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Schreibakte auf der Schwelle zwischen Spanien und Amerika (1530-1600)
AutorIn: Bernhard Siegert
Passagiere und Papiere ist ein Buch über eine vergessene Urszene der Moderne. In den bürokratischen Ritualen der Narrativierung und Verschriftlichung, durch die all jene infamen Menschen in den Status von legalen Personen initiiert wurden, die an Bord eines Schiffes nach Amerika gehen wollten, wird nicht nur das moderne Untertanensubjekt erfunden, sondern wird auch die Maske zum Träger der Person und Wirklichkeit unlösbar gebunden an ihre papierene Repräsentation. Der Krieg der spanischen Krone gegen die eigene Bevölkerung im 16. Jahrhundert, gegen konvertierte Juden und Mauren, aber auch gegen Arme und Vagabunden, produziert an der Schwelle zur Neuen Welt eine immense kleine Literatur: Ausreiseanträge, Verhörsprotokolle, Zeugenaussagen, Passagierlisten. Von 1535 an durfte niemand mehr in Sevilla ein Schiff besteigen, der nicht vorher in schriftlicher Form vor einem Richter schriftliche Zeugnisse von seiner Identität, seiner Herkunft, seinem anständigen Leben, seinen Narben und Malen erbracht hatte. Das Indienhaus, die 'Casa de la Contratación', wurde so zu einem der ersten Orte in Europa, wo das Beschrieben- und Ezähltwerden aufhörte, ein Privileg der Mächtigen zu sein, und anfing, ein Mittel der Überwachung und der Kontrolle zu werden. Bernhard Siegert rekonstruiert anhand bisher kaum erforschter Quellen aus dem Archivo General de Indias in Sevilla die Rituale und Prozeduren der Legitimation, der Narrativierung, der Registrierung und der Fiktionalisierung, die all jene durchlaufen mußten, die im 16. Jahrhundert an Bord eines der Schiffe nach Amerika gehen wollten. Auf der anderen Seite des Ozeans schließlich verzahnen sich die Passagierlisten mit Einwohnerverzeichnissen und Siedlungstopographien. Das Seßhaftmachen der Passagiere bringt rasterförmige Register und registerförmige Raster ins Spiel, die das 'Am-Platz-Sein' von Menschen an ein 'Am-Platz-Sein' von Lettern binden.
Festschrift für Friedrich Kittler zum 60. Geburtstag
HerausgeberInnen: Peter Berz, Annette Bitsch und Bernhard Siegert
Dieser Band würdigt das facettenreiche Werk Friedrich Kittlers, das sich von der Literaturwissenschaft über die Mediengeschichte und die Computerwissenschaft bis hin zur Mathematik, Kulturwissenschaft und Gräzistik erstreckt. Die Beiträge lassen die immense Vielfalt der Disziplinen und Gegenstände erkennen, die durch Kittlers Arbeiten Anregungen erhalten haben und nicht selten geradezu revolutioniert worden sind.
Was zeichnet die Zeit? Eine Mediengeschichte von Takt und Frequenz erschöpft sich nicht in einer Geschichte technischer Apparaturen.
Vielmehr thematisieren der Rotationsdruck, die malerische Vibration, das Fernsehen oder sogenannte »Supercomputer« jeweils eigene Skandierungen, Rhythmisierungen und Wahrscheinlichkeiten. Die dabei entstehenden immanenten Ordnungen artikulieren historische Brüche und Zäsuren, welche die Verfasstheit von Kulturen aus dem Takt bringen. Somit ist ein Denken von Takt und Frequenz die eigentliche Antwort auf jede Art von Geschichtsphilosophie.
Mit Beiträgen von Christoph Asendorf, Cornelius Borck, Chris Dähne, Lorenz Engell, Christoph Engemann, Linda D. Henderson, Wolfgang Hagen, Julia Kursell, Thomas Macho, Ethel Matala de Mazza, Helmut Müller-Sievers, Armin Schäfer, Bernhard Siegert und Sebastian Vehlken.
Das Jahrbuch Archiv für Mediengeschichte, das es seit 2001 gibt, erscheint seit 2009 im Wilhelm Fink Verlag. Es wird herausgegeben von Friedrich Balke, Bernhard Siegert und Joseph Vogl.
Das 17. Heft des Archivs für Mediengeschichte widmet sich der Funktion von Medien in der Entstehung und Etablierung moderner Finanzwirtschaft. Ausgangspunkt ist der offenkundige Sachverhalt, dass symbolische und technische Medien in engem Austausch mit Institutionen, Kulturtechniken und administrativen Prozeduren nicht nur die Monetarisierung neuzeitlicher Wirtschaftsräume bestimmten, sondern vor allem die Ausbreitung und Innovationsschübe finanzkapitalistischer Wirtschaftsweisen diktierten.

