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Mitleid im antiken und mittelalterlichen Theater
Author: Ulrich Barton
Die Intention, bei den Zuschauern Mitleid zu erregen, verbindet zwei wichtige, voneinander unabhängige Theaterformen des vormodernen Europa: die antike Tragödie und das mittelalterliche Passionsspiel. Inwiefern unterscheidet sich das mittelalterliche vom antiken Mitleid und dementsprechend das Passionsspiel von der Tragödie?
Ein Vergleich von Tragödie und Passionsspiel wurde bislang kaum je unternommen, weil die Unterschiede als zu groß gelten: Das Christentum markiere eine Zäsur in der Geschichte des Mitleids, und in einem christlichen Kontext seien tragische Wirkungen unmöglich. Ein genauerer, komparatistischer Blick vermag neben den Differenzen die kaum beachteten Ähnlichkeiten aufzudecken und an beiden Theaterformen Dimensionen freizulegen, die ohne den interdisziplinären Zugriff verborgen blieben. Weil sowohl die Tragödie als auch das Passionsspiel im jeweiligen religiösen Kult verortet sind, ist das Mitleid im Spannungsfeld von Religion und Ästhetik zu bestimmen.
Zu Robert Walsers Frühwerk
Author: Marc Caduff
Marc Caduff vermittelt einen fundierten Einblick in das vielseitige Frühwerk des Schweizer Schriftstellers Robert Walser. In präzisen Einzelanalysen legt Caduff dar, in welchen Diskursen und literarischen Konstellationen Walsers Anfänge zu verzeichnen sind und eröffnet zugleich Spielräume für Neulektüren.
Von den frühesten Gedichten über die Dramolette und ersten Prosastücken bis zum Debütroman Geschwister Tanner kennzeichnet sich Walsers Werkgenese als eine Revision der Texte anderer Schriftsteller (Goethe, Baudelaire, Keller, Sacher-Masoch), aber auch der eigenen, als fortgesetzte Selbstkorrektur. Die Auseinandersetzung mit Bild- und Malereitraditionen dient wiederum als Ausgangspunkt metonymischer Darstellungsverfahren. Revidiert wird damit nicht zuletzt das klischierte und romantisierte Bild von Robert Walser als unbelesenem Dichterjüngling, der sich in der zurückgezogenen Dachkammer seiner eigenen Fantasie überließ.
Beiträge zur japanisch-deutschen Kulturkomparatistik
Series Editors: Tilman Borsche and Teruaki Takahashi
Die Reihe ist abgeschlossen.
Stellt das Phänomen der Abweichung bloß einen Ausdruck von Willkür dar, der das jeweilige Ordnungssystem gefährdet? Ist es dank dem mehrdimensionalen Sinngehalt des Begriffs nicht auch imstande, ein produktives Potenzial zu entfalten und als eine kulturelle Analysekategorie zu dienen?
»Nur die widernatürliche Phantasie kann uns noch retten«, soll Goethe zu Eckermann gesagt und damit die positive Treibkraft der Devianz anerkannt haben. Obwohl immer wieder Versuche unternommen werden, Devianzen zu verbergen, zu beherrschen oder zu verleumden, löst die Auseinandersetzung mit »otherness« Prozesse aus, die schließlich eine neue Sicht- und Ausdrucksweise entfalten. Dies führt zu Befunden, die Abweichung als Treibmittel der Entwicklung von Literatur, Ästhetik, Wissenschaft und Gesellschaftsordnung ausweisen.
Mit einer Neuausgabe des »Figura«-Aufsatzes von Erich Auerbach
Der erste Band der Reihe Medien und Mimesis, hier in zweiter, korrigierter Auflage, entfaltet das Spannungsverhältnis zwischen mimetischer Wirklichkeitsdarstellung und ihrer geschichtsphilosophischen Deutung.
Mit seiner 1938 entwickelten Figuraldeutung stellt Erich Auerbach ein Modell zur Verfügung, das literarische Mimesis als eine „vorausdeutende Gestalt des Zukünftigen“ zu begreifen erlaubt. Dieses Spannungsverhältnis zwischen einer Mimesis des Alltäglichen und ihrer geschichtsphilosophischen Deutung hat Konsequenzen weit über die Literaturgeschichte hinaus. Der Band macht Auerbachs Figura-Aufsatz zum ersten Mal mit der deutschen Übersetzung der zahlreichen fremdsprachigen Belegstellen verfügbar und etabliert ihn als zentralen Text einer Theorie minderer Mimesis.
Textverfahren zwischen Literatur und Philosophie in Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften
Die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Philosophie ist bis heute Gegenstand intensiver Debatten. Anhand von Musils Der Mann ohne
Eigenschaften macht Gnüchtel die in Frage stehende »Philosophizität« literarischer Texte als Textverfahren narrativer Argumentation explizierbar.
