Die Gewalt des Moralisten

Zum Verhältnis von Ethik und Ästhetik bei W. G. Sebald

W. G. Sebalds Ruhm beruht auf der Annahme, er setze eine sensible und hochreflexive Erinnerungskunst ins Werk, die der Opfer der Geschichte respektvoll gedenkt. Diese Annahme muss revidiert werden. Sie hält einer eingehenden Untersuchung seines Schreibethos nicht stand.
Genaue Analysen von Sebalds Schriften zeigen, dass seine Interpretationen von einem rigorosen Moralismus beeinflusst sind. Sein ›abschließendes Vokabular‹, das ihm zur Lektüre und Deutung fremder Texte dient, ist über 30 Jahre konstant. Es offenbart ein verhärtetes und problematisches Weltbild, das sich gegenüber den interpretierten Autoren als hermeneutische Gewalt manifestiert. Insofern Sebald dieses Vokabular auch literarisch gebraucht, überträgt sich die Problematik seiner Literaturkritik auf seine Literatur und unterminiert seine Poetik der Restitution. Die Bedingung einer narrativen Ethik, die den Anderen in seiner je eigenen Identität respektiert, wäre ein Ethos, das zu einer dialogischen Beziehung zum und zu einer unvoreingenommenen Wahrnehmung des Anderen fähig ist. Der Autor Sebald lässt dieses vermissen, seine Form literarischer Historiographie – ›böse‹ Täter, ›gute‹ Opfer – bleibt unterkomplex.

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Mario Gotterbarm, von 2002 bis 2004 Studium der Kommunikationswissenschaft in Hohenheim. Von 2004 bis 2009 Studium der Philosophie, Neueren deutschen Literatur und Kunstgeschichte in Tübingen (M.A.). Von 2009 bis 2013 Promotionsstudent an der Universität Tübingen. Stipendiat des Cusanuswerks in der Grund- und Graduiertenförderung. Journalistische Ausbildung als Stipendiat des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses e. V. (ifp) in den Jahren 2004-2006. Praktika und Hospitanzen unter anderem bei: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Stuttgarter Zeitung, Radio Bremen, SWR, ZDF. Seit Oktober 2013 Wissenschaftlicher Angestellter am Deutschen Seminar der Eberhard Karls Universität Tübingen; derzeit Akademischer Rat a.Z. ebenda.
Journal of European Studies, 01.03.2018
"I am persuaded that the next tranche of Sebald scholars will have to confront the questions that proliferate in this difficult and challenging book [...]." (Richard Sheppard)