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Für eine andere Kulturgeschichte Westeuropas
Author: Monika Walter
Kann eine innereuropäische Islamgeschichte einfach verschwinden? So haben Historiker, Kulturwissenschaftler und Philologen in Spanien und Frankreich seit den 1990er Jahren zu fragen begonnen.
Viele Spezialstudien sind den Spuren dieser Islamgeschichte als Religion, Zivilisation und muslimischer Lebenswelt gefolgt. Ein Bogen spannt sich seit 711 vom Sarazenen-Einfall bis zur »Rückkehr der Morisken« als Arbeitsmigranten im modernen Spanien. Diese Spuren finden sich in Gestalt von Sklaven, Händlern, Diplomaten im Frankenland bis zu den Maghrebinern im heutigen Frankreich. Doch sie treten auch in einer anderen Lektüre der abendländischen Klassiker zutage, schaut man genauer bei Abaelard, Cervantes, Voltaire bis zu Camus und Goytisolo nach. Die Autorin geht der Frage nach, warum dieses Kulturerbe allmählich aus der nationalen und europäischen Geschichtsschreibung verschwunden ist, bis allein die These von der Unverträglichkeit des Islam mit europäischen Werten übrig geblieben zu sein scheint.
'Unsachgemäßer' Gebrauch als kulturelle Praxis
Mit Artefakten verbinden wir konkrete Funktionen und Bedeutungen. Als Werkzeuge dienen sie unserem täglichen Handeln. Welche Folgen hat es, wenn sie unsachgemäß gebraucht werden? Wie unterscheiden sich sachgemäße und unsachgemäße Verwendungsweisen?
Aus interdisziplinärer Perspektive wird ein weites Spektrum von Praktiken aus verschiedenen Kontexten in den Blick genommen. Gemeinsamer Ausgangspunkt der Untersuchungen ist jenes Spannungsverhältnis, das sich in der Redeweise von der Zweckentfremdung abzeichnet: Einerseits verbinden wir hiermit Regelverletzungen. Andererseits ist es der unsachgemäße Gebrauch, der am Beginn eines explorativen Umgangs mit Artefakten steht und neue Bedeutungen und Lesarten generiert. Ziel ist es, das kreative Potenzial freizulegen, das sich mit einem unsachgemäßen Gebrauch von Dingen verbindet.
Im Zentrum dieser kulturgeschichtlichen Untersuchung steht die Frage, wie die aristokratische Schicht im mittelbyzantinischen Reich (10. - 13. Jahrhundert) gesellschaftlich sichtbar auftrat und welche Strategien sie zur Selbstdarstellung entwickelte.
Systematisch wertet Grünbart alle verfügbaren Zeugnisse aus, um die Wirkung von Kleidung, das kultivierte Auftreten, die Wichtigkeit der Familienzugehörigkeit, den entsprechend ausgestalteten Wohnraum und Stifter-/Patronagetätigkeiten zu untersuchen. Es zeigt sich, dass sich die aristokratischen Familien, die sich zunehmend in der Hauptstadt Konstantinopel konzentrierten, in einem steten Konkurrenzkampf untereinander befanden und keine Mittel scheuten, sich in Szene zu setzen. Die Studie betritt mit ihrer Fragestellung Neuland und trägt zum Verständnis der Dynamik der byzantinischen Gesellschaft bei.
Zur Geschichte der Psychotherapie vor Freud
Author: André Knote
Unter der Bezeichnung »psychologische Cur« zeigt sich bereits um 1750 ein ärztliches Behandlungskonzept, das man mit Recht als einen Vorläufer der Psychotherapie bezeichnen kann. Diese minutiöse Studie zeigt den Übergang von theologischen zu psychologischen Konzepten der Seelenbehandlung.
Die Geschichte der Psychotherapie vor Freud wurde bisher meist als bloße Vorgeschichte beschrieben. Unbeachtet blieben Entwürfe aus der Zeit der Aufklärung, die jedoch eine Schlüsselstellung einnehmen, indem sie theologisch-pietistische Seelenkuren in ein durch die Philosophie der Aufklärung und von der Medizin inspiriertes Konzept einer ärztlich-psychologischen Seelenbehandlung umwandeln. Fächerübergreifend ordnet André Knote diese erstaunliche Idee einer Psychotherapie im Geiste der Aufklärung wissenschaftshistorisch ein.
Die Pionierin der Computertechnik und ihre Nachfolgerinnen
Ada Lovelace schrieb 1843 das weltweit erste Programm für eine informationsverarbeitende Maschine. Welche Beiträge leisten Frauen bis heute in der Welt des Digitalen? Der Band setzt sich mit Ada Lovelace (1815 –1852) als Pionierin der Programmierung, aber auch mit ihrer Stilisierung zur Ikone auseinander. Er blickt auf die Bedeutung ›Rechnender Frauen‹ in der Nachkriegsära der einsetzenden Computertechnik. Er erörtert die Rolle der ›feinen Unterschiede‹ der Geschlechter in Wissenschaft und Technik und lässt wichtige Forscherinnen der zeitgenössischen Computerwissenschaft (Robotik, Verteilte Intelligenz, Big Data) zu Wort kommen.
