Begriffen hervorheben und erläutern, die mir für die vorliegende wie auch für weiterführende Arbeiten besonders fruchtbar erscheinen. Bevor ich dies tue, gilt es jedoch Bezug zu nehmen auf die begriffs- und ideengeschichtliche Anlage dieser Arbeit, insbesondere auf die Frage, ob mit den untersuchten Autoren eine historische Entwicklung des poetologischen Staunensbegriffs nachgewiesen werden kann oder nicht. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass das Staunen für alle Autoren eine zentrale Komponente ihrer Poetik darstellt, wobei der Fokus dieser Poetiken – und entsprechend auch des Staunens – je nach Autor unterschiedlich gelagert ist: Poliziano nimmt eine Bestimmung der Dichtung über die Wirkkraft des orphischen Gesangs und deren Übertragung vor. Pontano grenzt die Dichtung von der Rhetorik und der Geschichtsschreibung ab. Colonna hebt die Imaginations- und Gestaltungsfähigkeit des Dichterkünstlers hervor. Vida versucht, bei seinen Schülern über die Bewunderung Vergils Begeisterung für die Dichtung zu wecken. Fracastoro untersucht den erkenntnistheoretischen Wert der Dichtung. Patrizi definiert das Ziel der Dichtung in der Verbindung von mirabile und maraviglia und fokussiert sich auf die physiologische und psychologische Bewegung des Staunens. Marino definiert die Dichtung über die Schöpfungs- und Transformationskraft des dichterischen Wortes.

Wenngleich diese Ausrichtungen auf den ersten Blick sehr unterschiedlich scheinen, liegt ihnen ein gemeinsames Ziel zugrunde: Sie versuchen, den Wesenskern der Dichtung zu ergründen. Und es scheint, dass alle Autoren auf unterschiedlichen Wegen zur selben Erkenntnis gelangen: Das Spezifische der Dichtung ist das Staunen, denn durch dieses werden sowohl das Neue und Offene auf produktionsästhetischer Seite wie auch die tiefgreifende kognitive, emotionale und sinnliche Leseerfahrung ermöglicht.

Aufgrund der unterschiedlichen Perspektiven – und auch der unterschiedlichen Kontexte, in denen die Autoren sich bewegten – scheint mir ein vergleichender Ansatz, wie ich ihn in der Arbeit verfolgt habe, vielversprechender als ein evolutiver. Dennoch lassen sich einige grobe Entwicklungszüge festhalten:

  1. Die Verankerung im antiken Mythos wird gelockert. Schon Pontano war sehr frei im Umgang mit antiken Quellen und erfand neue, neapolitanische Mythen. Colonna schaffte sich eine eigene, fantasievolle Traumwelt. Dennoch blieben bei beiden Autoren die Nähe und die Verbindung zum antiken Mythos – sei dies als favola oder als Folie einer antik-mythologischen Welt – präsent. Marino führt diesen experimentellen Umgang mit dem Mythos noch weiter, indem er ihn durch unzählige Verwandlungen in „neue“ Literatur auflöst. Die Antike dient zwar noch als Ideengeberin, wird aber auf inhaltlicher, gattungsspezifischer und stilistischer Ebene von neuem Material überholt. Als Motor dieser Entwicklung dient in entscheidendem Ausmass das Staunen, das mit seinem Vorzug des Neuen die Loslösung von der Tradition vorantreibt.

