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Der Andere in Michail M. Bachtins Frühwerk
Author: Carina Pape
Michail M. Bachtin, der durch die Entwicklung der literaturwissenschaftlichen Paradigmen der Dialogizität und Polyphonie Berühmtheit erlangte, wurde noch nicht ausreichend als Vertreter der ihrerseits vernachlässigten russischen Philosophie wahrgenommen.
Auch im philosophischen Frühwerk bilden Dialog und Vielfalt den roten Faden. Unter der Prämisse seines dynamisch-organischen Menschenbildes ist der Mensch dort am vollkommensten, wo ihm ein anderer antwortet. Bachtins Frühwerk ist ein mutiges, aber nicht leicht zu erschließendes Plädoyer für Einheit in der Vielfalt und Vielfalt in der Einheit. Dieses Modell gegenseitiger Anerkennung wird an den Phänomenen Liebe und Tod veranschaulicht und bietet in seinem phänomenologischen Vorgehen thematische und methodische Anknüpfungspunkte. Es wird historisch und systematisch interpretiert und erschlossen.
Bilder stellen Handlungen, die Zeit verbrauchen, im flächigen Raum dar. Sie ziehen Ereignisse auf ihren prägnantesten Augenblick zusammen. Ikonische Prägnanz gründet in der Ökonomie dieses Entzugs. Ihre Kunst offenbart sich in dem, was sie nicht zeigt.
Ikonische Prägnanz meint die Verdichtung von Zeit- und Handlungsmomenten im Bild. Ihre Theorie verknüpft gestaltphilosophische Überlegungen zur »symbolischen Prägnanz« (Cassirer) mit ikonologischen Untersuchungen des »prägnantesten Augenblicks« (Lessing). In sechs pointierten Essays, deren Analysekriterien die programmatische Einleitung entwickelt, wird dieses nicht unumstrittene Konzept in der Deutung vormoderner Bildwerke erprobt. Ihre Sujets reflektieren unterschiedliche Zeitverhältnisse: die Entzeitlichung von Gegenwart, die Darstellung der Allgegenwart von Zeit, das Verschwinden des Augenblicks in der Zeit, schließlich auch den Zusammenfall von historischer Zeit, Betrachtungszeit und Bildzeit.
In Deutschland wurde Susan Taubes erst durch die späte Übersetzung ihres 1969 erschienenen Romans Divorcing und als Frau des Religionsphilosophen Jacob Taubes bekannt. Die Edition ihres Nachlasses ermöglicht die Entdeckung einer unabhängigen Denkerin, deren Werk Arbeiten zu Literatur, Theater, Religionsphilosophie und Kulturwissenschaft sowie eine Fülle an literarischen Schriften umfasst. Dieser dritte Band der Edition enthält elf Prosaschriften aus Taubes‘ Nachlass. Mit Ausnahme zweier Erzählungen, die zu ihren Lebzeiten in den USA erschienen, werden diese Texte erstmals veröffentlicht und ins Deutsche übersetzt.
Wegweisend für Susan Taubes Profilbildung als Schriftstellerin wurden die in diesem Band versammelten zehn Erzählungen und das romanähnliche Prosastück, entstanden zwischen 1957 und 1969. Sie sind geprägt durch ein virtuoses Spiel mit Perspektiven und Erzählweisen in Verbindung mit ganz unterschiedlichen Schauplätzen und Sujets. Mit der Literatur schrieb Taubes ihre philosophischen Gedanken und Reflexionen fort. Ob im Ton der Groteske, des Absurden, des Traums oder Hellwachseins, des schwarzen Humors oder des grausamen Märchens: Dem Leser begegnen Inszenierungen von Fremdheit und Ortlosigkeit, des Ineinandergleitens von Leben und Tod, der Dialektik von Vernunft und Leidenschaft – und der Unmöglichkeit, die Geschichte eines Lebens als sichere und gradlinige Entwicklung zu erinnern und zu erzählen.
Einführung in die Biologie unter besonderer Berücksichtigung der Erfahrungen am kranken Menschen
Der Aufbau des Organismus ist das Hauptwerk des deutsch-amerikanischen Neurologen und Psychiaters Kurt Goldstein (1878-1965). Erstmals seit 1934 erscheint es nun in einer neuen deutschsprachigen Ausgabe.
