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Szenen einer medienanthropologischen Theorie des Geistes
Author: Eva Schürmann
Wie macht sich der Geist ein Bild von der Welt? – Vermittels Darstellungen. In Texten und Bildern, Filmen und Aufführungen werden Vorstellungen präsentiert, die wie allgegenwärtige Zwischenglieder zwischen uns und den anderen fungieren. Gleichgültig, ob wir etwas erzählen oder ein Bild ins Netz stellen, ob wir Zeitung lesen oder Filme schauen, stets sind es Darstellungen, die Auffassungsweisen vergegenwärtigen.
Schürmann suspendiert anhand einer Theorie des Vorstellens und Darstellens sowie der Analyse spezifischer Darstellungspraxen – wie etwa der legendären Rodney King-Affäre, die angesichts der filmisch dokumentierten Fälle von Gewalt gegen Schwarze in den USA in letzter Zeit erschreckend aktuell geblieben ist – die Behauptung, wir lebten in einem postfaktischen Zeitalter, in dem sich Wahrheit und Fälschung nicht mehr auseinanderhalten ließen. Hiergegen entfaltet das Buch eine Darstellungstheorie in kritisch-therapeutischer Absicht. Es zielt darauf, Darstellungspraxen als spezifisch menschlich, weil geistig und freiheitlich, zu qualifizieren, um im Streit der Interpretationen bessere von schlechteren unterscheiden zu können – am Ende der Lektüre steht die Entwicklung einer „medienkompetenten Urteilskraft“.
Author: Tania Eden
Unscharfe Grenzen und fließende Übergänge kommen in allen Registern der Erfahrung vor. Von einer positiven Unbestimmtheit kann indes nur dort die Rede sein, wo diese gleichsam zur Sache selbst gehört und nicht nur unserem begrenzten Erkenntnisstand oder mangelnden Realisierungsmöglichkeiten zuzurechnen ist.
Die gewachsene technologische Verfügungsmacht des Menschen, die sich mittlerweile auf die menschliche Lebenssubstanz selbst erstreckt, hat zu tiefgreifenden Veränderungen des Naturbegriffs geführt, in deren Verlauf die Grenzen zwischen Naturprodukten und Artefakten ständig verschoben werden. Damit tauchen neue Formen von Unbestimmtheit auf, deren begriffliche Bewältigung uns vor besondere Probleme stellt. Wann genau beginnt das zu schützende menschliche Leben? Sind Hirntote wirklich tot? Kann ich eine Gehirntransplantation überleben, meine Existenz sogar in einem Klon fortsetzen?
Mit Beiträgen von Peter Berz, Lars Denicke, Beatrice Gründler, Friedrich Kittler, Ludwig Morenz, Barry Powell, Oliver Primavesi, Joachim Schaper, Gerhard Scharbert, Joulia Strauss, Peter Weibel, Siegfried Zielinski. „Auf mediengeschichtlichen Taubenfüssen kommen die wahren Revolutionen.“
Series:  TRACE, Volume: 3
»Evolutionstheoretische Theologie« – so lautet der zentrale Begriff und gleichzeitig das Leitmotiv des neuen Buches von Heiner Mühlmann. Religionsgeschichte wird hier als
Evolutionsprozess gedacht, der drei zentralen Steuerungskräften unterliegt: Variation – Selektion – Reproduktion.
Variationen von Religionen und mit ihnen Variationen von Göttern evolvieren. Weil aber Variationen immer unter Selektionsdruck stehen, müssen die Götter untereinander konkurrieren. So wird aus einer evolutionstheoretischen Theologie eine polytheistische Theologie. Was evolviert, hat ein materielles Substrat. Da die materiellen Substrate der Götter die biologischen Gedächtnissysteme der Menschen sind, müssen folglich die Götter gedächtnistauglich sein, um in der Evolution zu überleben; Gedächtnistauglichkeit ist die Anpassungsfähigkeit der Götter. Die Evolutionstheorie der Götter ist somit in Wirklichkeit eine neurowissenschaftliche Studie zum Thema »kulturelle Gedächtnisforschung«. Ziel ist weniger eine Kritik des Christentums als vielmehr eine Hommage an seine Durchsetzungskraft.
