Weltliteratur in der longue durée – Eine Einführung und ein Überblick

In: Weltliteratur in der longue durée
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Der vorliegende Band ist keine Bestandsaufnahme aktueller Texte zur Weltliteratur, sondern eine Zusammenschau weltliterarischer Fallstudien aus den letzten zehn Jahren. Die meisten Beiträge wurden vom 6.-10. Oktober 2010 auf einer Tagung an der Universität Tübingen zum Thema „Weltliteratur in der longue durée“ vorgetragen, zu Aufsätzen überarbeitet und vor nicht allzu langer Zeit noch einmal durchgesehen und aktualisiert. Andere sind erst vor kurzem entstanden und in unseren Band mit aufgenommen worden. Dabei ist dieser lange Reifungsprozess des Buches zum einen äußeren Umständen geschuldet: Am 15. Oktober 2010 ist Thomas Geider gestorben, der spiritus rector unseres Workshops, und mit seinem Tod trat bei seinen Mitveranstalter*innen (Erhard Schüttpelz, Schamma Schahadat und Annette Werberger) zunächst eine Art Lähmung ein. Als wir uns wieder an die Arbeit machten, wurde 2014 ein Interview geführt; Erhard Schüttpelz sprach mit Michael Oppitz. Dann wurden weitere Aufsätze eingeworben, die nicht nur eine zeitliche, sondern zudem eine räumliche Erweiterung bedeuteten, nämlich Christian Mosers Von der Weltgabe zum Weltverkehr: Zur Problematik eines globalen Literaturkonzepts bei Johann Gottfried Herder und Johann Wolfgang von Goethe und Irene Albers’ Aufsatz über Raymond Queneaus Histoire des littératures aus den 1950er Jahren.

Soweit der Rahmen für unsere vorliegende Sammlung von Beiträgen zur Weltliteratur. Von Thomas Geider ist kein Aufsatz dabei, er konnte seinen angekündigten Vortrag „Vier Königreiche im westsaharischen Sahel. Oralliteraturen und eine Landkarte aus der Goethezeit (1805)“ schon nicht mehr halten. Unser Buch versteht sich auch deswegen als eine Gabe – oder vielmehr Gegengabe – für ihn, der uns mit seinen Ideen zur Weltliteratur inspiriert hat. Dem wird dadurch Rechnung getragen, dass zwei der drei Teile des Buches der Oralliteratur (Teil I) und der Weltliteratur im Kontext von Folkloristik, Ethnographie und Reiseliteratur (Teil II) gewidmet sind.

Die Konferenz gliederte sich in fünf Sektionen: Oralität und Sprachenvielfalt, Städte und Schriftkulturen, Frühe Globalisierung (Frühe Neuzeit), Weltliteratur im langen 19. Jahrhundert und Institutionen der Weltliteratur. Einerseits haben wir damit die Weltliteratur-Debatte der Nullerjahre aufgenommen und darüber nachgedacht, wie eine komparatistische und philologische Debatte in Zeiten von Migration und Globalisierung aussehen könnte. Dabei wurde aus literaturwissenschaftlicher Perspektive die Mobilität von Texten, die Bedeutung von Übersetzungen und die doppelte Zugehörigkeit von Texten zu einer lokalen wie auch weltliterarischen Tradition diskutiert. Eine außerliterarische Betrachtungsweise rückte Fragen nach der Plurikulturalität und des Weltbürgertums in den Mittelpunkt. Andererseits wurden auch die Herausforderungen einer neuen internationalen Verflechtungs- und Globalisierungsgeschichte erörtert, die in der Historiographie intensiv diskutiert wird. Vor dem Hintergrund der Weltliteraturdiskussion nahmen an der Tagung vor allem Philologien und Kulturwissenschaften (Medienwissenschaften, Ethnologie und Folkloristik) teil, die das Konzept der Weltliteratur über die Literaturwissenschaft hinaus erweitern konnten. Leitfragen für die vier Veranstalter*innen der damaligen Tagung waren: „Wie müsste eine Literaturgeschichte aussehen, die den Ansprüchen einer neuen Globalisierungsgeschichte gerecht wird und den Erkenntnissen und Bedürfnissen der text- und medienorientierten Disziplinen Genüge tut? Sind die Literaturwissenschaften, die sich erneuernde Sozialgeschichte der Literatur, die Nationalphilologien, die Komparatistik und die Philologien insgesamt auf eine neue Konjunktion – und Konjunktur – von Verflechtungsgeschichte und Literaturtheorie vorbereitet?“ Und: „Wie gehen wir über den eurozentrischen Anspruch des Weltliteraturkonzepts hinaus?“1 Thomas Geiders Rückgriff auf Goethes Kommunikationskonzept als Diskurs über Texte, Produzenten, Akteure, Vermittler, Rezipienten und interkulturelle Konstellationen, deren Felder, Richtungen, Bewegungen und Transfers mittels Korpora, Überblickswerke, Karten, Diagramme beschrieben und untersucht werden sollten, avancierte zu einer Leitidee der Tagung. Erst durch ein solches Verständnis von Weltliteratur konnte die (außereuropäische) Oralliteratur einen Platz finden, nachdem diese Anfang des 19. Jahrhunderts aus der Weltliteratur ausgeschlossen worden war, was Erhard Schüttpelz’ Untersuchung von 2005 zur ethnologischen Moderne und ihren medientechnischen Grenzziehungen nachgewiesen hatte.2 Die fünf Tagungssektionen reflektieren die Idee, anhand von fünf Globalisierungsschüben die weltweite Mobilisierung von Personen, Sprachen, Zeichen und Dingen nachzuzeichnen, die in jeder Zeitschicht eine andere Form und Qualität besitzen.

