Suchergebnisse

Nachrufe, Erinnerungen, Geistergespräche
In seinem neuen Buch gedenkt Friedrich Kittler der Unsterblichen, die sein Leben und Denken freundschaftlich begleitet haben. Ihre Namen stehen nicht nur in den Sternen, sondern auch zwischen und in den Zeilen seiner eigenen Texte, in denen sie unabschließbare Geistergespräche führen. Das erste Kapitel erinnert an Alberti, diesen Künstleringenieur, dem wir nicht nur das neuzeitliche Subjekt verdanken, sondern auch das Wissen um seine Unhaltbarkeit. Es folgen der großer Mathematiker des 17. Jahrhunderts Pierre de Fermat und der einzigartige Leibniz, bevor ein Tigersprung ins 20. Jahrhundert zu dem Begründer der Kybernetik Norbert Wiener, zu Alan Turing, Claude Shannon und Niklas Luhmann reicht. Unterbrochen vom wahnsinnigen Conrad Ferdinand Meyer stellt sich als Irrenarzt der Doktor Lacan ein, gefolgt vom schweigenden Gelächter Michel Foucaults. Am Schluß nur Geistergespräche über das Reden und das Schweigen, über Hades und Persephone. Aus dem Inhalt Leone Battista Alberti Pierre de Fermat Gottfried Wilhelm Leibniz Norbert Wiener Alan Turing Claude Shannon Niklas Luhmann Conrad Ferdinand Meyer Jacques Lacan Michel Foucault Sokrates, Kratylos Hades und Persephone
Mit einem Vorwort von Hans Ulrich Gumbrecht
Der Band versammelt vier Vorträge und Aufsätze, die Schwerpunkte von Kittlers Projekt "Musik und Mathematik" umkreisen, und ein Vorwort von Hans Ulrich Gumbrecht, das es in den Kontext internationaler Diskussionen stellt. Im Mittelpunkt steht ein Vortrag, den Kittler in der Londoner Tate Modern gehalten hat: von Sapphos Göttin Aphrodite über Wagners "Ring des Nibelungen" bis zu Rockstars und Groupies unserer Heroenzeit.
Schrift, Zahl und Ton im Medienverbund
Reihe: Kulturtechnik
Daß das Melodische an der Stimme notierbar wurde, ist eine kulturtechnische Leistung der altgriechischen Vokalalphabetisierung der Gesänge Homers. Verblüffenderweise wurden mit diesem Alphabet jedoch nicht nur Sprache und Musik, sondern auch Mathematik und Geometrie angeschrieben. Der interessante Befund liegt darin, daß damit von Beginn an – und einer inhärenten medienästhetischen Logik folgend – 'alphanumerisch' avant la lettre operiert wurde. Diese sonst disziplinär entfernten Bereiche medienarchäologisch zusammenzudenken eröffnet eine neue Dimension von Kulturgeschichtsschreibung. Führende Vertreter neuester Forschungen aus den betroffenen Fächern (Altphilologie, Ägyptologie, Archäologie, Epigraphik, Gräzistik, Mathematik und Musikwissenschaft) werden zu diesem Zweck mit Vertretern der Kultur- und Medienwissenschaft – in dieser Form erstmals – ins Gespräch gebracht.
Tristans Narrheit als Wahrheitsereignis. Mit einer Übersetzung der "Folie Tristan" aus dem Altfranzösischen von Friedrich Kittler
Nichts für politisch Korrekte, was sich am Ende dieses seinsgeschichtlichen Freilegens zeigt – und wohl auch nichts für die »Literaturgeschichte«. Es war eben das, was Friedrich Kittler in der »Literatur« (nicht nur des Mittelalters) suchte – und fand.
Im Zentrum des dritten, des Mittelalter-Bandes von »Musik und Mathematik«, dem »Hellas« und »Rom« vorausgingen, sollte die Liebe von Tristan und Isolde stehen. Glücklicherweise verfügen wir über einen Text aus seinem Nachlaß, der mehr als nur die Richtung weist, in die es in diesem Buch gehen sollte. Aus der Vielzahl der im Raum der französischen und der deutschen Volkssprachen um 1200 zirkulierenden Erzählungen hatte Friedrich Kittler die »Folie Tristan« in der Oxforder Version gewählt, weil sie im Gegensatz zu den häufigen Fragmenten den Status einer in sich geschlossenen textuellen Komposition hat. Seine penible Übersetzung in deutsche Blankverse, die für den vorgegebenen Ton eine eigene Sprache sucht und weder Archaismen noch überraschend moderne Wendungen scheut, führt schon ein in eine Freilegung, die sich bei Kittler so anliest: »Vor allen Leuten oder Göttern miteinander schlafen, das ist am Hof Nausikaas ein ebenso besungener wie belachter Frevel zweier Götter, der Aphrodite und des Ares. In der »Folie Tristan« aber wird es – ganz wie bei Gottfried – eine Heldentat. Wer solche Übertretung den Ketzerlehren der Katharer gleichstellt, hat untertrieben, ja verspielt. Nur im Eideszeugnis wider Gott, den einen, gönnt Liebe Gegenliebe.«
Hans Ulrich Gumbrecht, in seinen frühen Jahren selbst romanistischer Mediävist und Mitherausgeber des gewaltigen »Grundrisses der romanischen Literaturen des Mittelalters«, führt unter dem Titel »Tristans Narrheit als Wahrheitsereignis« nicht nur in diese inkommensurable Übersetzung und in »Isolde als Sirene« ein, sondern exemplarisch in das Gesamtwerk des späten Friedrich Kittlers. Zugleich ist dieser Band unüberlesbar: ein Buch der Freunde.
