Kapitel 4 Der rationale Blick

In: Die „krumme Bahn der Sinnlichkeit“
Author:
Evelyn Dueck
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4.1 Das kalte Auge (Johann Gottfried Herder)

Das unentdeckte Land, was wir suchen, ist kein Metaphysisches Wortgeschwätz: es ist innere Physik des Geistes, eine fruchtbare und nützliche Gegend in der Seelenlehre des Schönen, von welcher man viele neue Erdstriche wird übersehen können, wenn erst Bemerkungen und richtige Schlüsse uns in diese gebracht haben.1

In seinem Kommentar zu Johann Gottfried Herders posthum veröffentlichten „Vierten Wäldchen über Riedels Theorie der schönen Künste“, an dem Herder ab Januar 1769 erst in Riga und dann in Nantes arbeitet, ordnet Hans Adler die Schrift in die Erkenntnistheorie der Mitte des 18. Jahrhunderts ein:

Die grundlegenden Annahmen, dass menschliche Erkenntnis von den Sinnen ausgehe – ebendies meint das griechische ‚aisthesis‘, ‚sinnliche Erkenntnis‘ – und sich onto- und phylogenetisch entwickele, wird bis zu Herders Lebensende zum Grundbestand seiner Axiomatik gehören – Axiome, mit denen er sich sowohl vom Rationalismus Wolffscher Prägung als auch von Kants Transzendentalismus fundamental unterscheidet.2

Durch dieses sensualistische Axiom ist jedoch die Spezifik von Herders Epistemologie und Ästhetik nur ganz allgemein erfasst, und es zeichnet durchaus nicht deren Einzigartigkeit im Diskurs über die Sinne im 18. Jahrhundert aus. Auch die oft mit seinem Namen verbundene Umkehrung der Sinneshierarchie, die mit einer Abwertung des immer wieder als ‚kalt‘ bezeichneten Sehsinns einhergeht, ist nicht die zentrale Neuerung, die Herder in die Erkenntnistheorie einbringt.3 Seine Aufwertung des Tastsinns steht in einer langen Tradition, die schon im 17. Jahrhundert im Rahmen der Diskussion über die Größen- und Distanzwahrnehmung (vgl. Kap. 2.5) die Notwendigkeit des Tastsinns für wesentliche Aspekte der visuellen Wahrnehmung hervorhebt und von Condillacs Traité des sensations (1754) noch einmal aktualisiert wird.4 Mit der weitgehenden Anerkennung der mechanistischen Theorie der Sinnesempfindung rückt zudem das Funktionieren aller Sinne schon bei Descartes zumindest in die Nähe des Tastsinns.5 Die Aufwertung des Tastsinns bildet bei Herder folglich nur die letzte Konsequenz einer Theorie der Sinnesempfindung, in deren Ausformulierung sich entscheidendere Momente identifizieren lassen als die Umkehrung einer Hierarchie, deren Bedeutung für die Theorien der Sinnesempfindung im 17. und 18. Jahrhundert häufig überschätzt wird.

Diese Momente sind in Herders Frühwerk (1764–1778) jedoch nicht ganz leicht zu rekonstruieren.6 Herders Absage an eine systematische Behandlung des Themas spiegelt sich nicht nur in der Tatsache, dass es sich bei den zentralen Schriften zu diesem Thema um unveröffentlicht gebliebene, fragmentarische Texte handelt und die Begrifflichkeiten häufig uneinheitlich ausgearbeitet sind, sondern auch in der Wahl eines Schreibstils, der ganz grundlegend von einer oft polemischen Metaphorik geprägt ist.7 Dieser macht es schwer, die Inhalte und Positionen eindeutig herauszulesen.8 Sulzer äußert sich in einem Schreiben an Bodmer kritisch über Herders „wunderliche[] Schreibart“ und unterstreicht in einem Brief vom 12. Dezember 1774 an den Schweizer Arzt und Philosophen Johann Georg Zimmermann (1728–1795): „Herder hat Goethe verdorben und Goethe verdirbt hundert andere. Es scheint mir wichtig, daß man sich mit Ernst dem empfindsamen Unsinn der die Stelle der Vernunfft einnehmen will, wiederseze.“9 So sehr jedoch Herders Art des Schreibens bei älteren Zeitgenossen auf Ablehnung stößt, so sehr beeindruckt und beeinflusst es die jüngere Generation des sogenannten ‚Sturm und Drang‘, deren wichtigste Vertreter 1770 in Straßburg mit ihm zusammentreffen.10

Herders Theorie der Sinnesempfindung gründet sich auf Akzentverschiebungen in Mitte des 18. Jahrhunderts bereits bekannten und weitgehend anerkannten Thesen, in die Herder zwar nur wenige neue Gedanken einbringt, die er aber an einigen Stellen deutlich weiterdenkt und zuspitzt.11 Den physischen Sehvorgang beschreibt er in der mechanistischen Tradition als Bewegungsübertragung und verbindet diese mit der sensualistischen Ablehnung angeborener Ideen. Vor der ersten von außen auf das Neugeborene eintreffenden Bewegung habe dieses nur ein unmittelbares Gefühl des eigenen Körpers und die wie die Sinnesorgane angeborene Fähigkeit zur Empfindung, die Herder als den „erste[n] und wahre[n] sensus communis der Menschheit“ bezeichnet.12 Dieses erste Empfinden der eigenen Existenz fasst er auch als eine „dunkle Idee seines Ich, so dunkel als sie nur eine Pflanze fühlen kann […].“13 Das Adjektiv dunkel steht dabei bildlich für die Annahme, diese Empfindung des eigenen Körpers liege zeitlich vor der ersten von außen kommenden Sinnesempfindung. Herder bezeichnet sie – sowohl im ontogenetischen wie im phylogenetischen Sinne – als „Keim“ aller Empfindungen, Ideen und Begriffe.14 Ab dem Moment der Geburt träfen die ersten von den Sinnen aufgenommenen Bewegungen wie ein „gewaltsame[r] Stoß“ auf die Sinnesorgane und weckten, so Herder, das Neugeborene „aus einem tiefen Träume […].“15 Er charakterisiert diesen Eindruck in die Organe und Nerven als „eine Wiederholung von Schlägen; des Lichts im Auge, der Geruchsausflüsse im Geruch, der Luftschwingungen im Ohre […].“16 Die Organe selbst verhalten sich zu diesen Impulsen leidend.17 Im „Vierten Wäldchen“ beschreibt Herder den Vorgang als ein „abstrahiertes Verhältnis der Folgemomente“,18 deren quantitative Bestimmung dem Bereich der Naturforschung und Optik, nicht aber der Philosophie oder Ästhetik zugehöre.

Nur einige Seiten später will Herder es jedoch nicht bei dieser nüchternen Beschreibung des physischen Vorgangs belassen. Zwar unterstreicht er auch hier, die Sinnesorgane seien „nicht eigentlich das Werkzeug der Empfindung“, beschreibt ihre Aufgabe aber nun genauer:

Sie sind da, den Schall zu reinigen, zu verstärken, zu modifizieren; sie sind die kleine Welt, die aus dem, was bisher bloßes Geräusch, bloße Luftundulation war, den Ton nur erst zubereiten und gleichsam schmieden: sie sind, was Häute und Säfte im Auge sind, die das Bild brechen und in eine kleinere Welt schaffen, es nicht aber in sich halten und erklären. Was also der Physiker aus diesen Hörwerkzeugen erklären kann, ist Nichts, als was er in der großen äußern Welt im Großen vor sich findet: Körper, Schall. Von diesem kann er Stärke und Schwäche, Langsamkeit und Geschwindigkeit erklären; aber noch immer als Schall, als Körper. So bald aus dem Körper, dem Schalle, eine einfache Linie, der Ton, geworden: so verschwindet er ihm tief in die Seele, und er kann nicht von ihm, was man hier will, Innigkeit, Art, Verschiedenheit, Wohlgefälligkeit erklären, so wenig sich das Geheimnis des Sehens und irgend eines andern Sinnes bisher noch vom Naturforscher als solchem, erklären läßt.19

Ohne auf diese Vorgänge genauer einzugehen, nimmt Herder also an, die Sinnesorgane veränderten die von außen eintreffenden Bewegungen so, dass sie durch die Nerven weiter ins Gehirn geleitet werden können. Hierbei spielen die Aspekte der Auswahl und Reduktion der Impulse eine wichtige Rolle, da beispielsweise das Ohr den im Geräusch untergehenden Ton ‚reinigt‘ und so verstärkt, dass er als Einzelner überhaupt wahrgenommen werden kann.20 Welche Impulse den Menschen träfen, sei von seiner Verortung in Raum und Zeit abhängig, „die ihm seine Lage im Weltall jetzt veranlasset.“21

Die Wirkung und Deutung des Tones, Bildes oder Geruchs sowie seine Speicherung im Gedächtnis verweist Herder in den Bereich der geistigen Empfindungsfähigkeit und grenzt den Zuständigkeitsbereich des Optikers, Anatomen oder Naturforschers klar von demjenigen des Philosophen und Ästhetikers ab. Die entscheidenden, Herder interessierenden Aspekte der Sinnesempfindung betreffen den Umgang der seelischen oder geistigen Empfindungsfähigkeit mit den körperlichen Bewegungen, die „innere Physik des Geistes“.22 Auf der Basis der sensualistischen Zurückweisung angeborener Ideen geht er davon aus, dass die von außen kommenden Bewegungen nicht mit bereits im Geist vorhandenen Ideen abgeglichen werden, sondern in einem zeitlichen Prozess von einem ersten Impuls ausgehend gebildet werden müssen.23 Da dieser Prozess von den jeweiligen deiktischen Bedingungen abhängig ist, nimmt Herder sich vor, die einzelnen Schritte verallgemeinernd anhand der Fiktion eines ersten Menschen zu beschreiben: „Wir nehmen eine mittlere Größe, und treten in die ersten Zeiten zurück, da der Mensch ein Phänomenon unsrer Welt wurde […].“24 Mit der ersten durch die Sinnesorgane weitergeleiteten Bewegung werde, so Herder, die Aufmerksamkeit des ersten Menschen geweckt. Schon vom zweiten Impuls an beginne er, durch den Vergleich diese beiden Impulse zu unterscheiden. Nach und nach entstünden aus diesem Abgleich einzelne Ideen und durch ihre Verallgemeinerung Begriffe:

[D]ie ersten Begriffe von den Körpern, z. E. ihre Undurchdringlichkeit, Farbe, Figur, wie haben wir sie erlangt? unmittelbar durch ein einzeln Gefühl? Nichts minder! durch viele einzelne Gefühle, durch das lange Gegeneinanderhalten derselben, durch Vergleichung, und Urteil, bloß dadurch lernten wir sie bis zur Überzeugung.25

Herder verweist hier auf Cheseldens Bericht über die Kataraktoperation und bezeichnet die Bildung erster Begriffe als mühevollen Lernprozess („Tätigkeit des Entwickelns“),26 der jedoch dem menschlichen Streben nach Vollkommenheit entspreche und damit auch angenehme Gefühle hervorrufe.27

Wie John Locke stützt sich Herder bei seiner Beschreibung des Lernvorgangs nicht nur auf die erst zu interpretierende quantitative Abfolge von Bewegungsimpulsen im Körper, sondern auch auf die Unzulänglichkeit des retinalen Bildes. Die Wahrnehmungen von Größen, Distanzen und Bewegungen seien „spätgefaßte Urteile“, „Folgesätze aus vielen, anfangs verfehlten, und noch oft fehlenden Schlüssen“,28 die dem Menschen nach einer Weile als unmittelbare und verlässliche Vorstellungen der äußeren Welt erschienen (Herder bezeichnet sie als „unentbehrliche Hypothesen“).29 Die Notwendigkeit dieses Lernprozesses lässt sich aufgrund der Zweidimensionalität des retinalen Bildes besonders eindrücklich am Beispiel des Sehsinns aufzeigen. Mit dem Auge allein sehe der Mensch, so Herder, nur farbige Flächen.30 Dies sei durch die optische und anatomische Forschung und nicht zuletzt durch Cheseldens Bericht bereits nachgewiesen und lasse sich auf die onto- und phylogenetische Entwicklung der anderen Sinnesempfindungen übertragen:

Der Blinde, der das Gesicht bekam, sah alle Gegenstände, wie eine große kolorierte Bilderfläche unmittelbar auf seinem Auge liegen: eben so sehen Kinder: eben so würden wir auch sehen, wenn wir nicht durch lange Erfahrung diese Fläche gleichsam vom Auge weiter weggerückt, und von der verschiednen Entfernung der Dinge Begriffe erlanget hätten. Durch das Gesicht unmittelbar erlangen wir diese also nicht: alles malet sich, nur mit verschiedner Größe auf eine Retina. Der weite sich vor uns herabsenkende Himmel, und der entfernte Wald, und das nähere Feld, und das vorliegende Wasser, alles ist ursprünglich Eine Fläche.31

Herder sieht die Notwendigkeit eines sinnlichen Lern- und Gewöhnungsprozesses als erwiesen an. Er referiert damit Annahmen, die sowohl im französisch- wie im englisch- und auch dem deutschsprachigen Raum weit verbreitet sind und von seinen Zeitgenossen kaum substanziell in Frage gestellt werden. Namentlich verweist Herder auf Wolff, Baumgarten, Sulzer und Mendelssohn, aber auch auf den irischen Politiker und Philosophen Edmund Burke (1729–1797), dessen Schrift A Philosophical Enquiry into the Origin of our Ideas of the Sublime and Beautiful 1757 erscheint.32 In seinem Reisejournal unterstreicht er mit Verweis auf das „Vierte Wäldchen“: „Ich habe z. E. etwas über die Aesthetik gearbeitet, und glaube, wahrhaftig neu zu seyn; aber in wie wenigem? In dem Satze, Gesicht sieht nur Flächen, Gefühl tastet nur Formen: der Satz aber ist durch Optik und Geometrie schon bekannt und es wäre Unglück, wenn er nicht schon bewiesen wäre.“33

Anders als die genannten Autoren entwickelt Herder jedoch die sensualistische Grundannahme von einem zeitlich ablaufenden sinnlichen Lernprozess sowohl auf der Ebene des individuellen Lebens als auch auf derjenigen ganzer Völker und Bevölkerungsschichten in einigen Punkten zu den wesentlichen Charakteristika seiner Theorie der Sinnesempfindung und Ästhetik weiter.34 Der erste zentrale Aspekt besteht in der klaren Umformulierung des Lernprozesses zu einem Gewöhnungs- und Automatisierungsprozess. Im Jahr der Entstehung des „Vierten Wäldchens“ findet sich dieser Gedanke bereits im Hauptwerk des schottischen Mediziners William Porterfield, den Herder jedoch nicht zitiert und vermutlich nicht rezipiert hat.35 Anders als Porterfield stützt sich Herder nicht auf die anatomische Untersuchung der Augenmuskulatur, sondern leitet seine Überlegungen aus den ihm bekannten Beschreibungen des physischen Sehvorgangs her. Er geht davon aus, dass die geistige Fähigkeit zur Sinnesempfindung durch den Vergleich einzelner Sinnesimpulse Empfindungen, Ideen und schließlich Begriffe entwickelt. Diese gewinnt sie im Wesentlichen durch den Vergleich mit anderen, bereits im Gedächtnis gespeicherten Empfindungen. Die einzelnen Schritte dieses Prozesses würden aber, so Herder weiter, nicht jedesmal bewusst wiederholt, sondern der Mensch gewöhne sich mit der Zeit an eine bestimmte, dann automatisierte Deutung: „[W]ir lassen Mittelglieder aus, und der Schluß scheint ein simples Urteil: wir verdunkeln den Zusammenhang der Begriffe und das Urteil scheint unmittelbare Empfindung.“36 Der Vorteil dieser Automatisierung liegt in der den Alltag erleichternden Schnelligkeit des Urteils. Den Nachteil sieht Herder in dem täuschenden Eindruck, es handle sich jedes Mal um eine unmittelbare Empfindung der äußeren Welt:

Die ersten Begriffe von Farbe, Figur, Weite der Körper lernten sich bloß durch ein langes Gegeneinanderhalten einzelner Empfindungen; allein eben durch das lange Gegeneinanderhalten, wurden sie uns geläufig: die Mittelglieder zwischen ihnen verdunkelten sich: sie blieben als simple unmittelbare Empfindung, und so nehmen wir sie im Gebrauch, im Übersehen der Anwendung, in der fertigen, schnellen unbemerkenden Gewohnheit.37

Die Aufgabe des Philosophen sei es, dieser Täuschung nicht – wie Herder dies Riedel vorwirft – zu unterliegen, sondern die einzelnen Entwicklungsschritte zu kennen und zu beschreiben, selbst wenn dies dem erwachsenen Menschen schwerfalle: „[A]lles hat sich also in einen Knoten verwickelt, oder vielmehr, die mancherlei Fasern so fest in einen Faden zusammengewebt, daß es würklich, wenn man ihn nicht genau zerteilt, als ein einfacher Staubfaden das Auge betriegen kann.“38 Herder macht dabei keinen Unterschied zwischen den Sinnesempfindungen, den Leidenschaften und dem Denken, die er übereinstimmend als Gewöhnungsprozesse beschreibt:

Alle diese Ideen sind im ersten Zustande unsers Hierseins Entwicklungen unsrer innern Gedankenkraft; weil sie aber alle der Form ihrer Entwicklung nach dunkel sind: so bleiben sie, als Empfindungen, auf dem Grunde unsrer Seele liegen, und falten sich so nahe an unser Ich, daß wir sie für angeborne Gefühle halten.39

Obgleich die einzelnen Schritte dieses Gewöhnungsprozesses mit der Zeit immer weniger bewusst sind, prägen sie nach Herder nicht nur das Empfinden, das Denken und die Sprache jedes Menschen,40 sondern auch dasjenige ganzer Bevölkerungsgruppen und Völker, da der Weg zu einer „Gewohnheit der Augen“41 von der deiktischen Verortung jedes Einzelnen ebenso abhängt wie von der mit ihr eng verbundenen soziokulturellen Umgebung: „Sind nun diese Werkzeuge auf eine besondre Art beschaffen, so muß auch die daraus entspringende Denkart besonders gebildet sein: und dies kann also die erste Quelle von der Verschiedenheit der Begriffe und der Empfindung sein.“42 Herder erklärt diese „innere Verschiedenheit“43 der Menschen auf individueller Ebene außerdem mit der Beschaffenheit des Körpers und der Anzahl der funktionierenden Sinnesorgane ebenso wie (diachron) mit den Lebensumständen während der Kindheit.44 Die Unterschiede seien so zwar vielfältig, könnten jedoch für jeden Einzelnen retrospektiv als Folge eines schrittweisen Gewöhnungsprozesses zurückverfolgt und erklärt werden.45 Herder nimmt an, dass sich diese individuellen und ganze Völker prägenden Umstände auch für verschiedene soziale Schichten und Berufsgruppen (Musiker, Maler) spezifizieren lassen: „Der sensus communis des Grönländers und des Hottentotten ist er in Absicht auf Gegenstände und Anwendung der unsrige? und der sensus communis des Landverwalters der eines Gelehrten?“46 Entscheidend sei die von den Lebensumständen geprägte alltägliche Benutzung der Sinne, die Herder mit Gedanken der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verbreiteten Klimatheorie und Physiognomik verbindet, die Menschen abhängig von ihrer physischen Gestalt oder der Beschaffenheit ihrer Umgebung bestimmte geistige Eigenschaften zu- oder (meist) aberkennt.47

Herder nimmt in diesem Zusammenhang die im 17. Jahrhundert breit diskutierte Frage über die Qualität der Sinnesorgane von Tieren auf (vgl. Exkurs I): „Alle Tiere beinahe, und die meisten Wilden übertreffen uns an der Stärke der Sinne unendlich […].“48 Wirft für die frühen Sensualisten diese Feststellung die Frage auf, ob von den besseren Sinnesorganen auf eine vernünftige Seele der Tiere geschlossen werden müsse, zieht Herder Mitte der 1760er Jahre einen beinahe gegenteiligen Schluss:

[U]nser Körper wird um so viel stumpfer, je mehr man insonderheit in den Jahren des Wachstums, in welchen sich die Nerven zur Empfindung ausbilden sollen, gleichsam der Abstraktion verlobt wird. Der Wilde hingegen, dem Jagd und Furcht von Jugend auf seine Sinne üben, bekommt von den Gesellschaftern, mit denen er so viel Gleichheit hat, auch etwas von ihrer scharfen Sinnlichkeit […].49

Gerade die besseren Sinne der Tiere beschränkten diese auf das Leben in einer räumlich begrenzten, von den Sinnen bis ins Detail erschlossenen Gegenwart, in der es vor allem zu überleben gelte. Die tägliche Erfahrung der Jagd oder der Flucht schärften die Sinne der Tiere und richteten ihr Empfinden auf das Hier und Jetzt aus. Mit Verweis auf Hermann Samuel Reimarus’ (1694–1768) Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere (1760) unterstreicht Herder: „‚Jedes Tier hat seinen Kreis‘, in den es von der Geburt an gehört, gleich eintritt, in dem es lebenslang bleibet, und stirbt: nun ist es aber sonderbar, ‚daß je schärfer die Sinne der Tiere, und je wunderbarer ihre Kunstwerke sind, desto kleiner ist ihr Kreis: desto einartiger ist ihr Kunstwerk.‘“50 Die im Vergleich schwächeren Sinne des (europäischen) Menschen ließen hingegen auf ein Leben schließen, in dem das physische Überleben nicht (oder nicht so stark) von der Qualität der individuellen Sinne abhänge. Sein Empfinden sei damit weniger nach außen gerichtet. Es könne in Zeit und Raum abschweifen und sich dem eigenen Inneren ebenso wie einem weiteren Horizont zuwenden. Der Mensch gewinne dadurch „‚mehrere Helle‘“:51

Der Mensch hat keine so einförmige und enge Sphäre, wo nur Eine Arbeit auf ihn warte: – eine Welt von Geschäften und Bestimmungen liegt um ihn – Seine Sinne und Organisation sind nicht auf Eins geschärft: er hat Sinne für alles und natürlich also für jedes Einzelne schwächere und stumpfere Sinne […].52

Die weniger starken Sinne des (europäischen) Menschen seien damit keine Schwäche, sondern charakteristisch für das Menschsein an sich, da erst durch diese Schwäche die Entwicklung des Verstandes und der (über einzelne Laute hinausgehenden) Sprache in Gang komme.53 Herder sieht so neben oder sogar zeitlich vor dem Verstand die Besonnenheit als entscheidendes angeborenes Charakteristikum des Menschen („die Naturgabe seiner Gattung“),54 eine Überlegung, die er in seiner Preisschrift „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ (1770) ausführt:

Wenn der Mensch Triebe der Tiere hätte, er das nicht haben könnte, was wir jetzt Vernunft in ihm nennen; denn eben diese Triebe rissen ja seine Kräfte so dunkel auf einen Punkt hin, daß ihm kein freier Besinnungskreis ward. Es mußte sein, daß – Wenn der Mensch Sinne der Tiere, er keine Vernunft hätte; denn eben die starke Reizbarkeit seiner Sinne, eben die durch sie mächtig andringenden Vorstellungen müßten alle kalte Besonnenheit ersticken. Aber umgekehrt mußte es auch nach eben diesen Verbindungsgesetzen der haushaltenden Natur sein, daß – Wenn tierische Sinnlichkeit und Eingeschlossenheit auf einen Punkt wegfiele: so wurde ein ander Geschöpf, dessen positive Kraft sich in größerm Raume, nach feinerer Organisation, heller, äußerte: das abgetrennt und frei nicht bloß erkennet, will und würkt, sondern auch weiß, daß es erkenne, wolle und würke. Dies Geschöpf ist der Mensch und diese ganze Disposition seiner Natur wollen wir, um den Verwirrungen mit eignen Vernunftkräften u. s. w. zu entkommen, ‚Besonnenheit‘ nennen.55

Die Besonnenheit ist für Herder kausal mit den schwächeren Sinnen des Menschen verbunden. Er deutet beide graduell als ein zu gewinnendes Maß an Freiheit.56 Je schwächer die Sinne arbeiteten, desto mehr entferne sich der erwachsene Mensch von den „Kindern, und dem Volk der Sinne“, zu denen Herder auch Frauen und Kranke zählt.57 Desto mehr entwickle er seine ihm eigene Sprache:

Bei jedem Tiere ist, wie wir gesehen, seine Sprache eine Äußerung so starker sinnlicher Vorstellungen, daß diese zu Trieben werden: mithin ist Sprache, so wie Sinne, und Vorstellungen und Triebe angeboren und dem Tier unmittelbar natürlich. Die Biene sumset, wie sie sauget; der Vogel singt wie er nistet – aber wie spricht der Mensch von Natur? Gar nicht!58

Die Entwicklung und Vermittlung der Sprache ergibt sich für Herder notwendig aus der körperlichen Schwäche des Menschen und wird diesem – im Gegensatz zu den Tieren – damit charakteristisch.

