Freier Zugang

Ohne Frage ist der Beitrag von Autorinnen und Autoren mittelost-, südost- und osteuropäischer Herkunft zur literarischen Kultur im deutschsprachigen Raum der Gegenwart in den letzten Jahren zu einer bedeutenden Größe geworden. Die Verleihung des Deutschen Buchpreises (2019) an Saša Stanišić für sein Werk Herkunft ist nur das bislang jüngste, weithin sichtbare Indiz für diese Beobachtung. Der im ehemaligen Jugoslawien geborene Stanišić ist aber keineswegs der einzige Vertreter, der zu diesen Ehren gelangt ist. Renommierte Literaturpreise gehen seit einiger Zeit regelmäßig an Autorinnen oder Autoren, denen es nicht in die Wiege gelegt war, im literarischen Leben der deutschsprachigen Länder eine wichtige Rolle zu spielen – einfach deshalb, weil sie nicht mit Deutsch als erster Sprache aufwuchsen, sondern erst durch Migration dazu gezwungen oder in die Lage versetzt wurden, sich Deutsch als weitere Sprache anzueignen.1 Da viele der heute etablierten Autorinnen und Autoren als Kinder oder sehr junge Erwachsene migriert sind und ihre Herkunftssprache beibehalten haben, verfügen sie über mindestens zwei aktive Sprachen, die sich zueinander keineswegs wie zwei verschiedene abgeschlossene Universen verhalten, sondern sich in ständiger Wechselwirkung befinden.2

Öffentliche Ehrungen haben immer auch einen politischen Aspekt, mal mehr, mal weniger. Und sicherlich ist es so, dass solche medial intensiv begleiteten Kulturereignisse eine eigene Dynamik im Bereich des Buchhandels entfalten. Trotzdem hat die Preisvergabe zuallererst literarische Gründe. Werke von Autorinnen und Autoren mit anderen Herkunftssprachen haben zum einen, wie eben angedeutet, durch ihre Sprachbiografien andere Möglichkeiten des sprachlichen Zugriffs, zum anderen importieren sie neuartige Geschichten und Perspektiven in die deutschsprachige Literatur. Beides muss nicht immer genutzt werden und wird auch nicht immer genutzt, wie einmal mehr das Beispiel Stanišić zeigt, der mit seinem Provinzroman Vor dem Fest (2014) dem Stereotyp des Autors von „Migrationsliteratur“ zu entkommen suchte. Doch häufig genug setzen sich die Autorinnen und Autoren mit ihrer besonderen sprachlich-kulturellen Situation auseinander, so dass eine neue Strömung innerhalb der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur beobachtet werden kann, die auf dem kulturellen Transfer beruht, der durch AutorInnen mit Migrationserfahrungen geleistet wird. Unabhängig davon aber ist es ein literatursoziologisches Faktum, dass ein bestimmter Teil der Bevölkerung, der zwar in sich überaus unterschiedlich ist, aber eben das gemeinsame Merkmal eines Migrationshintergrundes hat, im literarischen Leben Fuß gefasst hat. Das war nicht immer so, wenn man etwa an die Schwierigkeiten denkt, die die Literatur der Zugewanderten in der alten Bundesrepublik vor 1989 hatte.

Wie wir wissen, hat es Migration immer schon gegeben; diese kann global betrachtet ebenso als Normalzustand gelten wie Mehrsprachigkeit.3 In sprachlich weitgehend homogenen Gesellschaften ist jedoch das, was weltweit betrachtet normal ist, die Ausnahme. Daher ist die Verschiebung dessen, was derzeit oft mit gewissen Vorbehalten „Migrationsliteratur“ genannt wird, von der Peripherie ins Zentrum der literarischen Landschaft im deutschsprachigen Raum bemerkenswert.4 Es gibt bereits eine Reihe von Publikationen, die dieses Phänomen behandeln und dabei die Bandbreite in Schlaglichtern beleuchten.5 Der vorliegende Band möchte mit seiner Schwerpunktsetzung auf Gegenwartsliteratur von Autorinnen und Autoren mit mittelost-, südost- und osteuropäischen Wurzeln einen Beitrag zu dem aktuell bedeutendsten, aber bisher noch wenig untersuchten Bereich dieses Spektrums leisten, was es im Folgenden zu erläutern gilt.