  2. Der Blick auf das Staunen wird sowohl historisch als auch ahistorisch erweitert. Schon Poliziano diente als Grundlage nicht nur der klassische Kanon, sondern auch unbekanntere oder bisher gering geschätzte Autoren wurden Teil seines ausgeprägten Eklektizismus. Mit Patrizi wird das eklektische Vorgehen erneut um ein Vielfaches ausgedehnt, hinzu kommen Texte aus unterschiedlichen Kulturen, arkane, religiöse und philosophische Texte, zudem werden zeitgenössische Texte in einem grösseren Mass in seine Überlegungen einbezogen. Der historische Blick wird erweitert – interessant ist aber, dass er gleichzeitig an Bedeutung verliert, wenn nicht mehr nur historische Belege in die Argumentation einbezogen werden, sondern mehr und mehr auf fiktive „Belege“ und eigene Gedanken der Autoren zurückgegriffen wird. So erfinden Patrizi und Marino zusätzliche Quellen oder aber interpretieren die Quellentexte auf unbekannte, für viele damalige Leser sicher auch unerhörte Art und Weise – siehe dazu beispielsweise die Dicerie sacre mit ihrer poetischen Deutung der biblischen Texte und Artefakte. Das führt uns direkt zum nächsten Punkt:

  3. Die künstlerische Unabhängigkeit und Eigenständigkeit der Autoren nehmen zu. Definierten sich die Humanisten noch vorwiegend in Bezug zu antiken Autoren und zu einer bestimmten Adelsfamilie, gewinnt der Dichterkünstler schon mit Colonna – der in seiner Zeit aber noch eine Ausnahmeerscheinung darstellt –, vor allem aber mit Autoren wie Patrizi und Marino neue Freiheiten. Diese Dichter präsentieren ein überaus starkes Selbstbewusstsein, das keiner Legitimation mehr bedarf, sondern sich in der künstlerischen Tätigkeit definiert und stärkt.

  4. Das (erkenntnis-)theoretische Interesse an der Dichtung steigt. Möglicherweise ist dieses Interesse in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in stärkerem Masse vorzufinden, weil die Aktualität der aristotelischen Poetik auch die Frage, was die Dichtung im Spannungsfeld von Vernunft und Irrationalität zu leisten vermag, wieder aufwirft. Für Fracastoro, Patrizi und Marino stellt die Dichtung keinen Gegenpol zu Vernunft und Wahrheit dar, sondern eine gleichberechtigte Form des Erkennens und Wahrnehmens. Nicht als irrationale Erkenntnis, sondern als komplexe Erfahrung an der Schnittstelle unterschiedlicher Wahrnehmungsformen, die über das dichterische Wort einen tiefen Zugang zum Menschen, Gott und der Welt ermöglicht. Eine philosophische Deutung der Dichtung wird wieder eingebracht.

Diese vier Punkte stellen keine linear-kohärente Entwicklungslinie dar, sondern eher eine Tendenz, die die Reflexion über Dichtung bei den untersuchten Autoren annimmt. Wichtig scheint mir, dass alle Autoren als „moderne“ Autoren bezeichnet werden können, denn keiner von ihnen hat sich einzig auf die Überlieferung verlassen, alle von ihnen leben einen kreativen Umgang mit den Quellen – in ihren theoretischen genauso wie in ihren literarischen Texten.

Ich komme nun auf die Begriffe zurück, die mir zentral scheinen für die vorliegende, insbesondere aber auch für die zukünftige Forschung.

8.1 Renaissance

In Zusammenhang mit den untersuchten Autoren muss der Begriff der Renaissance präzisiert werden. Das Ziel der Autoren ist nicht, die Antike mit ihren klassisch-harmonischen Inhalts- und Formkriterien zum Leben zu erwecken, sondern diese in einer neuen und veränderten Gestalt mit Elementen der zeitgenössischen Literatur zu verbinden. Die Antike ist dabei immer weniger ein Vorbild und mehr und mehr eine Folie, an der der Innovationsgrad bemessen wird. Der Umgang mit antiken Vorbildern ist bei allen Autoren ein spielerischer und experimenteller, immer verbunden mit dem Wunsch, das Antike zwar einzubeziehen und als Tradition zu würdigen, eigentlich aber das Neue und Innovative in den Vordergrund zu rücken. Entsprechend könnte diese Arbeit als Ausgangspunkt dienen, um den Epochenbegriff der Renaissance neu und vor allem differenzierter zu denken. Dasselbe gilt auch für Marino, der gemeinhin der manieristischen Strömung des Barocks zugeschlagen wird, ohne dass die Tiefe, die Komplexität und die Modernität seiner Überlegungen und Vorgehen eingehend studiert und gewürdigt würden.

