Szenographien der Desubjektivierung
HerausgeberInnen: Adam Czirak und Barbara Gronau
Konstitution sowie Destitution von Subjekten ist auf die strukturbildende Kraft von Szenen angewiesen. Welche inszenatorischen Elemente sind an Bildung und Destabilisierung, ja Auslöschung des Subjekts beteiligt? Welches Wissen wird darin produziert?
In einem interdisziplinären Ansatz konturiert der Band das Verhältnis von Wahrnehmung und Wissen, Politik und szenischer Öffentlichkeit entlang der Schwerpunkte Tribunal, Folter und künstlerischen Verfahren der Selbstverletzung. So wie Tribunale an der Schnittstelle von Rechtsperformanz und Theatralität operieren, ist in der Folter die Verletzung des Subjekts Teil eines Gefüges aus Geheimhaltung, Offenbarung, Mitwisserschaft. Eperimentell erprobte und szenisch aufgeführte Desubjektivierung in künstlerischen Verfahren zeigen kulturelle und gesellschaftliche Restriktionen ebenso wie Vorstellungen über das Subjekt und dessen Grenzen.
Christoph Schlingensief lebt, die Avantgarde lebt. Beide totzusagen, wäre ein Abgesang auf die transformative Kraft der Kunst. Christoph Schlingensief setzte sich in seiner Arbeit über mehr als vier hochproduktive Jahrzehnte mit avantgardistischen Bewegungen der Musik, der darstellenden und bildenden Künste, der Literatur und des Films auseinander. Seine heterogenen Verweise stellen die Vielfalt dessen aus, was zwischen der performativen Lautmalerei des Dadaismus und dem erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys als Avantgarde gilt. In den Analysen, Theoriediskussionen und Erinnerungen dieses Bandes, die sich den prominentesten Bezugnahmen in Schlingensiefs Filmen, Inszenierungen, Aktionen und Installationen auf avantgardistische Stilrichtungen und Programme widmen, wird somit auch deutlich, wie Schlingensief selbst avantgardistisch wirksam wurde, und die Kunstwelt in ihrem Selbstverständnis transformierte und belebte.
Nationalsozialistische Massenspiele
AutorIn: Evelyn Annuß
Als „Volksschule des Theaters“ werden populistische Massen-spiele nach der Machtübernahme entwickelt. Modern choreografiert, sollen sie das kollektive Bedürfnis hervorrufen, formiert und geführt zu werden. Dabei allerdings wandelt sich ihre Ästhetik grundlegend von einem chorischen Theater, das von der Liturgie und vom kollektiven Auftreten hergedacht wird, zum spektakulären Event. So zeugt die Formgeschichte dieser Massenspiele exemplarisch von veränderten affektpolitischen Regierungskünsten im Nationalsozialismus. Nach deren Formspezifika und Fortleben fragend, untersucht Evelyn Annuß die gouvernementale Dimension des NS-Massentheaters, analysiert zeitgenössische mediale Dispositiv-wechsel, internationale wie innenpolitische Konkurrenzen und die widersprüchliche Relation zwischen Propaganda und künstlerischer Avantgarde.
Claude-François Ménestrier’sTheoretical Writings on Festivals and Performing Arts: Translation and Commentary / Claude-François Ménestriers fest- und inszenierungstheoretische Schriften. Übersetzung und Kommentar
Reihe: Eikones
HerausgeberInnen: Nicola Gess, Annette Kappeler, und Jan Lazardzig
Claude-François Ménestrier (1631–1705), Jesuit, polymath, organiser of festivals, princes’ entries, and ballets, and author of over 150 writings on emblem-atics, numismatics, heraldry, and a wide variety of festivals and public spectacles, must be considered one of the most influential early modern theoreticians on images, festivals and the performing arts. His work aims to provide a comprehensive overview of mental and material images. This trilingual anthology (in English, French, and German) is the first to present excerpts of Ménestrier’s theoretical writings on festivals and the performing arts in a modern edition. The excerpts are preceded by introductions written by internationally renowned scholars of the early modern period.
