Wie entsteht Neues?

Analogisch denken in Wissenschaft und Kunst – Leibniz’ Idee der Erfindung

In: Wie entsteht Neues?
Free access

Grußwort vom 27. Oktober 2016

Sehr geehrter Herr Minister de Maizière,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

wenige Tage vor dem Todestag des Gründers unserer Akademie, Gottfried Wilhelm Leibniz, der sich am 14. November zum 300. Male jährt, darf ich Sie alle sehr herzlich zur öffentlichen Abschlusskonferenz unseres Jahresthemas 2015/16 begrüßen, das dem Thema „Leibniz: Vision als Aufgabe“ gewidmet ist.

Es ist nicht nur für unsere Initiative „Jahresthema“, sondern vor allem für die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften als Ganze eine große Ehre, dass Sie, sehr geehrter Herr Minister de Maizière, sich heute die Zeit nehmen, an dieser Veranstaltung teilzunehmen und uns mit einem Grußwort zu beehren.

Hierfür sind wir Ihnen zu großem Dank verpflichtet!

Meine Damen und Herren, wie Ihnen aus den Medien bekannt sein dürfte, hat die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften das diesjährige Leibniz-Jubiläum – 370. Geburtstag Leibnizens am 1. Juli und, wie bereits erwähnt, seinen 300. Todestag am 14. November – zum Anlass genommen, dem Initiator und spiritus rector der Akademie, dem Philosophen, Mathematiker, Physiker, Ingenieur, Historiker, Diplomaten, Politiker und Bibliothekar Gottfried Wilhelm Leibniz ihr sog. Jahresthema „Leibniz: Vision als Aufgabe“ zu widmen.

Was verstehen wir unter den „Jahresthemen“ und was bezwecken wir mit diesem spezifischen Veranstaltungsformat, das unsere Akademie bereits seit 2007 regelmäßig durchführt?

Die Initiative begann mit dem seinerzeitigen Themenschwerpunkt „Europa im Nahen Osten – Der Nahe Osten in Europa“, der heute aktueller denn je erscheint. Mit diesem ersten Jahresthema reagierte die Akademie damals auf eine aktuelle politisch-kulturelle Herausforderung; beim jetzigen steht die Würdigung einer überragenden wissenschaftlichen Persönlichkeit im Vordergrund.

Die „Jahresthemen“ sind darüber hinaus eine Veranstaltungsinitiative, mit der die Akademie eigene Forschungsschwerpunkte in die Öffentlichkeit trägt und überdies Aktivitäten und Projekte anderer wissenschaftlicher oder kultureller Institutionen unter einem gemeinsamen thematischen Dach bündelt und vielfältige wissenschaftliche und kulturelle Ressourcen miteinander vernetzt.

Ferner will die Akademie mit ihren „Jahresthemen“ verstärkt zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit vermitteln und einer interessierten Bürgergesellschaft wissenschaftliche Fragen und Erkenntnisse in unterschiedlichen Formaten zugänglich machen.

Die Veranstaltungen unseres laufenden Jahresthemas „Leibniz: Vision als Aufgabe“ zeigen Gottfried Wilhelm Leibniz als visionären Denker, dessen multidisziplinäres Gesamtwerk bis heute Impulsgeber für Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft ist. Mit dem „Jahresthema“ blickt die Akademie aber vor allem weit in die Zukunft und nutzt Leibniz’ Ideen für die Gestaltung einer Welt von morgen.

Die heutige Abschlusskonferenz unseres „Jahresthemas“, die dankenswerterweise durch die Robert Bosch Stiftung gefördert wird und die wir in Kooperation mit dem STATE Festival 2016 durchführen, geht der faszinierenden Frage der Entstehung des Neuen und der Leibnizschen Idee der Erfindung nach, um sich damit zugleich dem analogischen Denken in Wissenschaft und Kunst zuzuwenden. Dabei geht es uns darum, im Sinne der Multiperspektivität von Leibniz die Erfindungskraft des analogischen Denkens aus einer interdisziplinären Perspektive zu beleuchten und von verschiedenen Gesichtspunkten aus in den Blick zu nehmen und zu analysieren.

Das Rätsel und die Faszination des Neuen und seine Entstehung betreffen gleichermaßen Wissenschaften, Technik und Künste. Als wohl letzter Universalgelehrter war Gottfried Wilhelm Leibniz seiner Zeit in jeder Hinsicht weit voraus. Heute erinnern wir uns an ihn vor allem durch sein Wirken als Philosoph und Mathematiker, sowie als Physiker und vielseitiger technischer Erfinder. Das duale Zahlensystem, Differential- und Integralkalkül, dezimale und duale Rechenmaschinen, Windkraftanlagen mit Wasserförderung, aber auch Akademiegründungen (!) und vieles mehr – die Liste der leibnizschen Ideen und Erfindungen ist wahrlich lang. Auch weltweit verbreitete Symbole gehen auf ihn zurück. So hat Leibniz u.a. das Integralzeichen, das Sie sicherlich noch aus der Schule kennen, eingeführt.