Der Mensch sei von Natur aus politisch, sagt Aristoteles, nur im geordneten Gemeinwesen der Polis finde er seine Bestimmung. Seit der Antike dient die menschliche Natur zur Legitimierung sehr verschiedener, keineswegs ›natürlicher‹ politischer Ordnungen.
In historischen Fallstudien vom Alten Orient bis zur Frühen Neuzeit untersuchen die Beiträge, wie das Verhältnis von Menschennatur und politischer Ordnung gedacht und dargestellt wurde, welche normative Kraft es entfaltete, welche Hierarchien, Machtverhältnisse und Herrschaftsformen es stützte und wo es an seine Grenzen stieß. Denn nicht allein Ordnung, sondern auch ihr Gegenteil kann als naturhaft identifiziert werden. In der Geschichte der politischen Anthropologie zeigt sich der Rekurs auf Natur als ebenso wirkmächtig wie ambivalent. Gerade ihre Bruchlinien und Widersprüche machen vormoderne Auseinandersetzungen um das Verhältnis von Menschennatur und politischer Ordnung für heutige Diskussionen interessant.
Klassische Moralistik – Moralistische Klassik
Der Band Montaigne und die Moralisten vereint Studien von Karlheinz Stierle, in denen die Moralistik als eine literarische Form des riskanten Denkens begriffen wird.
Michel de Montaigne hat mit seinen Essays eine offene Form des Nachdenkens über die menschliche Natur gefunden, der Friedrich Nietzsche erstmals den Namen Moralistik gab. Der ›moralistische‹ Montaigne ist Gegenstand des ersten Teils. Auf der Grundlage von Montaignes experimentierender Menschenkunde verfolgt der zweite Teil die Herausbildung einer »negativen An-
thropologie«, die der klassischen Literatur des französischen 17. Jahrhunderts ihre Prägung gab. Die Literaturkritik Sainte-Beuves und Nietzsches aphoristische Reflexionen über das Menschliche, Allzumenschliche bekunden die fortdauernde Modernität des moralistischen Denkens, das im 20. Jahrhundert insbesondere von der deutschen Romanistik zu einem eigenen Forschungsgebiet gemacht wurde.


Der Band vereint Studien von Karlheinz Stierle, in denen die Moralistik als eine literarische Form des riskanten Denkens begriffen wird.
Michel de Montaigne hat mit seinen Essais eine offene Form des Nachdenkens über die menschliche Natur gefunden, der Friedrich Nietzsche erstmals den Namen Moralistik gab. Der ›moralistische‹ Montaigne ist Gegenstand des ersten Teils. Auf der Grundlage von Montaignes experimentierender Menschenkunde verfolgt der zweite Teil die Herausbildung einer »negativen Anthropologie«, die der klassischen Literatur des französischen 17. Jahrhunderts ihre Prägung gab. Die Literaturkritik Sainte-Beuves und Nietzsches aphoristische Reflexionen über das Menschliche, Allzumenschliche bekunden die fortdauernde Modernität des moralistischen Denkens, das im 20. Jahrhundert insbesondere von der deutschen Romanistik zu einem eigenen Forschungsgebiet gemacht wurde.