Im ersten Moment erscheint es vor diesem Hintergrund erstaunlich, wie stark Herder das Auge und den Sehsinn bereits in den frühen Schriften der 1760er und 1770er Jahre abwertet. Ausgehend von seiner Kenntnis der Anatomie und Optik scheint das Auge einigen entscheidenden Kriterien der für den Menschen charakteristischen Sinnlichkeit zu entsprechen: Zum einen überschaut der Sehsinn einen weiten Horizont und ist – im Gegensatz zum Tast- oder Geschmackssinn – nicht auf einen kleinen Radius eingeschränkt; zum anderen zeigt gerade das retinale Bild, in welchem Ausmaß die Sinnesempfindung auf einem Lern- und Gewöhnungsprozess beruht und so nicht nur Herders sensualistische Grundannahme veranschaulicht, sondern sich auch in eine rationalistische Terminologie einfügt, die auch Herder weiter verwendet:

Gegenstände des Gesichts sind am klärsten, am deutlichsten: sie sind vor uns; sie sind außer und neben einander: sie bleiben Gegenstände, so lange wir wollen. Da sie also am leichtesten, am klärsten, und wie man will, zu erkennen; da ihre Teile der Auseinandersetzung fähiger sind, als jeder andre Eindruck; so ist bei ihnen also die Einheit und Mannichfaltigkeit, die Vergnügen würkt, am sichtbarsten, und da ist der Begriff des Worts ‚Schön, Schönheit!‘59

Zudem ermöglicht das Sehorgan eine anthropologische Fundierung seiner kulturgeschichtlichen Überlegungen. Das Auge müsste demnach das für die Beschreibung des Menschen anhand der Stichworte Freiheit, Progression, Besonnenheit, Verstand und Sprache geeignetste Sinnesorgan sein.60 Früh bezeichnet es Herder jedoch metaphorisch als kalt und kehrt die Sinneshierarchie zugunsten des Tastsinns um. Er gibt hierfür im „Vierten Wäldchen“ drei Gründe an: Mit dem Auge empfindet der Mensch erstens nicht sich selbst, sondern die außerhalb seines Körpers liegende Welt; diese Empfindung wird zweitens von Lichtstrahlen übertragen, die nur schwach auf die Sehnerven wirken beziehungsweise nur im Fall der Blendung von (unangenehmen) Gefühlen begleitet sind; und drittens führt die große Anzahl der sichtbaren Objekte zu einer weiteren Abschwächung des Eindrucks, da die Aufmerksamkeit des Sehenden beständig abgelenkt wird.61 Die Objekte des Auges wirken also nur schwach auf den menschlichen Körper, ein Aspekt, den bereits Sulzer hervorgehebt (vgl. Kap. 3.5). Die visuellen Sinnesempfindungen sind demnach kalt, weil sie im Menschen – anders als Töne oder Gerüche – keine starken Empfindungen auslösen:

Das Schöne des Auges ist kälter, mehr vor uns, leichter aus einander zu setzen, und bleibt ewig da, um sich finden zu lassen; die Wollust der Tonkunst liegt tief in uns verborgen; sie würkt in der Berauschung: sie verschwindet und läßt eine so kurze Spur nach, als das Schiff im Meer und der Pfeil in der Luft, und der Gedanke in der Seele.62

Herder fügt dieser Überlegung seine Kenntnis des retinalen Bildes hinzu und schließt von dessen Zweidimensionalität auf einen – metaphorischen – Mangel an Tiefe und Tiefenwirkung und damit auf die Oberflächlichkeit des Sehens: „Er ist ein Begriff eigentlich von Flächen, da wir das Körperliche, Wohlförmige, und das solide Gefällige nur eigentlich mit Beihülfe des Gefühls erkennen, und mit dem Gesicht nur Plane, nur Figuren, nur Farben; nicht aber unmittelbar körperliche Räume, Winkel und Formen sehen können.“63 Obgleich Herder mit diesen Überlegungen an bereits anerkanntes Wissen anschließt, zieht er hieraus nicht die ebenfalls bereits weitgehend diskutierten Schlussfolgerungen. Zwar spricht auch er die Täuschungsanfälligkeit des Sehsinns an und macht die Notwendigkeit eines visuellen Lernprozesses zu einem wesentlichen Argument seiner Anthropologie, er leitet aus den physischen Gegebenheiten des retinalen Bildes jedoch vor allem die negative Bewertung des Sehsinns ab. Das Auge liefere einen zweidimensionalen und damit oberflächlichen, künstlichen Abdruck der äußeren Welt, der erst mühsam und mithilfe des Tastsinns zu einer räumlichen Wahrnehmung entwickelt werden müsse, die jedoch immer eine indirekte Täuschung bleibe.64 Das Auge ist bei Herder also nicht nur ein oberflächlicher Sinn, sondern es wird als Sinnesorgan verbunden mit einer negativen Wertung auch intellektualisiert: „[E]s würkt nicht anders, als durch unablässiges Vergleichen, Messen, und Schließen […].“65 Das Auge eigne sich so zur philosophischen Überlegung („es ist der kälteste, philosophischte der Sinne“),66 die Herder in der Tradition Wolffs als deutliche, „aus einander setz[ende]“ Erkenntnis definiert,67 welche sich viel eher auf visuelle Impulse stützen könne als auf den Tast- oder Geruchssinn.68

Obgleich Herders Überlegungen zeigen, dass er um die Tatsache weiß, dass diese Arbeit des Vergleichens und Schlussfolgerns nicht im Auge vor sich geht, nutzt er einen Teil des optischen Wissens für die Ausarbeitung der eigenen Ästhetik. Er vernachlässigt dabei nicht nur seinen Thesen widersprechende Wissensinhalte, sondern nutzt auch die rhetorischen Mittel der Hyperbel und der Metapher, um seiner Argumentation Gewicht zu verleihen. Herders Bewertung des Sehsinns als „zu flüchtig, zu seicht, zu superfiziell“ scheint so für seine Leser im Organ selbst begründet zu sein.69 Dasselbe gilt für Herders hieraus abgleitete Theorie der Künste, in der er selbst seinen wesentlichen und innovativen Beitrag zur Ästhetik sieht.70 Auch hier reduziert er das Sehen auf die Eigenheiten des retinalen Bildes mit dem Ziel, nicht wie Lessing die Künste von ihren Medien, sondern von denjenigen Sinnesorganen aus zu denken, die bei der Rezeption hauptsächlich aktiv werden.71 Die Zweidimensionalität des Gemäldes findet sich so im retinalen Bild wieder, und der Sehsinn scheint physiologisch ungeeignet, die Schönheit einer räumlichen Figur unmittelbar zu empfinden und zu beurteilen.72 Wie das räumliche Sehen sei die perspektivische Zeichnung eine von der direkten Seherfahrung erst rational und schrittweise abgeleitete Täuschung:

Es fehlt noch Eins. Das Gesicht sieht eigentlich keine Entfernungen, keine Weiten; ihm liegt ursprünglich Alle Erscheinung auf Einer Fläche; die alte Malerei war ohne Zweifel eben so. Nur so wie wir durch Gefühl und Bewegung, Größen und Weiten und Entfernungen endlich schätzen lernen, und diese endlich dem Gesicht so zur Gewohnheit werden, daß es sie unmittelbar mit den Gegenständen selbst siehet: so hat auch die Malerei diesem Vorurteil des Gesichts nacheifern müssen, und da ist also die letzte künstlichste Wissenschaft geworden, die Perspektiv in ihren mancherlei Arten.73

Das Auge wird damit zu einem nachgeordneten Sinnesorgan. Herder geht so weit, es auch in der individuellen Entwicklung auf den Tastsinn folgen zu lassen.74 Dominierte in den sensualistischen Theorien die Annahme, das neugeborene Kind öffne zuerst die Augen und seine ersten Eindrücke seien visuell, argumentiert Herder, es habe den Tastsinn schon vor der Geburt im Mutterleib entwickelt. Das Auge folge später und sei erst nach einem längeren Lernprozess zuverlässig:

Das Gefühl ist gleichsam der erste, sichre und treue Sinn, der sich entwickelt: er ist schon bei dem Embryon in seiner ersten Werdung, und aus ihm werden nur mit der Zeit die übrigen Sinne losgewunden. Das Auge folgt nur in einiger Entfernung, und endlich die Kunst des Auges, Entfernungen und Weiten genau zu treffen, wie weit folgt die nicht?75

Aus diesen die Sinnesorgane und damit den menschlichen Körper betreffenden Überlegungen leitet Herder die drei wichtigsten Aspekte seiner Ästhetik ab: Erstens nimmt er an, dass jedem Sinnesorgan eine Kunstform gleichsam natürlich entspreche.76 Er schließt hieraus zweitens, dass nur dieses Organ in der Lage sei, die Schönheit und das ‚Wesen‘ des Kunstobjektes unmittelbar und richtig zu empfinden,77 was sich – so Herder – auch in der verwendeten Sprache der Kunsttheorie und Kritik niederschlagen solle,78 und drittens deutet er diese beiden Annahmen auch phylogenetisch, indem er eine Entwicklungsgeschichte der Künste entwirft, in der die Skulptur und die Musik (ebenso wie die Gefühlslaute) dem zweidimensionalen Bild (und der Sprache) vorausgehen.79 Hierfür muss Herder die einzelnen Sinne ausgehend von ihrer physischen Beschaffenheit viel klarer unterscheiden, als dies das zeitgenössische Wissen nahelegt. Symptomatisch für diese selektive Verwendung der Wissensinhalte ist, wie wenig sich Herder mit der Bewegungsübertragung hinter der Retina und in den Sehnerven beschäftigt.80 Er nimmt an, dass hier lediglich die einzelnen Impulse zu zählen seien und anhand dieser quantitativen Aussagen nichts über die Empfindung im Auge oder im Geist gesagt werden könne: „Hier kommts auf ein inneres, einfaches, würksames Gefühl an: der Physiker weiß nur von äußeren, zusammengesetzten Erscheinungen und von Bewegungen durch ihre Folgen.“81

Ulrich Gaier sieht in Herders Vorstellung einer geschichtlichen Entwicklung der Sinne und der Künste denjenigen Gedanken, der zwischen rationalistischen und irrationalistischen Tendenzen in Herders Schriften vermittle, die sich nur so nicht als Widerspruch, sondern als aufeinander folgende Entwicklungsmomente lesen ließen.82 Im Falle des Sehsinns zeigt sich das in dem, was man die Vorgeschichte des rationalen Sehens nennen könnte. Wie bereits gezeigt, geht Herder davon aus, dass das räumliche Sehen nach der Geburt erst erlernt werden müsse. Das Neugeborene ebenso wie Cheseldens ehemals Blinder sehen die Welt zuerst als auf dem Auge aufliegende Fläche, haben also keine Vorstellung von der Distanz, Figur und tatsächlichen Größe der gesehenen Objekte.83 Herder denkt sich dieses erste Sehen nach dem Modell eines Fernrohrs, welches entfernte Gegenstände um ein Vielfaches näher und größer erscheinen lässt. Die ersten visuellen Eindrücke liegen damit nicht einfach auf der Retina auf, sondern zeichnen sich dort um ein Vielfaches vergrößert ab:

Dem Kinde, das sehen lernt, kleben erst alle Gestalten im Auge: sie fangen sich an, zu entfernen, und was können sie sein? als – – kolorierte Riesenbilder. Der Blindgewesene Cheseldens sahe: er lernte unterscheiden, die Bilder vom Auge trennen, und sahe – – – Riesengestalten. Wir gehen in der Dämmerung, gleichsam in der Mitte zwischen stockfinstrer Nacht der Blindheit und dem Tage des Gesichts: wir können sehen, aber nicht klar, nicht deutlich: wir können weder Beschaffenheiten und Farben unterscheiden, noch Fernen und Zwischenräume messen – was sehen wir? einen nahen Baum für ein entferntes, auf uns zukommendes Riesengespenst, für ein furchtbares Ungeheuer. Das sind Irrniserfahrungen unsres körperlichen Gesichts, und wir werden sehen, auch unsrer Einbildungskraft, unsrer Seele. Welches sind die ersten Gestalten, die sich der Seele eines Kinder eindrucken, von dem die Rede ist? Riesenfiguren, übernatürliche Ungeheuer. Noch weiß die empfindende Einbildungskraft des Unmündigen kein Maß der Wahrheit, das bloß durch ein langes Urteil entstehet. Die ersten Eindrücke liegen also noch alle gewaltsam in ihr, da sie sie nicht zu ordnen, und in den gehörigen Gesichtspunkt zurückzustellen weiß: sie erliegt unter denselben, wie unter übergroßen Mißgestalten, und wenn die Würkung derselben lange dauret, gewöhnet sie sich an sie, als an das Maß der Wahrheit. Daher kommt bei Kindern die Neigung zum Wunderbaren, und zu dem Märchenhaften, das sich so oft in Fratzen, in ein albernes Große verliert.84

Die zeitgenössische Optik bietet für diese Schlussfolgerung kaum eine Grundlage, und Herder zeigt an anderer Stelle, dass er sich durchaus bewusst ist, dass das retinale Bild aufgrund der Gesetze der Lichtbrechung immer – also auch beim Neugeborenen – ein verkleinertes Abbild der äußeren Welt darstellt.85 Für die Vorstellung eines ersten Zustandes des einzelnen Menschen ebenso wie ganzer Völker, in dem der Tastsinn und das intensive Empfinden (noch) dominant seien,86 eignet sich dieses mit den optischen Tatsachen übereinstimmende, verkleinerte Bild jedoch nicht. Finden kann Herder diese Auffassung allerdings bereits im zweiten Band von Condillacs Traité des sensations (1754), der sich wiederum auf Cheseldens Bericht stützt.87 Der französische Philosoph geht dort davon aus, dass das retinale Bild der Statue nicht nur direkt auf dem Auge aufliegt, sondern auch riesig erscheint, da es die gesamte Fläche der Retina bedeckt:

Cette surface lumineuse est égale à la surface extérieure de l’œil: elle est, par conséquent, fort étendue. Mais c’est tout ce que voit la Statue; & ses yeux n’appercevant rien au-delà, elle n’imagine pas comment quelque chose pourroit lui paroître plus grand ou plus petit. Elle n’y démêle donc point de bornes, elle la voit immense.88

Anders als Condillac jedoch ordnet Herder das retinale Bild dem Narrativ eines aufklärerischen Entwicklungsstrangs unter, der von dem starken, unmittelbaren visuellen Empfinden, welches dem Tastsinn nahesteht, zu einem schwachen, rationalen und kalten Sehen führt. Nach einer Phase der „Betäubung“ habe der ehemals Blinde die visuellen Gegenstände nach und nach als entfernte, verkleinerte und schwächer wirkende Objekte interpretieren gelernt. Herder legt dem Jungen gar eine Enttäuschung über diesen nun rationalen Zugang zur Welt und eine nostalgische Faszination für das vorrationale Empfinden in den Mund:

Der Blindgewesene, der voraus Alles durchs Gefühl erkannte, muß, wenn die erste Zeit der Betäubung vorbei ist, da Alles als Riesengestalt in seinem Auge lag, seine Gegenstände durchs Auge gleichsam kleiner und dürftiger finden, als sie ihm durch das Gefühl schienen. Durch dieses unterschied er an ihnen mehr Teile und Beschaffenheiten während seiner Blindheit: er empfand sie in ihrer ganzen Völligkeit und Vollständigkeit; jetzt, da die erste übertäubende Klarheit des blendenden Lichts vorbei ist, siehet er an ihnen, im Vergleich des vorigen Gefühls, nichts als eine unvöllige magre Fläche, nichts als ein schmächtiges Bild, in welches ihre volle Gestalt eingeschrumpft ist.89

Diese Faszination für eine intensive sinnliche Ursprünglichkeit, die hier sogar den Sehsinn umfasst, spiegelt sich bei Herder in einer immer wieder wortreich unterstrichenen Stärke der Sinnesempfindung. Die Sinne gehen dem Verstand zeitlich voraus und behalten so auch beim erwachsenen Menschen eine größere Intensität und Bedeutung: „Man denke sich die Integralteile der Menschlichen Seele körperlich, und sie hat, wenn ich mich so ausdrücken darf, an Kräften mehr spezifische Masse zu einem sinnlichen Geschöpf, als zu einem reinen Geiste: sie ist also einem Menschlichen Körper beschieden; sie ist Mensch.“90 Herder untermalt dies mit Adjektiven wie ‚stärker‘, ‚größer‘, ‚früher‘, ‚lebhafter‘ und der Annahme, die sinnlichen Kräfte überstiegen die geistigen auch aufgrund des „große[n] Reichtum[s] ihrer Zuströmungen […].“91

Unsre Kindheit ist ein dunkler Traum von Vorstellungen, so wie er gleichsam nur auf das Pflanzengefühl folgen kann; aber in diesem dunkeln Traume würkt die Seele mit allen Kräften. Sie ziehet, was sie erfasset, scharf, und bis zur innersten Einverleibung in ihr Ich zusammen: sie verarbeitet es zum Saft ihrer Kraft: sie windet sich immer allmählich aus dem Schlafe empor und wird sich Zeitlebens mit diesen früh erfaßten Traumideen tragen, sie alle brauchen, und gleichsam daraus bestehen. Sich ihres Ursprungs aber erinnern? deutlich erinnern? wie könnte sie das?92

Der Erwachsene erinnere sich nur ganz selten an diese ersten Vorstellungen und schrecke, so Herder, vor ihrem starken Eindruck zurück.93 Diese „ersten Phantasien“ seien es jedoch, welche die Persönlichkeit des Einzelnen, seine Vorlieben und Leidenschaften bestimmten, also auch denjenigen Teil der menschlichen Erfahrung, der nicht zu Begriffen weiterenwickelt worden sei.94 Herder bezeichnet diese „Tausenden […] dunkle[n] Ideen“ als den „dunkle[n] Grund in uns“, der sich „oft gegen später erlernte Wahrheit, und hellere, aber schwächere Überzeugung, gegen Vernunft und Willen und Gewohnheit“ sträube.95 Im „Vierten Wäldchen“ bleibt es allerdings bei einer Faszination für diese vorrationale Sinnlichkeit. Mit Verweis auf Rousseau unterstreicht Herder, dass es ihm weder im individuellen noch im gesellschaftlichen Leben um ihre Wiederherstellung gehe. Ziel sei allein das Zurechtrücken der ästhetischen Theorie und Praxis im Rahmen der Beurteilung von Skulpturen, die Herder in Abgrenzung zur Malerei als „fühlbar schöne Körper“ definiert:96

Ich will keine neue Regeln geben, wie der Sinn des Gefühls, der so sehr vom Gesichte verkürzt und verdrängt ist, wieder in seine alten Rechte zu setzen sei, damit man zwar langsamer aber sicherer zum Begriff körperlicher Wahrheit komme. Hier hat Roußeau, wie ich glaube, schon geredet, und das wäre hier nicht am rechten Ort; ich mache nur eine Anwendung auf die Ästhetik, die einem großen Teile derselben, ganz andre Gestalt gibt. Alles nehmlich, was Schönheit einer Form, eines Körpers ist, ist kein sichtlicher, sondern ein fühlbarer Begriff; im Sinne des Gefühls also muß jede dieser Schönheiten ursprünglich gesucht werden.97

Auch in seiner Auseinandersetzung mit den sogenannten Volksliedern geht es Herder nicht um die Wiederherstellung der ursprünglichen Sinnlichkeit, sondern den Nutzen der Lieder für eine besonders auf die breitere Bevölkerung zielende Wirkungsästhetik und die Einladung an seine gelehrten Zeitgenossen, sich mit dieser ‚anderen‘ europäischen und außereuropäischen Kunstform zumindest zu befassen.98 In der (zunächst unveröffentlichten) Vorrede zum ersten Buch einer bereits 1773 fertiggestellten und bis auf Herders Zeit in Riga zurückgehenden, aber erst 1778/1779 in zwei Bänden erschienenen Sammlung von Volksliedern nimmt er an, dass die unteren Gesellschaftsschichten und Kinder dieser ersten Sinnlichkeit noch nahe seien („in den ersten Jahren gewissermaße Seele des Volks ist, nur sieht und hört, nicht denkt und grübelt!“)99 und somit die Lieder in der Volkserziehung einen größeren Einfluss ausüben könnten als die Vermittlung gelehrter Wissensinhalte, für deren Möglichkeit die Volkslieder jedoch die Grundlage legten:

