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Eva Forrester
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Christine Lubkoll
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Timo Sestu
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Seit im Herbst 2015 eine große Zahl von Geflüchteten nach Deutschland kam und Asyl beantragte, haben öffentliche Debatten und Konflikte im Umgang mit Fremdheit, gesellschaftlicher Vielfalt und Integration signifikant zugenommen und an Aktualität gewonnen. Manche sehen sogar die Tendenz einer Spaltung der Gesellschaft: Kontroverse Diskussionen über die deutsche ‚Leitkultur‘ (und die Problematik des Begriffs) werden wiederbelebt und nehmen an Fahrt auf; ‚Wutbürger‘ erheben ihre Stimme, fühlen sich verunsichert und bedroht und entwickeln zum Teil ein erhebliches Aggressionspotenzial; als ‚Gutmenschen‘ beschimpfte Bürger setzen sich für eine Willkommenskultur und ein menschliches Gesicht der multikulturellen Gemeinschaft ein. Während die einen inzwischen von großen Erfolgen bei der Integration Geflüchteter z. B. in die Arbeitswelt sprechen, nehmen auf der anderen Seite Fremdenfeindlichkeit, Unzufriedenheit und Proteste, ja auch kriminelle Aktivitäten und Gewalt ganz offensichtlich zu.

Das Forum für Integration und interkulturellen Dialog (FAU Integra) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, das 2016 zur Unterstützung und wissenschaftlichen Begleitung des bereits bestehenden Programms „Studienorientierung für Geflüchtete“ gegründet wurde, veranstaltete aus diesem Anlass drei Ringvorlesungen, die sich mit den akuten gesellschaftlichen Problemfragen aus interdisziplinärer Perspektive beschäftigten: Die Flüchtlingsfrage – interdisziplinäre Perspektiven (2016); Gutmenschen – Wutbürger. Ethische Aspekte gesellschaftlicher Debatten (2017); Integration. Interdisziplinäre Perspektiven (2018).

Die Vorträge im Rahmen dieser Ringvorlesungen diskutierten die Bedeutung der Polarisierung und Polemisierung in öffentlichen Meinungsbildungsprozessen aus verschiedenen fachspezifischen Perspektiven, im Fokus standen dabei insbesondere gesellschaftliche Interaktionen und ihre ethische Begründung sowie die Reflexion diskursiver bzw. medialer Muster und Verhaltensweisen. Es ging darum, die gegenwärtigen gesellschaftlichen Konfliktdiskurse aufzurufen und gleichzeitig die Spannweite zu beschreiben, in der sich politische Akteur*innen innerhalb dieser Diskurse verorten. Auf dieser Basis sollten Konzeptualisierungen und Modelle von Integration aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven beleuchtet und die jeweiligen Ansätze hinsichtlich ihrer Relevanz für die aktuelle Integrationsdebatte hinterfragt werden. Ziel der Ringvorlesungen war es auch, die Ressourcen und Kompetenzen der Wissenschaften zu nutzen, um aktuelle gesellschaftliche Problemlagen kritisch zu reflektieren und Lösungsansätze zu debattieren. Dabei ging es nicht nur um die Vernetzung einzelner Disziplinen, die zu diesem Thema einschlägig arbeiten, sondern auch um den Dialog mit der außeruniversitären Öffentlichkeit: Die Ringvorlesungen waren auch für das städtische Publikum zugänglich und wurden von diesem rege wahrgenommen.

Der hier vorliegende Band versammelt einen Teil der Beiträge, die aus den verschiedensten Fachrichtungen stammen: Politik, Soziologie, Jurisprudenz, Geschichtswissenschaft, Pädagogik, Psychologie, Medienwissenschaft, Literatur- und Kulturwissenschaft. Im Zentrum steht jeweils die Frage, wie mit dem Thema Flucht umgegangen wird bzw. welche ethischen Forderungen sich damit verbinden sollten; wie der gesellschaftliche Dissens zu bewältigen ist; was Integration bedeutet und in welcher Weise sie ein brauchbares Konzept für ein tolerantes, friedvolles Miteinander sein kann, das Vielfalt ebenso garantiert wie Identität und Zugehörigkeit.

