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Rhetorische Grundlagen, poetische Konzepte, philologische Metaphorik, 1700-2000
Author: Marcel Lepper
Die Konjunktur von Ressourcenfragen in den Philologien gibt Anlass, einen Schritt zurückzutreten und nach der älteren Metapher zu fragen: nach der rhetorischen, poetischen und philologischen »Quelle«.
Etabliert sich die »Quelle« als Terminus im engeren Sinne tatsächlich erst in den verwissenschaftlichten Philologien des 19. Jahrhunderts? Wie stark überlagert der romantische und postromantische Leitdiskurs alternative Quellenverständnisse? Je genauer man hinsieht, desto deutlicher erweist sich die Quellenmetapher als hintergründig, vielschichtig, problematisch. Wo verflacht die Rede von der Quelle in der Metaphernvergessenheit der Hilfswissenschaften? Wo wird das Versprechen der Unerschöpflichkeit zur Zumutung und Bedrohung? An welcher Stelle kommt das Ressourcenverständnis als Gegenszenario ins Spiel?
Poetologie(n) des Sterbens von 1968 bis heute
Die gesellschaftlich-politische Debatte um ein angemessenes, vielerorts so bezeichnetes „humanes“ Sterben spiegelt sich auch in literarischen Texten wider.
Die Literatur wird in diesem Zusammenhang zum Seismografen und Aushandlungsraum im Spannungsfeld zwischen individueller Erzählung, ökonomisierter Medizin, politischen Debatten und Fiktion. Die analysierten literarischen Texte loten aus, was es bedeutet, dass der Tod sich unserer Erfahrung entzieht, nehmen gleichwohl die Herausforderung dieser Darstellungsproblematik an und zeigen neue Ästhetiken und Schreibweisen des Sterbens auf.
Zweiundvierzigster Band 2020-2021
Das Hölderlin-Jahrbuch 42, 2020–2021 versammelt Beiträge zum 250. Geburtstag des Dichters, die angesichts der Pandemie jedoch nur geschrieben und nicht vorgetragen wurden.
Behandelt werden die Gedichte Heidelberg, Der Winkel von Hahrdt und Die Eichbäume sowie die Entwürfe Wie wenn am Feiertage … und Vom Abgrund nemlich. Hölderlins Beschäftigung mit Empedokles wird anhand der griechischen Quellentexte wie auch hinsichtlich ihrer Edition untersucht. Der Kosmopolitismus des Dichters, seine Auseinandersetzung mit dem Problem des Anfangs sowie die Rezeptionen von Heidegger und Paul de Man bilden weitere Schwerpunkte. Rezensionen einschlägiger Neuerscheinungen, ein Nachruf auf Jochen Schmidt und Nachrichten aus der Hölderlin-Gesellschaft beschließen den Band.
Dieses Buch untersucht erstmals die Frage des Pathos in Sebalds Selbstverständnis und Rezeption.
Es beleuchtet das Verhältnis zwischen Sebalds Stilideal der unpathetischen, leidenschaftslosen Rede und seiner Ethik der Mitleidenschaft, der Em-Pathie als Protest gegen politische A-Pathie. Pathos ist daher kein Verstoß gegen den guten „ethisch-ästhetischen“ Geschmack, sondern eine zentrale Dimension seines elegischen Werks im Zeichen der Shoah. Im Lichte von Aby Warburgs Begriff der Pathosformel, die die Ausdrucksintensität zugleich steigert und zähmt, werden Sebalds vieldiskutierter Gebrauch von dokumentarischem Material und Bildern, aber auch diskretere Motive wie Körpergebärden und die Bezüge zu Film, Theater und Oper als Formen des Pathos neu gelesen.
Der nationalsozialistische Vierjahresplan und der synthetische Kolonialismus in der deutschsprachigen Populärliteratur
In diesem Buch werden populäre Texte über Kunststoffe untersucht und neuartige Formen des deutschen Kolonialismus im Nationalsozialismus identifiziert.
Karl Aloys Schenzingers Roman Anilin ist nach Mein Kampf der zweitgrößte Bestseller der Jahre zwischen 1933 und 1945. Anders als Hitlers Autobiografie ist der Roman über die Geschichte der Farbstoffchemie, den Millionen Menschen gelesen haben, bisher kaum erforscht. Alexander Wagner rekonstruiert anhand von Anilin und anderen populären „Büchern mit Stoffbezug“, deren Thema die synthetischen Stoffe, Kunstfasern, Medikamente und vieles andere sind, wie durch diese Stoffe ein neues Verhältnis zum eigenen Raum entsteht, der auf neue Weise als „fremd“ wahrgenommen werden kann. Wagner identifiziert in der Propaganda zur NS-Wirtschaftspolitik eine Fortsetzung des deutschen Kolonialismus ohne Kolonien. Damit wird eine Lücke in der deutschen Kolonialgeschichte zwischen „Platz an der Sonne“ und den Angriffskriegen des Zweiten Weltkriegs geschlossen.
Author: Bettine Menke
Der Witz ist ein Rede-Ereignis, wie seine unkalkulierbaren Effekte zeigen. Seine sprachlichen Operationen bringen Einfälle wie Zufälle oder Unfälle hervor.