Author: Norbert Bolz
Alles, was man von Luthers Lehre wissen muss, wird von Norbert Bolz knapp und klar dargeboten. Luther werden keine Widersprüche nachgewiesen und es wird auch nicht auf die Zeitbedingtheit seiner Aussagen verwiesen. Vielmehr geht es um die zentralen Bestandstücke von Luthers Lehre. Und diese Lehre ist einfach. Deshalb wird auch dieses Buch über ihn für jeden verständlich sein. Norbert Bolz bringt Luther gegen den sentimentalen Humanitarismus unserer Zeit in Stellung. Es gibt nämlich keinen schärferen Kritiker des Gutmenschentums als Luther. Der große dänische Protestant des 19. Jahrhunderts, Søren Kierkegaard, spricht in diesem Zusammenhang von christlicher Abhärtung. Er trifft den entscheidenden Punkt, wenn er sagt, Luther lehre einen Glauben für Erwachsene. Und genau das tut der evangelischen Kirche heute Not. Das große Lutherjahr 2017 bietet für das große Umdenken den geeigneten Anlass. Luther hat mit seinem Angriff auf die Kirche das Christentum gerettet. Das heißt aber, dass er auch der katholischen Kirche gut getan hat. Deshalb sollten gerade auch die Katholiken an Luther ein vitales Interesse haben. Und die Unwissenden oder Ungläubigen werden in ihm ihre größte Herausforderung finden.
Zum philosophischen Denken von Nicolaus Cusanus und Wáng Yángmíng
Author: David Bartosch
Nicolaus Cusanus und Wáng Yángmíng philosophieren an der Grenze möglichen Denkens. Die Komparatistik der basalen Problemhorizonte und Kernthemen ihrer epochalen Reflexionen weist auf die Unterschiede beider Philosophiekulturen.

Als wichtige Vordenker der Moderne entwickeln beide jeweils eine umfassende Logik der Selbsterschließung. Dabei werden unabhängig voneinander acht komparable Problemhorizonte ersichtlich: umfassende Kreativität, menschliche Selbstreflexivität, die Unsagbarkeit des Grundes der Sprache, Möglichkeiten und Grenzen des Wissens, Selbstperfektion, Gewissen, Moralität und Liebe. Mittels einer innovativen Reflexionsbegrifflichkeit werden zentrale Paradigmen, Begriffe und Metaphern beider Denker umfassend analysiert, erstmals aufeinander abgebildet und beispielhaft erschlossen.
Der Andere in Michail M. Bachtins Frühwerk
Author: Carina Pape
Michail M. Bachtin, der durch die Entwicklung der literaturwissenschaftlichen Paradigmen der Dialogizität und Polyphonie Berühmtheit erlangte, wurde noch nicht ausreichend als Vertreter der ihrerseits vernachlässigten russischen Philosophie wahrgenommen.
Auch im philosophischen Frühwerk bilden Dialog und Vielfalt den roten Faden. Unter der Prämisse seines dynamisch-organischen Menschenbildes ist der Mensch dort am vollkommensten, wo ihm ein anderer antwortet. Bachtins Frühwerk ist ein mutiges, aber nicht leicht zu erschließendes Plädoyer für Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit. Dieses Modell gegenseitiger Anerkennung wird an den Phänomenen Liebe und Tod veranschaulicht und bietet in seinem phänomenologischen Vorgehen thematische und methodische Anknüpfungspunkte. Es wird historisch und systematisch interpretiert und erschlossen.
Bilder stellen Handlungen, die Zeit verbrauchen, im flächigen Raum dar. Sie ziehen Ereignisse auf ihren prägnantesten Augenblick zusammen. Ikonische Prägnanz gründet in der Ökonomie dieses Entzugs. Ihre Kunst offenbart sich in dem, was sie nicht zeigt.
Ikonische Prägnanz meint die Verdichtung von Zeit- und Handlungsmomenten im Bild. Ihre Theorie verknüpft gestaltphilosophische Überlegungen zur »symbolischen Prägnanz« (Cassirer) mit ikonologischen Untersuchungen des »prägnantesten Augenblicks« (Lessing). In sechs pointierten Essays, deren Analysekriterien die programmatische Einleitung entwickelt, wird dieses nicht unumstrittene Konzept in der Deutung vormoderner Bildwerke erprobt. Ihre Sujets reflektieren unterschiedliche Zeitverhältnisse: die Entzeitlichung von Gegenwart, die Darstellung der Allgegenwart von Zeit, das Verschwinden des Augenblicks in der Zeit, schließlich auch den Zusammenfall von historischer Zeit, Betrachtungszeit und Bildzeit.