Die Phantasie der Realisten

1. Aufl. 1999, 349 Seiten, Kt.
ISBN: 978-3-7705-3386-2
EUR 43.90 / CHF 53.60

Informationen zum Buch

Der Titel ist Programm. Die großen Romanciers des französischen 19. Jahrhunderts, Stendhal, Balzac, Flaubert und Zola, aber auch der ihnen am nächsten stehende Deutsche Fontane sollen befreit werden von jenen Klischees wie Wirklichkeitstreue, Wirklichkeitsnähe, quasi-wissenschaftliche Objektivität, mit denen man sie schon zu Lebzeiten glaubte feiern zu können, die sich fortsetzten in den klassischen Darstellungen von Erich Auerbach und Hugo Friedrich und die einmündeten in die ideologisch bestimmten Wertungen und Abwertungen des späten Lukacs.

 

Realismus ist ein Unbegriff. Bestritten werden soll nicht jenes zeitgeschichtliche Wissen, mit dem diese Romane gesättigt sind. Aber dieses Wissen ist durchdrungen von einem Imaginären, das sich wesentlich speist aus der Fusion von romantischer Energetik mit den von Michel Foucault so genannten Tiefenmetaphysiken des 19. Jahrhunderts, insbesondere jenem Lebensprinzip, das der Positivismus voraussetzt, ohne es selbst zum Erkenntnisgegenstand machen zu können

 

Der realistische Roman korreliert Positivismus und Tiefenmetaphysik. Er affichiert einen Objektivismus, den er zugleich mit seinem mortalistisch grundierten Vitalismus dementiert. Er inszeniert ein wesentlich ikonoklastisches Imaginäres. Es geht also nicht einfach um Literaturgeschichte als Diskursgeschichte. Die Einbettung literarischer Texte in umfassende Diskursfelder muß einhergehen mit einer Ausbettung, die ihre konterdiskursive Distanz, ihre imaginäre Reaktion auf diskursives Wissen sichtbar macht. Diese Dialektik ist ein Leitgedanke der hier vorgelegten Lektüren.