Der Fokus des Bandes liegt auf literarischen Texten der letzten Jahre, er beschäftigt sich also mit Gegenwartsliteratur. Dies ist ein unscharfer Begriff, der im Gegensatz zu dem der Moderne seinen deiktischen Charakter nicht verloren hat. Das heißt, dass die Menge der literarischen Werke, die unter diesen Begriff fallen, nicht stabil ist, sondern sich ändert, je nach dem, wann der Begriff verwendet wird. Auch ist die Ausdehnung der Gegenwart in literarischer Hinsicht nicht stabil. Man könnte annehmen, dass zur Gegenwartsliteratur alle Werke von AutorInnen zählen, die zu dem gegebenen Zeitpunkt aktiv sind. Dann müsste man allerdings sehr weit zurückgehen und auch noch die Literatur der 1950er Jahre dazu zählen, denkt man etwa an Martin Walser. Das ist offenkundig nicht sinnvoll, weshalb der Begriff so gemeinhin auch nicht gebraucht wird. Die literarische Gegenwart wird in der Regel durch zeitgeschichtliche Zäsuren begrenzt, die sich auch auf das literarische Leben ausgewirkt haben. Die zweifellos tiefste Zäsur seit Ende des Zweiten Weltkriegs (nach dem der Begriff der Gegenwartsliteratur überhaupt erst auftauchte) ist die politische Wende in Europa 1989, eine weitere Zäsur wird auf die Jahrtausendwende gelegt, da zu diesem Zeitpunkt durch die fortschreitende Globalisierung und die durch die neuen Medien verursachten tiefgreifenden Veränderungen wiederum neue ästhetische und inhaltliche Perspektiven zu beobachten sind.6 Hinzu kommt ein sich zu diesem Zeitpunkt manifestierender Generationenwandel (vgl. z.B. Kraft 2000, 11; Kammler 2004, 23).

Nach der Wende von 1989/90 lässt sich eine verstärkte Auseinandersetzung mit der deutsch-deutschen und der europäischen Geschichte beobachten, was die Themenbereiche Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Holocaust, Vertreibung der Deutschen aus Mittel- und Osteuropa, DDR und Wende ins Zentrum vieler literarischer Auseinandersetzungen gerückt hat. Zwei wichtige Themen sind außerdem Familie und Generationen, die häufig in autobiografischen oder autofiktionalen Werken aufgearbeitet und nicht selten mit den zuvor genannten Themen verknüpft werden. Häufig stehen Identität und Adoleszenz im Fokus. Viele literarische Werke reagieren auf die Entwicklungen in den Biowissenschaften, insbesondere der Hirnforschung, und zwar sowohl in der erzählenden Literatur als auch in der Lyrik, die ein Revival erlebt. In den 1990er Jahren fängt die sogenannte Popliteratur das Lebensgefühl einer von Konsum und Kommerz geprägten Generation ein, nach 2000 spielen neue Medien und Digitalisierung eine größere Rolle. Wie aus den eingangs gemachten Erläuterungen bereits ersichtlich wird, sind auch inter- und transkulturelle Auseinandersetzungen vor dem Hintergrund von Migration ein wichtiger Zweig innerhalb der Gegenwartsliteratur, was damit einhergeht, dass sich zahlreiche neue AutorInnen auf dem Buchmarkt etablieren, die aus ihren biografischen Erfahrungen schöpfen. Auch diese Themen werden mit den anderen wichtigen Themen verbunden: Identität, Familie und Generationen sowie Zeitgeschichte werden in einem interkulturellen, von Migration geprägten Spannungsfeld betrachtet.

Zwar sind auch schon vor der Epochen-Zäsur von 1989 literarische Texte vor dem Hintergrund von Migrationserfahrungen geschrieben worden, die sich mit den daraus resultierenden interkulturellen Fragestellungen auseinandersetzen. Doch erst in den letzten Jahren ist dieses Phänomen auf dem deutschsprachigen Buchmarkt so sichtbar geworden, dass eine gesonderte wissenschaftliche Beschäftigung damit erforderlich erscheint. Dies zeigt sich etwa an dem als Sohn russisch-jüdischer Eltern in Prag geborenen Autor Maxim Biller, der in den Forschungen zur „Migrationsliteratur“ zumeist nicht berücksichtigt wird, obwohl bzw. gerade weil er bereits in den 1990er Jahren Texte verfasste, die das Thema der Migration verhandelten. Denn zu dieser Zeit hatten sich erst vereinzelt AutorInnen aus dem slavischen Raum etabliert, so dass Billers Werk nicht – wie das der jüngeren AutorInnen – als einer Gruppe zugehörig wahrgenommen werden konnte.