Bevor wir zu den einzelnen Beiträgen und der Konzeption des Buches kommen, möchten wir auf ein paar Stichpunkte aus der Weltliteraturdiskussion eingehen, die in den Beiträgen auftauchen. Wir wollen dabei einerseits die Mündlichkeit in den Fokus stellen, andererseits das Konzept der longue durée beleuchten. Eng damit verbunden sind Eurozentrismus, Institutionalisierung, Kanon und Wertung. Thomas Geider teilt Weltliteratur in seinem Artikel „Weltliteratur in der Perspektive einer Longue Durée II: Die Ökumene des swahili-sprachigen Ostafrika“ in drei semantische Felder ein: Weltliteratur als Summation, als Selektion und als Kommunikation. Während Summation die Gesamtheit aller Literaturen der Welt umfasst und Selektion einen Kanon impliziert, meint Weltliteratur als Kommunikation eine Literatur, die nicht notwendig schriftlich fixiert ist.3 Geider bezieht sich dabei auf Goethe, der Weltliteratur als einen Raum verstand, in dem „die lebendigen und strebenden Literatoren einander kennen lernen und durch Neigung und Gemeinsinn sich veranlasst finden gesellschaftlich zu wirken“.4 In der Kommunikation zwischen Autor*innen, Kritiker*innen, Wissenschaftler*innen und Leser*innen über Literatur entsteht ein weltliterarischer Raum. Für Geider ist diese Definition insofern attraktiv, als hier auch die Oralliteratur mit eingeschlossen ist, d. h. Literatur, die noch nicht als Text existiert – was speziell für afrikanische Literaturen von Interesse ist – und somit Teil der Weltliteratur werden kann. „Obwohl diese Auffassung von Weltliteratur die älteste ist, ist sie zur Zeit die neueste und in ihrer grundsätzlichen Offenheit die herausforderndste“ – so Geiders Fazit.5 Mit der Vorstellung von Weltliteratur als Kommunikation ist der Weg geöffnet für ein Denken, das über eine eurozentrische Wahrnehmung hinausgeht.6 Und zugleich erlaubt es, die Einschränkungen durch Kanon und Wertung zu überwinden – Weltliteraturvorstellungen, die von einem Prinzip der Selektion ausgehen, orientieren sich an Normen wie Postkolonialität (Pheng Cheah) oder „literarischer Autonomie“ (Pascale Casanova)7 und agieren damit exkludierend und – wiederum – eurozentrisch. Texte, die nicht anschlussfähig sind für eine dominante (Schrift-)Kultur8, fallen aus dem Raster.

Oralität ist eine Dimension der Weltliteratur, die die frühe Diskussion darüber bestimmt und die, so Galin Tihanov, im modernen Umgang mit einer Literatur der Welt verloren gegangen ist. Er fordert:

There is today still an unresolved tension in the way we approach world literature in that our modern understanding of it has become too secular and too dominated by attention to texts exclusively in the written form they have assumed. This is wanting on two counts: first, it excludes huge verbal masses of the premodern epochs, and, secondly, it impedes efforts to capture the pluralism of world literature beyond a Eurocentric vision. Phenomena such as secondary orality, or secondary syncretism as a mode of existence of texts that have been preserved in writing but continue to be enacted in oral (sometimes also dance) performances, would remain a challenge if we don’t heed the lessons the early stages of engagement with world literature hold.9

Schauen wir aus der Perspektive einer Oralliteratur auf die Weltliteratur, dann erscheint das Phänomen nicht als disziplinäres Thema, das in den 1990er Jahren begann, sondern als eine Debatte, die, erstens, ihren Anfang im 18. Jahrhundert nahm und die, zweitens, Literaturen in differenten Kulturen und Formen wahrnimmt; erst dann lässt sich der Weltliteratur-Diskurs in seiner longue durée erfassen.10 Denn obwohl das Ursprungsnarrativ des Weltliteratur-Diskurses in der Regel mit Goethe beginnt, kann man das Aufkommen des Begriffs um 50 Jahre zurück datieren: Bereits der Historiker August Ludwig von Schlözer setzt den Begriff in seinem „Vorbericht“ zu seiner Isländischen Literatur und Geschichte von 1773 ein:

Es gibt eine eigene Isländische Litteratur aus dem Mittelalter, die für die gesamte Weltlitteratur eben so wichtig, und großenteils außer dem Norden noch eben so unbekannt, als die Angelsächsische, Irrländische, Rußische, Byzantische, Hebräische, Arabische, und Sinesische, aus eben diesen düsteren Zeiten, ist. Hier sind die Grunstriche zu ihrer Geschichte.11

Tihanovs Zugriff auf den Weltliteratur-Diskurs ist ebenso historisch wie interdisziplinär, und zugleich formuliert er – siehe oben – eine explizite Handlungsaufforderung, sich der longue durée und den frühen transdisziplinären zu- und von den eurozentrischen, schriftbasierten Zugängen abzuwenden. Das Ziel wäre eine „interdisziplinäre Verknüpfung“, in dem akademische und nicht-akademische Diskurse zusammenkommen.12 Eine solche Perspektive ermöglicht es, das Machtgefälle zwischen ‚großen‘ und ‚kleinen‘, zwischen Schrift- und Oralliteraturen aufzulösen, ohne es aus den Augen zu verlieren.

