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… sind keine Schlüsse; sie beenden nichts, sondern stehen danach. Auch wenn Oliver Ruf den vom Zuschauer zumeist stiefmütterlich behandelten Abspann mit guten Gründen als Ausführung des Films darstellen kann: noch nicht einmal der intelligenteste Abspann gehört zum Film; um wie viel weniger das Nachwort zu den Texten eines Buchs! Aber wir drehen uns gerne auf dem Weg um, wenn wir eine bemessene Strecke zurückgelegt haben, und fragen uns, was wir gesehen, erlebt, erfahren haben. Dies tun wir auch hier.

Die Literaturwissenschaftler in unserer Gruppe sind zumeist mit der Fiktionalisierung des Lebens beschäftigt, die ihre Beispieltexte ins Werk setzen: Kurt Kreiler sieht in Shakespeares Komödien ihren Anfang auftauchend aus dem Leben und ihr Ende nur als ein vorgetäuschtes, weil diese Stücke dem gelingenden Leben den Vorrang lassen. Wenden sich Texte dem nicht gelingenden Leben zu, so können gerade Rahmen dem schlimmen Schluss als Folie dienen, wie Stefan Neuhaus es für Fontanes Effi Briest oder Kafkas Georg Bendermann beschreibt. Auch Annelore Engel zeigt ein enges Verhältnis des Nabokov-Romans Die Gabe zum Leben: schließlich vollendet sich der Roman in einem Ende, das den Neubeginn ermöglicht und erwartet, und zwar literarisch wie existentiell. Man möchte an eine List der Vernunft glauben, wenn wie ein Gegenstück dazu Anna Braun den Anfang als Verunsicherung in den Erzählungen von Michael Ende erkennt, Anfang, in dessen Folge die Erzählung den Erinnerungsvorgang problematisiert und gerade in den Formen des Vergessens zu der Frage gelangt: wie entsteht Identität? Eben doch auch durch die Vollendung des Romans an seinem Ende? Und welche Wahrheit halten dem die zwar versöhnlichen, jedoch entschwindenden Schlüsse der Shakespearschen Komödien entgegen? Die Suche nach Identität als eines der Hauptthemen aller Literatur hat sich auch Rolf Selbmann vorgenommen, der eine Geschichte des Bildungsromans aus den Anfangssätzen seiner prominentesten Vertreter konstruiert. Ein Anfang wie „Mein Vater war ein Kaufmann“ (Stifter, Nachsommer) lässt ja das Thema der Identitätssuche geradezu explodieren, und vor der Wucht des Themas sehen wir den romantischen Zugriff beben: Immanuel Nover zeigt die romantische Anstrengung der Fiktionalisierung, der Verschleierung, Transzendierung und schließlich gar der Metafiktionalisierung in den Anfängen mancher ihrer poetischen Texte, wobei diese Romantik bis in unsere Tage zu reichen scheint.

Freilich hat nicht nur die Literatur, sondern haben Anfang und Ende grundsätzlich „etwas“ mit dem Leben zu tun. Dieses Etwas kann wohl gar nicht umfänglich genug gedacht werden als die conditio humana, der zu gehorchen wir keinen Alternativspielraum haben. Insofern ist die Konstruktion nicht nur des Menschen (in der Literatur), sondern auch seiner Geschichte (als der sprachlichen Konstruktion seiner Erfahrnisse und Handlungen) von vornherein sei es mit diesem Kategorienpaar belastet, sei es von ihm bedingt. Als Konstruktionsbedingungen gehören Rahmen, Zyklus, Fragment und Wiederkehr eng und untrennbar zu Anfang und Ende – darauf weisen alle unsere literaturwissenschaftlichen Beiträge immer wieder hin. Und gerade die Durchdringung von Linearität und Zirkularität, die in Michael Meyers Hamlet-Deutung eine so entscheidende Rolle spielt, hält auch in den Geschichtskonstruktionen offenbar nicht nur unserer Kultur die Verstehensfäden in der Hand. Eine faszinierende Ausprägung des Zyklusgedankens in der Historiographie zeigt Volker Klöpsch am Beispiel der chinesischen Dynastien und ihres Werde und Stirb, wie man hier wohl eher sagen muss: Der Aspekt, dass sich jedem Anfang die Hoffnung beigesellt und dass deren Enttäuschung allzu oft das Ende markiert, ist ja ebenfalls eine der fundamentalen Einsichten ins menschliche Leben. Wer hätte allerdings erwartet, dass die chinesische Geschichtsschreibung dieses Muster so harsch ausbeuten würde! Und auch eine ganz andere, ebenso alte Form des Geschichtenerzählens macht das Ende zur Vorbedingung für Neues: Es gibt Götter, die sterben müssen, damit sich die conditio humana erfüllen kann. Michaela Bauks liest die alten orientalischen Texte nicht als verwunschene Mythologien, sondern als Vertragstexte, die die Geschäftsgrundlagen für die conditio humana festschreiben – eine bemerkenswerte Sicht auf ein bemerkenswertes Stück Religionsgeschichte, das so gar nichts Transzendental-Verschleiertes an den Anfang des (menschlichen) Lebens stellt.