Mit dieser Wahrnehmung als Gruppe ist ein weiteres Problem verbunden, nämlich das der Benennung. Seit den ersten literarischen Produktionen von zugewanderten Autorinnen und Autoren in der Bundesrepublik – in den 1960er Jahren aus der Gruppe der damals sogenannten Gastarbeiter – hat es Versuche gegeben, diesem Literaturzweig eine Bezeichnung zu verleihen. Viele verschiedene Begriffe wurden seitdem verwendet, etwa: Gastarbeiterliteratur, kleine Literatur, nicht nur deutsche Literatur, Chamisso-Literatur, Migrantenliteratur.7 Da sich diese Kategorisierungen allein auf die Biografie der AutorInnen und nicht auf das Werk stützen und die Begriffe zudem ausgrenzend sind, wurden sie indes bald wieder aufgegeben. Seit den 1990er Jahren hat sich der Gebrauch der Termini Migrationsliteratur sowie interkulturelle und transkulturelle Literatur weitgehend durchgesetzt. Doch auch hinsichtlich dieser Begrifflichkeiten herrscht keine Einigkeit. So wollen die einen das Wort ‚Migration‘ aus der wissenschaftlichen Bezeichnung tilgen, andere halten diesen Hinweis gerade für wichtig; die einen betrachten Transkulturalität als theoretisch präzisere Weiterentwicklung von Interkulturalität, andere dagegen als eine Untergruppe derselben; und während manche eine eigene Bezeichnung des neu entstandenen Literaturzweigs per se als ausgrenzend oder die Sache verfehlend erachten, sehen andere die Notwendigkeit, eine eigene Bezeichnung zu finden – sei es, um ein neues literarisches Phänomen zu benennen und ihm Rechnung zu tragen, sei es aus Respekt vor der literarischen Leistung der Autorinnen und Autoren, die Neues in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur eingespeist haben. Auch unter den AutorInnen selbst, die häufig zu diesen wissenschaftlichen Fragen Stellung nehmen, gibt es hierzu keine einhellige Meinung.

Der Titel des vorliegenden Bandes weist darauf hin, dass die reale Migration bei den hier betrachteten AutorInnen ein wichtiger Motor und Bestandteil ihres literarischen Schaffens ist, er soll indes keine Begriffspräferenz ausdrücken. Der Band versteht sich vielmehr als Beitrag zur theoretischen und damit auch begrifflichen Debatte; in fast allen Beiträgen dieses Bandes wird das Problem der Kategorisierung und Bezeichnung explizit diskutiert, die ersten beiden Beiträge widmen sich diesem theoretischen Problem schwerpunktmäßig. Die Beiträgerinnen und Beiträger vertreten unterschiedliche Standpunkte und schlagen verschiedene Lösungen für das angesprochene Problem vor, welche der Diskussion um die Benennung neue Impulse geben soll. Ein besonderer Innovationsschub geht von der Kombination literatur-, sprach- und translationswissenschaftlicher Ansätze aus, durch den neue Perspektiven auf die bereits seit längerem geführte Theoriedebatte gewonnen werden können.

Indem der vorliegende Band seinen Schwerpunkt auf die Literatur von Autorinnen und Autoren mit slavischen Sprachwurzeln legt, fokussiert er innerhalb der Gruppe der Migrations-, inter- oder transkulturellen Literatur zusätzlich eine Subgruppe. Diese Entscheidung trägt zunächst dem Umstand Rechnung, dass der Anteil von (im linguistischen Sinne) slavischen Herkunftssprechern seit 1989 enorm gewachsen ist. Er übersteigt mittlerweile auch den Anteil der türkischen Herkunftssprecher.8 Zwar machen diejenigen „Personen mit Migrationshintergrund“, deren Wurzeln in der Türkei liegen, mit knapp 2,8 Millionen auf den ersten Blick die größte Gruppe aus, gefolgt von denen, die aus Polen zugewandert sind (2,3 Millionen);9 doch dürfte die größte Sprechergruppe die russische sein, die aus der ehemaligen Sowjetunion stammt. Diese wird nicht in allen Statistiken als solche erfasst, weil viele von ihren Mitgliedern aus Kasachstan zugewandert sind, das nicht überall gelistet ist, weil asiatische Staaten nicht in diese Statistik aufgenommen wurden;10 hierbei handelt es sich zum größten Teil um Russlanddeutsche, die per definitionem als deutsche Staatsbürger gelten, in der Regel jedoch Russisch als Muttersprache sprechen.