In Auseinandersetzung mit der literaturtheoretischen und sprachanalytischen Fiktionalitätsforschung sowie der Musilforschung entwickelt Gnüchtel einen Analyseapparat, der Musils Text in ein neues Licht rückt. Er zeigt, wie literarische Erzähltexte philosophische Thesen aufstellen und argumentativ begründen. Musils Werk erweist sich als prototypischer Text, der die Grenzen zwischen Literatur und Philosophie durch Verfahren narrativer Argumentation unterläuft. Die Studie leistet einen systematischen Beitrag zur theoretischen Debatte um Literatur und Philosophie und bereichert die Philologie um wichtige Erkenntnisse zu Musils epochalem Mammutfragment.
Zur Arbeit des Bildes bei Proust, Musil, W.G. Sebald und Claude Simon
Author: Rebekka Schnell
Als anti-narrative Gattung par excellence erlebt das Stilleben in der Literatur des 20. Jahrhunderts ein eigentümliches Revival. Es lenkt den Blick nicht nur auf die Krisen und Aporien des Erzählens, sondern zugleich auf die Anachronismen und Restbestände der Moderne selbst.
Im Untergrund der Texte entfaltet das Stilleben ein subversives Potential, das die narrative Logik ebenso wie die Hierarchie von Groß und Klein unterläuft. Gerade deshalb ist das Stilleben nicht nur Gegenstand der Lektüre, sondern zugleich deren Dispositiv: Es zeitigt eine Philologie des Kleinen, die das übersehene, widerspenstige Detail fokussiert. An Werken von Robert Musil und Marcel Proust, W.G. Sebald und Claude Simon geht die Studie der »Arbeit des Bildes« nach – jenen überaus produktiven Rezeptions- und Übertragungsprozessen zwischen Bildern und Texten, durch die sich Topoi und Figuren verborgen fortschreiben.
Strategien des Transfers in Literatur und Philosophie
Der Begriff der Präsenz ist ebenso aktuell wie facettenreich. Seine Dimensionen der Gegenwärtigkeit, Anwesenheit und Unmittelbarkeit betreffen die Literatur ebenso wie die Philosophie. Die Frage der Vermittlung von Präsenz-Erleben stellt für beide eine Herausforderung dar. Während die gegenwärtige Philosophie des Geistes nach der sprachlichen Erfassung phänomenalen Bewusstseins fragt, sucht die Literaturwissenschaft nach textuellen Verfahren der Vermittlung von Präsenz. Der vorliegende Band reflektiert und problematisiert die Möglichkeit unterschiedlicher Darstellungsformen von Präsenz-Erleben aus philosophischer und literaturwissenschaftlicher Perspektive. Dabei bilden insbesondere Bewusstseinsdarstellungen angesichts des Todes in Lev Tolstojs Der Tod des Ivan Il’ic und Fedor Dostoevskijs Die Sanfte den gemeinsamen Hintergrund.
Ästhetik und Reiseliteratur im späten 18. Jahrhundert
Kulturelle Differenz- und Fremdheitserfahrungen sind nicht nur prominente theoretische und literarische Themen unserer Zeit, sondern auch der Ästhetik und der Reiseliteratur des ausgehenden 18. Jahrhunderts.
Ausgehend von phänomenologischen sowie literatur- und kulturtheoretischen Fragestellungen bringt der Band deutsch- und englischsprachige Texte in Dialog und rekonstruiert wichtige Denkfiguren und ihre Poetik. Ästhetische Theorien von Kant, Burke u.a. werden auf innovative Weise als Fremdheits-/Reisetheorien lesbar. Literarische Texte von Georg Forster, James Boswell u.a. führen Fremdheit in konkreten Reiseepisoden im Hinblick auf Globalisierung und politische Umbrüche vor Augen. Die Darstellung von irritierend-anregender Fremdheit enthüllt Vermittlungslogiken, die Grenzen zwischen Subjektivismus und Objektivität, Affektion und Rationalität, Realismus und Fiktionalität immer wieder unterlaufen.
Literatur als Medium und Reflexionsform des Sammelns
Seit ihrer Entstehung widmet die Literatur dem Sammeln eine große Aufmerksamkeit: Sie nimmt Methoden, Gegenstände, Protagonisten und Institutionen ins Visier und reflektiert, modifiziert oder subvertiert dabei wissenschaftliche Sammlungsobjekte und -strukturen.
Sprachen des Sammelns vereint Studien aus Literatur-, Kunst- und Kulturwissenschaft ebenso wie Beiträge von Schriftsteller/innen und Künstler/innen, in denen ein erweiterter Literaturbegriff zum Tragen kommt. Inwiefern kann Sprache selbst als eine Form der Sammlung verstanden werden? Lässt sich die Funktion einer Sammlung analog zur Sprache denken? In vier systematischen Abschnitten wenden sich die Beiträge der Beschreibbarkeit von Dingen und der Sprachdinglichkeit zu, sie untersuchen Dynamik und Statik von Ordnungsstrukturen, befragen den Menschen als Sammlungssubjekt und -objekt und widmen sich demjenigen, was als Abjekt, Rest oder Abfall aus der Sammlung wieder herausfällt.