8.2 Dichtung

Die Dichtung an und für sich, als unabhängiger und zentraler Reflexions- und Gestaltungsraum einer Gesellschaft, steht unangefochten im Zentrum aller Texte, die in dieser Arbeit untersucht wurden. Ihre Position, ihre Mittel, ihre Funktionsweise und ihr spezifisches Vermögen werden ausführlich beschrieben und von anderen Disziplinen unterschieden. Dabei hat sich gezeigt, dass die Dichtung andere Denk-, Wissens- und Darstellungsformen nicht ausgrenzt, sondern einbezieht und aus einer bestimmten – einer literarischen – Perspektive darstellt. So kann sie Werke der Architektur und der bildenden Kunst darstellen, botanische Gegebenheiten und historische Ereignisse erörtern, gesellschaftliche, religiöse oder philosophische Themen diskutieren. Das spezifisch Literarische stellt sich dadurch her, dass die Dichtung eine künstlerische Distanz zu den genannten Bereichen schafft: zum einen durch das besondere Augenmerk auf die Sprache und die von der Alltagssprache abweichende lexikalische, syntaktische und rhythmische Gestaltung, zum anderen durch die Mittel der Fiktion und der Metapher, die einen neuen Blick – neue Assoziationen und Zusammenhänge – auf bereits Bekanntes ermöglichen. Damit bildet die Dichtung nicht Bestehendes ab, sondern schöpft aus dem Gegebenen Neues, wobei Fantasie und literarische Werkzeuge Hand in Hand gehen. Die Offenheit für das Neue beinhaltet auch, dass die Dichtung weder platonischen noch aristotelisch-kathartischen oder horazischen Zielen untergeordnet werden kann: Stünde sie im Dienst des Staates, der Religion, der Gesellschaft, der Moral, des Vergnügens oder der Lehre, würde sie in ihrer Freiheit erheblich eingeschränkt. Eben und nur durch diese Freiheit ist der tiefe Gehalt, sind die Einblicke möglich, die die Dichtung den Lesern ermöglicht.

Wirkungsästhetisches Pendant der künstlerischen Freiheit kann und darf nur das Staunen sein: Das Staunen ist genauso offen und uneingeschränkt wie die Dichtung, es ist nicht mit einem bestimmten Wert oder einer Emotion konnotiert, es kann rational nie ganz gefasst werden und präsentiert sich als komplexes Ganzes einer Vielzahl von Eindrücken – seien diese kognitiver, emotionaler, affektiver oder spiritueller Natur. Das Staunen erweist sich damit folgerichtig als zentraler Bestandteil eines Literaturverständnisses, das auf Freiheit, Offenheit und Kreativität beruht.

8.3 Inspiration

Die Inspiration des Künstlers oder des Dichters ist seit jeher ein Mysterium, das Lesern und Forschern zu denken gibt – so ist die Frage nach der Inspiration für einen Text auch heute an jeder Lesung eine obligate Publikumsfrage. Doch nicht nur die Inspiration des Autors steht im Fokus, sondern auch jene des Lesers. Dieser soll vom Text inspiriert und zum Denken angeregt werden. Die vorliegende Arbeit hat gezeigt, dass das Staunen auf beiden Seiten – jener des Autors und jener der Leserin – mit der Inspiration verknüpft ist: Es kann auf der einen Seite Auslöser und Mittel der Inspiration sein, zum Beispiel dann, wenn ein Dichter über ein Bild, einen Text oder eine Begebenheit staunt und dies als Anlass seiner künstlerischen Darstellung dient. Auf der anderen Seite sind es die Rezipienten, die über die Ideen des Dichters staunen, und dieses Staunen den Gesamteindruck eines Werkes entscheidend prägt.