Und nun sollte ich noch eine kleine Vergleichung etwa des Resultats machen, das aus einer sinnlichen, wenn auch einfältigen, aber sichern, kurzen, starken, Rührung- und Inhaltvollen Denkart eines Volks entspringt, wie sie etwa Gesänge der und besserer Art bilden können: und der hohen, Aetherischen, unsinnlichen, ganz Duft- Gewürz- und Moralvollen Erziehung, wie sie unsre aufgeklärtere Zeit gibt, und selbst schon bis auf den geringsten Pöbel darauf losstürmt. So viel ist immer gewiß, ein großer und der größte Teil unsres Wesens ist sinnliche Existenz: also auch Beschäftigung der Sinne und der stärksten sinnlichen Kräfte das Hauptstück der Erziehung des Volks und der Kinder. Abstraktion wird immer Zeit gnug kommen und selbst für sich sorgen: wenn nur ihr Grund in wahren Materialien gut gelegt ist.100

In seiner 1778 abgeschlossenen, aber erst 1781 veröffentlichten Preisschrift „Über die Wirkung der Dichtkunst auf die Sitten der Völker in alten und neuen Zeiten“ definiert Herder die Dichtung knapp als „älteste und nach der Erzählung das wirksamste Mittel zur Lehre, zum Unterricht, zur Bildung der Sitten für Menschen und Bürger.“101 Er stützt sich dabei auf die Vorstellungen einer besonderen Stärke der sinnlichen Empfindung, die von der poetischen Sprachverwendung gleich einem „Kanal“ vom Dichter an seine Leser weitergegeben werde und damit die Inhalte besonders wirksam und dauerhaft vermitteln könne.102 Herder sieht hierin die besondere Aufgabe der Dichtung, die er als „Sprache der Sinne und erster mächtiger Eindrücke, die Sprache der Leidenschaft und des allen, was diese hervorbringt, der Einbildung, Handlung, des Gedächtnisses, der Freude oder des Schmerzes“ von der wissenschaftlichen und philosophischen Sprachverwendung gleichsam physiologisch abgrenzt.103 Wie der Sinnesempfindung traut Herder auch der Dichtung eine stärkere und dauerhaftere Wirkung auf den Menschen und insbesondere auf den (ontogenetisch oder phylogenetisch) jungen „offne[n]“, „fühlen[den]“, „ahnden[den]“ Menschen zu: „Was auf ihn wirkte und wie es auf ihn wirkte, das wirkt fort, nicht durch seine, nicht durch willkürliche, hinangeflickte, konventionelle, sondern durch Naturkräfte.“104 Diese Kräfte seien, so Herder in einer weiteren 1779 entstandenen Preisschrift für die Bayerische Akademie der Wissenschaften, weder in der Dichtung noch in der Erziehung der Jugend ein Selbstzweck, sondern sollten mithilfe der schönen Wissenschaften die Grundlage der höheren Wissenschaften legen. Nur so sei gesichert, dass „Sinne und Leidenschaften, Phantasie und Neigung“ nicht zu den „größten Feinde[n] des Guten und der Wahrheit werden.“105

4.2 „Alles fließt“. Ein Ausblick

Im Jahr 1773 schreibt die Classe de Philosophie spéculative der Berliner Akademie der Wissenschaften eine Preisfrage über das Verhältnis des Erkennens und des Empfindens aus, die unter Federführung Sulzers die zentrale Aussage seiner 1763 erschienenen Akademieschrift „Observations sur les divers états où l’ame se trouve en exerçant ses facultés primitives, celle d’appercevoir et celle de sentir“ noch einmal aufnimmt (vgl. Kap. 3.5). Die Unterscheidbarkeit des Erkennens und des Empfindens wird in der Ausschreibung ebenso vorausgesetzt wie die Annahme, dass es sich bei ihnen um die grundlegenden Vermögen („facultés primitives“) der Seele handelt.106 In den einleitenden Sätzen der Preisfrage wird das Empfinden als die Fähigkeit der Seele definiert, sich mit ihrem eigenen Zustand zu beschäftigen und das Bedürfnis zu entwickeln, diesen Zustand entweder beizubehalten oder zu verändern. Vor diesem Hintergrund fragt die Akademie erstens nach einer genaueren Bestimmung der beiden Vermögen, zweitens nach ihrem Verhältnis („la dépendance réciproque […] la manière dont l’une influe sur l’autre“) und drittens nach ihrem Einfluss auf die Persönlichkeit und Eigenschaften eines Menschen.107 Schon vor der Einsendefrist am 1. Januar 1775 ist Johann Gottfried Herder sicher, dass seine im Dezember 1774 eingereichte Schrift den Preis nicht gewinnen wird. Am 24. Dezember 1774 schreibt er an den Astronomen Friedrich von Hahn (1742–1805): „Hier haben Sie, edler Freund, meine Abhandlung, wie ich sie der Akademie eingesandt u. wie sie den Preis nicht bekommen wird, soll u. darf.“108 In seinem Brief führt Herder für diese Einschätzung im Wesentlichen formale Gründe an. Der Text sei zu kurz und klammere den dritten Teil der Preisfrage vollständig aus.109 Aber nicht nur Herders, sondern auch keine der anderen Schriften wird von der Akademie prämiert und die Preisfrage in einer ausführlicheren Version am 1. Juni 1775 erneut ausgeschrieben. Die Akademiemitglieder erklären diesen Schritt mit der Feststellung, dass keine der eingereichten Schriften über bereits bekanntes Wissen hinausgegangen sei.110 Die Verschiebung der Preisverleihung um ein Jahr solle die Erarbeitung innovativer Zusätze zu den bereits eingereichten Schriften ermöglichen.111 Auch Herders daraufhin ausgearbeitete, weit ausführlichere Fassung seiner Schrift gelangt nicht unter die ersten vier von der Akademie (mit dem Preis oder mit einem Accessit) ausgezeichneten Einsendungen, obgleich er sie in zahlreichen Punkten an die Vorgaben der Akademie anpasst und dabei besonders Sulzer durch „taktische[s] Lob“ zu gewinnen hofft.112 Trotz dieser strategischen Überarbeitung ist sich Herder jedoch auch Ende 1775 sicher, dass seine Schrift den Preis nicht gewinnen wird. In einem Brief an Johann Georg Zimmermann vom 28. Dezember 1775 führt er hierfür nun auch einen inhaltlichen Grund an: „Ich kann den Preis nicht erhalten, denn ich habe das Gegentheil von dem bewiesen, was die Akademie will […].“113 Tatsächlich spricht sich Herder in seiner Preisschrift gegen die Unterscheidbarkeit des Empfindungs- und des Erkenntnisvermögens aus und kehrt deren Hierarchie zugunsten einer sensualistischen Epistemologie um.114 Er deutet jedoch auch eine Reihe weiterer, die Theorien der Sinnesempfindung des 17. und 18. Jahrhunderts prägende Thesen so stark um, dass sie mit dem Diskurs, aus dem sie hervorgegangen sind, nur noch wenig gemein haben.115 Diese Umdeutung – die besonders im Bereich der Physiologie nicht als Weiterentwicklung des zeitgenössischen Wissens gelten kann – zeigt sich bereits in den unveröffentlichten Preisschriften von 1774 und 1775, wird aber besonders augenfällig in der noch einmal überarbeiteten Fassung, die im Juni 1778 in Leipzig erscheint.116 Obgleich der Entschluss zu einer erneuten Überarbeitung erst 1777 und damit nach Herders Umzug nach Weimar fällt und er sich in der Zwischenzeit von der Akademie distanziert, lässt sich auf inhaltlicher Ebene eine klare Kontinuität in der Argumentation beobachten. Unter dem Motto „Est Deus in nobis!“ beginnt Herder die erste Fassung seiner Preisschrift mit den Sätzen:

Erkennen und Empfinden scheinet für uns vermischte, zusammengesetzte Wesen in der Entfernung zweierlei; forschen wir aber näher, so läßt sich in unserm Zustande die Natur des Einen ohne die Natur des andern nicht völlig begreifen. Sie müssen also Vieles gemein haben, oder am Ende gar Einerlei sein.117

Herder stellt so gleich eingangs die Unterscheidbarkeit des Empfindungs- und des Erkenntnisvermögens in Frage. Implizit betrifft dies das rationalistische Welt- und Menschenbild als solches, da Herder der Trennung von res cogitans und res extensa die Definition des Menschen als eines ‚vermischte[n] Wesen[s]‘ entgegenstellt. Dies spiegelt sich in der hierauf folgenden Umkehrung des für die Philosophie und Naturforschung des 17. und 18. Jahrunderts prägenden Verhältnisses von Sehen und Erkennen: Wer genau hinsieht, kann nach Herder das Gesehene nicht besser unterscheiden, sondern entdeckt, dass es sich bei der Unterscheidung selbst um eine optische Täuschung handelt. Erst aus der Nähe wird sichtbar, dass alles miteinander verbunden ist und diese Verbindung den vermischten Menschen in eine vermischte Welt einfügt.118 Herder setzt sich vor dem Hintergrund dieser Umdeutung oder dieses Blickwechsels mit allen wesentlichen Aspekten der zeitgenössischen Theorie der Sinnesempfindung auseinander.

Zu deren Grundlage gehört seit Beginn des 17. Jahrhunderts die klare Unterscheidung des seelisch-geistigen Empfindens von den körperlichen Vorgängen der Sinnesempfindung. Seit Descartes dominiert die Auffassung, diese physischen Vorgänge ließen sich als passive Übertragung von Bewegungsimpulsen beschreiben, die als Eindruck vom retinalen Bild über die Sehnerven in das Gehirn übertragen würden und dort die Grundlage für die seelisch-geistige Empfindung bildeten (vgl. Kap. 1.2). Zwar entwickeln Rationalismus und Sensualismus für den Übergang zwischen Körper und Geist unterschiedliche, ja sich gegenseitig ausschließende Theorien, über die Vorgänge innerhalb des Körpers herrscht jedoch abgesehen von einigen anatomischen Details über die Rolle der Retina und die Beschaffenheit der Nerven weitgehend Konsens (vgl. Exkurs II).119 In der ersten Überarbeitung seiner Preisschrift (1775) nimmt Herder die Forschungen des Schweizer Mediziners und Naturforschers Albrecht von Haller über die Irritabilität der Muskelfasern (Reizbarkeit) beziehungsweise die Sensibilität der Nerven (Empfindlichkeit) auf, die dieser um 1750 durch zahlreiche von ihm selbst als grausam bezeichnete Experimente an lebenden Tieren zu beweisen sucht und mit denen er die experimentelle Physiologie begründet.120 Eine Zusammenfassung seiner Forschungsergebnisse veröffentlicht Haller 1753 unter dem Titel „De partibus corporis humani sensilibus et irritabilibus“ in zwei Göttinger Akademieabhandlungen.121 Aus seinen Experimenten folgert er, die Bestandteile des menschlichen Körpers könnten in drei Kategorien unterteilt werden:

Es ist aus diesen Erfahrungen eine Probe einer neuen Eintheilung der Theile des menschlichen Körpers entsprungen, wobey ich mich keiner andern Benennungen bediene, als daß ich die Theile des Körpers in reizbare und empfindliche unterscheide, und sie von denen absondere, welche weder reizbar noch empfindlich sind.122

Den reizbaren Teil des Körpers definiert er als denjenigen, „welcher durch ein Berühren von außen kürzer wird […].“123 Die Empfindlichkeit eines Körperteils zeige sich hingegen indirekt daran, dass sie eine Reaktion nach sich ziehe – insbesondere wenn der empfindliche Teil beschädigt werde –, die Haller als Zeichen für einen empfundenen Schmerz deutet. Beim Menschen äußere sich diese Reaktion außerdem durch die Entstehung seelisch-geistiger Vorstellungen:

Empfindlich nenne ich einen solchen Theil des Körpers, dessen Berührung sich die Seele vorstellet; und bey Thieren, von deren Seele wir nicht so viel erkennen können, nenne ich diejenigen Theile empfindlich, bey welchen, wenn sie gereizet werden, ein Thier offenbare Zeichen eines Schmerzes oder einer Beschwerlichkeit zu erkennen giebt. Unempfindlich nenne ich hingegen diejenigen Theile, bey welchen, wenn sie gleich gebrannt, gehauen, gestochen, und bis zur Zerstörung zerschnitten werden, kein Zeichen eines Schmerzes, kein krampfichtes Zucken, keine Veränderung in der Lage des ganzen Körpers, erreget wird.124

Gegen die Auffassung des niederländischen Mediziners und Naturforschers Herman Boerhaave (1668–1738) will Haller mit seinen Experimenten die Differenz der empfindlichen und der reizbaren Teile des Körpers beweisen. Er legt hierfür eine Stelle am Körper seines Versuchstieres offen und reizt „den entblößten Theil durch Blasen, Wärme, Weingeist, mit dem Messer, mit dem Aetzsteine, (Lapis infernalis) Vitriolöle, mit der Spießglasbutter […].“125 Wenn das Tier hierauf mit Äußerungen des Schmerzes reagiert, handelt es sich um einen empfindlichen und nicht um einen reizbaren Körperteil.126 Empfindlich seien beispielsweise, so Haller, die Haut, die Zähne, die inneren Organe wie Magen, Darm und Blase, aber auch die Zunge und der Augeninnenraum.127 Allen gemeinsam ist – dies zeigt Haller in Abgrenzung zur Sehne – die Präsenz von Nerven, von denen „alle Empfindung in dem menschlichen Körper herrühret […].“128 Der Sehnerv ist damit – wie die anderen Nerven der Sinnesorgane – nicht reizbar, sondern empfindlich, weil seine Berührung durch Lichtstrahlen (aber auch durch einen Schlag auf das Auge oder eine Augenverletzung) eine Reaktion des Sehenden nach sich zieht.

Herder übergeht diese Unterscheidung – die im Bereich der Empfindlichkeit dem zeitgenössischen Wissen nichts wesentlich Neues hinzufügt – und überträgt Hallers Definition der Reizbarkeit auf die Sinnesnerven.129 Er verzeitlicht die Bewegung des „gereizte[n] Fäserchen[s]“ außerdem zur ersten Stufe („Stamen“) der in eine Vorstellung mündenden Empfindung:

Tiefer können wir wohl die Empfindung in ihrem Werden nicht hinabgleiten, als zu dem sonderbaren Phänomenon, das Haller ‚Reize‘ genannt hat. Das gereizte Fäserchen zieht sich zusammen und breitet sich wieder aus; vielleicht ein Stamen, das erste glimmende Fünklein zur Empfindung, zu dem sich die tote Materie durch viele Gänge und Stufen des Mechanismus und der Organisation hinaufgeläutert. – So klein und dunkel dieser Anfang des edlen Vermögens, das wir Empfinden nennen, scheine; so wichtig muß er sein, so viel wird durch ihn ausgerichtet. Ohne Samenkörner ist keine Ernte, kein Gewächs ohne zarte Wurzeln und Staubfäden, und vielleicht wären unsre göttlichsten Kräfte nicht ohne diese Aussaat dunkler Regungen und Reize.130

Wie die Muskelfaser reagiert, so Herder, auch der Sehnerv mit einer Bewegung auf die von außen kommende Reizung (in diesem Fall das Licht):

Unterlag unsre Seele dem Meere kommender Wellen von Reiz und Gefühl von außen: so gab uns die Gottheit Sinne; von innen, so webte sie uns ein Nervengebäude. Der Nerve beweiset feiner, was dort von den Fibern des Reizes allgemein gesagt wurde, er ziehet sich zusammen oder tritt hervor nach Art des Gegenstandes, der zu ihm gelanget. Jetzt wallet er entgegen, und die Spitzen seiner äußersten Büsche richten sich empor. Die Zunge schmecket zum voraus: die Geruchsbüschlein tun sich auf, dem kommenden Dufte: selbst Ohr und Auge öffnen sich dem Schall und dem Lichte, und insonderheit bei den gröbern Sinnen eilen die Lebensgeister mit Macht dazu, ihren neuen Gast zu empfangen. – Gegenteils, wo Schmerz nahet, fleucht der Nerve und grauset.131

Beschränkt sich die Irritabilität der Muskelfasern bei Haller auf eine im jeweiligen Körperteil verbleibende Bewegung und nimmt Descartes an, die Bewegungsimpulse im Körper setzten sich durch die Nerven rein mechanisch fort, so sieht Herder hier den Ursprung einer onto- wie phylogenetischen Entwicklungsgeschichte, die mit der Reaktion eines personifizierten Sinnesnerven auf die dem Körper äußere Umwelt beginnt. Herder wendet sich damit gleich auf mehreren Ebenen gegen die mechanistische Theorie der körperlichen Sinnesempfindung: Erstens muss die auf den Körper ausgeübte Reizung – so zeigt das Beispiel des Öls – nicht mehr unbedingt als Bewegungsdruck verstanden werden. Die Nerven leiten diesen Reiz zweitens nicht passiv weiter, sondern bringen die Bewegung selbst hervor und machen sie damit zu einem Reaktionsvermögen des lebendigen Körpers. Herder verabschiedet so auch drittens die Vorstellung einer grundsätzlichen Linearität der Bewegung, die seit Keplers Widerlegung der Extramissionstheorie nurmehr in eine Richtung verläuft (vgl. Kap. 1.1).132 Führt Kepler die lineare Bewegung des Lichtstrahls von einer Lichtquelle über ein Objekt durch das Auge und, mit Descartes, über die Nerven bis in die Mitte des Gehirns, so sieht Herder in der aktiven Bewegung des Aufnehmens und Abwehrens eine dem lebendigen Körper eigene Wellenbewegung.133 Er begründet so physiologisch seine These von der Eingebundenheit des Menschen in die ihn umgebende Welt. Diese Eingebundenheit wird meist nicht deutlich erkannt, sondern im besten Fall genussvoll empfunden:

Kein Erkennen ist ohne Empfindung, d. i. ohne Gefühl des Guten und Bösen, der Bejahung und Verneinung, des Vergnügens und Schmerzes: sonst könnte die Neugierde, erkennen, sehen zu wollen, weder dasein noch reizen. Die Seele muß fühlen daß, indem sie erkennet, sie Wahrheit sehe, mithin sich genieße, ihre Kräfte des Erkennens wohl angewandt, sich also fortstrebend, sich vollkommner wisse: je inniger und unaufgehalten sie das gewahr wird, desto inniger empfindet sie Wohllust.134

Herder verallgemeinert – mithilfe der rhetorischen Mittel der Analogie und der Metapher (Welle) – die Bewegung der Sinnesnerven zu einem polaren Menschenbild, in dem sich der Wechsel von Anziehung und Abstoßung auf moralischer (Gut, Böse), rhetorischer (Bejahung, Verneinung) und emotionaler (Vergnügen, Schmerz) Ebene wiederholt. Dieses Verhältnis charakterisiert für Herder nicht nur das Empfinden, sondern auch das Erkennen. Er begründet dies mit der Etymologie des Wortes ‚Neugierde‘.135 Das Erkennen bleibt damit auch über die Kindheit hinaus von der Lebendigkeit des Körpers abhängig: „Setzt, die Seele erkenne nicht (ein Zustand, den wir zum Teil nur aus der Ohnmacht kennen) so ist Tod da: Lähmung. Die Seele hat ihr Dasein gleichsam, d. i. ihren Genuß an sich und der Welt verloren.“136 In Anlehnung an Leibniz und Wolff bezeichnet Herder dieses Erkennen als dunkel, da es auf einer angenehmen oder unangenehmen Empfindung beruhe, deren Bestandteile der Empfindende nicht, so Herder, künstlich unterscheide.137 Dieses polare Menschenbild basiert auf einem ebenso polaren Weltbild, mit welchem Herder seine Theorie der Sinnesempfindung naturphilosophisch begründet. Wie der einzelne von Haller beschriebene Muskel befinden sich der Mensch und die gesamte materielle Welt in einer beständigen Wellenbewegung:

Was in der toten Natur Ausbreitung und Zurückziehung, Wärme und Kälte ist: das scheinen hier diese dunklen Stamina des Reizes zur Empfindung: eine Ebbe und Flut, in der sich, wie das Weltall, so die ganze empfindende Natur der Menschen, Tiere, und wo sie sich weiter hinab erstrecke, bewegt und reget. […] Zum Empfangen und Geben ist der Mensch geschaffen, zu Würksamkeit und Freude, zum Tun und Leiden. Im Wohlsein saugt sein Körper und duftet, empfänget leicht und wird ihm leicht zu geben: die Natur tut ihm, er der Natur sanfte Gewalt an. In dieser Anziehung und Ausbreitung, Tätigkeit und Ruhe liegt Gesundheit und Glück des Lebens. Ich bin auf die Preisfrage begierig: „was das Othemholen eigentlich für Würkungen im lebendigen Körper hervorbringe?“ zu meinem Zwecke betrachte ichs hier nur ebenmäßig als den harmonischen Takt, mit dem die Natur unsre Maschine schwingen und mit Lebensgeist anhauchen wollte.138

Auch die Metapher der Maschine kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Herder sich hier klar gegen ein mechanistisches Welt- und Körperbild wendet.139 Das grundlegende Charakteristikum der materiellen Welt ist nicht die mechanische Übertragung linearer Bewegung, sondern eine Kraft, die Herder zwar für nicht erklärbar hält, aber durch den Vergleich mit einer Welle immer wieder bezeichnet.140 Entscheidend ist, dass er den Menschen in einem beständigen Wirkzusammenhang mit der ihn umgebenden Welt sieht. Dieser umfasst dessen körperliche wie seelisch-geistige Empfindung und gilt auch für dessen rationale Vermögen.141 In Abgrenzung von Leibniz’ These der prästabilierten Harmonie fasse Herder, so Jürgen Brummack und Martin Bollacher, „die empfindende Monade […] in einem Geben und Nehmen“, „in einem ständigen Übergang, in welchem Selbstbehauptung und Selbstpreisgabe zusammengehören.“142 Herder begründet diesen allgemeinen Wirkzusammenhang letztlich jedoch nicht philosophisch, sondern theologisch: „Überhaupt ist in der Natur nichts geschieden, alles fließt durch unmerkliche Übergänge auf- und ineinander; und gewiß, was Leben in der Schöpfung ist, ist in allen Gestalten, Formen und Kanälen nur Ein Geist, Eine Flamme.“143