Den Leitgedanken „theoria cum praxi“ und „commune bonum“ folgend, sind beispielsweise auch heute noch Leibniz’ Optimierungsvorschläge für den Oberharzer Bergbau in ihrer Verknüpfung von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen mit nützlichen technischen Erfindungen eindrucksvoll. Zugleich sind diese Leitgedanken, wie vieles andere, Zeugnis und Ausweis eines genuin interdisziplinären Wissenschaftsverständnisses. Diesem ist auch unsere Akademie, die ihrerseits in der Tradition der von Leibniz 1700 begründeten Kurfürstlich Brandenburgischen Sozietät der Wissenschaften steht, programmatisch verpflichtet

Innovationen waren für die Entwicklung menschlicher Kultur in ihren vielfältigen Differenzierungsformen seit jeher unentbehrlich. Dies betrifft heute insbesondere die politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche, wissenschaftliche und technische Innovationsfähigkeit unserer Gesellschaft, ohne die wir im internationalen Wettbewerb nicht bestehen könnten, denn sie sichern unseren gewohnten Lebensstandard und tragen zur Erhaltung unserer Umwelt bei.

Innovation muss dabei jedoch immer mehr sein, als nur das „Neue“ an sich, dessen Entstehung zweifelsohne fasziniert. Neues Wissen, das heißt, neue Erkenntnisse und Entdeckungen, und neues Können, also neue technische Fertigkeiten, sind die Grundpfeiler der Innovation. Wertvoll und nachhaltig wird das Neue jedoch erst nach einer dahingehenden Bewertung, dass Innovation tatsächlich auch Fortschritt und Verbesserung für alle im Sinne des leibnizschen „commune bonum“, des Gemeinwohls, bedeutet.

Zeit seines Lebens wurde Leibniz nicht müde, sich mit neuen Gebieten des Wissens vertraut zu machen. So schreibt er:

Ich suchte Neues in jeder Wissenschaft, sobald ich mit ihr in Berührung kam, während ich oft nicht einmal das Gewöhnliche hinreichend verstanden hatte.1

Wer hätte bei der Planung unseres „Jahresthemas“ 2015/2016 ahnen können, dass das Motto „Leibniz: Vision als Aufgabe“ im Jahr 2016 durch den direkten Nachweis der Existenz von Gravitationswellen eine so spektakuläre Bestätigung finden würde, denn besser konnte nicht demonstriert werden, wie wirksam Visionen für die Wissenschaft sein können.

Die Vision, die zur Suche nach Gravitationswellen führte, hatte Albert Einstein, ordentliches hauptamtliches Mitglied der Königlichen Preußischen Akademie der Wissenschaften (unserer Vorgängerakademie), vor genau einhundert Jahren. In seinem bei einer Sitzung der physikalisch-mathematischen Klasse der Akademie am 22. Juni 1916 eingereichten Manuskript, das fünf Tage später unter dem Titel „Näherungsweise Integration der Feldgleichungen der Gravitation“ in den Sitzungsberichten veröffentlicht wurde, sagte er die Existenz dieser Wellen voraus.

Einstein hielt den Effekt der Gravitationswellen allerdings für unmessbar klein. Damals kaum vorstellbare Fortschritte der Messtechnik haben seine Einschätzung widerlegt und diese Meisterleistung der Experimentalphysik ermöglicht, bei der relative Längenänderungen im Bereich von 10−21 gemessen werden konnten.

Einsteins Prognosewerkzeug war die Mathematik. Er leitete die Existenz der Gravitationswellen durch „Linearisierung“ aus den Feldgleichungen seiner eigenen Allgemeinen Relativitätstheorie (einem System von nichtlinearen partiellen Differentialgleichungen) ab und bediente sich dabei mathematischer Methoden, für die Leibniz rund 240 Jahre früher die Grundlagen gelegt hatte.

Die Gravitationswellen werden einen vollkommen neuen Blick in das Universum und heute noch nicht vorhersehbare Einblicke in seine Entstehung ermöglichen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, bevor ich jetzt Herrn Minister Thomas de Maizière um sein Grußwort bitte, darf ich Sie noch auf die morgige Abendveranstaltung im Leibniz-Saal der Akademie aufmerksam machen.

In Kooperation mit dem STATE Festival 2016 laden wir Sie alle herzlich ein zu einem vielfältigen Programm ein, das unter dem Motto „State of Emotions. The Sentimental Machine“ steht.

Die gesamte Konzeption der heutigen Abschlusskonferenz verdankt sich Frau Professor Constanze Peres von der Hochschule für Bildende Künste Dresden, die gleich auch in das Thema einführen wird. Frau Peres, auch Ihnen gilt mein herzlicher Dank ebenso wie den Referentinnen und Referenten des heutigen Tages.

Und nun darf ich Dr. Thomas de Maizière, den Bundesinnenminister, an das Rednerpult bitten.

1

Leibniz, Gottfried Wilhelm (1923ff.): Sämtliche Schriften und Briefe. Hg. von der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Hg. von der Preußischen (später: Berlin-Brandenburgischen und Göttinger) Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Darmstadt 1923ff. / Leipzig 1938ff. / Berlin 1950ff. Bd. I, 4, S. 265.