Die Beiträge unseres Buches sind vornehmlich „dichte Beschreibungen“, die ganz unterschiedliche Phänomene der Weltliteratur in den Blick nehmen: orale Literaturen ebenso wie institutionalisierte Entwürfe einer ideologisch gesteuerten Weltliteratur bzw. „multinationalen Sowjetliteratur“ oder verlegerische Projekte. Dabei werden diese Phänomene in ihrem kulturellen, gesellschaftlichen und historischen Kontext gedeutet, die Zirkulationsprozesse werden unter die Lupe genommen sowie die institutionellen und materiellen Bedingungen für diese Zirkulationen. Die „sozialhistorischen Möglichkeitsbedingungen“13 werden vor allem im dritten Teil, „Institutionalisierungen der Weltliteratur“, in den Fokus gerückt.

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Zunächst aber geht es um einen allgemeineren Zugang: Wie lässt sich Weltliteratur außerhalb des Kanons denken?14 Erhard Schüttpelz’ Aufsatz Drei Schritte zur Weltliteratur ist – im Greenblatt’schen Sinne – ein Gespräch mit einem Toten, mit Thomas Geider, dem nicht nur dieser Aufsatz, sondern unser ganzes Buch gewidmet ist. Den Ausgangspunkt bildet die „Unzufriedenheit mit diesem Begriff [der Weltliteratur], die ich über viele Jahre mit Thomas Geider in seiner Forschungsbibliothek diskutieren konnte“, schreibt Schüttpelz. Dieser Rückbezug auf Thomas Geider, dem es um einen Begriff von Weltliteratur ging, der Afrika und seine oralen Literaturen mit einbezieht, führt zu der prinzipiellen Frage nach dem, was Weltliteratur jenseits eines Kanons und jenseits einer unfassbaren Masse an Literatur (die Literaturen der ganzen Welt) bedeuten kann. Einen Ausweg sieht Schüttpelz im Rückgriff auf Braudels Idee von Weltwirtschaft: „Weltliteratur sollte erst einmal vor allem die weltumspannenden literarischen Verflechtungen bezeichnen“, wobei die Betonung auf „Verflechtungen“ liegt. Diese werden eingebunden in fünf Zeitschichten bzw. „Globalisierungs-Schichten“.15 In diesen Rahmen stellt Schüttpelz die Frage, die ihn immer wieder und maßgeblich beschäftigt: Haben wir das Recht, orale Kulturformen und Performances als Literatur zu bezeichnen? Ja, so die Antwort, sofern wir die Konfrontation und auch die Verflechtung von mündlichen und schriftlichen Kulturen berücksichtigen, das, was „quer durch die Welt“ wandert. Daraus ergibt sich eine neue Definition von Weltliteratur: „Weltliteratur ist jener Ausschnitt von literarischen Prozessen, der sich in und aus interkontinentalen Verflechtungen herausgebildet hat“. An diesem Punkt, so Schüttpelz, können wir anfangen, uns dieser Literatur zu nähern, sie zu untersuchen und zu beschreiben.

Der oralen Literatur ist dann auch der erste große Block der Texte gewidmet. Fritz Kramer geht in Orale Literatur aus ethnographischen Sammlungen zunächst vom Ursprung der mündlichen Literatur aus, der performativen Darstellung, um sich dann der Bewahrung dieser Literatur zuzuwenden: der visuellen oder auditiven Aufzeichnung, der Transkription und Übersetzung. Dazu gehören Werke, die ursprünglich mündlich überliefert, dann aber aufgeschrieben und zu Klassikern wurden, so dass sie aus dem Repertoire oraler Kunstformen herausfielen, und andere, die lokal begrenzt blieben und (nur) ethnographisch dokumentiert wurden. Am Beispiel der Cuna zeigt Kramer, wie solche lokalen Formen von Oralliteratur in der Performanz begründet sind und sich der Zuschreibung des Literarischen entziehen: „Cuna-Epen sind, in ihrem lokalen Kontext, also weder Literatur im engeren Sinn noch psychotherapeutische Erzählungen mit vertauschten Rollen, sondern magische Inkantationen“. Ein weiteres Beispiel sind die Lieder der Nuba, die sich, anders als die Epen der Cuna, nicht auf Vergangenes, sondern auf das gleichzeitig Erfahrene beziehen; dabei orientieren sie sich am Alltäglichen und Gewöhnlichen, an der sie umgebenden Natur. Den Einstieg dieser lokalen Traditionen in eine globale Zirkulation bezeichnet Kramer als „asymmetrischen Tausch“, da die ursprünglichen Formen mediale und inhaltliche Transformationen erfuhren. Asymmetrisch ist aber auch der Umgang mit den oralen Genres, da die visuelle Kunst sich – scheinbar – leichter rezipieren lässt als mündliche Literatur: „Die klassische Moderne hat der Kunst aus ethnographischen Sammlungen dauerhaft den Rang einer Weltkunst gesichert, und die orale Literatur ist bislang nur in Ansätzen als performative Kunst entdeckt“.