In Bezug auf Literatur der Renaissance wurde Inspiration bisher vorwiegend als Kategorie des platonischen furor oder aber als imitatio oder aemulatio klassischer Autoren gefasst. In dieser Arbeit hat sich jedoch gezeigt, dass sich der Begriff bereits zu Beginn der Renaissance mehr und mehr von den platonischen und rhetorischen Vorstellungen löst und in die menschliche Psychologie hineinverlegt wird. Sicherlich wäre es lohnenswert, diese Beobachtung zu vertiefen, insbesondere auch mit Blick auf die historische Weiterentwicklung des Begriffs bis in unsere Zeit hinein.

8.4 Kreativität

Neben Inspiration und Innovation ist auch Kreativität ein Wort, das in heutigen Tagen besonders in Mode scheint. Doch auch dieser Begriff hat die Menschen, insbesondere die Dichter, schon vor Jahrhunderten beschäftigt. Autoren wie Pontano, Colonna, Patrizi und Marino verweisen explizit auf das immense Spektrum menschlicher Vorstellungs- und Schöpfungskraft: Sie bewundern die Fantasie und die originellen Darstellungsformen der Dichter, gleichzeitig rufen sie die Leser dazu auf, sich geistig und künstlerisch frei zu entfalten. Der Blick auf die kreativen (lat. creatio, „die Schöpfung“) Fähigkeiten des Dichters führt zur Analogie mit dem göttlichen Schöpfer, wobei sich die Dichtung durch diesen Ähnlichkeitsbezug nicht enger an Gott bindet, sondern sich im Gegenteil in ihrer Eigenständigkeit etabliert und behauptet. Gott ist niemandem untergeordnet, seiner Fantasie und Schöpfungskraft sind keine Grenzen gesetzt – diese Freiheiten beansprucht die Dichtung fortan auch für sich.

In dieser Arbeit konnte zudem gezeigt werden, dass die Schöpferanalogie zwischen Gott und Dichter wie auch die Haltung gegenüber den jeweiligen Schöpfungen an das Staunen gebunden sind: Das Staunen ist die paradigmatische Reaktion des Menschen auf die göttliche wie auch auf die dichterische Schöpfung. Beide Welten kann er wahrnehmen – sinnlich, kognitiv, emotional –, ohne diese Wahrnehmung klar zuordnen oder beschreiben zu können. Letztendlich lassen sich die göttliche und die literarische Welt nicht vollends (rational) erschliessen, aber über das Staunen können ihre Ursprünge, Urgründe und Funktionsweisen erahnt werden. Die untersuchten Autoren gehen gar noch einen Schritt weiter, wenn sie das Verhältnis von göttlicher und literarischer Welt umkehren: Es gibt nicht zuerst das Göttliche, das durch die Dichtung beschrieben und vermittelt wird, sondern erst durch die Dichtung entsteht das Göttliche, wird es erfahr- und erahnbar. Sie entwickeln damit ein sehr frühes konstruktives Verständnis der Literatur, das neben dem schöpferischen auch einen erkenntnistheoretischen Kern beinhaltet.

8.5 Innovation

Das Streben nach Innovation ist keine zeitgenössische Erscheinung, sondern stellte bereits in der Renaissance ein zentrales Ziel der Dichtung dar. In dieser Arbeit hat sich gezeigt, dass die innovatio im Zeichen des Staunens steht, denn das Neue eignet sich in ausgeprägtem Masse dazu, Staunen hervorzurufen.

