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Ästhetik und Anthropologie des Gesichts in der spätviktorianischen Literatur
Author:
Gesichter sind soziale Medien. Wer wüsste besser, dass wir alle Schauspieler:innen unserer selbst sind, als Nutzer:innen von Instagram, Snapchat und Facebook? Am Gesicht lesen wir Identität ab und im Angesicht der anderen formen wir uns zu den Personen, die wir sind. Diese Interdependenz von Selbst und (Gesichts-)Bild hat mit der Erfindung der sozialen Medien an Dynamik gewonnen, aber sie ist nicht neu. Sie findet sich als zentrale Konfliktstellung in vielen literarischen Figuren des 19. Jahrhunderts, die sich auch heute noch großer Popularität erfreuen: Dr. Jekyll and Mr. Hyde, Dorian Gray, Dracula. „Im Angesicht“ untersucht die Gesichts-Schreibungen dieser Romane vor dem Hintergrund sozialer und wissenschaftlicher Umbrüche des 19. Jahrhunderts und besonders der Revisionen realistischen Schreibens. Die phantastischen Gesichtsverdoppelungen charakterisieren das Gesicht als Arena ästhetischer wie anthropologischer Neubestimmungen und als solche sind sie bis heute aktuell.
Zur sozialethischen Produktivkraft einer Emotion in der literarischen Kultur des 18. Jahrhunderts
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Christian Sieg weist die sozialethische Relevanz der Scham für die literarische Kultur der Aufklärung nach und plädiert für eine kulturtheoretische Neubewertung dieser peinigenden Emotion: Als moralische Emotion gehört Scham zum Projekt der Aufklärung selbst. Die Aufklärung will die Disposition zur Scham schützen, fürchtet jedoch das episodische Schamempfinden, weil es individuelle Selbstbestimmung gefährdet. Die Schamvermeidung fungiert daher als sozialethischer Imperativ, dessen kulturelle Produktivität sich in der Literatur des 18. Jahrhunderts zeigt. Die Studie widmet sich der Kritik der Scham in den Diskursen über Satire und über Selbstbeobachtung. Verfolgt wird, wie das traditionelle Verständnis der Satire als Schamstrafe einem humoristischen Welt- und Selbstverhältnis weicht und die Semantik der Freundschaft die Entwicklung therapeutischer Interaktion prägt. Im Mittelpunkt stehen dabei die sozialethischen Schreibprogramme von Christoph Martin Wieland und Karl Philipp Moritz.
Macht und Mythos in epischen Anfangskonstruktionen bei Ovid, Milton und Kubrick
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Das Epos eröffnet, wie vielleicht keine andere künstlerische Form, den Blick auf ein weit zurückreichendes Archiv, in dem Vorstellungen des globalen Ganzen entworfen, reflektiert und gespeichert werden.
In doppelter Weise werden deshalb die Anfänge der Globalisierung befragt: Denn zum einen schlagen die besprochenen Epen – Ovids "Metamorphosen", John Miltons "Paradise Lost" und Stanley Kubricks "2001: A Space Odyssey" – selbst als Bezugspunkte der Literatur- und Kulturgeschichte zu Buche, an denen historische Stadien und Prozesse der Globalisierung ablesbar sind. Zum anderen nimmt vorliegendes Buch die erzählten Anfänge in diesen Werken in den Blick, die in Weltanfängen und Kosmogonien das Weltganze konstruieren und auf diese Weise vorstellbar machen. Zwischen der Konstruktion der Welt und der Artikulation ungleicher Machtbeziehungen werden in epischen Werken so die Anfänge der Globalisierung auf neue Art lesbar.
Zur politischen Idee der Germanistik 1806-1848
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Viele namhafte Intellektuelle, Dichter, Juristen, Historiker, Philologen waren um 1800 von dem Gedanken besessen, dass ein deutscher Nationalstaat nur durch die Überwindung des »fremden« römischen Rechts und Wiederherstellung eines »einheimischen« Rechts erreicht werden könnte.
Noch 1846 hielt das spätere Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung Georg Beseler das Römische Recht für ein »Nationalunglück«. Damit schrieb er einen Gedanken fort, der mit Beginn der »Deutschen Bewegung« im 18. Jahrhundert vorgetragen wurde. Christian Lück untersucht den Diskurs von Justus Möser, der um 1770 Goethe und Herder wichtige Anregungen geliefert hat, über Savignys Historische Rechtsschule, die politische Romantik, Fichte, Kleist, Adam Müller, die Gebrüder Grimm bis zum Germanistentag 1846. Die Studien verstehen sich als Beitrag zur Gründungsgeschichte der Germanistik als historischer Wissenschaft des Deutschen.
Robert Walser, Christian Morgenstern und die mimetische Praxis des Schreibens
Was hat eine so eigentümliche Denkfigur wie die Rekursion mit dem literarischen Schaffen von Robert Walser zu tun? Was zeichnet eine Rekursion aus jenseits einer Struktur, die sich selbst aufruft mit einer Struktur, die sich selbst aufruft mit einer Struktur, die sich selbst aufruft...
