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II. Eine Archäologie der narrativen Sinnbildung
Das Erzählen in frühen Hochkulturen führt in seinem zweiten Band „Eine Archäologie der narrativen Sinnbildung“ die bereits im Vorgängerband „Der Fall Ägypten“ gestellten Fragen zu den Bedingungen des Erzählens in einer frühen Hochkultur nun im interdisziplinären Kontext fort. Es werden kulturspezifische Einflüsse sozialer, kommunikativ-medialer, kognitiver und anderer Umstände auf die Entwicklung und die Ausgestaltung, die Konzeption und den Einsatz des Erzählens untersucht und daraus resultierende methodische Herausforderungen an eine altertumswissenschaftliche Erzählforschung diskutiert. Neben zwei Einführungsbeiträgen zur altertumswissenschaftlichen und zur narratologischen Perspektive finden sich in diesem Band Abhandlungen zum Erzählen in der hethitischen und der altägyptischen Kultur sowie in den antiken Kulturen Griechenlands und Roms.
(Re-)Lektüren zu Goethes 'Wahlverwandtschaften'
Die ‚Schwelle‘ ist Ausdruck des krisenanfälligen Grenzübergangs zwischen zwei oder mehreren Sphären mit ihren jeweils ganz eigenen, oftmals konträr zueinanderstehenden Welt- und Ordnungsvorstellungen. Wie Goethes Wahlverwandtschaften diese Symbolik der Schwelle aufgreift und auf bestimmte Konfliktlinien zwischen Tradition und Moderne hin zuspitzt, diskutiert der Sammelband aus der Sicht prominenter Literatur- und KulturwissenschaftlerInnen. Goethes Roman eröffnet als Schwellenprosa im dialektischen Spannungsfeld von Linearität, Konsens, Tradition auf der einen Seite und Dissens, Aufbruch und Renovation auf der anderen Seite neue Perspektiven: Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Wahlverwandtschaften der letzten 35 Jahre wird dazu rekapituliert und anhand von wissenschaftshistorischen, diskursanalytischen, zeit- und gattungstheoretischen Perspektiven weiter- und gegebenenfalls umgeschrieben. Lektüre und Re-Lektüre werden so miteinander konfrontiert.
Wissensgeschichtliche Studien
Als begehbares, immersives Modell des Kosmos gewährte das Projektionsplanetarium zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals die Erfahrung einer vollkommen technisch durchdrungenen Natur.
In den Jahren 1919 bis 1925 wurde in den Jenaer Zeiss-Werken ein kuppelförmiges Gebäude erfunden, das für seine Besucher den natürlichen Eindruck von Fixsternen und Planeten aus einer Projektion von Lichtpunkten und einer komplexen Überlagerung von Drehbewegungen hervorgehen ließ: das Projektionsplanetarium. Damit trat der entgötterte und in seinen Erscheinungen allein den Gesetzen von Newtons Mechanik folgende Sternenhimmel, an dem die Transzendentalphilosophie Kants die Autonomie des Erkenntnissubjekts exemplifiziert hatte, ins Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit ein. Als Simulation des raum-zeitlichen Umweltbezugs des Menschen wurde das Projektionsplanetarium zu einem Ort, an dem mitten im städtischen Alltag Natur als Produkt medialer Prozesse hervortrat und zugleich ästhetisch der Übergang in neue technische Umwelten eingeübt werden konnte.
Konzepte und Kodierungen im 18. und 19. Jahrhundert
Geld dynamisiert Affekte und Affekte dynamisieren Geld. Es ist sicher nicht zu bestreiten, dass ökonomische Entwicklungen insofern auch Einfluss auf die Entstehung von Affekten haben.
Eine Zusammenführung von Affekt und Ökonomie zum Begriff der Affektökonomie suggeriert jedoch darüber hinaus eine Übertragung ökonomischer Kategorien auf den Bereich des Affektiven. Nicht nur die Frage, welche ökonomischen Theorien für die Beschreibung und Analyse affektiver Zusammenhänge zur Verfügung stehen, sondern auch, welcher Mehrwert dadurch für das Verständnis der Affekte selbst zu gewinnen ist, rückt damit in den Vordergrund. Das vorliegende Buch geht diesen Fragen anhand literarischer Beispiele aus dem 18. und 19. Jahrhundert nach. Mit der sprunghaften Entwicklung ökonomischer Theorien zeigen sich in England, Frankreich und Spanien affektive Resonanzen, die modell- und ausschnitthaft in den Blick genommen werden.
Strategien literarischer Erkenntnis bei Rainald Goetz
Author: Glenna Sinning
Goetz’ wildes Denken zwischen Friedrich Nietzsche und Niklas Luhmann setzt sich mit der Kommunikation der Gesellschaft auseinander – bruchstückhaft, radikal subjektiv, fast schon universalpoetisch.
Seine erkenntnispoetische Literatur versteht sich als Kunst, die das Aufbrechen des Verstehens in einer unübersichtlichen Welt des Geredes begreiflich macht, indem sie das Unbestimmte, das Vieldeutige und das Widersprüchliche einschließt. Die literarische Anverwandlung philosophischer Ansätze u.a. von Nietzsche, Luhmann, Adorno und Derrida bildet das Fundament des ekstatischen Denkens bei Rainald Goetz. Grundlegend für die literarische Erkenntnis ist das dialektisch angelegte Wechselspiel zwischen dionysischer Leidenschaft und apollinischer Analyse. Durch das Offenhalten des Sinns versteht sich der Text als dialogischer Beitrag zur gesellschaftlichen Reflexion im Sinne der Aufklärung.
