Gerechtigkeit, Herrschaft und sakrale Ordnung in Altrussland
Stefan Plaggenborg untersucht die Bedeutung der Gerechtigkeit (pravda) im politischen Leben Altrusslands zwischen Mittelalter und Neuzeit und beschreibt einen Typus über Russland hinausgehender monarchischer Herrschaftsgeschichte. Pravda in Altrussland bedeutete Gerechtigkeit, Wahrheit, Weisheit, die Wahrheit zu erkennen, gerechtes Handeln, Recht und den sinnhaften Bestand dieser Welt. Jeder Begriff des Politischen, der politischen Kultur, politischen Philosophie und politischen Theologie in Altrussland lief auf pravda und gerechte Herrschaft hinaus. Pravda verknüpfte Religion, Heilserwartung, Herrschaft, kosmische Ordnung, menschliches Erkennen, Handeln und soziale Ordnung. Sie ordnete die sozialen Beziehungen und dachte den Menschen in Verhältnissen von Herrschaft und Fügsamkeit. Sie war ein holistischer Begriff, der nicht in Moral, Staat, Gesellschaft, Religion unterschied. Pravda rief das große Problem Russlands hervor: das Fehlen der Gesellschaft.
Ästhetische Ordnungen
Displays formieren das Betrachten und die ästhetische Erfahrung in neuer Weise: Sie bringen Bildfelder und Rahmungen in Konstellation und koordinieren verschiedene Benutzeroberflächen wie auch Interfaces. Als ästhetische Anordnungen werden sie im Raum wirksam, stellen sowohl einen taktilen Zugang zu Artefakten als auch eine Reflexions- und Vermittlungsebene her. Displays schließen an Praktiken des Ausstellens an, da sie zugleich die bilderzeugenden Apparaturen selbst zur Anschauung bringen. Dispositive konstituieren apparative Gefüge, wie diejenigen des Kinos, und auch die mit ihnen verbundenen Wahrnehmungsmodelle. Dabei geben sie seismographisch Aufschluss über sichtbare mediale Umbrüche sowie verdeckte Ordnungen von Macht und Gesellschaft. Im Wechselspiel von Projektion, Installation und Ausstellung lassen Displays und Dispositive transmediale und transkulturelle Verflechtungen sichtbar werden.
Ausgangs- und Referenzpunkt der Beiträge bilden sowohl kinematografische Installationen der Gegenwartskunst und Filmdispositive in ihrer spezifischen Ästhetik, für die das Zusammenspiel von Display und Dispositiv konstitutiv ist. In Betracht kommen ebenso die Höhle als primordiales kinematografisches Dispositiv wie Hotelarchitekturen, Projektionsräume und Displays der Versammlung, mobile Endgeräte und die Stadt als Dispositiv.
Antworten aus Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften
Mit der Rede von ›alternativen Fakten‹ treten Fragen nach legitimen Wahrheits- und Wissensansprüchen auf den Plan, deren gesellschaftliche Klärung von enormer Relevanz ist. Welche Rolle spielen die Wissenschaften und ihr Vermögen, methodisch verlässliches Wissen zur Urteilsbildung verfügbar zu machen? Wie kann Wissenschaftsfeindlichkeit abgebaut werden und wie kann das Vertrauen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft bewahrt werden, ohne populistischen Vereinfachungen und Engführungen Raum zu geben? Das sind die zentralen Fragestellungen dieses Sammelbandes, auf die renommierte deutsche Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen mit Fallstudien aus ihrer eigenen Disziplin zu antworten versuchen.
Wissen und Form der Essais
Author: Helmut Pfeiffer
Die Essais werden als eine spezifisch moderne Textform in der Dynamik von Lesen und Schreiben, der Konstruktion und Revision von Wissen und Erfahrung vor dem Hintergrund einer epochalen Erschütterung ethischer, ökonomischer, philosophischer und religiöser Gewissheiten interpretiert. Gegenstand des Buches ist Montaignes Auseinandersetzung mit dem Wissen und den Formen der Bücher seiner umfangreichen Privatbibliothek. Sie umfasst die Literatur der Antike, aber auch Werke des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Der Leser Montaigne ist weder vom Anspruch der Nachahmung noch vom Gestus der Überbietung geprägt. Vielmehr arbeitet er an Rekonstruktionen, die in immer wieder neuen Ansätzen selbst kritischen Revisionen unterzogen werden. Thematisiert werden Montaignes Auseinandersetzung mit Rhetorik und Poetik der Antike, exemplarische Formen des Umgangs mit antiker Größe, die Lektüre und Relektüre zentraler Autoren, schließlich der Parcours einer anthropologischen Selbstreflexion, vor allem in den späten Essays.
Author: Beate Kellner
Der deutsche Minnesang ist eine der wichtigsten Ausprägungen der europäischen Liebeslyrik im Mittelalter.
Die vorliegende Monographie unternimmt in vielerlei Hinsicht eine Neudeutung dieser hoch artifiziellen Liebesdichtung. Bis heute finden wir oft ein zu eindimensionales Verständnis von Minnesang, nach dem besonders der Hohe Sang auf ein monotones Kreisen um die Unerfüllbarkeit der Liebe festgelegt wird. Unter der Oberfläche eines Zelebrierens von Idealen kann man jedoch ein breites Spektrum von erotischen Phantasmen, Spielarten des Begehrens, Imaginationen von Rache und Gewalt, Drohungen, Voyeurismus, Liebe und Krieg, selbstquälerische Zweifel und Narzissmus entdecken. Diesen Imaginationen geht das Buch ebenso nach wie den Idealisierungen der Dame, den damit verbundenen Verkehrungen der mittelalterlichen Geschlechterordnung und der Reflexion der höfischen Gesellschaft in den Liedern.
