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Christoph Schlingensief lebt, die Avantgarde lebt. Beide totzusagen, wäre ein Abgesang auf die transformative Kraft der Kunst. Christoph Schlingensief setzte sich in seiner Arbeit über mehr als vier hochproduktive Jahrzehnte mit avantgardistischen Bewegungen der Musik, der darstellenden und bildenden Künste, der Literatur und des Films auseinander. Seine heterogenen Verweise stellen die Vielfalt dessen aus, was zwischen der performativen Lautmalerei des Dadaismus und dem erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys als Avantgarde gilt. In den Analysen, Theoriediskussionen und Erinnerungen dieses Bandes, die sich den prominentesten Bezugnahmen in Schlingensiefs Filmen, Inszenierungen, Aktionen und Installationen auf avantgardistische Stilrichtungen und Programme widmen, wird somit auch deutlich, wie Schlingensief selbst avantgardistisch wirksam wurde, und die Kunstwelt in ihrem Selbstverständnis transformierte und belebte.
Nationalsozialistische Massenspiele
Author: Evelyn Annuß
Als „Volksschule des Theaters“ werden populistische Massen-spiele nach der Machtübernahme entwickelt. Modern choreografiert, sollen sie das kollektive Bedürfnis hervorrufen, formiert und geführt zu werden. Dabei allerdings wandelt sich ihre Ästhetik grundlegend von einem chorischen Theater, das von der Liturgie und vom kollektiven Auftreten hergedacht wird, zum spektakulären Event. So zeugt die Formgeschichte dieser Massenspiele exemplarisch von veränderten affektpolitischen Regierungskünsten im Nationalsozialismus. Nach deren Formspezifika und Fortleben fragend, untersucht Evelyn Annuß die gouvernementale Dimension des NS-Massentheaters, analysiert zeitgenössische mediale Dispositiv-wechsel, internationale wie innenpolitische Konkurrenzen und die widersprüchliche Relation zwischen Propaganda und künstlerischer Avantgarde.
Claude-François Ménestrier’sTheoretical Writings on Festivals and Performing Arts: Translation and Commentary / Claude-François Ménestriers fest- und inszenierungstheoretische Schriften. Übersetzung und Kommentar
Series:  Eikones
Claude-François Ménestrier (1631–1705), Jesuit, polymath, organiser of festivals, princes’ entries, and ballets, and author of over 150 writings on emblem-atics, numismatics, heraldry, and a wide variety of festivals and public spectacles, must be considered one of the most influential early modern theoreticians on images, festivals and the performing arts. His work aims to provide a comprehensive overview of mental and material images. This trilingual anthology (in English, French, and German) is the first to present excerpts of Ménestrier’s theoretical writings on festivals and the performing arts in a modern edition. The excerpts are preceded by introductions written by internationally renowned scholars of the early modern period.
Series:  Eikones
Der Sammelband beruht auf der internationalen Tagung »Theatrale Revolten«, die im Herbst 2016 in Basel stattgefunden hat. Er vereint Beiträge zu Berührungspunkten zwischen Theater und politischer Revolte von Forscher/innen aus Literatur- und Theaterwissenschaft, Soziologie, Kunstgeschichte und Medienwissenschaft.
Im Zentrum der Untersuchungen stehen Fragen nach Formen theatraler Aktion und Interaktion: Wie werden revolutionäre Ereignisse auf der Theaterbühne verhandelt? Welche Austauschdynamiken zwischen Theater und Stadtraum, Kunst und politischer Öffentlichkeit sind zu beobachten? In welchem Verhältnis steht das Theater zu politischer Macht und Selbstermächtigung? Der Band legt dabei einen Schwerpunkt auf die visuellen und auditive Inszenierung des theatralen Protests und seinen Status als öffentliches und mediales Ereignis. Die einzelnen Beiträge widmen sich einerseits Theater- und Protestformen des 18. Jahrhunderts, andererseits solchen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Transformationen von Ausstellung und Teilnahme
Author: Marita Tatari
Das Buch zielt auf den Kern des Paradigmas gegenwärtiger Performanzforschung. Marita Tatari entwickelt eine originelle Position, die sich von jeglicher Überwindungslogik abgrenzt.
Wenn der Übergang vom Drama zu neuen Kunstformen analysiert wird, so geschieht dies zumeist in Begrifflichkeiten, die epistemologisch in Fortschrittsschemata verhaftet sind. Ein Eingriff ins Urmodell des Fortschrittsverständnisses, nämlich Hegels Ästhetik, bildet den Kern des Unterfangens, das Kunstwerk in einem eigenständigen, weder sozialen noch ethischen Sinn als Handlung zu denken, mit den technologischen Bedingungen der Gegenwart zu konfrontieren und aus der Überwindungslogik herauszulösen. Peter Szondis Dramenverständnis, Friedrich Kittlers Austreibung des Geistes, Paul De Mans Dekonstruktion und andere Theorieansätze werden so relativiert und neue Perspektiven auf die Entwicklung von Kunstformen eröffnet.