Michael Harbsmeier geht in Heimkehrrituale dem Reisebericht als „spontane Ethnographie“ nach – für den Ethnologen ist dieser Reisebericht in erster Linie eine mündliche Performance und erst in zweiter Linie, „erstaunlich oft“, wie er schreibt, ein schriftlicher Text. Als theoretische Grundlage nutzt Harbsmeier die formalistische Analyse eines altrussischen Reiseberichts von Nikolaj Trubeckoj aus dem Jahr 1926, wobei er diese mit Bruno Latours Konzept von den immutable mobiles kurzschließt: Die Mitbringsel erscheinen so als materielle Entsprechung der statischen (mittleren) Phasen des Reiseberichts. Harbsmeiers Aufsatz lässt sich als ein Ausschnitt aus einer „vergleichenden Globalgeschichte der Reiseberichte als Gattung“ lesen, aus der er einige Stationen beleuchtet. Reiseberichte, so ein Fazit, sind anthropologische Konstanten einerseits und verwandeln sich in serielle Literatur andererseits, wobei sich vom Mittelalter bis (fast) in die Gegenwart eine Bewegung von räumlicher zu zeitlicher Alterität beobachten lässt.

Rüdiger Zymner beginnt Making special, Literatur und Poetrie mit dem Versuch die beiden Bestandteile der Weltliteratur, Welt und Literatur, miteinander in Beziehung zu setzen und kommt zu dem alarmierenden Befund, dass Weltliteraturkonzepte fast ausschließlich „westlich-modern“ sind, während ein transhistorischer, metatheoretischer Begriff vonnöten wäre – einer, der unterschiedliche Zeiten, unterschiedliche Räume, unterschiedliche Materialitäten umfassen würde und in der Lage wäre, diese systematisch zu beschreiben. So könnte man nicht nur Literatur im westlich-modernen Sinne erfassen, sondern zudem „besondere Sprachwerke“, „Literatur vor der Literatur“ – „vielleicht ein wenig im Sinne einer littérature planétaire“. In einer Annäherung an dieses universalistische Konzept greift Zymner auf Ansätze aus der Biopoetik, der Evolutionären Ästhetik und der Evolutionären Psychologie zurück. Hier führt er den Begriff der Poetrie ein, um poetische Produkte (orale und schriftliche) im „Handlungszusammenhang“ der Folklore bzw. eines vor-, außer- und nebenmodernen Literatursystems zu beschreiben.

Gerhard Schlatters Beitrag Landschaft, Lieder, Lachen über die orale Literatur der Aborigines Zentralaustraliens beginnt mit einem fast voyeuristischen Blick auf das Schauen zweier Ethnologen (Walter Baldwin Spencer und Francis James Gillen), die 1901 die ersten Filmaufnahmen von einem Ritual der Aborigines machten. Sie versuchten, die „Traumzeit“ einzufangen, in der die Aborigines sich befinden, doch fehlten ihnen – wie auch heute noch uns – die Kategorien, um diese „traumhafte Zeitlosigkeit“ zu beschreiben oder auch nur annähernd zu verstehen. Überhaupt stellt sich die Frage, „wie weit wir diese orale Literatur, diese gespielte, gefühlte, im Nichts und Heute alles als Einheit verstehende, getanzte Bewegung erfassen können“. Schlatter verortet die orale Literatur und die Mythen der Aborigines im buchstäblichen Sinne in der Natur, im Land, in den Umsiedlungen, die sie erleben mussten. Der Zerfall des Mythos setzt ein, wenn der Raum nicht mehr der erlebte, sondern nur noch der erzählte ist. Schlatters Beitrag ist ein großes Plädoyer für orale Literatur, die, wie er schreibt, „ein hohes Maß an Anpassung und Veränderung“ gestattet und die deshalb „eine so große Überlebenschance“ hat.

Die orale Literatur gerät im nächsten großen Block, Weltliteratur im Kontext von Folkloristik, Ethnographie und Reiseliteratur, nicht ganz aus dem Blick, aber wir nähern uns hier allmählich einem Verständnis von Literatur im westlich-modernen Sinn. Christian Moser wendet sich in Von der Weltgabe zum Weltverkehr den Weltliteratur-Bestimmungen von Goethe und Herder zu und konzentriert sich dabei auf ein „globales Literaturkonzept“. Zunächst aber fragt auch er nach den Bedingungen von Welt und von Literatur; das sich daraus ergebende Kompositum ist gleichermaßen eurozentrisch und erhebt dennoch einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Und wenn Goethes Konzept zunächst offen erscheint, ist diese Offenheit doch, so Moser, „nur ein Oberflächenphänomen“. Moser widmet sich der Entstehung und den Widersprüchen des Goethe’schen Weltliteraturbegriffs, wobei er den Bezug zu Goethes Mentor Herder nachzeichnet. Literatur bei Herder ist gekennzeichnet durch Imagination, aber auch durch ihre Einbindung in ein globales Netz von Kommunikation und Austausch, wobei dieses beim frühen Herder von der Unterwerfung bzw. Einverleibung des Fremden bestimmt ist, während es später als eine Matrix der Wechselwirkungen wahrgenommen wird, die sich auf die „archaische Praxis des Gabentauschs“ zurückführen lässt. Goethe greift Herders globales Literaturkonzept an mehreren Stellen auf, übt aber auch Kritik an dessen Gabenökonomie der Weltliteratur und verstärkt diese noch, wie Moser zeigt. Literatur wird bei Goethe zur „Welt- und Menschheitsgabe“.