Reihe: Eikones
HerausgeberInnen: Agnes Hoffmann und Annette Kappeler
Der Sammelband beruht auf der internationalen Tagung »Theatrale Revolten«, die im Herbst 2016 in Basel stattgefunden hat. Er vereint Beiträge zu Berührungspunkten zwischen Theater und politischer Revolte von Forscher/innen aus Literatur- und Theaterwissenschaft, Soziologie, Kunstgeschichte und Medienwissenschaft.
Im Zentrum der Untersuchungen stehen Fragen nach Formen theatraler Aktion und Interaktion: Wie werden revolutionäre Ereignisse auf der Theaterbühne verhandelt? Welche Austauschdynamiken zwischen Theater und Stadtraum, Kunst und politischer Öffentlichkeit sind zu beobachten? In welchem Verhältnis steht das Theater zu politischer Macht und Selbstermächtigung? Der Band legt dabei einen Schwerpunkt auf die visuellen und auditive Inszenierung des theatralen Protests und seinen Status als öffentliches und mediales Ereignis. Die einzelnen Beiträge widmen sich einerseits Theater- und Protestformen des 18. Jahrhunderts, andererseits solchen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Transformationen von Ausstellung und Teilnahme
AutorIn: Marita Tatari
Das Buch zielt auf den Kern des Paradigmas gegenwärtiger Performanzforschung. Marita Tatari entwickelt eine originelle Position, die sich von jeglicher Überwindungslogik abgrenzt.
Wenn der Übergang vom Drama zu neuen Kunstformen analysiert wird, so geschieht dies zumeist in Begrifflichkeiten, die epistemologisch in Fortschrittsschemata verhaftet sind. Ein Eingriff ins Urmodell des Fortschrittsverständnisses, nämlich Hegels Ästhetik, bildet den Kern des Unterfangens, das Kunstwerk in einem eigenständigen, weder sozialen noch ethischen Sinn als Handlung zu denken, mit den technologischen Bedingungen der Gegenwart zu konfrontieren und aus der Überwindungslogik herauszulösen. Peter Szondis Dramenverständnis, Friedrich Kittlers Austreibung des Geistes, Paul De Mans Dekonstruktion und andere Theorieansätze werden so relativiert und neue Perspektiven auf die Entwicklung von Kunstformen eröffnet.
Beitrag zu einer Erfahrungsästhetik
AutorIn: Felicia Rappe
HerausgeberInnen: Gregor Stemmrich und Klaus Krüger
Seit ihren Anfängen integriert die Oper als genuin plurimediale Kunstform auch die bildende Kunst. Felicia Rappe untersucht, wie sich bildende Künstler heute mit der Oper befassen und diskutiert Implikationen für eine Erfahrungsästhetik in der Gegenwartskunst.
Rappe entwickelt ihren theoretischen Rahmen anhand zweier Aufführungen, in denen die herkömmlichen Hierarchien der beteiligten Künste ausgehebelt werden: einer Arbeit des Videokünstlers Bill Viola für Richard Wagners Tristan und Isolde und einer Rauminstallation Olafur Eliassons für Hans Werner Henzes Phaedra. Untersucht wird, inwiefern die visuelle Komponente sich nicht in der Funktion eines ›Bühnenbilds‹ erschöpft, das die Opernerzählung interpretiert, sondern Teil eines intermedialen Gefüges wird, das auf der Erfahrungsebene zusätzliche Bedeutungsdimensionen eröffnet.
Eine hebräische Bühne in der Weimarer Republik
AutorIn: Shelly Zer-Zion
HerausgeberIn: Yfaat Weiss
Das Buch erforscht die Beziehungsnetzwerke, die die Habima, eine in Moskau gegründete zionistische Theatergruppe, mit der kulturellen und wirtschaftlichen deutsch-jüdischen Elite in Berlin entwickelte.