Ein lateinisches Schulliederbuch des 16. Jahrhunderts
Die Hebdomas (1580) ist den Tagen der Schöpfung gewidmet und durchgehend in lyrischen Versmaßen als lateinische Oden gedichtet. Verfasst wurde sie von Ludwig Helmbold (1532–1598), einem protestantischen Liederdichter, und vertont vom Mühlhausener Komponisten Joachim a Burck (1546–1610). Gedacht sind die Lieder für den regelmäßigen Gebrauch an der Lateinschule: Zu jedem Tag der Woche gibt es, den acht Horen des Stundengebets folgend, je acht Oden.
Nikolaus Thurn unternimmt den Versuch, sowohl der Musikwissenschaft wie der Latinistik das jeweils fremde Feld näher zu bringen. Die erste kritische Edition der Hebdomas leistet einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung des (lutheranischen) Kirchen- und Schulliedes auf Latein, besonders aber der Rekonstruktion einer Schulkultur des 16. Jahrhunderts, wie sie in den orthodox-lutheranischen Gebieten üblich war.
Zur Kulturgeschichte eines Gründungsmythos
Im zwanzigsten Jahrhundert wurde kaum ein kulturwissenschaftliches Thema weitreichender untersucht als die Gabe. Dieser Band versucht in interdisziplinärer Perspektive, sich dem Gegenteil der Gabe zuzuwenden: dem Diebstahl.
Zu allen Zeiten waren Diebe nicht nur eine Bedrohung für das Eigentum von Menschen, Staaten und Göttern, sondern sie tauchen auch immer wieder als Kulturgründer und als schelmische Rebellen auf. Um den Diebstahl zu verstehen, müssen unterschiedliche Disziplinen gehört werden. Die Beiträge aus diesem Band sind daher sowohl international wie auch interdisziplinär vielfältig angelegt.
Die Stelle der Übertragung
Author: Thomas Keller
Die Studie macht die materiale Kultur bei deutsch-französischer Wissensübertragung sichtbar. Sächliche und lebendige Medien bilden das transkulturelle Dritte.
In einem Gang durch mehr als zwei Jahrhunderte lässt Keller die materiale Dimension der Übertragung sichtbar werden, mittels derer sich Verbindungen und Konflikte von Deutschen und Franzosen stellvertretend verkörpern. Zahlreiche Beispiele – Reliquien-Translation, transkulturelles Grabmal, Bilder von Einwanderern, Verschiebungen von Gebrauchs- und Kunstgegenständen in Form von Kunstraub und exterritorialen Ausstellungen, leibliche Begegnungen, Mensch-Tier-Skulpturen und Abweichungen wie der Akzent, transgressive Textverfahren – demonstrieren dies. Die Aufladung mit sowohl kontaktstiftenden wie störenden Dritten zwischen Deutschen und Franzosen in Zeiten von Krieg und Besatzung macht heutzutage einer wachsenden Indifferenz Platz.
Religion als Formproblem von Literatur
Author: Mario Grizelj
Die Frage nach der Dialektik der Säkularisierung und nach den Formen des Fortlebens des Religiösen in der Moderne ist im Zuge des aktuellen ›religious turn‹ virulenter denn je. Mario Grizelj zeichnet die Genese dieses Fortlebens in einer Studie zum 19. Jahrhundert nach.
Spezifische Formen von Religiosität (Wunder, Stigmata, Reliquien, die Eucharistiefeier und die mystische Rede) sind Prägeformen dessen, was wir ab dem 18. Jhd. als moderne Literatur verstehen. In der Aneignung medialer, semiotischer, ästhetisch-technischer und rhetorischer Verfahren, wie sie Religion ausgebildet hat, konstituiert sich Literatur als moderne Literatur. Dabei zeigt sich, dass die Darstellung des Unbestimmten, Uneindeutigen und Überdeterminierten das Kernproblem von sowohl Literatur als auch Religion ist und dass damit beide auf der Formebene ko-existieren.
Zur Transformation des Hirtengedichts im 18. Jahrhundert
Dem 18. Jahrhundert wurde das Hirtengedicht zum Ärgernis. Scharfsinnige Schäfer widersprachen der poetologischen Forderung nach Wahrscheinlichkeit. Doch wie mit dem Erbe der Anciens umgehen?
Die Studie untersucht, wie die Poetiken von u.a. J. C. Gottsched, C. Batteux und S. Geßner auf die Herausforderung reagierten, die die Artifizialität der Hirtendichtung für eine Poetologie im Zeichen der Naturnachahmung dar-stellte. Entgegen der verbreiteten literaturwissenschaftlichen Position, die die Idylle von der Bukolik abtrennt, arbeitet das Werk die Gattungskontinuität – die metapoetische und allegorische Dimension der Idyllik – heraus. Die unscheinbare Idylle wird somit sichtbar als zentraler Reflexionsort der aufklärerischen und empfindsamen Diskurse. An ihr wird verhandelt, was Dichtung und Natur dem 18. Jahrhundert (zu) bedeuten (ha-ben).