Um 1800 handelte es sich noch um den Witz, „den der Witzige hat“, seit dem 19. Jahrhundert um den, „den er macht“ (Freud). Gelesen werden Texte von Jean Paul bis Freud (sowie Gracián, Kleist, Sterne, Schlegel, Joyce), dort also, wo es mit der poetologischen und philosophischen Dignität des Witzes weitgehend vorbei ist. Er ist mit Jean Paul eine Kraft, die in ihrer Beschreibung nicht aufgeht. Sie manifestiert sich in sprachlichen Relationen, die bis auf die schriftlichen Marken zurückgehen, die in den Wörtern lauern. Mit Freud kommt er als sozialer Vorgang in den Blick, der Ereignischarakter der witzigen Äußerung als Verwicklung des Anderen ins Geschehen, dessen Medium das Lachen ist.
Erinnerung – Projektion – Subjektivierung
Charlotte Schleiffer widmet sich der von der Forschung bislang weitestgehend unbeachteten Konjunktur literarischer Freundschaft.
Ob bei Marion Poschmann oder Uwe Timm, Elena Ferrante oder Sigrid Nunez, Bodo Kirchhoff oder Nina Bußmann: Im Gegenwartsroman muss das Alter Ego sterben oder verschwinden. Freundschaft und Schreiben als interdependente Praktiken begreifend, untersucht die Arbeit, wie die zurückbleibenden Erzähler die Lektüre der Freundesspuren und das Schreiben des Freundeslebens als Fallgeschichte zwischen Wahrheitssuche und Fiktionalisierung, Selbsthermeneutik und Selbstsorge betreiben. Aus wissenspoetologischer bzw. historischer Perspektive wird zudem die Diskrepanz zwischen den in Philosophie und Belletristik entworfenen Freundschaftsbildern sowie die erstaunliche Stabilität zahlreicher literarischer Erzählmuster und Motive eruiert: Welches ethische und anthropologische Wissen enthält der Freundschaftsroman?
Poetik und Episteme des Wahns vor 1800
Der Wahn vor der Zeit des Wahnsinns war Wissensform und Mittel der Selbsterkenntnis, Begründung einer Poetik des Wirklichen und Bedingung von gesellschaftlicher Kommunikation.
Vor 1800, der Zeit vor dem Wahnsinn, ist im Begriff „Wahn“ die Perspektivität der Wahrnehmung, die Aspekthaftigkeit der Wirklichkeit und die Zeitlichkeit der Dinge gefasst. In Verbindung mit dem „Witz“, dem intellektuellen Scharfsinn, wird der Wahn zu einem Instrument des kreativen Imaginierens, der Erkenntnis und Weltdeutung sowie der Selbstreflexion. Sein Medium ist die Sprache, in erster Linie dann auch die verschriftlichte Sprache. So lässt sich eine Wahn-Poetik erkennen, die eng mit Imaginations- und Wirklichkeitskonzepten sowie Wissens- und Gesprächskulturen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit verbunden ist.
Lichtenbergs Schreibszene
Author: Rüdiger Campe
Im Mittelpunkt der Studie steht die Rekonstruktion des Schreibverfahrens in Lichtenbergs Sudelbüchern, in denen der Physiker, Philosoph und Literat von 1765 bis zu seinem Tod 1799 Notizen verschiedenster Art zusammentrug. Das „Buch, in das ich alles eintrage“, wird Schauplatz einer Evidenzerzeugung, wie sie zwischen Descartes und Kant Programm war. Im Schreibverfahren Lichtenbergs erreicht die Zeit der Evidenz einen Höhepunkt, sie stößt aber auch an ihre Grenze.
Ältere Arbeiten Campes sind in diesem Buch mit neuen zu einer in sich geschlossenen Studie zusammengefügt. Das methodische Konzept der „Schreibszene“, mit dem Autorschaft und Kreativität in Wissenschaft und Literatur neu zu durchdenken sind, wird an literarischen Aufsätzen und Experimentalberichten erprobt. Im Fokus stehen aber Lichtenbergs Sudelbücher: Hier ist exemplarisch zu beobachten, wie etwas, das wohl nie als Werk geplant war, für uns heute aber Lichtenbergs wichtigstes Werk darstellt, Gestalt annimmt.
Studien zur politischen Idee der Germanistik, 1806-1814
Author: Christian Lück
Viele namhafte Intellektuelle, Dichter, Juristen, Historiker, Philologen waren um 1800 von dem Gedanken besessen, dass ein deutscher Nationalstaat nur durch die Überwindung des »fremden« römischen Rechts und Wiederherstellung eines »einheimischen« Rechts erreicht werden könnte.
Noch 1846 hielt das spätere Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung Georg Beseler das Römische Recht für ein »Nationalunglück«. Damit schrieb er einen Gedanken fort, der mit Beginn der »Deutschen Bewegung« im 18. Jahrhundert vorgetragen wurde. Christian Lück untersucht den Diskurs von Justus Möser, der um 1770 Goethe und Herder wichtige Anregungen geliefert hat, über Savignys Historische Rechtsschule, die politische Romantik, Fichte, Kleist, Adam Müller, die Gebrüder Grimm bis zum Germanistentag 1846. Die Studien verstehen sich als Beitrag zur Gründungsgeschichte der Germanistik als historischer Wissenschaft des Deutschen.