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In der Gestalt von Buchstaben und anderen Schriftzeichen manifestieren sich Denktraditionen und Schreibhorizonte: Indem Buchstaben Zeichen figurieren, machen sie implizit kulturelles Wissen lesbar. Der Unicode-Standard bietet heute die umfassendste Codierung in der Kultur der Menschheit; das Verhältnis von universeller Lesbarkeit und der phänomenalen Gestalt prinzipiell aller Schriftzeichen wird hier neu verhandelt. In Zeiten weltweiter Kommunikationstechnologien stellt sich auf der einen Seite die Frage nach kulturellen und phänomenalen Besonderheiten von „Buchstaben der Welt“ auch in vergleichender Hinsicht daher neu: Wie entstehen die Schriftzeichen, die wir schreiben, das heißt, was sind die technischen, semiotischen, linguistischen oder ästhetischen Bedingungen für ihre Form in verschiedenen Sprachsystemen? Auf der anderen Seite eröffnet sich eine „Welt der Buchstaben“ im Sinne einer Innenwelt, die phänomenologisch-philosophisch analysiert werden kann. – Beiträge, die philosophische Denkräume und die Erscheinungsformen von Kultur als Buchstaben ausloten, bilden einen Schwerpunkt des Bandes. Komparative Betrachtungen zu fernöstlichen Zeichen und Schreibweisen, wie in der japanischen Kalligraphie, erlauben einen erweiterten Blick auf die unterschiedlichen Ausformungen von Zeichen und hiermit verbundene Funktionen. Grundlegende Erörterungen zur Buchstabengestalt runden den Band ab: aus Sicht der Semiologie, der Linguistik und des Schriftgestalters.
Kulturelle Figurationen: Genese, Dynamik und Medialität
Wie drückt sich das Wissen des Menschen in Formen und Dingen der Kultur aus?
An dieser Leitfrage orientiert sich das Internationale Kolleg Morphomata: Genese, Dynamik und Medialität kultureller Figurationen in Köln. In einer Wiederaufnahme des griechischen Wortes mórphoma (pl. morphómata) – im Unterschied zur ideell gefassten Gestalt (morphé) – fokussiert das Kolleg Prozesse der Gestaltwerdung und Gestaltgebung sowie die hieraus entstandene konkrete Form. Deren Wirkmacht oder Verblassen, Tradierung oder Rekontextualisierung, Speicherung bzw. Speicherfähigkeit oder mediale Umcodierung bilden das Forschungsfeld in historischer wie in kulturvergleichender Hinsicht.

Aus dem Inhalt:
Einführung
GÜNTER BLAMBERGER, DIETRICH BOSCHUNG: Einleitung

Wortgeschichte
JÜRGEN HAMMERSTAEDT: Zur Etymologie des Wortes Morphomata
MARTIN ROUSSEL: »Agens der Form«. Konkretion und Kontingenz kultureller Figurationen
HANS ULRICH GUMBRECHT: Wozu Morphomata? Über die historischen Bedingungen und epistemologischen Möglichkeiten der Frage nach verkörperter Form
MIEKE BAL: Food, Form, and Visibility: The Aesthetics of Everyday Life
LUDWIG JÄGER: Störung und Eigensinn: Das transkriptive Verfahren der Sprache

Fallstudien ... zur materiellen Kultur
DIETRICH BOSCHUNG: Kairos als Morphom der Zeit – eine Fallstudie
ALAN SHAPIRO: Eniautos. Time,
Seasons, and the Cycle of Life in the Ancient Greek World
JÜRGEN HAMMERSTAEDT: Fremde Länder, unbekannte Tiere. Die Aneignung
landeskundlichen Wissens in den
Texten und Zeichnungen des Artemidorpapyrus
THIERRY GREUB: O Odyssee Where Art Thou? Die Odyssee Homers als Proto-Morphom und ihre Transformationen am Beispiel dreier zeitgenössischer Filme ... zu Texten
GÜNTER BLAMBERGER: Kleists Schrift »Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden« – eine Fallstudie
ANDREAS KABLITZ: Dantes Musenanrufe ... zu außereuropäischen Kulturen
RYOSUKE OHASHI: Inwieweit ist der »Wind« ein Morphom? Eine Figurationsdynamik der Kultur in Japan
JENNIFER VON SCHWERIN: Space-Time and Design in Maja Temple
Architecture
In exemplarischen Studien widmet sich der Sammelband der Wirkungsgeschichte der Sieben Todsünden in den unterschiedlichen Künsten. Der Fokus liegt weniger auf einer Ideengeschichte, sondern auf der Formelhaftigkeit, die gerade im Verblassen der ursprünglichen Hintergründe ihre Wirkmacht in breiter diskursiver Streuung entfaltet.
So reichen die vielfältigen Fortschreibungen und Transformationen – oftmals nur Allusionen auf die ursprünglich religiöse Ordnungsphantasie – weit über das frühe Mittelalter und die klassische Theologie hinaus. Selbst nach der Verabschiedung der Absolutheit theologischer Erklärungsmuster durch die Aufklärung faszinieren und inspirieren die Sieben Todsünden die Künste bis heute. Der Band versammelt Studien, die sich aus literatur-, medien- und kulturwissenschaftlicher Perspektive sowohl den einzelnen Todsünden superbia, invidia, ira, acedia, avaritia, gula, luxuria als auch dem Septupel insgesamt widmen.