Literarische Gerechtigkeitsentwürfe im gesellschaftlichen Umbruch (1773-1819)
Um 1800 experimentieren literarische Texte verstärkt mit Szenarien, in denen Recht, Moral und Gerechtigkeit konvergieren, und bilden dabei eine innovative Anerkennungstheorie heraus.
Im Rekurs auf Spieltheorie, Evolutionspsychologie und Kognitionswissenschaften untersucht Claudia Nitschkes Studie diese literarischen Überlegungen zur Anerkennung im Kontext des Gesellschaftsvertrags, der seinerseits einen Versuch darstellt, politische Ordnung und Gerechtigkeit säkular zu entwerfen und rational zu legitimieren. Ein entsprechender Blick auf spezifische kanonische Texte, Autoren und Genres der Sattelzeit zeigt, wie sich auch die Literatur kritisch und bis heute instruktiv mit speziellen, vertragstheoretischen Prämissen auseinandersetzt und neue Antworten für alte Fragen findet.
Hunde in der Literatur der Goethezeit und Moderne
Jonathan Kassner widmet sich dem Thema der Hundefiguren in der Literatur aus ästhetischer und ideengeschichtlicher Sicht.
Er nimmt seinen Ausgang von der klassischen Ästhetik, die die Auseinandersetzung mit Tieren und der menschlichen Tierlichkeit führt, um stets den autonomen Geist über die Natur triumphieren zu lassen. Dagegen artikuliert sich parallel in der Literatur durch Tierfiguren, und insbesondere durch Hunde, ein Gegendiskurs zum vorherrschenden Idealismus der Zeit. Der Autor liest Hunde als poetologische Reflexionsfiguren, mit denen Autoren wie Goethe und Jean Paul und in der Moderne Kafka und Thomas Mann sowohl ästhetische als auch ontologische Fragen verhandeln. Er rekonstruiert in textnahen Lektüren den Übergang von der humanistischen Ästhetik der Klassiker zu einer Ästhetik der Kreatur, deren Spur er vom Faust bis zum Doktor Faustus verfolgt.
Konzepte und Debatten in der frühen Bundesrepublik
Lange Zeit hat die Idee eines musikalischen Fortschritts gleichermaßen fasziniert und polarisiert. Als zentraler Bestandteil der Diskurse um die Neue Musik verlangt sie nach einer differenzierten historischen Betrachtung.
Anhand von reichhaltigem Textmaterial analysiert Julia Freund die zentralen Konzepte und Argumentationslinien und entwirft ein vielfältiges Panorama der Debatten der 1950er Jahre. Ausgangspunkt ist ein close reading der Schriften und Vorlesungen Theodor W. Adornos, dessen Fortschrittsbegriff im Rahmen seines philosophischen Projekts der Aufklärungskritik greifbar wird. In einem zweiten und dritten Schritt nimmt die Autorin die Denkfiguren und Narrative der seriellen Komponisten (darunter K. Stockhausen und P. Boulez) sowie die Gegenentwürfe ihrer Kritiker (wie P. Hindemith oder Fr. Blume) in den Blick.
HerausgeberInnen: Martina Dobbe und Ursula Ströbele
Statue, Körperbild, plastische Konfiguration, Raummodulation, Spezifisches Objekt, performative Installation, skulpturale Situation – die Geschichte der Skulptur hat ihren Gegenstand in vielen Begriffen konzeptualisiert. Nachdem die Selbstverständlichkeit der Skulptur in der Moderne immer wieder in Frage gestellt worden war, wurde angesichts der „Entgrenzung der Künste“ auch der Versuch einer medienspezifischen Befragung für obsolet erklärt.
Ein besonderer Aspekt der Gegenständlichkeit von Skulptur war und ist ihre physische Konkretheit. Als plastische Artefakte weisen Skulpturen über sich hinaus und insistieren zugleich auf einer Körperlichkeit, die unhintergehbar ist. Dieses Skandalon der Skulptur zwischen Faktizität und Aktualität diskutiert der Band in theoretischer Perspektive und an konkreten Beispielen, wobei die Prämissen einer „Skulptur im erweiterten Feld“ leitend sind.
Bilder europäischer Reisender im Osmanischen Reich um 1700
Die Sicht Reisender aus Nordwesteuropa auf den östlichen Mittelmeerraum war um 1700 durch die Bibel und antike Quellen, die Kreuzzüge und die osmanische Herrschaft geprägt. Wie fanden diese historischen Schichten Eingang in das Bild der Region, das ihre Zeichnungen und illustrierten Berichte hervorbrachten?
Reisende der Neuzeit fertigten Ansichten historischer Orte und Bauwerke im Osmanischen Reich für ein Publikum in Europa an. Diese Bilder wurden bislang meist als Quellen für die archäologische Forschung genutzt oder als Beleg für einen orientalistischen Blick gewertet. Die Studie beleuchtet sie erstmals in ihrem kulturhistorischen Kontext. Sie waren Teil eines breiten Austauschs über die Antike, für den auch der Kontakt mit lokalen Akteuren eine Rolle spielte. In drei Abschnitten zeigt das Buch auf, wie man das Reisen in die Länder der Bibel und der Antike verstand, wie man historisch bedeutende Topographien visualisierte und wie man sich Monumente und Relikte durch Zeichnen wie durch Sammeln aneignete.
HerausgeberInnen: Christoph Wagner und Oliver Jehle
Adolf Hölzel war nicht nur ein Kunstpädagoge von ungeheurer Bedeutung, sondern auch ein Pionier in der theoretischen Bestimmung der ungegenständlichen Kunst: »Absolute Malerei« ist der Begriff, den Adolf Hölzel prägte.