Die Fokussierung auf slavischsprachige AutorInnen lässt sich außerdem mit der bereits angedeuteten Beobachtung begründen, dass unter den Autorinnen und Autoren nicht-deutscher Herkunft und Muttersprache, die derzeit so präsent auf dem deutschsprachigen Buchmarkt sind, der größte Teil aus dem slavischen Sprach- und Kulturraum stammt. Hier hat sich eine Verschiebung vollzogen, denn in den 1960er-90er Jahren waren es vor allem türkische Einwanderer, welche sich auf dem deutschsprachigen Buchmarkt etablierten (etwa Emine Sevgi Özdamar, Zafer Şenocak, Feridun Zaimoğlu). Die Schwerpunktsetzung des Bandes reflektiert damit eine quantitative Dominanzverschiebung innerhalb der literarischen Produktion und Rezeption der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Damit zusammen hängt die Tatsache, dass sich der Großteil der bisherigen Forschungen zu diesem Literaturzweig mit türkischstämmigen AutorInnen beschäftigt, während es hinsichtlich der AutorInnen mit osteuropäischen Wurzeln noch Nachholbedarf gibt.

Der slavische Sprachhintergrund der AutorInnen wird auf durchaus unterschiedliche Weise in ihre literarischen Erzeugnisse eingebracht. So reagiert der Band außerdem auf den Bedarf an Differenzierung des überaus vielfältigen Spektrums, das die gegenwärtige Migrationsliteratur bietet.11 Damit verbunden ist die Hoffnung, dass sich die Expertise, die etwa die Slavistik und die Translationswissenschaften bieten, ihren Weg in die Germanistik bahnt. Wie so häufig hat nämlich die Literatur der Literaturwissenschaft etwas voraus. Während die einzelnen Philologien sich oft genug in der Umzäunung ihrer Fachgrenzen verfangen, führt dieser Zweig der Gegenwartsliteratur vor, dass diese Grenzziehung in mancher Hinsicht obsolet ist.

Zu den Beiträgen

Wie bereits erwähnt, vertreten die Aufsätze dieses Bandes unterschiedliche Ansätze und Perspektiven, indem literaturwissenschaftliche Herangehensweisen sowie sprach- und übersetzungswissenschaftliche Perspektiven miteinander verbunden werden, um die Literatur von Autorinnen und Autoren nicht-deutscher Herkunft und Muttersprache in ihrer Vielfalt erfassen zu können.12 Die Beiträge sind in zwei Abteilungen aufgeteilt: In der ersten finden sich Beiträge, die sich mit theoretischen und historischen Aspekten auseinandersetzen, in der zweiten widmen sich die Untersuchungen Werken von Autorinnen und Autoren, die vor dem Hintergrund unterschiedlicher slavischer Räume schreiben.

Im ersten Beitrag erörtert Matthias Aumüller den Begriff der Migrationsliteratur und die Geschichte seiner Verwendung. In begriffsanalytischer Orientierung wird das konzeptuelle Umfeld des Ausdrucks ‚Migrationsliteratur‘ sondiert. Durch die Gegenüberstellung mit historischen Alternativen werden Unterschiede und Gemeinsamkeiten problemorientiert herausgearbeitet. ‚Problemorientiert‘ heißt hier, dass die Einwände, die gegen die verschiedenen begrifflichen Vorschläge erhoben wurden, rekonstruiert und systematisiert werden. Auf diese Weise erhält man einen Überblick nicht nur über die begriffsgeschichtliche Entwicklung, die den Umgang mit dem Phänomen – also den literarischen Werken, die unter diesen Begriffen subsumiert werden – in den letzten Jahrzehnten reflektiert, sondern auch über die theoretischen Faktoren, die diesen Umgang steuern. Dazu zählen die Verknüpfung von sachlichen und normativen Ansprüchen, schwankende Vorstellungen über Extension und Intension des Begriffs usw.

Auch Christian Steltz setzt sich mit dem Begriff der Migrationsliteratur kritisch auseinander und fokussiert dafür die historisch ältere Literatur türkisch-deutscher Autorinnen und Autoren. Die Kenntnis dieser Literatur und ihrer Wahrnehmung in der deutschen Öffentlichkeit und Forschung ist von großer Wichtigkeit, um die heutigen Produktionen auf dem Buchmarkt und die aktuellen wissenschaftlichen Diskussionen historisch einordnen und beurteilen zu können. Der Beitrag zeigt anhand der Romane Berlin Savignyplatz von Aras Ören, Gefährliche Verwandtschaft von Zafer Şenocak und Selam Berlin von Yadé Kara auf, inwiefern die Kategorisierung als Migrationsliteratur einer umfänglichen Rezeption literarischer Texte im Wege steht, und fragt nach alternativen Klassifikationsmöglichkeiten. Hierbei rücken gattungsspezifische Aspekte des europäischen Romans der Moderne sowie des Wende-, Schelmen- und Berlinromans in den Vordergrund, die unter dem Paradigma der Migrationsliteratur nur marginal wahrgenommen werden. Damit leistet der Beitrag neben seiner historischen Fundierung einen theoretischen Beitrag zur wissenschaftlichen Einordnung und Benennung von ‚Migrationsliteratur‘.