In Literaturmoden und Weltliteratur verknüpft Mirna Zeman Mode und Literatur und stellt die Frage, welche Literaturmode den weltliterarischen Diskurs bestimmt. Während nationale Labels eher unterdrückt oder verschwiegen werden, gelingt Literaturen mit transkultureller Dimension leichter der Einstieg in die weltliterarische Mobilität. Zeman hat ihren Aufsatz vor längerer Zeit geschrieben, und dennoch passt er in seiner Analyse der virologischen Metaphorik in Hinsicht auf tags, Labels und Moden perfekt in unsere Corona-Zeit: von „literarischen Epidemien“ ist hier die Rede, die den medizinischen in einen soziologischen Diskurs übertragen. Trends und Moden, so die These, bestimmen die Kanonisierungsprozesse (nicht nur) der Gegenwartsliteratur. Dabei ist die Rekonstruktion vergangener Literaturmoden nicht einfach: „Historische Modezyklen lassen sich nur im Bruchteil rekonstruieren“, denn sie sind „Weltordnungen auf Zeit“ (Zeman übernimmt hier einen Begriff von Boris Groys). Zemans Fallbeispiel für eine solche Literaturmode ist der „Hype um die Gusla“ im Kontext der „Ossianomanie“ in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Wesentlich für die Verbreitung der südslavischen Literatur ist die „Translationskette“, in der die ursprünglich mündliche morlakische Volksliteratur in verschiedene mediale Formen umgewandelt wird bis hin zum Lieder- und Lesebuch.

Annette Werberger erzählt in Schamanismus und Dichtertum anhand von deutschen, englischen, polnischen und russischen Beispielen eine kleine Verflechtungsgeschichte von Schamanismus-Imaginationen mit Bezug auf Dichtertum in der europäischen Romantik und in den Avantgarden. Der Schamane wird zu einem natürlichen Dichter, der Merkmale der Auserwähltheit, Inspiration und Prophetie vereint. Er gewinnt so einerseits als soziales Imaginäres in der Poetik des Dichters Bedeutung, beruht aber andererseits auf konkreten fremdkulturellen Kontakten von polnischen Verbannten, deutschen Naturforschern und Ethnologen in Sibirien, die die Zirkulation des tungusischen Wortes Schamane erst anstoßen.

Ulrich van Loyen wendet sich in seinem Beitrag Geworfenheit und Unterwerfung einem europäischen Raum zu, genauer: „dem Entwurf des italienischen Südens“. Er kartiert Süditalien als „Ort im Wissen des 20. Jahrhunderts“. Süditalien ist auf doppelte Weise mit dem Thema Weltliteratur verbunden, zum einen ist es ein Topos derselben, zum anderen ist es der Entstehungsort (oraler) Literatur, die wiederum in einer Weise auf die sie umgebende Lebenswelt eingeht, dass sie Universalität für sich beansprucht. Van Loyen geht hier dem Befund (oder den Stereotypen?) des süditalienischen Familismus und Klientelismus sowie einer „Gegenwartssucht“ nach, Topoi, die sowohl in ethnologischen als auch in literarischen Texten immer weitergeschrieben werden. Vor diesem Hintergrund werden die Schriften Ernesto de Martinos gelesen, der sich der süditalienischen Folklore widmete, den „letzten Ausläufern einer untergehenden Lebensform“, und der – unter anderem – für die Einbeziehung der ‚Primitiven‘ in die Geschichtlichkeit plädierte („Ohne die primitive und magische Welt gibt es keine Geschichte“).

Der dritte Themenbereich umfasst die Gegenseite der oralen Literaturen: die Institutionen der Weltliteratur. Hier macht Elke Sturm-Trigonakis den Anfang mit ihrem Konzept von der „Neuen Weltliteratur“, konzentriert auf Zeit und Raum. Sie bezieht sich auf den Titel unseres Buches in seiner Verschränkung von Weltliteratur und longue durée: Weltliteratur, so argumentiert sie, zeichne sich gerade durch die longue durée aus, durch ihre langfristige Präsenz im Kanon. Neue Weltliteratur dahingegen erfordere einen horizontalen, keinen vertikalen Schnitt, der nicht die historischen Formen der Globalisierung in den Fokus nimmt, sondern die gegenwärtige Globalisierung, die sich als Alternative zu einer eurozentrischen bzw. einer universalistischen Einordnung von Literatur anbiete. Wie dies genau funktioniert, führt Sturm-Trigonakis am Beispiel von Ilja Trojanows Weltensammler vor, wobei sie auf die Definition der Neuen Weltliteratur (NWL) aus ihrer Monographie zurückgreift: NWL muss (mindestens) zweisprachig und inhaltlich auf Phänomene oder Erfahrungen der Globalisierung ausgerichtet sein – es sind Texte, so heißt es, die „sich zu etablierten literarischen Ordnungskategorien radikal oder partiell alteritär verhalten“. Zugleich erweitert sie das Globalisierungsthema historisch, indem sie die verschiedenen Zeitschichten aufgreift, die Trojanow in Weltensammler einsetzt.

