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Dantes Commedia verdankt ihre anhaltende Faszination einer zeitgenössisch bereits wahrgenommenen, aber in der Forschung bislang kaum gewürdigten Poetik des Ungesagten.
In Auseinandersetzung mit politischen und religiösen Begrenzungen der Rede verleiht Dante den ungesagt bleibenden Dingen mit poetischen Mitteln eine neue Form. Die Leerstelle zieht die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich und fordert zum Kommentar heraus. An ihr entzündet sich eine potentiell gefährliche Lust am Lesen. Dantes Momente des Schweigens begründen die Resonanz seines Werks mit der jeweiligen Gegenwart. Mit dem Ungesagten reklamiert Dante für die profane volkssprachliche Dichtung eine Dimension von Textualität, wie sie sonst nur der Heiligen Schrift zukommt und die Erich Auerbach als Stilart des Alten Testaments bezeichnet hat.
Zur Originalität von Baudelaires Poe-Übersetzungen
Charles Baudelaire hat Edgar Allan Poes Kriminalgeschichten in Frankreich berühmt gemacht und ihre europäische Rezeption begründet. In seinen Übersetzungen verbindet sich das kriminalistische Detail mit einem philologischen Kunstgriff: der kaum merklichen Manipulation des Textes.
In Poes Novelle The Murders in the Rue Morgue löst der Amateurdetektiv Dupin ein scheinbar unlösbares Verbrechen: Ein Orang-Utan soll zwei Pariser Frauen ermordet haben! Doch als Nachahmungsfigur ist der Affe menschlicher Trieb in tierischem Gewand. Er verweist auf eine Funktion menschlicher Kreativität, das Böse mit sprachlichen Mitteln zu verstellen und gesellschaftsfähig zu machen. In seiner Übersetzung der Novelle hebt Baudelaire die ästhetische Reflexion über die Imagination und das Böse auf eine neue Ebene: Ebensowenig wie auf Dupins Auflösung des Falls kann der Leser auf die Zuverlässigkeit der Übersetzung vertrauen. In der minimalen Abweichung vom Original erfindet Baudelaire eine literarische Form, die zugleich den Ruhm des Übersetzers im nachrevolutionären Frankreich begründen soll.
Warum fasziniert uns Kleist mit neuer Intensität? Was ist das Besondere am Kleist-Erlebnis; wie lässt es sich beschreiben? Welche Affinitäten und Konvergenzen bestehen zwischen Kleists eigentümlichen Darstellungen und unserer Gegenwartskultur? Der Rezeptionsboom, den die Texte Kleists in den letzten Jahren erfahren haben, scheint sich nicht primär überraschenden Funden, neuen Anschlüssen an gegenwärtige Theorieformen oder anderen Möglichkeiten ihrer Aktualisierung zu verdanken, sondern Kleists ganz eigentümlichen Denkformen und Schreibweisen. Die Beobachtungen und Beschreibungen seiner Intensität, seiner Plötzlichkeit, seiner eigentümlichen Textwelten und Haltungen erregen darüber hinaus auch kulturdiagnostisches Interesse: auf welche kulturelle Disposition treffen Kleists Texte mit neuer Wucht? Mit Beiträgen von Günter Blamberger, Karl Heinz Bohrer, Hans Ulrich Gumbrecht, Wilhelm Voßkamp, David E. Wellbery u. a.
Formen und Funktionen unökonomischen Erzählens
Stellt das Scheitern in Form von Bankrott und Börsencrash häufig den dramatischen Endpunkt einer ökonomischen Unternehmung dar, so gilt für die Literatur nachgerade das Gegenteil. Der literarische Text macht den Misserfolg zum Ausgangspunkt einer Poetik des Scheiterns. Die Beiträge des Bandes untersuchen Erzählungen von Spekulanten, Versagern und Müßiggängern und interessieren sich für die ästhetischen Verfahren, durch welche die Thematik des Scheiterns von der Handlungs- und Figurenebene auf die Ebene des Erzählens übertragen wird. Die dabei sichtbar werdenden Formen der Verschwendung, Verknappung oder Verweigerung werden als Modi eines unökonomischen Erzählens perspektiviert, insofern sie den Prinzipien der Zielgerichtetheit und Effizienz zuwiderlaufen und sich gattungs- oder epochenspezifischen Erwartungen widersetzen. Auf diese Weise entzieht sich die Literatur Funktionalisierungsansprüchen und stellt ihre Widerständigkeit aus.