Herder deutet damit auch einen zweiten zentralen Aspekt der Theorien der Sinnesempfindung um, der besonders die Epistemologie um 1700 beschäftigt. Für die Beantwortung der Frage nach dem commercium mentis et corporis werden dabei letztlich zwei Erklärungsmodelle diskutiert: entweder der Körper wirkt tatsächlich in den Geist beziehungsweise dieser macht sich nach und nach durch einen Lernprozess vom Körper unabhängig oder res cogitans und res extensa sind kategorisch und definitiv voneinander getrennt. Die geistigen Ideen sind in diesem Fall angeboren beziehungsweise ihr Verhältnis zur materiellen Welt beruht auf einer prästabilierten Harmonie oder wird von Gott in jedem einzelnen Moment garantiert. Herder löst die Opposition zwischen diesen beiden Modellen auf und sieht Körper und Geist weder in einer notwendigen und ausschließlichen Abhängigkeit noch in einer grundsätzlichen Unabhängigkeit voneinander.144 Er wendet sich auf der einen Seite klar gegen die Vorstellung angeborener Ideen (dies sei die Position der „Formular-Philosophie“)145 und vertritt die sensualistische Auffassung, der Mensch müsse erst in die „Schule der Gottheit“ gehen und „die Reize, die Sinne, die Kräfte und Gelegenheiten brauchen“,146 um Vorstellungen und Begriffe zu entwickeln. Empfinden und Erkennen beruhen damit auf einem Lern- und Habitualisierungsprozess, der in dem Moment beginnt, in dem der Mensch als ein lebendiges Wesen sich dem ‚Zustrom‘ angenehmer oder unangenehmer Reize ausgesetzt sieht.147 Auf der anderen Seite geht Herder davon aus, dass der Mensch nichts empfinden kann, was er nicht selbst bereits in sich trägt: „Dieser innere Äther muß nicht Licht, Schall, Duft sein […] Er kann dem Kopfe Licht, dem Herzen Reiz werden: er muß also ihrer Natur sein, oder zunächst an sie grenzen.“148 Als eine ‚kleine Welt‘ steht der Mensch in einem Analogieverhältnis zu der dem Körper äußeren Welt, das Herder als eine Art natürliche Korrespondenz zwischen den Dingen und den Ideen oder Begriffen fasst.149 Um die von außen kommenden Reize empfinden zu können, müsse der Mensch Licht oder Schall als ein „Analogon“ bereits in sich tragen:

Ich kann mir überhaupt nicht denken, wie meine Seele etwas aus sich spinne und aus sich eine Welt träume? ja nicht einmal denken, wie sie etwas außer sich empfinde, wovon kein Analogon in ihr und ihrem Körper sei. Wäre in diesem Körper kein Licht, kein Schall: so hätten wir auf aller weiten Welt von nichts, was Schall und Licht ist, Empfindung: und wäre in ihr selbst, oder um sie, nichts dem Schall, dem Licht Analoges, noch wäre kein Begriff dessen möglich.150

Herder verbindet damit nicht nur das sensualistische und das rationalistische Erklärungsmodell des commercium mentis et corporis, sondern löst beide von der ihnen gemeinsamen mechanistischen Erklärung der Vorgänge im Körper. Die Vorstellung des mechanischen „Hieb und Stoß“151 – und die mit ihr einhergehende Logik von Ursache und Wirkung – sieht Herder durch das Modell des Reizes überwunden, indem (auch auf rhetorischer Ebene als Polysyndeton) „alles in Reiz und Duft und Kraft und ästherischem Strom schwimmet […].“152 Herder bezeichnet das mechanistische Erklärungsmodell als „hölzernen Weberstuhl[]“ und setzt dem das „innig verknüpfte[] Reich“ der Seele entgegen, in dem „Raum und Zeit verschwindet […].“153

Ganz ähnlich zeigt sich dies bei Herders Auseinandersetzung mit der Distanz- und Größenwahrnehmung, die durch die Anerkennung von Keplers Beschreibung des retinalen Bildes erst zum Problem wird und vor allem durch die Schriften Malebranches und Berkeleys die Theorie der Sinnesempfindung um 1700 prägt (vgl. Kap. 2.5).154 Das retinale Bild enthält aufgrund seiner Zweidimensionalität keine Informationen über die Distanz oder tatsächliche Größe der gesehenen Objekte. Es stellt sich damit die Frage, warum der Mensch sie überhaupt sieht und meist richtig einschätzen kann. Beantwortet wird dies bis ins 18. Jahrhundert hinein mit dem Verweis auf einen notwendigen Lernprozess (so beispielsweise bei Kepler, Locke und Condillac) oder auf ein von Gott garantiertes Verhältnis, welches für jede Art von Empfindung gilt, sich jedoch am Beispiel der Größen- und Distanzwahrnehmung besonders gut veranschaulichen lässt (so bei Descartes, Malebranche und Berkeley).155 Bereits in der ersten Fassung seiner Preisschrift spricht sich Herder für den Verweis auf die göttliche Autorität aus. Eine Position, die er 1778 wiederholt: „Nenne man nun diesen lebendigen Geist, der uns durchwallet, Flamme oder Äther; gnug, er ist das unbegreifliche himmlische Wesen, das Alles zu mir bringt und in mir einet.“156 Er verbindet dies mit einer dem vorigen Zitat unmittelbar vorausgehenden sensualistischen Position: „Wir empfinden nur, was unsre Nerven uns geben; darnach und daraus können wir auch nur denken.“157 Wie ein Blinder mit seinem Stock müsse die menschliche Seele auf der Basis der Lichtstrahlen die Empfindung von Größe und Distanz erst erlernen.158 Dieser Lernprozess ist für Herder jedoch nur möglich, weil Gott das „Nervengebäude“ als „Medium der Empfindung“ so eingerichtet habe, dass „Alles zusammenfleußt und darauf [d. i. auf dem „Meer innerer Sinnlichkeit“] unsre Gedanken, Empfindungen und Triebe schwimmen und wallen […].“159 Dank der von Gott so angelegten Empfindlichkeit sei der Mensch mit sich selbst und der ihn umgebenden Welt verbunden und könne seinen Empfindungen folglich auch trauen: „Zarte Silberbande, dadurch der Schöpfer die innere und äußere Welt, und in uns Herz und Kopf, Denken und Wollen, Sinne und alle Glieder knüpfet.“160 Wie genau der Übergang von Körper und Geist verläuft, will Herder nicht abschließend entscheiden und verweist auf die zukünftige Forschung. Er hält es jedoch für unwahrscheinlich, dass „die Natur zwischen beiden [i. e. dem Materiellen und dem Immateriellen] eiserne Bretter befestigt habe, weil ich die eisernen Bretter in der Natur nirgend sehe […].“161

Hätte ich nun Macht und Kenntnis gnug, dies edle Saitenspiel in seinem Bau, in seiner Führung und Knotung, Verschlingung und Verfeinung darzustellen, zu zeigen, daß kein Ast, kein Band, kein Knötchen umsonst sei, und daß nach der Maße, wie es binde und sich leite, auch unsre Empfindungen, Glieder und Triebe (freilich nicht mechanisch durch Hieb und Stoß!) einander binden, anregen und stärken – o welch ein Werk von sonderbar feinen Entwicklungen und Bemerkungen aus dem Grunde unsrer Seele müßte es geben! Ich weiß nicht, ob es schon da ist; ob ein denkender und fühlender Physiolog es insonderheit zu dem Zwecke, zu dem ichs wünsche, geschrieben. Mich dünkt, es müßte die schönste Buchstabenschrift des Schöpfers enthalten, wie er Glieder band und teilte, sie mehr oder minder beseelte, Gefühle ableitete, unterdrückte, knotete, stärkte, so daß das Auge nur sehen darf und die Eingeweide wallen, das Ohr hört und unser Arm schlägt, der Mund küsset und Feuer fließt durch alle Glieder – Wunder über Wunder! eine wahre, feine Flammenschrift des Schöpfers.162

Mit der Grenze zwischen der physischen und der geistig-seelischen Sinnesempfindung werden in Herders Preisschriften über die Vermögen des Empfindens und des Erkennens auch zwei weitere Abgrenzungen zumindest fragwürdig, die – seit der Diskussion des Molyneux-Problems und insbesondere durch die breite Rezeption von Condillacs Traité des sensations (1754) – den Diskurs über die Sinne auch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts prägen. Es handelt sich dabei erstens um die Abgrenzung der einzelnen Sinnesorgane voneinander, deren Charakteristika durch eine Hierarchisierung zu fassen versucht werden, und vor diesem Hintergrund um die Frage nach der Notwendigkeit und Art ihrer Zusammenarbeit. Meist geht es dabei um die Abhängigkeit des Auges vom Tastsinn und die Frage nach den Auswirkungen des Fehlens eines Sinnesorgans (zum Beispiel bei einem blinden oder gehörlosen Menschen) auf die geistige und charakterliche Entwicklung. Herder schreibt sich in diesen Diskurs ein, indem er von dem unterschiedlichen „Beitrag“163 der Sinne zu den Vermögen der Seele spricht, verschiebt jedoch den Fokus auf die Einzigartigkeit eines jeden Sinnesorgans und leitet hieraus die Individualität des empfindenden Menschen ab: „Daß aber nicht bei zwei Menschen dieser Sinnenbeitrag an Art und Stärke, Tiefe und Ausbreitung Einerlei sein kann, bezeugen viele Proben.“164 Neben der Gesundheit hebt er vor allem „Ausbildung“ und „Stärke“165 des jeweiligen Organs hervor und nimmt an, dass ein besonders starkes oder ausgebildetes Sinnesorgan ein anderes dominieren könne. Die Blindheit eines Dichters verstärke sein Gehör und damit nicht nur seine Empfindlichkeit für akustische Reize, sondern auch seine Fähigkeit, in „Schall, Wort, süße[r] Melodie“ sprachliche Kunstwerke zu gestalten: „Keine zwei Dichter haben je ein Sylbenmaß gleich gebraucht und wahrscheinlich auch gleich gefühlet.“166 Herder verallgemeinert diese Auffassung durch die Überlegung, diese individuelle Ausprägung der Sinnesorgane „über Länder, Zeiten und Völker [zu] verfolgen“ und so herauszufinden, „was z. B. daran Ursache sei, daß Franzose und Italiener sich bei Musik, Italiener und Niederländer sich bei Malerei so ein ander Ding denke?“167

Zwar unterscheidet Herder die einzelnen Sinne damit auf individueller, kultureller und historischer Ebene, führt sie jedoch auf der Ebene der seelisch-geistigen Empfindung wieder zusammen und macht sie damit – anders als beispielsweise Condillac – von den einzelnen Sinnesorganen in gewisser Hinsicht wieder unabhängig. Die Seele nehme sich aus den verschiedenen Sinnesreizen, was ihr gefalle und verwische damit die Grenzen zwischen den einzelnen Sinnesorganen. Herder bezeichnet dies als das seelisch-geistige Vermögen der Einbildung:

Hier indes fahren wir fort, daß, so verschieden dieser Beitrag verschiedner Sinne zum Denken und Empfinden sein möge, in unserm innern Menschen Alles zusammenfließe und Eins werde. Wir nennen die Tiefe dieses Zusammenflusses meistens Einbildung: sie besteht aber nicht bloß aus Bildern, sondern auch aus Tönen, Worten, Zeichen und Gefühlen, für die oft die Sprache keinen Namen hätte. Das Gesicht borgt vom Gefühl, und glaubt zu sehen, was es nur fühlte. Gesicht und Gehör entziffern einander wechselseitig: der Geruch scheinet der Geist des Geschmacks, oder ist ihm wenigstens ein naher Bruder. Aus dem Allen webt und würkt nun die Seele sich ihr Kleid, ihr sinnliches Universum.168

Dieser Gedanke einer alle Sinneseindrücke verbindenden Einbildung führt zu der Infragestellung einer weiteren Abgrenzung, die um 1700 zwar nicht zu den zentralen Fragen der Theorie der Sinnesempfindung gehört, aber dennoch breit diskutiert wird. Es handelt sich um die Grenze zwischen der seelisch-geistigen Empfindung einer schwangeren Frau und dem Körper ihres ungeborenen Kindes (vgl. Exkurs IV). Anders als Albrecht von Haller geht Herder von der Möglichkeit eines prägenden Eindrucks der mütterlichen Einbildungskraft auf die physische Entwicklung des Fötus aus. Er will diesen jedoch nicht als „plumpen Mechanismus, hölzerne[n] Druck und Stoß“ verstanden wissen, sondern geht davon aus, dass die Einbildung der Mutter als ein „zusammengeströmte[s] beseelte[s] Eins“ nicht kategorial von ihrem eigenen Körper und damit dem Körper des ungeborenen Kindes getrennt sei:

Nun aber, da nach allen Erfahrungen Alles voll Reiz ist und Leben, da diese Leben auf so wunderbare Art ein Eins in uns sind, ein Seelenmensch (ανϑρωπος ψυχιϰος) dem alle mechanische Triebwerke und Glieder willig dienen; und da nun eben dies zusammengeströmte beseelte Eins in uns Einbildung heißt, wenn wir das Wort in seinem wahren Umfange nehmen; was ist Ungereimtes darin, daß diese Seelenwelt, in deren Mitte gleichsam das Kind schwebt, dieser ganze psychische Mensch, ders in seinen Armen hält, ihm auch jede Eindrücke, jede Reize von sich mitteile? In einem Zusammenhange geistiger Kräfte verschwindet Raum und Zeit, die nur für die grobe Körperwelt da zu sein scheinen. Wir werden gebildet, sagt die alte morgenländische Weisheit, im Schoße der Lebensmutter, wie im Mittelpunkt der Erde, wohin alle Einflüsse und Eindrücke zusammen strömen. Hierin sind Weiber unsre Philosophen, wir nicht die ihren.169

Dieser mütterlichen Einbildung stellt Herder auf der Ebene des Verstandes die Apperzeption als zusammenführendes Vermögen zur Seite. Treffen in der Einbildung alle sinnlichen Eindrücke zusammen, so erkennt die Seele durch die Apperzeption das diese Menge auszeichnende Gemeinsame und formt hieraus einen Gedanken.170 Erst in diesem Moment sei sich die Seele ihrer selbst bewusst: „Alle Empfindungen, die zu einer gewissen Helle steigen, (der innere Zustand dabei ist unnennbar) werden Apperzeption, Gedanke; die Seele erkennet, daß sie empfinde.“171 Herder vermeidet den hierfür in zeitgenössischen Schriften verwendeten Begriff der Abstraktion, da er die Annahme impliziert, dieser Prozess entferne die Vorstellung von den sinnlichen Eindrücken. Die Gleichsetzung von Apperzeption und Gedanken soll deutlich machen, dass die geistigen Vermögen der Seele den empfundenen Eindruck weder kategorial noch schrittweise von den physischen Sinnesempfindungen trennen. Sie führen lediglich die Menge der Eindrücke zu einer Vorstellung zusammen – beispielsweise entsteht aus vielen tatsächlich gesehenen Bäumen durch die Apperzeption die jedem Menschen in einem gewissen Maße eigene Vorstellung ‚Baum‘. Diese wird nicht von den einzelnen Eindrücken abstrahiert, sondern aus ihnen zusammengefügt, und Herder nimmt an, dass der Mensch dank dieses Vorgangs zu einem Bewusstsein seiner selbst gelange. Wie die Vorstellung ‚Baum‘ füge sich, so Herder, auch die eigene Identität aus vielen Eindrücken zusammen: „Was nun auch Gedanke sei, so ist in ihm die innigste Kraft, aus Vielem, das uns zuströmt, ein lichtes Eins zu machen, und wenn ich so sagen darf, eine Art Rückwürkung merkbar, die am hellesten fühlet, daß sie ein Eins, ein Selbst ist.“172 Der Mensch fühlt seine Identität und abstrahiert sie nicht mithilfe des Verstandes aus einzelnen Erfahrungen.173 Wie genau die Apperzeption vor sich geht, hält Herder für rational nicht erklärbar. Zwar unterstütze die Sprache diesen Vorgang,174 es handele sich aber im Wesentlichen um ein „Geheimnis“, welches Herder mit dem „tiefsten Geheimnis der Schöpfung unsrer Seele“ gleichstellt, welches „kaum anders“ als „mystisch“ zu begreifen sei.175

Anders als die zeitgenösschen Theorien der Sinnesempfindung bemüht sich Herder folglich nicht um die abgrenzende Definition einzelner Seelenvermögen („als gemauerte Fachwerke von einander scheidet und unabhängig einzeln betrachtet“),176 sondern nimmt an, dass „Einbildung und Voraussicht, Dichtungsgabe und Gedächtnis177 sich unter dem Vermögen der Apperzeption subsumieren lassen.178 Obgleich damit auch die für die Ästhetik prägende Unterscheidung von oberer und unterer Erkenntniskraft zumindest fraglich wird, wäre die Schlussfolgerung übereilt, Herder mache das Erkennen zu einem Synonym für das Empfinden: „[I]ndessen zeigen viele Erfahrungen, daß, was in ihnen nicht Apperzeption, Bewußtsein des Selbstgefühls und der Selbsttätigkeit sei, nur zu dem Meer zuströmender Sinnlichkeit, das sie regt, das ihr Material liefert, nicht aber zu ihr selbst gehöre.“179 Ohne das Vermögen der Apperzeption verbleibt der Mensch auch für Herder in einem Zustand des beständigen physischen Reizes,180 ist sich aber weder dieser Reize noch seiner selbst bewusst: „Man nennet das Wort Einbildungkraft und pflegts dem Dichter als sein Erbteil zu geben; sehr böse aber, wenn die Einbildung ohne Bewusstsein und Verstand ist, der Dichter ist nur ein rasender Träumer.“181 Die Abhängigkeit von Apperzeption und Perzeption ist für Herder reziprok beziehungsweise es müssen beide zusammenkommen, um „menschlich, gut und nützlich“ zu sein.182 Ohne die physischen Reize fehle der Seele schlicht der Ausgangspunkt für die Apperzeption: „Jeder höhere Grad des Vermögens, der Aufmerksamkeit und Losreißung, der Willkür und Freiheit liegt in diesem dunkeln Grunde von innigstem Reiz, und Bewußtsein ihrer selbst, ihrer Kraft, ihres innern Lebens.“183

Das Erkenntnisvermögen steht folglich in engem Zusammenhang mit der raum-zeitlichen Position des empfindenden Körpers.184 Diese Begrenztheit der sinnlichen Empfindung auf einen bestimmten Ort, eine begrenzte Zeit und einen Ausschnitt der gesamten Welt gehört zu den zentralen Argumenten der skeptizistischen Sinneskritik und damit zur Grundlage jeder trotz dieser Vorläufigkeit und Relativität auf dem Erkenntniswert der Sinnesempfindung bestehenden Epistemologie. Entwickelt der englische Empirismus aufgrund dieser Infragestellung der Sinne die experimentelle Methode und die flankierenden Vorgaben für deren Durchführung und Vermittlung (vgl. Kap. 2.2), so sieht der Sensualismus das sinnliche Wissen als Ergebnis eines jeden Menschen von Geburt an bestimmenden Lernprozesses (vgl. Kap. 2.6). Herder schreibt sich in diese sensualistische Epistemologie ein, wenn er sich gegen die Vorstellung angeborener Ideen ausspricht und davon ausgeht, dass die Seele Erfahrungen nicht außerhalb und unabhängig vom Körper machen könne: „Wollen wir nun der Erfahrung folgen, so sehen wir, die Seele spinnet, weiß, erkennet nichts aus sich, sondern was ihr von innen und außen ihr Weltall zuströmt, und der Finger Gottes zuwinket.“185 Die Seele gehe damit von dem ihr von Gott zugewiesenen „Platz“ aus und lerne so, „die Sinne, die Kräfte und Gelegenheiten [zu] brauchen, die ihr durch eine glückliche, unverdiente Erbschaft zu Teil wurden […].“186 Herder deutet jedoch auch diesen Topos der Theorie der Sinnesempfindung an einer entscheidenden Stelle um.187 Zwar nimmt er an, dass der Mensch nur einen Ausschnitt der materiellen Welt empfinden könne, der durch den Standpunkt des empfindenden Körpers nicht nur limitiert, sondern auch bestimmt werde. Er schließt jedoch seine Überlegungen nicht mit dieser Feststellung einer Begrenztheit und Vorläufigkeit der menschlichen Erfahrung, sondern leitet hieraus die Notwendigkeit ab, das Wissen anders zu begründen. Von jedem individuellen Standpunkt des eigenen Körpers aus könne der Mensch, so Herder, mit dem Mittel der Analogie nicht nur auf die materielle, sondern auch auf die geistige Welt schließen, die den eigenen Sinnen unzugänglich bleibe. Die Analogie und nicht die Abstraktion kennzeichnet damit als Verfahren die menschliche Erkenntnis und unterscheidet sie vom Allwissen der göttlichen Instanz. Analogie bedeutet hier für Herder nicht, unterschiedliche Dinge aufgrund einer Ähnlichkeit in Bezug zu setzen, sondern von einem die gesamte Schöpfung prägenden „Gang, Einerlei Gesetz[]“ auszugehen,188 welches die materielle Welt und den Menschen mit seinen Sinnesorganen und seelisch-geistigen Vermögen umfasst. Die Annahme dieser allgemeinen Analogie ermögliche es dem Einzelnen über seinen begrenzten Standpunkt hinaus, die materielle Welt ebenso wie seine Mitmenschen zu erkennen – dies allerdings nicht abstrakt, sondern als ‚Ahnung‘ beziehungsweise Empfindung einer allem zugrunde liegenden „stille[n] Ähnlichkeit“.189

Aber wie? ist in dieser ‚Analogie zum Menschen‘ auch Wahrheit? Menschliche Wahrheit gewiß, und von einer höhern habe ich, so lange ich Mensch bin, keine Kunde. Mich kümmert die überirdische Abstraktion sehr wenig, die sich aus allem was ‚Kreis unsres Denkens und Empfindens‘ heißt, ich weiß nicht auf welchen Thron der Gottheit setzet, da Wortwelten schafft und über alles Mögliche und Würkliche richtet. Was wir wissen, wissen wir nur aus Analogie, von der Kreatur zu uns und von uns zum Schöpfer. Soll ich also dem nicht trauen, der mich in diesen Kreis von Empfindungen und Ähnlichkeit setzte, mir keinen andern Schlüssel, in das Innere der Dinge einzudringen, gab, als mein Gepräge oder vielmehr das wiederglänzende Bild seines in meinem Geiste; wem soll ich denn trauen und glauben?190

Die so gewonnene spezifisch menschliche Erkenntnis erfordert eine eigene Sprachverwendung, die selbst nicht abstrahiert oder trennt und so ein Wissen vortäuscht, welches nach Herder allein Gott vorbehalten ist: „Syllogismen können mich nichts lehren, wo es aufs erste Empfängnis der Wahrheit ankommt, die ja jene nur entwickeln, nachdem sie empfangen ist; mithin ist das Geschwätz von Worterklärungen und Beweisen meistens nur ein Brettspiel, das auf angenommenen Regeln und Hypothesen ruhet.“191 Bedingt die körperliche Begrenztheit des Menschen ein Erkennen, welches auf Analogien beruht, so entspricht dem eine uneigentliche Sprachverwendung in „Bildwörtern“ und „Gleichnis[sen]“.192 Herder nimmt an, dass sich dies in den Werken Newtons, Buffons oder Leibniz’ an der Tatsache veranschaulichen lasse, dass in ihnen „Ein neues Bild, Eine Analogie, Ein auffallendes Gleichnis“ am Anfang der bedeutendsten Theorien gestanden habe,193 die Forscher also zuerst einen Zusammenhang geahnt und ihn dann zu erweisen und vermitteln versucht hätten.194 Die Naturforscher und Philosophen werden so wider Willen zu Dichtern, die Dichter immer schon zu Forschenden.195

1

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 343.