In zahlreichen Aufsätzen und auf 4000 überlieferten Schriftblättern aus dem sogenannten »kunsttheoretischen Nachlass« entwickelt Adolf Hölzel seine Theorie, die allein an den Mitteln orientiert ist, die ein Bild konstituieren – unabhängig davon, ob etwas Gegenständliches dargestellt wird oder nicht. Denn jedes Bild ist, so Adolf Hölzel, allein ein abstraktes Gebilde von Linien, Formen und Farben. Seine kunsttheoretischen Schriften sind nun in chronologischer Reihenfolge zugänglich, inklusive seiner zentralen Aufsätze und Schriften, bisher unpublizierter Manuskripte und ausgewählter Briefe des vielleicht wichtigsten Kunstpädagogen des 20. Jahrhunderts
Der Autor legt die wachsende Bedeutung der Architektur im politischen Denken des Mittelalters dar. Er demonstriert, wie Architektur zu einer Grundlage politischen Denkens wurde und wie Architektur dieses Denken beeinflusste.
Das Buch analysiert die grundlegenden Verbindungen von Politik und Architektur. In zwei Teilen wird die Rolle der Architektur im politischen Denken des Mittelalters anhand zahlreicher Schrift- und Bildquellen untersucht. Im ersten Teil wird der weite Weg der Architektur hin zu ihrer Anerkennung in der mittelalterlichen Wissenschaftssystematik überblickt. Im zweiten Teil werden repräsentative Orte mittelalterlichen Denkens herausgearbeitet. Das Buch demonstriert damit den Bedeutungszuwachs der Architektur innerhalb des mittelalterlichen politischen Denkens, legt die Ursprünge der Verbindung von Politik und Architektur offen und zeichnet die Aufwertung der Architektur zu einem Fundament der Politik nach.
Denkwege – Eine theologische Philosophie
Dieser erste Band eines dreibändigen, konzeptionellen Gesamtentwurfs zur Theologie liefert auf Basis des Wahrwertnehmens des christlichen Glaubens mittels einer narrativen Ontologie eine „theologische Philosophie“.
Theologie ist ein Ex-plizieren, Im-plizieren und Kom-plizieren christlichen Wahrwertnehmens im Weg des Evangeliums, das organisch, aber unabschließbar offen erfolgt und jede Systembildung zum Post-Systematischen hin überschreiten muss. Nach einer phänomenal begründeten, narrativ-ontologischen Neudefinition von Grundbegriffen wie Relation, Weglinie, Ereignis, Zeit, Raum, Zeichen, Metapher, Begriff, Name, Modell, Theorie, Kohärenz, Kausalität, Kontingenz, Subjekt, und Wahrheit befasst sich der Hauptteil mit Gottes dreifaltiger Selbstpräsentation im Wahrwertnehmen des Evangeliums. Abschließend werden die Konsequenzen für das Verständnis von Glaube und Religion, Historizität und Heiliger Schrift, den Vernunftbegriff sowie Interdisziplinarität und die Wissenschaftlichkeit der Theologie gezogen.
Kulturtransfer im europäischen Raum
HerausgeberInnen: Elena Korowin und Jurij Lileev
Welche Spuren haben die russischen Revolutionen von 1917 in Deutschland und dem übrigen Europa hinterlassen? In diesem Band begeben sich WissenschaftlerInnen verschiedener Disziplinen auf die Suche.
Im Mittelpunkt stehen Fragen nach Transferprozessen, Vermittelnden, Netzwerken, Aufnahmekontexten, Adaptionen bis hin zu (kollektiven) Identitätsbildungsprozessen. Wie werden revolutionäre politische Ideen oder ästhetische Konzepte und Kunstauffassungen nach Westeuropa vermittelt, durch welche Medien oder Akteure? Wie und in welchen Kreisen werden diese Ideen und Diskurse europaweit aufgenommen? Darüber hinaus wird gefragt, inwiefern sich diese Transferprozesse auf Konstruktionen nationaler bzw. kultureller Identitäten oder Identitätszuschreibungen auswirkten. Wie transformierten sich beispielsweise Zuschreibungen an „Russland“ und „Russen“ im Zuge der Revolutionsereignisse aus deutscher Perspektive?
Flüchtige Gegenwart und Phantasmagorie
Kein anderer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts ist Paris so eng verbunden wie Charles Baudelaire. Die Hauptstadt bietet Museen, Kunstausstellungen und Galerien, aus denen sich sein Vergnügen an Bildern und seine Kunstkritik entfalten. Die historische Flüchtigkeit, die »erschreckende Geschwindigkeit« im Wandel des alten Paris, die schon Balzac beklagt, beschleunigt sich unter Napoleon III. Architektonische Neugestaltung, Umbau des Louvre sowie die ersten Weltausstellungen von 1855 und 1867 verwandeln Paris in eine imperiale, mondäne Hauptstadt.
Manets Gemälde Die Musik im Garten der Tuilerien (1862) zeigt Baudelaire als städtischen Typus im schwarzen Anzug und mit Zylinder, nicht als Bohemien. Die urbane Lebenswelt in ihrer kulturellen Vielfalt ermöglicht »das Gespräch, dieses große, dieses einzige Vergnügen eines geistigen Wesens«. Der Dichter, wie ihn Manet malt, hat Anteil an der Öffentlichkeit und ist ihr doch zugleich fremd. Baudelaires Gedichte, die Tableaux parisiens, vergegenwärtigen bedrohliche Szenen des Bewusstseins, die die Ordnung städtischer Topographie überlagern. Der städtische Raum verwandelt sich im Blick des Betrachters in das Unheimliche und Monströse der Phantasmagorie.