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Über Poetiken kreditökonomischen Wissens in der Prosa von Freytag und Keller
Author: Sven Fabré
Dichten mit der Feder des Bankiers. Sven Fabré dokumentiert ungeahnte Verstrickungen zwischen Literatur und Kreditökonomie. Nach Jahren finanzieller Kalamitäten könnte man leicht vergessen, dass die Kreditökonomie um die Mitte des 19. Jahrhunderts in hohem Ansehen stand. Denn wer in jener rapiden aufbrechenden Welt die Chancen sehen wollte, brauchte keinen betrübten, sondern einen zuversichtlichen Blick, der die Keime einer schöneren gemeinsamen Zukunft erkennt – und die der Mitmenschen gewährt. Gerade dieses geschäftlich geschulte Hinschauen, hat in der Literatur des deutschsprachigen Realismus Karriere gemacht. Auch dieser beabsichtigte eine Wirklichkeitserfassung, die nicht im Zeichen der Skepsis stand, sondern in der undurchschaubaren und bedrohlichen Realität den noch kommenden Ertrag vorauszuahnen vermochte.
Studien zur Skriptural-Aisthetik brieflicher Kommunikation im 19. Jahrhundert (Bettine und Achim von Arnim; Theodor Fontane)
Author: Thorsten Gabler
Briefe sind keine Texte; Briefe sind schriftbildliche Artefakte eigenen Rechts. Anhand zweier Briefwechsel, die auf instruktive Weise die Medialität des Briefes im brieflichen Medium thematisieren – anhand des Liebesbriefwechsels zwischen Achim von Arnim und Bettine Brentano (1799–1831) sowie des umfangreichen Briefœuvres Theodor Fontanes (1846–1898) –, führt die Studie in minutiösen analytischen Lektüredurchgängen vor, dass für die Botschaft eines Briefes dessen skripturale Beschaffenheit, also die eigentümlichen konstellativen Lineamente und pikturalen Applikationen auf den Papieren, nicht minder von Belang ist als das sprachliche Mitgeteilte.
Gegenüber dem einsamen Schreiben als vermeintlichem Normalfall moderner Textproduktion erarbeitet der vorliegende Sammelband erstmals eine umfassende Systematisierung und Theoretisierung kollektiven Schreibens.
Der Sammelband widmet sich in theoretischen Situierungen und historischen Fallstudien dem Schreiben von Kollektiven im doppelten Sinne. Die Beiträge beleuchten die Praktiken, Inszenierungen und Hierarchien unterschiedlicher Akteur:innen, die in gemeinsamen, nachträglichen oder konfligierenden Schreibzusammenhängen interagieren. Die Frage ist dabei, wie kollektive Textproduktion vor sich geht, wie einzelne Versatzstücke oder ganze Werke zwischen unterschiedlichen Akteur:innen zirkulieren und wer durch diese textuelle Bewegung wie verändert wird. Berücksichtigt wird auch das symbolische Potenzial, durch das Kollektivität zum textpolitischen Moment wird: Wer tritt aus dem schreibenden Kollektiv an die Öffentlichkeit? Wer wird Autor:in? Wer wird vergessen?
Open Access
Das US-amerikanische Fotobuch im Diskurs des 20. Jahrhunderts bei Susan Sontag und Henri Cartier-Bresson
Das Buch widmet sich der unauflösbaren, mythischen Verknüpfung der Vereinigten Staaten von Amerika und der Fotografie, die ihr medienspezifisches Musterbeispiel im »Fotobuch« gefunden hat. Als Ausgangspunkt dient der 1991 erschienene Bildband L’Amérique furtivement des französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson. Anhand dessen Publikations- und Ausstellungsgeschichte wird nachgezeichnet, wie Cartier-Bressons Amerika-Bilder Ende des 20. Jahrhunderts zwar eine Revitalisierung erfahren, eine breitere Rezeption jedoch ausbleibt. Die marginalisierte Auseinandersetzung mit Cartier-Bressons Amerika-Bild ist ein Spiegel des ambivalenten Verhältnisses zwischen dem französischen Fotografen und den Vereinigten Staaten: zwar wird er hier früh in Ausstellungen präsentiert, seine Fotografien von Amerika werden jedoch nie Teil des Kanons einer »amerikanischen Fotografie«.
Vor diesem Hintergrund zeichnet der Autor die Rahmenbedingungen dieser »Verkennung« nach, die sich zum einen im Mythos des »decisive moments« verorten lässt, der als fotografisches Konzept Cartier-Bressons Œuvre überstrahlt. Zum anderen wird der insbesondere US-amerikanische Diskurs der »American Photography« sichtbargemacht, dessen Inanspruchnahme der Fotografie als ein nationales, amerikanisches Medium »Regeln« und Narrative entwirft, in die sich Cartier-Bressons Reportage-Fotografie nicht einpassen lässt.
Die Arbeit mündet in einer Auseinandersetzung mit Susan Sontags Essay-Sammlung On Photography (1977), deren Texte als paradigmatische Stimme dieses Diskurses den Mythos einer amerikanischen Fotografie einerseits aufgreifen und bestätigen, sowie andererseits eine intellektuelle Rede zur Schau stellen, deren populär gewordene Lesart »gegen« Fotografie eine exklusive Kritik am Fotobuch/Bildband ist, die in diesem Buch erstmals herausgearbeitet wird.