Marcus Hahn befasst sich in Kleine Person mit blauer Mütze mit einem Autor, der zweifelsohne ein institutionalisierter Weltliteratur-Autor ist: Gottfried Benn. Die Institution, um die es hier geht, ist die Medizin oder genauer: die Psychiatrie. Der Aufsatz widmet sich einerseits Benns „Süd-, Nord- und Kolonialwörtern“ und seiner Hinwendung zum Exotischen und andererseits (und vor allem) den Meskalinversuchen des Arztes und Psychiaters Kurt Beringer. Benn bringt das Exotische und das Psychiatrische zusammen, denn er begreift die „Induktion anderer […] durch Drogen als einen physiologisch plausiblen Zugang zu den ‚Primitiven‘“; die sorgfältige Lektüre von Beringers Versuchen führt die topische Gleichsetzung von Rausch und ‚Primitivität‘ weiter. Die Einnahme der Drogen, so liest Benn in Beringers Protokollen, führt zu einer kulturellen und ästhetischen Fremderfahrung. Hahn geht noch einen Schritt zurück und stellt Bezüge von Beringer (und durch ihn vermittelt auch von Benn) zu Peyote-Forschungen zweier Boas-Schüler her, Alfred L. Kroeber und Paul Radin. Dieses ethnopharmakologische Wissen geht wesentlich in Benns Poetologie ein.

Irene Albers Beitrag Wie Afrika zur Weltliteratur kam befasst sich mit Raymond Queneaus Histoire des littératures aus den 1950er Jahren. Ausgangspunkt sind die Kontakte zwischen den künstlerischen Avantgarden und der Ethnologie in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, als Michel Leiris eine Schlüsselposition besetzte und wesentlich die Wende vom Schauen auf den Anderen hin zur Solidarität und Zusammenarbeit mit diesem bewirkt hat. Dem Afrikanisten Georges Balandier kam es zu, aufgrund von Leiris’ Notizen dessen Beitrag für Queneaus Histoire des littératures fertigzustellen. Damit lag Queneaus Ziel in „einer Erweiterung und Revision des westlichen Kanons und Literaturbegriffs“. Weltliteratur bedeutet für Queneau auch und explizit die Aufnahme (von Europäern verschriftlichter) mündlicher Literaturen; es kommt dabei zu einer „Öffnung, Pluralisierung und Revision des Literaturbegriffs“, so dass (europäische) Konzepte wie Schrift, Ästhetik und Fiktion neu bestimmt werden müssen. Albers geht den intellektuellen Bewegungen Queneaus, die schließlich mit der Histoire des littératures institutionalisiert werden, detailliert nach und sie verfolgt Leiris’ (und ebenso Balandiers) Arbeit über die „littératures nègres“, so die Bezeichnung für die afrikanischen Literaturen bis in die 1970er Jahre.

Schamma Schahadat untersucht in Weltliteratur und Sozialismus die außergewöhnliche Situation, in der die Entstehung eines Weltliteratur-Konzepts in einer Art Laborsituation beobachtet werden kann: Auf dem Ersten Allunionskongress sowjetischer Schriftsteller in Moskau im August 1934 wurden nicht nur die Grundlagen des Sozialistischen Realismus formuliert, sondern auch jene einer sozialistischen bzw. proletarischen Weltliteratur. Maksim Gor’kij, Karl Radek und Andrej Ždanov formulieren in ihren Reden programmatisch, was sie unter Weltliteratur verstehen, wobei die Begriffe „sowjetische Literatur“, „proletarische Literatur“, „revolutionäre Literatur“ und „Weltliteratur“ fast synonym verwendet werden. Dabei wird Weltliteratur nicht nur als zukünftiges Projekt sozialistischen Schreibens entworfen, sondern Gor’kij und Radek nehmen eine Neuschreibung der Literaturgeschichte aus sozialistischer Perspektive vor.

Der nächste Beitrag, Susi K. Franks Multinationale Sowjetliteratur, wendet das Thema sowjetischer Weltliteraturkonzepte noch einmal anders, indem hier ein differenzierter Blick auf die De- und Reimperialisierungsstrategien der sowjetischen Nationalitätenpolitik und speziell auf deren literarisches-didaktisches Projekt geworfen wird. Konkret geht es Frank in ihrem Aufsatz um eine „differenzierte historische […] Analyse der Geschichte und der nachhaltigen Effekte des sowjetischen Literaturprojekts in den als ‚national‘ definierten kleinen sowjetischen Literaturen“. Die sowjetische Nationalitäten- und multinationale Literaturpolitik befindet sich, so die These, von Anfang an in einer Spannung von anti-, post- und dennoch imperialen Bestrebungen. Frank führt in den historischen Hintergrund ein und verfolgt die Entwicklungen bis in die 2000er Jahre, als es Tendenzen gab, „den ehemaligen sowjetliterarischen Raum zu rekonstruieren und als multinationalen eurasischen Literaturraum neu zu formen“. Interessant ist in diesem scheinbar hierarchiefreien Raum der Sowjetliteratur die Frage nach der Sonderstellung der russischsprachigen Literatur. Frank untersucht die Effekte der multinationalen Sowjetliteratur am Beispiel des tschuktschischen Prosaikers Jurij Rytcheu und des tschuwaschischen Lyrikers Gennadij Ajgi.