Die Habima ist vor allem durch ihre heroische Gründungsgeschichte als hebräische Theatergruppe aus Moskau bekannt. 1926 verließ die Habima die sowjetische Hauptstadt, verarmt, kurz vor der Auflösung. Bis 1931 tourte sie in Europa, in Mandatspalästina und in den USA. Berlin wurde vorübergehende Heimstätte der Truppe. Das Buch untersucht, wie sich Mitglieder der deutsch-jüdischen Elite in Berlin – Künstler, Theaterschaffende, zionistische Aktivisten, Intellektuelle, wohlhabende Kaufleute, Industrielle und Bankiers – zu einer Interessengemeinschaft für die Habima zusammenschlossen und die hebräisch-zionistische Theaterkultur gestalteten.
Maschine, Blick und Bewegung auf der Opernbühne des Ancien Régime
Reihe: Eikones
Das musikalische Theater des Ancien Régime gehorcht dem Paradigma des Spektakels. Feuerwagen, Flugmaschinen und die Naturgewalten halten Einzug auf die Opernbühne und sollen den Zuschauer in ein atemloses Staunen versetzen. Die spektakuläre Visualität ist Bestandteil der machtpolitischen Strategien des absolutistischen Hofes, bewirkt jedoch zugleich eine Destabilisierung des dem Barock zugeschrieben ›Imperialismus des Bildes‹, indem sie visuelle Ordnungen wie den rationalisierten Blick der Zentralperspektive oder die erfolgreiche Repräsentation von Herrschaft in Frage stellt. Das ›Draußen‹ der Szene wird hier noch nicht weggeschnitten, sondern im Gegenteil stets bewusst gehalten. Dadurch rückt die Theatralität des Theaters ebenso in den Vordergrund, wie sich der Zuschauer selbst als Mitproduzent erfährt. Dieser barocken Dialektik des Spektakels widmet sich der vorliegende Band. Aus interdisziplinären Blickwinkeln werden die historische Dimension der Praktiken des Spektakulären sowie Fragen der gegenwärtigen Aufführungspraxis erörtert.
Erfahrungsräume der Kunst
Die Auflösung traditioneller Gattungsgrenzen hat neue Erfahrungsräume der Kunst hervorgebracht: Wenn wir Filme im Museum sehen oder im Theater auf Installationen treffen, wenn Musikaufführungen in einer Galerie oder choreographierte Walks im urbanen Raum stattfinden, wenn die Literatur filmische Räume oder eine Ausstellung Szenarien des Handelns entwirft, so wird nicht nur die Beziehung zwischen den Künsten, sondern auch das Verhältnis von Kunst, Raum und ästhetischer Erfahrung auf neue Weisen verhandelt. Dabei lässt sich dieses Verhältnis weder auf ein phänomenales Hier und Jetzt noch auf Begriffe wie Reflexion oder Kritik beschränken. Von Erfahrungsräumen der Kunst zu sprechen bedeutet vielmehr ein Sowohl-als-auch in den Blick zu nehmen, welches sich zwischen unterschiedlichen künstlerischen Praktiken, zwischen realem und gedachtem Raum, zwischen Immersion und Distanzierung, zwischen sinnlichem Erleben und gedanklicher Reflexion aufspannt. Sowohl als auch dazwischen versammelt Beiträge, die den Begriff des Erfahrungsraums in seinen unterschiedlichen Facetten als Ausdruck jener Komplexität konturieren, von der die Entgrenzung der Kunst gekennzeichnet ist. Mit Beiträgen von Maren Butte, André Eiermann, Kathleen James- Chakraborty, Kirsten Maar, Ari Benjamin Meyers, Kirsi Peltomäki, Julie Perrin, Jörn Schafaff, Julia H. Schröder, Gregor Stemmrich, Beate Söntgen, Christiane Voss, Julia Weber und Benjamin Wihstutz.