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Literarische und mediale Aspekte auditiver Offenheit
Im Gehör dringt die Welt körperlich in den Geist ein. Der »Gehör-Gang« ist als »Vor-Zimmer« des Geistes (Johann Heinrich Zedler) Ort des commercium mentis et corporis. Anders als der Gesichtssinn steht das Gehör immer offen. Musik und Geräusch, so Kant, drängen sich dem Menschen auf, indem sie ihn durchdringen und zum Lauschen zwingen. Der vorliegende Band befasst sich literatur- und medienwissenschaftlich mit dem Lauschen und seiner Offenheit, wie sie theoretisch im Nachgang von Giorgio Agambens Das Offene und Jean-Luc Nancys Zum Gehör diskutiert worden sind.
Versuch einer Typologie anhand literarischer Texte um 1800
Author: Markus Gut
»Schrift besitzt die Macht, zu verewigen.« Diese Vorstellung begleitet Schriftzeichen seit ihrer Erfindung und hat bis heute nichts von ihrer Wirkmächtigkeit eingebüßt.
Aus zeichentheoretischer Perspektive ließe sich jedoch entgegenhalten: »Nichts« ist flüchtiger als ein Zeichen und jene Vorstellung eine bloße Behauptung. Vor diesem paradoxen Hintergrund unternimmt die Monographie den Versuch, systematisch innersprachlichen Verfahren nachzugehen, die dazu eingesetzt werden, Informationen möglichst dauerhaft festzuhalten. Sie stützt sich dabei auf literarische Texte zwischen 1755 und 1821 sowie deren historische Ko- und Kontexte. Es gelingt ihr so, im Schnittfeld von Literatur- und Kulturwissenschaft sowie der Semiotik erstmals eine Typologie vorzulegen, die weit über die Zeit um 1800 und die Literatur hinaus zeichenhafte Verfahren im Dienste der »Verewigung« zu beschreiben vermag.


Semiotics of Eternalization

At the interface of literary and cultural studies as well as semiotics, this monograph systematically examines intralinguistic procedures intended to record information for eternity. It succeeds, for the first time, in presenting a typology that describes semiotic procedures in the pursuit of »eternalization« that are not only limited to the period around 1800.
An extended English general survey and summary is included.
Open Access
Zur Latenz und Aktualität tabuartiger Normen
Westliche Gesellschaften geben sich heute in weiten Bereichen betont als tabufrei. Doch die gleichen Gesellschaften sind durchzogen von impliziten Verhaltensmaßgaben, die unser Fühlen, Denken und Handeln reglementieren und vorgeben, was tolerierbar ist und was als sittenwidrig und bedrohlich wahrgenommen wird.
Was heute noch tabuartig wirksam ist, liegt nicht offen zutage. Es verbirgt sich in den kultur- und mentalitätengeschichtlichen Latenzzonen einer Gesellschaft. Besondere Ereignisse können diese kollektiv unbewussten Wertsetzungen jedoch sichtbar werden lassen. Der Band exploriert die Latenz und Aktualität solch tabuartiger Normen, sondiert aktuelle gesellschaftliche Meidezonen und untersucht, inwiefern sich an Ihnen ein Wandel der historischen Dialektik von Tabu und Tabubruch messen lässt.
Literarische Gerechtigkeitsentwürfe im gesellschaftlichen Umbruch (1773-1819)
Um 1800 experimentieren literarische Texte verstärkt mit Szenarien, in denen Recht, Moral und Gerechtigkeit konvergieren, und bilden dabei eine innovative Anerkennungstheorie heraus.
Im Rekurs auf Spieltheorie, Evolutionspsychologie und Kognitionswissenschaften untersucht Claudia Nitschkes Studie diese literarischen Überlegungen zur Anerkennung im Kontext des Gesellschaftsvertrags, der seinerseits einen Versuch darstellt, politische Ordnung und Gerechtigkeit säkular zu entwerfen und rational zu legitimieren. Ein entsprechender Blick auf spezifische kanonische Tete, Autoren und Genres der Sattelzeit zeigt, wie sich auch die Literatur kritisch und bis heute instruktiv mit speziellen, vertragstheoretischen Prämissen auseinandersetzt und neue Antworten auf alte Fragen finde.
Der Dokumentationsband des Symposiums »Literatur in der neuen Klassengesellschaft« enthält Texte und Debattenbeiträge u.a. von Hans-Jürgen Urban, Christoph Butterwegge, Klaus Dörre, Annett Gröschner, Joachim Helfer, Stefanie Hürtgen, Cornelia Koppetsch, Norbert Niemann, Monika Rinck, David Salomon, Stefan Schmitzer, Erasmus Schöfer, Ingar Solty, Enno Stahl und Michael Wildenhain. Er dokumentiert – quasi in Echtzeit – den Ablauf des Symposiums, das durch einen ungewöhnlich barrierefreien Zugang des Publikums zum Tagungsgeschehen gekennzeichnet war. Das Netzwerk »Richtige Literatur im Falschen«, das diese Veranstaltung zum vierten Mal in dieser Form realisierte, versteht sich als offenes Diskussionsforum. Diskutiert wird in diesem Band die Frage, ob Deutschland heute wieder eine Klassengesellschaft ist, was die meisten der Autorinnen und Autoren bejahen. Die Auswirkungen dieser sozialen Spaltung werden aus verschiedenen Perspektiven betrachtet: der Pauperisierung, der Geschlechterproblematik und der Migration. Vor diesem Hintergrund werden sodann Überlegungen angestellt, ob Literatur auf die gesellschaftlichen Verwerfungen reagieren sollte oder gar muss – und wenn ja, in welcher Form.
Hunde in der Literatur der Goethezeit und Moderne
Jonathan Kassner widmet sich dem Thema der Hundefiguren in der Literatur aus ästhetischer und ideengeschichtlicher Sicht. Er nimmt seinen Ausgang von der klassischen Ästhetik, die die Auseinandersetzung mit Tieren und der menschlichen Tierlichkeit führt, um stets den autonomen Geist über die Natur triumphieren zu lassen. Dagegen artikuliert sich parallel in der Literatur durch Tierfiguren, und insbesondere durch Hunde, ein Gegendiskurs zum vorherrschenden Idealismus der Zeit. Der Autor liest Hunde als poetologische Reflexionsfiguren, mit denen Autoren wie Goethe und Jean Paul und in der Moderne Kafka und Thomas Mann sowohl ästhetische als auch ontologische Fragen verhandeln. Er rekonstruiert in textnahen Lektüren den Übergang von der humanistischen Ästhetik der Klassiker zu einer Ästhetik der Kreatur, deren Spur er vom Faust bis zum Doktor Faustus verfolgt.
Michel de Montaigne und seine englischen Leser des 17. Jahrhunderts
Author: Martin Lange
Michel de Montaigne hat mit seinen Essais eine Form des Schreibens erfunden, die früh auch in England Fuß fasst. Entscheidend für die innovative Form ist eine Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Öffentlichkeit und Privatheit.
Die Relevanz der Kategorien Öffentlichkeit und Privatheit ist in der Forschung zu Montaigne und zur Geschichte des Essays bislang unterbelichtet geblieben. Die Arbeit erschließt ihre Semantik bei Montaigne und arbeitet sie als zentrales Element der Formgebung der Essais heraus. Wie an John Florios früher Montaigne-Übersetzung gezeigt wird, etabliert sich die neue Form schnell in England. Ihrer Funktion wird anhand einer vergleichenden Analyse der moralphilosophischen und politischen Reflexion bei Montaigne und seinen Lesern Francis Bacon und William Cornwallis nachgegangen.
Spuren der materiellen Kultur im Werk Robert Walsers
Author: Julia Maas
Kaum ein Autor, der im Diskurs über die Ding-Literatur der Moderne so unbeachtet ist wie Robert Walser – und doch ist sein Werk mit „Gegenständlichkeiten“ überfüllt. Dass es aus dem Blick fiel, liegt in der Natur seiner Sachen: Walsers Dinge sind nicht aufständisch und eigensinnig, wie die „tückischen Objekte“ der Zeitgenossen, sondern unauffällig, einsatzbereit und auf ihre Weise nützlich.Die Studie beleuchtet, nach einer Klärung der Begriffe aus dem Feld der materiellen Kultur, zum einen jene für Walser spezifischen „dienenden Dinge“, die sich mit Martin Heideggers Zeuganalyse begreifen lassen und die zu einer Neubewertung von Walsers altbekannter, vieldeutiger „Dieneridee“ anstoßen. Zum anderen werden die am häufigsten vertretenen Gegenstandsklassen im gesamten Werk erkundet und auf Wandlungen hin beleuchtet.
Kulturwissenschaftliche Zugänge zum Ersten und Letzten
Niemand kann sagen, was vor dem Anfang des Lebens war und was nach dessen Ende kommt – oder ob es überhaupt Anfang und Ende gibt, die unabhängig sind von kulturellen Mustern. Das Weltbild der Moderne baut allerdings auf solchen Unterscheidungen auf. Denken wir nur zum Beispiel an Immanuel Kant, der dem Menschen einen freien Willen zugesteht, weil er die Fähigkeit hat, sich an den Anfang von etwas zu setzen.