Dabei haben sich drei Schwerpunkte herauskristallisiert, die auch die Kapitelfolge bestimmen: Zunächst wird die aktuelle Flüchtlingsfrage selbst zum Gegenstand der wissenschaftlichen Reflexion erhoben; aus historischer, rechtsethischer und medienethischer Perspektive werden Formen der Diskursivierung und medialen Darstellung kritisch befragt und bewertet. Nach diesen Bestandsaufnahmen richtet sich der Blick im zweiten Schritt auf die gesellschaftlichen Konfliktfelder: auf Aushandlungsformen und Lösungsstrategien im Umgang mit der Flüchtlingsfrage. Hier werden sozialpsychologische Beobachtungen und Konzepte, kulturwissenschaftliche Betrachtungen und didaktische Überlegungen ins Feld geführt. Konzepte und Praktiken stehen dann auch im Zentrum des dritten Teils zum Thema Integration – zunächst werden empirische gesellschaftliche Kontexte aus sozialwissenschaftlicher Perspektive in den Blick genommen; den Abschluss bilden sodann literaturwissenschaftliche Analysen, die Modelle von Integration im spezifischen Reflexionsmedium der Literatur produktiv machen.

I.

Roland Steinacher beleuchtet das Flüchtlingsthema als Historiker. Sein Beitrag Das Wandern der Völker unternimmt einen Vergleich der modernen Migrationsbewegung mit der Völkerwanderung der Spätantike und bietet so nicht nur eine Blickerweiterung, sondern auch eine Systematisierung wesentlicher Axiome des Phänomens ‚kollektiver Fluchtbewegungen‘. Er betrachtet die Völkerwanderung als Migrationsphänomen, wägt die Möglichkeiten einer Parallelisierung mit heutigen Erscheinungsformen ab und zieht daraus Schlüsse für eine differenzierte und unaufgeregte Betrachtung aktueller Entwicklungen.

Andreas Funke diskutiert in seinem Plädoyer für eine Rechtsethik des Flüchtlingsrechts die politisch-juristische Sachlage und geht der Frage nach, in welchem normativen Kontext das Flüchtlingsrecht steht. Dazu reflektiert der Autor die zugrundeliegenden Vorgaben wie beispielsweise die Hilfspflicht gegenüber Geflüchteten und untersucht sie auf ihre Stimmigkeit hin. Er plädiert dafür, den Umgang mit Geflüchteten aus der Perspektive einer moralischen Verantwortung neu zu betrachten, auf deren Grundlage zugleich politische und humanitäre, menschenrechtliche Dimensionen zur Geltung kommen.

Christian Schicha erörtert aus medienethischer Sicht die Darstellung von Flüchtlingen in der Presse. Am Beispiel des Problems der visuellen Darstellung toter Flüchtlinge liefert der Beitrag eine ethische Funktionsbestimmung der Medien und formuliert den essentiellen Anspruch, dass diese als „Chronisten der Zeit“ zu agieren hätten. So erschienen in der Vergangenheit immer wieder Bilder toter Geflüchteter in Zeitungen und anderen Medien. Christian Schicha diskutiert Argumente für und gegen eine Veröffentlichung dieser Bilder und fordert ein kritisches Begleitbewusstsein: einerseits sei eine pietätvolle Zurückhaltung geboten, andererseits hätten aber die Bilder auch die Funktion, aufzurütteln und Aufklärung zu betreiben.

II.

Andrea E. Abele setzt sich als Sozialwissenschaftlerin mit psychologischen Perspektiven auf Fremdenfeindlichkeit als einer Ausprägung gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit auseinander. Neben Gründen für das Entstehen von Abwehrhaltungen gegenüber Fremden (u. a. sog. Diskrepanz-Erleben) diskutiert sie sozialpsychologische Ansätze zur Reduzierung fremdenfeindlicher Einstellungen. Vielen dieser Ansätze ist gemein, dass sie in unterschiedlicher Weise eine Grundlage für Gemeinsamkeiten und geteilte Erfahrungen schaffen, etwa über die Formulierung übergeordneter Ziele und die daraus resultierende Erfordernis von Kooperation.

Johannes F. Lehmann analysiert in seinem kulturwissenschaftlich orientierten Beitrag zum einen Affekte und Konzepte wie Zorn, Wut, Männlichkeit unter Bezug auf den altgriechischen Begriff thymos und beleuchtet vor diesem Hintergrund die Stoßrichtung des Denkens der Neuen Rechten. Zum anderen reflektiert er den Sinn und die Funktion von Grenzen und Grenzziehungen. Die demokratietheoretische Relevanz der Wut abseits ihrer politischen Instrumentalisierung liege vor allem darin, so seine These, dass sie als „[…] Alarmsystem von negativen Energiebilanzen und als Beobachtungssystem der asymmetrischen Verteilung von Handlungsmacht […] lesbar gemacht werde.“

Stefan Scholz beschäftigt sich aus religionsdidaktischer Perspektive mit populistischen Diskursstrategien als religionspädagogischen Herausforderungen. Zunächst diskutiert er die Rolle des Religionsunterrichts im Spannungsfeld von Politik und Religion. Auf der Grundlage einer „Religionspädagogik der Fremdheit“ als theoretischer Konzeption entwickelt Scholz sodann einen Ansatz zur „Populismusbewältigung im Klassenzimmer“, den er auch mit praktischen Vorschlägen zur Unterrichtskonzeption konkretisiert.