2

Hans Adler, „Kritische Wälder“, in: Stefan Greif/Marion Heinz/Heinrich Clairmont (Hgg.), Herder Handbuch, unter Mitwirkung von V. Stolz, T. Bender, A. Meywirth und N. Lehnert, Paderborn 2016, S. 443–469, hier: S. 460–461. Herders Auseinandersetzung mit Friedrich Justus Riedels (1742–1785) Schrift Theorie der schönen Künste und Wissenschaften (1767) ist sein erster Versuch, eine eigene Ästhetik auf der Basis der Physiologie der Sinne zu erarbeiten. Er beschäftigt sich seit Anfang der 1760er Jahre mit Fragen der Ästhetik und hört 1762/1763 in Königsberg Kants auf Baumgartens Metaphysica gestützte Vorlesungen über Metaphysik. Herder distanziert sich später von den „Kritischen Wäldern“. Vgl. Johann Gottfried Herder, Werke in zehn Bänden, hgg. von G. Arnold et al. Band 2 (Schriften zur Ästhetik und Literatur 1767–1781), hg. von G. E. Grimm, Frankfurt a. M. 1993, S. 819 („Kommentar“).

3

Maurer sieht gar eine Revolution des europäischen Denkens. Vgl. Michael Maurer, „Ganz Ohr. Zu Herders Theorie der Sinne als Grundlegung jeder Anthropologie“, in: Herder-Jahrbuch. Nr. 10 (2010), S. 57–72, hier: S. 57; vgl. Zeuch (2000), Umkehr der Sinneshierarchie. So schreibt beispielsweise der französische Arzt und Schriftsteller Julien Offray de La Mettrie in seiner Histoire naturelle de l’ame (1745): „Les Médecins les divisent en sens externes & en sens internes; mais il ne s’agit ici que des premiers, qui sont, comme tout le monde le sçait, au nombre de cinq; la vue, l’ouïe, l’odorat, le goût & le tact, dont l’empire s’étend sur un grand nombre de sensations, qui toutes sont des sortes de toucher.“ La Mettrie (1745), Histoire naturelle de l’ame, S. 50–51.

4

„[M]ais elles prouvent au moins que toutes nos connoissances viennent des sens, & particuliérement du toucher; parce que c’est lui qui instruit les autres.“ Condillac, Traité des sensations. Band II, S. 256. Condillac geht sogar davon aus, dass Tiere im Vergleich zum Menschen über einen schwächeren Tastsinn verfügten. Vgl. Condillac (1754), Traité des sensations. Band I, S. 8. In seiner Lettre sur les sourds et muets à l’usage de ceux qui entendent & qui parlent (1751) nimmt Diderot an, dass ein Mensch, der sich nur mit Gesten verständigen dürfte („mon muet de convention“) oder könnte, eine natürliche, das heißt nichtkonventionelle Abfolge von Zeichen nutzen würde. Vgl. Denis Diderot, Lettre sur les sourds et muets à l’usage de ceux qui entendent et qui parlent [1751], texte établi et présenté par J. Chouillet, in: ders., Œuvres complètes, édition critique et annotée, présentée par Y. Belaval, R. Niklaus, J. Chouillet et al. Band IV (Le nouveau Socrate. Idées II), Paris 1978, S. 109–233, hier: S. 138. In einem weiteren Gedankenexperiment bezeichnet er den Tastsinn als den tiefgründigsten und den Sehsinn als den oberflächlichsten Sinn: „Mon idée serait donc de décomposer pour ainsi dire un homme, et de considérer ce qu’il tient de chacun des sens qu’il possède. Je me souviens d’avoir été quelquefois occupé de cette espèce d’anatomie métaphysique, et je trouvais que de tous les sens l’œil était le plus superficiel, l’oreille le plus orgueilleux, l’odorat le plus voluptueux, le goût le plus superstitieux et le plus inconstant, le toucher le plus profond et le plus philosophe.“ Ebd., S. 140. Zu Herders Rezeption von Diderots Schriften, insbesondere der Lettre sur les aveugles, vgl. Roland Mortier, Diderot en Allemagne (1750–1850) [1954], Genève/Paris 1986, S. 339–345.

5

Diderot nutzt die mechanistische Theorie des Sehvorgangs, um den Unterschied zwischen den Sehenden und den Blinden auch auf physiologischer Ebene abzuschwächen: „La vue, doit-il conclure, est donc une espèce de toucher qui ne s’étend que sur les objets différents de notre visage et éloignés de nous.“ Diderot (1978), Lettre sur les aveugles, S. 20; vgl. ebd., S. 21 und S. 47–48. Im Kontext des Molyneux-Problems spricht sich Diderot klar gegen die Abhängikeit des Sehens vom Tastsinn aus: „Cependant je ne pense nullement que l’œil ne puisse s’instruire, ou, s’il est permis de parler ainsi, s’expérimenter de lui-même. Pour s’assurer par le toucher, de l’existence et de la figure des objets, il n’est pas nécessaire de voir; pourquoi faudrait-il toucher pour s’assurer des mêmes choses par la vue?“ Ebd., S. 62; vgl. ebd., S. 63–65.

6

Herders Theorie der Sinnesempfindung verändert sich im Laufe der Schriften. Besonders eindrücklich ist der Vergleich des „Vierten Kritischen Wäldchens“ (1769) und der publizierten Fassung der Preisschrift „Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele“ (1778), in der Herder die Erkenntnisse Hallers über die Irritabilität der Muskelfasern aufnimmt und mit einer stärker theologisch geprägten Theorie des sinnlichen Empfindens verbindet. Statt einer mechanischen Übertragung von Impulsen (Stößen), gegen die er sich nun explizit wendet, ist von einem durch Gott eingerichteten Korrespondenzverhältnis die Rede, das Herder anhand einer Meeres- und Wellenmetaphorik zu fassen sucht (vgl. Kap. 4.2). Eine ähnliche Entwicklung findet sich auch in Herders Verständnis des Schönen: „Im übrigen ist nicht zu übersehen, daß Herders Einschätzung des Schönen und seiner Beurteilung erheblichen Schwankungen unterworfen ist. In seiner Frühzeit betont er die Historizität und Individualität des Schönen, in seiner Spätphase sucht er nach überzeitlichen Kategorien, nach platonischen Leitideen. Der ältere Herder ersetzt das historisch und national begründete, individuell geprägte Originalitätskonzept durch ein klassizistisches Kunstideal, dessen Parameter erzieherische Verwendbarkeit, moralische Konditionierung und überindividuelle Geformtheit heißen […].“ Herder (1993), Werke in zehn Bänden. Band 2 (Schriften zur Ästhetik und Literatur 1767–1781), S. 974 („Kommentar“).

7

„Ich bin zu blöde, um meiner kleinen Analyse den prächtigen Titel aufzusetzen: Auflösung der Schönheit in ihre Bestandteile: ich liefre nur Andeutungen, nur Winke. Eine Philosophische Theorie des Schönen in allen Künsten muß etwas mehr liefern, Ausführungen, ein zusammenhangendes vollendetes System.“ Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 408.

8

Jens Heise leitet hieraus den geringen Einfluss von Herders Schriften auf die Philosophie des 19. Jahrhunderts ab. Vgl. Jens Heise, „Johann Gottfried Herder“, in: Eike Bohlken/Christian Thies (Hgg.), Handbuch Anthropologie. Der Mensch zwischen Natur, Kultur und Technik, Stuttgart/Weimar 2009, S. 17–22, hier: S. 17.

9

Unveröffentlichter Brief, zit. in: Kittelmann (2018), „‚Archiv der Critik‘“, S. 34. Im einleitenden Abschnitt seiner Preisschrift „Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele“ erklärt Herder seinen Schreibstil mit der physischen Beschränkung der Welt- und Selbsterkenntnis des Menschen, der über keine göttliche Sicht auf die Dinge verfüge. Zu dieser anthropologischen Fundierung der Metapher fügt Herder die Annahme einer höheren Wirkung: „Wie unsre ganze Psychologie aus Bildwörtern bestehet, so wars meistens Ein neues Bild, Eine Analogie, Ein auffallendes Gleichnis, das die größten und kühnsten Theorien geboren.“ Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 330.

10

Herder unterzieht sich dort einer schmerzhaften und erfolglosen Augenoperation. Vgl. Maurer (2010), „Ganz Ohr“, S. 58. Gegen die biografistische Ableitung von Herders Abwertung des Sehsinns aus seinem Augenleiden spricht, dass die von ihm gegen das Auge formulierten Kritikpunkte durchaus nicht mit den Krankheitssymptomen übereinstimmen.

11

Dies gilt auch für Herders Überlegungen zum Unterschied von Mensch und Tier, für den er das Kriterium der Abstraktionsfähigkeit anführt (vgl. Exkurs I). Vgl. Herder (1985), „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“, S. 772.

12

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 252. Dies gilt auch für die allen Menschen angeborene Fähigkeit, Schönes zu empfinden. Vgl. Johann Gottfried Herder, „Begründung einer Ästhetik in der Auseinandersetzung mit Alexander Gottlieb Baumgarten“ [Entwurf aus dem Nachlass], in: ders., Werke in zehn Bänden, hgg. von M. Bollacher et al. Band 1 (Frühe Schriften 1764–1772), hg. von U. Gaier, Frankfurt a. M. 1985, S. 651–694, hier: S. 660–661; vgl. Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 279–280. In der „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ (1770) formuliert Herder die Annahme, der Mensch verfüge zwar nicht über angeborene Ideen, wohl aber über die den Menschen als solchen ausmachenden Fähigkeiten und den Wunsch, diese zu entwickeln: „Man vergesse aber nicht, daß gleich vom ersten Momente an kein Tier, sondern ein Mensch, zwar noch kein Geschöpf von Besinnung aber schon von Besonnenheit ins Universum erwache. Nicht wie eine große, schwerfällige, unbehülfliche Maschine, die gehen sollte, und mit starren Gliedern nicht gehen kann: die sehen, hören, kosten sollte, und mit starren Säften im Auge, mit verhärtetem Ohr und versteinter Zunge nichts von alle diesem kann – Leute, die Zweifel der Art machen, sollten doch bedenken, daß dieser Mensch nicht aus Platons Höhle, aus einem finstern Kerker […], sondern daß er aus den Händen der Natur, im frischesten Zustande, seiner Kräfte und Säfte, und mit der besten, nächsten Anlage kam vom ersten Augenblick sich zu entwickeln.“ Herder (1985), „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“, S. 770–771. „Solch eine Kette gehet bis an den Tod fort. Gleichsam nie der ganze Mensch: immer in Entwicklung, im Fortgange, in Vervollkommnung. […] Das Wesentliche unsers Lebens ist nie Genuß sondern immer Progression, und wir sind nie Menschen gewesen, bis wir – zu Ende gelebt haben; dahingegen die Biene, Biene war, als sie ihre erste Zelle bauete.“ Ebd., S. 773.

13

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 274.

14

Ebd.

15

Ebd.

16

Ebd., S. 338. 1778 bezieht Herder die Forschungen Hallers mit ein und spricht nicht mehr von Impulsen, sondern von Nervenreizen, mit denen sich sowohl das Empfinden des eigenen Körpers als auch die von außen verursachten Sinnesempfindungen beschreiben ließen. Vgl. Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 331.

17

Vgl. Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 274.

18

Ebd., S. 338.

19

Ebd., S. 342.

20

Diesen Gedanken nimmt Herder in der „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“ (1770) noch einmal auf: „Der Mensch beweiset Reflexion, wenn die Kraft seiner Seele so frei würket, daß sie in dem ganzen Ozean von Empfindungen, der sie durch alle Sinnen durchrauschet, Eine Welle, wenn ich so sagen darf, absondern, sie anhalten, die Aufmerksamkeit auf sie richten, und sich bewußt sein kann, daß sie aufmerke. Er beweiset Reflexion, wenn er aus dem ganzen schwebenden Traum der Bilder, die seine Sinne vorbeistreichen, sich in ein Moment des Wachens sammlen, auf Einem Bilde freiwillig verweilen, es in helle ruhigere Obacht nehmen, und sich Merkmale absondern kann, daß dies der Gegenstand und kein andrer sei. […] der erste Aktus dieser Anerkenntnis giebt deutlichen Begriff; es ist das Erste Urteil der Seele […].“ Herder (1985), „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“, S. 722.

21

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 274.

22

Ebd., S. 343.

23

Herder vergleicht die Sinne schon 1766 in einer erst posthum veröffentlichten Schrift mit optischen Instrumenten: „Ich will aber nicht von dieser Bildung des Körpers überhaupt reden: sondern bloß so fern sie in die Denkart einen Einfluß hat, und hier rede ich von den Sinnen, die doch gleichsam die Tür zu allen unsern Begriffen, oder das optische Medium sind, durch welches die Idee wie ein Sonnenstrahl durchfällt.“ Herder (1985), „‚Von der Veränderung des Geschmacks‘“, S. 153.

24

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 274.

25

Ebd., S. 253. Herder wendet sich hier gegen Riedels Annahme, der Mensch könne Abstrakta wie das Gute, Schöne und Wahre auf der Basis einfacher Sinnesempfindungen beurteilen. Vgl. ebd., S. 251 und S. 274–276. 1769 entwirft Herder in einer erst im 20. Jahrhundert veröffentlichten Skizze aus der Entstehungszeit der Plastik die Vorstellung einer allein auf den Impulsen des Tastsinns beruhenden Sprache. Auch hier bedient er sich der Abwertung des Sehsinns als oberflächlich und denkt sich die Weltsicht eines blinden Philosophen mit einem Seitenblick auf Descartes von der Formulierung „Ich fühle mich! Ich bin!“ ausgehend. Johann Gottfried Herder, „Zum Sinn des Gefühls“ [posthum], in: ders., Werke in zehn Bänden, hgg. von G. Arnold et al. Band 4 (Schriften zu Philosophie, Literatur, Kunst und Altertum 1774–1787), hgg. von J. Brummack und M. Bollacher, Frankfurt a. M. 1994, S. 233–242, hier: S. 236. In der in den Jahren 1768–1770 entstandenen, aber erst 1778 veröffentlichten Schrift Plastik führt Herder das Wort ‚Begriff‘ etymologisch an den Tastsinn heran und entwirft die Möglichkeit eines unmittelbaren ‚Begreifens‘ von Formen. Vgl. Johann Gottfried Herder, „Plastik. Einige Wahrnehmungen über Form und Gestalt aus Pygmalions bildendem Traume“ [1778], in: ders., Werke in zehn Bänden, hgg. von G. Arnold et al. Band 4 (Schriften zu Philosophie, Literatur, Kunst und Altertum 1774–1787), hgg. von J. Brummack und M. Bollacher, Frankfurt a. M. 1994, S. 243–326, hier: S. 249.

26

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 274. Für den Verweis auf Cheselden vgl. ebd., S. 289–296. Auch seine Schrift „Plastik“ leitet Herder mit Überlegungen zu Cheseldens Bericht und Diderots Lettre sur les aveugles (1749) ein. Im Einband kündigt er weitere Schriften über Optik und Akustik an. Vgl. Herder (1994), „Plastik“, S. 244. Den sinnlichen Lernvorgang bezeichnet er hier als Lesen. Vgl. ebd., S. 246.

27

In seiner Preisschrift über den „Ursprung der Sprache“ (1770) leitet Herder aus der Langsamkeit des visuellen Lernprozesses die Überlegung ab, dass Sprache sich allererst aus Impulsen des Gehörs entwickle und nicht auf visuellen Impulsen beruhen könne. Als Beispiel dient ihm ein ‚blökendes Schaf‘. Er argumentiert so auch gegen die Arbitrarität der sprachlichen Zeichen. Vgl. Herder (1985), „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“, S. 734–743.

28

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 253–254.

29

Ebd., S. 252. Herder begründet so, dass auch die abstrakten Begriffe der Wahrheit oder der Schönheit erst nach und nach gebildet werden müssten und nicht, wie Riedel dies annimmt, auf einem unmittelbaren Gefühl beruhen könnten. Vgl. ebd., S. 253–254.

30

„Was kann das Licht in unser Auge malen? Was sich malen läßt, Bilder. Wie auf die weiße Wand der dunklen Kammer, so fällt auf die Netzhaut des Auges ein Strahlenpinsel von allem, was vor ihm stehet, und kann nichts, als was da steht, eine Fläche, ein Nebeneinander aller und der verschiedensten sichtbaren Gegenstände zeichnen. Dinge hinter einander, oder solide, massive Dinge als solche dem Auge zu geben, ist so unmöglich, als den Liebhaber hinter der dicken Tapete, den Bauer innerhalb der Windmühle singend zu malen.“ Herder (1994), „Plastik“, S. 248.

31

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 320.

32

Zu Herders Burke-Rezeption vgl. Herman Parret, „From the Enquiry (1757) to the Fourth Kritisches Wäldchen (1769). Burke and Herder on the Division of the Senses“, in: Koen Vermeir/Michael Funk Deckard (Hgg.), The Science of Sensibility. Reading Burke’s Philosophical Enquiry, Dordrecht 2012, S. 91–106. Schon früh versucht Herder, seine Ästhetik von derjenigen Baumgartens abzugrenzen. Baumgarten habe den Begriff ‚sinnlich‘ nicht klar definiert und belasse ihn in einer „schönen Schwäche und komplexen Unbestimmtheit“. Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 378. Baumgarten habe sich außerdem auf die theoretische und rhetorische Untersuchung der sinnlichen Erkenntnis beschränkt, die Herder ‚objektiv‘ oder ‚künstlich‘ nennt. Die ‚subjektive‘ oder ‚natürliche‘ Beschäftigung mit der sinnlichen Praxis, die der logischen seiner Auffassung nach entwicklungsgeschichtlich vorausgeht, habe Baumgarten genauso wenig behandelt wie deren Verbindung aufgezeigt. Vgl. Herder (1985), „Begründung einer Ästhetik“, S. 659; vgl. Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 412. Anhand dieser Unterscheidung entwirft Herder seinen ‚Plan zu einer Aesthetik‘. Vgl. Herder (1985), „Begründung einer Ästhetik“, S. 668–669. Zu Herder und Baumgarten vgl. Adler (1990), Die Prägnanz des Dunklen, S. 63–87.

33

Johann Gottfried Herder, „Journal meiner Reise im Jahr 1769“, in: ders., Herders sämmtliche Werke, hg. von B. Suphan. 4. Band, Berlin 1878, S. 343–461, hier: S. 443.

34

Auch die Frage des commercium mentis et corporis verliert bei Herder ihre zentrale Bedeutung und scheint mit dem Verweis auf den Lern- und Gewöhnungsprozess der sinnlichen Wahrnehmung zufriedenstellend erklärt.

35

Vgl. Porterfield (1759), A Treatise on the Eye. Band I, S. 114. Wahrscheinlich ist hingegen der Rückgriff auf Condillac. Vgl. Condillac (1754), Traité des sensations. Band I, S. 34, S. 69 und S. 196. Die Automatisierung des Sehens führt auch Lessing in seinem Laokoon (1766) als Argument gegen die beschreibende Dichtung an: „Wie gelangen wir zu der deutlichen Vorstellung eines Dinges im Raume? Erst betrachten wir die Teile desselben einzeln, hierauf die Verbindung dieser Teile, und endlich das Ganze. Unsere Sinne verrichten diese verschiedene Operationen mit einer so erstaunlichen Schnelligkeit, daß sie uns nur eine einzige zu sein bedünken, und diese Schnelligkeit ist unumgänglich notwendig, wann wir einen Begriff von dem Ganzen, welcher nichts mehr als das Resultat von den Begriffen der Teile und ihrer Verbindung ist, bekommen sollen. Gesetzt nun also auch, der Dichter führe uns in der schönsten Ordnung von einem Teile des Gegenstandes zu dem andern; gesetzt, er wisse uns die Verbindung dieser Teile auch noch so klar zu machen: wie viel Zeit gebraucht er dazu? Was das Auge mit einmal übersiehet, zählt er uns merklich langsam nach und nach zu, und oft geschieht es, daß wir bei dem letzten Zuge den ersten schon wiederum vergessen haben.“ Lessing (1990), Laokoon, S. 124; vgl. Condillac (1754), Traité des sensations. Band I, S. 43–44.

36

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 254.

37

Ebd., S. 254–255. Herder nimmt an, dass dieser Automatisierungsprozess das Auge gegenüber dem langsameren Tastsinn bevorteile und so auch in der Beschäftigung mit der Skulptur einen ihm nicht zukommenden Platz eingenommen habe. Vgl. ebd., S. 308, S. 327 und S. 318–319.

38

Ebd., S. 254. „Das Wesen der Philosophie ist, Ideen, die in uns liegen, gleichsam hervorzulocken, Wahrheiten, die wir nur dunkel wußten, zur Deutlichkeit aufzuklären, Beweise, die wir nicht in allen Mittelursachen helle faßten, zu entwickeln.“ Ebd., S. 257.

39

Ebd., S. 276.

40

Herder wendet sich gegen die Vorstellung, der Mensch habe die Sprache von den Vögeln gelernt. Die menschliche Sprache sei vielmehr das Resultat einer auf den menschlichen Sinnen beruhenden Entwicklungsgeschichte. „Und was ist also die ganze Bauart der Sprache anders, als eine Entwicklungsweise seines Geistes, eine Geschichte seiner Entdeckungen!“ Herder (1985), „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“, S. 737. So bereits bei Gottsched, vgl. Gottsched (1973), Versuch einer Critischen Dichtkunst. Erster allgemeiner Theil, S. 115–116 (§ 2–3).

41

Johann Gottfried Herder, „Kritische Wälder. Oder Betrachtungen über die Wissenschaft und Kunst des Schönen. Zweites Wäldchen über einige Klotzische Schriften“ [1769], in: ders., Herders Sämmtliche Werke, hg. von B. Suphan. 3. Band, Berlin 1878, S. 189–364, hier: S. 297.