Author: Sabine Weber
Zeitlebens beschäftigt sich der Romancier Gustave Flaubert intensiv mit Denk- und Vorstellungsformen von Endlichkeit und Abschied. In seinem literarischen Werk setzt er dem Tod, der radikalen Sinnvernichtung, ein Kunstwerk entgegen, das sich in der ästhetischen Überformung des toten weiblichen Körpers zeigt.
Wie auf einer Schaubühne ist der Leichnam Emma Bovarys hinter Vorhängen aufgebahrt. Eine kalte Aura umgibt das Todestableau der karthagischen Prinzessin Salammbô. Die kühle Darstellungsform des Flaubertschen Erzählers erscheint ohne Mitleid. Flauberts Romanfiguren beklagen den Tod im leeren Pathos, in verstellten Trauergebärden, die an ein Schauspiel erinnern. Kulturelle Formen des Abschieds und des Angedenkens werden als scheinhafte Inszenierungen aufgedeckt. An ihre Stelle rückt eine unheimliche Todesvergegenwärtigung in Form eines schwarzen Abgrunds, in dem die Grenzen des Sicht- und Vorstellbaren gesprengt sind und aus dem der Künstler selbst schöpft.
Künstlerische, kunstwissenschaftliche und kunstpädagogische Perspektiven auf Skulptur im erweiterten Feld
Die Skulptur heute umfasst Erscheinungsformen sehr unterschiedlicher Art. Plastische, skulpturale oder installative Werke lassen einen Gattungsbegriff zunehmend obsolet erscheinen.
Trotz vielfältiger Entgrenzungstendenzen in der zeitgenössischen Kunst wird die Skulptur der Gegenwart in diesem Band hinsichtlich der Besonderheiten ihres Verhältnisses zum Raum, zum Material, zur Zeit sowie zur Betrachterin und zum Betrachter untersucht. Veränderte Erlebnisqualitäten der im Erfahrungsraum des Subjekts verorteten Skulptur eröffnen mit der Erweiterung des Skulpturalen neue Perspektiven für Lehr- und Lernpro-zesse. Autorinnen und Autoren diskutieren in diesem Band aus Sicht von Kunstwissenschaft, Kunst und Kunstpädagogik verschiedene Formen skulpturalen Denkens und Handelns mit Blick auf Möglichkeiten und Schwierigkeiten, Kunst im Hinblick auf einen erweiterten Skulpturbegriff zu lehren.
Der Beginn volkssprachiger Schriftlichkeit in komparatistischer Perspektive / The Rise of Vernacular Literacy in a Comparative Perspective
From the fifth to the sixteenth centuries, what we know today as the “vernacular languages” developed across Europe. The present volume focuses from a determinedly comparative perspective on the process of the integration of the linguae vernaculae vel barbaricae into the domain of literacy and learning. Exemplary case studies explore the issue of the beginnings of vernacular literacy at the intersection of historical sciences, philology, linguistics, media history, and literary sciences to analyse discernable patterns and norms. In this way, the common and traditional national philological narratives of the respective “Origin Stories of written tradition” are questioned and discussed.
Barockforschung und deutsche Kunstgeschichte (ca. 1830 – 1933)
Author: Ute Engel
Lange als schwülstig abgelehnt, wurde der Barock erst in den 1870/80er Jahren als eigenwertiger Stil in die kunsthistorische Stilsystematik eingefügt. Bald darauf setzten die Versuche ein, gerade den deutschen Barock unter dem Vorzeichen des Gesamtkunstwerks als Höhepunkt der abendländischen Kunstgeschichte nationalistisch zu vereinnahmen.
Diese Verschränkung von Stildebatte und Nationaldiskurs wird erstmals auf einer breiten Quellenbasis analysiert. Es kann gezeigt werden, wie Heinrich Wölfflin, August Schmarsow, Alois Riegl, Wilhelm Pinder u.a. im intertextuellen Austausch Denk- und Deutungsmuster des Barock als Stil und des spezifisch Deutschen in der deutschen Kunst prägten. So trug die Kunstgeschichte entscheidend dazu bei, bis 1933 ein nationales Identitätskonstrukt zu liefern, dessen sich die Nationalsozialisten nur noch bedienen mussten.
Stream – Archiv – Ambiente
Die Ubiquität digitaler Bilder ist ein Effekt ihrer distributiven Versatilität. Sie können nahezu unbegrenzt gespeichert, instantan übertragen, aufwandlos vervielfältigt, vielschichtig visualisiert, verdatet und verarbeitet werden. Ihre Mobilisierung vollzieht sich nicht regellos, sondern folgt einer komplexen Medienlogistik aus Formatstandards, Infrastrukturen und Transportkalkülen. Digitale Bilder werden und sind verteilt: nicht als sessile Objekte, verbindlich feststehende Entitäten, sondern als streamförmig modulierte Prozesse.
Die Studie konzeptualisiert Akteure und Agenden des Bilddatenverkehrs, untersucht retrodigitalisierte Archivbildkorpora medienhistoriografisch auf Verteilungsgeschichten – das Fallstudienmaterial bilden tatortforensische Fotografien aus den 1910er Jahren und heimlich übertragene Hochfrequenzvideos, die zu Claude Lanzmanns SHOAH Collection gehören – und befasst sich mit den ›kalmierten‹ bildsensorischen Operationen in intelligenten Umgebungen.