Wie lassen sich Fiktion und Wissen nicht als Gegensätze, sondern in ihrer strukturellen Verschränktheit fassen, das Fiktive nicht als Gegensatz, sondern als Mitgift von Wissen erfahren? Der Streit um die Wissenskultur in der abendländischen Tradition ist seit Platon nicht geringer geworden. Die Rede von harten und weichen Wissenschaften hält an. Die Texte des IV. Bands der Zürcher Gespräche haben in diesem Sinne eine politische Implikation. Sie richten sich gegen eine Reduktion der Wirklichkeit auf das rational Wissbare. Sie zeigen, wie die Rezeptivität der Sinne und die Produktivität des Verstandes als gleichwertige Instrumente der Erkenntnisgewinnung zusammenwirken. Anhand der Kraft metaphorischer Sprache, anhand narrativer Performanz, anhand von Dichtung und Mythen wird gefragt nach Figuren und Wirksamkeiten des Fiktiven.
Praktische Problemkonstellationen
Die moderne Gesellschaft vor dem Hintergrund ihrer Erfahrung von Kontingenz, Unsicherheiten und Risiken zu beschreiben, ist ein soziologischer Allgemeinplatz. Wenn dieses Buch dennoch Unbestimmtheit zum Thema macht, dann knüpft es zwar an derartige Diagnosen an, und doch soll es hier ausdrücklich um etwas anderes gehen: Warum setzt die Gesellschaft derzeit an ganz unterschiedlichen Stellen auf Unbestimmtheit? Unternehmen verkaufen nicht mehr nur Produkte auf einem Markt, sondern auch Ethiken, Philosophien und Werte; Normalbiographien kommen nicht umhin, gerade ihre Nicht-Normalität zu inszenieren; Spiritualität funktioniert auf einmal wieder als Argument, in öffentlichen Debatten ebenso wie in professionellen Entscheidungszusammenhängen. Unbestimmtheit ist in all diesen Fällen nicht etwa ein Problem, sondern geradezu die Problemlösung. Was diese Diagnose über die moderne Gesellschaft verrät, dieser Frage will dieses Buch anhand unterschiedlicher Beispiele nachgehen.