Im Spannungsfeld von Neurologie, Psychologie und Philosophie entwarf Kurt Goldstein im niederländischen Exil eine ganzheitliche Theorie des Aufbaus und der Funktion des menschlichen Organismus, die eine völlig neue Sicht auf die menschliche Psyche und die Funktionsweise des Gehirns ermöglichte.
Sein Werk zählt nicht nur zu den Klassikern der modernen Neuropsychologie, sondern prägte auch so unterschiedliche Strömungen wie die Phänomenologie in Frankreich (Merleau- Ponty), die humanistische Psychologie in den USA (Maslow, Rogers) und die Kulturhistorische Schule der russischen Psychologie (Wygotski, Luria, Leontjew).
In der Nachkriegszeit in Deutschland weitgehend verdrängt und vergessen, wartete dieses Buch lange auf seine Wiederentdeckung.
Angesichts der aktuellen Diskussion des Leib-Seele-Problems in den Neurowissenschaften und der Philosophie ist Goldsteins Werk heute wieder hochaktuell.
Über die Entstehung des Urheberrechts aus dem Geist der Goethezeit
Author: Heinrich Bosse
Contributor: Wulf D. von Lucius
Worte in Eigentum zu verwandeln, ist die Aufgabe des modernen Urheberrechts. Erstmals gelöst wurde diese Aufgabe um 1800. Heinrich Bosse berichtet, welche geistige Arbeit dafür geleistet werden musste.
Die Entwicklung der modernen Medien fordert, auch das Urheberrecht weiterzuentwickeln. Hierfür ist der Anfang der Entwicklung aufschlussreich, als man das Recht zur Vervielfältigung von Geschriebenem an den Autor band. Gerade sein immaterieller Geist half die materielle Druckware zu definieren. Diese moderne Selbstverständlichkeit ergab sich erst in öffentlichen Lernprozessen. Sie musste in gemeinsamer diskursiver Arbeit herausgearbeitet werden gegen Widerstände, wie sie der Freiherr von Knigge (1792) äußerte: »Drucken ist nichts mehr, als öffentlich nacherzählen. Öffentlich nacherzählen darf ich alles, was öffentlich ist gesagt worden.«
Eine sprachphilosophische Grundlegung
Author: Ulrich Welbers
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts prägt die Wiederkehr religiöser Deutungsmuster wissenschaftliche und gesellschaftliche Debatten. Im Versuch, den Zusammenhang von Sprache und Religion sprachphilosophisch zu systematisieren, entwirft Ulrich Welbers eine sprachtheoretische Religionsgeschichte.
Der Autor untersucht, wie die Beziehung von Religion und Sprache, von Gottesvorstellung und ihrer Versprachlichung Gegenstand der Sprachreflexion geworden ist. Er entwickelt einen Beitrag zum Verständnis religiöser Semantik. Anhand wirkungsmächtiger Positionen – von Moses zu Moses Mendelssohn, Augustinus zu Gadamer, Luther zu Bonhoeffer, dem Evangelisten Johannes zu Goethe, Aristoteles zu Benjamin, Wittgenstein zu Lyotard – zeichnet Welbers historisch die systematisch-sprachreflexiven Bezüge von Sprache und Religion nach. Diese prominenten Übergänge bieten aber lediglich das Gerüst für eine Vielzahl weiterer Verknüpfungen. Die Studie versteht sich als Möglichkeit, die Religionsgeschichte und das Fundament abendländischer Kultur von einem neuen Standpunkt aus kennenzulernen und in seinen sprachphilosophischen Konstruktionsbedingungen zu verstehen.
Author: Sven Grzebeta
Über das Phänomen Börse herrscht seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 eine anhaltende gesellschaftspolitische, nicht selten emotional und polemisch geführte Diskussion. Sven Grzebeta setzt dem eine differenzierte philosophische Betrachtung entgegen. Es gelingt ihm, die Mechanismen eines hochkomplexen Systems freizulegen.