Und wie fügt sich diese Form nicht nur in eine eigene Wissensgeschichte ein, sondern auch in das Werk sowohl von Robert Walser wie Christian Morgenstern? Die vielfältigen mimetischen Figuren, die Walsers Werk prägen, werden hier vor dem Hintergrund von Walsers Praxis des Schreibens neu perspektiviert. Anhand der Fallgeschichte der so produktiven wie konflikthaften Zusammenarbeit von Walser und seinem Lektor Christian Morgenstern möchten die hier präsentierten Studien und Materialien einen Beitrag leisten zur Kultur- und Wissensgeschichte von Rekursion, Mimesis und Revision.
Interdisziplinäre Perspektiven auf ihre Begriffe, Phänomene und Funktionen
Dieser Band erweitert das Forschungsfeld zur Ideen- und Begriffsgeschichte der Einbildungskraft um 1800 mit neuen methodischen sowie interdisziplinären Ansätzen und Detailstudien.
Die Beiträge zeigen, wie sich die Begriffe der Einbildungskraft im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum wandelten und sie das Denken des Menschen sowie öffentliche Debatten über die Ergebnisse bestehender Forschung hinaus prägten. Im Anschluss daran verdeutlichen sie, dass die mit Einbildungskraft verbundenen Phänomene fundamentaler Bestandteil ästhetischer Reflexion, Praxis und Topoi waren.
Ausgewählte Beiträge zur Literatur- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Herausgegeben von Fedor Poljakov und Natalia Bakshi
Konstantin Asadowski hat sich sein Leben lang mit den deutsch-russischen Kulturverbindungen befasst. Seine wichtigsten Beiträge zu diesem Thema finden sich in diesem Band.
„Konstantin Asadowski ist ein glorreicher Vertreter der weltberühmten russischen Intelligenzia, die zum ständigen Opfer der kommunistischen Machthaber im Laufe von 70 Jahren wurde“, so Efim Etkind 1990. Seine Inhaftierung 1980–1982 im sowjetischen GULAG führte zu einer großen Resonanz unter westlichen Intellektuellen. In Deutschland setzten sich unter anderen Heinrich Böll und Lev Kopelev für seine Freilassung ein; in den USA war es vor allem Joseph Brodsky, der 1981 in The New York Review of Books einen Artikel über Asadowski und seinen „Fall“ veröffentlichte. Später, während der Zeit der Perestroika, wurde Asadowski rehabilitiert und als „Opfer der politischen Verfolgungen“ anerkannt.
Das Konzept vom Werk als Sinngeschehen repräsentiert mit seinem Fokus auf Dynamik und Prozessualität eine in den westlichen Theoriediskussionen immer noch wenig bekannte Variante des Strukturalismus. Der tschechische Literaturwissenschaftler Milan Jankovič entwickelte sein Modell vom Kunstwerk als Quelle eines offenen, dynamischen Sinnbildungsprozesses in Auseinandersetzung mit der Ästhetik vor allem des Prager Strukturalismus. Erstmals erscheinen hier seine Studien in einem größeren Zusammenhang auf Deutsch. Der Band enthält neben der grundlegenden Monographie zum Werk als Sinngeschehen, die nach der Niederschlagung des Prager Frühlings nicht mehr erscheinen konnte, Auszüge aus neueren Arbeiten, in denen Jankovič sein Konzept auch im Lichte neuerer Theorieanstöße weiter ausarbeitete.
Über Poetiken kreditökonomischen Wissens in der Prosa von Freytag und Keller
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Dichten mit der Feder des Bankiers. Sven Fabré dokumentiert ungeahnte Verstrickungen zwischen Literatur und Kreditökonomie. Nach Jahren finanzieller Kalamitäten könnte man leicht vergessen, dass die Kreditökonomie um die Mitte des 19. Jahrhunderts in hohem Ansehen stand. Denn wer in jener rapiden aufbrechenden Welt die Chancen sehen wollte, brauchte keinen betrübten, sondern einen zuversichtlichen Blick, der die Keime einer schöneren gemeinsamen Zukunft erkennt – und die der Mitmenschen gewährt. Gerade dieses geschäftlich geschulte Hinschauen, hat in der Literatur des deutschsprachigen Realismus Karriere gemacht. Auch dieser beabsichtigte eine Wirklichkeitserfassung, die nicht im Zeichen der Skepsis stand, sondern in der undurchschaubaren und bedrohlichen Realität den noch kommenden Ertrag vorauszuahnen vermochte.
Studien zur Skriptural-Aisthetik brieflicher Kommunikation im 19. Jahrhundert (Bettine und Achim von Arnim; Theodor Fontane)
Author:
Briefe sind keine Texte; Briefe sind schriftbildliche Artefakte eigenen Rechts. Anhand zweier Briefwechsel, die auf instruktive Weise die Medialität des Briefes im brieflichen Medium thematisieren – anhand des Liebesbriefwechsels zwischen Achim von Arnim und Bettine Brentano (1799–1831) sowie des umfangreichen Briefœuvres Theodor Fontanes (1846–1898) –, führt die Studie in minutiösen analytischen Lektüredurchgängen vor, dass für die Botschaft eines Briefes dessen skripturale Beschaffenheit, also die eigentümlichen konstellativen Lineamente und pikturalen Applikationen auf den Papieren, nicht minder von Belang ist als das sprachliche Mitgeteilte.