Die Konformisten des Andersseins

Ende der Kritik
1. Aufl. 1999, 202 Seiten, Fbr.
ISBN: 978-3-7705-3368-8
EUR 29.90 / CHF 36.80

Informationen zum Buch

Es ist unter soziologischen Beobachtern der westlichen Welt heute unstrittig, daß wir in einer funktional differenzierten Gesellschaft leben. Und das bedeutet für jeden Menschen: ich und andere sind nur jedermann. Das ist schwer zu ertragen, und begierig greift man deshalb Angebote der Identität und Einmaligkeit auf. Das Ziel der Individualität ist aber das allerallgemeinste: anders als alle anderen zu sein. Wir haben es hier also mit einer verfänglichen Spielart der Sei-spontan-Paradoxie zu tun: Weiche vom Gewohnten ab!

Doch Individualität fordert heute nicht nur ein Anderssein als die anderen, sondern auch ein Anderssein als man selbst also Selbstinszenierung. Der traditionelle Schauplatz dafür ist die Mode. Sie stellt das Urmodell für den Konformismus der Abweichung dar. Wer das unter Titeln wie Kulturindustrie (Adorno) oder Bewußtseinsindustrie (Enzensberger) beschrieb, schien außerhalb zu stehen um zu warnen und zu mahnen. Diese Kulturkritiker brachten neue Ehrennamen des Andersseins in Umlauf: anti-, jenseits, post-.

In einem über Jahrzehnte stabilen Selbstmißverständnis haben sich die kritischen Bewußtseine für "anders" gehalten, d. h. für unbestechlich durch die Lockungen des Konsums und immun gegen den Zeitgeist. Doch auch sie sind, nicht anders (!) als die von ihnen verachteten Modelackaffen, Konformisten des Andersseins. Man erkennt das, wenn man beobachtet, wie affirmativ die Kritiker mit der Unterscheidung affirmativ/kritisch hantieren.

Konformismus der Abweichung heißt dann im Blick auf die uns allen so lieb und selbstverständlich gewordene Kultur der Kritik:

  • Politisches Engagement ist eine Form des Konsums

(A. O. Hirschman)

  • Mit Provokationen kann man nicht mehr provozieren

(N. Luhmann)

  • Heute ist es unmöglich, sich unmöglich zu machen

(H. Lübbe)