Neben prominenten und exemplarischen (medien-) historischen Szenarien rücken die Beiträge die Varianten von Geldmedien, ihre medientechnischen Bedingungen, die finanzökonomische Rolle von Kulturtechniken und konkreten Geschäftspraktiken wie die enge Verflechtung von Geldsystemen und Institutionen im Zeichen der Finanzökonomie in den Mittelpunkt.

Mit Beiträgen von Florian Baranyi, Armin Beverungen, Till Breyer, Sophie Cras, Sebastian Gießmann, Alasdair King, Ann-Christina Lange, Andreas Langenohl, Nina Peter, Wolfgang Pircher, Ramón Reichert, Dennis Schep und Sebastian Schwesinger.
Klassifikation und Klassenkampf um 1700
AutorIn: Stephan Gregory
HerausgeberInnen: Friedrich Balke und Bernhard Siegert
Am Beginn der europäischen Klassengesellschaften steht ein ›Klassenkampf‹ – noch kein Kampf zwischen den Klassen, sondern ein Kampf um die Klassifizierung, um die Durchsetzung des klassifikatorischen Prinzips als neuem Einteilungsmodus von Gesellschaft.
»Class Trouble« nähert sich diesem Kampf um die Neuaufteilung des Sozialen aus einer medienhistorischen Perspektive. Das Buch beschreibt, wie der Imperativ der Klassenteilung im England des 17. Jahrhunderts in die politischen Debatten eindringt, durch welche politischen Technologien er auf das gesellschaftliche Feld ausgreift und wie er in den Massenmedien um 1700 (Kaffeehaus, Club, Presse) als geschmäcklerisches »Classing« populäre Zustimmung gewinnt. Prozesse des Kopierens, Vervielfältigens und Nachäffens spielen hier eine besondere Rolle: In der Entstehung von Klassengesellschaft sind Erfindung und Nachahmung eng verschwistert.
Eine Geschichte der Orientierung
AutorIn: Nils Röller
Magnetische Kräfte werden wahrgenommen mit Hilfe von Kompassen, die Orientierung in Raum, Zeit und in der Psyche bieten. Diese Orientierung erfährt radikale Veränderungen in Wechselwirkung mit der Verfeinerung der Instrumente und der Phänomene, die sie ermitteln. In elf Kapiteln erzählt dieses Buch die Geschichte des Magnetismus mit dem Fokus auf seiner Medialität.
Neuzeitliche ›Sorgekulturen‹ definieren Ihren Handlungshorizont anhand wirklicher Bedrohungen, eingebildeter Gefahren, berechenbarer Risiken oder phantasmatischer Heimsuchungen und begründen darin technologische Macht. Diese bebildert und bewältigt innere wie äußere ›Feinde‹, Katastrophen und Horrorszenarien und induziert damit präventive Praktiken. Das Heft enthält konkrete Falldarstellungen, Film- und Fernsehanalysen, diskurshistorische Beschreibungen sowie übergreifende Genealogien von Präventions- und Bedrohungskonzepten.
Medienhistorische Forschung ist heute ein Kernstück dessen, was die Geisteswissenschaften einmal waren. Längst zeigen auch die geschichts-, literatur- und kunstwissenschaftlichen Disziplinen eine Tendenz, ihre Gegenstände medienhistorisch zu reflektieren, das heißt, ihre medialen Bedingungen und deren historische Dimension mit zu beobachten. Dies setzt ein umfassendes Medienverständnis voraus. Dem Archiv für Mediengeschichte geht es deshalb um die Geschichte des Medialen, wie es sich jeweils in besonderen Gegenständen und Zusammenhängen auskristallisiert und zur Sprache bringt oder zur Sprache gebracht werden kann. Jede Ausgabe hat einen Themenschwerpunkt, wobei mediengeschichtliche Epochen und Spezialthemen abwechseln mit Heften, die methodologischen Fragestellungen gewidmet sind. Einzelfallstudien wird dabei ebenso viel Raum gegeben wie Materialdarstellungen und konzeptionellen Überlegungen.
Die 13. Ausgabe des Archivs für Mediengeschichte widmet sich der Mediengeschichte »nach« Friedrich Kittler, wobei der Doppelsinn von »nach« Orientierung gibt.
»Nach« im Sinne von »gemäß« Kittler reflektieren die Beiträge zum einen das Besondere einer kittlerschen Mediengeschichtsschreibung. »Nach« im Sinne eines historischen »nach« Kittler geht es zum anderen um Chancen und Anschlussmöglichkeiten der kittlerschen Mediengeschichtsschreibung. Wie kann mediengeschicht-liches Denken »nach« Kittler einerseits anschlussfähig für internationale Richtungen posthumanistischer Theorie- und Methodenbildung werden, ohne dabei andererseits lau oder von den generellen Trends zum Netzwerkdenken oder zum Neovitalismus geschluckt zu werden?
Mit Beiträgen von R. Gaderer, M. Haffke, W. Hamacher, M. Hiller, S. Jany, M. Kaiser, M. Koch, C. Köhler, Y. Nawata, A. Niebisch, J. Parikka, H. Schmidgen, C. Vagt, N. Wiedemeyer