Gesine Drews-Sylla verbindet in Wolofisierung und weltliterarische Vernetzung (mit Russland) zwei ganz unterschiedliche Kulturen und Sprachen miteinander: Russland und Senegal. Sie untersucht die wolofsprachige Verfilmung von Nikolaj Gogol’s Komödie Der Revisor (1836) durch Mahama Johnson Traoré im Jahr 1972; Traoré passt die russische Verwechslungskomödie an den senegalesischen Kontext seiner Zeit an und verwandelt den Gogol’schen Text in einen sozialkritischen Kommentar zur postkolonialen senegalesischen Gesellschaft. Die Übersetzung in Wolof war Teil eines Weltliteratur-Projekts, das Wolof als eine den Kolonialsprachen gleichgestellte (Literatur-)Sprache etablieren sollte. Drews-Sylla geht hier akribisch den transnationalen, mehr oder weniger verdeckten Schichten nach, die ein regelrechtes Film-Palimpsest ergeben.

Ein Interview zwischen Michael Oppitz und Erhard Schüttpelz, das am 19.3.2014 in der Charlottenburger Wohnung von Michael Oppitz stattgefunden hat, beendet den Band. Das Gespräch bildet die Coda zum Buch, indem die Oralliteratur am Beispiel der Schamanengesänge des Himalaya noch einmal exemplarisch in den Mittelpunkt gestellt wird: Gattungstypologie, Wechselgesang, schamanistische Initiation und das Memorieren dieses riesigen Gesangskorpusses, die Topographie von Mythen, Unterschiede zwischen Schrift- und Oralliteratur, die minimalistische Kunst des langsam fortschreitenden Gesangs, schamanistische Séance, das Kommen der Geister im Ritual oder die ästhetische Dimension des gemeinschaftlichen Erlebens werden hier diskutiert.

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An dieser Stelle möchten wir uns bei allen Autorinnen und Autoren der Beiträge für ihre wirklich lange Geduld bedanken und für ihre Bereitschaft, uns ihre Aufsätze auch noch nach vielen Jahren zur Publikation zu überlassen. Für die Finanzierung des Workshops bedanken wir uns beim ECX 16 Kulturelle Grundlagen von Integration der Universität Konstanz, für die Drucklegung bei der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Unser Dank für die redaktionelle Bearbeitung geht an Daniela Amodio, Jennifer Döring, Gaia Englert, Josef Nelson, Aurelia Ohlendorf und Valentin Peschanskyi, für die geduldige und sorgfältige Endredaktion an Elena Glökler (alle Uni Tübingen). Wir bedanken uns zudem bei Andreas Knop dafür, dass er unser Buch in sein Verlagsprogramm aufnimmt, und Lisa Sauerwald für die angenehme und unkomplizierte Zusammenarbeit bei der Herstellung der Druckvorlage.

Literaturverzeichnis

  • Geider, Thomas: Weltliteratur in der Perspektive einer Longue Durée II: Die Ökumene des swahili-sprachigen Ostafrika, in: Özkan Ezli/Dorothee Kimmich/Annette Werberger (Hg.): Wider den Kulturenzwang. Migration, Kulturalisierung und Weltliteratur, Bielefeld 2009, S. 361-402.

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  • Goethe, Johann Wolfgang von: Zu den Versammlungen Deutscher Naturforscher und Ärzte, in: Goethe, Johann Wolfgang von: Sämtliche Werke (Münchner Ausgabe) Bd. 18.2: Letzte Jahre (1927-182), München 1996, S. 357-358.

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  • Heß, Jonas: Diskussionsbericht Sektion 2: Paradigmen der Weltliteratur, in: Dieter Lamping/Galin Tihanov (Hg.): Vergleichende Weltliteraturen/Comparative World Literatures. DFG Symposion 2018, Stuttgart 2019, S. 271-280.

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  • Koschmal, Walter: Ästhetischer und universeller Wert. National- und weltliterarische Funktion. Die slavischen Länder am Rande der Weltliteratur?, in: Manfred Schmeling (Hg.): Weltliteratur heute. Konzepte und Perspektiven, Würzburg 1995, S. 101-122.

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  • Müller, Gesine: Wie wird Weltliteratur gemacht? Globale Zirkulationen lateinamerikanischer Literaturen, Berlin/Boston 2020.

  • Schlözer, August Ludwig von: Isländische Litteratur und Geschichte. Erster Teil, Göttingen/Gotha 1773.

  • Schüttpelz, Erhard: Europe Before and After Eurocentrism. The Test Case of World Literature, in: Deutschland-Analyse. Zeitschrift für Kulturwissenschaften 2 (2020), S. 211-220.

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  • Schüttpelz, Erhard: Die Moderne im Spiegel des Primitiven, München 2005.

  • Tihanov, Galin: Introduction, in: Dieter Lamping/Galin Tihanov (Hg.): Vergleichende Weltliteraturen/Comparative World Literatures. DFG Symposion 2018, Stuttgart 2019, S. 283-287.