Till Dembeck setzt den theoretischen Teil mit einem zur sprachlichen Dimension des Themas passenden methodischen Vorschlag fort. In seinem Beitrag beschreibt er literarische Texte als Schauplätze sprachlicher Migrationsprozesse und schlägt vor, die literarische Mehrsprachigkeit einzelner Texte jeweils anhand der sprachlichen ‚Einwanderungsgesetze‘ zu beschreiben, denen die Integration anderssprachiger Textteile folgt. Dass die konkrete Auswahl der ‚Sprachregeln‘, denen sich ein Text unterwirft, unmittelbar seine kulturpolitische Wirksamkeit bedingt, zeigt die Analyse der anderssprachigen Zitate in Paul Celans Gedicht „Schibboleth“, eines Autors mithin, der nicht mehr zur Gegenwartsliteratur zählt, aber seinerzeit mit durchaus vergleichbaren Akzeptanzproblemen zu kämpfen hatte. Darin zeigt sich nicht zuletzt die historische Bedeutung unseres Themas.

Einen umfassenden Überblick über die seit 2000 anhaltende literarische Produktion von Autorinnen und Autoren aus Russland bzw. der ehemaligen Sowjetunion, die Deutsch als Schreibsprache gewählt haben, bietet Nora Isterheld. Neben migrationspolitischen und rezeptionsgeschichtlichen Ursachen skizziert der Beitrag die Stellung dieser Literatur auf dem deutschsprachigen Buchmarkt und fasst die wesentlichen Stil- und Themenmerkmale einer Literatur zusammen, die spezifische Kulturtransfers zwischen Ost und West leistet und die Narrative über die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts erweitert und erneuert.

Anknüpfend an diesen Überblick widmen sich die ersten drei Einzeluntersuchungen Werken russischstämmiger Autorinnen. Monika Wolting diskutiert am Beispiel des Romans Der Russe ist einer, der Birken liebt (2012) von Olga Grjasnowa die Bedeutung der Literatur für die Ausprägung des kulturellen Gedächtnisses. Spannungen und Dynamiken historischer Wandlungsprozesse können durch literarische Bilder festgehalten werden, und Autoren und Autorinnen setzen sich mit Umbrüchen und ihren jeweils unterschiedlichen historischen Ursachen und Folgen sowie Ausbreitungsräumen auf einer fiktionalen Ebene auseinander. In diesem Beitrag geht es zum einen um die Analyse literarischer Mittel, mit denen die Beeinflussung des Individuums durch die gegenwärtigen Krisensituationen dargestellt wird, zum anderen um die Untersuchung des im literarischen Text geschilderten Migrantenschicksals in Deutschland. Gerade die Verbindung von migrantischem Individuum und Umwelt in einem literarischen Text verleiht diesem den Status eines politisch engagierten Textes, denn Migranten sind vielfach mit der Situation konfrontiert, dass ihnen die volle Partizipation an der Gesellschaft verwehrt oder eine im Vergleich zur restlichen Bevölkerung andere Partizipation an der Gesellschaft zugesprochen wird.

Eva Hausbacher widmet sich innerhalb des breiten Spektrums der Literatur von Autorinnen und Autoren nicht-deutscher Herkunft und Muttersprache solchen in migratorischen Kontexten entstehenden Werken, die sie der transkulturellen Literatur zuordnet. Diese Literatur ist zu einem wichtigen Feld ästhetischer Innovation geworden und bewirkt eine Dynamisierung der Entwicklung sogenannter Nationalliteratur. Der Beitrag fokussiert die Spezifik transkultureller Schreibweisen hinsichtlich zweier Aspekte: zum einen geht es um die ästhetische Sprachlichkeit dieser Texte, die ihre Besonderheit aus dem Sprachwechsel der AutorInnen generiert; zum anderen um deren ‚Welthaltigkeit‘, die mit dem Kulturwechsel ihrer VerfasserInnen entsteht. Dabei löst die transkulturelle Perspektivierung der Texte häufig eine Dynamisierung klassischer Erinnerungsnarrative aus, durch die in der literarisch konstruierten Erinnerung neue Blickweisen auf die Geschichte entworfen und ‚Gegenerzählungen‘ zu den nationalen, die Kultur und das kulturelle Gedächtnis konstituierenden Narrationen gebildet werden. Diese Tendenzen in der transkulturellen Literatur werden am Beispiel der deutsch-russischen Autorin Olga Martynova exemplifiziert. Im Fokus der Analyse stehen zwei Werke Martynovas, die im Kontext von Migration und transkulturellen Schreibweisen stärker als spätere Texte der Autorin aufschlussreich erscheinen: ihr erster, in deutscher Sprache verfasster Prosatext Sogar Papageien überleben uns aus dem Jahr 2010 und der russischsprachige Lyrikzyklus O Čvirike i Čvirke (2010; dt. Von Tschwirik und Tschwirka, 2012). Berücksichtigt werden auch Interviews und Essays der Autorin zu Fragen des Sprach- und Kulturwechsels, wie zur Problematik des Labels „Migrationsliteratur“.