Mir ist bisher keine literaturwissenschaftliche Forschung bekannt, die Innovation und Staunen gleichzeitig untersucht – wohingegen es zahlreiche Studien über die Rahmenbedingungen von Innovation in der Literatur oder zu klassischen Begriffen wie der imitatio gibt.2 Diese Studien sind spannend, reichen aber für die hier untersuchten Autoren nicht weit genug, geht es ihnen doch bewusst darum, Rahmen und Grenzen zu sprengen und normative Vorgaben der antiken Rhetorik und Poetik abzustreifen. Der Blick auf das Staunen könnte also durchaus in Richtung Innovation vertieft werden und damit auch im Forschungsumfeld für neue Erkenntnisse sorgen.

Interdisziplinär gesehen könnte das Staunen möglicherweise einen Beitrag leisten zu den Veröffentlichungen rund um das Thema Innovationskultur und Innovationsmanagement, die uns in diesen Tagen beinahe überfluten. Zumindest wäre das Staunen als Motor und Ziel von Innovation eine, wenn auch nicht ganz konkrete, so doch eine fassbare Kategorie einer Innovationsentwicklung. Und zwar als leitende Fragen: Worüber staunen wir? Was möchten wir erforschen und lernen? Wie und womit möchten wir erstaunen?

8.6 Natur und Kunst

In den Texten, die in der vorliegenden Arbeit untersucht wurden, wird die Gegenüberstellung von Natur und Kunst überwunden, ohne dass die Eigenheiten der jeweiligen Bereiche aufgelöst würden. Dabei steht nicht im Fokus, die Kunst – darin eingeschlossen die Dichtung – so realitäts- und naturgetreu wie möglich zu gestalten, sondern die vielfältige Ausgestaltung der Natur nachzuahmen und dadurch die Natur selbst, genauso wie die (lesenden) Betrachter, zu überraschen und zu erstaunen. Interessanterweise kommt diese an die Natur angelehnte Vielfalt am besten zum Ausdruck, wenn die literarisch geschaffenen Welten fiktiv und mythisch sind, das heisst wenn sie von der natürlichen Realität weit entfernt sind. Entsprechend sind die Welten, in denen wir uns in den untersuchten Texten bewegt haben, jene des Traums oder des Mythos. Historische oder gesellschaftspolitische Fakten fungieren hie und da als Rahmenerzählung, immer aber werden sie von der fiktiven Erzählung aufgesogen und durch diese in ein spezielles Licht gerückt. Diese Haltung ist bewusst gewählt, damit die literarische Welt an sich – ihre Darstellungs- und Funktionsweise – im Mittelpunkt steht und nicht ihr Verhältnis zu einer anderen, übergeordneten Realität. In dieser literarischen Welt hat insbesondere auch das Spielerische seinen Platz – das Experimentieren mit Ausdrucksformen sowie verschiedenen Stoff-, Genre- und Stilelementen.

8.7 Bild und Sprache

Wie keine andere Rede- oder Schreibweise zielt die Dichtung darauf ab, vor dem inneren Auge der Leser Bilder zu evozieren. Wenige Buchstaben reichen aus, um Bilder zu schaffen, die in ihrer Lebendigkeit und ihrer Wirkkraft einem „realen“ Bild in nichts nachstehen, ja dieses sogar übertreffen. Stärker als andere sinnliche Wahrnehmungen wirken visuelle Eindrücke auf die Leser ein und hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Aus diesem Grund, aber auch, weil sich das Staunen im lateinischen und italienischen Begriffsfeld von Worten rund um das Sehen (mirari) herleitet, wird das Staunen vorwiegend mit Mitteln in Verbindung gebracht, die visuell geprägt sind – darunter die evidentia oder die Metapher. Auch die Fiktion trägt in ausgeprägtem Masse zur visuellen Wahrnehmung bei, werden doch in den untersuchten Texten ganze mythische (Traum-)Welten geschaffen, die bei den Lesern nicht nur Bilder und Stimmungen hervorrufen, sondern insbesondere auch die Fantasie und Vorstellungskraft anregen. Damit dienen Bilder dazu, die Leser aktiv in den kreativen Akt der Dichtung einzubeziehen, sie vielleicht sogar mit dem furor der Dichtung anzustecken.