Der vorliegende Band versammelt Texte aus verschiedenen kulturwissenschaftlichen Disziplinen, die unterschiedliche Perspektiven auf Anfang und Ende entwickeln und, an ausgewählten Beispielen, chronologisch und thematisch ein weites Feld abdecken – von der Antike bis zur Postmoderne, von historischen Quellen bis zum Film, von der Philosophie bis zur Medienwissenschaft, von William Shakespeare bis Michael Ende, von ersten Sätzen in der Literatur bis zu Schlüssen in der Musik. Das ist sicher nicht das Ende der Beschäftigung mit dem Thema, aber immerhin ein – hoffentlich vielversprechender – Anfang!
Das Wissen der Literatur II
Author: Jochen Hörisch
Die Frage, ob schöne Literatur nicht nur unterhält und erfreut, sondern auch sachlich relevantes Wissen zur Diskussion stellt, beschäftigt die Philosophie und Wissenschaftstheorie seit ihren Anfängen.
Die Positionen, die in dieser Diskussion vertreten werden, haben einen hohen Wiedererkennungswert. Die deutlich stärkere Fraktion argumentiert seit Hesiod und Platon, dass fiktionale Literatur bestenfalls ein indifferentes Verhältnis zur Wahrheit hat, in schlechteren Fällen aber frivol mit den Kategorien Lüge und Wahrheit spiele. Die schwächere Fraktion vertraut mit Horaz u.a. darauf, dass schöne Literatur nicht nur erfreut, sondern auch unkonventionelle Wahrheiten liefert.
Die hier versammelten Studien kreisen um das Verhältnis von Wahrheit, Wissen und Erkenntnis in der Literatur. Ihnen geht es aber weniger um abstrakte Fragen nach der Wahrheit von Poesie, sondern vielmehr um konkrete Fallstudien, die eine belastbare Gemeinsamkeit haben. Sie fragen nämlich danach, welches argumentativ zu entfaltende Potenzial an Intuitionen, Thesen, Theoremen und Einsichten literarische Texte haben. Sie vertrauen darauf, dass die häufig belächelte Formel von »dichten und denken« ernst genommen zu werden verdient.