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  • Zipfel, Frank: Weltliteratur(en) und die Weltrepublik der Literatur. Überlegungen zu den Voraussetzungen von Weltliteratur-Diskursen, in: Dieter Lamping/Galin Tihanov (Hg.): Vergleichende Weltliteraturen/Comparative World Literatures. DFG Symposion 2018, Stuttgart 2019, S. 19-40.

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1

S. dazu ganz aktuell auch Erhard Schüttpelz: Europe Before and After Eurocentrism. The Test Case of World Literature, in: Deutschland-Analyse. Zeitschrift für Kulturwissenschaften 2 (2020), S. 211-220. Literatur, so schreibt Schüttpelz, wurde Weltliteratur „by universalising rhetoric, poetry, oral poetry, and oral tradition, the written and oral forms of religious revelations, mythology and their intersections. And of course also by universalising European genres, by subsuming non-European genres under the headings of poetry, drama, epos, and the longer form of narrative prose called ‚the novel‘ as well as shorter ones [...]. If we look at the most general categories of publications of World Literature today, we still find exactly these genres – and no others – in bookshops, but also in the anthologies of literary departments“ (hier: S. 216-217).

2

Erhard Schüttpelz: Die Moderne im Spiegel des Primitiven, München 2005.

3

Thomas Geider: Weltliteratur in der Perspektive einer Longue Durée II: Die Ökumene des swahili-sprachigen Ostafrika, in: Özkan Ezli/Dorothee Kimmich/Annette Werberger (Hg.): Wider den Kulturenzwang. Migration, Kulturalisierung und Weltliteratur, Bielefeld 2009, S. 361-402.

4

Geider: Weltliteratur in der Perspektive einer Longue Durée II (Anm. 3), S. 367, bzw. Johann Wolfgang Goethe: Zu den Versammlungen Deutscher Naturforscher und Ärzte, in: ders.: Sämtliche Werke (Münchner Ausgabe) Bd. 18.2: Letzte Jahre (1927-182), München 1996, S. 357-358 (hier: S. 357).

5

Geider: Weltliteratur in der Perspektive einer Longue Durée II (Anm. 3), S. 367.

6

Galin Tihanov sieht vor allem im 20. Jahrhundert ein Konzept von Weltliteratur, das er als „overwhelmingly Eurocentric“ bezeichnet, s. Galin Tihanov: Introduction, in: Dieter Lamping/Galin Tihanov (Hg.): Vergleichende Weltliteraturen/Comparative World Literatures. DFG Symposion 2018, Stuttgart 2019, S. 283-287 (hier: S. 285).

7

Zu diesen Normierungen, die auch einhergehen mit einer teleologischen Vorstellung von literarischer Evolution, s. Frank Zipfel: Weltliteratur(en) und die Weltrepublik der Literatur. Überlegungen zu den Voraussetzungen von Weltliteratur-Diskursen, in: Dieter Lamping/Galin Tihanov (Hg.): Vergleichende Weltliteraturen/Comparative World Literatures. DFG Symposion 2018, Stuttgart 2019, S. 19-40 (hier: S. 35).

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Zur Anschlussfähigkeit als Kriterium für die Zugehörigkeit zur Weltliteratur s. Jonas Heß: Diskussionsbericht Sektion 2: Paradigmen der Weltliteratur, in: Dieter Lamping/Galin Tihanov (Hg.): Vergleichende Weltliteraturen/Comparative World Literatures. DFG Symposion 2018, Stuttgart 2019, S. 271-275 (hier: S. 285). Walter Koschmal argumentiert im Hinblick auf Dostoevskij (als „slavischen Autor der Weltliteratur“) ähnlich hinsichtlich seiner Anschlussfähigkeit: Dostoevskijs Aufnahme in den Kanon der Weltliteratur ist nicht primär ästhetisch bedingt, so Koschmal, sondern beruht auf seinem außerästhetischen, universellen Wert. S. dazu Walter Koschmal: Ästhetischer und universeller Wert. National- und weltliterarische Funktion. Die slavischen Länder am Rande der Weltliteratur?, in: Manfred Schmeling (Hg.): Weltliteratur heute. Konzepte und Perspektiven, Würzburg 1995, S. 101-122 (hier: S. 107 f.).

9

Tihanov: Introduction (Anm. 6), S. 285.

10

Ebd., S. 286.

11

August Ludwig von Schlözer: Isländische Litteratur und Geschichte. Erster Teil, Göttingen/Gotha 1773, S. 2. Auf die Spur gebracht hat uns Tihanov: Introduction (Anm. 6), S. 284, der diese Passage aus Schlözer ebenfalls zitiert.

12

Tihanov: Introduction (Anm. 6), S. 286.

13

Zipfel: Weltliteratur(en) und die Weltrepublik der Literatur (Anm. 7), S. 32.

14

Wir verweisen hier auch auf die Einleitung von Gesine Müller in ihrem Buch Wie wird Weltliteratur gemacht? Globale Zirkulationen lateinamerikanischer Literaturen, Berlin/Boston 2020, S. 1-23, die ebenfalls einen Blick auf das Außen des Kanons wirft, dabei aber den Fokus lenkt auf „Dynamiken und ganz konkrete[…] Produktionsbedingungen global zirkulierender Literatur“ (hier: S. 1), d. h. ihr Ziel ist ein „materialbasierter Zugang“ (hier: S. 8).

15

Geider: Weltliteratur in der Perspektive einer Longue Durée II (Anm. 3).