Reihe: Kulturtechnik
HerausgeberInnen: Ana Ofak, Susanne Holl und Friedrich Kittler
Das Dazwischen (to metaxy) macht das Sehen und Hören, die Erkenntnis und die Liebe erst möglich – das überliefern uns Texte der Antike. Die Medien prägen so unser Wissen und verstören unsere Sinne seit jeher. In der deutschen Medienwissenschaft ist es fast zur Selbstverständlichkeit geworden, nur heutige oder doch neuzeitliche Medien zu erforschen. Nun geht aber schon der Begriff 'Medium' auf die griechische Antike zurück. Eben diesem Sachverhalt sucht der Band Medien vor den Medien gerecht zu werden. Vom Feuertelegraphen zur Ontologie, vom Marienglas zur sakralen Lichtarchitektur und immer wieder vom Ton zum Bild. Da die Medien der Antike zunächst zur Sprache kommen, wird es möglich, Brücken zu anderen Wissenschaftskulturen und in jene Neuzeit zu schlagen, die unseren kurrenten Begriff physikalischer und technischer Medien prägt. Das Buch richtet sich an Philosophen, Kunst-, Kultur- und Medienwissenschaftler.
Frühe Schriften aus dem Nachlass
HerausgeberInnen: Tania Hron und Sandrina Khaled-Lustig
Baggersee versammelt frühe, unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass Friedrich Kittlers. Die zwischen 1965 und 1973 verfassten Kurztexte, Sentenzen, Betrachtungen und Aphorismen entstanden in einer Zeit des Aufbruchs und neuer Freiräume.
Der titelgebende Baggersee ist eine Kiesgrube bei Niederrimsingen in der Nähe Freiburgs. Friedrich Kittler verbrachte lange Sommer an diesem locus amoenus, an dem alles möglich schien: Schwimmen, Sonnen, Denken, Lesen, Diskutieren, Lieben, alternative Lebensentwürfe entwerfen und Grenzerfahrungen machen. Die Themenvielfalt der frühen Texte verdankt sich nicht zuletzt den Sommertagen am Baggersee: Die kurzen Texte sind Reflexionen über Gegenstände des Alltags, Lektüren, Reisebeobachtungen, Naturphänomene, Sinneswahrnehmungen, Körperfunktionen, Wiedergänger, Natur und Kultur, Tod und Leben. Friedrich Kittler schreibt über Haare, Fingernägel, Tiere, Filme, Spielautomaten, Kreuzworträtsel, Spiegel, Popmusik, Technik, Rauchen, Rausch und Mode. Am Ende der Studentenbewegung war auch in Freiburg der Aufbruch zu einem neuen Denken spürbar, das Bewusstsein einer Veränderung oder Krise eröffnete Raum für ein Schreiben, in dem Gedankengespinste, Erfahrungen, Beobachtungen, logische Demonstrationen, Assoziationen, systematische Erörterungen und solitäre Einfälle zusammentreten.
Von Faltungen des Wissens
Reihe: Kulturtechnik
Nicht nur in der Mathematik wird seit den 1950ern, der Dekade der ersten Computer, mit Rekursionen gerechnet. Auch die epistemologisch orientierten Disziplinen sind dazu übergangen, die Formation neuen Wissens durch Rückgriffe auf vergangene Konstellationen aufzuarbeiten. Denn gerade die Elemente des Wissens, die liegengelassen wurden und keine Modifikation mehr erfahren haben, erweisen sich mitunter als höchst anschlussfähig. Vor diesem Hintergrund messen die versammelten Beiträge Rekursionen eine doppelte Bedeutung in der Geschichte des Wissens zu: Einmal als modus operandi, der der Hervorbringung von Wissen inhärent ist. Und zweitens als wissenschaftliche Methode, die vor epochen- und disziplinenübergreifenden Darstellungen nicht zurückschrecken muss.