Zwischen Avantgarde und Kitsch

L’art pour l’art in der bildenden Kunst

In: Europäische Avantgarden um 1900
Author: Elena Korowin

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Abstract

Die Formel l’art pour l’art charakterisiert heute selbstbezügliche und dekorative Kunstwerke, die anachronistisch sind. Diese Bedeutung hat l’art pour l’art allerdings erst im späten 19. Jahrhundert bekommen. Vorher war die Idee einer zweckfreien Kunst progressiv und radikal. In diesem Beitrag wird die Entstehungsgeschichte von l’art pour l’art in unterschiedlichen Transfers im 19. Jahrhundert skizziert und die Frage gestellt, was diese Formel für die Kunstgeschichte bedeutete.

Wie schon oft dargestellt wurde, liegt der Ursprung dieser Idee in Kants Kritik der Urteilskraft (1790), also in Fragen, die sich unmittelbar mit Wahrnehmung des Schönen beschäftigen. Von hier aus verbreitete sich die Diskussion über die Zweckfreiheit der schönen Künste ins Paris der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zog ihre Kreise bis in die bildende Kunst und Gebrauchskunst in Großbritannien, Österreich oder Russland. Der Streit um das l’art pour l’art entfachte sich entlang eines tiefen Grabens zwischen naturalistischer und romantischer bzw. fantastischer Kunst. Das gilt sowohl für die Literatur als auch für die Malerei.

Am Übergang von den schönen Künsten zum Kommerz wurde die Kunst des britischen art for art’s sake in die Nähe des Kitsches gerückt und verlor mehr und mehr ihren avantgardistischen Charakter, bis sie im 20. Jahrhundert von neuen TheoretikerInnen, wie etwa Clement Greenberg, als nahezu wertlos eingestuft wurde. Das Ziel dieses Beitrags ist, die breite der Formel l’art pour l’art in der Kunst zu zeigen und Begriffe der Avantgarde und des Kitsches in Bezug auf l’art pour l’art kritisch zu hinterfragen.