42

Herder (1985), „‚Von der Veränderung des Geschmacks‘“, S. 153; vgl. Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 280–281. Ulrich Gaier ordnet diese Annahme Herders in ihren historischen Kontext ein: „Unter Rückgriff auf Francis Bacons empirische Forschungsmethodik und seine Aufdeckung der Vorurteilsstruktur des Denkens wurden Lebens- und Kulturäußerungen als bedingt durch einmalige und in Veränderungsprozessen stehende Gegebenheiten der Umwelt und Gesellschaft, d. h. als historische Phänomene verstanden. Für Herder besonders bedeutsam waren z. B. Blackwells Untersuchung über die Entstehungsbedingungen der homerischen Epen, Warburtons Darstellung der Funktionen von Religion, Gesetzgebung, Sprache, Schrift, Literatur in der historischen Entwicklung der Kulturen des Mittelmeerraumes, Lowths und Michaelis’ Einbindung der alttestamentlichen Literatur in die altorientalische Kultur, Montesquieus Rückbeziehung von Gesetz und Gesellschaftsform auf Umweltbedingungen, Condillacs Korrelierung von Sprache und Erkenntnis mit Warburtons historischen Stufen, Winckelmanns Geschichte der Kunst des Alterthums, in der bereits eine erste Verarbeitung der genannten Ansätze vorlag.“ Ulrich Gaier, „Der frühe Herder“, in: Johann Gottfried Herder, Werke in zehn Bänden, hgg. von M. Bollacher et al. Band 1 (Frühe Schriften 1764–1772), hg. von U. Gaier, Frankfurt a. M. 1985, S. 813–832, hier: S. 824–825.

43

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 273.

44

Vgl. Herder (1985), „‚Von der Veränderung des Geschmacks‘“, S. 154.

45

Vgl. Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 284.

46

Ebd., S. 280; vgl. ebd., S. 282–284. In der „Plastik“ geht Herder so weit, den Fischen, Vögeln und Pferden die dreidimensionale Wahrnehmung abzusprechen, da sie keine Hände haben. Vgl. Herder (1994), „Plastik“, S. 249.

47

So verbindet Herder bereits 1766 „die Schönheit des Körpers mit der Schönheit der Seele […] denn beides sind Zwillinge, die zusammen gebildet werden.“ Als Beispiele nennt er in der Folge die „Negers“ und die Bewohner Grönlands, deren physische ‚Hässlichkeit‘ auf geistige Schwäche schließen lasse: „Nur die mittlere Gegenden sind die Werkstätten der Natur, wo sie die Schönheit des Körpers und Geistes gemeinschaftlich zur Reife bringen, ausbilden und erheben kann.“ Johann Gottfried Herder, „Ist die Schönheit des Körpers ein Bote von der Schönheit der Seele?“ [1766], in: ders., Werke in zehn Bänden, hgg. von M. Bollacher et al. Band 1 (Frühe Schriften 1764–1772), hg. von U. Gaier, Frankfurt a. M. 1985, S. 135–148, hier: S. 140–141; vgl. Herder (1985), „‚Von der Veränderung des Geschmacks‘“, S. 151. Kennengelernt hat Herder Lavater erst 1774. In einem Brief an Lavater vom 20. Februar 1775 bezieht Herder Stellung zur Physiognomik. Vgl. Jürgen Brummack/Martin Bollacher, „Plastik (Kommentar)“, in: Johann Gottfried Herder, Werke in zehn Bänden, hgg. von G. Arnold et al. Band 4 (Schriften zu Philosophie, Literatur, Kunst und Altertum 1774–1787), hgg. von J. Brummack und M. Bollacher, Frankfurt a. M. 1994, S. 997–1075, hier: S. 1001 und S. 1032–1035. Maurer nimmt an, dass Herder sich „von der frühaufklärerisch-starren Prägung des Menschen durch das Klima freigemacht hatte […].“ Maurer (2010), „Ganz Ohr“, S. 68.

48

Herder (1985), „‚Von der Veränderung des Geschmacks‘“, S. 153.

49

Ebd. Ähnlich argumentiert Goethe in seiner Farbenlehre: „Endlich ist noch bemerkenswert, daß wilde Nationen, ungebildete Menschen, Kinder eine große Vorliebe für lebhafte Farben empfinden, daß Tiere bei gewissen Farben in Zorn geraten, daß gebildete Menschen in Kleidung und sonstiger Umgebung die lebhaften Farben vermeiden und sie durchgängig von sich zu entfernen suchen.“ Goethe (1991), Sämtliche Werke. I. Abteilung, Band 23/1 (Zur Farbenlehre), S. 69; vgl. ebd., S. 519–522.

50

Herder (1985), „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“, S. 712.

51

Ebd., S. 717.

52

Ebd., S. 713.

53

„Der Mensch in den Zustand von Besonnenheit gesetzt, der ihm eigen ist, und diese Besonnenheit (Reflexion) zum erstenmal frei würkend, hat Sprache erfunden.“ Ebd., S. 722. „Je kleiner also die Sphäre der Tiere ist: desto weniger haben sie Sprache nötig. Je schärfer ihre Sinne, je mehr ihre Vorstellungen auf Eins gerichtet, je ziehender ihre Triebe sind; desto zusammengezogner ist das Einverständnis ihrer etwanigen Schälle, Zeichen, Äußerungen. – Es ist lebendiger Mechanismus, herrschender Instinkt, der da spricht und vernimmt. Wie wenig darf er sprechen, daß er vernommen werde!“ Ebd., S. 713–714.

54

Ebd., S. 770. Insbesondere in dieser Schrift beschäftigt sich Herder ausführlicher nicht nur mit der sinnlichen, sondern der physischen Schwäche des Menschen und ihren Folgen (Abhängigkeit des Einzelnen von der Gemeinschaft, Entwicklung von Sprache und Verstand). Vgl. ebd., S. 715 und S. 770.

55

Ebd., S. 718–719. Weniger positiv klingt es, wenn Herder von den für den Menschen typischen „zerstreuten Begierden“, „geteilte[r] Aufmerksamkeit“ und „stumpfer witternden Sinne[n]“ schreibt. Ebd., S. 714.

56

„Und nun folgt, daß wenn der Mensch Sinne hat, die für einen kleinen Fleck der Erde, für die Arbeit und den Genuß einer Weltspanne den Sinnen des Tiers, das in dieser Spanne lebet, nachstehen an Schärfe: so bekommen sie eben dadurch Vorzug der Freiheit; ‚Eben weil sie nicht für einen Punkt sind, so sind sie allgemeinere Sinne der Welt.‘“ Ebd., S. 716.

57

Vgl. ebd., S. 707.

58

Ebd., S. 714.

59

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 289.

60

„Erstes Naturgesetz. Der Mensch ist ein freidenkendes, tätiges Wesen, dessen Kräfte in Progression fortwürken; darum sei er ein Geschöpf der Sprache! Als nacktes, instinktloses Tier betrachtet, ist der Mensch das elendeste der Wesen. Da ist kein dunkler, angeborner Trieb, der ihn in sein Element, und in seinen Würkungskreis, zu seinem Unterhalt und an sein Geschäfte zeucht. Kein Geruch und keine Witterung, die ihn auf die Kräuter hinreiße, damit er seinen Hunger stille! Kein blinder, mechanischer Lehrmeister, der für ihn sein Nest baue! Schwach und unterliegend, dem Zwist der Elemente, dem Hunger, allen Gefahren, den Klauen aller stärkern Tiere, einem tausendfachen Tode überlassen, stehet er da! einsam und einzeln! ohne den unmittelbaren Unterricht seiner Schöpferin; und ohne die sichere Leitung ihrer Hand, von allen Seiten also verloren – – –.“ Herder (1985), „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“, S. 769–770.

61

Vgl. Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 290. Dieses Argument findet sich bereits in Lessings Laokoon (1766): „Nur daß diese Bewegungen sich sehr bald wieder verlieren, und schwerlich ein wirkliches Erbrechen erfolgen kann; wovon man allerdings die Ursache darin zu suchen hat, daß es Gegenstände des Gesichts sind, welches in ihnen, und mit ihnen zugleich, eine Menge Realitäten wahrnimmt, durch deren angenehme Vorstellungen jene unangenehme so geschwächt und verdunkelt wird, daß sie keinen merklichen Einfluß auf den Körper haben kann. Die dunkeln Sinne hingegen, der Geschmack, der Geruch, das Gefühl, können dergleichen Realitäten, indem sie von etwas Widerwärtigem gerühret werden, nicht mitbemerken; das Widerwärtige wirkt folglich allein und in seiner ganzen Stärke, und kann nicht anders als auch in dem Körper von einer weit heftigern Erschütterung begleitet sein.“ Lessing (1990), Laokoon, S. 174. Ganz ähnlich findet sich diese Beschreibung der Sinne ein Jahr zuvor in der Encyclopédie im Artikel „Sensations“. Ansätze zu einer qualitativen Analogie zwischen den Sinnen und dem Empfundenen (Lichtstrahlen, Schallwellen, etc.) lassen sich auch schon im 17. Jahrhundert in der Diskussion über den blinden Fleck beobachten (vgl. Exkurs II). Vgl. Diderot/Le Rond d’Alembert (1765), Encyclopédie. Fünfzehnter Band (SEN=TCH), S. 35 („Sensations“).

62

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 336. An anderer Stelle schreibt er von der „tote[n] Fläche“, den „tote[n] Maleraugen“, „dem flüchtigen Auge“ und dem „kalte[n] Beobachter“. Ebd., S. 312, S. 315 und S. 357. Zum Gehör vgl. ebd., S. 292–294.

63

Ebd., S. 290.

64

Zur Zusammenarbeit von Tast- und Sehsinn mit Verweis auf die Täuschung des gekrümmten Stabes im Wasser vgl. ebd., S. 296–297; vgl. Herder (1994), „Plastik“, S. 251.

65

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 290.

66

Ebd., S. 322.

67

Ebd., S. 312.

68

Metaphorisch stellt er dem „Pallast der Ästhetik des Gehörs“ die „Philosophie des Sichtbarschönen“ entgegen. Ebd., S. 336.

69

Ebd., S. 298.

70

Vgl. Herder (1878), „Journal meiner Reise im Jahr 1769“, S. 443.

71

„So sehr die Ästhetik von Seiten der Psychologie und also subjektiv bearbeitet ist; von Seiten der Gegenstände, und ihrer schönen Sinnlichkeit ist sie noch wenig bearbeitet: und ohne diese kann doch nie eine fruchtbare ‚Theorie des Schönen in allen Künsten‘ überhaupt erscheinen. Jede Kunst hat ihre Originalbegriffe, und jeder Begriff gleichsam sein Vaterland in Einem Sinne. So wenig diese zu vergleichen sind, so wenig Auge und Ohr und Gefühl einerlei ist: so kann es auch nicht gleich viel sein, wo ich jeden Begriff herhole und zergliedere: jeder wird nur in seinem Hauptsinn, in seiner Hauptkunst deutlich.“ Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 373. Deutlich wird der Unterschied zu Lessings Kunsttheorie auch, wenn Herder die Malerei als „Roman“ bezeichnet. Herder (1994), „Plastik“, S. 259.

72

„Ich setze also die unleugbare Erfahrung voraus, daß es das Gesicht nicht sei, was uns von Formen und Körpern Begriffe gebe, wie man es durch eine gemeine Meinung annimmt, und wie es auch die Philosophischste Abhandlung über den Grundsatz der schönen Künste angenommen hat. Ich setze es voraus, daß das Gesicht uns nichts, als Flächen, Farben und Bilder zeigen könne, und daß wir von allem, was Körperlicher Raum, sphärischer Winkel, und solide Form ist, nichts anders, als durchs Gefühl, und durch lange wiederholte Betastungen Begriffe erhalten können. Dies zeigen alle Blindgeborne und Blindgewesene.“ Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 294; vgl. ebd., S. 320.

73

Ebd., S. 324–325. „Der Contour der Malerei ist mir immer, wie die Umkreislinie einer Figur auf einer Fläche: daher nimmt er Gesetze in Absicht auf seine Genauigkeit, seinen Geschmack und seinen Ausdruck. Die sanfte Rundung desselben, die einen Körper gleichsam vorhebt, und uns auch hinter das, was wir sehen, sehen läßt, ist in der Malerei bloß schöner Trug zur Linderung der Härte; in der Skulptur ist sie die erste Wahrheit.“ Ebd., S. 314.

74

Vgl. ebd., S. 294.

75

Ebd., S. 325.

76

„Wir gingen die Sinne des Schönen durch, um jedem derselben seine Hauptkunst des Schönen anzuweisen, und aus der Physiologie jenes das Wesen dieser zu zergliedern: wir kamen auf die Künste des Schönen selbst, um in jeder die ursprünglichen und eignen Ideen ihrer Natur zu bemerken: wir gingen meistens auf ungebahnten Pfaden, und hatten mehr vorzuzeichnen, was geliefert werden sollte, als was geliefert wäre.“ Ebd., S. 372; vgl. ebd., S. 307–309. Aus diesem Grund spricht sich Herder in der „Plastik“ auch gegen die Färbung von Skulpturen aus. Vgl. Herder (1994), „Plastik“, S. 268–271.

77

„Drei Hauptsinne gibts also, mindestens für die Ästhetik drei, ob es gleich gewöhnlich gewesen ist, ihr nur zwei, das Auge und Ohr einzuräumen. Jeder von diesen Sinnen hat eigentümliche erste Begriffe, die er liefert, und die den andern bloß appropriiert werden: Ein Gefühl modifiziert sich durch alle Sinne; jeder aber gibt demselben seine neue Art, und so erst nur spät und zuletzt tragen sich aus allen Sinnen komplexe Begriffe in die Seele über, wie sich verschiedene Ströme in ein großes Meer ergießen. So wird der Begriff der Wahrheit und auch der Schönheit: er ist ein Werk vieler und verschiedner Organe, und da jeder von diesen seine eigne Welt hat, gleichsam ein Raub vieler Welten. Die Einbildungskraft nimmt und schaffet und bildet und dichtet; aber alles bekam sie durch fremde Hände, und in ihr ist dieses Zusammengetragne nichts als ein großes Chaos. Unmöglich also, das siehet man offenbar, kann man von hinten anfangen, und von den abstraktesten Begriffen der Einbildungskraft, von Schönheit und Größe und Erhabenheit u. s. w. reden, ohne die geringsten Eindrücke vorangeschickt zu haben, aus denen diese so abgezogne, so vielfassende Ideen erst wurden.“ Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 299–300; vgl. ebd., S. 309–310; vgl. Herder (1994), „Plastik“, S. 255–259.

78

„Weil also die angenehmen Gegenstände dieses Sinnes gleichsam mehr vor und nicht so tief in uns sind, wie in den andern Sinnen: weil ihre Teile neben einander, und also der willkürlichen und gefälligen Auseinandersetzung, oder nach dem eigentlichern Ausdruck der Beschauung am fähigsten sind: weil ihre Unterschiede sich kälter fühlen, und also auch deswegen deutlicher und unterschiedner in der Sprache ausdrücken lassen: weil endlich die Einbildungskraft, die an Benennungen ihrer Arbeiten so arm ist, wie überhaupt unsre ganze Seelenlehre an eigentlichen Ausdrücken, doch immer dem Sinne des Beschauens, der Anschauuung am analogischten würket: aus allen diesen Ursachen hat man sich der Sprache des Gesichts bemächtigt, um durch sie die Beziehung alles dessen, was wohlgefällig auf die ganze Seele würkt, zu bezeichnen.“ Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 290–291. Herder bewertet hier die Rolle des Sehsinns auch für eine Ästhetik der Skulptur oder Musik durchaus noch positiv und hofft für die Theorie der Künste auf einen „optischen Newton“. Ebd., S. 292.

79

Diese sich auf eine Theorie der Sinnesempfindungen stützende Entwicklungsgeschichte der Künste nutzt Herder, um eine (weitestgehend) wertfreie Vorstellung der kulturellen Differenz und Relativität des Schönen zu entwickeln, die im Vergleich zu abwertenden Bemerkungen im Rahmen der Physiognomie und Klimatheorie einen größeren Raum in seinem Werk einnimmt. Vgl. Herder (1985), „‚Von der Veränderung des Geschmacks‘“, S. 149.

80

Torra-Mattenklott trägt der (auch) die deutschsprachigen Theorien der Sinnesempfindung prägenden Trennung zwischen seelisch-geistigen und körperlichen Vorgängen – die auch Herder als Bewegungsübertragung weitgehend mechanisch erklärt – keine Rechnung, wenn sie annimmt, Herder habe das mechanistische Modell bereits in den „Kritischen Wäldern“ demontiert. Dies geschieht erst in Herders 1778 veröffentlichter Schrift „Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele“. Vgl. Caroline Torra-Mattenklott, Metaphorologie der Rührung. Ästhetische Theorie und Mechanik im 18. Jahrhundert, München 2002, S. 230.

81

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 342; vgl. ebd., S. 338. Mit Verweis auf Burke geht Herder jedoch davon aus, dass die Art der Bewegung in den Nerven für die Qualität der Empfindung verantwortlich sein könne. Vgl. ebd., S. 348–349.

82

„Geschichtliches Denken, geschichtliches Verstehen eines Phänomens in seiner Besonderheit konnten die beiden widerstrebenden Tendenzen Herders zur Rationalität und Systematik bzw. zu Sinnenerfahrung und Gefühl miteinander vermitteln, forderten sie doch mit der empfindsamen Einfühlung in Andersartiges eine Reflexion und ‚Entselbstigung‘ des Gefühls und mit der Vorstellung fremder Verhältnisse und Umweltbedinungen als Voraussetzungen des Handelns und Denkens eine Relativierung und Differenzierung der allgemeinen Vernunft, die sie in die Mannigfaltigkeit des Erfahrbaren zurückführte.“ Gaier (1985), „Der frühe Herder“, S. 825; vgl. Adler (1990), Die Prägnanz des Dunklen, S. 162–172.

83

Vgl. Herder (1994), „Plastik“, S. 246.

84

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 331–332. In der „Plastik“ vergleicht Herder das Sehen der Kinder mit demjenigen eines Menschen, der abrupt aus dem Schlaf geweckt wird. Vgl. Herder (1994), „Plastik“, S. 248.

85

Vgl. Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 342. Diderot bezeichnet das Bild auf der Retina wiederholt als „miniature“. Vgl. Diderot (1978), Lettre sur les aveugles, S. 63. Im siebzehnten Band der Encyclopédie erklärt der nicht genannte Autor des Artikels „Vision“, die Eigenheiten des retinalen Bildes (unter anderem seine ‚exzessive Kleinheit‘) seien anhand von Descartes’ Versuchen mit Ochsenaugen, künstlichen Augen und der Camera obscura erwiesen: „Ainsi il y a sur la rétine une apparence ou une image exactement semblable à l’objet; toute la différence, c’est qu’un corps s’y représente par une surface, qu’une surface s’y représente assez souvent par une ligne, & une ligne par un point; que l’image est renversée, la droite répondant à la gauche de l’objet, &c. que cette image est excessivement petite, & le devient de plus en plus, à proportion que l’objet est plus éloigné.“ Diderot/Le Rond d’Alembert (1765), Encyclopédie. Siebzehnter Band (Venerien=Z), S. 345 („Vision“); vgl. La Mettrie (1745), Histoire naturelle de l’ame, S. 89–90.

86

„Mit der Kindheit ganzer Nationen gehets eben so, wie es alle Geschichten aller Völker in allen Künsten und Wissenschaften zeigen. Die ersten Ideen von Religion und Naturerklärung: das erste Ideal ihrer Gedichte und Musik: die ersten Gesetze ihrer Staatsklugheit und ihres Umgangs: die ersten Anfänge endlich von Philosophie und schöner Kunst, sind Übertreibungen. Es ist die erste blendende Tafel von kolorierten Figuren, die auf ihr Auge fiel; einige sonderten sie los, bei einigen wurden sie verhärtet, und die kamen nie zur Erkenntnis der Wahrheit.“ Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 333.

87

„At first, he could bear but very little Sight, and the Things he saw, he thought extreamly large; but upon seeing Things larger, those first seen he conceiv’d less, never being able to imagine any Lines beyond the Bounds he saw; the Room he was in he said, he knew to be but Part of the House, yet he could not conceive that the whole House could look bigger.“ Cheselden (1728), „An Account of Some Observations Made by a Young Gentleman“, S. 449; vgl. Condillac (1754), Traité des sensations. Band I, S. 99–102. Anders bei Buffon, vgl. Buffon (1949), Histoire naturelle. Zweiter Band, S. 450–451. Im dritten Band vertritt Buffon die Auffassung, dass Säuglinge die Welt noch auf dem Kopf stehend und doppelt sehen. Vgl. Buffon (1749), Histoire naturelle. Dritter Band, S. 307–308 und S. 317–318.

88

Condillac (1754), Traité des sensations. Band II, S. 33–34. Condillac sieht dies durch den Bericht Cheseldens bestätigt.

89

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 327–328. 1775 wiederholt Herder diese Nostalgie einer ursprünglichen Sinnlichkeit: „[S]chönes, erleuchtetes Jahrhundert, ohne Kräfterregung, Inhalt, Sache und Tat, voll schöner Worte, lieblicher Wendungen, aufgezählter Reime und herrlichkünstlicher Musikstanzen! herrliches Jahrhundert, wo es Hauptkunstgriff wird, die Seele ja unweinerlich, Tränen- und Rührunglos, aber zu artigen Phrases- Licht- und Vernunftseele zu machen: hast du an Inhalt, Kraft und daurender Glückseligkeit auf die Nachwelt gewonnen oder verloren?“ Johann Gottfried Herder, „Alte Volkslieder“ [1775], in: ders., Werke in zehn Bänden, hgg. von M. Bollacher et al. Band 3 (Volkslieder, Übertragungen, Dichtungen), hg. von U. Gaier, Frankfurt a. M. 1990, S. 11–25, hier: S. 25.

90

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 273.

91

Ebd.

92

Ebd., S. 276.

93

Vgl. ebd., S. 277. Ähnlich denkt Herder wohl auch das Zusammentreffen europäischer und ‚wilder‘ Menschen. Letztere seien in ihrem Verhalten der ersten Sinnlichkeit noch näher, und Herders Überlegungen münden in eine Kritik an der Langeweile des europäischen Bildungsbürgers: „Wissen wir denn nicht, daß eben in den Winkeln der Erde, wo noch die Vernunft am wenigsten in die feine, gesellschaftliche, vielseitige, gelehrte Form gegossen ist, noch Sinnlichkeit, und roher Scharfsinn, und Schlauheit, und mutige Würksamkeit, und Leidenschaft und Erfindungsgeist – die ganze ungeteilte menschliche Seele am lebhaftesten würke? Am lebhaftesten würke, weil sie noch auf keine langweilige Regeln gebracht, immer in einem Kreise von Bedürfnissen, von Gefahren, von andringenden Erfordernissen ganz lebt, und sich also immer neu und ganz fühlt.“ Herder (1985), „Abhandlung über den Ursprung der Sprache“, S. 781.