III.

Michaela Gläser-Zikuda, Florian Hoffmann und Shirin Saparova rücken das vieldiskutierte Thema der Integration in den Mittelpunkt. Sie beschäftigen sich in praxisorientierter Perspektive mit der interkulturellen Schulentwicklung und beschreiben das Klassenzimmer als einen Kristallisationsort der zunehmenden Heterogenität der Gesellschaft. Der Beitrag benennt zunächst die mit diesem Befund verbundenen Herausforderungen und die Konsequenzen für die Bildungsinstitution Schule. Sodann werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie eine interkulturelle Schulentwicklung als Reaktion auf die Heterogenität der Gesellschaft gelingen kann.

Florian Ohnmacht und Erol Yildiz setzen sich mit ihrem Beitrag zur postmigrantischen Generation aus soziologischer Perspektive mit den kulturalisierenden, ethnisierenden und generalisierenden Bildern und Deutungen von Jugendlichen der sogenannten Nachfolgegeneration von Migrant*innen kritisch auseinander. Mit ihren Überlegungen plädieren sie für eine Neuorientierung der Migrationsforschung, die sich gegen eine (immer noch) hegemoniale Wissensproduktion zur Wehr zu setzen hätte und deren Zielpunkt letztlich eine konviviale Alltagspraxis aller Betroffener wäre.

Während also aus pädagogischer und soziologischer Sicht Konzepte und Praktiken der Integration in ganz konkreten Kontexten reflektiert und in theoretischen Konzepten ausformuliert werden, bringen die beiden folgenden Beiträge das Medium der Literatur als Resonanzraum gesellschaftlicher Prozesse ins Spiel, als Ort der fiktionalen Entfaltung von Konfliktkonstellationen und Lösungsmodellen im Feld der Flüchtlingsthematik.

Sandra Fluhrer stellt in ihren Überlegungen die Pelops-Episode im VI. Buch der Metamorphosen des römischen Dichters Ovid in einen Zusammenhang mit kollektiven Bewältigungsformen, namentlich mit der Mythen-Theorie des Kulturtheoretikers Roland Barthes. Ziel ist die Interpretation der Pelops-Episode als Integrations-Mythos in der Weise, dass bereits Ovids Dichtung als kritische Mythologie im Sinne Barthes gelesen werden kann.

Timo Sestu blickt, ebenfalls aus literaturwissenschaftlicher Perspektive, auf die Auseinandersetzung mit dem Thema Integration in der Gegenwartsliteratur und unternimmt mit dem Fokus auf Literarische Figurationen von Desintegration gleichsam die Gegenprobe. Anhand erzählender Texte von Shumona Sinha (Erschlagt die Armen!) und Fatma Aydemir (Ellbogen) stellt er produktive Denkformen der Desintegration vor, von denen aus gedacht ein neuer politischer Diskurs über die Gesellschaft im 21. Jahrhundert entstehen könnte und sollte.

Dieser Band wäre nicht zustande gekommen ohne die starke institutionelle und personelle Unterstützung durch die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Wir sind sehr dankbar für die intensive Zusammenarbeit mit FAU Integra: ohne die logistische und organisatorische Umsetzung, aber auch die inhaltlich inspirierenden Impulse hätten die Veranstaltungen nicht durchgeführt werden können, und sie hätten nicht die Aufmerksamkeit und Resonanz in der Öffentlichkeit erfahren, die ihnen schließlich zu Teil wurden. Besonders hervorzuheben ist hier auch die Beteiligung einiger Geflüchteter an den Projekten von FAU Integra.

Zu danken ist auch dem Elite-Masterstudiengang Ethik der Textkulturen, der maßgeblich an der inhaltlichen Planung, aber auch an einem Großteil der Finanzierung beteiligt war. Außerdem bestand eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Erlanger Zentrum für Literatur und Kultur der Gegenwart, dem Centre for Human Rights Erlangen-Nürnberg (CHREN), dem Zentralinstitut für Regionenforschung und dem Zentralinstitut Anthropologie der Religion(en) (ZAR). Dank eines beständigen Austauschs mit der Hochschulleitung, vertreten durch den Vizepräsidenten für Forschung, Herrn Prof. Dr. Günter Leugering, wurde das Projekt in hohem Maße unterstützt und bereichert. Last but not least danken wir Isabella Drescher und Sarah Dönges für die sorgfältigen redaktionellen Arbeiten im Zusammenhang mit der Drucklegung dieses Bandes.

Eva Forrester, Christine Lubkoll und Timo Sestu, im Januar 2021

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Fremdheit, Integration, Vielfalt?

Interdisziplinäre Perspektiven auf Migration und Gesellschaft

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