Schreibweisen der obscuritas als problematisiertes Weltverhältnis bei Johann Fischart, Johann Georg Hamann, Franz Kafka und Paul Celan
Author: Yvonne Al-Taie
Poetik der Unverständlichkeit liest literarische Schreibweisen der Unverständlichkeit als Ausdruck eines prekär gewordenen Weltverhältnisses.
In vier exemplarischen Lektüren wird die Konstellation zwischen Text- und Weltverstehen bei Autoren aus dem 16. bis zum 20. Jahrhundert ausgelotet, wobei sich für jeden Autor eine sprachliche Grundfigur unverständlichen Schreibens bestimmen lässt: Die ruminatio (Fischart), der Vergleich (Hamann), die Frage (Kafka) und die Ellipse (Celan). Ausgehend von den Schreibweisen und ihren Darstellungslogiken werden die tragenden Themen und Problemhorizonte sowie die poetologischen Reflexionen über Unverständlichkeit im jeweiligen Werk untersucht.
Untersuchungen zu Skizzen Beethovens aus dem Frühjahr 1823
Author: Susanne Cox
Das Engelmann-Skizzenbuch ermöglicht einen Einblick in die Entstehung von zwei der bekanntesten Werke Ludwig van Beethovens: Es dokumentiert Beethovens letzte Arbeiten an den Diabelli-Variationen und enthält frühe Skizzen zur Neunten Symphonie. Das Skizzenbuch wird hier erstmals vollständig in Transkription vorgelegt. Die enthaltenen Skizzen werden bestimmten Werken und Werkabschnitten zugeordnet und analysiert. Zudem konnten durch die Untersuchung der Schreibprozesse neue Erkenntnisse über Beethovens Arbeitsorganisation und seine Schreibstrategien gewonnen werden. Dies wird durch neue Forschungen zur Provenienz des Skizzenbuchs ergänzt: Wie zuvor nicht bekannt, beschäftigte sich bereits Johannes Brahms mit diesem Skizzenbuch.
Paradigmen der Störung in Dramentexten und Bühnenkonzepten nach 2000
In exemplarischen Studien aus literatur-, theater- und medienwissenschaftlicher Perspektive beleuchtet der Band das wechselseitige Verhältnis von Theater und Krise und rekurriert dabei auf die Tatsache, dass das Drama seit jeher eine Antwort auf kulturelle und gesellschaftliche Krisen darstellt – weist es doch mit der Peripetie ein ästhetisches Modell der Krise auf, in dem das Moment der Entscheidung zwischen Heilung und Katastrophe fokussiert, gespiegelt und verfremdet wird. Zugleich fungiert Bühnenkunst selbst als Motor gesellschaftlicher Emergenz, ist sie doch in der Lage, bestehende Ordnungen in Frage zu stellen, vermeintliche Sicherheiten zu erschüttern und Normalitäten zu stören, um sie auf diese Weise überhaupt ins Bewusstsein zu rufen.
Wie stehen der Wunsch nach Abenteuern und die Lust des Lesens in Beziehung? Wer aufbricht, um Abenteuer zu suchen, wird von – teils unbewussten – Wunschenergien geleitet.
In ähnlicher Weise folgen Leser*innen den arrangierten Wechselfällen des Zufalls gespannt, selbst dann wenn ein gutes Ende bereits absehbar ist. Werden Abenteuerheld*innen auf die Probe gestellt und von ihnen ersehnte Erfahrungen aufgeschoben, erweisen sich psychologische Konzepte wie Angstlust und Vorlust als aufschlussreich. Antriebsmomente der Erzählung und begehrliche Lektüre sind dabei eng verknüpft. Der Sammelband widmet sich dieser Konstellation von Erleben, Erzählen und Lesen in historischer Perspektive: Vom Zusammenspiel von Reise und Eros im antiken Roman über das phantasmatische Begehren Don Quijotes bis zu innovativen Spannungsmodellen der Moderne.
Epistemische Reflexion und poetische Kreativität bei Pedro Mexía und Pedro de Mercado
Author: Frank Nagel
In der spanischen Renaissance gehört der Dialog zu den erfolgreichsten und dynamischsten Medien der historischen Wissensverhandlung. Anders als im Traktat werden epistemische Aussagen hier in eine literarische Form überführt und mit ästhetischen Prozessen kontaminiert, die das Wissen der klassischen Autoritäten in ein neues Licht rücken. Gerade die poetische Inszenierung erlaubt es den spanischen Humanisten, alternative Sichtweisen des kulturellen Archivs auszuloten, auch hermeneutische Beirrung und skeptischen Zweifel einzuflechten. Die Studie zeigt mit Lektüren von Pedro Mexías Diálogos o Coloquios (1547) und Pedro de Mercados Diálogos de filosofía natural y moral (1558), inwiefern die fiktiven Gespräche als Reflexionsmedium von Wissenschaft fungieren und die Kadenz des Aristotelismus in den Bereichen der Argumentationstheorie und der Naturphilosophie vorbereiten.
Der Band untersucht erstmals die gesamteuropäische Rezeption des für die mittelalterliche Literatur einschlägigen Autors Alanus ab Insulis.
Die Beiträge aus unterschiedlichen Disziplinen (u.a. Latinistik, Germanistik, Romanistik, Anglistik, Philosophiegeschichte) untersuchen die intellektuellen Auseinandersetzungen mit Alanus im gelehrten Milieu, das Verhältnis von Alanus’ allegorisch-literarischen Werken und mittelalterlichen ‚Klassikern‘ wie Jean de Meun, Dante und Chaucer sowie die Ausstrahlung von Alanus’ Werken in den deutschsprachigen Raum (Frauenlob; Heinrich von Mügeln).