Erstmals präsentiert dieses Buch eine umfassende Ästhetik der Börse. Grzebeta beschreibt die verschiedenen sinnlichen, symbolischen und ästhetischen Erscheinungsweisen des Phänomens: Architektur, Kleidung und Habitus, Klang und Geräusch, Zeichen und Rituale. Gleichzeitig geht es um eine Ethik gemeinschaftlichen Handelns aller am Börsengeschehen Beteiligten. Wie lassen sich rationale normative Kriterien für eine sachgerechte und faire Ausgestaltung der Börse gewinnen? Die Theorien der Diskursethik, der ökonomischen Ethik und insbesondere die Theorie der Gerechtigkeit von John Rawls fungieren als ethischer Beurteilungsrahmen, der auf exemplarische Handlungsfelder wie die gesetzliche Regulierung, die ökonomische Bildung und die Aktionärs-Governance angewendet wird.
Phänomenologische Annäherungen an die Sammlung Prinzhorn
Zwischen Kunst und Krankheit: Inspiriert durch Werke der berühmten Heidelberger Sammlung Prinzhorn diskutieren die Autoren phänomenologische Zugänge zu dieser Art von Kunst jenseits rein psychiatrischer oder kunsthistorischer Perspektiven.
Seit Hans Prinzhorn mit der »Bildnerei der Geisteskranken« (1922) kulturkritisch für eine Neubewertung der »Irrenkunst« sorgte, gab die Sammlung Prinzhorn verschiedenen Disziplinen Anlass zu Debatten. Die Beiträge untersuchen Werke psychisch erkrankter Künstler aus phänomenologischer Perspektive und befragen die Grundlagen unserer Erfahrungen mit ihnen. Welche Welten transportieren sich durch scheinbar wahnhaft Unverständliches? Ermöglicht es das Werk, an einer anders erlebten Raum- und Zeiterfahrung Anteil zu nehmen? Wo hört das Verstehbare auf, fängt Wahnhaftes an?
Mit Beiträgen von Rudolf Bernet, Gottfried Boehm, Sonja Frohoff, Thomas Fuchs, Stefan Kristensen, Marc Richir, Daniel Sollberger und Bernhard Waldenfels
Schuld, Schulden und andere Verbindlichkeiten
Die seit fünf Jahren aktuelle Finanz- und Schuldenkrise wird häufig moralisch kommentiert. Diese verbreitete Praxis bezieht sich auf die Gewissheit, dass manche Straftaten durch Geldzahlungen gesühnt werden können, also durch Verwandlung einer rechtlich-moralischen in eine finanzielle Schuld, und umgekehrt versäumte Geldzahlungen – zum Beispiel Steuerhinterziehungen – durch Haftstrafen geahndet werden können. Ökonomische sind häufig moralische Entscheidungen. Und diese moralischen Entscheidungen werden häufig auf Pflichten bezogen, die den Eltern, Göttern oder Nationen geschuldet werden, den Regeln einer Verwandtschaftsordnung, den Geboten einer Religion und den staatlichen Gesetzen.
Geleitet von der Vermutung, dass die aktuellen Schulden und die um sie kreisenden Debatten und Proteste eng mit anderen Schulderfahrungen zusammenhängen – mit Evidenzen existentieller, mora-lischer oder rechtlicher Schuld –, vereint dieser Band verschiedene Positionen aus Kunst, Kultur und Wissenschaft zu einem transdisziplinären Dialog. Vertreter/innen der Anthropologie, Soziologie, Kulturgeschichte, Psychologie, Ökonomie und den Künsten formulieren ihre besonderen thematischen Zugänge, um das Verständnis der politischen, ökonomischen, moralischen und kulturellen Aspekte der Fragen nach Schuld und Schulden zu vertiefen und zu erweitern.
Die Quellen der Genealogia Deorum Gentilium in Neapel
Anlässlich des 700. Geburtstags von Giovanni Boccaccio beschäftigt sich Peter Roland Schwertsik mit dessen Abstammungssagen der antiken Götter. Dabei entdeckt er, dass Boccaccios rätselhafte Hauptquelle Theodontius auch die Basis eines Manuskripts seines Freunds Zanobi da Strada bildet.
In seiner Studie zu Boccaccios Genealogia Deorum Gentilium untersucht Schwertsik die zeitgenössischen Quellen dieses Hauptwerks des italienischen Nationaldichters. Darunter befindet sich auch der mysteriöse Theodontius, dessen historische Existenz sehr umstritten ist. Schwertsik identifiziert eine Handschrift als in enger Verbindung mit Theodontius stehend, ediert sie in ihren wesentlichen Teilen und verortet sie in der Überlieferungsgeschichte.