Das Sehen hat ähnlich wie das Staunen nicht nur an der sinnlichen Wahrnehmung teil, sondern befördert und leitet auch die emotionale und die kognitive Wahrnehmung. Inwiefern der Blick diese Fähigkeit in einem stärkeren Masse besitzt als die anderen Sinne – insbesondere scheint auch der Gehörsinn diese kommunizierende Qualität zu besitzen –, darüber liesse sich weiter diskutieren. Klar ist, dass die untersuchten Autoren dem Visuellen eine Vorrangstellung einräumen und die visuelle Kraft der Dichtung besonders betonen. So fokussieren nicht nur die theoretischen Texte auf die genannten Mittel wie evidentia, Metapher und Fiktion, sondern weisen insbesondere die literarischen Texte eine teilweise fast schon überbordende Bildlichkeit auf. Diese reichen Bildwelten korrespondieren mit dem Staunen, das – so wird es in den theoretischen Texten erläutert – durch die bildgebenden Sprachmittel besonders befördert wird.

Das Verhältnis von Bild, Staunen und Dichtung sollte unbedingt weiter vertieft werden. Die jeweiligen Funktionsweisen sowie ihr Zusammenspiel haben sich in dieser Arbeit erst ansatzweise gezeigt und böten fruchtbaren Boden für zahlreiche weitere Forschungen.

8.8 Psychologie

Mit den untersuchten Autoren, insbesondere mit Patrizi und Marino, rückt die Psychologie der Leser ins Zentrum. Das Staunen aufseiten der Leser ist jene Kategorie, von der der Wert des Werkes sich ableitet. Gleichzeitig hat Patrizi gezeigt, dass das Staunen ein gleichwohl spezifisch menschliches wie auch spezifisch literarisches Empfinden repräsentiert. Über das Staunen kommunizieren die verschiedenen Wahrnehmungsbereiche – die kognitive, die sinnliche und die emotionale Erfahrung – miteinander. Da Kognition und Kommunikation an Sprache gebunden sind, steht bei Patrizi die Dichtung – und nicht die Musik oder die bildende Kunst – im Zentrum. Auch Marinos Kunstverständnis zeigt sich deutlich an Sprache gebunden, denn Kunst entsteht nur dann, wenn sie von Sprache geformt und durch Sprache präsentiert wird. Im Rahmen der Leserpsychologie rücken damit insbesondere der Ort, die Funktionsweise und die Kraft der dichterischen Sprache in den Fokus. Wie im Kapitel über Patrizi bereits angedeutet, könnte die Perspektive auf das Staunen in der Forschung über die Wahrnehmung von Literatur und Kunst einen entscheidenden Beitrag leisten.

8.9 Zum Schluss

Diese kleine Auswahl an Begriffen zeigt, dass die Frage nach dem Staunen einen Blick auf literarische Kategorien öffnet, die weniger mit einem klassischen als mit einem modernen Verständnis von Literatur korrespondieren. Entsprechend wird das Bild der italienischen Renaissanceliteratur durch die in dieser Arbeit untersuchten Texte erweitert und differenziert. Genauso wie in der Dichtung das Neue Staunen erregt, hoffe ich, mit dieser Arbeit neue – und vielleicht hie und da auch erstaunliche – Erkenntnisse zutage gefördert zu haben und Inspiration zu sein für weitere Untersuchungen, die die Bedeutung des Staunens literaturhistorisch zusätzlich vertiefen.

1

Zu diesen Spezifika zählen Eklektizismus und Experimentierfreude, Neuheit (innovatio), Fiktion, intuitives Erkennen, Bildlichkeit, dichterische Schöpfungskraft und -vielfalt, zivilisatorischer Antrieb sowie Loslösung von der Metaphysik und Hinwendung zur Dichtung als solche.

2

So zum Beispiel in Walter Haug und Burghart Wachinger (Hgg.), Innovation und Originalität, Tübingen 1993.