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Von der Oralität zum SchriftBild

Musikalische Schriften sind untrennbar mit Strategien der Visualisierung verbunden, die der Musik selbst nicht immanent sind. Stammen diese Strategien einerseits aus den jeweiligen Schriftpraktiken oder allgemeiner aus einem räumlich-visuellen Vorstellungsvermögen, so verkörpern Notationen zugleich in eigener Weise die visuelle Kultur der Zeit, in der sie entstanden sind. Ziel dieses Bandes ist es, die frühe Entwicklung der musikalischen Notation mit einer allgemeinen Kulturgeschichte des Visuellen in einen Dialog zu setzen. Verschiedene Notationspraktiken, die im lateinischen Mittelalter den Weg aufs Pergament gefunden haben, werden hier als Phänomene einer musikalischen Schriftkultur diskutiert, die sich aus der Wechselwirkung zwischen gegebener Schrifttradition, musikalischer Erscheinung und schriftbildlicher Fixierung allmählich ausbildete. In diesem Sinne erweist sich jede Form von Notation als eine historisch bedingte Kulturtechnik des Schreibens. Als solche wird sie in diesem Band in der Auseinandersetzung mit aktuellen schrift- und bildtheoretischen Ansätzen erforscht und diskutiert.

Einen der möglichen Anfänge der Notationsgeschichte, nämlich die im 9. Jahrhundert neu entstandenen Notationssysteme bildet den Ausgangspunkt. Dieser für die westeuropäische Kultur des lateinischen Mittelalters neue Beginn von musikalischer Schriftlichkeit erwies sich im historiografischen Narrativ der Musikwissenschaft als eine musikgeschichtlich zentrale Entwicklung – und zwar, weil die Niederschrift musikalischer Sachverhalte den Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit statuieren sollte. Dass die mündliche Überlieferung durch das Aufkommen von musikalischen Schriften keineswegs getilgt wurde, ist nicht zu leugnen. Und dennoch markiert die ‚(Wieder‑)Erfindung‘ von Notation ein mediales Momentum, das zweifelsohne historisch weitreichende Konsequenzen mit sich brachte. Das Spannungsfeld zwischen mündlicher Tradierung und Verschriftlichung ist im Rahmen der Musikwissenschaft seit geraumer Zeit untersucht und sehr unterschiedlich bewertet worden. Wurde dabei die Notation im Fokus der mediävistischen Musikforschung – mit wenigen Ausnahmen – primär im Hinblick auf die philologisch-historische Rekonstruktion des musikalischen Repertoires erforscht, so soll nun die Schwelle zwischen Oralität und Schriftlichkeit im Beziehungsgeflecht zwischen ikonischer Visualisierung und symbolischer Denotation neu reflektiert werden. Dass es sich dabei um einen fließenden Übergang handelt, liegt in der Tatsache begründet, dass die Notation nicht nur als Form visueller Schriftlichkeit verstanden werden kann, sondern, wie es bereits in der antiken Rhetorik thematisiert wurde, auch als Form mentaler Memorierung, so dass sich die Überführung des mündlich tradierten Gesangs ins visuelle Medium des Schriftbildes weniger als ein Sprung, denn eher als eine Erweiterung erweist. Neben den frühen Notationen aus der Zeit der Karolinger werden in diesem Sammelband auch Beispiele der Fortentwicklung verschiedener Formen und Strategien des Notierens bis ins 13. Jahrhundert verfolgt und aus einer schrift- und bildtheoretischen Perspektive analysiert.

Somit bietet die Auseinandersetzung mit diesem musikhistorischen Phänomen die Chance, dieses Forschungsobjekt neu zu beleuchten und zu reflektieren. Zugleich eröffnet der Dialog zwischen Musikphilologie und Schrift- und Bildtheorie die Möglichkeit, neue Forschungsresultate zu erzielen, insbesondere indem folgende Fragen in den Fokus genommen werden: Welche Elemente lassen sich in der Materialität der Notation identifizieren, die den Übergang vom Mündlichen ins Schriftliche belegen? Welche visuellen Prinzipien und operativen Kriterien liegen dieser medialen Erweiterung zugrunde? Lässt sich eine bestimmte visuelle Logik theoretisch erfassen, nach der Musik von der Oralität ins Schriftbild überführt wurde? Welche Reflexion bieten uns dazu die zeitgenössischen Quellen aus der Musiktheorie und der Philosophie? Welche Spuren dieser visuellen Logik liegen in den Musikmanuskripten selbst und welche Konsequenzen haben sie für die heutige Aufführungspraxis? Und schließlich: Was leisten, in Bezug auf die mediävistische Notationsforschung, moderne Ansätze aus der Bildtheorie und Semiotik?