Eine Geschichte des ›Türken‹ in medientheoretischer Perspektive (1453-1529)
Author: Yigit Topkaya
»Ein Gespenst geht um im ›christlichen Europa‹ – das Gespenst des ›Türken‹«. In einer medientheoretischen Perspektive auf Alterität und Wahrnehmung untersucht Yig?it Topkaya den diskursivmedialen Wirkungszusammenhang zwischen Türkenwerken und Reformprozessen um 1500. Zum Glaubensfeind stilisiert, wird der ›Türke‹ nach dem Fall Konstantinopels (1453) im politischen Diskurs um die unitas christiana zur historisch wirkmächtigen Alteritätsfigur. Vor dem Erfahrungshintergrund der Konzilsbewegung ist es insbesondere die Kurie, die den ›Türken‹ nicht zuletzt im Rückgriff auf das Kreuzzugskonzept in den ekklesiologischen Redezusammenhang stellt, um die Position des Papstes im Streit um die ekklesiale Repräsentationsordnung zu verteidigen. Als eine Rechtfertigungsschrift des Papst-Primats und im Interesse einer papalistischen Ekklesiologie verfasst, nimmt in der Epistola ad Mahumetem Pius II. mit der literarisch inszenierten Sultanstaufe zugleich die Sakramentenlehre in den Blick, um damit auch in der Frage der Heilsgewissheit die geistlichen wie weltlichen Herrschaftsansprüche der Sedes Apostolica einzufordern. Derart trägt die Kurie, unterstützt und verstärkt durch die Verbreitung der Türkenablässe im typographischen Netz, zu einer nachhaltigen medialen Präsenz des ›Türken‹ in der zeitgenössischen Wahrnehmung bei, so dass mithin in frömmigkeitstheologischen und reformatorischen Kontexten die Türkenfigur der heilsgeschichtlich motivierten Konstruktion von sichtbarer und unsichtbarer Alterität in der Erörterung und Problematisierung von Glaubens- und Kirchenfragen dient. Dem Diskurs über den ›Türken‹ wird dadurch eine Medialität inhärent, die gesellschaftspolitischen Prozessen der Zeit eine besonders emphatische Bühne verleiht.
Von der Sowjetunion zum Neuen Russland
Contributor: Holger Kuße
Woraus bezog Gorbacevs Perestrojka ihre ungeheure Dynamik? Steckte das Land in einer Gerechtigkeitskrise, die erst durch Glasnost sichtbar wurde? Welche Gerechtigkeitsanforderungen stellten die Bürger an eine künftige Ordnung und ihre politischen Führer?
Diese und ähnliche Fragen erlauben, die Geschichte vom Zerfall der Sowjetunion und Wiederaufbau als Russische Föderation anhand von zwei Thesen unter einem neuen Blickwinkel zu beschreiben: Erstens war das Streben nach Gerechtigkeit ein wichtiger Antrieb für die Reformbewegung der späten 1980er Jahre. Zweitens hat seine Missachtung zum Scheitern
demokratischer Reformen maßgeblich beigetragen. Unter Verwendung von Begriffen philosophischer Gerechtigkeitstheorien gelingt es, die andauernde gesellschaftsprägende Bedeutung von Gerechtigkeitserwartungen herauszustellen.
6. Archäologisch-historisches Forum
Der Band 26 der Reihe MittelalterStudien versammelt die Beiträge einer interdisziplinären Tagung, die die „Gräber im Kirchenraum“ aus historischer, kunsthistorischer und archäologischer Sicht in den Blick genommen hat. Inhaltlich schlagen die Aufsätze einen weiten Bogen und behandeln von den Jenseitsvorstellungen und der memoria im Frühmittelalter über die Motive für die Beisetzung in Königsgrabkirchen auch die monumentalen Grabmonumente des 16. Jahrhunderts und die dahinter stehenden Intentionen. Besondere Aufmerksamkeit erfährt dabei immer wieder die Frage, welchen Personenkreisen überhaupt das Privileg eingeräumt wurde, sich innerhalb des Kirchenraums möglichst nahe bei den Heiligen, ad sanctos, bestatten zu lassen.
Bluthostien zwischen Wunderglaube und Budenzauber
Author: Olaf B. Rader
Bei Hitze, Hagel, Kälte oder Trockenheit, als Mittel zur Brandbekämpfung und Abwendung von Wassergefahren hielt man Hostien für allgegenwärtig und allmächtig. Man konnte sie aber auch zu Liebespulver zerstampfen oder damit verwunschene Jungfrauen erlösen. Dass geweihte Hostien unter der Haut getragen gegen jedwede Verwundung schützten, zeigte ihren Nutzen bei Rittern oder Kriegsknechten. Wildschützen glaubten an sie, denn Hostien im Kolbenschaft erhöhten die Treffsicherheit der Büchse; wenn man nicht den Leib Christi gleich mit in das Blei gab, um Freikugeln daraus zu gießen.
Bekenntnisse - Ikonen - Gesamtkunstwerke
Gibt es einen spezifisch »linken« Kitsch in Abgrenzung zu politisch »rechtem«? Dieser vernachlässigten, für das Verständnis »linken Denkens« seit der Französischen Revolution aber wichtigen Frage gehen die Beiträge dieses Bandes nach. Gezeigt wird, dass »linkes« Denken aus ganz anderen Gründen kitschanfällig ist als sein »rechtes« Pendant, auch wenn die Pathosformeln sich mitunter frappierend ähneln. Denn während rechte Ideologien den Veränderungsdruck der Moderne kompensieren, streben linke eher danach, ihn nach dem Motto »Mehr desselben« zu überbieten. Dieses Phänomen »linker Kitsch« nimmt der Band anhand von sprachlichen, bildlichen und filmischen Beispielen in historischer wie auch theoretischer Perspektive in den Blick, sodass es in seinem konstitutiv transmedialen Charakter zur Geltung kommt.