94

Herder (1993), „Kritische Wälder. Viertes Wäldchen“, S. 278.

95

Ebd.

96

Ebd., S. 322.

97

Ebd., S. 297–298.

98

„Volkslieder, wie Herder sie versteht, sind also gerade nicht, was sie heute zu sein vorgeben: Ausdruck einer noch rustikalen oder gar heilen Ursprünglichkeit. Fernab von solch einem rousseauistisch inspirierten Naturpathos entnimmt ihnen Herder eine Widerständigkeit gegen jene exklusive Anspruchshaltung, mit der sich vermeintlich höher kultivierte Gesellschaftskreise gegen das Einfache abschotten.“ Stefan Greif, „Volkslieder (1778 f.)“, in: ders./Marion Heinz/Heinrich Clairmont (Hgg.), Herder Handbuch, unter Mitwirkung von V. Stolz, T. Bender, A. Meywirth und N. Lehnert, Paderborn 2016, S. 495–504, hier: S. 497. Zu fragen wäre allerdings, ob Herder die Annahme einer solchen „exklusive[n] Anspruchshaltung“ nicht zumindest mit konstruiert.

99

Herder (1990), „Alte Volkslieder“, S. 24.

100

Ebd.

101

Johann Gottfried Herder, „Über die Wirkung der Dichtkunst auf die Sitten der Völker in alten und neuen Zeiten“ [1781], in: ders., Werke in zehn Bänden, hgg. von G. Arnold et al. Band 4 (Schriften zu Philosophie, Literatur, Kunst und Altertum 1774–1787), hgg. von J. Brummack und M. Bollacher, Frankfurt a. M. 1994, S. 149–214, hier: S. 151.

102

Ebd., S. 155.

103

Ebd., S. 154. Zu Herders Theorie der Dichtung vgl. Adler (1990), Die Prägnanz des Dunklen, S. 125–149.

104

Herder (1994), „Über die Wirkung der Dichtkunst“, S. 155.

105

Johann Gottfried Herder, „Über den Einfluss der schönen in die höhern Wissenschaften“ [1781], in: ders., Werke in zehn Bänden, hgg. von G. Arnold et al. Band 4 (Schriften zu Philosophie, Literatur, Kunst und Altertum 1774–1787), hgg. von J. Brummack und M. Bollacher, Frankfurt a. M. 1994, S. 215–232, hier: S. 223.

106

Das Zitat im Titel stammt aus Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1106. „La Classe de Philosophie spéculative, à qui écheoit le tour de proposer une nouvelle Question, le fait de maniere suivante. L’ame possede deux facultés primitives qui forment la base de toutes ses opérations; la faculté de connoître, & la faculté de sentir.“ Nouveaux Mémoires de l’Académie Royale des Sciences et Belles-Lettres. Année 1773, Berlin 1775, S. 11 („Histoire de l’Académie“).

107

Vgl. ebd., S. 11–12 („Histoire de l’Académie“).

108

Zit. in: Jürgen Brummack/Martin Bollacher, „Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele (Kommentar)“, in: Johann Gottfried Herder, Werke in zehn Bänden, hgg. von G. Arnold et al. Band 4 (Schriften zur Philosophie, Literatur, Kunst und Altertum 1774–1787), hgg. von J. Brummack und M. Bollacher, Frankfurt a. M. 1994, S. 1076–1155, hier: S. 1078. Es handelt sich um den einzigen Brief, in dem Herder seine Teilnahme erwähnt.

109

Ein Blick auf die eingereichte Fassung zeigt allerdings, dass Herder den dritten Teil der Frage durchaus behandelt. Vgl. Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1118.

110

Vgl. Nouveaux Mémoires de l’Académie Royale des Sciences et Belles-lettres. Année 1775, Berlin 1777, S. 20 („Histoire de l’Académie“).

111

Die Akademiemitglieder präzisieren in der neuen Ausschreibung die drei gestellten Fragen. Die beiden Fähigkeiten des Erkennens und des Empfindens sollen nun nicht mehr nur genauer bestimmt werden, sondern es soll geklärt werden, warum und auf welche Weise sie einmal getrennt und einmal nur gemeinsam funktionieren. Außerdem sollen zum einen der gegenseitige Einfluss der beiden Fähigkeiten in der ganzen Breite ausformuliert und zum anderen die Bedingungen genau beschrieben werden, unter denen ein Mensch eher die eine oder die andere Fähigkeit ausbildet. Vgl. Nouveaux Mémoires (1777). Année 1775, S. 20 („Histoire de l’Académie“).

112

Brummack/Bollacher (1994), „Vom Erkennen und Empfinden (Kommentar)“, S. 1079–1080. Den Preis erhält die Schrift des Berliner Theologen Johann August Eberhard (1739–1809): „La Classe de Philosophie spéculative avoit renvoyé à cette année le Prix qu’elle auroit dû adjuger l’année passée. Le Mémoire Allemand ayant pour Devise: Nosce te ipsum, a été couronné; & après l’ouverture du billet cacheté, on y a trouvé le nom de M. Jean Auguste Eberhard, Pasteur à Charlottembourg. Le Sécretaire a ensuite indiqué les Mémoires qui ont obtenu l’accessit pour le même Prix, aussi bien que ce qui concerne les Questions pour les Prix des années prochaines.“ Nouveaux Mémoires de l’Académie Royale des Sciences et Belles-lettres. Année 1776, Berlin 1779, S. 9–10 („Histoire de l’Académie“). „L’accessit a été accordé 1°. à la Piece françoise, intitulée Recherches sur la faculté de sentir & celle de connoître, ayant pour Devise: Sin, has-ne possim Naturae accedere partes: Virg. Georg. 2°. A la Dissertation Allemande qui a pour Devise un passage Grec de Platon; […] 3°. Au Mémoire Allemand, qui a pour Devise: Est quodam prodire tenus &c.“ Ebd., S. 34 („Histoire de l’Académie“).

113

Zit. in: Brummack/Bollacher (1994), „Vom Erkennen und Empfinden (Kommentar)“, S. 1080.

114

Herder nimmt an, dass die Trennung von Empfindung und Erkenntnis ein Zeichen für die Krankheit eines Menschen sei. Vgl. Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 374. Décultot merkt an: „Herders Interesse an Sulzer galt vor allem dessen Versuch, das Empfinden vom Erkennen abzukoppeln und zu einem autonomen Vermögen in der menschlichen Seele zu erheben. Diesen Verselbstständigungsprozess des Empfindungsvermögens hatte Herder in Sulzers akademischen Schriften der 1750er und 1760er Jahre verfolgen können. In direkter Auseinandersetzung mit dieser Seelenlehre weist Herder in seiner 1774 eingereichten Preisschrift Sulzers dualistisches Modell zweier getrennter Hauptvermögen zurück und postuliert eine Einheit von Erkennen und Empfinden. In diesem einheitlichen Schema wird jedoch nicht mehr – in Abgrenzung zur Wolff’schen Vermögenslehre – das Empfinden vom Erkennen, sondern das Erkennen vom Empfinden abgeleitet.“ Élisabeth Décultot, „Johann Georg Sulzer – Leben und Werk“, in: Johann Georg Sulzer, Kurzer Begriff aller Wissenschaften. Erste (1745) und zweite (1759) Auflage, hg. von H. Adler, Basel 2014, S. XIII–LV, hier: S. XXXVII; vgl. Décultot (2018), „Sulzer, ein Aufklärer?“, S. 1–2. Die Wahrnehmungspsychologie geht seit den 1980er Jahren davon aus, dass die Wahrnehmung und die Erkenntnis, das heißt hier die Einordnung eines Objektes in eine Kategorie, tatsächlich zwei voneinander separate Prozesse sind. Vgl. Goldstein (2008), Wahrnehmungspsychologie, S. 6.

115

Anders als Goethe richtet sich Herder nicht allgemein gegen eine Theorie der sinnlichen Empfindung, sondern befasst sich mit ihren wichtigsten Thesen und Überlegungen, verändert sie und entwickelt sie weiter. Zu Goethe unterstreicht Décultot: „[E]ine Tradition, die der junge Goethe am Ende seiner Streitschrift mit dem Aufruf abzuwehren versucht: ‚Gott erhalt unsre Sinnen, und bewahr uns vor der Theorie der Sinnlichkeit‘.“ Décultot (2018), „Sulzer, ein Aufklärer?“, S. 1.

116

Es liegen also drei Fassungen der Schrift vor: von Ende 1774, Ende 1775 und aus dem Winter 1777/1778. Vgl. Brummack/Bollacher (1994), „Vom Erkennen und Empfinden (Kommentar)“, S. 1076–1082.

117

Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1090.

118

Eine wahre Erkenntnis bezeichnet Herder folglich nicht als deutlich, sondern als „weniger, heller, tiefer“. Ebd., S. 1091. Herder richtet dieses Argument auch gegen Leibniz’ Philosophie, die das menschliche Empfinden nur „mit einigen tauben Wörtern und Klassifikationen“ künstlich trenne. Erkenntnisse über die Seelenlehre erhofft er sich vielmehr von „Lebensbeschreibungen: Bemerkungen der Ärzte und Freunde: Weissagungen der Dichter“ und bewegt sich damit im Bereich des Möglichen. Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 340–341. Er unterstreicht, dass dies bisher nur im Bereich der geistigen Krankheit versucht worden sei, sich aber tatsächlich an jedem einzelnen Menschen veranschaulichen lasse: „Würde ein Mensch den tiefsten, individuellsten Grund seiner Liebhabereien und Gefühle, seiner Träume und Gedankenfahrten zeichnen können, welch ein Roman!“ Ebd., S. 365.

119

Für die breite Anerkennung dieser Theorie der Bewegungsübertragung spricht auch, dass sie im siebzehnten Band der Encyclopédie (1765) als Tatsache dargestellt wird: „Les images des objets se représentent donc sur la rétine, qui n’est qu’une expansion de filets très-déliés du nerf optique, & d’où le nerf optique lui-même va se rendre dans le cerveau: or si une extrémité du nerf optique reçoit un mouvement, ou fait une vibration quelconque, cette vibration se communiquera à l’autre extrémité: ainsi l’impulsion des différens rayons qui viennent des différens points de l’objet, l’affectera à-peu-près de la même maniere qu’elle affecte la rétine, c’est-à-dire avec les vibrations & la sorte de mouvement qui lui est particuliere, cette impulsion se propagera ainsi jusqu’à l’endroit où les filets optiques viennent à former un tissu dans la substance du cerveau, & par ce moyen là les vibrations seront portées au siege général ou commun des sensations.“ Diderot/Le Rond d’Alembert (1765), Encyclopédie. Siebzehnter Band (Venerien=Z), S. 346 („Vision“); vgl. Diderot/Le Rond d’Alembert (1765), Encyclopédie. Fünfzehnter Band (SEN=TCH), S. 24 („Sens“). Im deutschsprachigen Raum vgl. Walch (1726), Philosophisches Lexicon, S. 2350; vgl. Jablonski (1721), Allgemeines Lexicon, S. 723; vgl. Häseler (1771), Betrachtungen Ueber das Menschliche Auge, S. 34 und S. 106. Zur Frage, warum der Mensch aufrecht und nicht doppelt sieht, schreibt der nicht genannte Autor: „A l’égard des raisons pourquoi nous ne voyons qu’un objet simple, quoiqu’il y ait une image dans chaque œil, & pourquoi nous le voyons droit quoique cette image soit renversée; nous renvoyons à ce que les auteurs d’optique ont dit là-dessus, & dont nous ne répondons pas qu’on soit satisfait.“ Diderot/Le Rond d’Alembert (1765), Encyclopédie. Siebzehnter Band (Venerien=Z), S. 346 („Vision“). Ähnlich zögernd äußert sich Häseler. An die bekannten Erklärungen fügt er eine eigene physiologische Hypothese an: „Vielleicht aber sind auch die kleinen Fäserchen des Sehnervens schon so geordnet, daß die Bilder, die sich verkehrt im Auge entwerfen, durch solche Empfindungen ins Gehirn gebracht werden, als ob sie sich gerade gemahlet hätten.“ Häseler (1771), Betrachtungen Ueber das Menschliche Auge, S. 111.

120

Haller verweist ausdrücklich auf die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Arzt und Philosophen Johann Georg Zimmermann und auf dessen Schrift Dissertatio physiologica de irritabilitate (1751). Zu Zimmermann vgl. Simone Zurbuchen, „Berliner ‚Exil‘ und Schweizer ‚Heimat‘. Johann Georg Zimmermanns Reflexionen über die Rolle des Schweizer Gelehrten“, in: Martin Fontius/Helmut Holzhey (Hgg.), Schweizer im Berlin des 18. Jahrhunderts, Berlin 1996, S. 57–68.

121

Schon 1756 erscheint eine deutsche Übersetzung von Abraham Gotthelf Kästner in der Reihe der Akademieschriften der Schwedischen Akademie der Wissenschaften. Vgl. Albrecht von Haller, „Untersuchung von den empfindlichen (sensibiles) und reizbaren (irritabiles) Theilen des menschlichen Körpers“, in: Der Königl. Schwedischen Akademie der Wissenschaften Abhandlungen, aus der Naturlehre, Haushaltungskunst und Mechanik auf das Jahr 1753, aus dem Schwedischen übersetzt von Abraham Gotthelf Kästner. Funfzehnter Band, Hamburg/Leipzig 1756, S. 14–39. 1755 war bereits eine französische Übersetzung erschienen, und 1789 erscheint die Schrift auf Italienisch. Haller antwortet auf seine Kritiker in mehreren Zusätzen 1762, 1773 und 1774.

122

Ebd., S. 15.

123

Ebd., S. 16.

124

Ebd., S. 16–17. Als Beispiel für den weder reizbaren noch empfindsamen Teil des Körpers führt Haller das Fett und die Sehnen an. Vgl. ebd., S. 19–20.

125

Ebd., S. 18.

126

Bei reizbaren Teilen reagiere nur der jeweilige Körperteil mit einem „krampfhafte[n] Zucken“. Ebd., S. 18.

127

Vgl. ebd., S. 19–20 und S. 27. Zum Auge schreibt Haller: „Eine gleiche Empfindlichkeit hat auch das Auge, vornehmlich das netzförmige Häutchen, welches so gar von dem Lichte verletzet wird, wie man aus dem Schmerze und aus der Entzündung, die die blitzenden Sonnenstrahlen nach sich ziehen, abnehmen kann.“ Ebd., S. 38.

128

Ebd., S. 22. Haller präzisiert, dass die Empfindung nicht von der Nervenhaut, sondern vom Nervenmark herrühre. Vgl. ebd., S. 34. „Endlich so muß wohl der Sitz der schärfsten Empfindung in den Nerven, als der Quelle aller Empfindlichkeit seyn. Den wenn man denselben berühret, reizet, ja nur bindet, so ist es demjenigen, welcher es nicht erfahren, unglaublich, was für eine große Beängstigung und Schmerz die Thiere zu erkennen geben.“ Ebd., S. 38.

129

Brummack und Bollacher gehen in ihrem Kommentar davon aus, dass Herder die Reizbarkeit als eine Vorstufe der Empfindlichkeit verstanden habe, weil Haller sie in seinem von Herder benutzten Hauptwerk Elementa physiologiae corporis humani (1757–1766) nacheinander behandelt hat. Außerdem habe er nicht die Absicht verfolgt, Hallers Physiologie zu referieren, „sondern zu einer ‚physiologischen Seelenlehre‘ [zu] beleben […], um die wirkende Kraft des Geistes zu bezeugen.“ Sie sehen auch in der Verwendung von Metaphern (Welle) diesen Versuch, die Wissenschaftssprache zu transzendieren und aufzuheben. Brummack/Bollacher (1994), „Vom Erkennen und Empfinden (Kommentar)“, S. 1085. Foucault zeigt anhand der Schriften des Schweizer Arztes Samuel Auguste André David Tissot (1728–1797) – der aufgrund seiner Schriften über die Onanie auch im deutschsprachigen Raum breit rezipiert wird –, dass Hallers Theorie der Irritabilität auch im medizinischen Kontext zu einer Theorie der Irritation (Wut, Aufruhr) umgedeutet wird. Vgl. Foucault (1972), Histoire de la folie à l’âge classique, S. 371. Goethe verweist im Frühjahr 1792 auf einen Abschnitt aus Hallers Primae lineae physiologiae (1744), in dem Letzterer die körperliche Sinnesempfindung klar als Bewegungsübertragung definiert. Vgl. Johann Wolfgang Goethe, <Reine Begriffe> [posthum, entst. 1792], in: ders., Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Vierzig Bände, hgg. von H. Birus, D. Borchmeyer, H.‑G. Dewitz et al. I. Abteilung, Band 23/2 (Schriften zur Farbenlehre 1790–1807), hg. von M. Wenzel, Frankfurt a. M. 1991, S. 69–70.

130

Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 331.

131

Ebd., S. 346. Im Folgenden leitet Herder hieraus mit Verweis auf Burke den Unterschied zwischen dem Schönen (Hingabe) und dem Erhabenen (Zurückschrecken) ab. In Goethes Farbenlehre findet sich die These einer sich anspannenden und entspannenden Retina. Vgl. Goethe (1991), Sämtliche Werke. I. Abteilung, Band 23/1 (Zur Farbenlehre), S. 32.

132

Vgl. C. L. Denicke, Vollständiges Lehrgebäude der ganzen Optik, oder der Sehe=Spiegel= und Strahlbrech=Kunst […], Altona 1757, S. 1–3. Denicke verweist auf Kepler und Descartes als diejenigen Autoren, die den Sehvorgang richtig erklärt haben, vgl. ebd., S. 9–11. Auf fast dreißig Seiten befasst sich Denicke mit den „Irrtümern des Gesichts“. Vgl. ebd., S. 20–48. Die Bestimmung der geraden Strahlen dient in den optischen Wissenschaften zur Unterscheidung der Optik von ihren Teilgebieten Katoptrik (Lehre von der Reflexion des Lichts) und Dioptrik (Lehre von der Lichtbrechung). Vgl. Abraham Gotthelf Kästner, Anfangsgründe der angewandten Mathematik. Der mathematischen Anfangsgründe zweyter Theil. Erste Abtheilung. Mechanische und Optische Wissenschaften [1759], dritte, durchaus verbesserte und vermehrte Auflage, Göttingen 1780, S. 212. Mit der Frage der Verlässlichkeit der Sinne beschäftigt sich Kästner (polemisch) in einem Aufsatz aus dem zweiten Band seiner vermischten Schriften. Vgl. Abraham Gotthelf Kästner, „Ueber sinnliche Wahrheit und Erscheinung“, in: ders., Vermischte Schriften. Zweyter Theil, Altenburg 1772, S. 104–115.

133

Adler führt Herders Gebrauch der Wellenmetaphorik auf Leibniz zurück, der sie im Zusammenhang mit der Bestimmung der petites perceptions verwendet. Allerdings spricht schon Thomas Hobbes 1650 im Zusammenhang mit der sinnlichen Empfindung von Wellen und Huygens verwendet – und problematisiert – 1690 die Metapher der Welle für die Beschreibung des Lichts. In demselben Jahr wie Herders Überarbeitung seiner Preisschrift erscheint der erste Band von Tissots Traité des nerfs et de leurs maladies (1778), in dem der Schweizer Arzt die willentliche Bewegung der Gliedmaßen auf eine Wellenbewegung in den Nerven zurückführt. Vgl. Foucault (1972), Histoire de la folie à l’âge classique, S. 367; vgl. Hobbes (1966), Leviathan, S. 4; vgl. Huygens (1690), Traité de la lumière, S. 4–6 und S. 15; vgl. Adler (1990), Die Prägnanz des Dunklen, S. 113. „Unterlag unsre Seele dem Meere kommender Wellen von Reiz und Gefühl von außen: so gab uns die Gottheit Sinne; von innen, so webte sie uns ein Nervengebäude.“ Herder (1993), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 346. „Um mein Ohr fließet ein Meer von Wellen, das seine Hand ausgoß, damit eine Welt von Gegenständen in mich dringe, die mir sonst ewig ein dunkles stilles Totengrab bleiben müßte.“ Ebd., S. 348. „Er schwimmt in einem Meer von Eindrücken der Gegenstände, wo Eine Welle leiser, die andre fühlbarer ihn berühret, immer aber mancherlei Veränderungen von außen sein Inneres reizen.“ Johann Gottfried Herder, „Über Bild, Dichtung und Fabel“ [1787], in: ders., Werke in zehn Bänden, hgg. von G. Arnold et al. Band 4 (Schriften zu Philosophie, Literatur, Kunst und Altertum 1774–1787), hgg. von J. Brummack und M. Bollacher, Frankfurt a. M. 1994, S. 631–677, hier: S. 633.

134

Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1090; vgl. ebd., S. 1091–1092. Hier zeigt sich besonders deutlich der Unterschied zu Immanuel Kants Definition des ‚interesselosen Wohlgefallens‘ in der Kritik der Urteilskraft, mit dem sich Herder vor allem in seiner späten Schrift Kalligone (1800) auseinandersetzt. Vgl. Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft [1790, 31799], Frankfurt a. M. 1974, S. 116–124 (§ 2–5). Zu Herders Rezeption von Kants Schriften vgl. Heise (2009), „Johann Gottfried Herder“, S. 17.

135

Vgl. Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1091.

136

Ebd.

137

Vgl. ebd., S. 1091–1092.

138

Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 333–334. Bereits 1774 kommt Herder auf den Atem zu sprechen und die Vorstellung, er bestimme nicht nur den physischen, sondern auch den seelischen Takt des Lebens. Vgl. Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1094.

139

Vgl. Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 336–338. In der ersten Fassung dieser Schrift unterstreicht Herder: „Weder Seele noch Körper ist eine solche für sich gehende, mechanische Uhr.“ Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1109.