Frühe Formen von Notation sind materielle Träger einer dialektischen Spannung zwischen Schriftbild und Klang, zwischen Erinnerung und Vergegenwärtigung, zwischen Bildhaftem und Bilderlosem und werden in den elf hier veröffentlichten Beiträgen auf diesen gemeinsamen Fokus hin reflektiert. Die hier analysierten Prozesse der Verschriftlichung, die sich im Kontext der musikalischen Theorie und Praxis seit dem 9. Jahrhundert entfaltet haben, sind nicht nur musikhistorisch zentral, sie sind ebenso im Hinblick auf eine allgemeinere kulturgeschichtliche Diskussion über Schrift und Schriftlichkeit relevant. Hat die jüngere Schriftbildlichkeitsdebatte gezeigt, dass Schrift nicht als bloße phonologische Transkription zu verstehen ist, sondern dass in der Schrift diskursive, notationale und ikonische Aspekte eng verbunden sind, so leistet die Frage nach der visuellen Logik musikalischer Schriften einen bisher sowohl in den bildtheoretischen Diskussionen als auch in der Debatte um die Schriftbildlichkeit vernachlässigten, jedoch wichtigen Beitrag. Die hier versammelten Beiträge verstehen sich daher als Angebote einer theoriebildenden Reflexion über die visuelle Logik früherer Notationen.

Alle in diesem Band veröffentlichten Aufsätze sind aus den Vorträgen der Tagung Von der Oralität zum SchriftBild. Visuelle Kultur und musikalische Notation hervorgegangen, die 2017 als Abschluss des von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Forschungsprojekts „Visuelle Logik musikalischer Notation zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit“ an der Justus-Liebig-Universität in Gießen stattgefunden hat. Im interdisziplinären Dialog mit Bild- und Schrifttheorien sowie aufbauend auf semiotischen und kulturwissenschaftlichen Ansätzen befassen sich die Beiträge mit verschiedenen Formen der Niederschrift akustischer Phänomene zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert. Dabei werden unterschiedliche Fragen in den Fokus genommen: Ausgehend von den theologischen Hintergründen der karolingischen Kultur befasst sich Nils Holger Petersen kritisch mit dem Narrativ des Ursprungs musikalischer Notation. Florian Effelsberg hingegen diskutiert in seinem Aufsatz basierend auf einer semiotischen Analyse die Möglichkeiten, wie Schriftbildlichkeit für die Musikwissenschaft fruchtbar gemacht werden kann. In ihrem Beitrag wirft Irene Holzer die Frage auf, ob die musikalische Schrift als irdischer Zeichenträger des himmlischen Lobpreises in der Karolingerzeit gedeutet werden kann, während sich Matteo Nanni die Frage nach dem diagrammatischen Dispositiv als Voraussetzung für die Lesbarkeit musikalischer Notationen stellt. Tino Licht untersucht in seinem Aufsatz die berühmte Prosula Psalle modulamina laudis und schlägt eine neue Datierung dieser Abschrift vor, und Kelly Landerkin unternimmt in ihrem Beitrag den Versuch, die Lesbarkeit der Sankt Galler Neumen aus der Sicht der musikalischen Praxis neu auf den Prüfstand zu stellen. Giovanni Varelli erarbeitet die Hypothese, dass die eigenen Strategien der Visualisierung der Neumen aus Nonantola neben der eigenartigen grafischen Qualität auch eine identitätsstiftende Funktion im norditalienischen Kloster ausübten. Die Arbeit von Robert Lug befasst sich mit dem Phänomen der Zeitmessung in der Notation anhand von semi-mensuralen Systemen und Tobias Robert Klein geht in seinem Text auf einen transkulturellen Vergleich der alphabetischen Notensysteme zwischen dem mittelalterlichen Europa und China ein. Der Sammelband schließt mit einem längeren Beitrag des verstorbenen Kollegen und Freundes Max Haas, der hier in englischer Übersetzung erscheint (die deutsche Fassung ist im ersten Band der Publikationsreihe Theorie der musikalischen Schrift erschienen). Dieser Text verbindet den für die Tagung Von der Oralität zum SchriftBild. Visuelle Kultur und musikalische Notation 2017 in Gießen vorgesehenen Vortrag mit der ebenfalls 2017 an der Universität für Musik und darstellenden Kunst Wien gehaltenen Vorlesung und setzt sich in grundlegender Weise mit der Frage nach den Strategien der Visualisierung musikalischer Phänomene im Mittelalter auseinander. So ist das Buch als ganzes in Bewunderung und Freundschaft Max Haas gewidmet.

Wir möchten an dieser Stelle ferner der Fritz Thyssen Stiftung danken, die das Forschungsprojekt „Visuelle Logik musikalischer Notation zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit“ großzügig unterstützt hat, sowie der Justus-Liebig-Universität Gießen, die sich zunächst bei der Durchführung der Tagung und dann bei der Veröffentlichung dieses Sammelbandes maßgeblich finanziell beteiligt hat. Unser Dank für die Aufnahme dieses Buches in die Reihe gilt den Kollegen und Kolleginnen des Publikationsausschusses des D-A-CH Forschungsprojektes Writing music. Zu einer Theorie der musikalischen Schrift (www.writingmusic.net). Weiterhin möchten wir uns für die große Hilfe bei der praktischen Organisation der Tagung ganz herzlich bei Pia Wagner, Clara Eulitz und Milan Schomber bedanken.

Matteo Nanni, Kira Henkel

Basel/Gießen im Sommer 2019