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In seiner ›unsichtbaren Handlung ‹Lohengrin für eine Solistin, Männerchor und Orchester von 1983 lotet der zeitgenössische italienische Komponist Salvatore Sciarrino das kultur- und gesellschaftskritische Potential einer besonderen Art von Geburtsträumen aus: Das Stück reflektiert im Modus des Traums über die Geburt, die hier nicht als ein Akt der Zeugung eines lebenden Wesens, sondern als soziokultureller Prozess erscheint. Mittels eines komplexen Bezugs zu Richard Wagners gleichnamiger ›romantischer Oper‹ von 1850 erkundet Sciarrino das Innenleben der weiblichen Protagonistin, Elsa von Brabant. Sciarrinos Elsa scheint unfähig, eine Rolle als handelndes Subjekt in der Tageswelt der symbolischen Interaktion an- und einzunehmen. Damit verharrt sie an der Schwelle zwischen Geburt und Tod, zwischen Subjektwerdung und geistiger Umnachtung. In meinem Beitrag werde ich Sciarrinos durchaus elliptischen Rückbezug auf Wagners Lohengrin herausarbeiten und dabei veranschaulichen, wie der Traum und die Gattung Oper bei Sciarrino zu einem gesellschaftskritisch aufgeladenen Mittel werden, um jene strukturelle Unabgeschlossenheit des Subjekts erfahrbar zu machen, die in der Tageswelt der symbolischen Interaktion verdrängt wird.

in An den Rändern des Lebens
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Träume vom Sterben und Geborenwerden in den Künsten
Sterben und Geborenwerden liegen an oder jenseits der Grenzen des Lebens. Damit kommen sie stets entweder zu früh oder zu spät, um als authentische eigene Erfahrung mitgeteilt werden zu können. Träume hingegen vermögen in Form von Fiktionen, Imaginationen und Inszenierungen ästhetische Erfahrungsräume für diese extremen körperlichen Übergänge zu eröffnen. In Träumen vom Lebensanfang und Lebensende werden das ohnehin Rätselhafte des Traums, seine Missachtung der physikalischen Gesetze von Zeit und Raum sowie die Infragestellung kultureller Modelle von Identität, Kohärenz und Rationalität noch potenziert. Literarisch-künstlerische Traumerzählungen und Traumbilder finden höchst originelle Ausdrucksformen, um das Abwesende, Unvorstellbare oder nicht realistisch Erzählbare zu vergegenwärtigen und zu vermitteln: Von der klassischen Antike bis in die Gegenwart hinein lassen sich unzählige Träume in Literatur, Kunst, Musik, Theater und Film ausmachen, bei denen die leibliche und sinnliche Erfahrung von den Grenzen des Lebens im Mittelpunkt steht. Solchen Phänomenen des geträumten Geborenwerdens und Sterbens, seinen Wissensdiskursen sowie seinen komplexen künstlerischen Realisierungen widmet sich dieser Band, der sich im Rahmen des DFG-Graduiertenkollegs »Europäische Traumkulturen« als Beitrag zu einer Literatur-, Kultur- und Mediengeschichte des Traums versteht.