Zeit im Roman

Literarische Zeitreflexion und die Geschichte des Zeitromans im späten 18. und im 19. Jahrhundert
1. Aufl. 2001, 848 Seiten, kart.
ISBN: 978-3-7705-3560-6
EUR 109.00 / CHF 130.00
erschienen in der Reihe:
Band: 7

Informationen zum Buch

Vor dem Hintergrund der »Verzeitlichung« (Koselleck) des Denkens und der gleichzeitigen Beschleunigung der Geschichte erfolgt im Roman des späteren 18. Jahrhunderts eine grundlegende »Entdeckung der Zeit« (Toulmin/Goodfield), die zwischen Spätaufklärung und Romantik eine neue Anthropologie des Zeitbewußtseins, ein neues, modernes Geschichtsverständnis und komplexe Zeitpoetiken als Formen ästhetischer Zeitreflexion hervorbringt. Ausdruck des neuen politischen und zeitgeschichtlichen Bewußtseins ist insbesondere auch die bislang unerforschte Entstehung des Zeitromans um 1800 in der Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution, mit ihren Folgen für Deutschland sowie mit der beginnenden Modernisierung der Lebenswelt. Angesichts der einschneidenden Epochenzäsur am Ende der Aufklärung werden geläufige Formen des Familien-, des Individual- und des Staats- bzw. Geheimbundromans in konzentrierte Modelle einer kritischen Zeitreflexion transformiert. Noch vor der Entstehung eines traditionsbildenden poetologischen Diskurses über den Zeitroman, wie ihn das Junge Deutschland nach 1830 entwirft, legen die Zeitromane des frühen 19. Jahrhunderts die Grundlage für die weitere Entwicklung des Genres im Spannungsfeld von Individualroman, historischem Roman und Gesellschaftsroman.

Nach einem Aufriß zur "Entdeckung der Zeit" im Roman zwischen Aufklärung und Romantik rekonstruiert die vorliegende Studie auf der Basis von über zweihundert, oft unbekannten Romanen die Verflechtung der Geschichte des Zeitbewußtseins mit der Geschichte des Zeitromans von seinen vergessenen Anfängen im Kontext der Spätaufklärung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Gegen das Vorurteil, dem deutschen Roman mangele es an der »ernsten Darstellung der zeitgenössischen alltäglichen gesellschaftlichen Wirklichkeit auf dem Grund der ständigen geschichtlichen Bewegung« (Auerbach) wird gezeigt, wie sich der Zeitroman in seinen unterschiedlichen Spielarten als ein ebenso produktives wie populäres Medium der literarischen Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte entfaltet, wie er sich mit politischen Umbrüchen wie den Befreiungskriegen oder den Revolutionen von 1830 und 1848 auseinandersetzt, wie er sich den sozialen Konsequenzen von Industrialisierung und Modernisierung stellt und darin zugleich vielfältige Reflexionsmodelle individueller und kollektiver Zeiterfahrung hervorbringt. Damit liegt zugleich erstmals eine umfassende Darstellung des Zeitromans im 19. Jahrhundert vor.