Das optische Wissen

Mediologische Studien zu einer Geschichte des Sehens
1. Aufl. 2009, 603 Seiten, kart.
ISBN: 978-3-7705-4672-5
EUR 95.00 / CHF 114.00

Informationen zum Buch

Das Auge ist kein passives Organ, worauf die Welt nur ihre Abdrücke prägen würde. Vielmehr ist der Sehprozess als poiesis zu beschrei­ben, als Tätigkeit im weitesten Sinne, die sich unter bestimmten kulturellen Bedingungen und histo­risch wandelbaren Voraussetzun­gen vollzieht. Insofern ist das Auge auch wohl nicht ›unschuldig‹ (ob­wohl dies immer wieder als ästheti­sche Forderung auftaucht), es ope­riert in einem Netzwerk von Dis­kursfeldern, zu denen vor allem Medizin, Medien, Malerei und Lite­ratur zählen.

 

Um dies darzustellen, verfolgt Köh­nen mehrere Linien und verbindet sie zu einer Mediologie des Sehens: Medizinisch-physiologische Grund­begriffe des Sehvorgangs, ästheti­sche Zeugnisse aus Malerei und vor allem Literatur, die über die Sehkon­ventionen einer Epoche Auskunft ge­ben, und nicht zuletzt technische Pro­gramme, die sich in der Erfindung optischer Medien und damit in verän­derten Möglichkeiten des Sehens niederschlagen. Wie an Beispielen aus der Antike bis zur Gegenwart zu zeigen ist, vollziehen sich Entwicklun­gen des Sehens nicht isoliert, sondern immer in rekursiven Schleifen der unterschiedlichen Diskurse, die sich dann in sozialen Handlungsfeldern entwickeln. Die Zentralperspektive etwa wird nicht einfach ausgedacht, sondern braucht mathematische Grundlagen, eine bestimmte Landschaftssicht, In­strumente, ein technisches Selbstver­ständnis auf Seiten der Maler und auch die Rückwirkung des Buch­drucks – wenngleich der Denkhori­zont für die neue Darstellungsweise schon viel früher vorhanden ist, bün­deln sich die verschiedenen Faktoren erst nach 1400 und verknüpfen sich dann auch mit Machtaspekten von Wissen und Herrschaft. Empirisch­naturwissenschaftliche (Newton) und subjektiv-erfahrungsbezogene Erfor­schungen des Sehens (Goethe) ha­ben beide auf die Entwicklung mo­derner Sehstrategien gewirkt und bei aller Gegensätzlichkeit immer wieder Verbundwirkung gezeigt. Dies wird etwa an der Durchsetzung der Illu­sionskunst im 19. Jahrhundert deut­lich, die nicht nur romantische Imagi­nation und ein Autonomieverständnis des künstlerischen Sehens braucht, sondern sich ebenso auf moderne Physiologie, Medien und Technik stützt. Erst in solchen Konstellationen wird eine Archäologie des Sehens beschreibbar, die noch die Gegen­wart des digitalen Sehens beeinflusst. An deren gesteigertem Illusionismus haben nicht nur Speichertechniken Anteil, sondern wiederum physiologi­sche Perspektiven, aber auch Aspek­te von bildender Kunst und literari­schen Narrationen.