Trotz einer langen geistesgeschichtlichen Tradition der Hegung und Begrenzung von Gewalt ist Krieg offensichtlich ein „erfolgreiches Konzept“, das sich als Interaktion immer wieder gegen andere Handlungsoptionen durchsetzt. Im Kontrast zu herkömmlichen Ansätzen der Kriegsursachenforschung, Konflikttheorien und auch philosophischen Positionen wird die These vertreten, dass sich der Krieg als „Urschrift“ eines Verrats, eines Missbrauchs und einer Auslöschung der Sprache bedient. Mit einer eigenen Semantik und Syntaktik durchkreuzt er Rechts- und Friedensformen. Seine Dynamik entfaltet er in vielfältigen Pendelbewegungen, seine Matrix sorgt für die Inauguration einer kriegerischen Ordnung als Kultur des Kriegs, und seine Diabolik bewirkt, dass der Krieg als Urschrift seine Spuren im Opfer hinterlässt und den sozialen Konjunktiv eines Friedens zerstört.
in Gesichter der Gewalt
Merleau-Ponty zum Hundertsten
HerausgeberInnen: Antje Kapust und Bernhard Waldenfels
Merleau-Ponty, der Denker des Sichtbaren und des Unsichtba-ren, beschäftigte sich Zeit seines Lebens mit dem Motivkomplex „Kunst – Bild – Wahrnehmung – Blick“. Dieser Band zu seinem hundertsten Geburtstag würdigt seine innovativen Vorstöße und öffnet die durch den frühen Tod unterbrochenen Gedankengän-ge produktiv für neue Analysen zu dieser komplexen Thematik. Bill Viola sagte einmal in der Sprache Merleau-Pontys, dass „jede Kunstform vor allem das Unsichtbare abbilde. Aus diesem Grund besitzen Kunstwerke die Fähigkeit, uns über große Entfer-nungen hinweg im Hier und Jetzt zu berühren.“ Der Band geht diesen Potenzialen nicht nur in philosophischen Analysen zum Motivkomplex nach, sondern präsentiert auch die Resonan-zen, die dieses Denken in der Kunst hinterlassen hat.
Strukturen, Formen, Repräsentationen
Zum Projekt einer „erweiterten Vernunft“, das die Phänomeno-logie seit jeher verfolgt, gehört der Versuch, die zahlreichen Verhältnisse zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtba-ren zu klären. Dabei geht es im Rahmen einer Ästhesiologie oder einer Aisthetik nicht nur um eine Untersuchung der Potenziale des Sichtbaren, sondern auch des Unsichtbaren. Diese verweisen entweder auf den Grund der Möglichkeit der weltlichen Sichtbarkeit oder auf eine Grenze im Sinne eines „Ur-originären“, das sich dem Er-scheinen entzieht. Im ersten Fall nähert man sich dem Unsichtba-ren mit einer Kunst des Sehens dessen, was anderen unzugäng-lich bleibt, im zweiten Fall mit einer Kunst des „abweichenden“ oder anderen Sehens. Wir sehen meist nur, was wir bereits verste-hen, und sobald wir (wie in der Kunst) Unverständliches sehen, sehen wir plötzlich ganz anders.