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Author: Guido Kirsten

In zwei Punkten scheint über alle Paradigmengräben in der Filmwissenschaft Einigkeit zu herrschen: Erstens können Ellipsen im Film eine Vielzahl von verschiedenen Funktionen erfüllen. Zweitens dienen sie aber mehrheitlich der Erzählökonomie, in dem sie alles eliminieren, „was nicht für die Verständlichkeit des Plots unerlässlich ist und dessen Beibehalten die Dichte der Erzählung verringern könnte“ (Pierre Beylot). Gerade mit diesem erzählökonomischen Prinzip scheinen realistische Filme im Sinne eines Barthes’schen Wirklichkeitseffekts zu brechen. Sie integrieren an prominenten Stellen auch solche Handlungen und Details, die keiner dramaturgischen Notwendigkeit entsprechen, sondern nur auf den realistischen Charakter der Diegese verweisen. Diese Art Wirklichkeitseffekt ergibt sich also aus einem zur klassischen Ellipse konträr stehenden Konzept. Vor dem Hintergrund dieses Befunds und unter Bezug auf Schriften von André Bazin wird die Frage diskutiert, wann und wie auch Auslassungen als Wirklichkeitseffekt fungieren und damit zu einer realistischen Filmästhetik beitragen können. Als Beispiel für eine solche Wirkung wird die ‚Lateralellipse‘ aus Cristian Mungius 4 LUNI, 3 SAPTAMÂNI SI 2 ZILE (4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE, 2007) im Zusammenhang mit der spezifischen Erzählweise des Films analysiert.

In: Auslassen, Andeuten, Auffüllen
Schriften zur Ästhetik des Kinos
Series:  Film Denken
Das filmtheoretische Werk des Philosophen Étienne Souriau (1892–1979) ist schmal, aber bis heute enorm einflussreich. Mit Das filmische Universum liegen erstmals sämtliche seiner Schriften zum Film auf Deutsch vor. Gerahmt werden sie durch ein Vorwort des Herausgebers Guido Kirsten sowie eine Würdigung Souriaus als Filmtheoretiker durch Christian Metz.
Als »filmisches Universum« bezeichnet Souriau die Gesamtheit der vom klassischen Kino gesetzten Handlungswelten, im Unterschied zu den Universen anderer Künste und Medien. Er versteht darunter allgemeine Eigenschaften wie die Positionierung der Zuschauenden und wiederkehrende Strukturmerkmale, die etwa Raum und Zeit, Geografie und Meteorologie betreffen. Das »filmische Universum« bezeichnet auch das Zusammenspiel verschiedener Ebenen, die Souriau mittels eines eigenen Vokabulars analytisch erfasst. Wenige filmspezifische Wortschöpfungen haben eine derartige Karriere gemacht wie seine Begriffe des »Profilmischen« und des »Diegetischen«, aus deren wechselseitiger Konstellierung sich ganze filmphilosophische Entwürfe ableiten lassen. Das Potenzial anderer Begriffe, wie etwa des »Filmophanen«, der das audio-visuell Erscheinende bezeichnet, unabhängig von profilmischen und diegetischen Zuschreibungen, harrt noch der Erschließung. Auch Souriaus komparative Methode und sein Denken in »Existenzweisen« und »Universen« sind für die Theorie und Philosophie des Films weiterhin äußerst produktiv.
Der Film und die Imagination des Zuschauers
Das Publikum nimmt Filme nicht nur mit Augen und Ohren wahr – es imaginiert sie auch. Film bedeutet daher immer auch: »Kino im Kopf«.
Das gilt vor allem dann, wenn uns Filme auf anspielungsreiche Weise etwas vorenthalten: Dann werden wir als Zuschauer dazu eingeladen, herausgefordert, uns das Ausgesparte sinnlich vorzustellen. Die Filmwissenschaft hat Fragen zur Imagination des Zuschauers lange Zeit eher stiefmütterlich behandelt. Dieser Band setzt sich nun erstmals im deutschsprachigen Raum systematisch mit dem vertrackten Zusammenspiel von Film und Zuschauerimagination auseinander. Die Autoren klären begriffliche Fragen, diskutieren ästhetische Mittel wie Ellipse oder Filmmusik, gehen der Imagination im Dokumentarfilm und im Stummfilmkino nach und verfolgen die Zuschauerimagination über die medialen Grenzen des Films hinaus.