Mit dem letzten Beitrag zur Literatur russischstämmiger AutorInnen wird von Weertje Willms ein Jugendbuch in den Mittelpunkt gestellt: Dazwischen: Ich (2016) der in Österreich lebenden Autorin sowjetisch-russisch- jüdischer Herkunft Julya Rabinowich. Die problematische Identitätssuche von Jugendlichen, die im migrationsbedingten interkulturellen Spannungsfeld eine besondere Schärfe und Spezifik erhält, wird hier einerseits mit der Genderthematik verknüpft und andererseits auf eine allgemeine Ebene gehoben. Denn die Erzählerin und Protagonistin des Buches ist ein Flüchtlingsmädchen, dessen Herkunft nicht benannt wird. Die deutlichen Parallelen zu Rabinowichs autofiktionalem Debütroman Spaltkopf (2008) verdeutlichen, dass Identitätsfindungsprozesse vor dem Hintergrund der Migration weniger nationale Besonderheiten aufweisen, als vielmehr transnationalen Charakter haben.

Mara Matičević ist anhand literarischer Beispiele von Saša Stanišić, Aleksandar Hemon, Marica Bodrožić und Terézia Mora dem südslavischen Kontext auf der Spur. Dabei greift sie den Begriff der Jugosphäre („Südsphäre“) auf, ein Konstrukt, das die besondere Verfassung und Verflechtung des post-jugoslawischen Kulturraums und seiner Grenzgebiete bezeichnet. Sie fragt nach textästhetischen Spezifika des Migrationsthemas und erkennt sie in der Kombination von Motiven der Bewegung mit denen der suchenden Selbstverortung, wie sie auch typisch ist für die Situation von MigrantInnen schlechthin.

Die bereits mehrfach angeklungene Frage nach der ‚nationalen Herkunft‘ der Migrations-, interkulturellen oder transkulturellen Literatur wird weiterhin problematisiert durch die Untersuchung des Werks Vielleicht Esther (2014) von Katja Petrowskaja, die – wie viele andere der hier betrachteten AutorInnen – aus mehreren Kultur- und Sprachräumen schöpft (Russland, Ukraine, Sowjetunion, Deutschland). Katharina Mende erweitert den Untersuchungsfokus um eine translatorische Perspektive und setzt sich in ihrem Beitrag mit der polnischen Übersetzung des Buchs, Może Estera, auseinander, welche eine polnische Rezeption der ukrainisch-polnisch-deutschen bzw. internationalen Migrations- und Erinnerungsgeschichte ermöglicht. Der Beitrag untersucht die verschiedenen deutsch-polnischen, mehrsprachigen Beziehungen in der Sprache, in der Narration und in der Übersetzung des Werkes und beleuchtet die polnische Rezeption in Bezug auf Migration und Erinnerung.

Auch der Beitrag von Renata Makarska hat seinen Ausgangspunkt im polnischen Sprach- und Kulturraum, welcher jedoch wiederum überwunden und erweitert wird. Die Verfasserin untersucht Matthias Nawrats Roman Der traurige Gast (2019), der das Subgenre des Berlin- bzw. Großstadt-Romans mit dem Migrationsthema in transnationaler Hinsicht amalgamiert. Nach einem Überblick über aus Polen nach Deutschland emigrierte Autoren seit 1945 kommt Makarska zu dem Schluss, dass die neuere Generation, zu der auch Nawrat gehört, im Allgemeinen weniger auf Provokation, Selbstorientalisierung und sprachliche Transgression aus ist als die ältere Generation. In Nawrats Roman sind es nicht nur polnische Migranten, die zu Wort kommen, so dass hier das Migrationsthema ebenso nicht mehr national, sondern transnational verhandelt und damit auf eine neue Ebene gehoben wird. Der Roman ist eher kosmopolitisch ausgerichtet und verbindet auf diese Weise die Geschichte Deutschlands in den erzählten Biografien der Figuren mit der Geschichte Ostmitteleuropas.

