Schöpferische Konsequenz und geschichtliche Erfahrung im Blick auf Hölderlin
AutorIn: Volker Rühle
Das spannungsreiche Zusammenwirken der poetischen, biographisch-geschichtlichen und philosophischen Erfahrungsschichten in Hölderlins Entwicklung ist Thema dieses Buches. Leitend ist dabei das Problem der Erfahrung von Zeit, wie sie sich im Bewusstsein geschichtlicher Veränderungen ausbildet, sowie die Verarbeitung dieser Erfahrung im schöpferischen Prozess. Die intensive Verbindung dieser Momente kreativer Erfahrung ist bisher noch nicht untersucht worden. Sie bringt eine Dimension unverfügbarer, unbedingter Zeitlichkeit in den Blick, die sich in der poetischen Formgebung nicht unmittelbar ausspricht, sondern sie unablässig in Frage stellt und unkalkulierbar verändert.
Menschenrechtsethos und deutschsprachiger Gegenwartsroman
Die deutschsprachige Gegenwartsliteratur ist welthaltiger, innovativer und kosmopolitischer als die Kritik des wahrhaben will. Innerhalb der postkolonialen und globalen Tendenzen der internationalen Literatur überraschen die Romane aus den deutschsprachigen Ländern durch ihr seismographisches Erfassen von Krisen aus unterschiedlichen Kontinenten, die im Zeitalter der Globalisierung auch die heimische Kultur betreffen. Zum Beispiel die Bürgerkriege der letzten Jahrzehnte mit ihren Menschenrechtsverletzungen und zivilisatorischen Verwüstungen: Es sind die Romanschriftsteller, die durch das Erzählen individueller Schicksale differenzierte Einblicke in die persönlichen und gesellschaftlichen Katastrophen jener Konflikte vermitteln, und die gleichzeitig eine Ästhetik entwickeln, die die Schwierigkeit des Sprechens vom Krieg reflektiert. Es zeichnet sich dabei eine Poetik der Globalisierung ab, bei der historisches Wissen, politische Kritik und ästhetische Innovation durch ein Menschenrechtsethos miteinander verklammert werden. In der Einleitung des Buches wie im Ausblick am Schluss wird dieser Konnex thematisiert, wobei Theorien von Menschenrecht und Menschenwürde sowie Bürgerkrieg und Gewalt diskutiert bzw. mit aktuellen ethisch-ästhetischen Positionen in einen Zusammenhang gebracht werden. Im Zentrum des Buches steht die Detailanalyse von zwölf Romanen, die von zeitgenössischen Bürgerkriegen in Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa handeln. Die Romanautoren sind: Norbert Gstrein, Lukas Bärfuss, Hans Christoph Buch, Jeannette Lander, Dieter Kühn, Nicolas Born, Christian Kracht, Michael Roes, Gert Hofmann, Friedrich Christian Delius, Uwe Timm und Erich Hackl.
Zur Sprachlichkeit des Menschen
HerausgeberInnen: Ute Tintemann und Markus Messling
'Der Mensch ist nur Mensch durch Sprache' – Ausgehend von diesem Satz Wilhelm von Humboldts wird noch einmal die Frage nach der sprachlichen Verfasstheit des Menschen aufgeworfen. Für Wilhelm von Humboldt war die Sprachlichkeit des Menschen die zentrale anthropologische Konstante: Der Mensch produziert sein Denken in der Dimension des Anderen mittels der Sprache, die Vielfalt der menschlichen Denkmöglichkeiten zeigt sich in der Vielfalt der Sprachen, und dies konstituiert den Menschen als Menschen. Ist diese Annahme noch aktuell? Oder muss sie vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen unserer Kultur, die die Relevanz des Sprachlichen infrage stellen, revidiert werden? In Humboldts Satz steckt heute ein erhebliches Diskussionspotential. Die Beiträge diskutieren die Sprachlichkeit des Menschen aus unterschiedlichen philosophischen, kulturtheoretischen und sprachwissenschaftlichen Perspektiven. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie es sich mit Humboldts sprachzentriertem Menschenbild in unserer Kultur verhält.
Geschichten von Nation und Familie um 1840
Die Schaffung von Einheit ist die wichtigste Aufgabe von Natio-nenbildungen. Dazu gehört die Konstruktion einer gemeinsamen Geschichte, gehören Herkunftsszenarien und Gründungsväter. Die abstrakte nationale Einheit wird auf diese Weise als familiäre darstellbar. Irritieren muss, dass zur Zeit nationaler Einheitsbestrebungen im deutschsprachigen Raum des 19. Jahrhun-derts in der Literatur eine gegenstrebige Bewegung zu beobachten ist: Zugehörigkeiten verwirren sich, in Familiengeschichten herrscht Unklarheit über die richtige Herkunft. Esther Kilchmann geht diesem Widerspruch nach und konfrontiert Texte von Heine, von Droste-Hülshoff und Gotthelf mit den Narrativen der sich eben etablierenden national-historischen Wissenschaften, v.a. der Germanistik.
Ein Beitrag zur deutsch-jüdischen Moderne
Das Buch stellt die erste Studie zum Begriff des Sarkasmus dar. Es geht davon aus, dass ein genuin literarischer Sarkasmus in der deutschsprachigen Literatur erst mit der Einwanderung ostjüdischer Autoren im neunzehnten Jahrhundert entstand. Zwar kannte die Epoche der Aufklärung den Witz und die Romantik die Ironie. Aber erst mit Autoren wie Ludwig Börne oder Heinrich Heine, Daniel Spitzer oder Alfred Kerr, Maximilian Harden oder Karl Kraus, Walter Mehring oder Kurt Tucholsky, Carl Einstein oder Alfred Döblin, Elias Canetti oder Albert Drach entwickelt sich ein literarischer Sarkasmus.