Beitrag zu einer Erfahrungsästhetik
Seit ihren Anfängen integriert die Oper als genuin plurimediale Kunstform auch die bildende Kunst. Felicia Rappe untersucht, wie sich bildende Künstler heute mit der Oper befassen und diskutiert Implikationen für eine Erfahrungsästhetik in der Gegenwartskunst.
Rappe entwickelt ihren theoretischen Rahmen anhand zweier Aufführungen, in denen die herkömmlichen Hierarchien der beteiligten Künste ausgehebelt werden: einer Arbeit des Videokünstlers Bill Viola für Richard Wagners Tristan und Isolde und einer Rauminstallation Olafur Eliassons für Hans Werner Henzes Phaedra. Untersucht wird, inwiefern die visuelle Komponente sich nicht in der Funktion eines ›Bühnenbilds‹ erschöpft, das die Opernerzählung interpretiert, sondern Teil eines intermedialen Gefüges wird, das auf der Erfahrungsebene zusätzliche Bedeutungsdimensionen eröffnet.
Eine hebräische Bühne in der Weimarer Republik
Series:  Makom, Volume: 12
Author: Shelly Zer-Zion
Editor: Yfaat Weiss
Das Buch erforscht die Beziehungsnetzwerke, die die Habima, eine in Moskau gegründete zionistische Theatergruppe, mit der kulturellen und wirtschaftlichen deutsch-jüdischen Elite in Berlin entwickelte.
Die Habima ist vor allem durch ihre heroische Gründungsgeschichte als hebräische Theatergruppe aus Moskau bekannt. 1926 verließ die Habima die sowjetische Hauptstadt, verarmt, kurz vor der Auflösung. Bis 1931 tourte sie in Europa, in Mandatspalästina und in den USA. Berlin wurde vorübergehende Heimstätte der Truppe. Das Buch untersucht, wie sich Mitglieder der deutsch-jüdischen Elite in Berlin – Künstler, Theaterschaffende, zionistische Aktivisten, Intellektuelle, wohlhabende Kaufleute, Industrielle und Bankiers – zu einer Interessengemeinschaft für die Habima zusammenschlossen und die hebräisch-zionistische Theaterkultur gestalteten.
Maschine, Blick und Bewegung auf der Opernbühne des Ancien Régime
Series:  Eikones
Die Opernbühne des Ancien Régime gehorcht dem Paradigma des Spektakels. Sie will Schaulust und Staunen hervorrufen und zielt auf die Konstitution und Repräsentation von Herrschaft. Der visuellen Überwältigungsrhetorik der Gegenreformation und des absolutistischen Hofes steht sie in nichts nach; sie ist Bestandteil von deren machtpolitischen Strategien. Zugleich bewirkt die spektakuläre Visualität eine Destabilisierung des dem Barock zugeschriebenen »Imperialismus des Bildes« und seiner visuellen Ordnungen.
Die französische Barockoper hat in Bezug auf diese Ordnungen stark desorientierende und verwirrende Implikationen. Aus interdisziplinären Blickwinkeln werden die historische Dimension der Praktiken des Spektakulären sowie Fragen der gegenwärtigen Aufführungspraxis erörtert.
Erfahrungsräume der Kunst
Ästhetische Erfahrungsräume sind als Zwischenräume zu begreifen, die sowohl Aspekte des realen als auch des gedachten Raums aufweisen. Die Entgrenzung der Künste hat im 20. Jahrhundert dazu geführt, dass oftmals unterschiedliche Raumkonzepte innerhalb derselben künstlerischen Arbeit aufeinandertreffen. Welche Eigenschaften und Potenziale sich hieraus ergeben, ist die Frage, welcher der Band nachgeht.
Die Beiträge erörtern Raumerfahrungen zwischen An- und Abwesenheit, Selbst- und Weltbezug, zwischen sinnlichem Erleben und gedanklicher Reflexion, zwischen Immersion und Distanzierung. Damit sind sie Ausdruck einer Komplexität, die nicht nur das Verhältnis der Künste untereinander, sondern auch die soziale Lebenswelt auszeichnet, auf die sich die künstlerische Arbeit heutzutage bezieht.
Der vorliegende Band fragt nach dem Begriff der »Bühne« als Übergangszone par excellence, ihrer experimentellen Entgrenzung, Umformulierung bzw. ihres möglichen Verschwindens in der Gegenwart medialer Figurationen.
Historisch betrachtet wird die Bühne des Theaters im 18. Jahrhundert zunächst als Bild/Tableau definiert und erst in den Avantgardebewegungen des frühen 20. Jahrhunderts als Raum entdeckt und begriffen. Zwar bilden Bild und Raum dabei ein Gegensatzpaar, die Vorstellung des Raums als Container allerdings bleibt davon unberührt. Die Bühne bleibt der Alternative von Nacheinander und Nebeneinander unterstellt und wird bis heute fast ausschließlich unter dem Aspekt der Zwei- oder Dreidimensionalität diskutiert. Demgegenüber beleuchtet der Band, welche Kategorien von Bühne zeitgenössische Theater- und Tanzperformances nahe legen.