140

„Ich sage nicht, daß ich hiemit was erkläre; ich habe noch keine Philosophie gekannt, die, was Kraft sei, erkläre, es rege sich Kraft in Einem oder in zween Wesen. Was Philosophie tut, ist bemerken, unter einander ordnen, erläutern, nachdem sie Kraft, Reiz, Würkung schon immer voraussetzt.“ Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 337–338. An Condillac, aber auch an Sulzer und Meier anknüpfend verbindet Herder dies mit der Vorstellung, die Kraft (potestas, facultas) oder Tätigkeit der Seele werde durch angenehme oder unangenehme Empfindungen angeregt. Vgl. Condillac (1754), Traité des sensations. Band I, S. 30. Zum ‚Kraft‘-Begriff im 18. Jahrhundert vgl. Ulrike Zeuch, „‚Kraft‘ als Inbegriff menschlicher Seelentätigkeit in der Anthropologie der Spätaufklärung (Herder und Moritz)“, in: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft. 43. Jahrgang (1999), S. 99–122. Bereits Jablonski bezeichnet in seinem Lexicon die Sinnesempfindung als eine Kraft und unterscheidet zwischen angenehmen und ‚widerwärtigen‘ Empfindungen: „Sinn, Sinnlichkeit, Empfindlichkeit, Sensus, Sensatio, Sens. Die krafft, durch welche der mensch von den äusserlichen dingen einen eindruck empfindet.“ Jablonski (1721), Allgemeines Lexicon, S. 723.

141

„Der innere Mensch mit alle seinen dunklen Kräften, Reizen und Trieben ist nur Einer. Alle Leidenschaften, ums Herz gelagert, und mancherlei Werkzeuge regend, hangen durch unsichtbare Bande zusammen und schlagen Wurzel im feinsten Bau unsrer beseelten Fibern.“ Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 338–339.

142

Brummack/Bollacher (1994), „Vom Erkennen und Empfinden (Kommentar)“, S. 1087.

143

Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 338; vgl. Maurer (2010), „Ganz Ohr“, S. 71. Herder nimmt an, dass die Philosophie dies wisse, sich aber vor allem Körperlichen wie vor „der Hölle unterster Seelenkräfte“ scheue. Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 340.

144

In der ersten Fassung seiner Schrift geht Herder davon aus, dass der Mensch aufgrund der Begrenztheit seines Empfindungs- und Erkenntnisvermögens die Frage des commercium mentis et corporis nicht beantworten könne: „Diesen Zustand nun bis auf den tiefsten Abgrund uns innigst und doch deutlich vorzustellen ist nicht möglich, weil wir weder die Natur der Gedenkkraft, noch der Empfindungs- und Körperteile aus dem Universum und aufs Universum hin erklären und beziehen können. Und schon aus dem Grunde sind alle Systeme über die Verbindung der Seele und des Körpers nichtig. […] Die Untereinanderordnung deutlicher klarer und dunkler, aber lebhafter und würksamer Ideen ist das Meisterstück der Göttlichen Kraft und Weisheit, die in jedem einzelnen Punkt nicht anders als aus der Zusammenordnung des Ganzen eingesehen werden müßte.“ Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1093. Im zweiten Teil der Schrift nimmt Herder dann an, der commercium mentis et corporis sei eigentlich „nichts als der wechselseitige Einfluß zwischen Erkennen und Empfinden.“ Ebd., S. 1107–1108.

145

Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 354.

146

Ebd., S. 355.

147

Ähnlich formuliert es Herder bereits in der ersten Fassung seiner Schrift. Vgl. Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1104.

148

Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 351. Diese Aktualisierung der auf Empedokles zurückgehenden Vorstellung des Sehens als einer Erfassung von Gleichem (Sonnenstrahlen) durch Gleiches (Sehstrahlen) – mit der Kepler zu Beginn des 17. Jahrhunderts bricht – gehört zu den zentralen Argumenten in Goethes Farbenlehre: „Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgültigen tierischen Hülfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seines Gleichen werde; und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete. Hierbei erinnern wir uns der alten ionischen Schule, welche mit so großer Bedeutsamkeit immer wiederholte: nur von Gleichem werde Gleiches erkannt; wie auch der Worte eines alten Mystikers, die wir in deutschen Reimen folgendermaßen ausdrücken möchten: Wär’ nicht das Auge sonnenhaft, / Wie könnten wir das Licht erblicken? / Lebt’ nicht in uns des Gottes eigne Kraft, / Wie könnt’ uns Göttliches entzücken? Jene unmittelbare Verwandtschaft des Lichtes und des Auges wird niemand leugnen, aber sich beide zugleich als eins und dasselbe zu denken, hat mehr Schwierigkeit. Indessen wird es faßlicher, wenn man behauptet, im Auge wohne ein ruhendes Licht, das bei der mindesten Veranlassung von innen oder von außen erregt werde. Wir können in der Finsternis durch Forderungen der Einbildungskraft uns die hellsten Bilder hervorrufen. Im Traume erscheinen uns die Gegenstände wie am vollen Tage. Im wachenden Zustande wird uns die leiseste äußere Lichteinwirkung bemerkbar; ja wenn das Organ einen mechanischen Anstoß erleidet, so springen Licht und Farbe hervor.“ Goethe (1991), Sämtliche Werke. I. Abteilung, Band 23/1 (Zur Farbenlehre), S. 24–25. Es lässt sich zumindest eine Nähe zu Jaucourts mit Verweis auf Buffon vertretene Auffassung feststellen, das menschliche Auge spiegele die Gefühle eines Menschen wider. Vgl. Jaucourt (1765), „Œil“, S. 388. Diese Auffassung geht auf den Volksglauben des ‚bösen Blicks‘ zurück, der bereits im alten Ägypten bekannt und auch in der Augenheilkunde um 1700 noch präsent ist. Vgl. Schalling (1615), Ophthalmia, S. 21.

149

„Nun aber zeigen alle Tritte, die wir bisher zurückgelegt haben, daß die Gottheit uns dies Alles durch Wege und Kanäle schaffte, die immer empfangen, läutern, fortschwemmen, mehr einigen, der Seele ähnlicher machen, was ferne ihr noch so unähnlich war. Ich fürchte mich also gar nicht vor dem alten Ausdruck, daß der Mensch eine kleine Welt sei, daß unser Körper Auszug alles Körperreichs, wie unsre Seele ein Reich aller geistigen Kräfte, die zu uns gelangen, sein müsse, und das schlechthin, was wir nicht sind, wir auch nicht erkennen und empfinden können.“ Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 353–354.

150

Ebd., S. 353.

151

Ebd., S. 351.

152

Ebd., S. 353.

153

Ebd.

154

Welchen Stellenwert diese Frage in den zeitgenössischen Theorien der Sinnesempfindung einnimmt, zeigt noch die Tatsache, dass Goethe sein Interesse für die Optik mit dem Verweis auf die Größen- und Distanzwahrnehmung begründet. Die Bedeutung dieser Frage zeigt sich auch darin, dass es sich bei Goethe um ein rein rhetorisch eingesetztes Beispiel handelt, an dem den Lesern am ehesten einsichtig werden soll, dass sich der Mensch täuschen kann. Ebenso ergehe es der Wissenschaft, die zuweilen auf falschen Hypothesen beruhe, die „nur durch ein ungeheures Übergewicht von Erfahrungen endlich verbannt werden konnten […].“ Johann Wolfgang Goethe, Beiträge zur Optik. Erstes Stück. Mit XXVII Tafeln [1791], in: ders., Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Vierzig Bände, hgg. von H. Birus, D. Borchmeyer, H.‑G. Dewitz et al. I. Abteilung, Band 23/2 (Schriften zur Farbenlehre 1790–1807), hg. von M. Wenzel, Frankfurt a. M. 1991, S. 15–50, hier: S. 21 (§ 17). Mit der ‚falschen Hypothese‘ zielt Goethe auf Newtons Prismenexperiment. Vgl. Goethe (1991), <Über Newtons Hypothese der diversen Refrangibilität>, S. 131.

155

Eine dritte Position vertritt d’Alembert, der im „Discours préliminaire“ annimmt, der Mensch schließe instinktiv von der Sinnesempfindung auf die Existenz der dem Körper äußeren Gegenstände. Er wehrt sich jedoch gegen die unbedingte Notwendigkeit, dieser Frage auf den Grund zu gehen: „Jugeons donc sans balancer, que nos sensations ont en effet hors de nous la cause que nous leur supposons, puisque l’effet qui peut résulter de l’existence réelle de cette cause ne sauroit différer en aucune maniere de celui que nous éprouvons; & n’imitons point ces Philosophes dont parle Montagne, qui interrogés sur le principe des actions humaines, cherchent encore s’il y a des hommes.“ Le Rond d’Alembert (1751), „Discours préliminaire des éditeurs“, S. II.

156

Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 351.

157

Ebd.

158

Vgl. ebd., S. 347–348.

159

Ebd., S. 350–351. „Ein Reiz, eine Empfindung und es blitzt Gedanke, es wird Wille, Entwurf, Tat, Handlung: alles durch Einen und denselben Boten. Wahrlich, wenn dieses nicht Saitenspiel der Gottheit heißt: was sollte so heißen?“ Ebd., S. 351. Herder schließt hiervon auch auf die Notwendigkeit, den Sinnesempfindungen „glauben [zu] müssen“. Ebd., S. 348.

160

Ebd., S. 350–351. In der ersten Fassung seiner Schrift äußert sich Herder hierzu deutlicher: „Kein Sinn, als Sinn kann sie trügen: alle Vorstellungen, selbst die dunkelsten, sind prägnant von Wahrheit im Schoße der Empfindung: Irrtum ist nichts aus eine Vermischung und Zusammenwerfung zu vieler Teile, deren Grund wir noch nicht sehen, also nichts als ein Nebel unterwegens auf dem Gange zur Wahrheit.“ Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1098. Zum Begriff der ‚Prägnanz‘ bei Herder vgl. Adler (1990), Die Prägnanz des Dunklen, S. 90–101.

161

Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 354.

162

Ebd., S. 351–352.

163

Ebd., S. 348. In der ersten Fassung seiner Schrift beschäftigt sich Herder noch mit den überindividuellen Charakteristika der einzelnen Sinnesorgane, so besonders des Geruchssinns, der „tiefer und in einer zur Seele nähern Region“ wirke und die einzelnen Empfindungen der Seele schon gemischt vermittle. Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1095; vgl. ebd., S. 1095–1097. 1787 sieht Herder in der „Mitteilbarkeit“ und der „Kommunikabilität unsrer mehreren Sinne gegen einander und die Harmonie zwischen ihnen“ eine notwendige Voraussetzung, um die Verbindung zwischen den Gedanken, den Vorstellungen und den empfundenen Objekten herzustellen. Herder (1994), „Über Bild, Dichtung und Fabel“, S. 636.

164

Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 348. „Wer ins Tollhaus gehet, findet alle Narren auf verschiedne Art, jeden in seiner Welt, rasen: so rasen wir alle sehr vernünftig, jeder nach seinen Säften und Launen. Der tiefste Grund unsres Daseins ist individuell, so wohl in Empfindungen als Gedanken.“ Ebd., S. 365. Ähnlich äußert sich Lessing in seinem Laokoon: „Nichts ist betrüglicher als allgemeine Gesetze für unsere Empfindungen. Ihr Gewebe ist so fein und verwickelt, daß es auch der behutsamsten Speculation kaum möglich ist, einen einzeln Faden rein aufzufassen und durch alle Kreuzfäden zu verfolgen. Gelingt es ihr aber auch schon, was für Nutzen hat es? Es giebt in der Natur keine einzelne reine Empfindung; mit einer jeden entstehen tausend andere zugleich, deren geringste die Grundempfindung gänzlich verändert, so daß Ausnahmen über Ausnahmen erwachsen, die das vermeintlich allgemeine Gesetz endlich selbst auf eine bloße Erfahrung in wenig einzeln Fällen einschränken.“ Lessing (1990), Laokoon, S. 43. „Der Mensch ist ein so zusammengesetztes, künstliches Wesen, daß, Trotz aller Anstrengung, in ihm nie ein ganz einfacher Zustand möglich ist. Zu eben derselben Zeit, da er siehet, höret er auch und genießt unvermerkt durch alle Organe seiner vielartigen Maschine Einflüsse von außen, die zwar größtenteils dunkle Empfindungen bleiben, jederzeit aber auf die Summe seines ganzen Zustandes ingeheim mitwirken.“ Herder (1994), „Über Bild, Dichtung und Fabel“, S. 633. Zur Denkfigur der ‚reinen Sichtbarkeit‘ vgl. Norman Kasper, Ahnung als Gegenwart. Die Entdeckung der reinen Sichtbarkeit in Ludwig Tiecks frühen Romanen, München 2014.

165

Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 348.

166

Ebd., S. 348–349; vgl. ebd., S. 350.

167

Ebd., S. 349. „Wie einzelne Menschen, so sind noch mehr Familien und Völker von einander verschieden: nach dem Kreise ihrer Empfindungs- richtet sich auch ihre Denkart.“ Ebd., S. 368.

168

Ebd., S. 349–350. In dieser individuellen Vermischung der Sinneseindrücke sieht Herder – so erklärt sich eventuell seine Verwendung des Begriffs „Einbildung“ – auch den Ursprung von „Visionen, Krankheiten und Träume[n]“. Ebd., S. 350.

169

Ebd., S. 352.

170

Ohne den Begriff der ‚Apperzeption‘ zu verwenden, schreibt Herder bereits in der ersten Fassung seiner Schrift: „Und hier liegt nun der Bestimmungsgrund unsrer ersten wichtigen Frage über die Natur des Erkennens und Empfindens: nämlich das Erkennen der Seele kann als ein deutliches Resultat all’ ihrer Empfindungszustände betrachtet werden; die Empfindung also kann nichts anders sein als gleichsam der Körper, das Phänomen des Erkennens, die anschaubare Formel, worin die Seele den Gedanken siehet. Dies ist die ursprüngliche Bestimmung beider Fähigkeiten, die sich in der Entwicklung aller merkbaren Fälle und Zustände zeiget.“ Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1094; vgl. ebd., S. 1095.

171

Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 354. 1787 definiert Herder das Bild als eine „Vorstellung eines Gegenstandes [verbunden] mit einigem Bewußtsein der Wahrnehmung“. Herder (1994), „Über Bild, Dichtung und Fabel“, S. 635.

172

Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 354; vgl. ebd., S. 355.

173

Dasselbe gilt nach Herder für das Erkennen eines anderen Menschen: „Menschheit ist das edle Maß, nach dem wir erkennen und handeln: Selbst- und Mitgefühl also, (abermals Ausbreitung und Zurückziehung) sind die beiden Äußerungen der Elastizität unsres Willens; Liebe ist das edelste Erkennen, wie die edelste Empfindung. Den großen Urheber in sich, sich in andre hinein zu lieben und denn diesem sichern Zuge zu folgen: das ist moralisches Gefühl, das ist Gewissen. Nur der leeren Spekulation, nicht aber dem Erkennen stehets entgegen, denn das wahre Erkennen ist lieben, ist menschlich fühlen.“ Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 360.

174

Vgl. ebd., S. 357–358. Herder vergleicht die Sprache hier mit Lichtstrahlen, die dem Menschen als Stütze dienen: „[I]ch glaube […], daß würklich ein solcher Stab der Aufweckung unserm innern Bewußtsein zu Hülfe kommen mußte, als das Licht dem Auge, daß es sehe, der Schall dem Ohr, daß es höre. So wie diese äußere Medien für ihre Sinne würklich Sprache sind, die ihnen gewisse Eigenschaften und Seiten der Dinge vorbuchstabieren: so, glaub‘ ich, mußte Wort, Sprache zu Hülfe kommen, unser innigstes Sehen und Hören gleichfalls zu wecken und zu leiten. So, sehen wir, sammlet sich das Kind, es lernt sprechen wie es sehen lernt, und genau dem zu Folge denken.“ Ebd., S. 357–358. Ähnlich bereits in der ersten Fassung der Schrift. Vgl. Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1099. Herder fügt der durch die Sprache erst zugänglichen Bildung hinzu: „Ohngeachtet alles Sehens und Hörens und Zuströmens von außen, würden wir in tiefer Nacht und Blindheit tappen, wenn nicht frühe die Unterweisung für uns gedacht und gleichsam fertige Gedankenformeln uns eingeprägt hätte.“ Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 358.

175

Ebd., S. 354.

176

Ebd., S. 356.

177

Ebd.

178

Empfinden und Erkennen bringen für Herder auch den Willen mit sich, das Empfundene zu besitzen: „Auch Erkennen ohne Wollen ist nichts, ein falsches, unvollständiges Erkennen. Ist Erkenntnis nur Apperzeption, tiefes Gefühl der Wahrheit; wer wird Wahrheit sehen und nicht sehen? Güte erkennen und nicht wollen und lieben? […] Spekulation ist nur Streben zum Erkenntnis; ein Tor nur vergißt das Haben über dem Streben. Spekulation ist Zerteilung, wer ewig teilt, wird nie ganz besitzen und brauchen.“ Ebd., S. 359. Ähnlich formuliert er es bereits in der ersten Fassung der Schrift. Vgl. Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1099. Aufgrund dieser reziproken Abhängigkeit von Empfinden, Erkennen und Wollen bezeichnet Herder den Menschen mit Verweis auf Hippokrates als „einen lebendigen Kreis“. Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 361.

179

Ebd., S. 356.

180

In der ersten Fassung seiner Schrift befasst sich Herder etwas genauer mit der idealen Zusammensetzung der sinnlichen Eindrücke. Sind es zu viele, erliege die Seele unter ihnen, sind es zu wenige, empfinde sie „Ekel, Überdruß“. Am besten sei die Mischung, das „dolce piccante, das sanfte Vielförmige“. Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1095.

181

Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 356; vgl. ebd., S. 357–358. Ähnlich formuliert es Herder noch 1787. Vgl. Herder (1994), „Über Bild, Dichtung und Fabel“, S. 635. In der ersten Fassung seiner Schrift spricht Herder auch den Pflanzen eine Erkenntnisfähigkeit zu, weil auch sie ihre Bedürfnisse beispielsweise nach Sonne oder Wasser zu befriedigen suchten. Vgl. Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1091–1092.

182

Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 357.

183

Ebd., S. 355. „Auch in der Einbildung und dem Gedächtnis, der Erinnerung und Voraussicht muß sich die Eine Gotteskraft unsrer Seele, ‚innere in sich blickende Tätigkeit, Bewußtsein, Apperzeption‘ zeigen: in dem Maße dieser hat ein Mensch Verstand, Gewissen, Willen, Freiheit, das andre sind zuströmende Wogen eines großen Weltmeers.“ Ebd., S. 356; vgl. ebd., S. 358.

184

Dieses Argument führt Herder bereits in der ersten Fassung seiner Schrift an, entwickelt es aber nicht zu einer Theorie der dem Wissen angemessenen Sprachverwendung weiter, sondern begründet so die notwendige Verbundenheit der Seele mit dem Körper. Vgl. Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1092–1093; vgl. ebd., S. 1105.

185

Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 354.

186

Ebd., S. 355. In diesem Lernprozess müssen Sinnesempfindung und Apperzeption zusammenkommen: „Der Mensch gaffet so lange Bilder und Farben, bis er spricht, bis er, inwendig in seiner Seele, nennet.“ Ebd., S. 358; vgl. ebd., S. 359.

187

Bereits in der ersten Fassung seiner Schrift verweist Herder auf diesen Topos: „Die Menschliche Seele als ein eingeschränktes Wesen hat auch keine unendliche Kraft zu erkennen und umfasset nicht das Weltall in seinem Ersten Grunde. Der Schöpfer hat sie also an eine Organische Materie als einen künstlichen Auszug des Weltall geknüpft, daß sie mittels seiner erkenne, und sich das Weltall nach Analogie desselben bilde. Das ist der Leib, ein Analogon ihrer Kräfte und ein Auszug, Symbol, ein vollstellender Spiegel des Universum für sie (à la portée d’elle).“ Herder (1994), „Übers Erkennen und Empfinden“, S. 1102. Maurer nimmt an, dass Herder von der These der ‚Leibgebundenheit‘ des Menschen auf die Notwendigkeit des Studiums der Sinne schließe. Die gedankliche Entwicklung ist jedoch eher umgekehrt und beginnt durchaus nicht mit Herder. Vom Studium der Sinne schließt bereits der frühe Sensualismus auf die Begrenztheit beziehungsweise Leibgebundenheit des Menschen. Vgl. Maurer (2010), „Ganz Ohr“, S. 57–58.

188

Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 331.

189

Ebd., S. 330. Anders als der nicht genannte Autor im Artikel „Sens“ der Encyclopédie geht Herder davon aus, dass der Mensch aufgrund seiner begrenzten Perspektive die Funktionsweise der ihn umgebenden Welt mithilfe der Analogie erahnen, nicht aber deren allgemeine Gesetze rational erkennen könne. Vgl. Diderot/Le Rond d’Alembert (1765), Encyclopédie. Fünfzehnter Band (SEN=TCH), S. 27 („Sens“). Diderot äußert sich Anfang der 1750er Jahre wesentlich skeptischer: „L’entendement a ses préjugés; le sens, son incertitude; la mémoire, ses limites; l’imagination, ses lueurs; les instruments, leur imperfection.“ Denis Diderot, Pensées sur l’interprétation de la nature [1753], texte établi et présenté par J. Varloot, in: ders., Œuvres complètes, édition critique et annotée, présentée par J. Varloot. Band IX (L’Interprétation de la nature (1753–1765). Idées III), Paris 1981, S. 1–111, hier: S. 43 (XXII).

190

Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 330.

191

Ebd.

192

Ebd. 1787 versteht Herder die seelisch-geistige Sinnesempfindung als einen Prozess, der „Gedankenbilder“ schaffe und so als Allegorie beziehungsweise Übersetzung zu fassen sei: „Hieraus ergibt sich, daß unsre Seele, so wie unsre Sprache, beständig allegorisiere. Indem sie nämlich Gegenstände als Bilder sieht oder vielmehr nach Regeln, die ihr eingeprägt sind, solche in Gedankenbilder verwandelt; was tut sie anders, als übersetzen, als metaschematisieren?“ Er folgert hieraus: „Unser ganzes Leben ist also gewissermaßen eine Poetik: wir sehen nicht, sondern wir erschaffen uns Bilder.“ Herder (1994), „Über Bild, Dichtung und Fabel“, S. 635.

193

Herder (1994), „Vom Erkennen und Empfinden“ [1778], S. 330. Herder begründet so auch die Anhäufung von Metaphern und Vergleichen in seinen eigenen Schriften anthropologisch.

194

Seine Leser, die Herder als „stille, züchtige Leser“ anspricht, sollen dieses „Gefühl von dem Einen, der in aller Mannigfaltigkeit herrschet“ vor allem mittels der sprachlichen Tropen empfangen. Ebd., S. 331.

195

„[Ich] glaube übrigens, daß Homer und Sophokles, Dante, Shakespear und Klopstock der Psychologie und Menschenkenntnis mehr Stoff geliefert haben, als selbst die Aristoteles und Leibnitze aller Völker und Zeiten.“ Ebd.

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Die „krumme Bahn der Sinnlichkeit“

Sehen und Wahrnehmen in Optik, Naturforschung und Ästhetik des 17. und 18. Jahrhunderts

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