HerausgeberInnen: Thomas Fries, Peter Hughes und Tan Wälchli
Im Zuge großer Editionsprojekte (Keller, Nietzsche, Wittgenstein und andere) ist in letzter Zeit ein neues Interesse für den Schreibprozess entstanden. Dabei geht es heute nicht mehr nur um Probleme der Editionskritik, sondern auch um Fragen der Textgenese und der Texttheorie. Notizen, Vorstufen, verschiedene Druckversionen etc. können Aufschluss über Arbeitsweisen und Denkwege geben, so dass Philologie und Interpretation miteinander verbunden werden. Der Band versammelt Beiträge zu Dichtern und Philosophen von der Renaissance bis ins 20. Jahrhundert.
Wahrnehmung und Selbstbegründung von Brockes bis Nietzsche
AutorIn: Barbara Thums
Die Aufmerksamkeit durchquert das anthropologische, religiöse, medizinische, pädagogische, philosophische, ästhetische und literarische Wissen der Zeit und ist in all ihren Bezugsfeldern wesentlich auf das diätetische Theorem des Maßhaltens bzw. auf dessen Zurückweisung bezogen. Im Austausch mit den kulturell prägenden und nicht selten konkurrierenden Wissensformen produzieren die Texte der deutschen Literatur des 18. und 19. Jhs. (Brockes, Thomasius, A. Bernd, G.F. Meyer, Moritz, Goethe, Novalis, Nietzsche) nicht nur genuin literarische Konzepte von Aufmerksamkeit und Diätetik, sondern lassen sich auch – im Hinblick auf Erzählstrukturen und Darstellungskonzepte – von diesen Kategorien her bestimmen. Ausgehend davon lässt sich nachweisen, dass die Theoretisierungen der Aufmerksamkeit um 1900 und um 2000, die auf den Bedarf an immer mehr Information mit einem Bedarf nach Selektion der ständig anwachsenden Information antwortet, ihre Wurzeln im 18. Jahrhundert hat.
Bilder des Orients in der deutschen Literatur und Kultur von 1770 bis 1850
Die zahlreichen und facettenreichen Bilder des Morgenlandes im 18. und 19. Jahrhundert sind Gegenstand dieses Bandes, der in internationaler und interdisziplinärer Perspektive deutsche Sichtweisen des Orients rekonstruiert. Angesichts der gegenwärtigen Auseinandersetzung um kulturelle, religiöse und ökonomische Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der westlichen Welt und dem Orient gerät leicht aus dem Blick, dass der reale und der imaginäre Orient für deutsche Literaten, Philosophen und Künstler auch vielfach ein Ort der Inspiration und der Sehnsucht war. Nicht Verachtung und Polemik haben den deutschen Orient-Diskurs geprägt, sondern Neugier und Respekt sowie Achtung vor dem Fremden, welches das Eigene in einer ungeahnten Weise bereichern konnte – und heute noch kann.
Zum Schreiben als Lebensform in der Lyrik von René Char, Paul Celan und Octavio Paz
AutorIn: Kurt Hahn
'Wir schreiben immer noch um unser Leben' – Paul Celans Diktum markiert gleichsam den Nullpunkt dieser Studie, die den Nexus zwischen Ethik und Ästhetik in den Gedichten von René Char, Octavio Paz und Paul Celan verfolgt. Das auf den späten Foucault zurückgehende Theorieangebot der Ethopoetik erlaubt es, die ethische Qualität des Lyrischen abseits moralischer Normativität zu bestimmen. Ihr Telos findet die Ethopoetik allein in der Immanenz performativer, stetig revidierter Schreibszenen, die bei Char, Celan und Paz eine existentielle Tragweite gewinnen. Am traumatischen Ende der Moderne wird gleichwohl die emphatische Zuspitzung notwendig, die das Gedicht als elementar(st)en Abdruck des Lebens begreift.
Friedrich Dürrenmatts Stoffe als Quadratur des Zirkels
AutorIn: Rudolf Probst
Textgenetische Analyse und Interpretation von Friedrich Dürrenmatts „Stoffen“ als moderner Autobiographie, die keine sein will. Die „Stoffe“ sind Friedrich Dürrenmatts Opus magnum, an welchem er von 1970 bis zu seinem Tod 1990 arbeitet. Im Nebeneinander von autobiographischer Darstellung, philosophisch-essayistischer Reflexion und unterschiedlichen Formen von erzählerischen Fiktionen entsteht ein variantenreicher Text, der als Gesamtkomposition nicht nur in Dürrenmatts Schaffen, sondern auch in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur neuartig und in der Dürrenmatt-Forschung erst ansatzweise analysiert und interpretiert worden ist. Die zwei publizierten Bände „Labyrinth“ und „Turmbau“ sind aber nur die Spitze des Eisbergs, unter der sich ein gewaltiger Fundus von Manuskripten verbirgt, die in Dürrenmatts Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv der Öffentlichkeit zugänglich sind. Den rund 600 Druckseiten der publizierten „Stoffe“ und den 170 Seiten der „Gedankenfuge“ steht ein Manuskript-Berg von über 23.000 hand- und maschinenschriftlichen Seiten gegenüber, die die wechselvolle Entwicklung von Dürrenmatts Autobiographieprojekt bis ins Kleinste dokumentieren. Probst zeichnet die Entstehung und Entwicklung von Dürrenmatts Werk mit der Methode textgenetischer Analyse und Interpretation nach und liest die „Stoffe“ als moderne Form der Autobiographie, in der der Autor bewusst mit der Gattungstradition spielt und diese in literarisch überzeugender Weise erneuert und fortführt.