Untersuchungsgegenstände des übersetzungswissenschaftlich ausgerichteten Beitrags von Eva Maria Hrdinová sind der Roman Zur Strafe und aus Belohnung (2014) der tschechischen Autorin Anna Zonová und der autobiografische Text Katharsis (2000) von Katharina Beta. Gemeinsam ist beiden neben den unterschiedlichen Migrationserfahrungen der ostkirchliche Hintergrund, der sich in Terminologie und Realien in den Texten niederschlägt. Im Ausgang von Überlegungen des tschechoslowakischen Übersetzungswissenschaftlers Jiří Levý ordnet Hrdinová die jeweiligen translatorischen Strategien zwischen den beiden Polen der Exotisierung und der Naturalisierung an, d.h. zwischen der potentiell exotisierenden Beibehaltung der in der Zielkultur der Übersetzung fremden Termini und Realien einerseits und der naturalisierenden Angleichung der originalen Termini und Realien an solche der Zielkultur bzw. -sprache andererseits.

Ebenfalls einen tschechoslowakischen Hintergrund gibt es in Maxim Billers Erzählung „Ein trauriger Sohn für Pollok“ (1994), deren mehrsprachige Faktur Marek Nekula analysiert. Besonders die Figurennamen, aber auch deutsch-tschechisches Codeswitching in der Figurenrede werden als Verfahren gedeutet, für deren adäquates Verständnis Tschechischkenntnisse vonnöten sind. Dadurch gelingt es Nekula, tief in die intertextuellen und historischen Bezüge einzudringen, die Billers Erzählung mit Texten und Biografemen Milan Kunderas und Pavel Kohouts verbinden. Zugleich wirft er, angestoßen durch die Vita der dargestellten Protagonisten, einen Blick auf die politische Geschichte Osteuropas seit dem Spätstalinismus, die sich in ihrer Verschränkung mehrfachen Exils auch in der Vita des Autors Biller manifestiert, dessen Eltern aus der Sowjetunion in die Tschechoslowakei übersiedelten, wo Biller geboren wurde, und von dort später in die Bundesrepublik Deutschland.

Wie aus diesen Darstellungen deutlich wird, ist die nationale und kulturelle Herkunft der Autorinnen und Autoren häufig mehrdimensional: Zu den kulturellen Wurzeln des Herkunftslandes bzw. der Herkunftsländer, kommen häufig zusätzlich diejenigen der Eltern, die oft auch jüdische Wurzeln sind, die älteren Autorinnen und Autoren sind immer auch sowjetisch sozialisiert, was zudem impliziert, dass sie von der russischen Sprache und Kultur geprägt sind. Durch die Migration kommen neue Sprach- und Kulturräume hinzu. Daraus entsteht die spezifische literarische Situation, dass die Herkunftsidentitäten und -sprachen zwar stets eine gewichtige Rolle im literarischen Schaffen der Autorinnen und Autoren spielen, sie häufig genug aber ebenso in einen transkulturellen und -nationalen künstlerisch-ästhetischen Raum transferiert werden.

Danksagung

Die meisten Beiträge gehen auf Vorlesungen zurück, die im Rahmen einer von der Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropastudien (GS-OSES) sowie von der ProArte-Stiftung (beide Regensburg) geförderten Ringvorlesung mit begleitenden Lesungen von Julya Rabinowich und Olga Martynova im Sommersemester 2018 an der Universität Regensburg gehalten wurden. Den Mitveranstalterinnen Prof. Dr. Dorothee Gelhard und Dr. Natalia Brüggemann (Institut für Slavistik) sei an dieser Stelle herzlich gedankt wie auch Dr. Christian Steltz (Institut für Germanistik) und Dr. Heidrun Hamersky (GS-OSES) für ihre Unterstützung bei der Organisation der damaligen Veranstaltung.

Ein herzlicher Dank geht an die Herausgeberinnen und Herausgeber der Reihe „Kulturtransfer und ‚kulturelle Identität‘“ für die freundliche Aufnahme des Bandes in diese Reihe. Den Gutachterinnen und Gutachtern danken wir an dieser Stelle für ihre wertvollen Hinweise.

Literatur

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1

Eine Zusammenstellung von Preisen und PreisträgerInnen findet sich bei Isterheld 2017, 148.

2

Zur linguistischen Erforschung der sogenannten Herkunftssprachen vgl. Brehmer/Mehlhorn 2018.

3

Zur weltweiten Verteilung von Mehrsprachigkeit vgl. Riehl 2014, 9 –10, 62–72.