So scheint die antike Welt in unserem Band überhaupt zu sprechen: Auch Martin F. Meyer breitet vor uns Texte aus, die uns gerade eine Form der Vorsicht lehren, mit der Anfänge als solche zu kennzeichnen sind. Hier geht es eher um Übergänge, zum Beispiel aus natürlichen in kulturelle Zustände, und es ist nicht unsinnig, die Frage des Beginns von (menschlicher) Kultur mit dem Sterben der alten Götter in Zusammenhang zu bringen. Nur Werner Moskopp besteht darauf, dass nicht nur Anfang und Ende, sondern die Zeit selbst uns schließlich fremd werden, sind und bleiben. Und gewiss: Wie sollte es auch überhaupt zu der Anstrengung, die zum Beispiel von Literatur unternommen wird und die wir Kultur nennen, kommen, wenn der Mensch sich heimisch und verstanden fühlte in der Welt? Er kann diese Welt nur fragmentarisch die seine nennen, weil er in ihren Kontingenzen sein Leben stets wieder neu beginnen muss, weil er in ihren Kontingenzen als Endlich-Sterblicher nicht bleiben darf, kann, soll.

Was aber, wenn wir Anfang und Ende nicht betrachten als Funktionen des menschlichen Lebens, sondern als Funktionen der menschlichen Kultur, wenn wir sie also von vornherein auf der ersten Metaebene des Menschlichen lesen? Die Beiträge von Jesse Queng und Petra Weber untersuchen nicht Lebenszusammenhänge, sondern autonom ästhetische Gestaltungen: Queng widmet sich der Interpunktion eines einzigen Anfangssatzes, Weber dem kompositionstechnischen Vorgang des Kadenzierens im mehrstimmigen musikalischen Satz. Beide fragen nach den poetischen – oder genauer: poietischen – Mitteln, also nach den Kulturwerkzeugen, die Literatur und Musik zur Bewältigung von Anfang und Schluss bereitstellen. Dass sie gegenüber der inhaltlichen Arbeit ihrer Kollegen so stark in der Unterzahl sind, mag einen hinreichend deutlichen Fingerzeig geben auf die nur geringe Liebe, die gegenwärtig der Beherrschung, geschweige denn Verfeinerung dieser Kulturwerkzeuge entgegengebracht wird, und doch gälte es zu bedenken, dass wir, wenn wir sie vernachlässigen, die Differenzierung unseres Ausdrucks schlechthin preisgeben.

Postscriptum. Bei Grimm lernen wir, dass anfangen und beginnen aus den sehr alten Wortfeldern des Anfassens und des Anschneidens herstammen – sie haben also mit den Dingen des (täglichen) Lebens zu tun, denen wir uns im ersten Schritt zuwenden, etwa dem Laib Brot, den wir anfassen und anschneiden, bevor wir essen. Eine Komponente des Zeitlichen wohnt also diesen Worten inne, wenn auch heute nur noch zart. Auch das Anheben scheint in diesen Lebenszusammenhang zu gehören.

