Epigraph

In: Epistolo/Graphie
Author: Thorsten Gabler
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Ich habe eine Manuskriptseite vor mir; etwas, das gleichzeitig an der Perzeption, der Intellektion, der Assoziation teilhat – aber auch am Gedächtnis und am Genuss – und das man Lektüre nennt, setzt sich in Gang. Diese Lektüre, wo werde ich, wo kann ich damit innehalten? Sicher, ich sehe genau, von welchem Raum mein Auge ausgeht; aber wohin? Welchem anderen Raum passt es sich an? Reicht es hinter das Papier? (aber hinter dem Papier ist der Tisch). Welches sind die Ebenen, die jede Lektüre entdeckt? Wie ist die Kosmogonie beschaffen, die dieser einfache Blick postuliert? Sonderbarer Kosmonaut, der ich bin, durchquere ich viele Welten, ohne in einer einzigen innezuhalten: die Weiße des Papiers, die Form der Zeichen, die Gestalt der Wörter, die Regeln der Sprache, die Zwänge der Botschaft, die verschwenderische Fülle der assoziierten Sinnebenen. Dieselbe unendliche Reise in der Gegenrichtung, auf den Spuren dessen, der schreibt: vom geschriebenen Wort kann ich zurückgreifen auf die Hand, den Muskel, das Blut, den Trieb, die Kultur des Körpers, seinen Genuss. Zu beiden Seiten erstreckt sich die Schrift-Lektüre bis ins Unendliche, bezieht den ganzen Menschen ein, seinen Körper und seine Geschichte; es ist ein panischer Akt, dessen einzige gesicherte Definition die ist, dass es nirgendwo innehält.

Roland Barthes, Variationen über die Schrift

Epistolo/Graphie

Studien zur Skriptural-Aisthetik brieflicher Kommunikation im 19. Jahrhundert (Bettine und Achim von Arnim; Theodor Fontane)

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