4

Auch in anderen europäischen Ländern (etwa in Frankreich, England, den Niederlanden, Skandinavien) und den USA spielt Literatur von zugewanderten Autorinnen und Autoren, die neue sprachliche und kulturelle Erfahrungen in die Literatur ihrer jeweiligen Länder transferieren, eine nicht geringe Rolle. Hier haben sich ebenfalls wissenschaftliche Debatten um Theorien, Begrifflichkeiten und die Einordnung in die Literaturgeschichte entwickelt, von denen die deutschsprachige Forschung wichtige Impulse erhalten hat (z.B. Edward Said, Gayatri Spivak). Neben Unterschieden im Umgang mit der Literatur von AutorInnen mit Migrationshintergrund in den unterschiedlichen Ländern lassen sich auch Gemeinsamkeiten beobachten. So zeigt etwa die öffentliche Wahrnehmung des jungen dänischen Lyrikers palästinensischer Herkunft Yahya Hassan in Dänemark ähnliche Ambivalenzen wie sie im deutschsprachigen Raum in früheren Jahren deutlich wurden: Hassan hat sicherlich nicht zufällig enorme Aufmerksamkeit und großen Zuspruch mit Gedichten erlangt, in denen er seine Elterngeneration als integrationsunwillig, gewalttätig und islamhörig kritisiert. Auch andere Aspekte der Debatte, wie etwa die Stellungnahmen der AutorInnen selbst und ihre Einordnung in die jeweiligen ‚Nationalliteraturen‘, haben ihre Parallelen in der deutschsprachigen Diskussion und Situation, wie man etwa am niederländischen Autor iranischer Herkunft Kader Abdolah sehen kann. (Vgl. zur Situation in Frankreich Klinkert 2014, zu Schweden Makarska in diesem Band.).

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Einen konzentrierten Überblick in Handbuchformat, freilich eher mit dem Blick über Europa hinaus, bietet Bay 2017.

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Aufgrund dieser Kontingenzen verzichten manche ForscherInnen darauf, den Terminus Gegenwartsliteratur zu verwenden (vgl. Landkammer 2019). Im Allgemeinen hat sich die Verwendung des Begriffs jedoch durchgesetzt.

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Vgl. hierzu etwa Lamping 2011; Blioumi 2000.

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Die folgenden Angaben beziehen sich auf die Größe „Personen mit Migrationshintergrund [im weiteren Sinne]“, die folgendermaßen definiert wird: „Eine Person hat dann einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren ist.“ Statistisches Bundesamt (Destatis), 19. – Von ihnen auf die Zahl der HerkunftssprecherInnen zu schließen, ist nicht ohne weiteres möglich. Das sollte man beachten, wenn man von biografischen Daten auf sprachliche Fähigkeiten schließt.

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Angaben nach Statistisches Bundesamt (Destatis), 2019, 62.

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Das lässt sich im Vergleich mit einer älteren Statistik erkennen, die auf dem Zensus von 2011 beruht. Danach beträgt der Anteil derjenigen, deren Herkunftsland Kasachstan ist, am Gesamtanteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund 8,1 % (Russische Föderation 8,6 %, Polen 13,1 %, Türkei 17,7 %). Nicht erfasst in dieser Statistik ist der Anteil derjenigen, die aus der Ukraine und anderen GUS-Staaten stammen. Daher kann man schließen, dass Russisch die am weitesten verbreitete Sprache in Deutschland (nach Deutsch) ist. Vgl. Zensus 2011, 13 (dort Abb. 5: Personen mit Migrationshintergrund in Deutschland nach ihrem häufigsten Herkunftsland).

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Einige Publikationen mit dieser Stoßrichtung liegen bereits vor, auch in monografischem Umfang. Neben der erwähnten Abhandlung Isterheld 2017 vgl. Luschina 2018 zur Literatur russischstämmiger AutorInnen; zu AutorInnen aus Ostmitteleuropa vgl. Cornejo et al. 2014, Mártonffy/Vajda 2018 und Hitzke 2019; im Mittelpunkt des zweisprachigen Sammelbandes von Helbig-Mischewski/Zduniak-Wiktorowicz 2016 stehen deutsch- und englischsprachige Texte von AutorInnen mit polnischer Vita; zu Texten mit deutsch-bulgarischem Hintergrund vgl. Klüh 2009; deutschsprachige AutorInnen aus Südosteuropa untersuchen Meixner 2016 und Zink 2017. Die Forschungen zu Werken von Autorinnen und Autoren aus dem osteuropäischen Raum ist also noch nicht sehr umfangreich. Der vorliegende Band möchte die Forschungen zu diesem Themenbereich erweitern, indem er zum einen hauptsächlich bisher weniger beachtete Werke fokussiert und zum anderen literatur-, sprach- und übersetzungswissenschaftliche Aspekte kombiniert.

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Auch hierzu liegen bereits Ansätze im Grenzbereich von Slavistik und Germanistik vor, vgl. Blum-Barth 2016, 124–127.