Ganz anders liegen die sprachlichen Dinge dagegen beim Ende, denn die Wurst, die bekanntlich zwei hat, zeigt uns klar, dass es sich nicht um etwas Letztes nach mehr oder weniger Vielem, das vorausging, handelt, sondern um die äußerste Spitze, um die Geweihenden des Hirsches, um das Gewandende, das über den Boden streift, um den Zipfel von Wurst und Ärmel. Und wie es an allen Ecken und Enden fehlt, ohne dass dabei ein zeitlicher Aspekt in der Sprache läge, so können wir auch von der Unendlichkeit des Raumes reden und meinen nur, dass er keine Begrenzung hat. Lediglich in der Zielvorstellung der Frage, zu welchem Ende man etwas tut, kann eine logisch mögliche, aber sprachlich nicht unbedingt vermittelte Zeitkomponente enthalten sein.1

Jacob Grimm arbeitet sich über die Bedeutung des Auf-jemanden-Hörens an das Aufhören heran. Dieses Wort dürfte zu den spannendsten Erscheinungen unserer an spannenden Erscheinungen wirklich nicht armen Sprache zählen. Grimm argumentiert, dass das Hören insbesondere auf einen Befehl, der ein Unterlassen anordnet, die vorgängige Bedeutung gewesen sein muss.2 Von ihr löst sich in einem sekundären, aber frühen Sprechakt die gleichsam verkürzt im Gehorsam vorweggenommene Intention ab, nämlich damit zu beginnen, einen bestehenden Vorgang zu unterlassen. Dass Gehorsam und Aufhören offenbar auf wenn auch kurvenreichen Umwegen miteinander verbunden sind, mag am Rande bemerkt werden. Und dass man einen Befehl auch aufheben kann und seine Geltung damit beendet, hat in der deutschen Sprache wenig Nachhall gefunden, wie es scheint. Wenn es um Befehle geht, siegt der Gehorsam auf der ganzen Linie über das Aufheben: eine Mentalitätsgeschichte des Deutschen im Kleinsten.

Was aber ist das Ende vom Lied? Nun: der Schluss natürlich. „aus der Grundbedeutung des absperrens entwickelt sich leicht der begriff des begrenzens und endigens …“:3 Hier wird der Mensch als Handelnder oder als Autor eines Textes also aktiv. Der musiktheoretische Sprachgebrauch kennt die Differenzierung nach Aufhören, Enden/Beenden und Schließen, deren Bedeutungen in dieser Reihenfolge an Bestimmtheit und Aktivität zunehmen: Ein Stück, das nur aufhört, hat keinen Schluss; es kann zum Beispiel verklingen. Das scheint für die sprachlichen Phänomene nicht zu gelten. Dem Aufhören in dieser Intensitätsreihe noch vorgelagert ist das Ausgehen – etwa des Lichtes oder auch des Geldes. Es wird für literarische Texte und für Kompositionen nur sehr selten verwendet. Es benennt einen Vorgang, den man – bei Licht und Geld mit unterschiedlichem Schrecken – feststellt, ohne dass man ihn aktiv beeinflusst, benennt also einen schwachen Schluss; perdendosi lautet die musikalische Vortragsbezeichnung für diese Form des Vergehens. Das Deutsche verwendet das Wort im Umgang kaum, aber die schwachen Schlüsse wären den Sprechern möglicherweise für diese sprachliche Mühe dankbar? Und so geht auch dieses Nachwort aus. Doch Hornberg sei uns fern!

Anna Braun Petra Weber

1

Das Stichwort BEENDEN wird bei Grimm kurz und bündig abgetan: „BEENDEN, ad finem adducere, vollenden, zu ende bringen“ ist alles, was wir zu lesen bekommen. Ausgerechnet dieses Verb allerdings gebrauchen wir in einem primär zeitlichen Sinn, nämlich einen Vorgang oder die Dauer eines Zustandes beenden. Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Leipzig 1854ff., Nachdruck München: dtv 1991.

2

Kluge folgt ihm verkürzt: Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 19. Auflage bearb. von Walther Mitzka, Berlin 1963, Stichwort „aufhören“.

3

Grimm wie Anm. 1, Stichwort SCHLIESZEN, Bd. 15, Sp. 700ff.